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Full text of "Centralblatt für allgemeine Gesundheitspflege 28.1909"

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Centralblatt 


für 


allgemeine Gesundheitspflege, 


Zeitschrift 

des Niederrheinischen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege. 


Herausgegeben 

von 


Dr. Lent, Dr. Sttibben, 

Geh. Sanit&tsrat, Professor Id Cöln. Ober- ond Geheimer Baarat in Berlin. 

Dr. Reichenbach, 

Professor der Hygiene in Bonn. 



Achtandzwanzigster Jahrgang. 
Mit 8 Tafeln nnd 18 Abbildungen im Text. 


Bonn, 

Verlag von Martin Hager 
1909. 


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Inhalt. 


Original* Arbeiten. 


Satte 



Die Waldschule der Stadt Dortmund im ersten Jahre ihres Bestehens. 

Von Dr. med. F. Steinhaus, 8tadtsohularst. 

Statistische Mitteilungen über Säuglings* und Kindersterblichkeit 
im. Industriebezirk Solingen. Von Dr. med. ’R. Eller. Mit 

6 Figuren. 

Säuglingssterblichkeit und Witterung im Industriebezirk Solingen. 

Von Karl Goetze, Hauptlehrer in Solingen. Mit Taf. I u. II 
Von Erfolgen im Kampfe gegen die Tuberkulose. Von Dr. Schiegten* 
dal, Regierungs- und Geheimem Medizinalrat in Aachen . . . 
Die Tuberkulose in der Rheinprovinz in den Jahren 1900—1906. 

Von Landesrat Dr. Schellmann, Düsseldorf. 

Das deutsche Volksbadewesen nach der neuesten Statistik. Von 

Oberbürgermeister am Ende, Dresden. 

Die Hygiene in den Bauordnungen und Bebauungsplänen mit be¬ 
sonderer Berücksichtigung von Königsberg i. Pr. Von Kgl. 
Bauinspektor Redlich (Rixdorf-Berlin). Nach einem Vortrage, 
gehalten in der Deutschen Gesellschaft für öffentliche Gesund* 

heitspflege zu Berlin. (Mit Tafel III).. 

Das Bundesgesetz der Vereinigten Staaten gegen die Nahrungs¬ 
mittel-Verfälschung. Von Dr. Ernst 8chultze in Hamburg- 

Grossborstel. 

Schularzt und Hülfsschule. Von Dr. med. F. Warburg, Cöln. Vor¬ 
trag, gehalten in der Sitzung der Cölner Schulärzte am 7. Juni 

1909 im Hansasaal des Rathauses in Cöln. 

VII. Jahresbericht der Heilstätte Holsterhausen bei Werden-Ruhr für 
1908. Von Chefarzt Dr. F. Köhler. (Mit 2 Textfiguren) . . . 
Jahresbericht über die Tätigkeit der Schulärzte in Cöln im Schul¬ 
jahre 1906. Erstattet vom Beigeordneten Dr. Krautwig . . 
Die Fürsorge für Lungenkranke und die Mitarbeit der Frauen. Vom 
Beigeordneten Dr. Krautwig, Cöln. Nach einem Vortrag bei 

dem Kongress der Frauenvereine in Cöln. 

Einiges über die Reinigung der Grossstädte. Von Dr. Aug. Busch, 
Direktor des Statistischen Amtes der Stadt Frankfurt a. M. . . 
Über die Ausbreitung einer Influenzaendemie auf einer Station der 
Säuglingsabteilung. Von Dr. med. R. Eller, ehemal. Assistenten. 
Aus dem Säuglings* und Mütterheim in Haan. Leitender Arzt: 

Dr. Selter, Solingen. (Mit Abbildung).; 

Das Moselkrankenhaus in Bernkastel-Cues. Von Theodor Ross, 
Architekt BsD.A. in Cöln. (Mit Tafel IV—VIII). 


1 

81 

116 

181 

171 

192 


196 

246 


286 

819 

387 


846 

360 


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IV 

Seit« 

Bericht über die ordentliche öffentliche 40. Hauptversammlung des 
Niederrheinischen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege am 
Samstag den 23. Oktober 1909 au Aachen. Erstattet von dem 


ständigen Geschäftsführer Professor Dr. Lent-Cöln.389 

1. Geschäftsbericht.391 

2. Erster Vortrag: Die Staubbekämpfung in Stadt und Land. 

Von Baurat Musset-Düsseldorf.395 


3. Zweiter Vortrag: Was kann die Schule zur Verhütung der 
Kurzsichtigkeit tun. Von Professor Dr. Pröbsting-Cöln 409 

4. Besichtigung der Genesungsheime der Stadt Aachen . . 419 

5. Dritter Vortrag: Gartenarbeit und kommunale Garten¬ 


arbeitsstätten. Von Dr. Bermbach-Cöln.423 

Massnahmen zur Verhütung von Überschwemmungen bei Stadt¬ 
kanalisationen. Von Stadthaumeister Geis, Eschweiler. (Mit 

2 Abbildungen). 430 

Die neue städtische höhere Mädchenschule und Lehrerinnen Bildnngs- 
anstalt zu Eissen a. d. Ruhr. Von C. Guckuck, Beigeordnetem. 

(Mit 4 Abbildungen) .. 434 

Bericht über die schulärztliche Tätigkeit an den Volksschulen der 
Stadt Dortmund für das Schuljahr 1907/08. Von Dr. med. 

F. Steinhaus, Stadtschularzt.446 


Literaturbericht. 


Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich (Pröbsting) ... 46 

Letzte Volkszählung am 1. Dezember 1905 (Pröbsting) .... 47 

Roesle, Die natürliche Bewegung der Bevölkerung in den euro¬ 
päischen Staaten in dem ersten Jahrfünft dieses Jahrhunderts 

(Mühlschlegel-Stuttgart). ... 47 

Todesursachen der in Preussen im Jahre 1906 gestorbenen Personen 

(Pröbsting)... ... 48 

Zahl der Blinden nach der Statistischen Korrespondenz (Pröbsting) 49 
Brüning, Zum Kurpfuschereigesetz (Boas-Freiburg i. B.) ... 49 

Czaplewski, Über zerlegbare transportable Shedbaracken (Mühl¬ 
schlegel-Stuttgart) . .. 50 

Schaefer, The contaminatiqn of the air of our cities with Sulphur 

Dioxid, the cause of respiratory desease (Pröbsting) . ... 51 

Experiments upon the removal of organisms from the waters of 
ponds and reservoirs by the use of copper sulphate. — Inve- 
stigations in regard to the use of copper and copper sulphate 

(Pröbsting). 51 

Schmidt, Über die chemische Zusammensetzung minderwertigen 

Schlachtfleisches (Boas (Freiburg i. B.). 52 


Mann, Die Fleischvergiftungen durch das Fleisch, kranker Tiere 

und ihre Verhütung (Mühlschiegel-Stuttgart)....... 58 

Uhlenhuth, Weidanz und Wedemann, Technik und Methodik 
des biologischen Verfahrens zum Nachweis von Pferdefleisch 

(Bermb.ach-Cöln). . ... 53 

Weidanz und Borchmann, Vergleichende Untersuchungen über 
die praktische Yerwertbarkeit der Präzipitivreaktion und der 


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V 


Seite 


Complementierungsmethode zum Nachweis von Pferdefleisch 

(Bermbach-döln) . . . . . .. . . . . . . . 64 

Trommsdorff, Bemerkungen zu dem Artikel von Schuppius: «Die 

Milchlenkozytbenprobe nach Trommsdorff“ (Mastbaum-Cöln) 65 

Lehmann, Ober die Angreifbarkeit der verzinnten Konserve¬ 
büchsen durch Säuren und verschiedene Konserven (Ma«t- 

baum-Cöln). 55 

Babenhorst und Varges, Koffeinfreier Kaffee (Boas-Freibtorg i. B.) 56 

Kassowitz, Der theoretische Nährwert des Alkohols (Boas-Frei- 

burg L B.). 66 

Neumann, Einfluss der Ernährungsweise auf die Säuglingssterb¬ 
lichkeit (Kaupe-Bonn). 56 

Prinzing, Die Entwicklung der Kindersterblichkeit in Stadt und 

Land (Mühlschlegel-Stuttgart).. 57 

Hegar, Zur Verbreitung, Entstehung und Verhütung des engen 

Beckens (Mühlschlegel-Stuttgart).. 58 

v. Heuss, Zur Bekämpfung der Kurzsichtigkeit (Mühlschlegel- 

Stuttgart) . 59 

Best, Kurzsichtigkeit und ihre Verhütung (Müh Ischl ege (-Stuttgart) 59 

Schanz, F., Die Einwirkung der ultravioletten Strahlen auf das 

Auge (Pröbsting) ... . 60 

Bergemann, Zur Hygiene der Militär-Fussbekleidung (Graess- 

ner-Cöln). 61 

v. Hovorka, Muskelübungen vom doppelten Standpunkt der Hy¬ 
giene und Therapie (Boas-Freiburg i. B.).. 62 

Boas jr., Die Gefahren des Korsetts, ein Beitrag zur Hygiene der 

Kleidung (Autorreferat [Boas]). 62 

Koelscb, Die soziale und hygienische Lage der Spiegelglasschleifer 

und -polierer (Mühlschlegel-Stuttgart).. 62 

Klocke, Über Krankheitsgefahren der Glashüttenarbeiter (Mühl¬ 
schlegel-Stuttgart) .. . 63 

Meyer, Hysterie und Invalidität (Fucbs-Cöln). 63 

Hanauer, Die Hygiene der Heimarbeit (Mühlschlegel-Stuttgart) 64 
Schmidt, Die Bleivergiftungen und ihre Erkennung (Mastbaum- 

Cöin). 65 

Kaufmann und Mietzsch, Experimentelle Prüfung des Desinfek- 
tionswertes von Rohlysoform für die Wäsche und des Autans 
für die Wohnräume Tuberkulöser (Mühlschlegel-Stuttgart) . 66 

von den Velden, Die Nachkommenschaft der an Krebs- und 

Schwindsucht Verstorbenen (Boas (Freiburg i. B.). 66 

von den Velden, Krankheitszusammenhänge (Boas-Freiburg i.B.) 67 

Calmette, Die antituberkulöse Erziehung (Mühlschlegel-Stutt¬ 
gart) . ... 68 

Meissen, Tuberkulinproben und Tuberkulinkuren (Mühlschlegel- 

Stuttgart) .. 68 

Hillenberg, Zur Bekämpfung der Tuberkulose auf dem Lande 

(Mühlschlegel-Stuttgart) .. 69 

Steffenhagen, Über die Beziehungen der Bazillen der mensch¬ 
lichen Tuberkulose zu denen der Perlsucht des Rindes (Mühl¬ 
schlegel-Stuttgart) . .. . . .. 70 

Mayer, Epidemiologische Beobachtungen bei Typhus abdominalis 
und Paratyphus B in der Pfalz während der Jahre 1903—1906 
(Mühlschlegel-Stuttgart) .. ........... .... . . 71 


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Balte 


Nesemann, Der Unterleibstyphus in Berlin (MtthIschlegel-Stutt- 

gart).. 72 

Bannermann, The spread of plague in India (Pröbsting). . • 73 

Reports on plague investigations in India (Pröbsting). «... 74 

Ashburton Thompson, Baports of the board of health on plague 
in New South Wales, 1906. On a sixth outbreak of plague at 

Sydney, 1906 (Pröbsting). 76 

Hofmeier, Zur Verhütung des Kindbettfiebers (Mühlsohlegel- 

Stuttgart) . 76 

Groth, Die Verhütung vakzin&ler Erkrankungen in der Umgehung '• 

unserer Impflinge (Boas-Freiburg i. B.).. ' 77 

Trautmann, Malaria und Anopheles (Bermbach-Cöln) .... 77 

Raphael, Statistisches über die Lepra in Kurland (Boas-Frei¬ 
burg i. B.). 77 

Rättig, Statistische Mitteilungen über das Vorkommen der über¬ 
tragbaren Geschlechtskrankheiten in Rostock für den'Zettraum 

1897—1903 (Boas-Freiburg i. B.).. . 78 

Waldvogel und Süssenguth, Die Folgen der Lues (Müht* 

schlegel-Stuttgart). 79 

Sticker, Uber Naturheilkunst (Bermbach-Cöln). . . 146 

Schmidt, Unser Körper (Kruse).. 149 

Burckhardt, Demographie und Epidemiologie der Stadt Basel 

während der letzten drei Jahrhunderte 1601—1900 (Kruse). . 149 

Ville de Bruxelles, Rapport annuel. Annöe 1906 (Pröbsting) . . 160 

Steudel, Kann sich der Deutsche in den Tropen akklimatisieren? 

(Mühl8cblegel-Stuttgart).161 

Stille, Die Herabsetzung der körperlichen Entwicklung der Land¬ 
bevölkerung (Boas-Freiburg i. B.).152 

Nücke, Die Zeugung im Rausche und ihre schädlichen Folgen für 

die Nachkommenschaft (Boas jr.-Berlin).162 

Walcher, Eine Abnahme der Stillfähigkeit unserer Frauen aus ana¬ 
tomischen Gründen existiert nicht (Mühlschlegel-Stuttgart) . 153 

Zander, Wieviele unter 1000 Wöchnerinnen sind unfähig zu stillen 

und welches sind die Ursachen? (Boas-Freiburg i. B.) ... 154 

Dörnberger und Grassmann, Unsere Mittelschüler zu Hause 

(Bermbach-Cöln). 154 

Grassmann, Spielnachmittage! (Mühlschlegel-Stuttgart) . . . 154 

Maas, Die Sprache des Kindes und ihre Störungen (Rey) . . . 155 

Thomson, The eyesight of the poorer city children (Pröbsting) 165 
Schaefer, Farbenbeobachtungen bei Kindern (Pröbsting) . . . 156 

Riemann, Die Taubstumm-Blinden (Pröbsting).157 

Freeman, Fatigue in school childrens as tested by the ergograph 

(Boas-Freiburg i. B.) ..... 157 

Krön in g, Zur Frage der Luftbefeuohtung und Kühlung in Fa¬ 
briken (Herbst-Cöln). 158 

Aufrecht und Simon, Über Nährwert und Ausnutzung roher und 

weichgekochter Hühnereier (Mühlschlegel-Stuttgart) .... 160 

Harnack, Über den koffeinfreien Kaffee (MühIschlegel-Stuttgart) 161 
Wassermann, Ist von einem Reichsalkoholmonopol ein kultureller 

Einfluss zu erwarten? (Boas-Freiburg i. B.).162 

Hillenberg, Die Beziehungen zwischen Kindersterblichkeit und 
Tuberkulose in Preussen unter statistischen Gesichtspunkten 
(Boas-Freiburg i. B.). 162 


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Seit« 


Sy me» and Fisher, An inquiry tato the primary Beat of iafection 

ln 500 cases of desthr from tuberculosis (Pröbsting) . . 163 

Hunter, The occurrence of primary tuberculoste infection of the 

intestfnat tract in children (Pröbsting).168 

Ascher, DieTnberknloBeim schulpflichtigen Alter (Dautwtz-CÖln) 168 
Selig, Auskunft«- und Fttrsorgestellen für Lungenkranke (Boas- 

Freiburg i. B.) ..164 

Hüne, Antiformin zur Anreicherung der Tuberkelbazillen im Aus¬ 
wurf, Stuhl, Urin usw. (Dauwiz-Cöln).165 

Busch, Kritische Untersuchung der üblichen Sputumgläser (Mühl¬ 
schlegel-Stuttgart) .166 

Mayer, Über die Resistenz von Bazillen des Typus Paratyphus B 
in ausgetrockneten menschlichen Darmentleernngen (Mühl- 
schlegel-Stuttgart)) ................. 166 

The mortality of the frontier provinces of German from small-pox 

and-other causes (Pröbsting) ..167 

Karlinski, Über eine durch Hauskatzen verbreitete Diphtheritis- 

epidemie bei Kindern (Boas-Freiburg i. B.).168 

Trautmann, Einheimische Malaria in Leipzig (Mühlschlegel- 

Stuttgart) .168 

Mackie, The part played by Pediculus corporis in the transmis- 

sion bf relapsing fever (Pröbsting).168 

Sternberg, Städtische Krankenküchen (Boas-Freiburg i. B.) . . 226 

Fisher, The effect of diet on endurance baSed on an experiment 
in tfaoröugh mastication with nine healthy students at Yale uni- 

versity January-June 1906 (Pröbsting). 226 

Fisher, A graphic method in practhsal dietetics (Pröbsting). (Mit 

Abbildung). 227 

Clark, Studios at the Lawrence Experiment Station on the pollu- 

tion of shellflsch (Pröbsting).228 

Strubeh, Über die Beleuchtung bei der Hausarbeit von Schul¬ 
kindern (Pröbsting).228 

Nussbauin, Die relative Photometrie (Pröbsting).230 


Kaufmann, Die Hygiene des Auges im Privatleben (Pröbsting) 230 
Nussbaum, Dr. Walther Thorners Beleuchtungsprüfer (Pröbsting) 230 
Newcholme, An inquiry into the principal causes of the reduction 
in the deatb-Tate from phtjiisls during the last forty years, with 
special reference to the Segregation of phthisical patients in ge¬ 
neral institntions (Pröbsting).231 

A statisticai study of the influence of the Henry Phipps upon the 

death-rate from tuberculosis in.Philadelphia (Pröbsting) . . 232 

Report of the commission to investigate measures for the relief of 

consumptives (Pröbsting). (Mit 2 Abbildungen).233 

Oeltrager, Die Disposition der Lunge zur Erkrankung an Tuber¬ 
kulose (Dauwitz-Cöln).235 

Reichenbach undBöck, Versuche über die Durchgängigkeit des 

Darms (Dauwitz-Cöln).236 

Köhlisch, Untersuchungen über die Infektion mit Tuberkelbazillen 

durch Inhalation am trocknen Sputumstaub (Dauwitz-Cöln) . 235 

Heymann, Versuche an Meerschweinchen über die Aufnahme in¬ 
halierter TubeTkelbazillen in die Lunge (Dauwitz-Cöln). . . 236 

Ballin, Da« Schicksal inhalierter Schimmelpilzsporen (Dauwitz- 
’ Cöln) .... . •• . . ............... 238 


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VIII 

Seit« 

Alexander, Das Verhalten des Kaninchens gegenüber den ver¬ 
schiedenen Infektionswegen hei Tuberkulose und gegenüber 


den verschiedenen Typen des Tnberkelbazillns (Dan wi te-Cöln) 286 

Reichenbach, Experimentelle Untersuchungen über die Eintritts¬ 
wege der Tnberkelbaeillen (Dauwitz-Cöln) ........ 238 

Heymann, Weitere Beiträge zur Frage über die Beziehungen zwi¬ 
schen Säuglingsernährung und Tuberkulose (Dauwitz-Cöln) . 239 

Ostermann, Die Bedeutung der Kontaktinfektion für die Aus- 
, breituqg der Tuberkulose, namentlich im Kindesalter (Dau¬ 
witz-Cöln) .. 239 

Ostermann, Infektionschancen beim Genuss von Milch (Dauwitz- 

Cöln) .... • 240 

Report upon tbe production, distribution and use of diphtheria anti- 

toxin (Pröbsting).241 

Shackleton, The prophylactic use of antidiphtheritic serum (Pröb- 

■ sting).242 

Erster Bericht der Kommission zur Bekämpfung des Bauches in 

Königsberg (Herbst-Cöln).301 

Both, Ländliche Hygiene (Mühlschlegel-Stuttgart).309 

Most, Über die Entstehuug, Verhütung und Behandlung der Hals¬ 
drüsentuberkulose (Mühlschlegel-Stuttgart) . 309 

Harras, Zur Prophylaxe der Lungentuberkulose (Mühlschlegel- 

Stuttgart) . *.306 

Hart, Die Disposition der Lungeuspitzen zur tuberkulösen Phthise 
und das Lokalisationsgesetz des ersten tuberkulösen Lungen- 

herdes (Mühlschlegel-Stuttgart). ..'... 804 

Schlossmann, Die Tuberkulose als Kinderkrankheit (Mühl- 

schl egel-Stuttgart).805 

Laub, Klinisch-statistischer Beitrag zur Frage der lateralen Kor¬ 
respondenz zwischen Kehlkopf- und Lungentuberkulose und zur 
Frage, auf welchem Wege die Tuberkulose in den Kehlkopf 

eindringt (Mühlschlege 1-Stuttgart). 306 

Bericht der belgischen Kommission über die Massnahmen gegen 
die Gefahr der Ansteckung mit Tuberkelbazillen durch infi¬ 
zierte Milch (Mühlschlegel-Stuttgart).306 


Smit, Über das Vorkommen von Tuberkelbazillen in der Milch und 

den Lymphdrüsen des Rindes (Mühlschlegel-Stuttgart) . . . 307 

Eber, Über den Tuberkelbazillengehalt der in Leipzig zum Ver¬ 
kauf kommenden Milch und Molkereiprodukte (Mühlschlegel- 

Stuttgart) . 307 

Becker, Gesundheitspolizeiliche Massnahmen gegen Tuberkulose 

in Masseuquartieren (Mühlschlege 1-Stuttgart).806 

Holländer, Zur planmässigen Lupusbekämpfung in Deutschland 

(Mühlschlegel-Stuttgart). ■...’. 309 

Escherich, Was nennen wir Skrofulöse? (Mühlschlege 1-StUttggrt) 309 
Bluhm, Die Stillungsnot, ihre Ursachen und die Vorschläge zu 

ihrer Bekämpfung (Ada Lent). 310 

Endres, Über Wohnungsdesinfektion mit Autan (Czaplewski- 

Cöln). 312 

Das städtische Elisabeth-Krankenhaus zu Aachen (Kleefisch-Cöln) 314 
von Baumgarten und Tangl, Jahresbericht über die Fortschritte 
in der Lehre von den pathogenen Mikroorganismen (Bleib- 
treu-Üöln). 315 


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IX 


Seite 


Delitseb, Inwieweit ist Rachitis der Kinder durch Trunksucht 

ihrer Eltern begründet? . . ..... ... . . . . . 360 

Bluhm, Familiärer Alkoholismus und Stillunfähigkeit (B oas-Berlin) 360 

Hanauer, Mädchenschulreform und Frauengesundheit (Mühl¬ 
schlegel-Stuttgart) . . ... . . . . . 861 

Mayer, Zum FrühaufBtehen der Wöchnerinnen (Mühlschlegel- 

Stuttgart) ........ .... .... .... . . 862 

Grosskopf, Einfluss der Schwangerschaft, der Geburt und des 
Wochenbetts auf die oberen Luftwege (Mühlschlegel-Stutt¬ 
gart) . 868 

Gedanken über die Sanierung der Breslauer Grundwassergewin¬ 
nungsanlagen (Wahl) . . . . . . . . . . . . • . . . . 368 

Reinigung des Trinkwassers von Mangan durch Aluminatsilikate 

(Wahl).866 

Ober Schwankungen der Grundwasserstände und der Quellenaus¬ 
flüsse (Wahl). - . .. 366 

Selter, Zur Hygiene der Hallenschwimmbäder (Czaplewski-Cöln) 368 

Normalien für den Bau und die Einrichtung von Absonderungs- 

bäusern-und Desinfektionsanstalten (Kleefisch-Cöln) .... 370 

Xylander, Vitralin, eine desinfizierende Anstrichfarbe (Cza- 

plewski-Cöln) ... . . . ... . . . 371 


Uhlenhuth und Hübener, Über die Verbreitung der Bakterien 
der Paratyphus B- und Gärtnergruppe und ihre Beziehungen 
zur gastrointestinalen Form der Fleischvergiftungen (B o a s-Berlin) 372 

Waldmann, Ergebnisse aus dem gegenwärtigen Stand der Para¬ 


typhusfrage (Boas-Berlin) . . . . . . . . . . . . . . -.- 374 
Curschmann, Pneumokokkeninfluenza (Mühlschlegel-Stuttgart) - 374 
Hillenberg, Die Beziehungen zwischen Kindersterblichkeit und; 
Tuberkulose in- Preussen unter statistischen Gesichtspunkten 

(Mühlschlegel-Stuttgart).. 376 

Hillenberg, Zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit auf dem 

Lande (Mühlschlegel-Stuttgart).. 375 

Unterberger, Di6 Vererbung in der Schwindsuchtsfrage (Boas- 

Berlin) .. . . . .376 


Hillenberg, Ist es nach dem heutigen Stande der. spezifischen - 
Tuberkulosetherapie gerechtfertigt, eine allgemeine Anwendung 
derselben für die- Prophylaxe und Behandlung der -Schwind- 
sneht ausserhalb geschlossener Anstalten zu fordern und in 


welcher - Weise - hätte dieselbe in der Praxis stattzufinden ? 

(Mühlsch leg el-Stutlgart). 376 

Resolutionen des Internationalen Tuberkulose-Kongresses in Wa¬ 
shington 1908 (Mühlschlegel-Stuttgart) ..377 

Schräge-, Über Tuberkulosebekämpfung auf dem Lande (Boas- 

Berlin) . 378 

Gräf, Bakteriologische Untersuchungsämter (Boas-Berlin).... 379 

Schultze, Über Krankenhaus-Büchereien (Boas-Berlin).379 

v. d. Velden,-Die Abhängigkeit der Krankheiten von -ökonomi¬ 
schen Verhältnissen (Boas-Berlin). 380 

Oed er. Das Körpergewicht des erwachsenen Menschen bei nor¬ 
malem Ernährungszustand und seine Berechnung (Boas-Berlin) 380 

Elster, Der gegenwärtige Stand der Arbeitshygiene (Mühlschlegel- 

Stuttgart) . 381 

Finkelstein, Über alimentäres Fieber. — Meyer, Experimentelle 


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X 


Saite 


Untersuchungen zum alimentären Fieber (Mühlschlegel-Stutt- 

gart) .... 

Determann, Die vegetarische Lebensweise bei Gesunden (Mtthl- 

schlegel-Stnttgart).. 

J. Boas, Ober kurze Ausspannungen (K. Boas jun.-Berlin) . . . 
Selter, Ober die Einglasung der Schuizimmerfeneter (Kleefisch* 

Cöln).. ... 

Weiss, Die Vollkorrektion der Kurzsichtigkeit im Kindesalter, eine 
erzieherische Notwendigkeit. — Neustätter, Die Vollkorrektur 
der Kurzsichtigkeit im Kindesalter (Mühlschlegel-Stuttgart) . 
Axmann, Schutzbrillen aus optischem Glase (Mühlschlegel-Stutt¬ 
gart) ... i ...... . 

Kolle und Hetsch, Die experimentelle Bakteriologie und die In¬ 
fektionskrankheiten mit besonderer Berücksichtigung der Immu- 
nitätslehre. Ein Lehrbuch für Studierende, Ärzte und Medizinalr 

beamte (Czaplewski-Cöln).. . 

Lewandowski, Ausübung und Ergebnisse der Schulhygiene in 
den Volksschulen des Deutschen Reichs nach dem Stande vom 

Sommer 1908 (Selter-Bonn). 

Kirchner, Die Tuberkulose in der Schule, ihre Verhütung und 

Bekämpfung (Selter-Bonn) . ... 

Thiele, Schulärztliche Behandlung und schulärztliche Fürsorge 

(Selter-Bonn).. 

Thiersch, Ober den Gesundheitszustand der Lehrerinnen an den 

Volksschulen (Mühlschlegel-Stuttgart). 

Frank, Lehrbuch der Schulgesundheitspflege (Lehmann-Cöln) . 
Fürsorge für die schulentlassene männliche Jugend, namentlich iro 
Anschluss an die Fortbildungsschule. — Die Ernährungsverhält¬ 
nisse der Volksschulkinder (Lehmann-Cöln). 

Pearson, Über Zweck und Bedeutung einer nationalen Bassen¬ 
hygiene (National-Eugenik) für den Staat (Bermbaeh-Cöln) . 

Volksseuchen von Kuttner (Lehmann-Cöln).. , 

Klein, »Flies* as Carriers of the bacillus typhosus (Pröbsting) . 
Grotjahn, Krankenhauswesen und Heilstättenbewegung im.Lichte 

der sozialen Hygiene (Matthes-Cöln).. 

Eisenstadt, Beiträge zu den Krankheiten der Postbeamten (Pröb¬ 
sting) .. 

Sn eil, An inquiry into the alleged frequency of cataraet in bettle 

makers (Pröbsting).. 

Malgat, Les önergies solaires dans la tuberculose pulmonaire 

(Mühlschlegel-Stuttgart).. . *. 

Birch-Hirschfeld, Die Schädigung des Auges durch Licht und 
ihre Verhütung (Müh Ischl eg el-Stuttgart) 

Schottelius, Die Bedeutung der Darmbakterien für die Ernährung 

(MaBtbaum-Cöln).. 

Lehmann, Studien über die Zähigheit des Fleisches (Mastbaum- 

Cöln) . . .... 

Lehmann, Die Festigkeit (Zähigkeit) vegetabilischer Nahrungs¬ 
mittel und ihre Veränderung durch das Kochen (Mastbaum- 
Cöln) .. 


382 

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490 


Schilling, Aufgaben der Gemeinden bei der Ausgestaltung des 
■ Bebauungsplanes in Rücksicht auf das Kleinwohnungsweseo 
(Deibel) ^ . 491. 


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XI 


Seite 

Ville de Bruxelles: Rapport annuel. Ann6e 1907 (Pröbsting) . . 491 

Schäfer, Die Verwendung von Steinkohlenteer zur Herstellung 


staubfreier Strassen (Weingarten) ..493 

Die Staubplage und ihre Bekämpfung (Weingarten).493 

Berichtigung.494 


Kleine Mitteilungen. 


Aufruf zur Fürsorge für die schulentlassene Jugend. 37 

Die Ausstellung für Säuglings- und Kinderpflege in Solingen vom 

12. bis 23 Sept. 1908. Merkblätter für Säuglingspflege usw. . 40 

Das städtische Säuglingsheim zu Dresden (—t) . . .220 

Mitteilung. 245 

Deutscher Verein für öffentliche Gesundheitspflege.300 

Gymnasium für Reichsdeutsche in Davos.300 

Die 10. Jahresversammlung des Deutschen Vereins für Schulgesund¬ 
heitspflege am 1. und 2. Juni 1909 in Dessau (Selter-Bonn) . . 355 

Über den Alkoholgenuss der Schulkinder.359 

Pfarrer Bion (Pröbsting).472 

Internationale Hygiene-Ausstellung Dresden 1911.473 


ßaubygienische Rundschau. 

Der Entwurf einer neuen Landesbauordnung für Württemberg. 

Von J. Stübben. 27 

Zur Verbesserung der Bauordnung der Stadt Wien (J. St.) ... 141 

Verzeichnis der bei der Redaktion eingegangenen neuen Bücher etc. 80 


169. 243. 317. 387. 495 


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Die Waldschule der Stadt Dortmund im ersten 
Jahre ihres Bestehens. 

Von 

Dr. med. F. Steinhaus, Stadtschularzt. 


Im Oktober 1907 fand unter dem Vorsitze des Herrn Ober¬ 
bürgermeisters Geh. Rats Dr. Schmieding eine Konferenz statt, 
in der die Errichtung einer städt. Waldschule Gegenstand einer 
eingehenden Beratung war. Sämtliche Teilnehmer sprachen sich 
auf Grund der in den bereits errichteten Waldschulen gesammelten 
Erfahrungen dafür aus, auch für die hiesigen Schulkinder eine 
Waldschule einzurichten. Der Herr Oberbürgermeister vertrat die 
Ansicht, dass der in der Gemeinde Brechten gelegene Stadtwald 
durchaus geeignet für eine Waldschule sei, zumal die Stadt an der 
Grenze des Waldes eine Besitzung gekauft habe und ein geeigneter 
grosser Spielplatz vorhanden sei. Verfasser wurde mit der Aus¬ 
arbeitung einer Denkschrift für die städtischen Behörden beauftragt, 
der die von dem Herrn Oberbürgermeister gegebenen Anregungen 
zugrunde gelegt werden sollten. 

Aus derselben seien folgende Ausführungen an dieser Stelle 
mitgeteilt: 

Seit Bestehen der schulärztlichen Organisation (1891) ist 
immer mehr das Bestreben hervorgetreten, die Schulorganisation, 
die Stoffbemessung und auch die Lehrmethode dem körperlichen 
und geistigen Zustande der Kinder anzupassen, die Schüler von 
diesem Gesichtspunkte aus mehr zu sondern. 

Vielfältige Erfahrungen, man kann wohl sagen überall, wo 
Schulärzte mit der systematischen Untersuchung des Körperzustandes 
der Schulkinder von seiten der Stadtverwaltungen betraut sind, 
haben gelehrt, dass Krankheitszustände ausserordentlich unter den¬ 
jenigen Kindern verbreitet sind, die regelmässig dem Unterrichte 
beiwohnen. 

Unter diesen Krankheiten nehmen die Blutarmut aus verschie¬ 
denen Ursachen (Wohnungsnot, Unterernährung etc.), die Skrofu¬ 
löse und die Tuberkulose in ihren verschiedenen Formen den breitesten 
Raum ein. 

Oentralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXVIII. Jahr?. 1 


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Nach den von mir auf Grund einer Revision sämtlicher Schul¬ 
häuser im Schuljahre 1906/07 ermittelten Zahlen fallen auf die drei 
erwähnten Gruppen folgende bemerkenswerten Zahlen: hochgradige 
Blutarmut 190 Kinder, Skrofulöse 837 Kinder, Lungenspitzen¬ 
katarrh 362 Kinder, Tuberkulose 246 Kinder, insgesamt 1635 Kinder. 
Da im ganzen 3418 Kinder als krank ermittelt wurden von 26000 
eingeschulten Kindern, so besagt jene Ziffer, dass etwa die Hälfte 
(47,8°/ 0 ) aller kranken Kinder an Krankheiten leidet, die sich um 
Blutarmut und Tuberkulose gruppieren. Das sind erschreckende 
Zahlen! 

Zu dieser ärztlichen gesellt sich nun die schulmännische Er¬ 
fahrung, die dahin geht, dass gerade bei diesen Kindern, deren 
körperlicher Zustand als ein hoch minderwertiger vom ärztlichen 
Standpunkte aus bezeichnet werden muss, mit ganz verschwindenden 
Ausnahmen auch der pädagogische Erfolg in der Schule als ein 
geringer bezeichnet werden muss. 

Aus dieser Erfahrung heraus entsprang nun der Wunsch, ebenso 
wie man für die geistig kranken Kinder durch Errichtung besonderer 
Klassen (Hilfsschulen) Fürsorge getroffen hatte, auch die körperlich 
kranken Kinder aus dem Rahmen der Normalschule, allerdings nur 
für einige Zeit, herauszunebmen, die pädagogischen Erfolge dadurch 
vielleicht zu steigern, dass man die Kinder der erwähnten Krank¬ 
heitskategorie, d. h. Kinder mit Konstitutionsanomalien, in möglichst 
gesunde Verhältnisse, unter den Einfluss von Licht und Luft zur 
Erfrischung des Geistes und zur Kräftigung des Körpers brachte, 
unter Gewährung einer guten und ausreichenden Ernährung. 

Bei der Verfolgung dieses Gedankens ergab sich nun, dass 
die Bestrebungen des leider zu früh verstorbenen Dr. Wolf-Becher- 
Berlin, konstitutionell Erkrankte und namentlich dem Anfangs¬ 
stadium der Tuberkulose verfallene Kranke durch einen längeren 
Aufenthalt im Wald in der Nähe von Städten der Genesung ent- 
gegenzuführen, sich leicht auf die Schule übertragen Hessen. 

Es war nur erforderlich, die von Wolf-Becher empfohlenen 
Walderholungsstätten für Erwachsene an die Organisation der Schule 
dadurch anzuschliessen, dass man den Kindern die Möglichkeit einer 
Unterrichtserteilung gewährte. 

Dieser Zweck ist nun in vollkommenster Weise erreicht durch 
die Gründung von Waldschulen für körperlich kranke Kinder. 

Die Verhältnisse für die Errichtung einer Waldschule sind in 
Dortmund zurzeit die denkbar günstigsten. Die Forstkommission 
stellt das eingangs erwähnte Haus zur Verfügung, an dem nur 
geringe bauliche Veränderungen vorzunehmen sein werden. Die 
Herren Geistlichen der einzelnen Pfarreien erklären sich bereit, 
grössere Beträge zu den Verpflegungskosten für die Kinder aus der 


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Scbüchtermann-Scbillerstiftung zur Verfügung zu stellen. Die nicht 
unbedeutenden Kosten für die Vertretung mehrerer Lehrkräfte können 
aus dem Etat der Volksschulen gedeckt werden. 

In keinem Orte, wo bis jetzt Waldschulen bestehen, haben sich 
bei der Einrichtung so günstige Verhältnisse bezügl. der Etatisierung 
geboten wie hier in Dortmund. 

Das städt. Hochbauamt hat nun vorgesehen, dass in dem Erd¬ 
geschoss des in Frage stehenden Hauses ein Speiseraum für 50 Kinder 
eingerichtet wird. Dazu ist nur erforderlich, dass eine Verbindungs¬ 
wand zwischen zwei Wohnräumen ausgebrochen wird. Der so ge¬ 
wonnene Raum erhält neue Fenster und eine Tür mit Veranda und 
Treppe nach der Hofseite hin. 

Neben dem Speiseraum ist die Küche und hinter dieser der 
Anrichteranm mit Spülvorrichtungen gelegen. 

Für die mit dem Unterrichte betrauten Lehrkräfte steht ein 
besonderes Zimmer zur Einnahme der Mahlzeiten zur Verfügung. 

Der Unterricht der Kinder erfolgt in einer auf dem hinter dem 
Hause gelegeneu Terrain zu errichtenden Baracke, die nach der 
Bearbeitung von seiten des Hochbauamts -so einfach wie möglich 
gehalten werden soll. 

Das neben dem Hause nach Süden gelegene Terrain kann zur 
Einrichtung eines Schulgartens Verwendung finden. 

Neben der Baracke bleibt noch ausreichender Raum für einen 
Spielplatz. 

Der an die Besitzung sich anschliessende Hochwald ist geeignet, 
um in ihm eine nach Süden geöffnete Liegehalle für die Kinder 
vorzusehen. 

Nach der nördlichen Seite, an das Hans direkt anstossend, liegen 
die Aborte, für die Knaben und Mädchen getrennt. 

Die Be- und Entwässerung wird keine Schwierigkeiten machen, 
da die Wasserleitung am Hause vorbeifuhrt, so dass nur ein An¬ 
schluss gemacht zu werden braucht. Für die Beseitigung der Spül¬ 
wässer steht ein Entwässerungsgraben zur Verfügung. Die Fäkalien 
werden in einer Senkgrube gesammelt, die in entsprechenden Zeit¬ 
abschnitten entleert werden muss. 

Die dermassen mit den einfachsten baulichen Mitteln her 
gerichtete Waldschule wird nach der Landstrasse hin durch ein 
Boskett abgeschlossen. 

Es ist vorgesehen, dass ein Beamter der städt. Forstverwaltung 
die in dem Hause im I. Obergeschoss noch verbleibende Wohnung 
als Dienstwohnung bezieht und die Aufsicht über das Besitztum und 
Wald übernimmt. 

Der Bedarf an Nahrungsmitteln kann gut gedeckt werden. 

Die städt. Schuldeputation wird vier geeignete Lehrkräfte be- 


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stimmen, die den Unterricht erteilen und die Aufsicht Uber die 
Kinder fuhren. 

Es ist beabsichtigt, vorläufig 100 Kinder der Waldschule zu 
überweisen, und zwar solche, die an hochgradiger Blutarmut infolge 
von Unterernährung und an beginnenden tuberkulösen, nicht an¬ 
steckungsfähigen Lungenerkrankungen leiden, event. auch solche 
Kinder, die sich in der Rekonvaleszenz von schweren andersartigen 
Krankheiten befinden. Die Auswahl der geeigneten und bedürftigen 
Kinder erfolgt durch die Schulärzte. 

Die Beaufsichtigung des Körperzustandes der überwiesenen 
Kinder erfolgt durch den Stadtsehularzt. 

Es steht mit aller Bestimmtheit zu erwarten, dass auch hier¬ 
orts die gleichen glänzenden Erfolge an den kränklichen Kindern 
wie in Charlottenburg, Mülhausen, München-Gladbach und Elberfeld 
erzielt werden. 

Nach den vorliegenden Berichten, deren günstiges Ergebnis 
mir Veranlassung gegeben hat, die Errichtung einer Waldschule in 
Anregung zu bringen, hebt sich zunächst der allgemeine Kräftezustand 
der Kinder durch den ständigen Aufenthalt im Walde und durch 
Gewährung einer guten Kost. 

Die Anregung, die Wald und Spiel gewähren, übt auch einen 
heilsamen psychischen Einfluss aus. Die Stimmung wird gehoben, 
die Aufmerksamkeit eine rege, die Unterrichtsfähigkeit eine bei 
weitem bessere. 

Von ganz besonderem Interesse ist es, dass die Widerstands¬ 
fähigkeit der Kinder gegen Krankheiten gesteigert wird. 

Es kann somit, da auch grosse Gewichtszunahmen erzielt 
werden, keinem Zweifel unterliegen, dass die Waldschule in sani¬ 
tärer Beziehung eine bedeutsame Massnahme darstellt, die mit 
einfachen hygienischen Einrichtungen, Aufenthalt in freier Luft bei 
jeder Witterung, Einwirkung des Sonnenlichts, kräftige Ernährung 
und geeigneten Unterricht mit Minderung der Stundenzahl und der 
Dauer der einzelnen Lektionen einen ausserordentlichen Gewinn und 
Segen für die kranken und siechen Grossstadtkinder stiftet. 

Das grösste Gewicht ist aber nach ärztlichem Ermessen auf 
die Tatsache zu legen, dass die Waldschule einen weiteren wirk¬ 
samen Faktor im Kampfe wider die Tuberkulose darstellt. 
Die Erfahrungen der letzten Jahre haben unzweideutig gelehrt, dass 
die Tuberkulose im schulpflichtigen Alter immer mehr zunimmt, dass 
eine wirksame Prophylaxe gegen die Verbreitung der Tuberkulose 
im schulpflichtigen Alter anzusetzen hat, das bis jetzt so gut wie 
gänzlich ausserhalb aller sozialen Bestrebungen gegen die Verbreitung 
der Krankheit gestanden bat. 

Die Waldschule ist dazu berufen, die von der Tuberkulose in 


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ihrem Anfangsstadium befallenen Kinder, die erfahrnngsgemäss später 
nach ihrem Eintritt in das Erwerbsleben der Schwindsucht verfallen, 
durch frühzeitige Kräftigunjg und körperliche Stählung dahin zu bringen, 
dass sie den Kampf gegen die mörderischeste aller Krankheiten, die 
in ihrem Körper bereits festen Fuss gefasst hat, siegreich aufnehmen 
können. 

Damit erscheint die Waldschule auch im Lichte einer bedeut¬ 
samen sozialen Massnahme, mit deren Hilfe es gelingen wird, 
der Tuberkulose weiteren Boden abzugewinnen. 

In ihrer Sitzung vom 22 . Januar 1908 fasste die städtische 
Schuldeputation einstimmig den Beschluss, die Errichtung einer 
Waldschule zu befürworten und deren Eröffnung tunlichst zu be¬ 
schleunigen. 

Nachdem die Finanzkommission den Voranschlag gutgeheissen 
und der Magistrat in seiner Sitzung vom 24. März 1908 einstimmig 
sich für die Errichtung einer Waldschule wegen ihrer grossen 
sozialen Bedeutung ausgesprochen hatte, wurde anf Antrag des 
Magistrats in der Sitzung der Stadtverordneten vom 6. April 1908 
der aufgestellte Etat für eine Waldschule genehmigt und deren Ein¬ 
richtung einstimmig beschlossen. 

In der Zeit von Mitte April bis Mitte Juni wurden die bau¬ 
lichen Änderungen an dem Hause vorgenommen, eine vierklassige 
Baracke errichtet und eine Liegehalle gebaut, sowie das Terrain 
für einen Spielplatz hergerichtet. Besondere Verdienste haben sich 
um die ganze Einrichtung die Herren Stadtbauinspektor Uhlig und 
Stadtförster Freywaldt erworben, die mit grossem Interesse die 
ihnen obliegenden Arbeiten erledigt haben. Herr Stadtförster F rey- 
waldt hatte die Errichtung der Liegehalle sowie der Schulbänke 
für den Unterricht im Walde und die Herrichtung der beiden Spiel¬ 
plätze übernommen. 

Nachdem die Verhandlungen zwecks Lieferung von Nahrungs¬ 
mitteln mit leistungsfähigen Firmen in der Stadt zum Abschluss 
gelangt waren — die Lieferung der Milch übernahm die Molkerei in 
Eving —, nachdem ferner die Betriebsverwaltungen der städtischen 
Strassenbahn und der Strassenbahnen für den Landkreis sich an¬ 
gesichts des wohltätigen Zwecks der Veranstaltung in entgegen¬ 
kommender Weise bereit erklärt hatten, die Kinder in Sonderwagen 
zu ermässigten Preisen zu befördern, konnte die Waldschule am 
15. Juni eröffnet werden. 

Die Leitung der Küche übernahm Frl. Barth aus Hamm, die 
in einer hiesigen Hausbaltungsscbnle eine längere Ausbildungszeit 
absolviert hatte und ihre Aufgabe mit grösstem Interesse löste. Das 
weitere Personal bestand aus einem Dienstmädchen und einer 
Arbeitsfrau. 


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Der von den Stadtverordneten genehmigte Etat setzte sich i» 
Voranschlag wie folgt zusammen: 


A. Ausgaben für die erste Einrichtung. 


I. 


II. 

III. 

IV. 
V. 

VI. 

VII. 

VIII. 

IX. 


Bauliche Änderung des Erdgeschosses in dem der 
Stadt gehörigen Hause mit Be- und Entwässerungs- 

sowie Abortanlage.M. 

Errichtung einer vierklassigen Baracke ... .. 

Errichtung einer Liegehalle.„ 

Planierung des Spielplatzes.„ 

Einrichtung der Küche.. 

104 Liegestühle.„ 

Spielgeräte.„ 

Decken für bedürftige Kinder und Wäschestücke „ 

50 zweisitzige Bänke.„ 

Summa M. 


3200 

6900 

1100 

400 

1800 

500 

200 

400 

900 

15400 


B. Laufende Ausgaben. 

I. Betriebskosten (Verpflegungskosten und Fahrt¬ 
ausweise, Löhne).M. 2400 

II. Vertretungskosten für vier Lehrkräfte .... „ 1500 

III. Miete. „ 400 

Summa M. 4300 

- M. 19700 

('. Einnahmen. 

I. Beiträge der Herren Geistlichen aus der Schüsch- 
termann-Schillerstiftung und des Wohltätigkeits¬ 
vereins .M. 3570 

II. Beiträge zu den Verpflegungskosten von seiten 

der Eltern.. 842 

Summa M. 4412 

Die Gesamtdauer des Aufenthaltes der Kinder betrug 74 Tage 
(15. Juni bis 10. September), da die Sonntage sowie die in die 
Aufenthaltszeit fallenden kathol. Feiertage in Abzug zu bringen sind. 

Der Tagesplan war genau wie in den anderen Waldschulen 
festgelegt. 

Die Kinder wurden morgens um 7 1 l i Uhr mit besonderen Wagen 
der elektrischen Strassen bahn hinausbefördert; die Fahrtzeit dauert 
1 l i Stunde. Nach der Ankunft wurde das erste Frühstück ein¬ 
genommen. Um 8 V 4 Uhr begann der Unterricht, der in vier resp. 
fünf halbstündigen Lektionen erteilt wurde. Zwischen jeder Lektion 
lag eine Pause, eine grössere um 10 Uhr zur Einnahme des zweiten 
Frühstücks. Die Zeit von 1 0 resp. 11 Uhr ab wurde mit Spielen 
ausgefüllt. Um */* 1 Uhr wurde das Mittagessen gereicht. Nach 


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dem Mittagessen wurde bis J / g 4 Uhr Ruhe in der Liegehalle ge¬ 
gönnt. Um 4 Uhr erfolgte Einnahme eines Imbisses. Von 4—6 Uhr 
wurden gemeinsame Spaziergänge im Walde oder Spiele unternommen. 
Um 6 Uhr wurde das Abendessen gereicht. Um 7 Uhr erfolgte die 
Rückfahrt in die Stadt, so dass die Kinder um 8 Uhr spätestens 
im Elternhause anlangten. Den Kindern, die sehr weite Wege vom 
Sammelplatz aus zurückzulegen hatten, wurden besondere freie Fahrt¬ 
ausweise zur Benutzung der elektrischen Bahn innerhalb der Stadt 
verabfolgt. 

Das erste Frühstück bestand in */ 4 Liter Milch und einer Semmel, 
das zweite in */ 4 Liter Milch und einem mit Wurst belegten Butterbrot. 
Das Mittagessen bestand aus 100 g Fleisch, mit 200 g Zukost, be¬ 
stehend in Gemüse und Kartoffeln. Um 4 Uhr wurde wieder x / 4 Liter 
Milch nebst einer mit Obstmarmelade bestrichenen Brotschnitte ver¬ 
abreicht und um 6 Uhr gewöhnlich eine Abendsuppe aus Milch mit 
Reis, Gerste, Grütze etc. 

Die nachfolgende Übersicht gibt eine Zusammenstellung der 
verschiedenen Gerichte beim Mittagessen für die Dauer von 14 Tagen 
(15. Juni bis 1. Juli) sowie die Ausgaben für die Beköstigung von 
100 Kindern und 7 Erwachsenen. 

Montag: Frikandellen, Kartoffeln, Linsen Ausgabe 59.94 M. 

Dienstag: Rinderbraten, Kartoffeln, Pflaumen „ 55.98 „ 

Mittwoch: Schweinefleisch, Kartoffeln, Stielmus „ 54.74 „ 

Donnerstag: Bratwurst, Kartoffeln, Erbsen „ 48.86 „ 

Freitag: Pfefferpottbast, Kartoffeln, Reis „ 47.18 „ 

Samstag: Rindfleisch, Graupensuppe „ 48.77 „ 

Montag: Schweinebraten, Kartoffeln, Wirsing „ 54.86 „ 

Dienstag: Rindfleisch, Kartoffeln, Wurzeln „ 54.42 „ 

Mittwoch: Klops, Kartoffeln, Kohlrabi „ 53.30 „ 

Donnerstag: Rindfleisch, Kartoffeln, grüne Bohnen „ 53.74 „ 

Freitag: Bratwurst, Kartoffeln, Spinat „ 53.70 „ 

Samstag: Schweinefleisch, Bohnensuppe „ 49.82 „ 

Die Auswahl der Kinder erfolgte durch die Schulärzte mit der 
Massgabe zunächst, dass aus jeder Schule einige Kinder der Kl. V—II 
(Kinder im Alter von 9—12 resp. 13 Jahren) ausgewählt wurden. 
Da die Einrichtung sich im wesentlichen in den Dienst der Tuber¬ 
kulosebekämpfung stellen sollte, wurden hochgradige Anämien und 
Spitzeninfiltrationen, die als spezifische angesehen werden mussten, als 
diejenigen Krankheitszustände ausersehen, die für die Besetzung der 
Waldschule in Betracht kamen. Es sollte die Skrofulöse mit 
anderen Krankheiten ausgeschlossen werden, zumal für die Be¬ 
kämpfung der ersteren die Solbäder zur Verfügung stehen. Ich 
hatte bei der Belegung der Schule direkt die Absicht, einen Versuch 
nach der Richtung anzustellen, ob e6 möglich sei, mit den in der 


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Waldschule zur Verfügung stehenden Heilfaktoren die tuberkulösen 
geschlossenen Lungenspitzenerkrankungen günstig zu beeinflussen. 

In einer ad hoc veranstalteten Schularztkonferenz, wurde dieser 
Gesichtspunkt festgelegt. Die Auswahl der Kinder erfolgte dann 
im Monat Mai und in der ersten Hälfte des Monats Juni, da der 
Beschluss der Stadtverordneten-Versammlung, die Schule einzurichten, 
anfangs April gefasst worden war. Bei der Kürze der zur Ver¬ 
fügung stehenden Zeit war es mir nicht mehr möglich, die an¬ 
gemeldeten Kinder zu sichten und vorher zu untersuchen. Die 
Aufnahmestaten konnten daher erst nach der Eröffnung der Schule 
(am 15. Juni) gefertigt werden. 

Über die Krankheitszustände, die bei den aufgenommenen 
Kindern Vorlagen, gibt die folgende Übersicht Auskunft. 


Tabelle I. 


T 1 

| Anzahl 
i der Kinder 

Hoch- j 
Blutarmut j 

Lungen¬ 
spitzen- 1 
erkrankung 

Skrofulöse 

Rachitis 

Kl. V 

I 26 

i 

8 

i 

16 

1 

i 

| 1 

Kl. IV 

25 ; 

9 

12 

3 

2 

Kl. III 

26 

11 

14 

1 

1 

Kl. II ; 

i 24 ; 

9 

in ; 

2 

1 

Summa 

101 

37 

55 | 

7 

2 

Die 

Geschlechter verteilten 

sich wie folgt auf die einzelnen 

Klassen 








Tabelle II. 





| Knaben 

Mädchen 

Zusammen 



Kl. V 

,0 

! 

i 16 

26 



Kl. IV 

i s 

17 

25 



Kl. III 

11 

15 

26 



Kl. II 

1 8 

16 

24 

i 



Summa 

!f 37 

i 64 

i 101 



Es überwogen demnach bei weitem (etwa um das Doppelte) 
die Mädchen. 

Die ermittelten Krankheiten verteilen sich auf die einzelnen 
Klassen und Geschlechter nach folgender Tabelle: 


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Tabelle III. 



1 

| Blutarmut | 

U • 

j Lungenspitzen- 
I erkrankungen 

i 1 

] Skrofulöse | Rachitis 

■i 

i 

i 

Knaben l 

i i 

Mädchenj 

Knaben 

Mädchen 

Knaben 

Mädchen Knaben 

Mädchen 

KL V 

i 

2 

t | 

i 6 

! 6 

io ! 

i 

I 1 

1 II 

• — j 1 

_ 

i" ~ 

'j= 26 

Kl. IV 

4 

! 5 1 

1 3 

9 ; 

1 

2 _ 

i 

= 25 

Kl. III j 

5 

6 1 

1 5 

9 J 

1 

I _ ji - 

— 

'= 26 

Kl. II 

i; 2 

: 7 ! 

1_ 6 _ 

L ._ 7 j 

! — 

i 2 - 


= 24 

Sa. | 

! 13 

24 

20 ! 

35 ; 

3 

4 jj 1 ! 

1 

—101 


Es ergeben sich demnach 


Tabelle IV. 


1. 

Für die 

Knaben: 

2. 

Für die Mädchen: 

35,2 °/ 0 Erkrank. 

an Blutarmut 

37,5% Erkrank, an Blutarmut 

54,0 „ 

n 

„ Tuberkulose 

54,7 „ 

„ „ Tuberkulose 

8,1 „ 

V 

„ Skrofulöse 

6,3 „ 

„ p Skrofulöse 

2,7 „ 

n 

* Rachitis 

1,5 , 

„ „ Rachitis 

100,0 0/ 0 



100,0 o/„ 



Da das Prozentverhältnis der Beteiligung beider Geschlechter 
an den wesentlichen hier in Betracht kommenden Krankheiten: 
Anämie, Spitzenaffektionen und Skrofulöse, ungefähr das gleiche 
ist, so kann aus der Tatsache, dass die absoluten Zahlen sehr 
differieren (37 Knaben gegenüber 64 Mädchen), m. E. nur der Schluss 
gezogen werden, dass die beregten Krankheitszustände bei der 
weiblichen Schuljugend bei weitem häufiger auftreten, wobei ich 
bemerke, dass die obigen Zahlen von einer relativ strengen Sichtung 
der Kinder Zeugnis ablegen. Diese auffällige Tatsache ist auch 
sonst beobachtet worden; ich glaube, sie durch ein anderes statistisches 
Material noch besonders erhärten zu können. 

Für jedes Kind wurde ein besonderer Personalbogen angelegt 
nach genauer Untersuchung und für den Klassenlehrer ein Vermerk 
über die besondere Behandlung des einzelnen Kindes gemacht. 

Ehe ich zu einer Besprechung der Besonderheiten bei der Be¬ 
obachtung der Kinder übergehe, möchte ich an dieser Stelle her¬ 
vorheben, dass auch der Charakter einer sozialen Wohlfahrtsein¬ 
richtung bei der Waldschule gewahrt worden ist. 

Nachstehende Tabelle gibt eine Übersicht über die Berufs¬ 
arten der Eltern: 


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10 


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Tabelle V. 


von 

42 

Kindern 

war 

der Vater 

Fabrikarbeiter 

77 

17 

Ti 

Ti 

y> 77 

gestorben (meist Arbeiter und 
einige Handwerker) 

77 

20 

Ti 

Ti 

77 77 

Handwerker 

T 

9 

77 

n 

77 77 

Bergmann 

77 

5 

Ti 

7) 

77 77 

H and werksmeister 

77 

2 

ri 

» 

v r 

Dnterbeamter (Post) 

77 

2 

77 

Ti 

77 77 

Bureaugehilfe 

Ti je 

1 (4) Kinde 

T) 

77 » 

Musiker, Verwalter, Kauf¬ 






mann, Ingenieur 

Sa. 

101 

Kinder. 





Im Anfänge des Aufenthaltes wurde beobachtet, dass kaum 
eins der Kinder mit Appetit ass. Das erste Frühstück wurde ver¬ 
weigert, das zweite kaum verzehrt. Beim Mittagessen behielt die 
Leiterin der Küche grosse Vorräte zurück. Die Abendsuppe blieb 
oft stehen. Viele Kinder erbrachen Milch und Essen. Dieses trost¬ 
lose Bild änderte sich sehr bald, als die appetitanregende Wirkung 
des Aufenthaltes in der frischen Luft und die Wirkung der Liege¬ 
kur zur Geltung kam. Die Kinder assen jetzt fast durchweg mit 
ausgezeichnetem Appetit, verlangten sehr oft doppelte Rationen, so 
dass die Küche nicht genügend liefern konnte, wenn der Etat nicht 
überschritten werden sollte. Auch die Assimilation der Milch er¬ 
folgte glatt. Nur einige wenige Kinder Hessen bis zum Schluss des 
Aufenthaltes hinsichtlich der Nahrungsaufnahme trotz ständiger 
gütiger Ermahnung viel zu wünschen übrig. 

Auch das AUgemeinverhalten der Kinder war anfänglich sehr 
auffällig; sie waren müde, hinfällig, kaum zu Spielen anzureizen. 
Bald änderte sich auch dieses Bild; die Kinder wurden sehr regsam, 
nahmen lebhaft an den Spielen teil und entwickelten eine kaum 
zu bändigende Ausgelassenheit. 

Charakteristisch waren die Beobachtungen bei der Beförderung 
nach dieser Richtung hin. Während anfänglich die Kinder sowohl 
bei der Hin wie bei der Rückfahrt still in den Wagen sassen, er¬ 
scholl nach den ersten Wochen bereits sowohl in der Frühe wie 
besonders abends fröhlicher Gesang beim Transport. 

Ich möchte nunmehr betonen, dass durchweg schwerkranke 
Kinder in der Waldschule untergebracht waren, so dass die weiter 
unten mitzuteilende Übersicht über die gezeitigten Erfolge ver¬ 
ständlicher werden wird. Es erklärt sich aus dieser Tatsache die 
relativ grosse Zahl von weniger günstigen Erfolgen für die Dauer 
des auf 74 Tage berechneten Aufenthaltes. Wenn man sich diese® 


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11 


Umstand vor Augen hält, so glaube ich doch behaupten zu dürfen, 
dass die erzielten Erfolge befriedigend waren. 

Wenn ich zunächst einen Gesamtüberblick gebe, so war be¬ 
sonders auffallend bei den Kindern neben einer mehr minder hoch¬ 
gradigen Anämie die äusserst geringe Entwicklung des Fettpolsters 
und die Schlaffheit der Muskulatur. 

Ferner wurde bei vielen Kindern eine mangelhafte Herz¬ 
tätigkeit beobachtet. Wenn man 90—96 Pulsschläge pro Minute 
als Norm hinstellt, diese Zahl wurde bei vielen Kindern als dauernde 
ermittelt, so waren in Klasse V 14 Kinder, in Klasse IV 17 Kinder, 
in Klasse III 5 Kinder, in Klasse II 8 Kinder, in Summa also 
44 Kinder vorhanden, deren Pulszahlen sich anfänglich dauernd, auch 
in der Ruhe, zwischen 110 und 148 pro Minute bewegten. 

Eine weitere Beobachtung war die, dass die meisten Kinder 
nicht ordnungsmässig atmen konnten; wenn man sie aufforderte, 
tief zu inspirieren, so setzten sie nicht die Interkostalmuskulatur in 
Tätigkeit, sondern zogen mit den Schultermuskeln die Schultern in 
die Höhe. Diese Beobachtung deckt sich mit der allgemeinen schul¬ 
ärztlichen Erfahrung bei den Untersuchungen der Kinder und gab 
die Anregung dazu, mit den Zöglingen der Waldschule systematische 
Atmungsbewegungen vorzunebmen, die in liebenswürdiger Weise von 
Herrn Oberturnlehrer Strohmeyer zusammengestellt wurden. 

Bei der Aufnahmeuntersucbung wurde den Gebissen der Kinder 
besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Es ergab sich folgendes: 

Tabelle VI. 

40 Kinder hatten ein fehlerfreies Gebiss 


bei 

11 

Kindern 

war 

1 

Zahn 

defekt 

n 

16 

„ waren 

2 

Zähne 

77 

77 

9 

77 

77 

3 

n 

77 

77 

10 

77 

77 

4 

77 

77 

n 

6 

77 

77 

5 

77 

77 

77 

4 

77 

73 

6 

77 

77 

77 

3 

77 

77 

7 

77 

77 

77 

1 

Kind 

r, 

9 

77 

77 

77 

1 

77 

77 

10 

77 

77 

Summa 

101 

Kinder. 

Dabei 

Hess 

sich feststellen, dass die 


Kinder der unteren Klassen die hochgradig defekten Gebisse auf¬ 
wiesen, während die der beiden oberen Klassen über wesentlich 
bessere Gebisse verfügten. Ein Zusammenhang zwischen der Minder¬ 
wertigkeit der Gebisse und dem Erfolge des Aufenthalts nach der 
Richtung hin, dass bei den Kinder mit erheblicher Zahnkaries der 
Erfolg zurückstand, Hess sich nicht erbringen. Immerhin lässt sich 
die Berechtigung des Gedankens Jessens, an die Aufnahme in die 


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Waldschule die vorherige Instandsetzung fehlerhafter Gebisse zu 
knüpfen, nicht ganz von der Hand weisen. 

Ich gehe nunmehr zur Besprechung der einzelnen Krankheits¬ 
gruppen über sowie zu einer Schilderung der ärztlichen Beobach¬ 
tungen und Erfahrungen. 

Im Vordergründe des Interesses stehen die spezifischen Lungen¬ 
affektionen. 

Wir haben versucht, die Auffassung von dem klinischen Bilde 
durch die Pirquetsche Tuberkulinreaktion zu stützen. 49 Kinder 
wurden geimpft. Es war leider nicht möglich, sämtliche Kinder 
zu impfen. Im nächsten Jahre soll indes bei allen verdächtigen 
Kindern die Impfung vorgenommen werden. 

In Klasse V befanden sich 16 Kinder von 26, bei denen ich 
einen pathologischen Befund bei der physikalischen Untersuchung 
der Lungen erheben konnte. 11 Kinder wurden geimpft, davon 
gaben 5 +, 6 — Reaktion. 

In Klasse IV waren 12 Kinder von 25 mehr minder auf eine 
Spitzenaffektion verdächtig. Es wurden 13 Kinder der Klasse ge¬ 
impft, 5 mit positivem, 8 mit negativem Erfolge. Von besonderem 
Interesse ist unter dieser Gruppe von Kindern ein Knabe, bei dessen 
Untersuchung sich nur die objektiven Symptome einer Anämie 
fanden, während die Untersuchung der Lungen durchaus normale 
Verhältnisse ergab. Der Knabe wurde von mir geimpft, weil die 
Mutter an Lungentuberkulose erkrankt war und sich zu einer Heil¬ 
stättenkur in Lippspringe befand. Die Pirquetsche Reaktion fiel 
stark positiv aus. 

In Klasse III ergab die Aufnahmeuntersuchung, dass bei 14 
von 26 Kindern der Verdacht auf eine tuberkulöse Lungenspitzen¬ 
erkrankung bestand. Von den 14 Kindern wurden 13 geimpft. 
Bei 7 Kindern fiel die Reaktion positiv, bei 6 negativ aus. 

In Klasse II waren 13 von 24 Kindern auf Tuberkulose ver¬ 
dächtig. 12 Kinder wurden geimpft, 11 mit positivem, 1 mit ne¬ 
gativem Ausgang. 

In der folgenden Tabelle stelle ich die Resultate der Impfung 
nach Pirquet übersichtlich zusammen. 

Tabelle VII. 


Klasse 

|Tub. verd. 
Kinder 

' Geimpft 

i 

Positiv 

Negativ 

V 

16 

11 

5 

6 

IV 

12 

13 

5 

8 

III 

14 

13 

7 

6 

II 

. 13 J 

12 

11 

1 

Surnma 

55 

49 

28 

21 


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13 


Aus dieser Übersicht ist bei ungefähr gleicher Zahl der ge¬ 
impften Kinder der Schluss zu ziehen, dass die Reaktion mit dem 
zunehmenden Alter in steigendem Masse positiv ausfiel. Ausserdem 
berechtigt uns der Ausfall der Impfung wohl zu der Annahme, dass 
das Ergebnis der physikalischen Untersuchung der Lungen in einer 
grossen Zahl von Erkrankungsfällen dahin verwertbar ist, dass es 
sich tatsächlich am spezifische Veränderungen handelte, zumal die 
Autoren wohl durchweg den Standpunkt heute einnehmen, dass der 
positive Ausfall der Pirquetschen Impfung im Kindesalter einen 
wesentlich sicheren Schluss dahin zulasse, dass ein aktiv latenter 
Tuberkuloseherd im Körper des erkrankten Kindes vorhanden ist. 
Eis wäre von grossem Interesse gewesen, bei den Fällen mit nega¬ 
tivem Ausfall der Impfung eine erneute Impfung vorzunehmen; leider 
bot sich aus äusseren Umständen heraus keine Gelegenheit dazu. 

Bei der Vornahme der Impfungen wurde ich von Herrn Dr. 
Stade, dem diensttuenden Arzte der Fürsorgestelle für Lungenkranke, 
unterstützt, dem ich an dieser Stelle meinen besonderen Dank für 
seine Mühewaltung abstatten möchte. 

Fast alle Kinder waren Jahre hindurch beobachtet und stammten 
mit verschwindenden Ausnahmen aus Familien, in denen Lungen¬ 
tuberkulose bereits aufgetreten war. 

In nachstehender Tabelle gebe ich eine Übersicht über die 
verschiedenen ermittelten Krankheitsbilder. 


Tabelle VIII. 


Klasse 

|| | 

' Anämie 

j 

Spitzen¬ 

affekt 

rechts 

j Spitzen¬ 
affekt 
links 

Spitzen¬ 

affekt 

beider¬ 

seits 

i 

Ausge¬ 

dehntere 

Prozesse 

J Neben- 
ge- 

räusche 

1 

! 

Pleuritis 

i 

1 

V 

16 1 

12 

i _ 1 

1 

3 

i 

6 ! 


IV 

12 ‘ 

8 

2 

1 

1 

4 

2 

III | 

I 14 1 

9 

— 

1 

4 

5 

2 

V | 

; 13 j 

9 

I 

— 

3 

3 

— 

Sa. j 

55 

38 

3 

3 

n 

18 

4 


Aus der Tabelle geht zuerst hervor, dass bei sämtlichen 
Kindern eine hochgradige Anämie bestand, die sich objektiv bei 
einigen dokumentierte in einer Minderung des Hämoglobingehaltes 
um 50 und mehr Prozent (Bestimmung mit Sahlis Hämoglobino¬ 
meter). 

Die klinische Diagnose der Spitzeninfiltration ist, darin stimmen 
wohl alle Autoren überein, unter alleiniger Berücksichtigung des 
physikalischen Befundes äusserst schwierig. Bäu ml er hat meines 
Wissens schon früh ganz besonders davor gewarnt, geringe Ver- 


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14 


Änderungen des Schalles und des Atemgeräusches über der rechten 
Lungenspitze direkt für die Annahme einer spezifischen Erkrankung 
zu verwerten. In der Zusammenstellung fällt auch die überwiegende 
Zahl von rechtsseitigen Spitzenerkrankungen auf. Ich habe möglichst 
alle Kautelen in Rücksicht gezogen und glaube mich auch ohne 
Kontrolle durch das Röntgenverfahren zu der Ansicht berechtigt, 
dass es sich in allen 55 Fallen um eine spezifische Lungenerkrankung 
gehandelt hat aus folgenden Gründen: 

1. Vorab gibt der Ausfall der Pirquetschen Tuberkulinreak- 
tion einen sicheren Anhaltspunkt. 

2. Sämtliche Kinder zeigten ausser der Anämie eine grosse 
körperliche Hinfälligkeit mit mangelnder Appetenz und sehr schlech¬ 
tem Ernährungszustand, mithin ziemlich erhebliche Allgemeinerschei¬ 
nungen. 

3. In der Anamnese fast aller Kinder, die mir seit Jahren 
bekannt sind, finden sich familiäre Tuberkuloseerkrankungen. 

4. Bei einer grossen Zahl von Kindern konnte ich Temperatur¬ 
steigerungen feststellen, die, nachmittags und in der Achselhöhle 
bestimmt, zwischen 37,2° und 38° schwankten. 

Unter Beachtung dieser Gesichtspunkte habe ich eine spezifische 
Lungenspitzenerkrankung dann angenommen, wenn sich eine mehr 
minder starke Abschwächung des Klopfschalls bis zur absoluten 
Dämpfung mit verschärftem Inspirium und verschärftem, sehr ver¬ 
längertem, manchmal bronchialem Exspirinm nachweisen Hess. 

In der Rubrik „ausgedehntere Prozesse“ finden sich diejenigen 
Erkrankungsfälle, bei denen einmal katarrhalische Geräusche über 
die Clavikeln und Uber die Schulterblattgräte hinaus und ferner In¬ 
filtrationen in den Unterlappen sich nachweisen Hessen, in sämtlichen 
dafür in Betracht kommenden Fällen (4) mit feuchten Rasselgeräuschen 
vergesellschaftet. 

Zwei Kinder hatten eine frische Pleuritis; zwei andere wiesen 
über handbreite alte pleuritisehe Dämpfungen über den Unter¬ 
lappen auf. 

Bei den 18 Erkrankungsfällen mit katarrhalischen Neben¬ 
geräuschen fand ich Brummen, Giemen und feuchtes, kleinblasiges 
Rasseln. 

Von den 37 Erkrankungsfällen an Anämie ist nichts Besonderes 
zu berichten. Die genaue körperliche Untersuchung der in Frage 
kommenden Kinder ergab keine andersartigen pathologischen Zu¬ 
stände, so dass ich mich mit der Annahme einer einfachen Anämie 
begnügen musste, deren Ursache in allen Fällen nicht zu er¬ 
mitteln war. 

Die sieben skrofulösen Kinder zeigten die Erscheinungen 


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der Erkrankung: Lidrand entzünd ung, Schwellung der zervikalen 
Lymphdrüsen, Ekzem und Anämie. 

Die beiden rachitischen Kinder waren zur Aufnahme gelangt, 
weil sie sehr anämisch waren. 

Wie oben erwähnt, wurden bei einigen Kindern bei der Auf¬ 
nahme und am Schluss des Aufenthaltes in der Waldschule Hämo¬ 
globinbestimmungen nach Sahli vorgenommen. Im nächsten Jahre 
soll diese Untersuchungsmethode auf alle Kinder ausgedehnt werden. 

Von 29 Kindern stehen mir die Resultate beider Unter¬ 
suchungen zur Verfügung, die ich in nachstehender Tabelle zu¬ 
sammenstellen möchte. Von einigen Kindern war das Schluss¬ 
resultat nicht zu erhalten, weil sie in den letzten Tagen die Schule 
nicht besuchten. 

Tabelle IX. 


Zwischen 40—50 °/ 0 Hämoglobingehalt wiesen auf 3 Kinder 


„ 50—60% 

» 60-70% 

„ 70—80% 

Der Hämoglobingehalt des Blutes hob siel 
bei 1 Kinde um 

3 Kindern ,, 

13 „ 

8 

4 


n 

n 

v 


n 

n 

n 


n ri 

v n 

n n' 


11 

10 

5 


0 / 

10 


5 

10 — 20 % 
20—30% 
30-40 % 
40-^50% 


Von Interesse war, dass bei den Kindern, bei denen die Blut¬ 
untersuchungen vorgenommen wurden, das Ergebnis der letzteren 
mit dem Gesamteindrucke, den man von der Zustandsbesserung hatte, 
gut in Einklang zu bringen war. 

Grosses Gewicht habe ich von Anbeginn an auf eine strenge 
Innehaltung der Liegekur gelegt. Nach der Einnahme der Mittag¬ 
mahlzeit wurden sämtliche Kinder in der Liegehalle vereinigt. Aus 
disziplinären Gründen gleichsam habe ich von einem Lagern der 
Kinder zerstreut im Walde Abstand genommen, zumal auch die 
Liegehalle so geräumig angelegt worden ist, dass zwischen den 
einzelnen Stühlen ausreichender Luftraum blieb. Ausserdem ist die 
Halle nach allen Seiten hin offen, so dass die Luft in ergiebigem 
Masse zirkulieren konnte. 

Die grosse Bedeutung der Lagerung der Kinder in geschlossenen 
Reihen erhellt einmal aus der Beobachtung, dass anfänglich die 
Kinder mit allen Mitteln nicht die als Heilfaktor doch wesentliche 
mehrstündige Ruhe in der Halle einhalten konnten; die meisten 
waren sehr unruhig, trieben Allotria und kamen so einmal selbst 
nicht zum Schlafen, raubten andererseits auch den schlafbedürftigen 


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Kindern die Ruhe. Erst als die diensttuenden Lehrer sich zwischen 
die Kinder legten und ferner disziplinäre Bestrafungen angedroht 
wurden (Verweilen im Klassenraum mit kleinen Strafarbeiten), än¬ 
derte sich das Bild. Die meisten Kinder schliefen mehr minder 
lange, es herrschte absolute Ruhe in der Halle und viele Kinder 
schliefen so fest, dass selbst die Unruhe beim Abtransport der Stühle 
nach Beendigung der Ruhepause sie nicht aus dem Schlafe weckte. 
Die Liegekur wurde so von den Kindern als eine grosse Woltat 
empfunden. 

Der dienstälteste Lehrer hat dann eine „Schlafstatistik“, wen* 
ich mich so ausdrücken darf, geführt, die des Interesses nicht ent¬ 
behrt, so dass ich sie an dieser Stelle mitteilen möchte. Die Zäh¬ 
lung der schlafenden Kinder wurde um 3 Uhr, also nach bereits 
D/gStttndiger Dauer der Ruhepause, vorgenommen. 


Tabelle X. 


Datum 

der 

Zählung 

Anzahl der 
anwesenden 
Kinder 

Anzahl der 
schlafenden 
Kinder 

Datum 

der 

Zählung 

Anzahl der 
anwesenden 
Kinder 

Anzahl der 
schlafenden 
Kinder 

20. VI. 

95 

81 = 85,2 % 

25. VII. 

93 

86 = 92,40/, 

23. VI. 

97 

83 = 85,5 

» 

30. VII. 

93 

89 = 95,7 „ 

25. VI. 

97 

81 = 83,5 

» 

1. VIII. 

92 

86 = 93,4 „ 

27. VI. 

97 

86 = 88,6 


4. VIII. 

93 

00 

II 

n 

30. VI. 

94 

79 = 84,0 

» 

6. VIII. 

95 

87 = 91,5 B 

1. VII. 

94 

75 = 79,7 

D 

8. VIII. 

93 

86 = 92,4 „ 

2. VII. 

97 

86 = 88,6 

n 

11. VIII. 

96 

94 = 97,9 „ 

4. VII. ! 

88 

81 = 94,1 

» 

13. VIII. 

93 

90=96,7 „ 

7. VII. i 

93 

85 = 91,4 

n 

15. VIII. 

90 

90 = 100,0 „ 

9. VII. 

86 

79 = 91,8 

r> 

18. VIII. 

90 

88= 97,7 „ 

11. VII. 

90 

83 = 92,2 

n 

20. VIII. 

97 

89= 93,2 r 

14. VII. 

96 

85 = 88,5 

V 

25. VIII.; 

96 

94= 97,9 „ 

15. VII. I 

95 ] 

84 = 88,4 

V 

27. VIII j 

89 

89 = 100,0 „ 

16. VII. ; 

95 

84 = 88,4 

» 

29. VIII. : 

91 

90= 98,9 . 

18. VII. i 

92 

85 - 92,3 

» 

1. IX. 

89 | 

85 = 96,6 „ 

21. VII. 

94 

81 = 86.1 

n 

2. IX. 

88 | 

86= 97,7 „ 

23. VII. 

94 

78 = 82,6 

V 

4. IX. 

91 i 

90= 98,9 „ 


Aus den mitgeteilten Zahlen gewinnt man den Eindruck, dass 
in der zweiten Hälfte des Kuraufenthaltes die Zahl der schlafenden 
Kinder dauernd eine wesentlich höhere als im Anfang gewesen ist. 

Wenn man den Versuch unternimmt, sich ein Urteil über die 
direkten Erfolge zu bilden, die bei den Kindern durch den Aufent¬ 
halt in der Waldschule erreicht werden, so stösst man auf einige 
Schwierigkeiten. Man kann sich veranlasst fühlen, einen wesent¬ 
lichen Erfolg zu erblicken in der tatsächlich auffälligen Änderung 


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17 


in dem Gesamtverhalten des einzelnen Kindes, in der Steigerung der 
Appetenz, in der grösseren Regsamkeit, sowohl der körperlichen wie 
der geistigen, in der günstigen Beeinflussung der Stimmung u. a. m. 
Dies alles sind aber mehr subjektive Momente, die natürlich in ihrer 
Bedeutung unbedingt eine Würdigung auch von seiten des Arztes 
verlangen. 

Gegenüber diesem subjektiven Eindruck, den wir au6 dem 
völlig veränderten Verhalten der Kinder gewinnen, sind wir aber 
genötigt, auch nach einem objektiven Ausdruck für die erzielten Er¬ 
folge zu suchen. Eb stehen uns eine Reihe von Momenten zu Ge¬ 
bote, dieses objektive Crteil über die erzielten Erfolge zu gewinnen. 
Einmal ist hier die Änderung des objektiven Befundes bei den ver¬ 
schiedenen Krankbeitszuständen heranzuziehen, nach der günstigen 
oder ungünstigen Seite hin. Bei der Anämie steht uns- die Be¬ 
stimmung des Hämoglobingehaltes als objektiver Gradmesser zur 
Verfügung. Bei den tuberkulösen Erkrankungen gibt uns die Än¬ 
derung bei Erhebung des physikalischen Untersuchungsbefundes an 
den Lungen mit einen gewissen Anhaltspunkt. Weiterhin können 
wir die Zunahme der Kapazität der Lunge, die sich in einer Ver- 
grösseruug der Differenz zwischen den Brustkorbmassen bei der 
Ein- und Ausatmung dokumentiert, heranziehen. Auch die Zunahme 
der Körpergrösse ist von einigem Belang. An diese Methoden 
reiht sich dann mit als die wichtigste die Bestimmung des Körper¬ 
gewichts an. 

Selbst wenn man alle die angeführten Momente berücksichtigt, 
muss man sich doch bei der Beurteilung der erzielten Heilerfolge 
eine grosse Reserve auferlegen. 

Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass eine grosse 
Zahl von Kindern die ganze Kurzeit nicht voll ausgenutzt hat. Aus 
der oben mitgeteilten Tabelle geht schon unzweideutig hervor, dass 
an manchen Tagen bis zu 13 Kinder von den überwiesenen 101 
gefehlt haben. Noch deutlicher wird dies in einer Übersicht über 
die Gesamtzahl der Tage, an denen die einzelnen Kinder gefehlt 
haben. 

Sodann ist es schwer, für eine Statistik einen geeigneten Grad¬ 
messer zu finden. Ich habe, obwohl manche Einwände zu machen 
sind, die Grade des Erfolges bei den Heilstättenkuren Erwachsener 
auf die Zöglinge der Waldschule übertragen; mit Erfolg A die¬ 
jenigen Kinder belegt, bei denen objektiv keine wesentliche Ver¬ 
änderung mehr nachweisbar war, mit Erfolg A —B diejenigen, bei 
denen die Krankheitserscheinungen sich bis zu einem gewissen Grade 
zurückgebildet hatten, mit Erfolg B diejenigen, bei denen keine 
Änderung zu konstatieren war, und mit Erfolg C diejenigen, bei 
denen eine merkliche Verschlimmerung sieb feststellen liess. 

Centralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXV 1 ] 1 . Jahrg. 2 


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Bezüglich der Anämie habe ich leider nur bei wenigen Kindern 
eine Schlussbestimraung des Hämoglobingehaltes des Blotes, wie oben 
erwähnt, vornehmen können, mich im übrigen auf die Verwertung 
der Änderung der Hautfarbe des Gesichts, der Änderung des Tur- 
gers der Gewebe der Hant, des Verhaltens des Körpergewichts und 
der Änderung des Gesamtverhaltens des Kindes beschränken müssen. 

Bei den tuberkulösen resp. tuberkuloseverdäcbtigen Kindern 
habe ich für die Beurteilung des Erfolges neben den vorstehenden 
Veränderungen noch das Verhalten der Dämpfung sowie des Atem¬ 
geräusches über den Longen herangezogen. 

Nur mit allem Vorbehalt ist deshalb die weiter nnten mitge¬ 
teilte Statistik zu bewerten, wobei ich nochmals bemerke, dass fast 
durchweg in ihrem Ernährungszustände sehr reduzierte Kinder zur 
Aufnahme gelangt waren. 

Um einen Einblick in die Dauererfolge zu erhalten, wird es 
geboten sein, die Kinder in regelmässigen Zeitabständen einer 
Nachuntersuchung zu unterwerfen. 

Die Anfangsgewichte habe ich in der folgenden Tabelle zu¬ 
sammengestellt. Es wogen zu Beginn des Aufenthaltes: 

Tabelle XI. 



,1 

Klasse ! 

il 

ü 

o , 

T ! 

rc i 

41-45 

40—50 

51-55 

56-60 

tO 

CD 

i 

CD ; 

66-70 

kO 1 
t*- 

i 

o- 

75-80 

1 iG> r 

| | Pfund 
JL 't 

1 ao , 

V. 

Alter 8— 9 J. \ 

4* 

8 

8 

1 5 i 

_ 

• _ 

| 

1 _ 

l _ | 

j 

IV. 

„ 9-10 J. I| 

- 

4 

10 

1 .6 ] 

1 

l 

i i 

| - 

— 

1 r> 

: ] 

III. 

„ 10-12 j. ; 

— i 

1* 

4 

7 

3 

i 6 

1 3 

1 

— 

— 1 , 

II. 

„ 11-13 J. . 

— 

1 

3 

5 

5 

, 4 

4 

1 

1 

~ i, 


1 

6 

14 

25 

23 i 

9 

i 11 

, 8 

2 ■ 

1 

— jl 


* Ein Kind fällt ans, weil weder Anfang- noch Endgewicht wegen 
Versäumnis bestimmt werden konnten. 


Tabelle XII. 


V. 

" ‘ •< ! * : 

il 2* 

7f 

10 

5 

i 

4 

_ j 

- 


_■ 

i, ■". 

i. 

" j 

IV. 

II 

o 

3 ! 

13 

4 

2 [ 

— 

i 

— ■ 


m. 

' — 

-- 

1* , 

5 

6 

4 

5 

2 

o 

— ' 

ii. 

Il - 

— 

1 

4 

4 

5 1 

3 

4 

1 

2; 

ii 


.7 2 


i5: 

27 

18 

11 ! 

8 : 

7 

3 

2 ," 


* Ein Kind fällt aus. 

Tabelle XII zeigt die Verschiebung in den Gewichtszahlen am 
Schlüsse des Waldschulaufenthaltes. 

In der folgenden Tabelle sind die absoluten Gewichtszunahmen 
zusammengestellt. 


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— i9 — 


Tabelle XIII. 


Klasse 

ll über 
|| 1-2 

über 
2-3 1 

über 1 
3—4 

über 

4-5 

| 

über 

6—6 

' über 
| G - 7 

über 

7-8 

S be q r 1 Pfund 
o 9 | 

V 

!| 1 

1 

9 

8 

5 

2 i 


_ 

- I 

IV 

i' 1 

7 

2 

8 

3 

2 

2 

|i 

III 

,j 2 

4 

9 

4 

4 

1 

1 

- I! 

II 

3 

ii_i 

4 

G 1 

_j 

6 

_!_ 

1 

2 ! 

i 

1 

1 1 


!l 7 ; 

i 

24 

25 

23 | 

io 

; & ; 

4 

i 


Die nächste Tabelle erg-iht eine Übersicht über die Durcb- 
sehnittsgewicbte. 

Tabelle XIV. 



Durch- 

Durch- 

Durchsehn.- |Es blieben sämtl. 

Es blieben 

Klasse 

Schnitts- 

schnittsgew. 

Gew.derBres- Kinder zurück 

die tuberkul. 

gewicht sämt- 

der tuberkul. 

lauer Normal- gegen den Durch- 

Kinder 


licher Kinderj 

Kinder 

Schulkinder 1 

schnitt um 

zurück um 

V 

22,30 kg 

21,93 kg 

23,87 kg 

-1,57 kg 

-1,94 kg 

IV 

24.54 kg 

26.24 kg(!) 

26,18 kg 

—0,64 kg 

+0,0G kg 

III 

28,84 kg 

28,65 kg 

28.83 kg 

+0,01 kg 

-0,18 kg 

II 

29,93 kg 

29,68 kg 

30,34 kg 

—0,41 kg 

— 0,6G kg 


Aus der Tabelle geht hervor, dass bedeutendere Gewichts¬ 
differenzen gegenüber den an den Breslauer Volksschulen ermittelten 
Durchschnittsgewichten nur in den Klassen V und IV bestanden. 

Das Durchschnittsgewicht sämtlicher Dortmunder Waldschüler 
betrug 26,40 kg, gegenüber 28,96 kg in Charlotten bürg (1904) und 
25,46 kg in Mülhausen i. Eisass (1906). 

Das niedrigste Gewicht war bei den von mir beobachteten 
Kindern 17,65 kg, das Höchstgewicht 40,10 kg. 

Am Schluss des Kuraufenthaltes betrug das Durchschnitts¬ 
gewicht 28,30 kg; es resultiert demnach eine Durchschnittsgewichts- 
Zunahme von 1,90 kg. 

Dass auch das Wachstum günstig beeinflusst wurde, geht aus 
folgender Zusammenstellung hervor. Es nahmen zu in 


Tabelle XV. 


Klasse o 

IJ o 

c 

1 5 

cT 

ä 3 

y | y 
O. lO 1 

O 

(N 

5 1 

CM 1 

G 

£ 

© 

rf 

e >| 

g-il 


V 3 

2 ' 

9 4 

4 

! *1 

_ 

i 

2 Kinder fehlten am Schluss 

IV - 

4 

6 8 

4 

1 

1 

— 1 Kind fehlte am Schluss 

III - 

1 

3 5 

9 

i * 

3 

| — 

i 

X V V V V 

II || 2 

1 

5 8 

4 

j. — 

3 

■ — ! 


i 5 

8 

1 23 1 25 1 

1 1 

21 

7 

7 

1 

= 974 4 — 101 


□ igitized by Google 


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20 


>> 


>4 • 


Wenn icb nunmehr den Versuch einer Klassifizierung der er¬ 
zielten Erfolge unternehme, so ist, wie ich oben bereits ausführte, 
für die Beurteilung die Gesamtdauer des Aufenthaltes von grossem 
Belang. Bei einer Zusammenstellung ergibt sich, dass recht viele 
Kinder oft und auch lange gefehlt haben, so dass der Erfolg der 
Kur natürlich beeinträchtigt wurde. In der folgenden Tabelle habe 
ich die Schulversäumnisse geordnet. 

Es fehlten in: 


Tabelle XVI. 


Klasse 

1 

,0 

i 

i i 

,2 

[3 

4 

5 

6 

7 

8 

9 

10 

12 

1 1 

13115 

16 

[17 

19 

21 

24 25 

30 

38 Tage 

V 

10 

4 

1 

1 

_1 

_j 

2 

1 

_ 


1 

_ 

1 

_ 

_ i 

1 

1 

1 

1- 

_ 

1 (26) 

IV 

10 

2 

3 

1 

1 

2 

— 

2 

— 

—1 

— 

1 

1 

— 

— 

— 

— 

1 

-— 


1 l (25) 

III 

7 

6 

2 

3 

1 

2 

— 

2 

1 

— 

— 

— 


1 


— 

— 

— 

1 — 

— 

(26) 

II 

1 

5 

5 

2 

1 

3 

2 

1 


1 

2 

— 

|— 

| 

1 “ 

1 

— 

— 


- - 

1 

-|| (24) 

to 

GO 

17|ll 

1 7 

1 5 

i 6 

: 3 ; 5 2 

2 

1 

F 

2 

1 

M 1 

1 

2 

ff 

1 

1 

| 2 || ( 101 ) 


In anderer Weise zusammengestellt, ergibt sich folgende Ta¬ 
belle. Die Kurdauer betrug 74 Tage. Es waren anwesend: 


Tabelle XVII. 


© 

bJD 

X 

H ; 

Klasse 

V 

Klasse Klasse 
IV III 

Klasse 

II 



© I 
u 

x ; 

P 1 

iKlasse Klasse 
V IV 

Klasse Klasse 

ui 1 11 

74 

10 

10 

7 

L 1 

— 

28 

61 

_ 

1 



=1 

73 

4 

1 2 

1 

6 

1 5 

= 

17 

60 

— 

— 

— 

1 1 

= l 

72 

1 

2 

2 

4 

= 

9 

59 

1 


•1 


= 1 

71 

1 

1 

3 

1 


6 

58 



1 

1 

= 1 

70 

— 

1 

1 

3 

= 

5 

55 

2 

1 


— 

= 3 

69 

— 

2 

2 

2 

, = 

6 

53 

1 

1 

I 

_ 

= 2 

68 

2 


— 

• 1 

! — 

3 

52 

1 

1 


1 _ 

-* 

67 

1 

2 

2 

; — 

=. 

5 

51 

1 

— 

— 

— 

= l 

66 

1 — 

— 

1 

1 

= 

2 

50 

— I 

— 

1 

— 

= 1 

65 

— 

— 

— 

3 

< = 

3 

37 

— 

— 

1 — 

1 

= 1 

64 

1 

1 — 

— 

1 

= 

1 

36 

1 

1 

— 

1 “ 

= 2 


Es 

ergibt 

sich 

somit, 

dass 

27 Kinder 

mehr 

als 

eine 

Woche 


fehlten. Bei Versäumnissen von mehr als 14 Tagen lag in drei Fällen 
Erkrankung an Angina vor, in zwei Fällen an „Krämpfen“, in je 
einem Fall an Hauttuberkulose, Scharlach, Windpocken uud Ekzem. 
Zwei Kinder fehlten längere Zeit wegen Erkrankung der Mutter. 
Ein wahrscheinlich tuberkulöses Kind musste längere Zeit wegen 
einer starken Bronchitis das Bett hüten. Im allgemeinen war der 
Kuraufenthalt demnach durch ernstere Krankheiten nicht unterbrochen. 


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Die kleineren Versäumnisse waren bedingt durch Verschlafen, un¬ 
taugliches Schuhwerk und wohl durch die Auffassung von seiten 
der Eltern, dass fUr den Besuch während der Ferienzeit etwas 
grössere Willkür Platz greifen konnte. 

Unter Berücksichtigung der oben angeführten Gesichtspunkte 
habe ich den Versuch gemacht, die erzielten Erfolge zu gruppieren. 
Wie ich auseinandergesetzt habe, ist bei den folgenden Zusammen¬ 
stellungen das subjektive Moment soweit wie möglich ausgeschaltet 
worden. Ob Dauererfolge erzielt worden sind, müssen die Nach¬ 
untersuchungen lehren. 

Tabelle XVIII. 


Klasse; 

i 

A 

A-B 

B 

V 

! C 

1 

1 


ii 

V 't 

8 

15 

2 

i 

1 l 

= 26 

IV 

11 

4 

7 

3 , 

1 = 25 

m 

21 

2 

3 

1 1 

; = 26 

ii 

12 

5 

5 

1 i 

1 

! = 23 1 Kind fällt aus 

Sa. ; 

52 I 

26 

17 

5 

= 100 Kinder 


Die folgende Tabelle zeigt die Gruppierung nach den er¬ 
mittelten Krankheitsbildern. 

Tabelle XIX. 


" 1 

Diagnose ! 
e i 

i ; 

[ A |A—B 

i i 

B 

1 

i 11 

c ' 

Anämie .... 

24 7 

4 

!' 

1 = 36 1 Kind fällt weg 

Affect. apicisi 

22 | 19' 

10 1 

4 ji= 55 

Skrofulöse.. 

4 ! - 

3 

— lies 7 

Rachitis ... . l 

2 j - 

— 

- : := 2 

II 

Sa. 

52 ' 26 

17 

5 '=100 


Die Zusammenstellung nach Krankbeitsbildern und Klassen 
ergibt folgendes Bild: 

Tabelle XX. 


Klasse i 

i 


Anämie 

|[ Affect. 

apicis 

1 

Skrofulöse 

Rachitis 

; a 

n.B 

B | 

c 1 Ä" 

AB 

I B ! 

c 

A | A-B 



a 

V ! 

! 3 

: 4 1 

1 

— 3 

ii 

1, 

1 

1 | - 


— 

l 

IV 

1 6 

! 1 i 

2 l 

- 3 

3 

3 

3 , 

: i ! - 

2 

— 

l 

III 

9 

2 

— 

— 11 


3 

— 

■ 1 - j 

— 

— 

— 

II ! 

1 6 

— 

1 

1* 5 1 

5 | 

3 

— 

, 1 — 

j i 

i 


— 

i 

1 

J24 

;T i 

4 

1 ; 22 

i 19 

10 ' 

4- 

• - 4 — 

3 

— 

2 

1 


36 



55 

“Y 

* 

i : i * 

(* * 




* Kompliziert mit Hauttuberkulose. — 1 Kind fällt fort. 


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22 



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Die Tabellen lehren, dass bei etwa genau der Hälfte der 
Kinder (52 von 101) der Erfolg ein befriedigender war, dass ferner, 
was wohl von vornherein zn erwarten war, die einfachen Anämien 
am günstigsten beeinflusst worden sind. Weniger günstig gestaltete 
sich das Ergebnis bei den tuberkulösen und auf Tuberkulose ver¬ 
dächtigen Kindern. Ich glaube allen Anlass zu haben zu der An¬ 
nahme, dass bei allen denjenigen Kindern, die unter der Gruppe 
A—B vereinigt sind, nach ganz kurzer Zeit die günstigen Folgen 
des Waldschulaufenthaltes verwischt sein werden; es blieben dann 
mit günstigem Erfolge nur 22 von 55 Kindern = 40°/ 0 . 

Berechnet man das Prozentverhältnis, so ergibt sich folgende 
Tabelle: 


Tabelle XXI. 


Erfolg 

H f 

n Anämische , 
j Kinder 

Tuberkulöse 

Kinder 

A 

" 66,7 o/o 

o 

© 

O 

A-B 

19,4 % 

34,5 % 

R 

11.1 % 

18,2 °/o 

C 

2.8 °/ 0 

7,3 o/o 


1 


Darnach würden von sämtlichen Kindern (100) 19,7 °/ 0 ohne 
jeden Erfolg die Waldschule besucht haben. 

Das relativ ungünstige Ergebnis ist bedingt einmal dadurch, 
dass wir durchweg recht elende Kinder aufgenommen hatten, zum 
anderen dadurch, dass wir den auf Tuberkulose verdächtigen Kindern 
den Vorrang gelassen batten von dem prinzipiellen Gedanken aus, 
den Versuch zu machen, die Waldschule in den Dienst der Tuber¬ 
kulosebekämpfung zu stellen. 

Die günstigsten Ergebnisse wies die Klasse III auf, eine Be¬ 
obachtung, die sich als Tatsache unwillkürlich auch den Lehr¬ 
kräften aufgedrängt hatte, die ungünstigsten die Klasse V. Letztere 
Tatsache findet vielleicht darin ihre Erklärung, dass die elenden 
8—9 jährigen Kinder den Anstrengungen, die schliesslich doch mit 
der Hin- und Rückfahrt zur Waldschule und den vielleicht für sie 
überreichlich bemessenen körperlichen Betätigungen während des 
ganzen Tages nicht gewachsen sind. Es bleibt zu erwägen, ob es 
nicht zweckmässiger ist, die Jahrgänge um einen zu verschieben 
und dadurch die Kinder der ersten Klassen mit aufzunehmen; das 
würde auch den weiteren Vorteil nach meinem Dafürhalten haben, 
dass man dieseu Kindern unmittelbar vor Eintritt in das Erwerbs¬ 
leben noch die Möglichkeit gäbe, ihren Körper zu stählen. 

.•'Vjsdii ich*!aüm*\-Schlüsse die Ergebnisse der übrigen Wald¬ 
schulen *<left£b ‘(Ter 'Dortmunder Schule vergleiche, so ergibt sich 



G6‘ gle 


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23 


zunächst, dass Charlottenburg wesentlich nngiiostigere, M.-Gladbach 
wesentlich günstigere Resultate erzielt hat. 

Tabelle XXII. 


Staffelung j 1 

Charlottenburg 

M.-Gladbach 

Dortmund 

der Erfolge ! 

1904 

1907 

1908 

I geheilt. 

19,6% 

73,n% 

53,3% 

I/II gebessert .. J\ 

44.6 % 

19,5% 

27,0 o/ 0 

II unveränderlich! 

33,9% 

{7,0% 

14,7% 

III verschlimmert j 

1,9 % 

5,0 o/ 0 

ii 

100,0% 

100,0% 1 

100,0 o/ 0 


Bezüglich der vollen und noch befriedigenden Erfolge bestehen 
erhebliche Differenzen: Bend ix berechnet 64,2°/ 0 , Grau 93°/ 0 
und ich ermittelte 80,3 °/ 0 . 

Die Unterschiede können einmal in der Person des die Er. 
gebnisse beurteilenden Arztes liegen, insofern der eine einen strengeren 
Massstab anlegt als der andere. 

Sodann kann das in Betracht kommende Material für die 
Differenz verantwortlich gemacht werden. 

Es ist ferner zu bemerken, dass Grau ebenso wie ich in der 
Statistik diejenigen Kinder nicht mit verwertet hat, die am Schluss- 
untersuchungstage nicht anwesend waren (in seiner Statistik er¬ 
scheinen nur 200 von 253 aufgenommenen Kindern). 

Schliesslich ist für die Beurteilung der erzielten Erfolge auch 
die Dauer des Aufenthaltes von besonderer Bedeutung. 

Dieses Moment wird noch besonders in den erreichten Gewichts¬ 
zunahmen zum Ausdruck kommen, wie die nachfolgende Über¬ 
sicht lehrt. 


Tabelle XXIII. 


Ort j 

Anfangs¬ 

gewicht 

End- 

i gewicht 

1 Absolute 
j Zunahme 

Dauer 

' d. Aufenthalts 

Charlottenburg 1904 

28,964 kg 

31,856 kg 

1 2,832 kg 

90 Tage 

Mülhausen i. E. 1906 

25,458 kg 

27,80 kg 

2,30 kg 

i 150 Tage 

M.-Gladbach 

1907 j 

vakat 

vakat 

1,20 kg 

| 60 Tage 

Elberfeld 

1907 | 

vakat 

vakat | 

1,60 kg 

123 Tage 

Dortmuud 

1908 

28,400 kg 

28,300 kg 

1,90 kg 

1 74 Tage 


Wenn man alle Zahlen sich vor Augen hält, so lässt sich so¬ 
viel sagen, dass die ärztlichen Erwartungen, die an die Wirkung 
der Heilfaktoren der Waldschule geknüpft wurden, sich in vollem 
Umfange bestätigt haben. 


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Sämtliche bisher erstatteten Berichte legen beredtes Zeugnis 
davon ab, dass die Waldschule, die jüngste kommunale Fürsorge¬ 
einrichtung, als eine bedeutsame hygienische, soziale und heil¬ 
pädagogische Massnahme sich erwiesen bat. 

Dass sie im Kampfe gegen die Tuberkulose sich als nutz¬ 
bringende Einrichtung an die Seite der bisher vorhandenen Ver¬ 
anstaltungen stellt, ist meine feste Überzeugung. 

Ich schliesse meine Betrachtungen mit einer Übersicht über 
den nunmehr abgeschlossenen vorliegenden Etat pro 1908. 

A. Einmalige Einrichtungskosten. 

a) Bauliche Änderungen an dem Hause: 

1. Bauarbeiten. 1230.29 M. 

2. Schreinerarbeiten .... 585.34 „ 

3. Pappdach. 67.17 „ 

4. Fuhren, Dränrohre, Sträucher 195.00 „ 

Summa 2077.80 M. 

b) Kosten der Schulbaracke: 

1. Baracke mit Montage . . . 5014.15 M. 

2. Schulbänke. 945.00 „ 

3. Lehrmittelschrank .... 120.00 „ 

4. Pulte, Stühle Wandtafeln . 593.00 „ 

Summa 6672.15 M. 

c) Liegehalle: 

1. Lieferung und Montage . . 1100.26 M. 

2. Liegestuhle (104) .... 409.85 „ 

3. Vorhang mit Zugvorrichtung 254.00 „ 

Summa 1764.11 M. 

(1) Einricbtungsko8ten: 

1. Küche: 


a) Eisschrank . . 

337.00 

M 

ß) Wage .... 

24.00 

r 

T) Eisen roste . . . 

43.50 

n 

b) Herd .... 

451.00 

n 

e) Küchengerät . . 

547.00 

n 

L) Küchenmöbel . . 

1052.10 

T) 


Summa 2454.60 M. 


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25 


2. Speisezimmer. 

451.00 M. 

3. Mädchenscblafzimmer . . . 

178.33 „ 

4. Wäsche und Decken . . . 

465.95 „ 

5. Spiel- und Turngeräte . . 

191.00 „ 

Summa 

3740.88 M. 

e) Planierung des Platzes, Be- und Entwässerung: 

1. Planierung. 

204.40 M. 

2. Wasserleitung. 

325.39 „ 

Summa 529.79 M. 

B. Betriebskosten. 

a) Naturalien. 

3917.52 M. 

b) Fahrtausweise. 

1842.00 „ 

c) Lühne. 

437.10 „ 

d) Vertretungskosten . . . . 

791.60 „ 

e) Zulagen an die Lehrkräfte . 

558.40 „ 

f) Kohlen. 

25.40 „ 

g) Wasser. 

19.40 „ 

h) Eis. 

36 30 „ 

i) Arzneien etc. 

43.05 „ 

k) Sonstiges (Instrumente etc.). 

125.03 „ 

Summa 

7799.20 M. 

C. Einnahmen. 


a) Beiträge von seiten der Pfarreien 

3070.00 M. 

b) „ „ „ des Wohltätig- 


keitsvereins. 

500.00 „ 

c) Beiträge von Seiten der Eltern . 

842.40 „ 

d) Einnahme aus der, Sammelbüchse 

41.19 „ 

e) „ aus Kttchenabfällen . 

9.00 „ 

Summa 

4462.59 M. 

mithin 


A) Ausgaben: 


I. Einmalige Einrichtungskosten . 

14784.73 M. 

11. Betriebskosten. 

7 799.20 „ 

III. Miete. 

400.00 „ 


22983.93 M. 

B) Einnahmen. 

4462.59 M. 


Somit städtischer Zuschuss 1908 . 18521.34 M. 

Der städtische Zuschuss bleibt somit um 1178.66 M. gegen 
den Voranschlag zurück. 


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Benutzte Literatur. 

1 . Neufert u. Beudix, Die Charlottenburger Waldschule. Berlin 1906. 

3. Neufert, Die Waldschulen. VII Jahresversamml. des Allgem. Deut¬ 
schen Vereins für Schulgesundheitspflege. Dresden 1906. 

3. Schaefer, Zur Eröffnung der Waldschule der Stadt M. Gladbach. 
Diese Zeitschrift, 25. Jahrg. 1906. 

4. Grau, Ergebnisse der Waldschule. Diese Zeitschrift, 27. Jahrg. 1908. 

5. König, Die Waldschule in Mülhausen i. E. Strass bürg 1906. 

6 . Wanger, Die Waldschule in Mülhausen i. E. Archiv für Städte¬ 
kunde 1906. 

7. Kraft, Waldschulen. Zürich 1908. 

8 . Sprungmann, Bericht des Rekouvaieszenten-Vereins. Elberfeld 1907. 
Ärztlicher Bericht: Stadtarzt Dr. Wolff. 

9. Bendix, Über die Charlottenburger Waldschule. Deutsche Viertel¬ 
jahrsschrift f. ötfentl. Gesundheitspflege 1907, Bd. 39, Heft 2. 

10. Bienstock, Die Waldschule iu Mülhausen i. E. Zeitschrift f. Schui- 
gesundheitspflege 1907, Heft 4. 


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Bauhygienische Rundschau. 


Der Entwurf einer neuen Landesbauordnung 
für Württemberg. 


Während von den sechs Abschnitten des Gesetzentwurfs der 
erste, fünfte and sechste Abschnitt im wesentlichen formale und Zu¬ 
ständigkeitsfragen regeln, bezieht sich der zweite Abschnitt auf die 
„Anlage der Orte und Ortsstrassen“ (entspricht also dem Preussi- 
sehen Fluchtliuiengesetz), enthält der dritte Abschnitt „polizeiliche 
Bestimmungen für die einzelnen Bauten“ (stellt also eiue Lau¬ 
desbauordnung im engeren Sinne dar), verfügt endlich der vierte 
Abschnitt die Einrichtung und Führung des öffentlichen „Bau- 
1 asten buch s“ in jeder Gemeinde. 

Der Regierungsentwurf bat nach längeren Beratungen erheb¬ 
liche Änderungen durch die Beschlüsse der Zweiten Kammer 
erfahren, nicht immer in verbesserndem Sinne. Man glaubt bei 
Vergleichung des ursprünglichen mit dem veränderten Texte viel¬ 
fach den Einfluss der Baulandspekulation und die Furcht der 
Zweiten Kammer vor herzhaftem Zufassen zu bemerken. Nun liegt 
der Gesetzentwurf bei der Ersten Kammer, die manche Bestimmung 
im Sinne der Regierung wiederherstelleu kann. Ob schliesslich eine 
Gesamtfassung sich ergeben wird, welche die Regierung zur Publi¬ 
kation als Landesgesetz geeignet befinden wird, das mag dahin¬ 
stehen. An gesetzgeberischem Bemühen fehlt es nicht. 

Die Feststellung von Ortsbauplänen oder einzelnen 
Baulinien (nebst Höhenlinien) ist nach Art. 4 Sache des überein¬ 
stimmenden Beschlusses beider kommunalen Körperschaften, nämlich 
des Gemeinderats (Magistrats) und des Bürgerausschusses (Stadt¬ 
verordnetenversammlung). In weiträumig gebauten Landorten soll 
von der Feststellung von Bauliuien in der Regei Umgang genommen 
werden; so hat wenigstens die Zweite Kammer beschlossen. Zweck 
dieser Bestimmung ist augenscheinlich eine Art Heimatschutz; die 
Wirkung kann aber recht nachteilig werden, da solche Landorte 
keineswegs immer frei von Verkehrsschwierigkeiten, oft auch in 
raschem Wachstum begriffen sind. Wo weder der Verkehr noch 
die Bautätigkeit Fürsorge verlangen, ist eine allgemeine Baulinien- 


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festsetzung in enggebauten Stadtteilen aus wirtschaftlichen und künst¬ 
lerischen Gründen vielleicht noch mehr zurückzuweisen als in weit- 
gebauten Landorten; die gesetzliche Herausnahme der letzteren hat 
deshalb keinen rechten Sinn. Der Eingriff von Fall zu Fall ist 
aber aus Verkehrs- und Gesundheitsrücksichten weder in ländlichen 
noch in städtischen Verhältnissen zu vermeiden. 

Zweckmässig ist die — im Preussischen Gesetz fehlende — 
Bestimmung, dass ausser den eigentlichen Ortsstrassen (Baustrassem 
auch öffentliche Feuergassen und Fusswege festgestellt werden 
können; die Zweite Kammer hat aus den Fusswegen allgemein Ver¬ 
bindungswege gemacht, was in den Ortsbauplan ein Element der 
Unklarheit und zukünftigen Schwierigkeiten bineintragen kann. 

Abweichend vom preussischen Gesetz soll der ßaulinienplan, 
nachdem er von den Gemeindekollegien beschlossen worden ist, nur 
acht Tage lang zur Entgegennahme von Einwendungen öffentlich 
ausgelegt werden; alsdann soll eine zweite Beschlussfassung der Ge¬ 
meindebehörden folgen. Der so beschlossene Plan bedarf zwar nicht 
der staatlichen Genehmigung; wohl aber ist der Plan mit den Akten 
der Staatsbehörde (in grossen und mittleren Gemeinden dem Mini¬ 
sterium des Innern, in kleineren Gemeinden dem Bezirksrat) vorzu¬ 
legen ; er ist vollziebbar, wenn nicht binnen zweier Monate eine Ein¬ 
sprache der Staatsbehörde erfolgt. — Uns scheint die preussische 
Bestimmung, nach welcher über die Einwendungen der Beteiligten 
nicht dieselben Gemeindebehörden, die den Plan beschlossen haben, 
sondern eine Staatsbehörde beschliesst, zweckmässiger zu sein. 
Schliesslich kann zwar auch nach dem württembergischen Entwurf 
die Staatsbehörde ihr Veto einlegen; da sie aber erat gegen Ende 
des Verfahrens eintritt, so ist eine positive Einwirkung erschwert. —- 
Ein Fortschritt gegenüber dem preussischen Gesetz ist die Be¬ 
stimmung in Art. 5a, dass ausser dem Verkehr, der Gesundheit, 
der Feuersicherheit und der Vermeidung von Verunstaltungen auch 
das Wohnungsbedürfnis, sonstige wirtschaftliche Verhältnisse der 
Einwohner sowie die Erhaltung schöner Stadt- und Naturbilder 
zu berücksichtigen sind und auf die Schaffung schöner Platz- und 
Strassenbilder hingewirkt werden soll. Die Zweite Kammer hat die 
Erhaltung der Friedhöfe hinzugefügt; die Forderung in dieser 
allgemeinen Form kann indes zu unliebsamen Schwierigkeiten 
führen. Begründeter wäre die Forderung, dass Friedhöfe, sobald 
sie von der städtischen Bebauung umklammert sind, nicht mehr als 
solche erhalten und benutzt werden sollen. 

Als sachgemäss sind anzuerkennen die Bestimmungen, dass 
nicht bloss endgültige Vorgärten (wie im preussischen Gesetz), son¬ 
dern auch vorläufige, zur späteren Einverleibung in die Strassen be¬ 
stimmte Vorgärten, ferner rückwärtige und seitliche Baulinien, end- 


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lieh einseitig zu bebauende Strassen (Panoramastrassen) oder strecken¬ 
weise auf beiden Seiten frei zu haltende Strassen festgesetzt werden 
können. 

Eine harte, dem sächsischen Gesetz entlehnte, dem preussischen 
Fluchtliniengesetz unbekannte Massriegel ist die Verhängung der 
Bausperre durch Gemeindebeschluss auf ein Jahr, wenn es sich 
um Feststellung von Fluchtlinienplänen von geringer Ausdehnung 
oder um Abänderuug von Ortsbauplänen, auf drei Jahre, wenn 
es sich um die Aufstellung umfassender Ortsbaupläne oder von 
„Ortsbausatzungen“ (von welchen später die Rede sein wird) han¬ 
delt (Art. 5b). Freilich ist in Württemberg das noch einschneiden¬ 
dere allgemeine Bau verbot nach § 12 des preussischen Gesetzes nicht 
beabsichtigt. 

Das Recht zur Enteignung der Strassen- und Platzflächen soll 
nach der Abänderung der Zweiten Kammer (Art. 6 a) kein unbe¬ 
dingtes sein, wie es der Regieruugsentwurf nach Art des preussi¬ 
schen Gesetzes will, sondern abhängig sein von der Frage, ob die 
Flächen nötig sind zur sofortigen Herstellung der Strassen oder 
Leitungsnetze oder, „um dem Besitzer eines an die Strasse stossen¬ 
den Grundstückes die Erstellung eines Gebäudes an ihr zu er¬ 
möglichen“. Wozu, so fragt man, diese zaghafte Einschränkung 
des Gemeinderechts und wozu andererseits die besondere Fürsorge 
zur Ermöglichung eines einzelnen Baues an unfertiger Strasse? Der 
begünstigte Grundbesitzer wird freilich der Gemeinde die Enteignungs- 
kosten ersetzen müssen, aber er hat ein Rückforderungsrecht, in¬ 
soweit die Gemeinde später audere Eigentümer zu den Beiträgen 
heranzieht. Die Ordnung eines solchen Spezialfalles im sofortigen 
Zusammenhang mit der grundsätzlichen Zuerkennung des Enteignungs¬ 
gesetzes an die Gemeinde berührt eigentümlich. 

Der Eigentümer kann ferner die Enteignung des Platzlandes 
verlangen, wenn die den Platz umgebenden Strassenflächen erworben 
sind, ebenso die Enteignung des Strassenlandes, wenn er die Strassen- 
fläche freilegt und auf ihr die Wiederherstellung eines seitherigen 
Gebäudes untersagt wird (Art. 7). Auch kann ein Eigentümer die 
Enteignung seines Grundstücks verlangen, wenn dies an einem nach 
dem Ortsbauplan zu schliessenden Wege liegt, sobald die Schliessung 
des Weges erfolgt oder die Erneuerung des Gebäudes untersagt 
wird (Art. 8i. 

Ein Entgegenkommen gegen ländliche Verhältnisse und zu¬ 
gunsten von Kleinwohnungen ist es, dass die Gemeinden zwar die 
Strassen zu erbauen und zu befestigen haben, dass aber Bürger¬ 
steige, Wasserversorgung, Wasserableitung und Beleuchtung nur 
auszuführen sind, soweit es erforderlich ist (Art. 10). 


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Die Herstellung der Anbaustrassen soll in der Regel vor dem 
Anbau erfolgen, und zwar nicht wie in Prenssen nach dem freien 
Ermessen der Gemeinde, sondern auch auf Verlangen der Eigen¬ 
tümer, wenn sie zur Kostenübernahme sich verpflichten. Auslagen, 
welche die Gemeinde durch spätere Beitragerhebung deckt, sind 
zu erstatten. Auch die ßauerlaubnis an „unfertigen“ Strassen ist 
nicht ins freie Ermessen der Gemeinde gestellt. Wohl kann die 
Bauerlaubnis versagt werden, wenn öffentliche Einrichtungen zur 
Wasserversorgung und Wasserableitung nicht vorhanden sind. Die 
Banpolizeibehörde kann aber auch die Beschaffung dieser Ein¬ 
richtungen dem Bauenden auf seine Kosten auferlegen. Das 
Pehlen einer geordneten Zufahrt von der nächsten Ortsstrasse 
her ist kein Grund zur Verweigerung der ßauerlaubnis; der Bau¬ 
ende hat aber für Herstellung und Unterhaltung einer solchen Zu¬ 
fahrt bis zur ortsbauplanmässigen Herstellung der Strasse Sorge 
zu tragen. Er hat das Recht, zu verlangen, dass die Gemeinde zu 
seinen Gunsten das Enteignungsrecht ausübe, wenn dies zur Her¬ 
stellung der Zufahrt und der genannten Einrichtungen nötig ist und 
v er die Kosten übernimmt (Art. 13). — Diese, schon bei Art. 6 a 
erwähnte Fürsorge für den einzelnen Baulustigen unter zwangsweiser 
Enteignung der Nachbarn kann u. E. nur gebilligt werden, wo die 
Erschliessung von Bauland eine öffentliche Notwendigkeit ist. In 
Preussen hängt die Erschliessung vom alleinigen Ermessen der Ge¬ 
meindebehörden ab, gegen die es keinen Zwang gibt. Ist dies ein 
unbefriedigender Recbtszustand, so erscheint es uns aus wirtschaft¬ 
lichen und hygienischen Gründen noch weniger richtig, das Ent¬ 
eignungsrecht in den Dienst des einzelnen Grundbesitzers zu stellen. 
Ebensowenig vermögen wir dem von der Zweiten Kammer abgeän¬ 
derten Art. 14 zuzustimmen, wonach Privatstrasseu auf Ver¬ 
langen der Grundbesitzer unbedingt in den Ortsbauplan aufgenommen 
werden müssen und nur wegen späterer Übernahme der Strassen 
Sicherheit verlangt werden kann. Mindestens müsste doch durch 
Gemeindebeschluss anerkannt werden, dass ein öffentliches Interesse 
nicht entgegensteht und der übrige Ortsbauplan nicht in Mitleiden¬ 
schaft gezogen wird. 

Die Beitragspflicht zu den Strassenkosten soll im Art. 15 da¬ 
hin geregelt werden, dass gemäss Ortsbausatzung der ratierliche Er¬ 
satz des von der Gemeinde bewirkten Aufwandes stattfindet, sobald 
die Strasse hergestellt und ein Gebäude errichtet ist. Auch Eigen¬ 
tümer von Gebäuden, die vor dem Inkrafttreten der Ortsbausatzung 
errichtet wurden, sind beitragspflichtig, insoweit sie nicht nach 
weisen, dass die Strassenanlage den Wert nicht entsprechend ge¬ 
steigert hat; unter Umständen auch die Eigentümer unbebauter Grund¬ 
stücke, wenn diese gegen Entgelt veräussert worden. Siud diese Be- 


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Stimmungen kaum anfechtbar, so ist um so mehr zu bedauern, däss die 
Zweite Kammer die in der Regierungsvorlage enthaltene Bestimmung 
gestrichen hat, wonach bei Festsetzung der Strassenkostenbeiträge 
„für Gebäude, die dem Zwecke der Beschaffung billiger, gesunder 
und zweckmässig eingerichteter Kleinwohnungen für Minderbemittelte 
dauernd zu dienen bestimmt sind, besondere Vergünstigungen ein¬ 
geräumt werden“ können. Die Streichung dieses Satzes, der nicht 
efwa eine Vergünstigung für gesunde Kleinwohnungen anordnen, 
sondern nur ermöglichen wollte, „lässt tief blicken“! 

Das Recht der „Zonenenteignung“ kann den Gemeinden durch 
das Ministerium des Innern von Fall zu Fall verliehen werden, wenn 
es sieb um Strassendurchbrüche, um Sanierung älterer Ortsteile oder 
um Wiederaufbau eines zerstörten Ortes oder Ortsteiles handelt 
(Art. 16). Diese Verleihung kann an die Bedingung geknüpft wer¬ 
den, dass für die zum Ausziehen genötigten Familien geeignete Neu¬ 
wohnungen errichtet werden, oder dass den Grundbesitzern ein Vor¬ 
recht für den Wiederankauf eingeräumt wird. Hat hiernach die 
oft erhobene Forderung auf Zulassung der Zonenenteignung eine 
Berücksichtigung gefunden, so ist es doppelt bedauerlich, dass die 
noch wichtigere gesetzliche Umlegung von Bauland nicht verwirk¬ 
licht werden soll. Auch die Bestimmung im Regierungsentwurf, 
dass die Baupolizeibehörde die Bauerlaubnis von der Erwerbung 
oder Abtretung kleinerer, zur Grenzregclung erforderlicher Flächen¬ 
teile abhängig machen kann, hat vor der Zweiten Kammer keine 
Gnade gefunden. Man glaubt sich damit helfen zu können, dass 
Grundstücke, die wegen ihrer Kleinheit, Gestalt oder Lage unbe¬ 
baubar sind, von der Gemeinde enteignet werden können, und dass 
die Gemeinde diese Grundflächen zum Selbstkostenpreis an die 
Nachbarn zu veräussern hat. Allein diese sind nicht zum Ankauf 
verpflichtet — und die in Rede stehenden Grundflächen werden ja 
dadurch nicht bebaubar, dass sie ins Eigentum der Gemeinde über¬ 
geben, sie bleiben vielmehr eine Qnelle wirtschaftlicher und hygie¬ 
nischer Missstände. Man will also die Eigentümer solcher Flächen 
oder Flächenteile zur Abtretung zwingen, sie von dem, ihren Nach¬ 
barn zufallenden Wertzuwachs ausschliessen, ohne eine wirkliche 
Regelung der Bauplätze zu erreichen! Und wie wenig geregelt 
werden erst die Anbauverbältnisse, wenn die Enteignung sich auf 
eine Mehrzahl von unbebaubaren, unzusammenhängenden Flächen 
eines Blocks erstreckt! So hält man die Schädigung einzelner durch 
empfindliche und wirkungslose Eigentumseingriffe für statthaft, da¬ 
gegen die gesetzliche Regelung des Besitzes in einem Block durch 
Umlegung der Grenzen, wodurch niemand geschädigt, vielmehr alle 
bevorteilt werden, für unzulässig! Man möchte sich damit das 
Mäntelchen „neuerer Anschauungen“ umbängen, ohne die Unzweck- 


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mäseig'keit and Rückständigkeit zu erkennen *). Nur znm Ankauf 
fortfallender Wegeteile will man gemäss besonderer Zusatzbestimmung 
den Baulustigen durch Verweigerung der Bauerlaubnis zwingen. 


Was die polizeilichen Bestimmungen für die ein¬ 
zelnen Gebäude betrifft, so gewährt Art. 22 eine gewisse Frei¬ 
heit für die Stellung von Baulichkeiten hinter der Baufluchtlinie. 
Die Bestimmung des Art. 23, dass auch die Höhenlage der Strasse 
bei Bauten, die an die Baulinie gestellt werden, einzubalten ist, 
soll nach einem von der Zweiten Kammer beschlossenen Zusatze 
für kleine Städte und Landgemeinden allgemein ausser Kraft treten; 
es ist indes nicht ersichtlich, wie diese Unabhängigkeit von der 
Strassenhöhe zu verstehen ist. 

Die grösstzulässige Gebäudeböhe darf nach Art. 25 gleich der 
Strassenbreite einschliesslich der Vorgärten sein, höchstens je¬ 
doch 20 m (bei Giebelhäusern mit Einschluss des Daches 28 m). 
Der Lichtwinkel von 45° wird aber dadurch wieder vereitelt, dass 
über der grösstzulässigen Höhe das Dach im Winkel von 55° soll 
ansteigen dürfen. Der Regierangsentwurf hatte logischer Weise 
45° vorgesehen. An schon bestehenden Strassen wird eine Gebäude¬ 
höhe gestattet, die die Strassenbreite um 2 m übertrifft, und bei 
Erneuerung höherer Gebäude kann die bisherige Höhe allgemein 
zugelassen werden! Wie man sieht, sind hierbei die gesundheit¬ 
lichen Gesichtspunkte nach Möglichkeit zurückgedrängt. Und die 
Möglichkeit, dass durch „Ortsbausatzungen“ für die zulässige Höhe 
und für die Stockwerkzahl weitergehende Beschränkungen fest¬ 
gesetzt werden können, ist nicht ausreichend, um die hygienischen 


1 ) Zur neuesten Literatur über Umlegung siehe: Stübben, Die 
Durchführung der Stadterweiterungen mit besonderer Berücksichtigung 
der Eigentumsverhältnisse (Vorträge des Charlottenburger Städtebausemi¬ 
nars). Berlin 1908. Wilh. Ernst & Sohn. Ferner: Henrici, Fragen und 
Aufgaben bei Aufstellung eines Bebauungsplans unter besonderer Be¬ 
rücksichtigung der zu Buer i. W. vorliegenden Verhältnisse. Zeitschrift 
für Wohnungswesen vom 25. Dez. 1908, Nr. 6. Dort heisst es auf S. 81 
wie folgt: „Um Benachteiligungen der Grundeigentümer zu vermeiden 
und um die Vorteile, die dem Grundeigentümer aus dem Wertzuwachs 
des zu Bauland werdenden Grund und Bodens erwachsen, möglichst gleich- 
mässig und gerecht zu verteilen, empfiehlt es sich, auf Grundlage des 
Bebauungsplanes ein Grenzumlegungsverfahren in die Wege zu leiten. 
Auch dies Verfahren schützt davor, dass der Gewinn Spekulanten in die 
Hände fällt, die vielleicht nicht einmal Steuerzahler der Gemeinde sind.“ 
Endlich: Göckes Zeitschrift für Städtebau, November 1908, wo es heisst: 
„Es wäre für die Entwickelung mancher Stadt zu wünschen, wenn dieses 
Gesetz (Das Frankfurter Umlegungsgesetz) bald allgemeinere Gültigkeit 
erhielte.“ 


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Bedenken zn zerstreuen. Denn die Ortsbausatzungen, welche in 
ähnlicher Weise von den Gemeindebehörden aufzustellen sind, wie 
die Ortsban- und Banlinienpläne, können zwar von der Staats¬ 
behörde beanstandet werden, aber es soll die Regierung kein Recht 
besitzen, die Gemeinden zn angemessenen Ortsbansatznngen zu nö¬ 
tigen. Eine Gemeinde würde hiernach im Rahmen des neuen Ge¬ 
setzes auch für Neuland Strassen von 20 m Breite mit 20 m hohen 
sechsgeschossigen Häusern zur Regel machen können! Dabei können 
die 20 m Breite entweder ganz auf die Verkehrsfläche fallen oder 
zum Teil von Vorgärten eingenommen werden. 

Die Bestimmungen über die Ableitung des Brauchwassers, die 
Einrichtung der Aborte, der Düngestätteu usw., waren schon in der 
Regierungsvorlage vom gesundheitlichen Standpunkte recht be¬ 
scheiden, sind aber durch die Zweite Kammer durchweg noch er- 
mässigt worden. Es ist hiernach fast selbstverständlich, dass eine 
Festsetzung über die Zahl der Aborte — ein Abort für jede Familie 
oder für je zwei oder für je drei Familien — vollständig fehlt. 

Noch bedenklicher aber sind die Bestimmungen des Art. 29 a 
bis 29 e über den Zutritt von Luft und Licht zu den für dauern¬ 
den Aufenthalt von Menschen bestimmten Räumen. Die Zweite 
Kammer hat es sich angelegen sein lassen, hier den Regierungs¬ 
entwurf nach Möglichkeit zu verschlechtern. Die Grösse des Hofes 
braucht nirgendwo mehr zu betragen als Vs (ein Drittel) des Grund¬ 
stücks; das bedeutet die Übertragung des etwa in der Altstadt 
Cöln oder im innersten Berlin geltenden Masses auf das ganze 
Land Württemberg*)• Und die Breite des Hofranms an der 
Rückseite eines Gebäudes braucht nur 6 / 10 der Gebäudehöhe, der 
geringste Abstand zweier Gebäude nur 2 m zu betragen. Aber 
auch von diesen bescheidenen Massen können in Landorten, auf be¬ 
reits bebaut gewesenen Grundstücken, auf Eckgrundstücken, bei 
einstöckigen Bauten usw. noch Ausnahmen gestattet werden. Der 
Abstand eines Hintergebäudes von der Höhe h von einem Vorder¬ 


gebäude (Höhe H) soll wenigstens 


H+h 

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betragen. 


Auch aus Licht¬ 


höfen von mässigen Abmessungen dürfen Wohnräume Licht und 
Luft beziehen. Die nötigen Hofräume und die vorgeschriebenen 
Abstände können durch „ Baulast" auf benachbarte Grundstücke 
übernommen werden. Ein Chaos von Vorschriften erläutert diese 


1 ) Die Sache liegt eigentlich noch schlimmer. Denn mit der über¬ 
bauten Fläche ist nach der Fassung der Zweiten Kammer nur die Grund¬ 
fläche des Vorderh aus es gemeint; beim Vorhandensein von Hinterhäusern 
kann sich hiernach der unbebaut bleibende Flächenanteil auf */ 6 bis , / 7 
einschränken. 

CentralbUtt f. allg. Gesundheitspflege. XXVIII. Jahrg. 3 


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gesundheitlich unzureichenden Grundsätze, die nnr bei höchsten 
Bodenwerten und dichtester Bebauung im Herzen der Grossstadt er¬ 
träglich sein dürften. Zwar bleibt es nach Art. 29 f der „Ortsbau¬ 
satzung“ Vorbehalten, bezüglich der zulässigen Überbanung der 
Grundstücke weitergebende Beschränkungen festzusetzen, auch die 
offene Bauweise vorzuschreiben und über die Hofgrösse, die Stock¬ 
werkszahl U8w. nähere Bestimmungen zu treffen; irgendeine Sicher¬ 
heit, dass dies geschieht, bietet aber der Gesetzentwurf nicht. Es 
wäre deshalb im höchsten Grade zu bedauern, wenn der Entwurf 
Gesetz werden sollte; vom hygienischen Standpunkte aus muss man 
vielmehr wünschen, dass die Regierung lieber auf das Gesetz ver. 
zichten möge. Dm das Scheitern des Gesetzes zu verhüten, wäre 
es erwünscht, eine viel weiträumigere Bauweise als gesetzliche Regel 
anfzustellen, die Gemeinden aber zu ermächtigen, mit Genehmigung 
der Regierung in den Ortsbausatzungen für gewisse ältere Orts¬ 
teile eine dichtere Bebauung — etwa bis zu den oben erwähnten 
Massen — zuzulassen, dagegen für geeignete neue Ortsteile die 
Weiträumigkeit noch zu steigern. Die Gemeinden würden dadurch 
zu einer ihren Verhältnissen angepassten Staffelbauordnung gewisser- 
massen genötigt werden. Es ist zwar bekannt, dass die Irrlehre, 
die dichtere Bebauung ermässige die Mieten, die lockere Bebauung 
steigere sie, in Württemberg viele Anhänger gefunden hat, die den 
Einfluss der durch die dichte Bauweise erhöhten Bodenpreise ver¬ 
kennen. Nach Eberstadts Untersuchungen, die durch A. Voi gt 
zwar bekämpft, aber kaum erschüttert worden sind, führt die Ver¬ 
dichtung der Bauweise sogar zur Steigerung der Mieten. Will man 
aber auch das nicht zugeben, so kann doch noch weniger bewiesen 
werden, dass die Mieten mit der vermehrten Baudichtigkeit fallen. 
Den Vorteil aus dem Zusammenpferchen der Mieter zieht der Boden¬ 
besitzer, und die Ermässigung der Baudichtigkeit macht sich, ce- 
teris paribus, im wesentlichen nur in der geringeren Preishöhe gel¬ 
tend, auf welche das Bauland ansteigt. Durch eine zutreffende Be¬ 
sorgnis um die Wohnkosten der Unbemittelten sind deshalb die Ge¬ 
setzesverschlechterungen der Zweiten Kammer nicht gerechtfertigt; 
dass eine bewusste Fürsorge für die Bodenspekulation ihr Motiv 
gewesen sei, wird niemand behaupten wollen. Man wird deshalb 
auf das Einwirken der Ersten Kammer uud auf die Festigkeit der 
Regierung vertrauen und eine schliessliche bessere Lösung erwarten 
dürfen. 

Die folgenden Artikel handeln von der Anordnung fabrikfreier 
Wohnbezirke sowie von dem Abstande der Bauten von Wäldern 
und Eisenbahnen. Das Bauen ausserhalb des Gebietes des Orts¬ 
bauplanes und, soweit ein solcher nicht besteht, ausserhalb des ge¬ 
schlossenen Wohnbezirks kann untersagt werden, besonders wenn 


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gesundheitspolizeiliche Bedenken entgegenstehen (Art. 36). Diese 
Regelung erscheint ans zweckmässiger, als der Rechtsznstand in 
Preussen, wonach ein Bauverbot nur innerhalb des Bereiches eines 
festgesetzten Bebauungsplanes zulässig ist. 

Die Bestimmung in Art. 38, dass alle zum dauernden Aufent¬ 
halt bestimmten Räume in ausreichendem Masse gegen Feuchtigkeit 
und Witterungseinflüsse zu schützen, mit Fenstern für hinreichende 
Tagesbeleuchtnng za versehen und genügend zu lüften sind, ist 
ohne nähere Angaben dessen, was verlangt wird, von geringem 
Werte. Ein Mindestmass ist weder für die lichte Höhe noch für 
den Luftraum der Wohnungen vorgeschrieben. Dagegen sind sehr 
ausführlich, für ein Landesgesetz nach unserer Meinung zu ausführ¬ 
lich, die Vorschriften im Interesse des Feuerschutzes in den Artikeln 
40—61; auch hier können nicht immer die Abänderungen der 
Zweiten Kammer als Verbesserungen anerkannt werden. Ermässigte 
Vorschriften für Kleinhäuser sind nicht in genügendem Masse vor¬ 
gesehen. 

Nach Art. 62 sind Wohn-, Arbeits- und Scblafräume in Keller¬ 
geschossen („zum Teil unter der Erdoberfläche“) zulässig, wenn für 
Feuchtigkeitsschntz, Luft und Licht gesorgt ist. Das ist eine dehn¬ 
bare und in gesundheitlichem Sinne wirklich unzureichende Be¬ 
stimmung, die auch nicht dadurch annehmbarer wird, dass durch 
„Ortsbausatzungen“ Wohn- und Schlafgelasse im Kellergeschoss 
untersagt werden können. Die Zulässigkeit und Einrichtung von 
Dachwohnungen und Dachwohnränmen ist dem Befinden der Orts¬ 
bausatzung ganz überlassen. 

Auf den Denkmalschutz bezieht sich Art. 63 b. Hiernach kann 
dem Eigentümer eines geschichtlich oder künstlerisch wertvollen Bau¬ 
werks die Genehmigung zu einer baulichen Veränderung versagt 
werden; erfordert aber der Charakter des Bauwerks eine wesentlich 
kostspieligere Bauvornahme, so kann der Eigentümer den Erwerb 
des Bauwerks durch Staat oder Gemeinde beanspruchen. Wird der 
Anspruch abgelehnt, so verliert die Versagung der Baugenehmigung 
ihre Wirksamkeit. Im übrigen aber sind Beeinträchtigungen solcher 
Bauwerke durch bauliche Massnahmen unzulässig. Auch können 
Reklameschilder, die das Strassen- oder Landschaftsbild verunstalten, 
durch Ortsbausatzung verboten werden. 

Nachgeholt werde noch, dass Ortsbausatzungen von den Ge¬ 
meindebehörden nur erlassen werden dürfen, nachdem vorher ein 
„geprüfter Techniker“, geeignetenfalls noch weitere Sachverständige 
vernommen worden sind. Diese Gesetzesbestimmung entspringt wohl 
dem Umstande, dass die württembergischen Städte zu den wenigen 
in Deutschland gehören, deren Gemeinderäte (Magistrate) sich im 
allgemeinen ohne technische bzw. sachverständige Mitglieder behelfen. 


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Eine vortreffliche Einrichtung ist die durch den vierten Ab¬ 
schnitt des Gesetzentwurfs vorgesehene Einrichtung eines öffent¬ 
lichen Baulastenbuchs in jeder Gemeinde, ln dieses Buch sind 
die geldlichen und sonstigen Verpflichtungen einzutragen, die den 
Bauenden in Gemässheit des Gesetzes auferlegt werden. Die Ein¬ 
tragungen haben dingliche Wirkung. Die Einrichtung bedeutet 
einen auch in Sachsen bestehenden grossen Fortschritt gegenüber 
dem ziemlich ungeregelten Verfahren in preussischen Städten. 


Wir haben an mehreren Stellen die Fortschritte hervorgehoben, 
die der württembergische Gesetzentwurf einer Landesbauordnung 
selbst in der Fassung der Zweiten Kammer auf weist. Man kann 
sogar zugeben, dass die Kammer einige Verbesserungen in den Ge¬ 
setzentwurf hineingebracht hat. Im allgemeinen aber bat sie die 
ausgezeichnete Regierungsvorlage so verschlechtert, dass das ent¬ 
standene Werk einen förmlichen Rückschritt bedeuten, insbesondere 
tief unter dem Sächsischen Allgemeinen Baugesetz und den anderen 
uns aus deutschen Landen bekannt gewordenen gesetzlichen Neurege¬ 
lungen des Bauwesens stehen würde. Wir wiederholen deshalb zum 
Schlüsse den dringenden Wunsch, dass es der Regierung gelingen 
möge, mit Hilfe der nunmehrigen Beratungen in der Ersten Kammer 
dem Gesetze nach nochmaliger Vorlage in der Zweiten Kammer einen 
besseren Inhalt und eine glückliche Verabschiedung zu sichern. 

J. Stübben. 


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Kleine Mitteilungen. 


Aufruf 

zur Fürsorge für die schulentlassene Jugend. 

Die grosse Masse der Jugend unseres Volkes verlässt mit 13 
oder 14 Jahren die Volksschule und tritt sofort in einen Beruf ein. 
In der Zeit vom 14. bis 18. Lebensjahre, in der Herz und Lunge 
sich im Umfange verdoppeln, das Wachstum des Körpers überhaupt 
•die grössten Fortschritte macht und der Reife sich nähert, zu einer 
Zeit, wo die Kinder der wohlhabenderen Volksschichten sich noch 
der Pflege und Überwachung in Familie und Schule erfreuen, — 
in dieser Zeit stehen über 4 Millionen Knaben und Mädchen, 
oft gar losgelöst vom Familienleben, schon mitten in der Ar¬ 
beit um Lohn und Brot. 

Schon beim Austritt aus der Volksschule befinden sich viele 
dieser Kinder infolge ungünstiger häuslicher Verhältnisse, teils auch 
wegen krankhafter Veranlagung nicht in normalem Gesundheits¬ 
zustände. 

Diese an und für sich schon gesundheitlich schwachen Kinder 
des Volkes kommen nun vielfach in nichts weniger als gesunde 
Arbeit®- und Lebensverhältnisse. Die zunehmende Industrialisierung 
unseres Volkes und das Wachstum der grossen Städte zwingen 
einen grossen Teil der Jugend in enge, lichtlose, dumpfe Räume, 
in Kontore, Fabriksäle und Werkstätten. Dabei verliert diese in 
stärkster Entwickelung stehende Jugend die Kenntnis und Liebe 
zur Natur und droht körperlich und geistig zu verkümmern. Die 
berufliche körperliche Arbeit vermag eine geregelte allseitige Körper¬ 
pflege nicht zu ersetzen. 

Aus diesen Gründen drängt sich die Befürchtung mehr und 
mehr in den Vordergrund, dass die Volksgesundheit und die 
Wehrkraft der Nation zunehmend schweren Schaden leiden 
müssen. 

Nicht aber schwächer, sondern kräftiger und wider¬ 
standsfähiger muss die Gesundheit der Jugend unseres 
Volkes werden, wenn sie den ständig sich steigernden Ansprüchen 
und den nachteiligen Einflüssen unserer nervenaufreibenden Zeit 
widerstehen soll. Ein gesunder Geist in einem gesunden 
Körper, das ist zwar eine kurze, aber vollständige Beschreibung 
eines glücklichen Zustandes aller einzelnen und damit des Volkes. 


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In dieser Erkenntnis batten sich am 22 und 23. Februar d. 
Vertreter der Deutschen Turnerschaft, des Zentral-Ausschusses für 
Volks- und Jugendspiele und des Deutschen Turnlehrer-Vereins in 
Berlin versammelt und einmütig die Einführung einer ge¬ 
regelten Körperpflege für die schulentlassene Jugend 
als dringende Notwendigkeit anerkannt, wenn anders den bestehen¬ 
den Schäden wirksam gesteuert werden soll. 

Als das einzige Mittel, durch das es möglich ist, wirklich die 
Gesamtheit dieser Altersangehörigen zu erfassen, wurde die Ein¬ 
führung regelmässiger körperlicher Übungen als verbind¬ 
licher Gegenstand in den Plan der allgemeinen Pflichtfort¬ 
bildungsschule gefordert. Nur hierdurch kann ein Ausgleich 
geschaffen werden. Ja, nur wenn diese Jugend für das Interesse 
an diesen Leibesübungen noch einige Jahre über die Schulzeit hin¬ 
aus nachdrücklich weiter körperlich geschult wird, wird, was als 
Endziel gelten muss, die spätere freie körperliche Betätigung in 
der Mussezeit als Gewöhnung lebendig werden. 

Daher beschlossen die genannten drei Korporationen, in Ge¬ 
meinschaft mit zentralen sportlichen Organisationen an das Reich 
und die Bundesstaaten Eingaben zu richten, in denen die gesetz¬ 
liche Festlegung der allgemeinen Pflichtfortbildungsschule und die 
Einführung geregelter Leibesübungen in ihr, womöglich für beide 
Geschlechter, als dringend nötig erklärt wird. Weiter sollen die 
Gemeinden aufgefordert werden, in den jetzt schon bestehenden 
Fortbildungsschulen Turnen und Spiel pflichtmässig oder freiwillig 
einzuführen. 

Neben diesen behördlichen Massnahmen ist mindestens ebenso 
nötig die rege Teilnahme aller Schichten unseres Volkes für 
die freiwillige Mithilfe an dieser Aufgabe. Dazu ist mehr als bis¬ 
her die Sammlung aller Interessenten zu freien Organisationen, 
die sich den gegebenen örtlichen Verhältnissen anpassen und inner¬ 
halb des Kreises einen Verband bilden, erforderlich. Diese Orga¬ 
nisationen müssten in sich alle vorhandenen örtlichen Körperschaften 
für Turnen, Spiel und gesunden Sport umfassen und ins¬ 
besondere auch bestrebt sein, alle Vorbedingungen für die Durch¬ 
führung dieser Volksgcsundheitsbestrebungen zu schäften. 
Fast überall sind geeignete Persönlichkeiten vorhanden, die wir an- 
rufen, sich an die Spitze solcher zusammenfassenden Organisationen 
zu stellen, denen weite Kreise helfend sich anschliessen werden. 

Tut euch alle zu diesem vaterländischen Zweck zusammen, 
zieht auch die Jugend in diese Organisationen hinein, seid ihr 
treue Helfer zur Gewinnung natürlichen Lebensglückes. Regt stän¬ 
dig neu das Interesse der öffentlichen Meinung hierfür an, sucht 
auch auf eure Gemeindeverwaltungen einzuwirken, auf dass sie an 


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die Schaffung genügender Spielplätze und sonstiger Einrichtungen, 
wie an die erweiterte Pflege der körperlichen Übungen in den 
Schulen und Fortbildungsschulen herantreten. Und wo ihr selbst 
zur Mitarbeit in der Gemeinde berufen seid, nehmt euch mit vollem 
Herzen und glühendem Eifer der Sache an! 

Dann wird allmählich aus den jugendlichen Kreisen des Vol¬ 
kes ein Geschlecht heranwachsen, gesund und kräftig aq 
Körper und Geist, lebens- und schaffensfreudig im Be¬ 
rufe und erfüllt von Begeisterung für die glückliche 
und gesunde Zukunft des Vaterlandes! 

Leipzig, Görlitz, Hannover, den 5. Dezember 1908. 

Die Deutsche Turnerschaft: 

Dr. med. Ferd. Goetz, Leipzig-Lindenau, Vorsitzender. 

Der Zentralausschuss zur Förderung der Volks- und Jugendspiele 

in Deutschland: 

von Schenckendorff-Görlitz, 

Mitglied des Hauses der Abgeordneten, Vorsitzender. 

Der Deutsche Turnlehrerverein: 

Prof. Dr. E. Kohlrausch-Hannover, stellvertretender Vorsitzender. 

Unterstützt durch 

die Vertreter deutscher Sportverbände: 
Generalleutnant z. D. Graf von der Asseburg-Berlin, Präsident des 
Deutschen Reichs-Ausschusses für Olympische Spiele. Th. Boeckliug- 
Esseu a. R., Vorsitzender des Deutschen Radfahrerbundes. Kommerzien¬ 
rat G. W. Büxenstei n-Berliu, Vorsitzender des Deutschen Ruderverbandes. 
C. Diem-Berlin. Vorsitzender der Deutschen Sportbehörde für Athletik. 
B. Haase-Frankfurt a. M., Vorsitzender des Deutschen Schwimmverbandes. 
Gottfried Hinze-Duisburg, Vorsitzender des Deutschen Fussballbundes. 
Geh. Oberfinanzrat Schwarz-Berlin, Vorsitzender des Deutschen Eislauf- 
verbandes. F. Ziegen hagen-Münster i. W., Vorsitzender der Deutschen 

Schwimmerschaft; 

den Vorsitzenden des Deutschen Vereins für das Fort¬ 
bildungsschulwesen: 

Direktor Scharf-Magdeburg; 

das Mitglied des Herrenhauses: 

Graf von Haeseler, Generalfeldmarschall, auf Harnecop bei Sternebeck; 

die Mitglieder des Hauses der Abgeordneten: 

Dr. phil. Arendt-Berlin. Professor Eick hoff-Remscheid. Direktor der 
Kaiserin Auguste Viktoria-Schule Ernst-Schneidemühl. Kammergerichts- 
rat Schiff er-Berlin. Geheimer Regierungsrat Landesrat Schmedding- 
Münster. Major a. D. Strosser-Berlin; 

die Mitglieder gemeinnütziger Gesellschaften: 
Professor Dr. Albrecht-Berlin, Geschäftsführer der Zentralstelle für Volks¬ 
wohlfahrt. Geheimer Archivrat Professor Dr. K eil er-Charlottenburg, 
Vorsitzender der Comenius-Gesellschaft. 


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Die Ausstellung für Säuglings- und Kinderpflege in Solingen 
vom 12. bis 23. Sept. 190$ 

ist nach allen Seiten hin befriedigend verlaufen. Nachdem nun¬ 
mehr auch der Rechnungsabschluss statt eines Deflzites, wie es 
jsolche Ausstellungen vielfach haben, einen Überschuss ergeben hat, 
der zur Besten der Kinderfürsorge verwandt werden soll, dürfte 
es am Platze sein, auch in diesem Blatte einmal kurz darauf einzugehen, 
um zumal den Stadtverwaltungen die Wiederholung eines solchen 
Unternehmens nahezulegen. 

Bekanntermassen wird die Kindersterblichkeit beherrscht von 
der Sterblichkeit in den unteren Klassen der Bevölkerung. In diesen 
Kreisen herrschen die meisten Erkrankungen. Hier werden die 
meisten Fehler in Ernährung, Pflege und Erziehung gemacht. Es 
gilt also in erster Linie diese aufzuklären. Nichts ist aber ge¬ 
eigneter hierzu als eine Art Anschauungsunterricht. Ganz abge¬ 
sehen davon, dass sich die plastische und bildliche Darstellung 
jedem Menschen besser einprägt als das geschriebene und ge¬ 
druckte Wort, sind die sozial und damit vielfach auch intel¬ 
lektuell tiefer stehenden Kreise für das letztere weniger zugäng¬ 
lich. Dem praktischen Arzte begegnet es allzuoft, dass die von 
den Standesämtern verteilten sog. Merkblätter überhaupt nicht ge¬ 
lesen werden oder falsch verstanden werden. Grade in diesen 
Kreisen werden gegebene mündliche Lehren über Pflege und Er¬ 
ziehung am meisten missverstanden und in den Wind geschlagen. — 
Anders ist es aber mit für diese Kreise verständlichen Schaustellungen, 
besonders wenn damit ein gewisses Vergnügen verbunden ist und 
der Preis kein zu hoher. — Das hat die Solinger Ausstellung in vollem 
Masse bewiesen. Über 40 000 Menschen besuchten während der 
zwölftägigen Dauer die Ausstellung. Über die Hälfte aller ausgege¬ 
benen Karten waren Arbeiterkarten, d. h. durch Vermittelung 
der Arbeitgeber zu ermässigtem Preise (0.25 M.) ausgegeben. — 
Der Zudrang war an einzelnen Tagen so gross, dass es nicht mög¬ 
lich war, trotzdem fünf sachverständige Führer vorhanden waren, 
eine ordnungsmässige Führung zu veranstalten. Jetzt, nach vier 
Monaten nach Schluss der Ausstellung, berufen sich nach ein¬ 
stimmigem Urteil der Ärzte und Erzieher die Eltern und Ver¬ 
wandten der Kinder auf das in der Ausstellung Gesehene. 

Auf den Inhalt der Ausstellung und ihre Einrichtung soll an 
dieser Stelle nicht eingegangen werden. Fachleute haben dieselbe 
als in allen Teilen wohlgelungen bezeichnet. Dr. Seit er-Solingen 
hat eine medizinisch-kritische Betrachtung darüber in der Deut¬ 
schen medizinischen Wochenschrift 1909 Nr. 3 publiziert. — Aus 


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den obigen kurzen Andeutungen geht hervor, dass es möglich ist, 
ohne Kosten in eindringlicher Weise alle Schichten der Bevölkerung 
aufzuklären über die Ernährung, Pflege, Erziehung und Veredelung 
der Kinder. Darum sollte sich keine Verwaltung diesen Weg ent¬ 
gehen lassen. 

Vier Merkblätter, auegegeben in der Ausstellung für S&uglings- 
und Kinderpflege, Solingen 1908. 

1 . 

Verf.: Rektor Gosekuh 1-Solingen. 

Grundsätze der geistigen Erziehung. 

A. Wie soll das Kind werden? 

Antwort: Menschen, die erfahren sind und darüber nachge¬ 
dacht haben, sagen so: Der Mensch sei wahrhaftig, liebevoll und 
hilfbereit, dankbar, friedfertig und versöhnlich, stark im Tun und 
Leiden und ergeben in den Willen der Vorsehung, mit einem Wort 
edel in der Gesinnung, ferner bescheiden, freundlich, gefällig, 
keusch und züchtig, kurz ordentlich und anständig in Gebär¬ 
den, Worten und Werken, endlich arbeitsam und möglichst 
kenntnisreich und geschickt. Das sind, abgesehen vom 
religiösen Glauben, die Bedingungen des äussem und des innern 
Glücks, und glücklich soll dein Kind doch werden. 

B. Wie wird das Ziel erreicht? 

Das lässt sich mit drei Worten sagen, es wird erreicht durch 
das Vorbild, die Gewöhnung und die Einsicht. 

I. Das Vorbild. 

1. Tue und sage nichts, was die Kinder nicht tun und sagen 
sollen! Äussere in ihrer Gegenwart nicht Missgunst, Neid, liebloses 
Urteil! Lass sie nie eine Unwahrheit hören, auch keine Notlüge! 
Tadle diese Untugenden stets scharf und zeige deinen Abscheu 
davor! 

2. Tue vor Kindern, was gut und edel ist, sprich, was lieb¬ 
lich ist und wobllautet. 

3. Zeige Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor der Religion, auch 
vor dem Glauben andrer! Ehre das Alter und die Obrigkeit! 

Worte belehren, Beispiele reissen hin. 

Beispiele sind Riesen, Worte Zwerge. 

II. Die Gewöhnung. 

Jung gewohnt, alt getan. Zur Gewöhnung wende alle Er¬ 
ziehungsmittel an, die dem Erwachsenen zu Gebote stehen, nämlich: 

1. Gewöhne dein Kind an unbedingten Gehorsam gegen dein 
Gebot und Verbot! Denn wie kann der später sich selbst und 


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deD Gesetzen gehorchen, der nicht in seiner Jugend geübt worden 
ist, den Eltern zu folgen. 

2. Beschäftige dein Kind, damit es vor dem Müssiggang be¬ 
wahrt werde! 

3. Lass dein Kind alles selbst tun, was es selbst tun kann, 
damit es lerne sieb selbst zu helfen! 

4. Halte dein Kind im Auge, dass es nicht vom rechten 
Wege abirre! 

5. Erinnere dein Kind, dass es nichts Wichtiges vergesse! 
Das Kind ist vergesslich; denn es ist ein Kind. 

6. Ermahne dein Kind, dass es angespornt werde! 

7. Drohe auch deinem Kinde, wenn es nötig ist, dass es 
Furcht empfinde! Führe die einmal ausgesprochene Drohung ge¬ 
gebenenfalls unerbittlich aus! 

8. Tadle und strafe dein Kind bei Verfehlungen, dass es 
sich bessere! 

9. Ermuntere dein Kind, dass es Mut fasse! 

10. Belohne dein Kind, dass es sich der wachsenden Kraft 
und des Erfolges freue, und dass es deine Liebe erkenne, die zum 
Guten treibt! 

11. Übe dein Kind in der Geduld und in der Überwindung 
seiner schlimmen Neigungen, dass es Selbstbekämpfung lerne, den 
schwersten Krieg, dem der schönste Sieg folgen kann! 

12. Alles dies heisst mit einem Worte Zucht. Das Kind 
kann alles, woran du es in der Zucht gewöhnst. Und alles, was 
es kann, tut es gern; und in diesem Tun liegt sein Glück. 
Strenge Zucht ist die echteste Liebe. Dein Kind dankt es dir 
später, und das ist dein Glück. Damit dienst du nicht bloss dem 
Kinde und dir, sondern dem Volke und Vaterlande. Grosse 
Männer sind oft sehr streng erzogen worden. Es ist also ein köst¬ 
lich Ding für einen Menschen, dass er das .Toch in seiner Jugend 
trage. Strenge ist aber nicht Härte. Neben der Rute soll der 
Apfel liegen. Mit dem Ernst der Zucht verträgt sich die Heiter¬ 
keit ganz gut: muntres Spiel, frohes Lied, heitere Erzählung, 
passender Scherz. 

111. Die Einsicht. 

Durch das Vorbild und die Gewöhnung wird das Kind nicht 
bloss stark und gut im Willen, sondern auch erfahren und ge¬ 
witzigt. Die Einsicht wächst mit den Jahren. 

1. Vergiss also die kluge und weise Belehrung nicht! Er¬ 
zähle deinem Kinde, was du selbst erfahren hast, und was andere 
erfahren haben, und dass das Leben ernst ist. 

2. Gib ihm gute Bücher in die Hand, die von starken und 
edlen Menschen erzählen, von Wohltaten, die ihren Lohn, von 


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Übeltaten, die ihre Strafe in sich tragen! Gute Bücher, die das 
sittliche Urteil bilden und den Leser im Guten fördern und nicht 
zu Torheiten verleiten. 

3. Lass dein Kind an Freuden und Genüssen teilnehmen, die 
keine Reue zurücklassen, sondern frohe Erinnerung und innere 
Erhebung und Stärkung! 

4. Sei deinem heran wachsenden Kinde beratende Mutter und 
Freundin, ein beratender Vater und Freund! 

5. Führe dein Kind vor allem zur tiefsten Erkenntnis dieser 
Lehre: Alles, was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut 
ihr ihnen! 

IV. Schluss. 

Es gibt verborgene Miterzieher, die wieder einreissen können, 
was du im Gemüt des Kindes aufgebaut hast; solche Miterzieher 
sind z. B. schlechte Bücher und schlechte Gesellschaft. Darum 
kann trotz allem die Erziehung missraten. Dann entsteht entsetz¬ 
liches Leid, das entsetzlichste, was es für Eltern gibt. Aber hast du 
deine Pflicht getan, so ist dein Gewissen rein, und das tiefste Leid 
musst du in Geduld tragen, bis ein Höherer es gnädig von dir 
nimmt! 

2 . 

Verf.: Dr. Selter-Solingen. 

Zehn Gebote der körperlichen Aufzucht. 

I. Mutter, säuge dein Kind, auf dass es gesund bleibe und lange 
lebe im Lande. Viermal so viel Flaschen-Kinder sterben, als Kin¬ 
der, die an der Brust trinken. 

II. Bedenke, dass dein Kind ein Mensch ist, der nicht aufwächst 
wie das liebe Vieh in einem Jahre, sondern dass es 15—16 Jahre 
bis zur Reife gebraucht; erst dann also Speise und Trank des 
Erwachsenen geniessen und dessen Lebensweise führen darf. 

Hl. Darum gib deinem Kinde, wenn es entwöhnt wird, nur 
Milch und ein wenig Suppe, vom zweiten Jahre ab nur Milch, 
Suppen, weisses Brot und ein wenig von den gekochten Früchten 
des Feldes. Einfache und knappe Kost macht den Körper zäh 
und den Geist kräftig. 

IV. Du darfst dein Kind nicht naschen, noch zwischen den 
Mahlzeiten essen und trinken lassen. Mehr als fünf Mahlzeiten sind 
der Gesundheit schädlich. Die in der Jugend naschen, werden im 
Alter zu Fressern und Säufern. 

V. Licht, Luft und Reinlichkeit sind die Säulen der Gesund¬ 
heit. Keine kann dein Kind entbehren, ohne Schaden zu nehmen an 
Leib und Seele. Darum halte dein Kind nicht in den engen Gassen 
und Strassen der Stadt, wasche oder bade es täglich am ganzen Kör- 


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per. Nicht Sonne, Wind und Regen schädigen dein Kind, sofern 
du es genügend an- und umkleidest, sondern schlechte Luft, Schmutz 
und mangelndes Sonnenlicht machen es krank. 

VI. Kleide dein Kind einfach und reinlich mit für Luft und 
Schweiss durchlässigen Stoffen, die nicht schnüren und drücken. 
Nicht äusserer Tand, sondern gesunde Kleidung machen dein 
Kind stark und schön. 

VII. Lege dein Kind frühe schlafen, wenn der Tag zur 
Neige geht. Halte den Schlafraum gelüftet, trocken, weder kalt 
noch warm. Früher und gesunder Schlaf macht langes und schönes 
Leben. 

VIII. Liebe dein Kind, aber küsse es nicht. Lass’ es nicht 
essen und trinken aus deinem Teller, Glas, Löffel und aus deiner 
Tasse, noch in deinem Bette schlafen; denn alles das überträgt 
Krankheit und Gebrechen. 

IX. Trieft deines Kindes Nase, läuft sein Ohr, verklebt sein 
Auge, hustet es, bricht es oder führt es ab, schmerzen ihm Leib 
oder Glieder, so befrage den Arzt und höre nicht auf der Leute 
Geschwätz. Jeder Teil an deines Kindes Körper ist wertvoller 
denn Hab und Gut. 

X. Achte und ehre Deines Nächsten Haus, seinen Sohn und 
seine Tochter. Bist du selbst oder dein Kind krank oder unwohl, so 
haltet euch fern von jederlei Umgang, Spielen und Schule; denn 
mancherlei Krankheit ist übertragbar. 

3. 

Verf.: Dr. Selter-Solingen. 

Regeln für junge Mütter. 

1. Jede gesunde Frau, die geboren, kann stillen. 

2. Nur Tuberkulose (Schwindsucht) hindert am Stillen. Alle 
übrigen Krankheiten heilen durch das Stillgeschäft. 

3. Fleissiges und richtiges Anlegen alle 3—4 Stunden täglich 
bringt jeder Wöchnerin Brust in Tätigkeit. 

4. Alle gut nährenden und schmackhaften Speisen, die sie 
gewöhnt ist, kann die Stillende essen. Ausser reichlich Flüssigkeit 
bedarf sie keiner Zulagen. 

5. Es gibt keine milch treiben den Mittel ausser dem guten 
Willen, Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit und mässiger 
körperlicher Arbeit. 

6. Ungenügende und seltene Entleerung der Brust macht die 
Milch versiegen. 

7. Beengende Kleidung, mangelnde Nachtruhe, übermässiges 
Essen und Trinken beeinträchtigen die Milchmenge. 


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8. Halte die Brust warm und sauber. Vor und nach dem 
Stillen reinige die Warze mit frischem Wasser. 

9. Reiche nur eine Brust zu einer Mahlzeit und lasse sie 
gründlich leer trinken. 

10. Glaubst Du die Milch versiege, du oder dein Kind sei 
krank, so entwöhne nicht, sondern frage den Arzt. 


4. 

Verf.: Dr. Selter-Solingen. 

In der Kindheit wird die Schwindsucht übertragen, 
nicht aber ererbt. 

Sie wird übertragen von Kranken der Umgebung, Eltern, 
Verwandten in erster Linie. 

Sie wird übertragen, schon ehe sie bei den Kranken der 
Umgebung nachgewiesen ist. 

Sie wird übertragen durch Speichel, Auswurf oder Eiter hart¬ 
näckiger Geschwüre. 

Darum lasst das Kind nicht trinken aus euerer Tasse, euerem 
Glase; lasst es nicht essen mit euerer Gabel, euerem Löffel, von 
Euerem Teller. 

Küsst es nicht. 

Lasst es nicht schlafen in euerem Bette, noch euer Taschen¬ 
tuch benutzen. 

Denn alles das kann Speichel und Auswurf und damit Er¬ 
reger der Schwindsucht übertragen, selbst wenn ihr euch völlig 
gesund wähnt. 

Auswurf und Eiter entleert nicht in die Stube oder auf die 
Strasse, oder wo er sonst trocknet und verstäubt oder verschmiert 
wird, sondern verbrennt ihn oder spült ihn mit reichlich Wasser 
hinweg. 

Hustet und niesst nicht, ohne Mund und Nase zu bedecken, 
und sprecht nicht dem Kinde ins Gesicht, damit nicht Spritzer 
von Auswurf und Speichel es treffen. 

Reinigt euer Haus und seine Umgebung, euere Wäsche und 
Kleidung möglichst oft mit Wasser und Seife, ohne zu stauben, 
lüftet und sonnt, so oft ihr nur könnt; denn im Staub und Schmutz 
haftet der Schwindsuchtserreger. 

Väter und Mütter, schützt euer Kind vor der 
V olkskrankheit! 


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Literaturbericht. 


Das Statistische Jahrbuch für das Deutsche Reich bringt 
einige Zahlen über die Wirkung der modernen Hygiene. 

Für die Zeit von 1877 bis 1906 sind für die Orte über 
15000 Einwohner, die Todesursachen vom Kaiserlichen Gesundheits¬ 
amt sorgfältig festgestellt. Für die letzten Jahre erstrecken sich 
diese Feststellungen auf etwa ein Drittel des ganzen Reiches 1906 auf 
fast 21000000 von rund 61000000 Einwohnern des Reichs. 

Während in den Jahren 1877/81 im Jahresdurchschnitt 26,72 
auf 1000 starben, war die Sterblichkeit 1882/86 durchschnittlich 
25,83, 1902/06 nur 18,20 und im Jahre 1906 nur noch 17,47. 

Von den Infektionskrankheiten sind besonders Typhus, Schar¬ 
lach, Diphtherie und Krupp und Kindbettfieber bemerkenswert. 

Von 100000 Einwohnern starben an Typhus 1877/81 durch¬ 
schnittlich jährlich: 43,6, 1882/86: 30,2, 1887/91: 20,6, 1904:7,3, 
1905: 6,4, 1906: 6,1. 

An Scharlach starben von 100000 Einwohnern 1877/82: 56,8, 
1882/86:42,0, 1887/91: 21,2, 1904: 20,5, 1905: 13,8, 1906: 15,4. 

An Diphtherie und Krupp war die Sterblichkeit 1877/81 : 99,8, 
1882/86: 122,3, 1887/91: 99,7, 1892/96: 84,1. Die Einführung 
des Heilserums in die Behandlung bringt ein starkes Sinken der 
Sterblichkeit mit sich, 1897/01 beträgt sie 31,1, 1904: 25,1, 
1905: 22,4, 1906: 22,9. 

Kindbettfieber zeigt folgende Sterblichkeitsziffern: 1877/81:14,4, 
1882/86: 11,5, 1887/91: 8,0, 1904: 6,0, 1905: 5,2, 1906: 4,7. 

Ferner konnte auch für die Tuberkulose ein erheblicher Rück¬ 
gang konstatiert werden. 

In den Jahren 1877/81 starben durchschnittlich von 100000 
Einwohnern 357,7, 1882/86: 346,2, 1887/91: 304,0, 1892/96:255,2, 
1904: 191,2, 1905: 222,6, 1906: 202,7. 

An Pocken starben in den Jahren 1877/81 überhaupt jährlich 
noch 114 Personen, 1882/86 121, im Jahre 1904 jedoch nur 10, 

1905 nur 3, 1906 nur noch 1 Person. 

Auch die Zahl der Selbstmorde zeigt eine relative Abnahme, 
wenn auch die absoluten Zahlen grösser geworden sind. 1877/81 
kamen auf 100000 Einwohner 31,0. dahingegen 1904 nur 25,9, 

1906 nur 25,5 Selbstmorde. Pröbsting. 


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Die endgültigen Zahlen der letzten Volkszählung am 1. De¬ 
zember 1905 stellen sich für das Reich anf 60641278 Personen 
gegen 56367178 im Jahre 1900, somit eine Znnahme von 4274100 
Personen oder 7,59 °/ 0 . Die vorhergehende Periode von 1885 bis 
1890 hatte eine etwas höhere Zunahme nämlich, 7,8°/ 0 . Die weib¬ 
liche Bevölkerung hat sich in dem letzten Quinquennium weniger 
stark vermehrt wie die männliche. Es wurden am 1. Dezember 
1905 gezählt 29884681 männliche und 30756597 weibliche Per¬ 
sonen. Die Zahl der männlichen Personen hat sich in den letzten 
5 Jahren um 2147434, die der weiblichen nur um 2126666 ver¬ 
mehrt. 

Was die einzelnen Bundesstaaten angeht, so hatte Preussen 
37293324 Einwohner (1900: 34472509), unter .den Provinzen hatte 
das Rheinland die stärkste Zunahme, nämlich 676539 Personen, dann 
Westfalen mit 430313 und Brandenburg mit 423352. Bayern hat 
6524372 Einwohner (Zunahme in den letzten fünf Jahren 348315 
Personen). Sachsen 4508601 Einw. (Zunahme 306385). Württem¬ 
berg 2302179 Einw. (132699). Baden 2010728 Einw. (141870). 
Elsass-Lothringen 1814564 Einw. (95094). Hessen 1209175 
(90196). Hamburg 874878 (95094). Mecklenburg-Schwerin 625045 
(17275). Braunschweig 485958 (21625). Oldenburg 436856 
(39676). Sachsen-Weimar 388958 (25222). Anhalt 328029 
(11944). Sachsen-Meiningen 268916 (18185). Bremen 263440 
(38558). Sachsen-Koburg-Gotha 242432 (12882). Sachsen-Alten¬ 
burg 206508 (11594). Lippe 145577 (6625). Reussj. L. 144584 
(5374). Lübeck 105857 (9082). Mecklenburg-Strelitz 103451 
(849). Schwarzburg-Rudolstadt 96835 (3776). Schwarzburg-Son- 
dershausen 85152 (4254). Reuss ä. L. 70603 (2207). Waldeck 
59127 (1209). Schaumburg-Lippe 44992 (1860). Pröbsting. 

Roesle, Die natürliche Bewegung der Bevölkerung in den euro¬ 
päischen Staaten in dem ersten Jahrfünft dieses Jahrhunderts. 

(Zeitschr. f. soz. Med. 1908, Bd. 4, H. 1). 

Trotz des vorübergehenden, fast allgemeinen Rückganges der 
Eheschliessungen in den Jahren 1902—03 sind die Durchschnitts¬ 
ziffern des Jahrfünfts 1901—05 in 15 Staaten grösser gewesen als 
im vorhergehenden Jahrzehnt. Diese Zunahme ist jedoch nur in 
sieben von diesen Staaten von einer gleichzeitigen Erhöhung der 
Geburtenziffern begleitet gewesen; in allen übrigen Staaten hat der 
schon seit drei Jahrzehnten einsetzende G eburte n rück gang weiter¬ 
hin angehalten und hat in dem letzten Jahrfünft die bisher 
niedrigsten Ziffern erreicht. Viel stärker als auf dem platten Lande 
hat sich dieser Rückgang in den Städten geltend gemacht. Die 
geringere Fruchtbarkeit in den Städten muss um so auffallender 


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erscheinen, als dort die Eheschliessungsziffern im allgemeinen viel 
höher und die zeugungsfähigen Altersklassen viel zahlreicher sind 
als auf dem Lande. 

Die allgemeine sinkende Tendenz der Sterblichkeit ist 
in allen Staaten zum Ausdruck gekommen. Dieser Rückgang der 
Gesamtsterblichkeit kann zum Teil auf die allgemeine und inten¬ 
sivere Abnahme der Säuglingssterblichkeit zurückgeführt werden. 
In den Städten ist überall die Sterblichkeit stärker gesunken als 
auf dem Lande. 

Als ursächliche Faktoren der Verminderung der Frucht¬ 
barkeit sowie der Sterblichkeit kommen hauptsächlich der Fortschritt 
der Kultur und die Ausbreitung des Wohlstandes in Betracht. In¬ 
folge des anhaltenden wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwungs 
haben sich die Wirkungen dieser Faktoren immer deutlicher zu 
entfalten vermocht, die nun die organische Entwicklung der euro¬ 
päischen Kulturvölker beherrschen und letztere der Grenze ihrer 
natürlichen Zunahme immer rascher entgegenführen. 

Mühlschlegel (Stuttgart). 

Todesursachen der in Preussen im Jahre 1906 gestorbenen Per¬ 
sonen. 

Im Jahre 1906 starben in Preussen im ganzen 673669 Per¬ 
sonen (1905: 726679). Von 10000 Einwohnern starben an Krank¬ 
heiten der Verdauungsorgane 23,96 (27,61), an Altersschwäche 18,09 
(20,36), an Tuberkulose 17,26 (19,13), an Lungenentzündung 14,14 
(15,45), an Krankheiten des Herzens und derGefässe 12,91 (13,04), 
an angeborener Lebensschwäche und an Bildungsfehlern 11,83(12,40), 
an Gehirnschlag und sonstigen Krankheiten des Nervensystems 11,28 
(11,87), an Krankheiten der Atmungsorgane 9,72 (10,70), an Krebs 
und anderen Neubildungen 9,00 (6,99), durch Verunglückung oder 
andere gewaltsame Einwirkung 3,97 (4,00), an Keuchhusten 3,15 
(3,62), an Krankheiten der Harn- und Geschlechtsorgane 2,93 (3,03), 
an Diphtherie und Krupp 2,68 (3,27), an Masern und Röteln 2,44 
(1,71), an Scharlach 2,08 (2,03), durch Selbstmord 1,95 (2,07), an 
Wundinfektion 0,84 (0,92), an Influenza 0,67 (1,74), an Typhus 0,65 
(0,74) durch Totschlag und Mord 0,19 (0,18), an übertragbaren 
Tierkrankheiten 0,01 (0,01), an sonstigen angegebenen Todesursachen 
24,41 (27,45) und an unbekannten Todesursachen 6,54 (7,25). Ein 
ziemlich erheblicher Rückgang ist bei den Todesfällen an über¬ 
tragbaren Krankheiten zu konstatieren. An diesen zusammen er¬ 
lagen 167727, d. h. 24,90% der Gestorbenen (184163 oder 25,34 °/ 0 )* 
und zwar an Tuberkulose 64459=9,57 °/o (70323=9,68 °/ 0 ), an 
Lungenentzündung 52811 =7,84% (56820= 7,82%), an Keuch¬ 
husten 11749=1,74% (13327 = 1,88%), an Diphtherie und Krupp 


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10025=1,49% (12005=1,65%), aD Scharlach 7770= 1,15% 
(7446=1,02%), an Masern und Röteln 9107 = 1,35% (6292=0,87%), 
im Kindbett 3722=0,55% (3963=0,55%), aD Typhus 2419=0,36% 
(2730=0,38%), an Ruhr 199= 0,03% und an Pocken 31=0,00% 
( 10 = 0 , 00 %). 

Bemerkenswert ist noch die Zahl der im Kindbette gestorbenen 
Frauen, sie übertrifft auch im Jahre 1906 ganz erheblich die 
Sterblichkeit an Typhus. Von 10000 am 1. Januar 1906 lebenden 
Frauen starben an Typhus 0,62 (0,73), im Kindbette 1,97 (2,13). 

Pröbsting. 

Die Zahl der Blinden ist in den letzten 30 Jahren stark 
zurückgegangen. Nach der „Statistischen Korrespondenz“ betrug 
sie im Jahre 1871: 92,09 auf 100000 Personen, 1880:82,49, 1895: 
66,77 und 1900: 61,95. Das Verhältnis war 1900 beim männlichen 
Geschlecht 65,13, beim weiblichen 58,86 gegenüber 90,03 und 
94,08 im Jahre 1871. 

Während also im Jahre 1871 die Zahl der weiblichen Blinden 
grösser war als die der männlichen, nämlich 11759 gegen 10931, 
hatte sich im Jahre 1900 das Verhältnis umgekehrt, da 10302 weib¬ 
lichen blinden Personen 11504 männliche gegenüberstanden. Im 
ganzen waren somit 1871: 22690 Blinde vorhanden, im Jahre 1900 
dagegen nur 21806, somit hat auch die absolute Zahl abgenommen. 

Von den bei der letzten Volkszählung ermittelten Blinden waren 
4932 seit Geburt mit diesem Fehler behaftet, 15183 waren später 
erblindet und bei 1181 fehlten genauere Angaben. 

Der Grund für diese so hocherfreuliche Abnahme der Blinden 
dürfte wohl in der besseren Behandlung des Eiterflusses der Neu¬ 
geborenen zu suchen sein. 

Die Zahl der taubstummen Personen ist auch etwas zuriiek- 
gegangen und zwar von 97,51 auf 90,73 für 100000 Personen, 
absolut allerdings von 24027 auf 31278 gestiegen. 

Blind und taubstumm waren im Jahre 1871: 288 Personen, 
1,17 auf 100000, dagegen im Jahre 1900 nur 215 oder 0,62 auf 
100000. Die Zahl dieser Unglücklichen ist somit relativ fast auf 
die Hälfte gesunken. Pröbsting. 

Brüning, Zum Kurpfuschereigesetz. (Med. Klinik 1908, Nr. 17. p. 636.) 

Verf. teilt ein interessantes Schriftstück eines Arztes aus dem 
17. Jahrhundert mit, worin dieser in heftigen Worten gegen das 
schamlose Treiben der Kurpfuscher Verwahrung einlegt. Das alte 
Wort 

Centralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXVIII. Jahrg. 4 


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Tres medicas facies habet r ) 

uuam, quando rogatur, 

Angelicam. Mox est, si 
iuvat, ipse Deus. 

Post, ubi curato poseit sua 
praemia morbo, 
horridus apparet, terri- 
bilisque Satan, 

das er anführt, hat leider auch heute noch vielfach bei Patienten 
Geltung. Boas (Freiburg i. B.). 

Czaplewski, Über zerlegbare transportable Shedbaracken. (Münch, 
med. Woch. 1908, Nr. 38.) 

Nach den Angaben des Verf. hat die Deutsche Barackenbau - 
gesellsehaft in Köln einen neuen Typ einer zerlegbaren trans¬ 
portablen Infektionsbaracke (Shedsystem mit Boxen) konstruiert, 
welche unter Zugrundelegung einer Fünf betteneinheit bequem eine 
beliebige Vergrösserung und eine genügende Trennung einzelner 
Infektionskrankheiten usw. ermöglicht. Die einzelnen Betten sind 
nach französischem Muster, jedes für sich abgeschlossen, innerhalb 
von Boxen untergebracht. Die Boxen haben Wände von 2 m Höhe. 
Die Rückwand wird von der Wand des Saales gebildet. Die Vorder¬ 
seite hat eine Tür mit grossem Beobachtungsfenster und reicht der 
besseren Reinigung und Durchlüftung wegen nicht ganz bis auf 
den Fussboden. Jede Boxe ist mit dem notwendigen Inventar, 
mit Nachtstuhl, Wasch- und Desinfektionseinrichtung usw. versehen. 
Durch Fortlassen und Einsetzen verschiedener Scheidewände können 
beliebig andere Einteilungen geschaffen werden. Die Lüftung und 
Tagesbeleuchtung erfolgt von oben durch ein doppelt verglastes 
Sheddach mit Entlüftungsvorrichtungen, die Heizung durch Öfen 
im Flur. Auch an den Aussenwänden lassen sich Fenster ein- 
setzen, wie z. B. am Schwesterzimmer. Für je eine Einheit ist 
nämlich eine Schwester vorgesehen. Beliebig viele Einheiten lassen 
sich nach dem Shedbarackensystem mit ihren Längsseiten aneinander¬ 
gliedern. Der Preis soll mässig sein. 

Es ist nicht daran zu zweifeln, dass diese Barackenart für 
kleinere Gemeinden, für Vereine, für das Heer von grossem Vorteil 
sein kann, besonders wenn es gilt, sie für längere Zeit, wie bei 


1) Zu deutsch etwa: Drei Gesichter hat der Arzt; zuerst, wenn er 
konsultiert wird, das eines Engels. Wenn es etwa glückt, ist er gar bald 
ein Gott. Jedoch wenn er dem geheilten Patienten seine Rechnung über¬ 
mittelt, zeigt er das verabscheueuswürdigste Antlitz der Welt, fast dem 
Satan gleich. 


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Epidemien, aufzustellen. ln der Transportfähigkeit ist sie jedenfalls 
von der neuesten Erfindung, die sich kürzlich die Heeresverwaltung 
vorstellen liess, übertroffen. Das ist eine Art Möbelwagen, der mit 
zwei Pferden bespanDt nach Wegnahme der Achsen einfach wie 
eine Harmonika bis auf 35 m Länge auseinandergezogen wird und 
mit seinen zwei Stockwerken für eine vollständige Kompagnie 
Unterkunft bietet. Mühlschlegel (Stuttgart). 

Schaefer, The cont&mination of the air of our cities with Sulphur 
Dioxid, the cause of respiratory desease. (Boston 1907. D. C. Heath 
& Company.) 

Der Einfluss der schwefeligen Säure auf die menschliche 
Gesundheit ist bisher noch wenig untersucht worden. Verfasser hat 
sich seit vielen Jahren eingehend mit dieser Frage beschäftigt und 
glaubt, dass die Gegenwart der schwefeligen Säure in der Atem¬ 
luft die wichtigste Ursache für das Asthma ist. Durch die Ver. 
brennung von Steinkohlen und Leuchtgas enthält die Luft immer 
schwefelige Säure, besonders in den Industriegebieten ist die Luft 
damit verunreinigt. Die schwefelige Säure verwandelt sich in 
Schwefelsäure, die für Pflanzen und für Steine so schädlich ist. 

Um uns eine Vorstellung zu machen über die Verunreinigung 
der Luft mit schwefeliger Säure seien folgende Zahlen angeführt: 

Von jeder Tonne Kohlen, die in London verbrannt wird, 
werden etwa 3 Tonnen Kohlensäure produziert. Das macht für 
London täglich 90000 t Kohlensäure und 2700 t schwefelige Säure. 
Die Menge der Kohlensäure in der Luft ist somit ein Indikator 
für die Menge der vorhandenen schwefligen Säure. Die schwefelige 
Säure übt nun aber schon in sehr geringen Beimischungen zu der 
Atemluft einen heftigen Reiz auf die Schleimhäute des Respirations- 
traktus aus, in grösseren Beimischungen wirkt sie sogar tödlich. 

Bei empfindlichen Personen kann die Einatmung von ganz ge¬ 
ringen Mengen von schwefeliger Säure einen Asthma-Anfall auslösen. 

Verfasser glaubt, dass die Gesetzgebung hier eingreifen 
könne und müsse. Über das Wie spricht er sich freilich nicht aus. 

Pröbstin g. 

Experiments upon the reinoval of organisms from the waters of 
ponds and reservoirs by the use of copper sulphate. — Investi- 
gations in regard to the use of copper and copper sulphate. 

(Thirty-seventh aunual report of the State Board of Health of Massach.) 

Das Staats-Gesundheitsamt von Massachusetts hat sehr um¬ 
fassende Versuche angestellt über die Einwirkung von Kupfer¬ 
sulfat auf Algen und Bakterien. Aus dem langen Bericht teile 
ich nur die Schlusssätze kurz mit. 

Jede Methode der Sterilisation von Wasser, die nicht absolut 


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sicher ist, kann gefährlich werden, da sie ein falsches Sicherheits 
gefiihl herbeiführt und die gewöhnlichen Vorsichtsmassregeln ver¬ 
nachlässigen lässt. 

Die Vernichtung von B. coli und B. typhosus kann hin und 
wieder durch verdünnte Lösungen von Kupfersulfat bewirkt 
werden, aber die Mikroorganismen können für mehrere Wochen 
in Wasser leben, welches Kupfersulfat in grösseren Verdünnungen 
wie 1 zu 100000 enthält. Sicher wird die Vernichtung bei einer 
Verdünnung von 1 auf 1000. Ein solcher Kupfergehalt gibt aber 
dem Wasser einen sehr starken adstringierenden Geschmack. Zu¬ 
weilen hatten sehr verdünnte Lösungen von Kupfersulfat scheinbar 
einen anregenden Einfluss auf die Mikroorganismen, da sie eine 
rapide Vermehrung verursachten. Pröbsting. 

Schmidt, Über die chemische Zusammensetzung minderwertigen 
Schlachtfleisches. (Inaug.-Diss. Berlin 1908.) 

Nach den Versuchen von Rumpel istVerf. geneigt, anzunehmen, 
dass der Nährwert des Fleisches tuberkulöser Tiere dem normalen 
in keiner Weise nachsteht. Eine weitere Frage, die Kutscher 
bereits beantwortet hat, beschäftigt sich mit der Frage des Ver¬ 
haltens normalen Fleisches einerseits und tuberkulösen andererseits 
beim Akte der Verdauung oder bei der Resorption. Sie lässt sich 
nach den Untersuchungen von Kutscher dahin beantworten, dass 
sich tuberkulöses Fleisch der Darmfäulnis in höherem Grade zu¬ 
gänglich zeigt als normales. Verf. kommt dann zu seinen eigenen 
an minderwertigem Schlaehtfleisch angestellten Untersuchungen, die 
wir kurz zusammenstellen wollen: 



Wasser¬ 

gehalt 

1 ■ 

1 N-Gehalt; 

Eiweiss- : 
Stoffe '| 

Asche 

Äther- 

lösliche 

Stoffe 


% 

! % i' 

°lo '1 

°/o 

1 % 

Normales Fleisch .... 

76,17 (76,41) 

Ij II 

I 1 j! 

21,44 

1,21 

!: 

1,18 

Tuberkulöses Fleisch 
(Durchschn.-Werte) 

77,58 

3.40 11 

21.26 

1,16 

— 

Anderweitig* minder¬ 
wertiges Fleisch 
(Durchschu.-Werte) 

75,95 

3.41 

21,33 

1,10 

— 


Mithin bestehen auch in der chemischen Zusammensetzung 
des tuberkulösen Schlachtfleisches gesundem gegenüber keine allzu¬ 
grossen Unterschiede ausser vielleicht im Aschegehalt. 

Boas (Freiburg i. B.). 


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Mann, Die Fleischvergiftungen durch das Fleisch kranker Tiere 
und ihre Verhütung. (Vierteljahrsschrift f. gerichtl. Med. 1908, H. 2.) 

Von den Erregern der septischen und pyämischen Rinder- 
erkrankungen bilden nur die sog. Fleischvergifter Toxine, die auch 
nach Sterilisation des Fleisches imstande sind, beim Menschen 
Krankheitserscheinungen hervorzurufen. Nur septische Erkran¬ 
kungen dieser Ätiologie liefern also ein Fleisch, das dem Verkehr 
unbedingt zu entziehen ist, während ein Fleisch, das die übrigen 
Erreger enthält, wenn es sonst nicht zur Beanstandung Veran¬ 
lassung gibt, durchaus nicht als genussuntauglich zu betrachten ist. 
Auf der Suche nach einer brauchbaren Diflferenzierungsmethode 
griff Verf. zunächst zum Malachitgrün-Agar; dieser Nährboden ver¬ 
hinderte wohl das Wachstum der Staphylokokken und Streptokokken, 
versagte aber bei der Trennung der Kolistämme von den Fleisch¬ 
vergiftern, indem er stets von beiden Gattungen einzelne Arten gleich¬ 
zeitig zurückdämmte. Dagegen stellte es sich heraus, dass der sonst 
zur Typhusdiagnose benutzte Kristall violett-Agar die Kolistämme und 
die Fleischvergifter zwar gleich gut wachsen, aber doch innerhalb 24 
Stunden sicher unterscheiden lässt: wachsen blaue durchscheinende 
Kolonien, so ist das Fleisch zu vernichten; wachsen nur rote oder 
gar keine, so kann es unter Deklaration verkauft werden. Den 
Nährboden sollen die bakteriologischen Untersuchungsstationen der 
einzelnen Regierungsbezirke liefern. Gesetz müsse es aber sein, 
dass bei Notschlachtungen nur Tierärzte für die Fleischbeschau 
zuständig sind. Mühlschlegel (Stuttgart). 

Uhlenhuth, Weidanz und Wedemann, Technik und Methodik des 
biologischen Verfahrens zum Nachweis von Pferdefleisch. (Arb. 
aus dem Kaiserl. Gesundheitsamte, 28. Bd., 8. Heft.) 

Das biologische Verfahren des Eiweissnachweises beruht auf 
der Präzipitivreaktion: Auftreten eines Niederschlags in einer 
Eiweisslösung durch ein spezifisches Antiserum. Im § 16 der An¬ 
lage a der Ausführungsbestimmungen zum Fleischbeschaugesetze 
ist in erster Linie die biologische Reaktion vorgeschrieben. Die 
Verff. wollen nun eine Normalanweisung angeben, wie die bio¬ 
logischen Fleischuntersuchungen stattzufinden haben und wie sich 
die hierbei ev. auftretenden Schwierigkeiten vermeiden lassen. 

Bei Gewinnung des Antiserums ist die intravenöse Injektion 
von Serum derjenigen von Blut vorzuziehen. Enthielt das Serum 
Bakterien, so gehen diese in der Blutbahn bald zugrunde. Nach 
der dritten Injektion von je 2—3 ccm Serum werden den gespritzten 
Kaninchen aus einer Ohrvene 2—3 ccm Blut entnommen und mit 
dem aus diesem gewonnenen Serum Vorversuche angestellt. Gibt 
0,1 ccm dieses Serums mit 1 ccm einer 1 °/ 00 igen Lösung von Pferde- 


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serum innerhalb 1—2 Minuten eine am Boden des Gefässes be¬ 
ginnende Trübung, so kann das Kaninchen geschlachtet und ent¬ 
blutet werden. Das gewonnene Serum darf nicht opaleszieren. Sein 
Titer wird bestimmt durch Hinzufügen von je 0,1 ccm Serum zu 
1 ccm einer Pferdeserumlösung von 1 : 1000, 1 : 10000, 1 :20000. 
Spätestens in 5 Minuten müssen auch die stärksten Verdünnungen 
eine Trübung aufweisen. 

Den Pferdefleischauszug stellt man sich so her, dass man 30 g 
magern Fleisches abschabt und mit 50 ccm 0,85°/ 0 iger Kochsalz¬ 
lösung 3 Stunden lang ruhig stehen lässt. 

Nun werden 3 Röhrchen mit je 1,6 ccm dieses (filtrierten!) 
Auszuges beschickt, ferner 2 Röhrchen mit einem in gleicher Weise 
hergestellten Schweine- bzw. Rindfleischauszug, ein sechstes Röhrchen 
mit 1,0 ccm 0,85°/ 0 iger Kochsalzlösung. Dann wird zu allen Röhr¬ 
chen je 0,1 ccm des Pferdeantiserums zugesetzt und zwar so, dass 
es an deren Wand herabfiiesst und sich auf dem Boden sammelt. 
Nur zu Röhrchen 2 wird statt dessen 0,1 ccm Serum eines nicht 
vorbehandelten Kaninchens gegeben. Auf bewahren der Röhrchen 
bei Zimmertemperatur, ohne Schütteln derselben. In Röhrchen 
1 und 3 muss eine spezifische Reaktion auftreten, die anderen 
müssen ganz klar bleiben. Zur Herstellung eines Auszuges aus 
gepökeltem, geräuchertem oder faulendem Pferdefleisch bedarf es 
einer Auslaugungszeit bis zu 2 Tagen. Mit gekochtem Fleisch lässt 
sich die Reaktion nicht ausführen. Das Weitere muss im Original 
nachgelesen werden. Bermbach (Cöln). 

Weid&nz und Borchmann, Vergleichende Untersuchungen über 

die praktische Verwertbarkeit der Prftzipitinreaktion und der 

Complementierungsmethode zum Nachweis von Pferdefleisch. 

(Arb. aus dem Kaiserl. Gesundheitsanite, 28. Bd., 3. Heft.) 

Setzt man zu einer Eiweisslösung („Antigen“) das ent¬ 
sprechende Antiserum („Immunkörper“) zu und einige Tropfen des 
Serums eines nicht vorbehandelten Tieres („Complement“), so tritt 
eine Verankerung dieser 3 Compenenten ein. Nachträglich zu¬ 
gefügtes inaktiviertes, d. h. seiner Coraplemente durch Erhitzen auf 
56° beraubtes, homolytisches Serum kann dann nicht die homo¬ 
logen Erythrocyten auflösen. Das ist das Wesen der Complement- 
bindungsmethode, welche an Feinheit die einfache Präzipitivreaktion 
übertrifft. Namentlich zum Nachweis von Pferdefleisch in gekochten 
Würsten wird sie in vieleu Fällen gute Dienste leisten. Da sich 
hierbei jedoch zu viele Fehlerquellen zeigen, auch die Technik sehr 
schwierig und zeitraubend, die Anzahl der notwendigen Reagen- 
tien zu gross,- und endlich die Deutung zu schwierig ist, von der 
Kostenfrage ganz zu schweigen, so empfiehlt sich diese Methode 


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für die Praxis nicht. Mit der Priizipitivroethode kommt man 
allein aus. Bermbach (Cöln). 

Trommsdorff, Bemerkungen zu dem Artikel von Sohuppius: „Die 
Milchleukozythenprobe nach Trommsdorflf“. (Arch. f. Hyg., 63. Bd., 

1. Heft.) 

Aus dem 62. Bande des Archivs ist vom Referenten die 
Schuppiussche Arbeit besprochen worden. Trommsdorff widerlegt 
in vorliegender Arbeit die von Schuppius gegen seine Methode vor¬ 
gebrachten Ein wände. Mastbaum (Cöln). 

Lehmann, Über die Angreifbarkeit der verzinnten Konserve- 
büchsen durch S&uren und verschiedene Konserven. (Arch. f. 
Hyg., 63. Bd., S. 66-123.) 

Im Bande 45 des Archivs hat Verfasser über eine Reihe von 
Untersuchungen berichtet, welche er über den Zinngehalt von 
Konserven und dessen hygienisch-toxikologische Bedeutung ange¬ 
stellt hatte. 

Die wichtigsten Resultate, welche sich dem Verfasser aus 
seinen interessanten Untersuchungen ergeben, sind: 

1. Zinn wird in verdünnten Säuren gar nicht oder nur in 
sehr kleinen Spuren gelöst, wenn die Flüssigkeit nicht entweder 
freien Sauerstoff enthält oder Luft Sauerstoff aufnehmen kann. Die 
Zinnlösung geschieht am raschesten, wenn das Zinn aus der Flüssig¬ 
keit herausragt, erheblich langsamer, wenn es bei freiem Sauerstoff- 
Zutritt zur Oberfläche der Füssigkeit ganz in der Flüssigkeit unter¬ 
getaucht ist, fast gar nicht, wenn es in sauerstofffreier Flüssig¬ 
keit luftdicht eingeschlossen ist. Es bleibt vorläufig unentschieden, 
worauf die unter den letzteren Bedingungen beobachteten mini¬ 
malen Zinnmengen zurückzuführen sind. 

2. In nicht lackierten Zinnbüchsen wird Zinn gelöst von ver¬ 
dünnten organischen Säuren nach Massgabe des in der Flüssig¬ 
keit gelösten Sauerstoffs und des gasförmig zwischen Deckel und 
Flüssigkeitsspiegel befindlichen. Die in Fruchtsäften beobachteten 
Zinnmengen können bis 300 mg im Liter betragen. 

3. Bei Abwesenheit von freiem Sauerstoff kann der gebun¬ 
dene Sauerstoff der Nitrate für denselben eintreten. Die Nitrate 
werden dabei zu Ammoniak reduziert. Solche können mit Brunnen¬ 
wässern in Gemüsekonserven gelangen. 

4. In geöffneten Büchsen verhütet bei süssen Konserven der 
Zucker, bei animalischen Konserven das Fett eine schnelle Zinn¬ 
lösung. 

5. Die hemmende Wirkung des Zuckers beruht auf einer 
Störung der Jonisierung der Weinsäure. Alle untersuchten Metalle 


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werden von gezuckerten Säuren wesentlich schwächer angegriffen 
als von ungezuekerten. 

6 . Bei gleichzeitiger Anwesenheit von Eisen und Zinn ist die 
Zinnlösung sehr erheblich gestört, wogegen die Eisenlösung durch 
das Zinn nicht wesentlich beeinflusst wird. Es scheint wahrschein¬ 
lich, dass bei nachlässiger Verzinnung viel Eisen, aber wenig Zinn 
in Lösung geht. 

Das Lackieren der Konservenbüchsen schützt dieselben für 
V 4 —Vs Jahr in hohem Grade gegen Zinnangriff, später nimmt die 
Wirkung durch Zerstörungen des Lackes ab. Mast bäum (Cöln). 

Rabenhorst und Varges, Koffeinfreier Kaffee. (Med. Klinik 1908' 
Nr 42, p. 1612-1613.) 

Die chemische Analyse koffeinfreien Kaffees ergab, dass die 
Werte denen eines reinen normalen Kaffees entsprechen. Fremde 
chemische Bestandteile waren nicht nachweisbar, ebensowenig ein 
anormaler Gehalt der im reinen Kaffee vorhandenen Bestandteile, 
insbesondere gilt das für Benzol, Ammoniak, Ätzalkalien, Phosphor¬ 
säure und Schwefelsäure. Zu den Versuchen wurde „Koffeinfreier 
Kaffee Hag“ benutzt. (Hergestellt von der Kaffee-Handels-Aktien- 
gesellschaft in Bremen.) Boas (Freiburg i. B.). 

Kassowitz, Der theoretische Nährwert des Alkohols. (Therap. 
Monatshefte 1908, Nr. 6—7.) 

Verf. verficht, wie in seinen früheren Publikationen die Theorie, 
dass der Alkohol kein Nahrungsmittel sei, da er toxisch wirke und 
die ihm nachgesagte eiweiss- und fettsparende Wirkung nach eigenen 
Versuchen ihm in Wirklichkeit nicht zukomme. Der im Referat 
schwer wiederzugebende Gang der Argumentation, der sich Ref. 
nicht anschliessen kann, muss im Original nachgelesen werden. Als 
Konsequenz seiner Ausführungen tritt Verf. für Totalabstinenz ein, 
welchen Standpunkt er schon jahrelang vertreten hat. 

Boas (Freiburg a. B.). 

Neumann, Einfluss der Ernährungsweise auf die Säuglingssterb¬ 
lichkeit. (Zeitschr. f. soz. Med. Leipzig 1908, Bd. III.) 

Die Säuglingssterblichkeit ist abhängig von der Ernährungs¬ 
weise, und zwar gibt die natürliche Ernährung die besten Aussichten, 
während die künstliche von erheblichen Gefahren begleitet ist. 
Von nicht zu unterschätzender Bedeutung in dieser Hinsicht ist 
die Wohnungsfrage: je grösser die Wohnungen, um so geringer 
die Mortalität. Aber auch bei schlechten räumlichen Verhältnissen 
unterscheidet sich die Sterblichkeit der Säuglinge nicht erheblich 
von der bei besten Wohnungsverhältnissen, wenn in beiden Fällen 


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nur die Brusternährung durchgeführt wird. Nach N.s Berechnung 
ist weiterhin die künstliche Ernährung bei schlechten Wohnungs- 
▼erhältnissen 4,7 mal, bei mittleren 6,5 mal und bei grössten 
Wohnungen endlich 4,0 mal gefährlicher als die Brusternährung. 
„Die äusseren Umstände, die die künstliche Ernährung ungünstig 
beeinflussen, bleiben also, von dem ersten Monate abgesehen, un¬ 
ter den verschiedenen Lebensverbältnissen während des ganzen 
Säuglingsalters verhältnismässig gleich, trotzdem die Sterblichkeit 
mit zunehmendem Alter abnimmt.“ 

N. erachtet auch die Prognose für den Säugling beeinflusst 
durch den Kalendermonat der Geburt, und zwar bleibt in Berlin 
die Säuglingssterblichkeit unter dem Mittel bei den von August 
bis Januar oder vom September bis Februar Geborenen. Der un¬ 
günstige Einfluss der sommerlichen Hitze ist geringer anzuschlagen 
als die ungünstige Bedeutung, die der Schwäche der ersten Lebens¬ 
monate zukommt. 

Wie verhält es sich nun mit den Todesursachen? Hier haben 
die Verdauungskrankheiten den Vorrang: die Sterblichkeit an 
Darmkrankheiten ist um so grösser, je mehr die jüngsten Alters¬ 
abschnitte in der warmen Jahreszeit künstlich ernährt werden. 
Da die Rachitis mit den Krämpfen und die Darmerkrankungen fast 
nur bei künstlich aufgezogenen Kindern zu Tode führen, so ist die 
Lebensaussicht, soweit sie vom Geburtsmonat abhängt, wesentlich 
nur Folge der künstlichen Ernährung und gleicht sich mit ihrem 
Rückgänge aus. Es ist für die im Frühjahr und Sommer Geborenen 
von besonderer Wichtigkeit, natürlich ernährt zu werden. 

In praktischer Beziehung muss deshalb für das Stillen mög¬ 
lichst Sorge getragen werden, was wichtiger ist, als für Verbesserung 
der künstlichen Ernährung zu sorgen. Kaupe (Bonn). 

Prinzing, Die Entwicklung der Kindersterblichkeit in Stadt und 
Land. (Zeitschr. für soziale Med. 1908, Bd. 3, H. 2.) 

Bei den Städten nimmt die Kindersterblichkeit gegen die 
1860er und 70er Jahre hin zu, geht dann regelmässig, besonders 
rasch von 1896 an, zurück. Die Zunahme ist mit der raschen Ent¬ 
wicklung der Städte zu erklären, die damals in Deutschland ihren 
Anfang nahm: Massen strömten in den Städten zusammen, die auf 
diesen Ansturm nicht vorbereitet waren, so dass tatsächlich an vielen 
Orten ungesunde Verhältnisse schwerer Art entstanden. Dazu kam die 
rapide Zunahme der Geburtsziffer nach dem Deutsch-Französischen 
Kriege, die auch unter günstigeren sanitären Zuständen eine Er¬ 
höhung der Kindersterblichkeit bedingt hätte. Bald nahmen die 
Stadtverwaltungen die Besserung der gesundheitlichen Verhältnisse 
in ihr Programm auf, zuerst durch Kanalisierung und Versorgung 


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mit gutem Trinkwasser, dann durch Erlass besserer Bauordnungen 
und durch Einführung einer Wohnungskontrolle, zuletzt noch durch 
Versorgung mit guter Milch, besonders durch Gründung von 
Säuglingsmilchküchen. Zum Teil wird die Abnahme der Kinder¬ 
sterblichkeit durch den Kückgang der Geburtsziffer bedingt; denn die 
Kindersterblichkeit wächst mit der Zahl der Kinder in einer Familie, 
und zwar um so mehr, je schneller die Kinder aufeinander folgen. 

Dem Rückgang der Kindersterblichkeit in den Städten steht 
in Preussen in vielen Regierungsbezirken des Osten und Westens 
eine Zunahme auf dem Lande gegenüber, während Süddeutschland 
fast überall auch auf dem Lande eine Abnahme zeigt. Besonders 
gross ist die Zunahme in den Regierungsbezirken Stralsund, Stettin 
und Münster. Als Ursache hierfür kann nur der Rückgang des 
Stillens und ein mangelhafter Ersatz der an Molkereien und Gross¬ 
städte abgegebenen Milch angenommen werden. Die bedeutenden 
Verbesserungen in der künstlichen Ernährung sind bisher nur den 
Städten zugute gekommen; es ist Zeit, diese Verbesserungen auch 
auf dem Lande einzuführen, ausserdem auch dafür zu sorgen, dass 
die Frauen sich wieder mehr dem Stillen der Neugeborenen zu¬ 
wenden. Sonst rückt die Gefahr nahe, dass die wertvolle körper¬ 
liche Überlegenheit der Landgeborenen über den Stadtgeborenen 
schwindet. Mühlschlegel (Stuttgart). 

Hegar, Zur Verbreitung, Entstehung und Verhütung des engen 
Beckens. (Münch, med. Woch. 190b, Nr. ;$4.) 

Leider liegen noch nicht genug Untersuchungen über die 
Verbreitung des engen Beckens in den einzelnen Ländern vor. 
Doch lässt sich so viel sicher entnehmen, dass es in Schweden und 
Norwegen viel seltener vorkommt, als in Deutschland. Dort ist eine 
einheitlich gute Rasse, die sich vorzugsweise im Freien beschäftigt; 
für die körperliche Entwicklung der Jugend wird gut gesorgt: 
gegen den Alkoholmissbrauch wird erfolgreich gekämpft, und fast 
alle Frauen ziehen ihre Kinder an der Brust auf. 

Bei der Entstehung des engen Beckens spielen Entwicklungs¬ 
störungen eine grosse Rolle. Sie können bereits im Fötallebeu, 
selbst schon im Keime vorbereitet sein; meist werden sie aber erst 
nach der Geburt durch schädliche Einflüsse bewirkt, die das Indi¬ 
viduum treffen, ehe es seine volle Ausbildung erlangt hat. Diese 
verzögert sich dann oder kann vollständig zum Stillstand kommen, 
so dass gewisse Merkmale, welche dem Kind eigen sind, noch ira 
späteren Alter angetroffen werden (Infantilismen). Und dazu ge¬ 
hört auch das enge Becken. Die hauptsächlichsten Ursachen der 
Schädigung sind das Nichtstillen im Säuglingsalter, dann die un¬ 
zweckmässige Ernährung in den späteren Jahren, schlechte Wohnungs- 


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Verhältnisse, langes Schulsitzen, zu wenig Körperbewegung im 
Freien, bei den Mädchen besonders zu frühe Einführung in das 
gesellschaftliche Leben, chronische Infektionen wie Tuberkulose. 
Eine weitere Ursache ist der Kretinismus, der sich mit zahlreichen 
Entwicklungshemmungen am Skelett und am Sexualapparat ver¬ 
bindet. Und als dritte, an vielen Orten ergiebigste Ursache ist die 
Rachitis anzusehen. 

Die Verhütung des engen Beckens lässt sich erreichen durch 
die Beseitigung der obengenannten hauptsächlichsten Ursachen. Die 
modernen Bestrebungen nach Durchführung einer rationellen Volks¬ 
hygiene kommen uns dabei zu Hilfe. Mühlschlegel (Stuttgart). 

v. Heues, Zur Bekämpfung der Kurzsichtigkeit. (Gesunde Jugend. 

VIII. Heft 1, 1908.) 

Verf. führt zur Vermeidung der Schulkurzsichtigkeit folgende 
Massnahmen an: 

1. Abschaffung der vielen häuslichen Arbeiten. 

2. Ein grösserer Wert muss auf eine gute Handschrift ge¬ 
legt werden. 

3. Die örtliche Platzverteilung muss für jeden Schüler gutes 
Licht bieten. 

4. Allzu grosse Nähe von überhitzten Öfen muss vermieden 
werden. 

5. Verbot des Tragens von Kneifer und Monokel, statt der 
Brille. 

6. Belehrung und Aufklärung. 

7. Gute Körperhaltung beim Lesen und Schreiben. 

Mühlschlegel (Stuttgart). 

Best, Kurzsichtigkeit und ihre Verhütung. (Münch, med. Wochschr. 

1908, Nr. 29 und 30.) 

Der Kampf gegen die Schulkurzsichtigkeit war bisher erfolg¬ 
los. Die Beobachtung, dass von den Volksschülern nur 5—6°/ 0 , 
von den Studenten aber mindestens die Hälfte kurzsichtig wird, 
weist auf die Naharbeit als Ursache hin. Daneben spricht die Tat¬ 
sache, dass die einen bei der gleichen Naharbeit kurzsichtig wer¬ 
den, die andern nicht, für eine vererbte Disposition. Letztere ist 
natürlich nicht gut zu bekämpfen; höchstens dass belastete Kinder 
vor den Gefahren der Naharbeit besonders behütet werden und 
vielleicht noch, dass Heiraten von zwei hochgradig Kurzsichtigen 
vermieden werden sollten. Die Naharbeit allein ist es, die kurz¬ 
sichtig macht. Ob man bei schlechter Beleuchtung liest oder bei 
guter, ist bei gleicher Annäherung des Buches gleichgültig; nur 
wenn die Beleuchtung so minderwertig ist, dass sie direkt zum 


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Näherbalten zwingt, ist sie schädlich. Die Naharbeit ist also ein- 
znschränken. Für die Volksschalen würde eine geringe Vermin¬ 
derung der Naharbeit genügen. Für die höheren Schulen ist zu 
fordern, dass der Unterricht in den neueren Sprachen mehr münd¬ 
lich als schriftlich geführt wird, dass mehr Anschauungsunterricht 
(Naturwissenschaft) gehalten wird, dass die Lehrer selbst mehr 
hygienische Kenntnisse sich erwerben und dass von den Nachmit¬ 
tagen zwei schulfrei sind und an vier Spiel und Sport getrieben 
wird. Für alle Schulen aber ist das deutsche Alphabet abzuschaffen. 

Müh Ischlegel (Stuttgart). 

Schanz, F., Die Einwirkung der ultravioletten Strahlen auf das 
Auge. 

In der Abteilung für Augenheilkunde der 80. Versammlung 
deutscher Naturforscher und Ärzte hielt Augenarzt S.-R. Dr. F. Schanz 
(Dresden) einen Vortrag über Untersuchungen, die er in Gemein¬ 
schaft mit Dr.-Ing. K. Stockhausen (Dresden) angestellt hatte, um 
über die Einwirkung der ultravioletten Strahlen auf das Auge 
Aufschluss zu erhalten. 

Was zunächst die Durchlässigkeit des Auges für die ultra¬ 
violetten nicht sichtbaren Strahlen angeht, so fanden die beiden 
Untersucher, dass die kurzwelligen ultravioletten Strahlen von we¬ 
niger als 300pp Wellenlänge nicht imstande sind, die Hornhaut 
zu durchdringen, sie werden von derselben absorbiert. Die Strah¬ 
len von 300 pp W. gehen durch die Hornhaut hindurch, sie ge¬ 
langen bis zur Linse und werden hier absorbiert. Die Strahlen 
von 350—400 pp W. bewirken die Fluorescenz der Linse und ge¬ 
langen bis zur Netzhaut. 

Es sind durch ultraviolette Strahlen folgende Schädigungen 
des Auges beobachtet worden: 

1. Reizungen des Auges vom leichtesten Katarrh bis zur 
heftigsten Entzündung, als elektrische Ophthalmie und Schnee¬ 
blindheit bekannt. 

2. Veränderungen in der Linse wie Zerfall der Kerne und 
Zerstörung der Zellen des Kapselepithels. 

3. Reizungen der Netzhaut, die sich bei längeren Wanderungen 
über Schneeflächen als Erythropsie, bei anhaltender Arbeit beim 
Licht der Quecksilberdampflampe als Farbensinnstörungen in der 
Nähe des Fixationspunktes zu erkennen geben. Wenn auch die 
ultravioletten Strahlen im Haushalte der Natur von grosser Be¬ 
deutung sind, so werden sie doch für den Sebakt nicht gebraucht, 
sie sind als Verunreinigung des Lichtes anzusehen, und es empfiehlt 
sich daher, sie vom Auge möglichst abzuhalten. Eine gewöhnliche 
Brille gewährt nur geringen Schutz, das Licht, welches zur Netz- 


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haut gelangt, wird durch eine Brille nicht verändert. Die Unter- 
eucher haben nun ein Glas hergestellt, das leicht grüngelb gefärbt 
ist, aber alle ultravioletten Strahlen zu absorbieren vermag. Da 
unsere modernen Lichtquellen besonders reich an solchen Strahlen 
sind, so haben die Erfinder dieses Glas zunächst als Hülle für 
unsere künstlichen Lichtquellen empfohlen. Solche Beleuchtungs¬ 
gläser werden von den Glashüttenwerken Gebr. Putzler in Penzig 
O.-S- in den Handel gebracht. Pröbsting. 

Bergemann, Zur Hygiene der Milit&r-Fussbekleidung (Vierteljahrs- 
sehr. f. gerichtl. Med., XXXIV, 2.) 

B. hat es verstanden, in einer kurzgefassten Arbeit das 
wichtige Kapitel der Hygiene der Fussbekleidung in erschöp¬ 
fender Weise zu behandeln. Wenngleich in erster Linie die mili¬ 
tärischen Verhältnisse Berücksichtigung finden, so kann ich das 
Lesen dieser Arbeit jedem, der sich in kurzer Zeit orientieren will, 
welche Fussbekleidung die gesündeste ist, nur empfehlen. Ein 
ausführliches Literaturverzeichnis ist beigegeben. B. fasst die 
Ergebnisse seiner Arbeit in folgenden Sätzen zusammen: 

1. Zweck der Fussbekleidung ist Schutz des Fusses gegen 
mechanische Verletzungen, Nässe, Schmutz und thermische Ein¬ 
wirkungen. Der Stiefel soll ferner dem Fuss den nötigen Halt 
geben und dadurch seine Leistungsfähigkeit erhöhen. 

2. Die durch den Leisten bestimmte Form der Fassbeklei¬ 
dung muss die Gestaltsveränderung des Fusses bei Belastung und 
beim Gehen in Rechnung ziehen; sie kann diesem deshalb niemals 
völlig kongruent sein. Um dem Fuss einen gewissen Halt zu 
geben, muss der Stiefel sich an den widerstandsfähigsten Stellen 
fest anlegen; diese sind die hintere Begrenzung der Ferse, der 
Spann und die seitliche Begrenzung der grossen Zehe. 

3. Die Sohlenform des Meyerschen Leistens ist nicht zweck¬ 
mässig, da die grosse Zehe bei Erwachsenen nur in Ausnahme¬ 
fällen in der Verlängerung des ersten Mittelfussknochens liegt 
und die Deviation nach aussen nicht lediglich Wirkung unzweck¬ 
mässigen Schuhzeugs, sondern durch den Gehakt und die auf 
diesem beruhende stärkere Ausbildung des Grosszellenballens phy¬ 
siologisch begründet ist. 

4. Der Militärleisten 1906, der zur Einführung bestimmt ist, 
entspricht im allgemeinen den anatomischen Anforderungen. Die 
vordere Begrenzung muss sich der Anordnung der kleinen Zehen 
in der Weise anpassen, dass dieselben weder eingeengt werden, 
noch ein toter Raum vor ihnen entsteht. 

5. Eine Veranlassung, den hohen Schaftstiefel bei unserer 
Armee durch Schnürstiefel zu ersetzen, liegt nicht vor, wenn auch 


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der letztere für den Quartiergebrauch wie für den Bedarf ausser¬ 
halb des Heeres als die zurzeit zweckmässigste Fussbekleidung 
angesprochen werden muss. 

6. Bei Schnürschuben ist die Schnürvorrichtung in der Mitte 
über dem Spann anzubringen. 

7. Ein brauchbarer Ersatz für das Leder ist bisher nicht 
gefunden worden; dasselbe genügt im allgemeinen den hygienischen 
Anforderungen. 

8. Die innere Fussbekleidung ist den Heeresangehörigen vom 
Staate zu liefern. Als Material übertrifft die Wolle von hygieni¬ 
schen Gesichtspunkten aus alle übrigen Stoffe. 

Graessner (Köln). 

v. Hovorka, Muskelübungen vom doppelten Standpunkt der 
Hygiene und Therapie. (Zeitschr. t'. difttet. u. physikal. Therap. 1908, 
Heft 2, p. 93-101.) 

Die Muskelbewegungen werden durch Reizung seiner Struktur¬ 
elemente resp. Nervenendigungen ausgelöst. In Betracht kommen vor 
allem mechanische, chemische, thermische und elektrische Reize, 
von denen der am Wege der Nervenbahn erfolgende als der 
wichtigste anzusehen ist. Die Muskelbewegung führt eine Gestalts¬ 
veränderung und Erhöhung des Stoffwechsels herbei. Übertriebene 
Muskelübungen können zu Starrkrampf führen. Die Ermüdung, ein 
physiologischer Vorgang, kann durch sog. Training hintangebalten 
oder verzögert werden. Die Ermüdungsstoffe bestehen aus Kalisalzen, 
Phosphorsäure und Milchsäure. Von chemischen Vorgängen ist 
ferner die Umwandlung der schwach alkalisch oder neutralen Muskel¬ 
reaktion in eine saure und Abnahme des Glykogen- und Trauben¬ 
zuckergehaltes zu nennen. Die tägliche Muskelarbeit eines normalen 
Mannes ist bei 8 ständiger Arbeit auf etwa 800000 Kilogrammeter 
zu veranschlagen. Boas Freiburg i. B.). 

Boas jr., Die Gefahren des Korsetts, ein Beitrag zur Hygiene der 
Kleidung. (Allgem. Wiener nied. Zeit. 1908, Nr. 23 u. 24.) 

1. Begünstigung in der Ätiologie der Chlorose. 

2. Behinderung der Zwerchfellsbewegungen. 

3. Lageveränderungen des Magens (Gastroptose) und Darms 
(Enteroptose): Sanduhrmagen. 

4. Lageveränderungen der Leber (Schnürleber) und Niere. 

Autoreferat (Boas). 

Koelsch, Die soziale und hygienische Lage der Spiegelglasschleifer 
und -polierer. [Nebst Bemerkungen über die gewerbliche Staubinhala- 
tion.] (Soz. Med. und Hyg. 1908, Nr. 8—10.) 

Verf. stellt bei dieser Berufsklasse eine vermehrte Erkrankungs- 


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häufigkeit fest. Dies ist besonders auffällig bei den Folgen der 
Erkältungen und Durchnässungen, speziell Bronchialkatarrhen und 
rheumatischen Erkrankungen; ausserdem erscheint die Widerstands¬ 
fähigkeit gegen Infektionskrankheiten, namentlich Influenza, ver¬ 
mindert. Für die Vorbeugung kommen zuallererst in Betracht die 
Herabsetzung der übermässig langen Arbeitszeit und die Verhütung 
der Staubinhalation, der die Arbeiter beim Schneiden und Sieben 
ausgesetzt sind, sodann die Verbesserung der Arbeitsstätte und 
eine sorgfältigere Beachtung der persönlichen Hygiene. 

Mühlschlegel (Stuttgart). 

Klocke. Über Krankheitsgefahren der Glashüttenarbeiter. (Soziale 
Med. u. Hyg. 1908, Nr. 7.) 

Die Glasbläser haben besonders unter chronischem Luftröhren¬ 
katarrh und an Magen- und Darrakatarrhen zu leiden. Dies ist 
erklärlich, wenn man bedenkt, dass diese Arbeiter der grossen 
Hitze des Ofens und der Glasmasse ausgesetzt sind, also stark Schweiss 
absondern und deshalb starken Durst entwickeln, der am liebsten 
durch kaltes Wasser oder Bier gestillt wird. 

Der Ersatz solcher Getränke durch warme Milch oder anderes 
wird wohl überall bereits angestrebt, stösst aber auf nicht leicht 
zu überwindende Schwierigkeiten. Gelingt dies, dann wird auch 
die grosse Erkrankungsziffer herabgesetzt und das Bild dieser 
Berufskrankheit ein günstigeres werden. 

Für die Beseitigung aller übrigen Erkrankungsmöglichkeiten 
durch Staub, Gasvergiftung, ansteckende Krankheiten oder mecha¬ 
nische Verletzungen, genügen tatsächlich die Bestimmungen der 
§§ 120 a und ff. der Reichsgewerbeordnnng, zu deren Durchführung 
die Gewerbeaufsichtsbeamten berufen sind. 

Mühlschlegel (Stuttgart). 

Meyer, Hysterie und Invalidität. (Dtsche med. Wochr., 33. Jahrg., Nr. 6.) 

Die Erkenntnis, dass Hysterie auch häufig znr Invalidität 
führt, ist noch lange nicht genügend weit verbreitet. Prof. Meyer 
sieht die Ursache davon in der auch bei manchen Ärzten noch 
vorhandenen Anschauung, die Hysterie sei eigentlich keine Krank¬ 
heit, sondern nur ein Name für die Neigung, sich krank zu stellen. 
Demgegenüber betont er nochmals, dass die Hysterie eine psychische 
Erkrankung sei, und dass die etwaigen Übertreibungen eben in 
dieser psychischen Störung ihren Grund haben. 

Er warnt vor einer Überschätzung der körperlichen Störungen 
bei Hysterie — worauf in letzter Zeit besonders auch Babinski 
wieder aufmerksam gemacht habe —, in unzweifelhaften Fällen 
von Hysterie seien die körperlichen Störungen oft recht gering. 


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Wenn sie vorhanden, sind sie natürlich von recht grossem Werte 
für die Diagnose, die Höhe der Invalidität darf aber nicht nach 
ihnen allein oder auch nur vorwiegend nach ihnen abgeschätzt 
werden; die psychischen Erscheinungen bleiben immer wesentlich 
mit zu berücksichtigen, sie können, wenn sie in grösserer Stärke 
vorhanden sind, auch allein schon Invalidität bedingen. 

In allen schwierigeren Fällen empfiehlt Verfasser Beobachtung 
in einer Anstalt sowie Erhebungen darüber, wie die Leistungen 
des Kranken in den letzten Jahren gewesen sind. 

Für notwendig hält er auch den baldigen Antrag auf Einleitung 
eines Heilverfahrens, wozu sich am besten die Nervenheilstätten 
eignen, deren Vermehrung ganz besonders auch zur Verhütung und 
Verzögerung des Eintritts der Invalidität bei Nervenkranken bei¬ 
tragen werden. Fuchs (Cöln). 

Hanauer, Die Hygiene der Heimarbeit. (So/.. Med. u. Hyg. 1908, H. 4.) 

Mit der gesundheitlichen Lage der Heimarbeiter ist es leider 
sehr traurig bestellt. Die Ernährung ist völlig ungenügend, besonders 
bei den Hauswebern in Mähren; kommt es doch dort nicht selten 
vor, dass sie die zum Schlichten der Garne mitgegebene Stärke 
verzehren. Ebenso schlimm sind die Wohnungsverhältnisse, da 
gewöhnlich im selben kleinen Raum gewohnt, geschlafen und ge¬ 
arbeitet wird. Ihre Arbeitszeit kennt weder Nacht- noch Sonntags¬ 
ruhe, keine Schonung der Frau und der zarten Kinder; die Arbeit 
der letzteren ist um so ausgedehnter, je schlechter die Löhne sind. 
Die gewerbehygienischen Schädigungen treffen die Heimarbeiter 
viel schwerer als die Fabrikarbeiter. Es kann daher nicht wunder¬ 
nehmen, dass die meisten Heimarbeiterfamilien einer schweren 
Degeneration verfallen sind. 

Aber auch für den Konsumenten ist die Heimarbeit nicht 
ohne Gefahr, insofern durch die Produkte Krankheiten übertragen 
werden können, besonders durch die der Konfektion und der 
Nahrungsmittelindustrie. Scharlach, Pocken, Keuchhusten, Diphtherie 
können an den Kleidungsstücken haften. Die Bearbeitung der 
Konserven, Zigarren, Schokolade, Marzipan, das Auslesen von Kaffee 
ist zudem höchst unappetitlich. 

Für die Beseitigung des Elends und der Gefahren kommen 
in Betracht die Arbeiter selbst, dann die Arbeitgeber, die Kon¬ 
sumenten, die öffentliche Fürsorge und endlich der Staat. Die 
Heimarbeiter selbst müssen sich organisieren. Die Arbeitgeber 
müssen Überwachungskommissionen einsetzen und die Waren (Tabak) 
womöglich vorbearbeitet liefern. Die Konsumenten können Firmen 
mit viel Heimarbeitern meiden. Die öffentliche Fürsorge kann 
gesunde Werkstätten errichten lassen. Die wichtigste Aufgabe fällt 


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der staatlichen Gesetzgebung zn. Die Heimarbeit ganz zu ver¬ 
bieten, geht nioht an; dagegen sollte jede Heimindustrie verboten 
werden, die mit Gefahr für Leben und Gesundheit der Arbeiter 
verbunden ist, sowie die Nahrungsmittelindustrie einschl. der Tabak¬ 
verarbeitung. Ferner sollten Vorschriften über Arbeitszeit und 
Arbeitsräume erlassen und ihre Durchführung von Inspektions¬ 
beamten überwacht werden. Die Kranken-, Unfall- und Invaliden¬ 
versicherung sollte auch auf die Hausindustrie ausgedehnt werden. 

Mühlschlegel (Stuttgart). 

Schmidt, Die Bleivergiftungen und ihre Erkennung. (Arch. f. Hvg\, 
Bd. 63, H. 1, S. 1-22.) 

Es ist als eine Tatsache anzusehen, dass die Zahl der Bleiver¬ 
giftungen in den gewerblichen Betrieben im Rückgang begriffen 
ist, dank der unablässigen Fürsorge unserer Regierungen für die 
dort, beschäftigten Arbeiter. Gleichwohl ist die Zahl der Blei¬ 
kranken und das Unglück, das über manche Arbeiterfamilien durch 
länger dauernde Erwerbsunfähigkeit ihrer Ernährer infolge Bleiver¬ 
giftung hereinbricbt, noch immer viel zu gross. 

Da die Verdrängung von Blei aus den Gewerben unmöglich 
ist und sich die Empfindlichkeit einzelner Individuen gegenüber 
dem Gift nicht beseitigen lässt, wird die Hauptaufgabe der Ärzte 
die bleiben, die Bleikrankheiten in einem so frühen Stadium zu 
erkennen, dass schwerere Formen möglichst verhütet werden, also 
die Frühdiagnose. Die Schwierigkeiten der Diagnose bei rheuma¬ 
tischen und nervösen Formen ist bekannt, auch der sonst charak¬ 
teristische Bleisaum kann fehlen. 

Deshalb erscheint die Beobachtung von Grawitz von grösster 
Bedeutung, dass bei Bleikrankheit in den mit Methylenblau ge¬ 
färbten Blutausstrichen eine Veränderung der roten Blutkörper¬ 
chen vorkomme: die Einlagerung verschieden zahlreicher grösserer 
oder kleiner Körner, welche sich mit den basischen Farbstoffen 
besonders leicht darstellen lassen. 

Die Grawitzschen Befunde sind bereits von mehreren Seiten 
bestätigt worden. Bei allen bisherigen Versuchen wurden grosse 
Dosen Blei verwendet, während Verfasser seine Tierversuche mit 
Dosen anstellte, wie sie etwa in den Bleigewerben für die Arbeiter 
in Frage kommen können. Nachdem positive Resultate erzielt 
waren, untersuchte Verfasser eine Anzahl Arbeiter die in Blei¬ 
gewerben tätig waren. Sowohl die Tierversuche, als auch die an 
Gesunden, Bleiarbeitern und Bleikranken angestcllten Untersuchungen 
ergaben die Bestätigung der Grawitzschen Angaben. Sämtliche 
Bleikranke zeigten über 100 basophil gekörnte rote Blutkörperchen 
auf 1 Million. Dieser Befund ist in diagnostisch unklaren Fällen 

Centrfclblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXVIII. Jahrg. 5 


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eine äusserst wertvolle Stütze für die Diagnose der Bleivergiftung. 
Mit Hilfe dieser Untersuchung gelingt es, die Leute in einem so 
frühen Stadium der Bleivergiftung herauszufinden, dass man hoffen 
darf, künftig die ganz schweren chronischen Formen der Blei¬ 
krankheit ganz verhüten zu können. Mastbaum (Cöln). 

Kaufmann und Mietasch, Experimentelle Prüfung des Desinfektiona- 
wertes von Rohlysoform für die Wäsche und des Autans für 
die Wohnrfiume Tuberkulöser. (Zeitschr. f. Tub., Bd. 12, H. 5, 1908.) 

Auf der Suche nach geeigneten Desinfektionsmitteln für die 
Neue Heilanstalt für Lungenkranke Schömberg haben die Verff. 
das von Roepke-Melsungen empfohlene Rohlysoform (ein Formal- 
dehydpräparat) auf seine ihm zugeschriebene Eigenschaft untersucht. 
Es soll nämlich „Tuberkelbazillen, mögen sie im Sputumausstrich 
oder im Sputum ballen auf Wäscheübertragen sein, in l°/ 0 iger Lösung 
durch 24stündiges Einwirken oder in 2°/ 0 iger Lösung durch zwölf- 
stündiges Einwirken sicher töten u . Die Untersuchungen hatten 
ein ganz anderes Ergebnis: die Meerschweinchen, auf die das ver¬ 
wendete Sputum übertragen wurde, zeigten alle das typische Bild 
schwerer Tuberkulose. Das Rohlysoform hat somit in der oben 
empfohlenen Weise keine bakterizide Wirkung auf die 
Tuberkel bazil len. 

Das Autan, das nach der aufgedruckten Gebrauchsanweisung 
„den Boden in öffentlichen Gebäuden, Schulen, Strassenbahnwageu 
desinfizieren und etwa auf dieselben gelangten Krankheitskeime 
(Auswurf) vernichten“ soll, hat eine gleich ungenügende Wirkung. 
Weder makroskopisch noch mikroskopisch war in dem den Formal- 
dehyddfimpfen ausgesetzten Sputum irgend eine Veränderung oder 
Unterschied mit vorher festzustellen. Die geimpften Meerschweinchen 
starben alle an ausgedehnter Tuberkulose. Weder im feuchten 
noch im angetrockneten Sputum vermag das Autan Tuberkel¬ 
bazillen abzutöten oder in ihrer Virulenz zu schwächen. Die Verff. 
halten es somit für die Desinfektion von Zimmern, in denen 
Phthisiker mit tuberkelbazillenhaltigem Auswurf ge¬ 
wohnt haben, und von Gegenständen, die von ihnen 
benutzt worden sind, für wertlos. 

Müh Ischlegel (.Stuttgart). 

von den Velden, Die Nachkommenschaft der an Krebs- und 
Schwindsucht Verstorbenen. (Therap. der Gegenw. 1908, Heft 9, 
p. 413-416.) 

Aus der äusserst interessanten Studie seien folgende bemer¬ 
kenswerte Einzelheiten hervorgehoben. Die Kindersterblichkeit war 
in den Familien, in denen Vater oder Mutter oder beide phthisisch 


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waren, grösser als in solchen, wo einer der Eltern an Krebs ge¬ 
storben war, was aus folgender Tabelle hervorgeht. 


Nachkommen gestorben 

Eines de 

phthisisch 
°/o 1 

r Eltern 

krebs¬ 

krank 

% 1 

Beide 

phthisisch 

°/o 

Eltern 

krebs- 

krank 

% 

Eines d. Eltern 
an Phthise, 
eines an Krebs 
gestorben 

°/o 

Bis 5 Jahre gestorben 

536= 

37,3 | 

131=35,5 

55=30,7 1 

7: 

=18,9 

31=31,4 

Von 5-25 J. 

49= 


10= 2,7 

7= 3,9 j 



8= 8,0 

An Phthise „ 

158= 

11,0 

18= 4,9 

, 42=23,6 

O. 

= 5.4 

23=23,3 

An Krebs. 

18= 

1,2 

7= 1.9 

2= 1,1 1 


- 

2= 2,0 

An Knochenerkrank. 

20= 

1,3 

2=0,5, 

0= 0 


— 

2= 2.0 

An Pneum. unter 60 J. 

19= 

1,3 

4 =1,0 

| 3= 1,6 

4: 

=10,8 

— 

An Puerperuin. 

14= 

0,9 

1 5= 1,3 

4= 2,2 


— 


An Herzfehler. 

7= 

0,4 

t 1= 0,3 

1= 0,5 


— 

1= 1,0 

An verschied. Defekt. 

26= 

1,7 

14= 3,8 

5= 2,8 

1: 

= 2.7 

3= 3,0 

Bis 40 J. gesund .... 

105= 

7,3 

52=14.1 

11= 6,2 

8: 

=21,6 

9= 9,1 

Bis 69 J. gesund .... 

21= 

1,4 

15= 4,1 

3= 1,6 


— 

3= 3,0 

In hohem Alter an Ma¬ 








rasmus senilis gest. 

17= 

1,2 

9= 2,5 

0= 0,0 


— | 

— 

Unbekannt. 

446= 

31,1 

( 101=27,3, 

46=25,7 

15 

=40,5 

17=17,2 


Aus dieser Tabelle scheint hervorzugehen, dass die Nach¬ 
kommenschaft der Krebskranken weniger bedroht ist als die der 
Phthisiker. Ob das nicht rein zufällig ist, müssen weitere For¬ 
schungen und Nachprüfungen entscheiden. 

Boas (Freiburg i. B.). 

von den Velden, Krankheitszusammenh&nge. (Therap. der Gegenw. 

1908, Heft 8, p. 366 u. 370.) 

Aus dem umfangreichen statistischen Material des Verf. ergibt 
sich, „dass auch Krankheiten, die wir nicht in einem Atem zu 
nennen gewöhnt sind, auf gemeinsamen Boden gedeihen, und dass 
wir sie besser verstehen, wenn wir uns dieser Zusammenhänge be¬ 
wusst sind. Die ererbte Konstitution wird durch die Lebens- und 
Ernährungsweise nach dieser oder jener Seite beeinflusst und bis 
zu einem gewissen Grade verbessert oder verschlechtert, und daraus 
ergibt sich das Mass des Widerstandes, den sie äusseren Schädlich¬ 
keiten, Giften und Infektionen — deren Zahl, Wichtigkeit und Ein¬ 
fluss gewöhnlich überschätzt wird — entgegensetzen kann. Die 
Hauptsache aber bleibt immer, wie geartet der Körper ist, an dem 
jene Schädlichkeiten ihre Kraft versuchen“. 

Boas (Freiburg i. B.). 


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Galmette, Die antituberkulöse Erziehung. (Tuberculosis. 1908, Nr. 9.) 

Calm. meint, statt zu sagen, dass die Tuberkulose eine Krank¬ 
heit des Elends ist, wäre es -richtiger zu sagen, dass sie eine 
Krankheit der Unwissenheit ist; denn die genaue Kenntnis 
der Bedingungen ihrer Übertragbarkeit, der Wege der Ansteckung 
und der Mittel zur Vernichtung des frisch vom kranken Menschen 
oder Tier kommenden tuberkulösen Giftkeims gestatte fast mit 
Sicherheit, die Krankheit zu vermeiden. Diese Kenntnis sei in 
möglichst schneller und wirksamer Weise in allen, hauptsächlich 
aber in den gefährdeten Kreisen der Gesellschaft zu verbreiten. 

Die antituberkulöse Erziehung muss sich gleichzeitig auf die 
schon von der Krankheit ergriffenen Personen und auf diejenigen, 
welche von ihr noch ergriffen werden können, erstrecken. Die 
ersteren werden unbestreitbar am besten durch einen Aufenthalt 
in einer Heilanstalt erzogen. Die Einführung der Erziehung ist 
aber noch nötig: 

1. in den Schulen aller Grade, einschl. der Lehrerseminare 
und der Hochschulen; 

2. in der Armee und Marine — durch Spezialkurse für Offiziere, 
Unteroffiziere und Mannschaften; 

3. in den Berufsgenossenschaften und Arbeitervereinen, 
Krankenkassen und Handwerkerverbindungen jeder Art — durch 
Vermittlung von vorher besonders instruierten Arbeitern, die als 
„Ermahner zur Hygiene“ dienen; 

4. In den Familien in der Stadt und auf dem Lande — durch 
Vorträge, Merkblätter, Bekanntmachungen und öffentliche kinemäto- 
graphische Darstellungen, durch hygienische Ratschläge in den 
Eheurkunden, durch Überwachung der Säuglinge und Belehrung 
der Mütter; 

5. im ganzen Volk — durch Erlass von Gesetzen, durch 
Anzeigepflicht seitens der Haushaltungsvorstände und Ärzte, durch 
Verpflichtung zur Desinfektion, durch Überwachung der Einwan¬ 
derung, durch Ernennung grosser Kommissionen in jedem Bezirk. 

„Die Gesellschaft ist jedem menschlichen Wesen von seiner 
Geburt an einen hinreichend wirksamen Schutz gegen die Ansteckung 
mit Tuberkulose schuldig; sie muss jedes Individuum durch eine 
zweckmässige Erziehung in den Stand setzen, während seiner ganzen 
Existenz die Ansteckungsgelegenheiten zu vermeiden.“ 

Mühlschlegel (Stuttgart). 

Meissen, Tuberkulinproben und Tuberkulinkuren. (Zeitschr. f. Tuber¬ 
kulose 1908, Bd. 13, H. 3.) 

Das Ergebnis seiner Beobachtung fasst Verf., der leitende 
Arzt auf Hohenhonnef, in folgendem zusammen: 


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1. Die Abnahme der Tuberkulose-Sterblichkeit in 
England und Deutschland beruht nicht auf einer Abnahme der 
tuberkulösen Infektion, sondern auf der Verminderung der tuber¬ 
kulösen Erkrankung infolge der sozialhygienischen und sozialpoli¬ 
tischen Fortschritte. Tuberkulöse Infektion und tuberkulöse Er¬ 
krankung sind zu trennen; zur Entwicklung der letzteren gehören 
Allermeist auslösende Momente. 

2. Die subkutane Tuberkulinprobe ist ein sehr feines 
Reagens sowohl für die tuberkulöse Infektion wie für die tuber¬ 
kulöse Erkrankung. Sie ist nicht ganz ungefährlich und überdies 
für die klinische Diagnose im allgemeinen zu fein. Für diese eignet 
sie sich nur in solchen Fällen, wo die auftretende lokale Reaktion 
dem Auge oder dem Ohr zugänglich ist. 

3. Die kutane Tuberkulinprobe steht an Empfindlichkeit 
der subkutanen kaum nach. Sie eignet sich durch ihre Einfach¬ 
heit und Gefahrlosigkeit ganz besonders zu Untersuchungen über 
die Verbreitung der tuberkulösen Infektion, um die Ergebnisse der 
pathologischen Anatomie zu ergänzen und dadurch zu richtigeren 
Vorstellungen über die Entstehung der Tuberkulose zu gelangen. 

4. Die konjunktivale Tuberkulinprobe ist bei richtiger 
Ausführung ganz unbedenklich. Sie eignet sich anscheinend zu- 
prognostischen Zwecken, d. h. zur Beurteilung der Widerstands¬ 
fähigkeit- des tuberkulös erkrankten Organismus: Fehlende oder 
sehr schwache Reaktion bei manifester Lungentuberkulose ist fast 
stets von übler Vorbereitung, positiver Ausfall bedeutet mit grosser 
Wahrscheinlichkeit, dass der Organismus noch kampffähig ist und 
mit Unterstützung hygienisch-diätetischer Massnahmen vielleicht 
zum Siege gelangen kann. 

5. Das Tuberkulin ist kein erwiesenes Heilmittel der Tuber¬ 
kulose. Seine Anwendung erfordert sorgfältige Überwachung, wie 
sie im allgemeinen nur in Anstalten und Krankenhäusern möglich 
ist; sie sollte nur in ausgewählten Fällen versucht werden nach 
einem Verfahren, das sich auf die zweifellos vorhandene hyperämi- 
sierende, anregende Einwirkung auf die tuberkulösen Herde stützt, 
auf die streitige immunisierende Wirkung aber verzichtet. 

Mühlschlegel (Stuttgart). 

Hillenberg, Zur Bekämpfung der Tuberkulose auf dem Lande. 

. (Soziale Med. u. Hyg. 1908, H. 1 u. 2.) . 

Eine erfolgreiche Bekämpfung verlangt in erster Linie die 
Einrichtung von Fürsorgestell'en. Wenn es an Schwestern oder 
Pflegerinnen mangelt, sind brauchbare Hebammen beranzuziehen, die 
an einer städtischen Fürsorgestelle vorgebildet und für ihre Tätig¬ 
keit bezahlt werden müssen, ln jedem Kreis sind mehrere Stellen 


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unter Leitung von praktischen Ärzten und unter Mitwirkung vom 
Pfarrern und Lehrern zu errichten, ferner eine Fürsorgezentrale, 
an der der Landrat, ein Komitee und der Kreisarzt tätig ist. Die 
Zentrale muss bestrebt sein, von jedem Tuberkulosefall Kenntnis 
zu erhalten, wenn sie die eigentlichen Herde finden will, dafür 
aber den Arzt, ähnlich wie in England, für jede freiwillige Meldung 
eines Falles mit 2 M. honorieren. Die Zentrale hat die Fürsorge- 
steilen zu beraten und mit den nötigen Betriebsmitteln und -gegen¬ 
ständen zu versehen. Aufgabe des Landrates ist es, von den Ge¬ 
meinden, Genossenschaften und Vereinen eine regelmässige Beisteuer 
zu erwirken. 

Eine weitere notwendige Massregel ist die Errichtung von 
Pfl egest ätten (Krankenheimen), in jedem Kreise eine bis mehrere;, 
sie müssen dem Heimatsort des Kranken möglichst nahe liegen, 
mit nur wenigen Betten einen häuslichen Aufenthalt gewähren und 
in Anlage und Betrieb billig sein, etwa nach dem norwegischen 
Vorbild. Solche Kranke, die unreinlich sind und auf ihre Mit¬ 
menschen die erforderliche Rücksicht nicht nehmen wollen oder 
können, sind zwangsweise in die Pflegestätte zu bringen und so 
lange zu behalten, bis sie gelernt haben, mit dem Auswurf hygienisch 
umzugehen. Falls Betten frei werden, können andere chronische 
Kranke (Krebs) untergebracht werden. Einen Toil der Verpflegungs¬ 
kosten würden wohl die Versicherungsanstalten statt der Rente be¬ 
zahlen, den Rest Krankenkassen, Kreis und Gemeinde. 

Ferner gibt es auch auf dem Land gefährdete, kranke und 
bedürftige Kinder genug, die in eine Erholungsstätte, eine Heil¬ 
anstalt oder in ein Soolbad geschickt werden sollen. Es wäre dies 
die Aufgabe einer gut organisierten, privaten Wohltätigkeit. Vor¬ 
aussetzung für diese Wohlfahrt aber wie für die Überwachung der 
Schuljugend überhaupt, ist die Einführung des Schularztes. 

Mühlschlegel (Stuttgart). 

Steffenhasren, Ober die Beziehungen der Bazillen der mensch¬ 
lichen Tuberkulose zu denen der Perlsucht des Rindes. (Bert, 
kliu. Woch. 1908, Nr. 33.) 

Verf. bietet hier eine zusamraenfassende übersieht auf Grund 
der Tuberkulosearbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamt. 
Die Differenzierung der Erreger wird erreicht durch Impfung eines 
Meerschweinchens, nach vier Wochen Tötung, Übertragung des 
erkrankten Organs auf Serum, nach drei Wochen nochmals Über¬ 
tragung auf Serum, schliesslich auf Glycerinbouillon. Hier wachsen 
dann in charakteristischer Weise die Perlsuchtbazillen langsam in 
dünner gleichmässiger Schicht, die Bazillen der menschlichen 
Tuberkulose schnell und üppig in dicker faltiger Schicht. Beim 


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Rinde erzeugen die aus Perlsuchtorganen herrflhrenden Bazillen, 
gleichviel wie sie eingeführt werden, in der Regel eine fort* 
sehreitende, unter starken Krankheitserscheinungen verlaufende, 
generalisierte Tuberkulose, während dio vom Mensehen stammenden 
Bazillen dazu nicht imstande sind. In ähnlicher Weise verläuft 
die subkutane und intravenöse Infektion des Kaninchens. 

Auf diesen Unterschieden beruht die Annahme eines typus 
humanus (vom Menschen herrtthrenden Tuberkelbazillen) und eines 
typus bovinus (vom Rinde herrührende Tuberkelbazillen). 

Unter 141 vom Gesundheitsamt untersuchten Tuberkulose¬ 
erkrankungen des Menschen waren 3 vom t. humanus und t. bovinus 
gleichzeitig infiziert, 117 vom t. humanus und 21 vom t. bovinus. 
Die letzteren Fälle betrafen nur Kinder, deren pathologisches Bild 
auf eine Fütterungstuberkulose hinwies. In Wirklichkeit würde 
eine wahllose Untersuchung aller möglichen Kindertuberkulosen 
die Zahl der Perlsuchtinfektionen noch bedeutend herabdrücken. 
Bei einzelnen kindlichen Perlsuchtinfektionen konnte einwandfrei 
nachgewiesen werden, dass die Kinder längere Zeit die Milch von 
einer eutertuberkulösen Kuh getrunken hatten und dass seitens der 
Familienmitglieder eine Ansteckungsmöglichkeit nicht vorlag. Ver¬ 
suche, die Bazillen des t. humanus mittels mehrmaliger Passage 
durch Ziegen, Schweine, Rinder in Bazillen des t. bovinus ura- 
zuwandeln, sind stets negativ ausgefallen. 

Für die praktischen Ergebnisse kommt in Betracht, dass in 
der überwiegenden Zahl menschlicher Tuberkulosen als Erreger 
Bazillen des t. humanus gefunden werden. Durch ihre Wirkung 
ist demnach die Verbreitung der menschlichen Tuberkulose bedingt 
. und der Kampf gegen dieselbe wird sich hauptsächlich gegen die 
von dem hustenden und bazillenverstreuenden Phthisiker ausgehende 
Gefahr richten. Daneben können aber auch Milch, Milchprodukte 
und Fleisch des perlsüchtigen Rindes dem Menschen zur Infektions¬ 
quelle werden. Die Gefahr beschränkt sich indessen hauptsächlich 
auf das Kindesaltor und kommt für die Entstehung und Ver¬ 
breitung der Tuberkulose als Volkskrankheit kaum in Betracht. Sie 
rechtfertigt trotzdem die Beobachtung geeigneter prophylaktischer 
und sanitätspolizeilicher Massnahmen. 

Mühlschlegel (Stuttgart). 

Mayer, Epidemiologische Beobachtungen bei Typhus abdominalis 
und Paratyphus B in der Pfalz während der Jahre 1908—1906. 

(Münch, med. Wochsehr. 1908, Nr. 34). 

Verf. gibt hier seine Beobachtungen während seiner 3 1 /, jährigen 
Tätigkeit auf der bakteriologischen Untersuchungsstation Kaisers¬ 
lautern wieder. Sie sind sämtlich geeignet, als Beispiele im Sinne 


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der Kochschen Anschauung verwendet zu werden, sowohl für den 
Einzelkontakt als auch für die Hausinfektion, für die Einschleppung 
und für die Verseuchung eines grösseren Ortsteils. Die Infektionen 
lassen sich unterscheiden, je nachdem sie ausgehen von: 

1. Typhus-Schwerkranken; 

2. Typhus-Leichtkranken, einschliesslich solcher, welche so 
leicht erkrankt sind, dass ihre Erkrankung unter gewöhnlichen 
Verhältnissen nicht in ärztliche Behandlung kommt; 

3. Typhus-Gesunden, also echten Typhusträgern mit vorüber¬ 
gehender Ausscheidung. 

4. Dauerausscheidern, meist nach Überstehen einer mehr oder 
minder schweren Erkrankung (einmal nach 23 Jahren). 

Die Typhusausbreitung ist nicht das ganze Jahr hindurch 
die gleiche, der weitaus höchste Stand ist in den Monaten August 
und September, der niedrigste im Februar, März und April. Er 
ist um so höher, je heisser und trockener der Sommer ist. Den 
Infektionsstoff für die Zunahme der Erkrankungen liefern haupt¬ 
sächlich die Dauerausscheider, und zwar einerseits direkt durch 
Kontakt, andererseits indirekt besonders durch Nahrungsmittelinfek- 
tiouen, in letzterem Falle meist unter Mitwirkung von Fliegen als 
Zwischenträgern. Sind dann wieder eine grössere Anzahl neuer 
Erkrankungen vorhanden, so vervielfältigen sich diese rasch auf dem 
gleichen Wege und so kommt es zu dem hohen Anstieg der Typhus¬ 
kurve im September. Verf. glaubt, die Dauerausscheider entstehen 
durch mangelhafte Pflege während der Krankheit und der Genesung 
und durch vorzeitige Aufnahme der Arbeit, und empfiehlt, alle Ge¬ 
nesenden der Zivilbevölkerung, wie es beim Militär geschieht, so¬ 
lange im Krankenhaus zu behalten, bis sie dienstfähig sind. Diese . 
Massregel und die dauernde Unschädlichmachung der bestehenden 
Dauerausscheider sollte reichsgesetzlich geregelt werden. Anders 
wird eine entscheidende Wendung in der Typhusbekämpfung nicht 
eintreten, es sei denn, dass die Wissenschaft ein Mittel fände, um 
die Typhusbazillen aus dem Körper zu entfernen. 

Mühlschlegel (Stuttgart). 

Nesemann, Der Unterleibstyphus in Berlin. (Zeitschr. f. Medizinal¬ 
beamte. 1908, Nr. 19.) 

Die überaus hohe Typhus-Morbidität und -Mortalität in Berlin 
fiel in eine Zeit, als grosse Insalubrität dort herrschte, der Unter¬ 
grund und die Wasserläufe verunreinigt, die Brunnen allen Ver¬ 
unreinigungen preisgegeben waren, die zentrale Wasserversorguhg 
eine hygienisch äusserst bedenkliche, die Beseitigung der Fäkalien 
eine mangelhafte, teilweise sogar in gesundheitlicher Beziehung 
direkt gefährliche war. Mit der allmählichen Besserung dieser Ver* 


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hältnisse nahmen allmählich auch die Typhuserkrankongen ab; 
namentlich war zunächst ein Zurückgeben der Fälle in den kanali¬ 
sierten Strassen bemerkbar, wahrscheinlich, da dort mit der Kanali¬ 
sation die Verseuchung des Untergrundes und weiter die der Brunnen 
aufhörte. 

Ein gewaltiger und plötzlicher Abfall der Typhus-Sterblich¬ 
keit und der Typhus-Erkrankungen knüpfte sich unmittelbar ein¬ 
mal an die teilweise Ausschaltung einer aufs höchste zu beanstan¬ 
denden Fluss-Wasserleitung, ein anderes Mal an ihre völlige Be¬ 
seitigung. 

Für die vorwiegende Abhängigkeit der Typhus-Frequenz einer 
Stadt von ihrer Wasserversorgung gegenüber allen anderen in Be¬ 
tracht kommenden Faktoren, namentlich auch der Kanalisation, 
dürfte das Verhalten des Typhus in Berlin ein markantes und lehr¬ 
reiches Beispiel sein. Mtihlschlegel (Stuttgart). 

Bannermann, The spread of plague in India. (The Journal of Hy¬ 
giene, Vol. 6 Nr. 2.) 

Eine direkte Ansteckung von Person zu Person findet bei der 
Beulenpest nicht statt; das geht daraus hervor, dass Ärzte, Pflege¬ 
rinnen usw. nie erkrankten. Wohl aber kommt eine direkte An¬ 
steckung bei der Pestpneumonie vor; das Sputum dieser Pest¬ 
kranken enthält die Pestbazillen in grosser Zahl. Solche An¬ 
steckungen sind auch in zahlreichen Fällen sicher naohgewicsen, 
so wurde eine europäische Sohwester angesteckt durch das Sputum 
eines delirierenden Kranken, das ihr ins Auge kam. Aber es ist ja 
nicht allein der Mensch, der au Pest erkrankt, schon seit alter Zeit 
ist bekannt, dass auch Batten und Mäuse pestkrank werden können. 
Im Jahre 1894 wurde von Kitasato und Yersin der Bacillus pestis 
bei Batten und Mäusen gefunden. Von sonstigen Tieren, die an Pest 
erkranken können, sind noch die Affen, Eichhörnchen und Katzen 
zu nennen. Zahlreiche Beobachtungen.liegen vor j dass Batten durch 
Benagen von Pestleichen angesteckt und dass durch diese Tiere 
Pest weiterverbreitet wurde. 

Auch durch Kleider von Pestkranken wird die Krankheit, 
wie es scheint, übertragen. 

Von einem Ort zum andern wird die Krankheit zumeist wohl 
durch Menschen verbreitet, während in den Ortschaften selbst die 
Weiterverbreitung hauptsächlich durch Batten geschieht. 

Mehrfach ist auch beobachtet worden, dass Pestfälle Jahr für 
Jahr in denselben Häusern vorkamen. 

Die Pestbazillen sind sehr wenig widerstandsfähig gegen 
äussere Einflüsse, wie Trockenheit, Sonnenlicht usw., und da sie 
keine Sporen bilden, so ist ihre Verbreitung durch die Luft sehr 


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unwahrscheinlich. Dagegen sind zahlreiche Pestfälle beobachtet 
worden bei Leuten, die sich mit der Desinfektion von Häusern 
befassten, und daraus scheint hervorzugehen, dass der Staub, der 
vom Boden und den Wänden eines Pesthauses abgefegt wird, ge¬ 
fährlich ist. 

Von den Insekten, die bei der Weiterverbreitung der Pest eine 
Rolle spielen, kommen in erster Linie Flöhe und Wanzen in Betracht. 
Man hat früher wohl bezweifelt, das Flöhe von Ratten Menschen 
beissen, und somit eine Übertragung der Pest auf diesem Wege für 
sehr unwahrscheinlich erklärt. Aber neuere Untersuchungen machen 
es doch ganz zweifellos, dass Rattenflöbe Menschen beissen und 
dadurch die Pest weiterverbreiten können. Der Bacillus pestis kann 
im Magen von Flöhen 6—7 Tage seine Virulenz bewahren. 

Pröbsting. 

Reports on plague investigations in India. The Journal of Hygiene, 
Vol. 6 Nr. 4.) 

Ein sehr umfassender Bericht, aus dem hier nur einiges von 
allgemeinem Interesse mitgeteilt werden soll. Was zunächst die 
Verbreitung der Pest durch Flöhe angeht, so wurde durch zahl¬ 
reiche Experimente nachgewiesen, dass die Weiterverbreitung der 
Pest unter den Ratten lediglich durch Flöhe zustande kommt. 

Meerschweinchen, die frei in Pesthäusern umherliefen be¬ 
kamen oft grosse Mengen von Flöhen, zumeisst Rattenflöhen, und 
ein Teil dieser Meerschweinchen erkrankte und starb an Pest. Die 
gewöhnliche Desinfektion der Pesthäuser änderte nichts an der 
Sterblichkeit der Meerschweinchen. Flöhe, die von pestkranken 
Ratten auf gesunde gesetzt wurden, konnten die Pest übertragen. 
Fenier konnten Flöhe, die von Meerschweinchen, welche sich 
einige Stunden in Pestbäusern aufgehalten hatten, auf gesunde 
Tiere gesetzt wurden, diese infizieren. Wurden von den in einem 
Pesthause untergebrachten Tieren einige durch ein feines Drahtnetz 
gegen Flöhe geschützt, während andere ungeschützt blieben, so er¬ 
krankte von den geschützten kein Tier, während von den un¬ 
geschützten mehrere Pest bekamen. 

Von mehreren Forschern ist behauptet worden, dass die Pest¬ 
bazillen nach Durchgang durch mehrere Ratten an Virulenz verlieren 
wenn nicht ein anderer Wirt eingeschaltet wird. So konnten 
Hankin und Yersin bei direktem Durchgang nur 3 Ratten hinter¬ 
einander infizieren, bei Mäusen fanden sie diese Schwierigkeit nicht. 

Die Berichterstatter haben diese Untersuchungen ebenfalls 
angestellt, konüten aber die Angaben nicht bestätigen; es gelang 
ihnen, 26 Infektionen hintereinander durch direkte Übertragung von 
einer Ratte auf die andere zu erzeugen. Die Virulenz der Bazillen 
änderte sich dabei nicht. 


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Es wurde ferner eine sehr grosse Anzahl von Satten cutan 
an einer kleinen oberflächlichen Baucbwunde infiziert. Auch hier 
blieben in einer Serie von 26 aufeinanderfolgenden Impfungen die 
Pestbazillen virulent. Freilich erwiesen sich sehr viele Ratten gegen 
diese Art der Impfung immun. Weiterhin wurden Versuche an¬ 
gestellt, ob und bis zu welchem Tage Pestbazillen im Boden leben 
und ihre Virulenz bewahren können. Nach 24 Stunden waren die 
Bazillen noch lebend und virulent in allen Fällen, nach 96 Stunden 
war Leben und Virulenz erloschen. Fussboden, der mit Pestbazilien 
infiziert war, erwies sich 24—48 Stunden infektiös für Tiere, die 
frei auf demselben herumliefen. 

Das Blut von pestkranken Batten kann eine ungeheuere Menge 
von Pestbazillen enthalten, bis zu 100000000 p. ccm. Ein Insekt, 
das Blut von einer solchen Ratte kurz vor dem Tode derselben 
saugt, wird eine grosse Zahl von Bazillen aufnehmen. 

Der Urin enthielt nur in 29 °/ 0 der untersuchten Fälle Ba¬ 
zillen und zumeist nur in geringer Zahl. Die Fäzes der pest¬ 
kranken Ratten sind nicht sehr infektiös und spielen nur eine 
untergeordnete Rolle bei der Verbreitung der Krankheit. 

Über das Vorkommen der Pestbazillen im Blute pestkranker 
Menschen gehen die Ansichten der Forscher auseinander; während 
z. B. die österreichische Kommission die Bazillen nur in 40% der 
untersuchten Fälle fand, konnte Calvert sie in allen Fällen 24 Stunden 
vor dem Tode durch Kultur nachweisen. 

Die Berichterstatter untersuchten 28 Kranke, von denen sie 
74 Blutproben entnahmen. Der Bacillus pestis wurde bei 5 Kranken 
nicht gefunden; diese Patienten genasen alle; ferner wurde er nicht 
gefunden bei 7 tödlich endigenden Fällen. 

Es ist eine höchst auffallende Erscheinung, dass die Pest 
dort, wo sie endemisch ist, immer für einen Teil des Jahres völlig 
oder fast völlig verschwindet und dann wiedererscheint, ansteigt 
und langsam wieder abnimmt. Zahlreiche Forscher haben sich 
schon mit dieser Frage beschäftigt. 

Auch die Kommission hat umfassende Untersuchungen an 
Ratten in zwei kleinen Dörfern angestellt. Im Dezember 1905 zu 
einer Zeit, in welcher keine Pest bei Menschen und Ratten be¬ 
obachtet wurde, kamen im ganzen 1800 lebendig gefangene Ratten 
zur Untersuchung. Keine von diesen litt an akuter Pest, dahin¬ 
gegen wurden bei 7 Tieren Abszesse in den Bauchorganen — zu¬ 
meist in der Milz — gefunden, die virulente Pestbazilleu enthielten. 
Die Tiere waren sonst gesund und zeigten keine Abmagerung. 
Kulturversuche mit dem Eiter aus diesen Abszessen ergaben Bazillen, 
die dem B. pestis durchaus ähnlich waren. Impfversuche ergaben 
mit Ausnahme eines Falles positive Resultate. Pröbsting. 


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Ashburton Thompson, Raports of the bo&rd of health on plague 
in New South Wales, 1906. On a sixth outbreak of plague at 
Sydney, 1906. (Sydney 1907. William Applegate Gullick.) 

Im Jahre 1905 wurde der letzte Pestfall in Sydney am 
12. Juli 1905 beobachtet, die letzte Pest-Ratte wurde am 5. Dezember 
gefunden. Am 23. Januar 1906 wurde bei der ersten Ratte Pest 
konstatiert, und der erste Pestfall bei einem Manne ereignete sicht 
am 12. März, der letzte am 22. Dezember; die letzte Pestratte 
fand sich am 29. Dez. 1906, 

Die Gesamtzahl der Fälle betrug 20, von denen 8 tödlich 
endeten, 3 an primärer Pestpneumonie. Während in der pestfreien 
Zeit vom 6. Dezember 1905 bis 22. Januar 1906 unter 3225 Ratten 
und Mäusen kein pestkrankes Tier gefunden wurde, konnte in der 
Pestzeit vom 23. Januar bis 29. Dezember 1906- unter 27731 Ratten 
und Mäusen bei 174 Tieren — 135 Ratten und 39 Mäusen — Pest 
konstatiert werden. 

Die Pestpneumonie verbreitet sich immer von Person zu 
Person durch die Expektoration aus der erkrankten Lunge. Diese 
Form ist ausserordentlich kontagiös und endet fast immer tödlich. 
Hier ist daher strenge Absonderung erforderlich, während dies bei 
den andern Erkrankungsformen nur selten nötig war. Versuche, 
die Ratten durch Infektion mit Danysz’ Rattengift zu vernichten, 
führten zu keinem Erfolg. Pröbsting. 

Hofmeier, Zur Verhütung des Kindbettfiebers. (Münch, med. Woch 
1908, Nr. 37.) 

In der Würzburger Univcrsitäts-Frauenklinik kamen seit 
19 Jahren 10000 Geburten vor. Die puerperalen Störungen (von 
38° an in der Achselhöhle) betrugen 6,35 °/ 0 ; zwei Drittel davon 
waren leichteren Grades. Gestorben sind an puerperaler Infektion 
0,09 °/ 0 der Geburten. Ein ganz vorzügliches Ergebnis, zumal wenn 
man bedenkt, dass die räumlichen Verhältnisse und viele inneren* 
auch hygienischen Einrichtungen' der Klinik sehr zu wünschen 
übrig lassen, ferner dass jede Kreissende von 3—9 Personen ohne 
Gummifinger innerlich untersucht wurde. Die Händereinigung 
wurde während der ersten Hälfte der Geburtenzahl mit Wasser, 
Seife und Sublimat ausgeführt; während der zweiten Hälfte wurde 
noch 70prozentiger Alkohol eingeschaltet: ein Unterschied im Erfolg 
war nicht wahrzunehmen. Die Hauptsache ist eben, dass die unter¬ 
suchende Hand vor der Berührung mit infektiösem Material mög¬ 
lichst gewahrt bleibt, und dass dafür gesorgt wird, dass die 
Kreissenden selbst an ihren Geschlechtsteilen möglichst „sauber“ 
sind oder sauber gemacht werden. Besonders letzteres, denn dort 
hauptsächlich sind die Erreger des Kindbettfiebers schon vor der 


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Geburt zu suchen. Dafür spricht der Umstand, dass eine ganze 
Reihe von Geburten, bei denen gar keine Untersuchung oder nur 
eine solche mit sterilen Handschuhen standfand, vom Kindbett- 
Heber begleitet war. Diese Reinigung der Kreissenden wiederauf¬ 
zugeben, wie neuerdings empfohlen wurde, würde Verf. für einen 
verhängnisvollen Rückschritt halten. Mühlschlegel (Stuttgart). 

Groth. Die Verhütung vakzinaler Erkrankungen in der Umgebung 
unserer Impflinge. (Fortschritte d. Med. 1908, Nr. 8.) 

Vor allem muss der Impfarzt mit den Gefahren vertraut sein, 
welche durch Vaccineübertragung entstehen können. Schon die 
Studierenden sollen sowohl in den obligatorischen Impfkursen, wie 
auch in Kompendien darauf hingewiesen werden. Als Verhtttungs- 
massregel selbst kommt die Unterlassung der Vaccination in Frage, 
die dann anzuordnen ist, wenn sich in der Umgebung des Impflings 
ein nngeimpftes, an Ekzem leidendes Kind befindet. Von der 
Wirkung eines Impfschutzverbandes verspricht sich Verf. nicht 
viel. Dagegen wäre es wünschenswert, wenn auch die Mutter des 
Impflings über die Gefahren, die von dem geimpften Kinde aus¬ 
gehen können, sowie über die Schritte zu ihrer Verhütung unter¬ 
richtet wäre. Im übrigen sind die prophylaktischen Massnahmen, 
die Verf. anordnet, bekannt. (Sorgfältige Desinfektion, Schutz der 
Augen, Sterilisation der Verbände und Wäsche, eigenes Abtrocken¬ 
tuch, Wasch- und Badewasser, Isolation von den Geschwistern etc.). 

Boas (Freiburg i. B.). 

Trautmann, Malaria und Anopheles. (Arch. f. Hvg., Bd. 67, H. 2.) 

Bis in die letzten Jahre hinein sind in Leipzig sichere Malaria¬ 
fälle vorgekommen. Die Überträgerin dieser Krankheit, die Anopheles, 
wurde vom Verf. in mehreren Exemplaren im Winter in den Elster¬ 
niederungen, in Möckern, Golis und im hygienischen Institut (!) 
naebgewiesen. Die Erdarbeiten der Leipziger Babnhofsbauten 
können den Mücken durch die künstliche Schaffung von Tümpeln 
geeignete Brutstätten schaffen und die Anwesenheit zahlreicher aus¬ 
ländischer Arbeiter, von denen viele früher an Malaria gelitten 
haben mögen, kann den Ausbruch einer Malariaepidemie hervorrufen. 

Bermbach (Cöfn). 

Raphael, Statistisches über die Lepra in Kurland. (St. Petersburger 
med. Wochenschr. 1908, Nr. 38.) 

Aus den statistischen Aufzeichnungen des Verf. sei folgendes 
hervorgehoben. Ende der 80 er Jahre und Anfang der 90er Jahre 
sowie Mitte der 90 er Jahre zeigte sich eine Zunahme der Lepra 
in Kurland. In Kurland betrug die Höcbstzahl 19 (1896), in 


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Deutschland 37 (1901). Das Minimum für Deutschland betrug 
23 (1904), 1906 wurden 29 Leprafälie gezählt. Die Abnahme der 
Lepra in Kurland kann lediglich eine scheinbare sein; um zu ge¬ 
nauen statistischen Resultaten über die Verbreitung der Krankheit 
zu gelangen, schlägt Verf. eine umfassende Enquete unter der 
Ärzteschaft vor. Die als krank befundenen Leprösen sollen in 
Lcprosorien untergebracht werden, wie deren eines in Memel besteht. 

Boas (Freiburg i. B.). 

R&ttig, Statistische Mitteilungen Aber das Vorkommen der aber¬ 
tragbaren Geschlechtskrankheiten in Rostook für den Zeitraum 

1897—1908. (Inaug.-Diss., Rostock 190b.) 

Die vom Verf. mitgeteilte Statistik ist darum von besonderem 
Wert, da sie, im Gegensatz zu neueren Statistiken (Pincus, 
Brandweiner) auf eine gewisse Zuverlässigkeit Anspruch machen 
kann. Sie wurde gewonnen aus den wöchentlichen Berichten der 
gesamten Rostocker Ärzteschaft an das dortige Hygienische Institut 
und umfasst einen Zeitraum von sechs Jahren. In diesen sechs 
Jahren wurden gezählt: 

Erkrankungen an Tripper 1886 mal (1683 männl., 203 weibl.). 

n t) Syphilis 269 „ 214 „ 65 „ 

„ „ Schanker 320 „ 299 „ 21 „ 

Summa: Geschlechtskrankh. 2475 mal (2196 männl., 279 weibl.), 

d. h. im Mittel 353,6 (männlich 313,7, weiblich 39,9). Es litten 
also an übertragbaren Geschlechtskrankheiten jährlich 6,4° /00 der 
Gesamtbevölkerung (11,9°/ 00 der männlichen, 1,4°/ 00 der weiblichen 
Bevölkerung. Verhältnis 1:8). Das Alter schwankte von unter 
15 Jahren bis über 65 Jahre. Die Hauptverbreitungsziffer für 
Tripper fand sich vom 20—50 Lebensjahr (16,76 °/ 00 ), die für Schan¬ 
ker vom 25—30 Lebensjahr (3,01°/ 00 ), die für Syphilis ebenfalls vom 
25—30 Jahre (2,39 °/ 00 ). Die geringste Verbreitungsziffer für Tripper 
fand sich im Alter bis zu 15 Jahren (0,19), die für Schanker vom 
55—60 Lebensjahr (0,06°/ 00 ), die für Syphilis vom 45—50 Lebens¬ 
jahr (0,10 °/ 0o ). Die Maximal- bezw. Minimalverbreitungszahl für 
GeschlechtBleiden im allgemeinen betrug 21,2°/ 00 (für das 20. bis 
25. Lebensjahr) bzw. l,7°/ 00 (für das 45—50 Lebensjahr). 

Im zweiten Teil bespricht Verf. die Verbreitung der Ge¬ 
schlechtskrankheiten in den einzelnen Berufen. Auffallend gross 
sind die Zahlen bei den Angehörigen der Holzbearbeitung, der 
Müllerei, Bäckerei und Fleischerei, ferner bei den Angehörigen 
der Kleider- und Wäschekonfektion, bei den Bauarbeitern sowie 
bei den Angehörigen der Schiffahrt und des Berufes Beherbergung 
und Erquickung. Die Zahl der Geschlechtskrankheiten unter den 
Angehörigen der Armee und Marine sowie unter den Dienstboten 


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ist kaum auffällig gross zu nennen in Anbetracht der grösseren 
Zahl dieser Berufsangehörigen. Die grösste Zahl von Geschlechts¬ 
krankheiten weist die Berufsart „Warenhandel“ auf, was in An¬ 
betracht der grossen Industrie Rostocks weiter nicht Wunder nimmt. 
Ziemlich hoch ist die Zahl der geschlechtskranken Studierenden. 
Von 500 Studierenden werden jährlich ärztlich behandelt 20,6=4°/ 0 . 
Doch dürfte auch diese Zahl nur Minimalwerte bedeuten. 

Boas (Freiburg i. B.). 

Waldvogel und Süssenguth, Die Folgen der Lues. (Berl. klin. Woch. 

1908, Nr. 26.) 

Die Verf. bringen eine Reihe statistischer Angaben über 297, 
vor 24—33 Jahren an der Göttinger Klinik wegen Syphilis be¬ 
handelte Personen. Die Todesursache bei 89 Verstorbenen lässt 
.einen Einfluss der früheren Syphilis auf das Vorkommen von 
Tuberkulose, von Pneumonie und Pleuritis nicht erkennen, auch 
keinen wesentlichen Einfluss auf Erkrankungen der Zirkulations¬ 
organe, speziell auf Arteriosklerose. Von den Verstorbenen waren 
an progressiver Paralyse etwa 12 Prozent erkrankt; 2,5 Proz. 
.erkrankten an Tabes. Die Erhebungen befassen sich dann noch 
mit der Frage, ob und um wieviel Jahre die Syphilis die Lebens¬ 
dauer der Erkrankten herabsetzt. Es ergab sich, dass die syphi¬ 
litisch Infizierten eine um etwa zwei Jahre kürzere Lebensdauer 
aufwiesen als die nicht Infizierten. Die von früher Syphilitischen 
eingegangenen Ehen erwiesen sich als kaum weniger fruchtbar, 
als die Ehen Anderer. Elin Einfluss der früheren Syphilis auf die 
Sterblichkeit der Säuglinge war nicht erkennbar. 

Mühlschlegel (Stuttgart). 


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Verzeichnis der bei der Redaktion eingegangenen neuen 

Bücher etc. 

Abraham, Dr. 0., Verhaltungsmaßregeln für Schwangerschaft, Entbin¬ 
dung und Wochenbett für Mütter und Pflegerinnen. Berlin 1909. Leon¬ 
hard Simion Nf. Preis 50 Pf. 

Bock, Dr. H., Vorlesungen über Herzkrankheiten. 1. Heft. München 1908. 
H. Thoma G. m. b. H. 

Dost, Dr. K., und Hilgermann, Dr. R., Taschenbuch für die chemische 
Untersuchung von Wasser und Abwasser. Jena 1908. Gustav Fischer. 
Preis 2 M. 

Liebe, Dr. G., Vorlesungen über die mechanische und psychische Be¬ 
handlung der Tuberkulosen, besonders in Heilstätten. München 1909. 
J. F. Lehmann. Preis 5 M. 

Metschnikoff, E.. Die natürlichen Heilkräfte des Organismus gegen In¬ 
fektionskrankheiten. Leipzig 1909. B. G. Teubner. Preis 1.20 M. 
Rapport annuel, Demographie Statistique Mädicaie Salubrit6 Publique 
Hygiene Ann£e 1907. Bruxelles. 

Report of the board of health on Plague in New South Wales 1907. 
Roth, Dr. E.,Ländliche Hygiene. Jena 1908. Gustav Fischer. Preis 1.50 M. 
Solbrig, Dr. O., Die Granulöse im Regierungsbezirk Allenstein, im be¬ 
sonderen vom Jahre 1899—1908. Jena, Gustav Fischer. Preis 7 M. 
Thirty-Ninth Annual Report of the State Board of Health of Massa¬ 
chusetts. Boston 1908. Wright & Potter. 

Tschirch, Prof. Dr. A., Naturforschung und Heilkunde. Leipzig 1909. 
Velden, Dr. Fr. von den, Konstitution und Vererbung. Untersuchungen 
über die Zusammenhänge der Generationen. München 1909. Verlag 
der Ärztlichen Rundschau. Preis 2.80 M. 

Wen dt, W. W., Alte und neue Gehirn-Probleme nebst einer 1078 Fälle 
umfassenden Gehirngewichtstatistik aus dem kgl. pathologisch-anato¬ 
mischen Institut zu München. München 1909. Verlag der Ärztlichen 
Rundschau. Preis 2.60 M. 

Zeitschrift für das gesammte deutsche, österreichische und schweizerische 
Hebammenwesen. 1. Band, 1. Heft. Stuttgart 1909. Ferdinand Enke. 

NB. Die für die Leser des „Centralblattes für allgemeine Gesundheits¬ 
pflege“ interessanten Bücher werden seitens der Redaktion zur Besprechung 
an die Herren Mitarbeiter versandt und Referate darüber, soweit der be¬ 
schränkte Raum dieser Zeitschrift es gestattet, zum Abdruck gebracht. Eine 
Verpflichtung zur Besprechung oder Rücksendung nicht besprochener Werke 
wird in keinem Falle übernommen; es muss in Fällen, wo aus besonderen 
Gründen keine Besprechung erfolgt, die Aufnahme des ausführlichen Titels, 
Angabe des Umfanges, Verlegers und Preises an dieser Stelle den Herren 
Einsendern genügen. oj e Verlagsbuchhandlung. 


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Aus der Ausstellung für Säuglings- und Kinderpflege Solingen 1908. 
(Wissenschaftlicher Leiter Dr. Selter-Solingen.) 

Statistische Mitteilungen über Säuglings- und 
Kindersterblichkeit im Industriebezirk Solingen 1 ). 

Von 

Dr. med. R. Eller. 


Mit 6 Figuren. 


Ina folgenden sollen die Resultate einiger statistischen Er¬ 
hebungen über Säuglings- und Kindersterblichkeit im Industriebezirk 
Solingen mitgeteilt werden, die ich für die im September 1908 in 
Solingen veranstaltete Ausstellung für Säuglings- und Kinderpflege 
auf Veranlassung und mit Unterstützung des Leiters dieser Aus¬ 
stellung, meines früheren Chefs Dr. Selter (Solingen), zusammen¬ 
gestellt habe. Sehr gefördert wurde diese Arbeit durch das bereit¬ 
willige Entgegenkommen und die emsige Mitarbeit der in Frage 
kommenden Standesämter. 

Der Industriebezirk resp. obere Kreis Solingen, ein Teil des 
Regierungsbezirkes Düsseldorf und des bekannten bergischen Landes, 
setzt sich zusammen aus den fünf Städten Solingen, Ohligs, Wald, 
Höhscheid und Gräfrath. Ausgenommen von geringen Teilen zeigen 
alle fünf Städte einen eigenartigen als „ländlich“ zu bezeichnenden 
Charakter. Es ist eine Folge der bis vor ca. 50 Jahren ausschliess¬ 
lich handwerksmässig in kleinen an die Wohnung anschliessenden 
Arbeitsräumen betriebenen Industrie. Selbständige auf einzelnen 
Höfen und in kleinen Häusergruppen wohnende Arbeiter verfertigen 
ineist einzelne Teile der in der Stahlindustrie erzeugten Gegenstände 
und liefern sie zur weiteren Verarbeitung oder Zusammensetzung 
an den Fabrikanten ab, der sie wieder anderen selbständigen 
Arbeitern zur Weiterverarbeitung übergibt. Bei der Wahl der Woh¬ 
nungen haben z. T. die Naturverhältnisse mitgesprochen, da viel- 


1) Die hier veröffentlichten Zahlen sind zum grossen Teil von mir 
auf der Versammlung niederrheinisch-westfälischer Kinderärzte am 2. August 
1908 in Düsseldorf vorgetragen worden. 

Centralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXVU1. Jahrg. 6 


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fach die reichlich vorhandenen Wasserkräfte zu Triebzwecken aus¬ 
genützt werden. Die in den letzten Dezennien des vorigen Jahr¬ 
hunderts in Aufschwung gekommene Dampfkraft hat einen Teil 
dieser selbständigen Arbeiter in die Fabriken getrieben und so eine 
engere Bebauungsart und städtischere Verhältnisse erzeugt; aber die 
jetzt aus den Wasserkräften gezogene elektrische Kraft bringt die 
handwerksmässigen Kleinbetriebe wieder zur Blüte. 

Zunächst einen Überblick Uber die Grössen- und Einwohner¬ 
verhältnisse der einzelnen Städte. Nach einer Aufstellung vom 1. April 
1907 sind sie geordnet nach der Höhe ihrer Einwohnerzahl (Tab. I). 


Tabelle I. 


Name 


Flächen¬ 

inhalt 

hfl 

Einwohner- 
zah 1 

Bevölkerungs¬ 
dichte 
auf 1 ha 

Stadt Solingen. 


2174 

50 209 

23.09 

, Ohligs .. 


1609 

25 578 

15.89 

„ Wald. 


1041.87 

24 031 

23.06 

„ Höhscheid. 


2066 

15 382 

7,44 

„ Grafrath. 

•i 

1108 ; 

9 441 

8,56 

Industriebezirk „Solingen 66 

i 

7998,87 

124641 

15,58 


Solingen, das als Mittelpunkt des Industriebezirkes die meisten 
Bewohner hat, zeigt auch die grösste Bevölkerungsdichte. Flächen¬ 
inhalt und Einwohnerzahl gehen jedoch nicht parallel. So hat 
Höhscheid mit nur 15 382 Einwohnern einen Flächenraum von 
2066 ha, mithin eine Bevölkerungsdichte von nur 7,44. 

Gegenüber anderen rheinischen selbständigen Städten haben 
alle fünf Orte eine geringe Bevölkerungsdichte aufzuweisen (Tab. II) 
(1). Eine geringere Bewohnung haben ausser Remscheid nur noch 
Koblenz und die beiden Saarstädte. Von den drei letzteren ist es 
jedoch statistisch nachgewiesen, dass sie in ihrem innersten Bezirke 
mit die ungünstigsten Wohnungsverhältnisse haben. 

Selbstverständlich werden im Laufe der Zeit auch für unseren 
Bezirk diese idealen WohnungsVerhältnisse schwinden, wenn die Be¬ 
völkerung in gleicher Weise wie in den letzten Jahren weiter zu¬ 
nimmt, bzw. eine engere Bebauung nicht verhindert wird. In Stadt 
Solingen ist z. B. die Bevölkerungsdichte vom Jahre 1902—1907 
von 21,46 (Tab. II) auf 23,09 (Tab. I) gestiegen. 

Wie die Einwohnerzahl sich in den 20 Jahren 1888—1907 
vermehrt hat, ist aus Tab. III ersichtlich. Solingen ist in dieser 
Zeit mehr als 1mal, Wald l l l x ma.\ so gross geworden. Sie 
sind um 169°/ 0 resp. 124°/ 0 gewachsen. Es folgen Ohligs mit 71°/ 0 , 


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Gräfrath mit 49°/ 0 und Höhscheid mit 28 °/ 0 . Der ganze Industrie¬ 
bezirk hat demnach einen Zuwachs der Bevölkerung um 99°/ 0 . 

Dieses schnelle Wachsen der Einwohnerzahl ist wohl mehr 
durch Zuzug als auf Vermehrung durch Geburten bedingt, da hier 
wie überall eine stetige Verminderung derselben zu verzeichnen ist. 
Die Zahl der Geburten, berechnet auf 1000 Einwohner, ist in den 
Jahren 1888—1907 in Solingen von 38,2 °/ ou auf 27,3 °/ 00 gesunken, 
in Ohligs von 33,9 °/ 00 auf 28,8 °/ 00 , in Wald von 39,8 °/ 00 auf 

Tabelle II. 


Name 

i 

Flächen- 
1 inhalt 

ha 

Ein¬ 
wohner¬ 
zahl 1870 
resp.1871 

i 

| Ein- 
i wohner- 
zahl 1902 

Zunahme 
der Be- 
völke- 
rung in°/ 0 

Augen¬ 
blickliche 
Bevölke- 
j rungs¬ 
dichte 
i auf 1 ha 

l 

Cöln. 

11 105 ; 

169 823 

i 

! 

j 385 700 

127 

34,73 

Düsseldorf. 

4 St 18 

69 365 

1 227 200 

227 

46,67 


! 1 027 

61 925 

! 185 670 ; 

! 200 

96,95 

Elberfeld. 

3 132 J 

73 000 

157 800 ! 

116 

50,38 

Barmen . 

2 172 ! 

74 000 

144 000 

95 

66,29 

Aachen . 

, 3915 

| 80 048 

140 500 

76 

35.88 

Crefeld . 

i 3410 | 

58 500 

110000 

88 

32,25 

Duisburg 1 . 

j 3 945 | 

29 800 

94 673 

! 218 

23,99 

Die beiden Saarstädte . j 

1 5139 

1 28 500 

77 700 ! 

173 

i 15,12 

München-Gladbach . . 

1200 

24 740 

! 59 362 

140 

49,46 

Remscheid. 

1 3 165 

22 500 

58 500 1 

160 

18,48 

Bonn. 

1 535 

25 000 

52 645 | 

111 

34,16 

Coblenz. 

1 3 439 

30 700 

47600 ; 

55 

13,84 

Solingen. 

2 174 | 

23 673 

46 658 | 

97 

21,46 

Mülheim a. Rh. 

882 

13511 

46 000 

240 | 

52,15 

Oberhausen. 

1 309 

10 563 

44 335 , 

320 

33,86 

Trier. 

784 | 

27 442 

43 500 ! 

59 

55,48 

Summa. 

54101 

823 090 

1921843 ; 

133 

40,03 



1888 

1907 



Industriebezirk Solingen 

i 

7 998,87 

63120 

124641 

99 

i 

15,58 


31,3 °/ ü0 , in Höhscheid von 39,5 °/ 0o auf 30,3 °/ 00 , in Gräfrath von 
37,2°/o 0 auf 28,4°/ 00 (Tab. III). Die Durchschnittszahlen, berechnet 
für den Industriebezirk, sind in Form einer Kurve (Fig. I, schwarze 
Kurve) zusammeugestellt. 

Ähnlich liegen die Verhältnisse in Barmen. Kriege und 
Seutermann (2) zählten 1885 dort 37,5 lebend Geborene auf 
1000 Einwohner und 1905 31,5. Eine rapidere Abnahme zeigt die 
Grossstadt Berlin. Im Jahre 1876 kamen dort auf 1000 Ehefrauen 
240 Geburten, während 1902 die Geburtenziffer nur die Hälfte be¬ 
trug, nämlich 119 °/ 00 (13). 


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Jahr 


Solingen 


Ohligs 


Wald 


K 


Höhscheid 


Grafrath 


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Industriebezirk 


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Tabelle III (vergl. auch Fig. 1). 






85 


Eine allgemein feststehende und oft betonte Tatsache ist es 
aber, dass die Höhe der Säuglingssterblichkeit in den letzten De¬ 
zennien dieselbe geblieben ist, im Durchschnitt 20°/ 0 (Selter) (3). 
Biedert (4) gibt hierfür einige charakteristische Zahlen. Er hat 
für verschiedene Zeitabschnitte das Mittel der Geburtenzahl sowie 
des Prozentsatzes der Säuglingssterblichkeit zu den lebend Ge¬ 
borenen ungefähr für ganz Europa zusammengestellt. Nach seiner 
Rechnung kamen: 

auf 1000 Lebende 1845/54: 34,5, 1865/81: 36,3, 1887/91: 33,1 Ge¬ 
burten und auf 1000 Lebendgeborene 1840/65: 191,2, 1865/81: 
209,1, 1884/93: 186,6 Todesfälle im ersten Lebensjahre. 

In Rheinland und Westfalen (5) betrug die Säuglingssterblich¬ 
keit 1878/83: 164°/ 00 , 1893/98: 167 °/ 00 der lebend Geborenen und 
für den Regierungsbezirk Düsseldorf betrugen diese Zahlen 1878/83: 
lSl°/oo, 1893/98: 186°/ M0 . In Rheinland und Westfalen wird so¬ 
gar durch die angeführten Ziffern eine Zunahme der Säuglings¬ 
sterblichkeit vorgetäuscht. Derartige Schwankungen sind mehrfach 
beobachtet worden und kommen auch heute noch vor, wie dies aus 
Tab. IV ersichtlich ist (6 u. 7). Die Zahlen des Jahres 1903 sind 
viel höher wie die von 1902. 

Tabelle IV. 


1 

Säuglings- 

Säuglings- 


Säuglings- 


sterblich- 

sterblich- 


sterblich- 

Name Jahr 

keit auf 

Jahr keit auf 

Jahr 

keit auf 

i 

100 leb. 

100 leb ! 


100 leb. 

! 

Geb. 

, Geb. | 

! ! 


Geb. 

Preussen .... 1891 — 180?) 

20.7 , 

; 27,4 ■' 

1902 17,2 

1903 

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23,3 

V 

' 25.0 

Württemberg. 

25,3 . 

„ 20,8 

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28.1 

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Baden. „ 

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19,0 

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| 20.7 

Elsass-Lothringen. „ j 

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i 18,9 


Und trotzdem ist aller Orten ungefähr seit Beginn dieses 
Jahrhunderts dank der Aufmerksamkeit, die man in den letzten 
Jahren dem Nachwucbse schenkt, die Sterblichkeit dieser kleinen 
Hilfsbedürftigen in Abnahme begriffen. Als Beweis diene wieder¬ 
um ein Vergleich der in Tab. IV angeführten Zahlen für die Jahre 
1891/95 einerseits und 1902 (8) andererseits. 

Dasselbe bestätigen die für den Industriebezirk gefundenen 
Ziffern, die, wiederum für die letzten 20 Jahre (1888—1908) be¬ 
rechnet, graphisch in der punktierten Kurve der Fig. I dargestellt sind. 
Bis zur Jahrhundertwende 1900 zeigt die Linie stärkere Schwan¬ 
kungen nach oben und unten, um erst von da ab bis zum Schlüsse 


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1907 permanent zu sinken. Eine Ausnahme macht nur eine kleine 
Steigung im Jahre 1903, indem auch hier wie in den oben an¬ 
geführten Distrikten ein erhöhter Prozentsatz zu verzeichnen ist. 
Im ganzen ist die Säuglingssterblichkeit von 22,0 °/ 0 auf 10,1 °/ 0 , 
also um 11^9 °/ 0 gefallen, ein viel günstigeres Resnltat wie in dem 
nahegelegenen Bannen (2), wo nur eine Abnahme von 14,9 °/ 0 auf 
14,0 °/ 0 konstatiert wurde. Erwähnt sei allerdings, dass Barmen, 
bekannt als eine in bezug auf Säuglingsmortalität günstig gestellte 
Stadt, 1888 schon eine Säuglingssterblichkeit von nur 14,9 °/ 0 hatte 
gegenüber dem Industriebezirk mit 22,0 °/ 0 , und dass dort 1902 
auch ein Prozentsatz von 12,9 erreicht wurde. 

Von den einzelnen Städten des Industriebezirks ist die Ab¬ 
nahme am stärksten in Gräfrath mit einer Differenz von 18,0; auch 
in Solingen sterben heute von 100 lebend Geborenen statt 25,9 
(1888) nur noch 10,5. In den drei übrigen Orten liegen Anfangs¬ 
und Schlusszahlen nicht soweit auseinander. Sie lauten für Wald: 
20,3—9,3, Ohligs: 20,3—10,4 und Höhscheid: 19,4—10,3. Letz¬ 
teres zeigte also schon 1888 die niedrigsten Zahlen. 

Grössere Schwankungen in der Höhe der Prozentzahl kommen 
in allen fünf Gemeinden besonders während der ersten zehn der 
bearbeiteten Jahre vor. In der letzten Hälfte spielt das Jahr 1903 
eine gewisse Rolle; ausserdem sei auf den hohen Prozentsatz von 
34,3 im Jahre 1901 in Gräfrath aufmerksam gemacht. Ein Grund 
hierfür ist nicht bekannt. 

Inwieweit die Schwankungen in den Erwerbsverhältnissen eine 
Rolle spielen für die Schwankungen in der Höhe der Säuglingssterb¬ 
lichkeit, suchte Dr. Selter durch Vergleich der jährlichen Säug¬ 
lingssterblichkeit mit den aus den Handelskaramerberichten fest¬ 
gestellten Konjunkturschwankungen zu ermitteln. Ein Zusammen¬ 
hang zwischen starker Beschäftigung der Arbeiter und somit höhe¬ 
rem Verdienst und geringerer Inanspruchnahme derselben und ge¬ 
ringerem Verdienst auf der einen Seite und höhere bzw. niedrigere 
Sterblichkeit auf der anderen Seite besteht in augenfälligem Masse 
nicht. Wenn man die Inanspruchnahme der Industrie und somit 
die Verdienste der Industriearbeiter in den einzelnen Jahren mit 
dem Prädikat I=sehr gut, II=gut, Unbefriedigend, IV=mangel- 
haft und V = ungenügend bezeichnet, so kommt im Vergleich zur 
Kurve der Säuglingssterblichkeit aus deu Jahren 1888 —1907 das 
darunterstehende Bild (Fig. 2) zustande. Hieraus lässt sich ein be¬ 
stimmter Schluss auf irgendwelche Zusammenhänge nicht ziehen. 
Wenn wirklich die rein materielle Lage der Arbeiter, losgelöst von 
der damit verbundenen Kulturstufe, das Bestimmende wäre, dann 
müsste bei dem augenblicklichen, nie dagewesenen Tiefstände der 
Konjunktur und ausgedehnter Beschäftigungslosigkeit der Industrie- 


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arbeiter die Säuglingssterblichkeit in diesem und dem kommenden 
Jahre erheblich in die Höhe schnellen. 

Zum Vergleich des augenblicklichen Prozentsatzes der Säug¬ 
lingssterblichkeit von 10,1 °/ 0 mit den Verhältniszahlen anderer Städte 
und Bezirke habe ich bisher nur Barmen angeführt. Im Regierungs¬ 
bezirk Düsseldorf stellt sich nur noch ein Kreis günstiger als So¬ 
lingen, nämlich Lennep mit 9 °/ 0 (9). Im ganzen Deutschen Reiche 
wird dieser nur von Ostfriesland übertroffen (10). 


1891/95 Irland 9,7% 

„ Norwegen 

10,1 % 

„ Schweden 

10.4 % 

„ Preussen20,7% 
„ England 15,5% 
„ Österreich 

25.4 % 


Tabelle V. 

1907 Preussen weetl. d. 
Elbe bis 20% 

„ Mecklenburg-Stre- 
litz 21 % 

„ Westpreussen 
37% 

„ Altbayern 40% 


1902/06 Reg. Düsseldorf 

16,4 % 

1907 Kr. Lennep 9,0% 
„ Solingen und Rem¬ 
scheid 10,0% 

„ Hamburg 14,0 % 
1905 Barmen 14,0% 


Die weitere Aufgabe dieser Arbeit ist es, die Säuglingssterb¬ 
lichkeit des Industriebezirks Solingen nach den verschiedenen Ge¬ 
sichtspunkten zu beleuchten. Zur Verarbeitung standen mir die 
statistischen Aufzeichnungen der fünf Standesämter in den letzten 
fünf Jahren, und zwar vom 1. April 1903 bis 1. April 1908, zur 
Verfügung. Die vorher geführten Register waren deshalb nicht zu 
verwerten, weil in denselben wichtige Fragen wie „Todesursachen“ 
nur ungenau eingetragen waren, andere wie „Ernährung des Säug¬ 
lings zur Zeit des Todes“ ganz fehlten. Genaue Auskunft erhalten 
wir hierüber erst durch die seit dem 1. April 1903 eingeführten, 
ärztlicherseits auszufüllenden Totenscheine. 

Einen grossen Prozentsatz der Säuglingssterblichkeit bilden 
die Individuen, welche, zu früh oder als lebensschwache Geschöpfe 
geboren, in den ersten Tagen resp. während des ersten Lebens¬ 
monates wieder fortsterben. Die innerhalb der fünf Jahre in einem 
Alter bis zu einem Monat gestorbenen 777 Kinder, auf 100 lebend 
Geborene bei einer absoluten Geburtenzahl von 18400 während der 
gleichen Zeit berechnet, ergeben die Zahl 4,1. Würden in jedem 
Lebensmonat soviel Kinder sterben, so wäre die Prozentzahl der 
Säuglingssterblichkeit = 12.4,1 °/ 0 = 49,2 °/ 0 . Wenden wir dieses 
Rechenexempel auch auf die übrigen Lebensmonate an, so würden 
sich folgende Zahlen ergeben: 


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Ein gleiches Schema ist von Biedert (4) für England mit 
einer Säuglingssterblichkeit von 15,5 °/ 0 aufgestellt worden. Zu den 
von ihm angeführten Zahlen, die schon das Resultat der Multipli¬ 
kation mit 12 enthalten, habe ich durch Division die Prozentziffer 
selbst berechnet. Beide Zahlenreihen sind in der folgenden Tabelle 
wiedergegeben. 

Tabelle VIb. 


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10.5 

10,0 

1 9,5; 9,0 


Ein Vergleich mit den oben augeführten Solinger Zahlen er¬ 
gibt die Richtigkeit der Annahme einer geringer werdenden Sterb¬ 
lichkeit mit zunehmendem Alter des Kindes. Er beweist auch, dass 
je höher sich der Gesamtprozentsatz der Säuglingssterblichkeit stellt, 
sich die Zahlen der einzelnen Monate gleichmässig vergrössern und 
nicht dieses Mehrsterben einem bestimmten Lebensmonat zufällt. 
Allerdings findet sich im Industriebezirk im letzten Monat eine be¬ 
deutende Steigerung der Mortalität, eine Tatsache, der wir sonst 
nirgends begegnen, und für die auch, wie wir später noch sehen 
werden, ein besonderer Grund nicht ermittelt werden kann. 

Gleiches ist aus Tab. VI c ersichtlich, aufgestellt für Berlin (4) 
und Barmen (2) nach gleichen Gesichtspunkten. 

Tab. VII zeigt, wieviel Prozent der Todesfälle aller unter 
einem Jahre gestorbenen Kinder auf die einzelnen Lebensmonate 
entfallen. 

Wie in Barmen im achten Lebensmonat, haben alle fünf Städte 
zwischen dem sechsten und neunten Monat eine einmalige Zunahme 
der Mortalität. Sie liegt in Solingen im siebenten, in Ohligs im 
achten, in Wald im siebenten und neunten, in Höhscheid im neunten 


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Die Säuglingssterblichkeit im Vergleich mit den Konjunkturschwankungen Fit/. 11. 

im Industriebezirk Solingen. 


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und in Gräfrath im sechsten und siebenten Lebensmonat, wahrschein¬ 
lich hervorgerufen durch das in dieser Zeit erfolgende Abstillen 
der Kinder. 

Auf die weiterhin zu stellende Frage, woran die vielen Säug¬ 
linge zugrunde gehen, ist für einen Teil derselben oben schon die 
Antwort gegeben worden. Es waren dies die als Frühgeburten oder 
lebensschwache Individuen zur Welt gekommenen Geschöpfe, die 
schon kurz nach der Geburt wieder sterben. Die Diagnosen: Früh¬ 
geburten und Lebensschwäche, welche in Fig. II unter die Rubrik 
Lebensschwäche“ zusammengefasst sind, finden sich im Industrie¬ 
bezirk bei 20,7 °/ 0 aller gestorbenen Säuglinge. 


Tabelle VIe. 


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a = Flaschenkinder. 0 = Brustkinder. 


Die zweite und Hauptgruppe der Todesursache bilden die Er¬ 
nährungsstörungen, denen ja aller Orten die meisten Säuglinge zum 
Opfer fallen. Zu dieser Gruppe sind alle Erkrankungen gerechnet, 
denen als Ursache eine Magen-Darmstörung zugrunde gelegt wer¬ 
den kann. Sie umfasst ausser dem akuten und chronischen Magen- 
Darmkatarrh auch andere angeführte Diagnoseu, wie „Atrophie“, 
„Abzehrung“, „Englische Krankheit“, „Krämpfe“ usw., letztere 
selbstverständlich nur soweit sie nicht als direkte Hirnaffektionen 
auf den Totenscheinen bezeichnet sind. 

Den Ernährungsstörungen erliegen ungefähr die Hälfte aller 
gestorbenen Kinder: 48,3 °/ 0 . Im übrigen entfallen auf Erkrankungen 
der Atmungsorgane 11,2 °/ 0 , auf Gehirnerkrankungen und Tuber¬ 
kulose 4,0 °/ 0 . Einen minimalen Anteil haben die Infektionskrank¬ 
heiten zusammen mit 5,28 °/ 0 . Vorherrschend von ihnen ist Keuch¬ 
husten mit 3,1 °/ 0 , während der Diphtherie nur 0,2 °/ 0 zufallen. Unter 
„Verschiedene Todesursachen“ sind alle vereinzelt vorkommenden 
Krankheiten, wie: „Missbildung“, „Sepsis“, „Erysipel“, „Phleg¬ 
mone“, „Nabelabszess“, „Bauchfellentzündung“, „Darmverschlingung“, 
„Osteomyelitis“, „Unfall“ und andere zusammengefasst. Sie machen 
im ganzen 4,4 °/ 0 aus. 


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Tabelle VII. 


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II Von 100 im 1. Lebensjahr Von 100 im 2. Lebensjahr Von 100 vom 3.—14. Lebensjahr 

In den Jahren 1903 — 1908 |j gestorbenen Kindern in gestorbenen Kindern in gestorbenen Kindern in 
















In den Jahren 1903—1908 starben im Industriebezirk Solingen" Fig. 111. 


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Wie Tabelle VIII zeigt, ist in Solingen selbst der Prozentsatz 
der an Lebensschwäche Gestorbenen nur 16,5, den Ernährungs¬ 
störungen sind hier auch nur 48,1 °/ 0 eriegen, dagegen entfallen 
auf Erkrankungen der Atmungsorgane 11,6 °/ 0 und auf Infektions¬ 
krankheiten zusammen 6,6 °/ 0 . Der Diagnose Lebensschwäche be¬ 
gegnen wir am häufigsten in Ohligs, Ernährungsstörungen sind ver- 
hältnissmässig am zahlreichsten in Gräfrath vertreten, Erkrankungen 
der Atmungsorgane in allen Orten gleich, mit Ausnahme von Gräf¬ 
rath. Bei der Tuberkulose liegt der Schwerpunkt in Solingen und 
Gräfrath. An Keuchhusten sind die meisten Kinder in Wald und 
an Masern in Höhscheid gestorben. 

Über die Todesursachen der oben envähnten 166 im Alter vou 
11—12 Monaten gestorbenen Kinder gibt uns folgende Aufstellung 
Auskunft. 

Tabelle IX. 

Von 100 im Alter von 11—12 Monaten gestorbenen Säuglingen 


starben an: 

Ernährungsstörungen 25,9 und Krampten 10,8= 36,7 

Erkrankungen der Atrnungsorgane .... 25,3 

Gehirnerkrankungen. 5,4 

Tuberkulose. 9,6 

Masern. 4,8 

Keuchhusten. 12,6 

Verschiedene Todesursachen. 5,4 


Etwas Besonderes ist aus ihr nicht herauszulesen. In 10,8% 
war als Todesursache nur „Krämpfe“ angegeben. Ich habe sie zu 
den Ernährungsstörungen gerechnet. Erheblich ist der Prozentsatz 
der an Erkrankungen der Atmungsorgane und der an Keuchhusten 
gestorbenen Kinder. Unter „Verschiedene Todesursachen“ fallen 
zwei Fälle von Herzerkrankungen, ein Fall vou Pyämie, zwei Fälle 
von Diphtherie, ein Fall von Typhus und drei Fälle, in denen die 
Diagnose unbekannt war. 

Über die Ernährung der gestorbenen Säuglinge zur Zeit des 
Todes gibt Tabelle X Auskunft. 

Ich habe unterschieden Kinder, die zur Zeit des Todes noch 
keine Nahrung (Alter 0—1 Tag), reine Brustnahrung, gemischte 
Nahrung (Brustnahrung und Beikost) und künstliche Nahrung (Milch 
oder Surrogate) bekamen. Zu der Rubrik „fragliche Nahrung“ 
musste ich alle die Kinder rechnen, bei denen die Angaben über 
ihre Ernährung überhaupt nicht oder ungenau gemacht waren. 

Die höchste Zahl der zur Zeit ihres Todes mit Brustmilch 
genährten Säuglinge ist in Gräfrath zu finden, woraus man schliessen 
könnte, dass hier auch das Stillen am meisten und am längsten 
.geübt wird. Entsprechend ist natürlich auch die Zahl der an Er- 


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UNIVERSUM OF IOWA 








97 


nährungsstörungen gestorbenen Brustkinder im Verhältnis zn den 
vier anderen Städten am höchsten und der Prozentsatz der in den 
ersten drei Monaten gestorbenen Säuglinge ebenfalls. Er beträgt, 
berechnet auf 100 gestorbene Säuglinge 57,3 (Ohligs 55,2, Höh¬ 
scheid 53,3, Solingen 51,7, Wald 51,4). 

In Höbscheid nnd Wald sterben im Verhältnis gleichviel Brust¬ 
kinder. Höhscheid weist aber von künstlich genährten Kindern 1,4 °/ 0 
mehr unter seinen Toten anf. 


Tabelle X. 


Von 100 

gestorbenen Säuglingen 


Verhältnis der 
gest. künstlich 
genährten 
Kinder zu den 
gest. Brust¬ 
kindern 

bekamen 

in | 

keine 

Nah¬ 

rung 

Brust¬ 

nah¬ 

rung 

ge¬ 

mischte 

Nah¬ 

rung 

künst¬ 

liche 

Nah¬ 

rung 

frag¬ 

liche 

Nah¬ 

rung 

Solingen. 

6,4 

24,6 

1,0 

64,7 

2,0 

263,0/too 

Ohligs. 

13,1 

25,1 

2,2 

65,8 

3,5 

222,3/too 

Wald. 

9,0 

32,0 

4,8 

52,2 

1,7 i 163,l/ioo 

Höhscheid. 

4,5 

32,0 

4,9 

53,6 

3,6 * 167,5/too 

Gräfrath. 

3,9 

46,8 

1,5 

47,6 


101,7/ioo 

Indnstriebez. Solingen 

7,4 

32,1 

2,9 

54,8 

2,2 

i 1 

170,7/ioo 


Interessant ist, dass nnter den besprochenen Städten die grösste 
Stadt die wenigsten gestorbenen Brustkinder anfweist. Solingen 
führt deren nur noch 24,6 °/ 0 in seiner Totenliste gegenüber Gräf- 
rath mit 46,8 °/ 0 . Der Unterschied beträgt also fast die Hälfte 
(22,2°/ 0 ). Umgekehrt verhält sich die Zahl der künstlich genährten 
Kinder. Sie wächst mit Zunahme der Bevölkerung. Die Differenz 
zwischen Solingen und Gräfrath beträgt 17,1. 

Die Zahl der gestorbenen Säuglinge, die gemischte Nahrung 
bekommen haben, ist verhältnismässig gering, am höchsten in Höh¬ 
scheid und Wald. 

Es sind also von 100 in dem gesamten Industriebezirk in 
den fünf Jahren 1903—1908 gestorbenen Kindern unter einem Jahre 
32,1 °/ 0 Brustkinder gewesen und 54,8 °/ 0 künstlich ernährt worden. 
Es gibt dies ein Verhältnis von 170,7 künstlich genährten Kindern 
zu 100 Brustkindern. Tabelle XI gibt die Ziffern für die einzelnen 
fünf Jahre getrennt wieder. 

Von allen an Ernährungsstörungen zugrunde gegangenen 
Säuglingen waren 73,2 °/ 0 künstlich und nur 21,4°/ 0 mit ßrustmilch 
ernährt. 

Eine weitere Beachtung erfordert die hohe Sterblichkeit im 
ersten Lebensmonat. Einen grossen Teil machen die lebensschwachen 
Kinder aus, die wenige Minuten nach der Geburt, längstens im 

Centralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXVIII. Jahrg. 7 


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98 


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Alter tod einem Tage, sterben nnd in der kurzen Zeit ihres Lebens 
keine Nahrung zu sieb genommen haben. Es sind dies 23,4%, 
Lässt man diese ausser acht, so haben von allen Übrigen älter als 
einen Tag werdenden und bis zum vollendeten ersten Lebensmonat 
gestorbenen Kindern nur 54% Brustnabrung und schon 38,3 % 
künstliche Nahrung erhalten. 

Von den im 11. bis 12. Lebensmonat Gestorbenen haben nur 
zwei noch BrustnahruDg erhalten. 

Tabelle XL 


Von 100 gestorbenen Säuglin g en bekamen _lj %-VerhUtuis der 


Jahres¬ 

zahl 

keine 

Nahrung 

Brust- 

Nahrung 

gemischte 

Nahrung 

künstliche 

Nahrung 

fragliche 

Nahrung 

gest künstlich er¬ 
nährten Kinder zu 
den gest. Brust« 
kindern 

1903/04 

8,2 

28,3 

3,8 

56,1 

ii 

3,3 | 197,7 

1904/05 

7,1 

25,0 

2,8 

64,2 

0,8 1 

256,9 

1905/06 

7,8 

29,4 

i 1,4 

J 59,6 

1,6 

202,4 

1906/07 

8,0 

31,3 

2,5 

54,2 

3,7 \ 

172,9 

1907/08 

| 9,8 

27,6 

1.5 

57,9 

2,9 I 

209,6 


Zu einer richtigen Ernährung gesellt sieb als wesentlicher 
Faktor eine gute Haltung der Kinder, auf die Eltern um so eher 
sehen können, je besser ihre soziale Lage ist. Genaue Ermittelungen 
nach dieser Seite hin für den Industriebezirk Solingen anzustellen, 
war mir unmöglich gemacht durch die ungenügend vorhandenen Auf¬ 
stellungen auf den einzelnen Standesämtern bzw. Steuerbureaus. 
Wegen des grossen ständigen Wohnungswechsels, oft aus einer Stadt 
in die andere, können keine zusammenhängenden Listen über das 
Einkommen bzw. die Besteuerung des einzelnen geführt werden. 
Beschränken musste ich mich deshalb auf die Angaben des Standes, 
die der Vater bei der jedesmaligen Geburts- resp. Todesanmeldung 
seines Kindes auf dem Standesamte gemacht hat. 

Ich habe demnach vier Gruppen unterschieden: 

a) Uneheliche Kinder, 

b) Kinder von Industriearbeitern und Handwerksgebilfen, 

c) Kinder selbständiger Handwerker, kleinerer Beamten oder 
von Leuten mit ähnlichen Berufsarten, 

d) Kinder von Kaufleuten, Fabrikanten und Leuten mit aka¬ 
demischen Berufsarten. 

Von den 18400 in den fünf Jahren im Industriebezirk vor¬ 
gekommenen Geburten entfallen auf die Gruppe a: 2,0%, b: 73,8%, 
c: 28,8 % und d: 2,2%. 

Nach den in Tabelle XII aufgeführten Zahlen kann man in 
etwa auf die Verteilung der einzelnen Stände in den verschiedenen 
Städten schliessen. Dass diese aus den standesamtlichen Geburts- 


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Original fru-rn 

UNIVERSITÄT OF IOWA 



99 


Anmeldungen aufgestellte Verteilung der Geburten richtig ist, d. h., 
dass die Städte Gräfratb und Höhscheid wenige wohlhabenden' und 
dem Mittelstände angehörigen Kinder erzeugen, ergibt sich daraus, 
dass dort eine grössere Anzahl Arbeiter wohnt, die in den übrigen 
Städten zur Arbeit gehen, und umgekehrt in Solingen, Wald und 
Ohligs die grossen Kaufleute Detaillisten usw., Akademiker usw. 
Angesiedelt sind. 

Tabelle XII. 


In den Jahren 1903—1908 wurden geboren 


in 

So¬ 

lingen 

. °/o 

Ohligs 

% 

Wald 

% 

Höh¬ 

scheid 

% ! 

Gräf-1 
rath 

% 

Industrie¬ 

bezirk 

Solingen 

% 

Überhaupt (absolut) . . . 

7041 

3872 

8847 

1317 

2828 

18400 

Davon: 

a) Uneheliche Kinder . . 

2,1 

2,6 

0,8 

2,4 

2,1 

2,0 

b) Im Arbeiterstande . . 

70,2 

76,3 

73,6 

76,1 

79,9 

73,8 

c) Im Mittelstände . . . 

24,9 

18,5 

23,2 

19,8 

16,6 

21,8 

4) Von wohlhabenden Eltern 

2,6 

2,4 

2,1 

1,5 

i 

1,2 

2,2 


Die Zahlen, welche Neumann (11) für Berlin aufgestellt bat, 
können nur mit Vorbehalt zum Vergleich herangezogen werden, da 
eeine Einteilung in Klassen sich mit unseren Verhältnissen wohl 
kaum genau deckt. Der von ihm angelegte Massstab sind die Grösse 
der Wohnungen. Nach seiner Berechnung kamen in Berlin im 
Jahre 1906: 

auf Gruppe I (Wohnung 1—2 Zimmer u. Küche) 89,48 °/ 0 

» n II n ^ n n ( n 6>04°/ 0 

„ III « 4 u. mehr „ „ ! „ 4,48 % Geb. 

Vergleicht man nun die Zahl der Sterbefälle unter den Säug¬ 
lingen und Kindern in den einzelnen Standesgruppen (a, b, c, d) mit 
der in diesen Ständen erfolgten Summe der Geburten, so ergibt 
sich folgendes (s. Tab. XIII). 

Die Sterblichkeit der unehelichen Kinder ist am höchsten, 
dreimal so gross, wie die des Arbeiterstandes und sogar fast fünf¬ 
mal so gross wie die der Gruppe d. Auch ist sie uoch ständig im 
Wachsen begriffen. Beweisen kann ich dies nur für Stadt Solingen. 
Die unehelichen Geburten haben hier innerhalb 10 Jahren um 0,6 °/ 0 
zugenommeu: 1889/1894: 2,8%; 1903/1908: 3,4°/ 0 , nnd das bei 
gleichzeitig starker Abnahme der Geburten überhaupt. Die unehe¬ 
lichen Sterbefälle nahmen sogar um 4,1% zu: 1889/1894: 4,8 — 
1903/1908: 8,9 %, ebenfalls bei dem nachgewiesenen Sinken der 
Säuglingssterblichkeit. 


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100 


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Tabelle XIII. 


In den Jahren 1903—1908 starben 



in 

i,. So- 

lingen 

Ohligs 

Wald 

Höh¬ 

scheid 

Gräf- ^‘dustrie- 
bezirk 
|| Solingen 

ec 

C 

von 100 unehelich Geb. 
von 100 Geborenen des 

39,3 

24,2 

58,8 

31,3 

25,0 

34,5 

J* © 

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cö 

Arbeiterstandes. . . 

von 100 Geborenen des 

13,3 

11,8 

12,0 

8,9 

10,1 

11,9 

s 

Mittelstandes.... 
von 100 Geborenen Wohl- 

10,0 

13,3 

9,0 

10,0 

6,4 

10,2 


habender. 

8,6 

12,9 

3,5 

— 

5,0 

7,8 

ec 

C 

© 

1 

von 100 unehelich Geb. 
von 100 Geborenen des 

5,5 

1,2 

7,1 

2,8 

4,1 

4,1 

© £ 

Arbeiterstandes . . . 
von 100 Geborenen des i 

2,7 

1,8 

2,9 

1,9 

1,8 

2,4 

| 

s 

Mittelstandes. . . . 1 

von 100 Geborenen Wohl-| 

3,0 

3,2 

2,0 

1,7 

4,4 

1 

2,8 

I 


habender . j 

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1,2 

3,7 

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von 100 unehelich Geb. 
von 100 Geborenen des | 

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5,8 

4,3 3,8 

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von 100 Geborenen des 1 

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von 100 Geborenen Wohl-! 

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2,6 

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2,1 

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i 4,1 

5,0 

1.2 

3,7 

— 

3,4 


In den Jabren 1903/1908 kamen im Industriebezirk Solingen 
auf 100 ehelich gestorbene Säuglinge 185 uneheliche. 

Tabelle XIV. 

Sterblichkeit der unehelichen Säuglinge gegenüber den ehelichen 
Kindern im Industriebezirk Solingen in °l 0 : 


l 

Ehelich ! 

Unehelich 

Verhältnis 

Jahr 







der unehel. 

Ge- 

Ge- 

% i 

Ge- 

Ge- 

°/o 

zu den ehel. 


borene 

storbene 

borene 

storbene 

Sterbe¬ 
fällen in o/ t 

1903/04 

3516 

440 

12,5 

126 

32 

25,4 

208,2 

1904/05 

3705 

466 

12,5 

99 

26 

26,2 

200,6 

1905/06 

3553 

395 

11,1 

100 

26 

26,0 

234,2 

1906/07 

3735 

408 

10,9 

100 

16 

16,0 

146,7 

1907/08 

i 

3551 

365 

10,3 

80 

11 

18,7 

188,0‘ 


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UNIVERSUM OF IOWA 






101 


Tabelle XIV, die diese Zahlen für die letzten 5 Jahre getrennt 
wiedergibt, zeigt allerdings eine erfreuliche Abnahme in der Sterb¬ 
lichkeit unehelicher Kinder; doch muss erst die Beobachtung der 
weiteren Jahre ergeben, ob wir es hier mit einer definitiven Abnahme 
oder nur mit einer vorübergehenden Schwankung zu tun haben. 

Die Gewohnheit, die unehelichen Kinder fremder Pflege an¬ 
zuvertrauen, ist weniger stark ausgeprägt; es werden noch relativ 
viel uneheliche anerkannt; auch ist die voreheliche Schwängerung 
nach alter Sitte noch ein Heiratszwang. Aus diesem Grunde ist 
die Zahl der unehelichen gering und die Zahl der bei den Gross- 
-eltern bezw. der Mutter befindlichen unehelichen relativ hoch. Es 
bleiben immerhin 58,6 °/ 0 der Kinder bei der Mutter, was einen 
sichtlichen Einfluss auf die Ernährung hat. 16,3 °/ 0 der gestorbenen 
unehelichen waren Brustkinder. Von diesen 19 (absolut) Kindern 
standen jedoch neun noch im ersten Lebensmonat. Von den ältern. 
unehelichen bekamen demnach nur mehr 8,6 °/ 0 Brustnahrung. 

93 Kinder gleich 80,0 °/ 0 erhielten künstliche Nahrung, von 
diesen standen wieder 24 = 25,8 % im ersten Lebensmonat. 

Von allen unehelich Gestorbenen starben mit und unter einem 
Monat 34 = 26,5 °/ 0 . 

An Ernährungsstörungen sind im ganzen 68,9 °/ 0 umgekommen. 
Diese Zahl überragt die für alle (ehelich und unehelich) Säuglinge 
angegebene um ca 20%. 


Tabelle XV. 


Von 100 in den Jahren 1903—1908 gestorbenen unehelichen 
Säuglingen starben an: 


Lebensschwäche. 

Ernährungsstörung. 

Herzerkrankung. 

Angeborener Syphilis. 

Gehirnerkrankungen. 

Erkrankungen der Atmungsorgane 

Keuchhusten. 

Masern. 

Unbekannter Todesursache. . . 


11,8 

68,9 

0,8 

1,6 

2,5 

86 

2.5 

1.6 
1,6 


Von den an Ernährungsstörungen gestorbenen Kindern waren 
52,5% in fremder Pflege und bekamen 87,5 % künstliche Nahrung. 
15,0% von diesen sind im ersten Lebensmonat gestorben und wur¬ 
den sämtlich bis auf ein Kind künstlich ernährt. 

Bei den drei übrigen Gruppen der Bevölkerung liegen die Ver¬ 
hältnisse für die Säuglinge weit besser. Stufenweise nimmt die 
Säuglingssterblichkeit mit wachsendem Wohlstand der Eltern ab. 
Der Unterschied zwischen Gruppe b: 11,9%, und Gruppe c: 10,2%, 
ist sehr gering, z. B. gegenüber Berliner Verhältnissen. Neu mann 


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103 


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UMIVERSITY OF IOWA 






104 


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bat für seine Klasse I für das Jahr 1906 eine Säuglingssterblichkeit 
von 17,70°/ 0 und für die Klasse II eine solche von 12,79 °/ 0 be¬ 
rechnet. Seine Klasse III und unsere Gruppe d stehen ziemlich gleich, 
hier 7,8°/ 0 , dort 7,29 °/ 0 . Setzen wir Gruppe d und Klasse III 
(Neumann) gleich 1, so sterben: 

in Berlin in Klasse II: l,75mal, in Klasse I: 2,43mal, 
im Industriebezirk in Gruppe c: 1,30 mal und in Gruppe b: 1,52 mal 
so viel Säuglinge als in Klasse d bzw. III. 

Die Sterblichkeit unter Arbeitersäuglingen des Industriebezirkes 
ist also relativ günstig. 

In allen Ständen erliegt der grösste Teil der Kinder den 
Ernährungsstörungen, in Gruppe b 48,2 °/ 0 , in Gruppe c 42,6 °/ 0 
und in Gruppe d 40,6 °/ 0 der Gestorbenen. Es kommen hier auf 
einen Sterbefall an Ernährungsstörungen unter den Wohlhabenden 
1,04 im Mittelstände und 1,18 bei der arbeitenden Bevölkerung. 
Von diesen an Ernährungsstörungen gestorbenen Säuglingen waren 
in Gruppe b 23,2°/ 0 mit Brustmilch ernährt und 71,3°/ 0 künstlich; 
in Gruppe c bekamen 17,6 °/ 0 natürliche und 75,0 °/ 0 künstliche 
Nahrung; Gruppe d hat 38,4 °/ 0 Brustkinder und 61,5°/ 0 künstlich 
ernährte unter seinen Toten. 

Bei allen gestorbenen Kindern war das Verhältnis der natür¬ 
lichen zur künstlichen Nahrung: in Gruppe b 100:197 (28,9% — 
57,0°/ 0 ), in Gruppe c 100:205,5 (26,3°/ 0 — 54,7%) und iu 
Gruppe d 100:166,6 (28,1% — 46,8%). 

Die meisten künstlich genährten Kinder finden sieb also in 
Gruppe c, d. h. berechnet im Verhältnis zu den Brustkindern der 
gleichen Gruppe. Dieselbe Erfahrung machte Neumann für Berlin. 
Hier waren in Klasse III 4,7 mal, in Klasse II 6,5 mal und in 
Klasse I 4,0 mal so viel künstlich genährte Kinder gestorben als 
Brustkinder. 

Vergleicht man nur die künstlich genährten gestorbenen Kinder 
jeder Gruppe miteinander, so sind die meisten beim Arbeiterstande 
und die wenigsten bei den Wohlhabenden zu finden. Setzt man 
die Sterblichkeit bei künstlicher Ernährung in Gruppe d = 1, so 
beträgt dieselbe bei Gruppe c 1,1 und bei Gruppe b 1,2 (Berlin 111=1, 
11 = 1 , 6 , 1 = 2 , 2 ). 

Trotzdem ist die Stillhäufigkeit in der wohlhabenden Klasse 
am geringsten. Nach den Ausführungen Selters (3) im Jahre 1902 
in Düsseldorf stillten in Solingen von den wohlhabenden Müttern 
nur 37% und im Mittelstände 67% der Frauen. In Cöln ist das 
Verhältnis 17% zu 30 %. Dass aber in Gruppe d nur so wenig 
künstlich genährte Säuglinge sterben, dürfte wohl ausschliesslich in 
der besseren Wartung begründet sein, welche die Kinder bei den 


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105 


reichlicher vorhandenen Mitteln and den besseren Wohnangsverhält- 
nissen gemessen. 

Das ist auch von anderen Städten bekannt and tritt dort noch 
prägnanter hervor. In Berlin beträgt dieselbe im Mittelpunkte der 
Stadt 31,9 °/ 0 and in den als Gartenstadt angelegten Vorstädten 
nur 6,67 °/ 0 (12). Diese Wohnungen können allerdings wegen ihres 
anerschwinglichen Preises nur von Wohlhabenden bezogen werden, 
während Mittelstand and Arbeiterstand gezwungen sind, in den 
Mietskasernen der inneren Stadt unter dicht gedrängten schlechten 
Verhältnissen zu existieren. Ein Vergleich der Sterblichkeitsziffer 
(Säuglinge) des Arbeitervolkes in der Stadt mit der ländlichen lässt 
seinerseits unzweifelhaft auf günstigere Lebensbedingungen der letz¬ 
teren schliessen, unabhängig vom Einkommen. Biedert (4) zitiert 
eine Beobachtung Oester 1 eins, der in England schon im Jahre 1865 
eine Säuglingssterblichkeit in feldbauenden Gegenden von 24,33 °/ 0 , 
in industriellen Gegenden von 35,36 °/ 0 und in grosseu Städten von 
35,12 °/ 0 beobachtete, eine Erfahrung, die wir auch heute noch in 
manchem Industriebezirk machen, die jedoch keineswegs als Überall 
gütige, stets wiederkehrende Regel aufgestellt werden kann. 

Bei dem ländlichen Charakter, den alle fünf Städte des In¬ 
dustriebezirkes haben, war es unmöglich, diese in städtische und 
ländliche Bezirke zu zerlegen; doch findet man einen Unterschied 
in der Säuglingssterblichkeit zwischen den Orten, die wenigstens 
einige wenige dichtbewohnte Strassen haben, und solchen, die man 
vollständig als Landstadt bezeichnen kann. 

Im Durchschnitt der fünf Jahre 1903/1908 hat der gesamte 
Industriebezirk eine Säuglingssterblichkeit von ll,9°/ 0 der lebend 
Geborenen. An der Spitze stebt Solingen mit 13,2 °/ 0 , es folgt 
Ohligs mit 12,0 °/ 0 , Wald mit 11,6 °/ 0 , Gräfrath mit 9,9°/ 0 und 
schliesslich Höhscbeid mit 9,4 °/ 0 . Die Sterblichkeit der Säuglinge 
entspricht also der Bevölkerungsdichte (cf. Tab. I). 

Tabelle XVI. 

In den Jahren 1903—1908 betrug die Säuglingssterblichkeit 
(% der lebend Geborenen). 


in Solingeu 13,2 °/ (l 

in Ohligs 12,0% 



J 

in Wald 11,6% 


in Gräfrath 9,9% 



j in Höhscheid 9,4 % 





Di© Säuglingssterblichkeit ist nun bekanntermassen bis zu 
einem gewissen Grade abhängig von den Witterungsverhältnissen. 


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Besonders grössere, länger dauernde Hitzeperioden sind bekanntlich 
besonders gefährlich. 

Tabelle XVII. 


Säuglingssterblichkeit an akuten Magen-Darmerkrankungen in den 
vier Sommermonaten VI, VII, VIII und IX 

lahr \ f in % j ^ °/o 

l| der leb. Geborenen! aller Todesfälle 


1897/1902 

1 

Cöln. 

7,4 

30,1 

n 

Aachen. 

6,6 

27,8 

V 

Duisburg. 

4,8 

22,5 

V 

Crefeld. 

6,2 

29,8 


Düsseldorf. 

6,9 

33,3 

V 

Dortmund. 

3,3 

17,3 

V 

Essen.1 

3,7 

21,1 

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Elberfell.1 

3,8 

22,6 

y> 

Barmen.| 

3,1 

18,4 

1903/1908 

Industriebezirk Solingen 

2,6 

21,3 


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Vorstehende Tabelle gibt einen Überblick über die Säuglings¬ 
sterblichkeit an akuten Magen - Dannerkrankungen in den vier 
Sommer-Monaten Juni, Juli, August, September. Den von Paffen¬ 
holz (3) berechneten Zahlen habe ich die des Industriebezirkes 
hinzugefügt. Entsprechend der niederen Säuglingssterblichkeit von 
nur ll x 9°/ 0 , ist auch der Prozentsatz für diese vier Monate geringer. 
Er macht jedoch ungefähr 1 l i der ganzen Säuglingssterblichkeit aus. 

Zum besseren Verständnisse habe ich noch eine Rechnung 
durcbgeführt, die von Kriege und Seutemann (2) für Barmen 
aufgestellt worden ist. Es sind in den neun Monaten Oktober bis 
Juni einschliesslich im Durchschnitt der fünf Jahre 1903/1908 im 
Industriebezirk 654 Säuglinge an Ernährungsstörungen gestorben. 
Bei gleichen Verhältnissen würden also in den drei übrigen Monaten 
218 Säuglinge sterben. Tatsächlich starben aber 431. Es starben 
also 213 Kinder mehr, als bei gleichen Verhältnissen erwartet, das 
macht im Verhältnis zur erwartungsgemässen Zahl das Doppelte 
(97,7 °/ 0 ) mehr. In Barmen starben 113,4 mehr im Prozent der 
erwartungsmässig Gestorbenen. 

Zur Orientierung über die stets wiederkehrende erhöhte Säug¬ 
lingssterblichkeit in der heissen Jahreszeit verweise ich auf die 
schwarze Kurve der Taf. IV, welche für jeden einzelnen Monat 
der fünf Jahre die Säuglingssterblichkeit, berechnet auf 100 lebend 
Geborene, wiedergibt. Wir begegnen dort einer regelmässig im 
August oder September sich wiederholenden Zacke nach oben, die 
im Jahre 1907/08 sich auf den Monat Oktober verschiebt. Die 


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107 


höchste Höhe erreicht die Zacke im August 1904 (25°/ 0 ). Eine 
kleinere Zacke tritt dann noch regelmässig im Dezember/Januar auf. 
Über den näheren Zusammenhang zwischen Witternngsverhältnissen 
nnd Säuglingssterblichkeit hatte Lehrer Götze, Leiter der meteoro¬ 
logischen Station Solingen, anf der Ausstellung in Solingen eine 
umfangreiche Zusammenstellung ausgestellt, über die derselbe selbst 
berichten wird. 

Die untere punktierte Kurve der Fig. IV lehrt dann, wieviel Kin¬ 
der in jedem Monat an Darmerkrankung gestorben sind. Ein Vergleich 
beider Kurven zeigt den unmittelbaren Zusammenhang zwischen 
Ernährungskrankheiten und Säuglingssterblichkeit, und ein Blick 
auf Fig. V, schwarze Kurve, genügt, um die Ernährungsstörung als 
Folge der künstlichen Nahrung zu erkennen. Alle drei Kurven 
haben in demselben Monat ihren höchsten Gipfel und in demselben 
Monat ihren tiefsten Stand, geben also fast ganz parallel. Auch 
die oben erwähnte Zacke in den Monaten Dezember/Januar kehrt 
typisch bei allen drei wieder. 

Eine Ausnahme macht die untere punktierte Kurve der Fig. V 
betr. die gestorbenen Brustkinder. Sie zeigt einen gänzlich unregel¬ 
mässigen Verlauf und ist aus ihr kein bestimmtes System herauszu¬ 
lesen. Ihre Schwankungen halten sich in gewissen Grenzen, und 
die grösste Sterblichkeit zählt nicht mehr als 4,6 °/ 0 . 

Das ungleichmässige Verhalten der beiden Kurven von Fig. V 
betr. Sterblichkeit der Brust- und Flaschenkinder beweist zur Genüge, 
welchen Einfluss die künstliche Nahrung auf die Säuglingssterblich¬ 
keit hat. 

Als weiterer Beweis und zum Vergleich seien dann noch 
Zahlen, berechnet für Berlin 1895/96 (Selter) (3), wiedergegeben. 
Die Sommersterblichkeit lag hier im August, und zwar betrug die 
Verhältniszahl der mit Surrogaten Ernährten 19,9 °/ 0 , der mit Tier¬ 
milch Gefütterten 6,7 °/ 0 und der Brustkinder 0,6°/ 0 . 


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2,8 

5,9 


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6,9 

Dez. 


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UMIVERSITY OF IOWA 





110 


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Tabelle XVIII. 

Von sämtlichen in den Jahren 1903—1908 gestorbenen Kindern 
starben im Alter ron 


0-14 Tage 

0—1 Monat 
15 Tage bis 1 Monat 

1- 2 Monate 

2- 3 „ 

3- 4 „ ' 

4- 5 „ 

5- 6 „ 

6 - 7 » 


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9-10 „ 

10- 11 „ i 

11- 12 , I 

1— 2 Jahre j 
3—14 Jahre j 


15.30/ 0 

23,3 o/ # 

«. 0 % 

6,7 , 

5,1 „ 

°,3 n 
4.0 , 

3.3 „ 

3.4 „ 

2.5 „ 

2.5 „ 

2.6 jf 

2,0 „ 

5,0 „ Sa. 66,4 0/ 0 
12,3 „ 
21,2 , 


Vorstehende Tabelle zeigt eine erhebliche Abnahme der Sterb¬ 
lichkeit unter den Kindern, sobald dieselben das erste Lebensjahr 
überschritten haben. Wie der Sängling von Monat zu Monat wider¬ 
standsfähiger wird und damit der Prozentsatz der Säuglingsmortalität 
zurückgeht, so wird auch die Sterbeziffer der Kinder von Jahr zu 
Jahr geringer. Das zweite Lebensjahr fordert aber unter den Kindern 
jenseits des Säuglingsalters noch die grössten Opfer, allerdings nur 
noch ein Fünftel des Säuglingsalters, 12,3°/ 0 gegenüber 66,4°/ 0 . 
Eine direkte Scheidung zwischen erstem und zweitem Lebensjahre 
kann wohl nicht gemacht werden, da die Schädlichkeiten, die gerade 
für das erste Lebensjahr verderblich sind, auch im zweiten noch 
eine Rolle spielen oder noch fortwirken, andererseits aber schon 
Gefahren in Betracht kommen, die dem späteren Alter erst eigen¬ 
tümlich sind. So nehmen auch jetzt noch Todesfälle an Ernährungs 
Störungen immerhin 18,4°/ 0 der Todesfälle in Anspruch, in Wald 
25,5 °/ 0 , in Gräfrath 20,6 °/ 0 , in Solingen 20,5 °/ 0 , in Ohligs 12,6 °/ 0 
und in Höhscheid 9,7 °/ 0 (Tab. VIII). Ohligs und Höhscbeid hatten 
auch im Säuglingsalter die geringste Sterblichkeit an Ernährungs 
Störungen. 

Häufiger können wir jetzt schon die Diagnose: „Erkrankungen 
der Atmungsorgane“, „Gehirnerkrankungen“ und „Tuberkulose“ 
finden. Die beiden letzten Diagnosen gehören wohl zusammen, 
denn die in diesem Alter vorkomnienden Gehirnerkrankungen sind 


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111 


meist tuberkulöser Natur. Wir sind wohl berechtigt, nach Analogie 
.anderer Autoren diese drei Krankheitsgruppen nebst dem Keuch¬ 
husten als „Schmierinfektionen“ anzusehen (Escherisch). Am 
meisten waren sie vorhanden in Wald und Gräfrath. Gehirnerkran¬ 
kungen waren in allen Orten gleich stark vertreten, ausgenommen 
Wald. 

Die Infektionskrankheiten kommen weniger in Betracht. An 
Masern begegnen wir mehreren Todesfällen in Ohligs und Höhscheid. 
Der Sterblicbkeit8prozentsatz an Diphtherie steigt mit dem Grösser- 
■werden der einzelnen Orte. 

Was die Verteilung der Sterbefälle unter Kindern im zweiten 
Lebensjahre auf die einzelnen Stände angeht, so stellt sich' hier 
folgendes heraus. Uneheliche sind in den fünf Jahren im Alter 
von einem bis zwei Jahren innerhalb des Industriebezirkes zehn 
gestorben (Tab. XIII). Die Zahl der unehelichen Kinder nimmt 
mit wachsendem Alter ab, da von den das Säuglingsalter über¬ 
lebenden sehr viele adoptiert bzw. legitimiert werden. 

Von diesen zehn erlagen drei Ernährungsstörungen, je zwei 
Erkrankungen der Atmungsorgane und Gehirnerkrankungen, je eines 
der Lues congenita und einer unbekannten Todesursache. Mittel¬ 
stand und Arbeiter stellen sich prozentualiter etwa gleich, die Wohl¬ 
habenden stehen am günstigsten da. In Solingen, Höhscheid und 
Gräfrath starben in den fünf Jabren von der Gruppe d überhaupt 
keine Kinder. Setzt man die Sterblichkeit der Gruppe d = 1, so ist 
die der Gruppe c = 2,8 mal und die der Gruppe b = 2,4 mal so gross. 

Eine Verteilung der einzelnen Sterbefälle nach Monaten gibt 
keine neuen Gesichtspunkte. Die Hitze scheint also keinen Ein¬ 
fluss auf dieses Lebensalter mehr zu haben. Höchstens ist eine im 
Spätherbste und Frühjahr stets wiederkebrende Zacke von mässiger 
Höhe herauszulesen (Fig. VI). 

Die Hauptgefahr für diese Kinder liefern also ausser den 
Schmierinfektionen die Ernährungsstörungen. 


Vom dritten Lebensjahre an nimmt die Sterblichkeit erheblich 
ab. Ich habe deshalb alle Todesfälle, welche vom Beginn des 
dritten bis zum vollendeten vierzehnten Lebensjahre vorgekommen 
sind, zusammengefasst. Im ganzen betrugen sie 21,2 °/ 0 sämtlicher 
gestorbenen Kinder (Tab. XVIII). 

Die Schädlichkeiten, die des Säuglings Leben so sehr gefährden, 
haben hier ihre Kraft verloren. Die Ernährungsstörungen kommen 
Als Todesursache fast gar nicht mehr vor. Dagegen begegnen wir 
um so häufiger den oben schon erwähnten Schmierinfektionen. Es 
tritt die Tuberkulose in den Vordergrund mit 24,6 °/ 0 der Todes- 


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Von 100 das erste Lebensjahr überlebenden Kindern starben im zweiten Lebensjahre: Fig. VI. 









































Von 100 das erste und zweite Lebensjahr überlebenden Kindern starben: 


113 



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Centralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXVIII. Jahrg. 8 


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114 


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fälle. Tuberkulose und Gehirnerkrankungen ergeben zusammen 
40,8 %, rechnet man noch die Erkrankungen der Atmungsorgane 
dazu, so erhält man sogar die Zahl 53,6 °/ 0 . 

Tuberkulose ist am stärksten in Ohligs und Höhscheid ver¬ 
breitet (Tab. VIII), Gehirnerkraukungen in Solingen, Ohligs und 
Höhscheid und die Erkrankungen der Atmungsorgane kommen am 
häufigsten in Gräfrath vor. 

Infektionskrankheiten spielen nur eine bescheidene Rolle. Am 
meisten begegnet man noch der Diphtherie. Ihr sind die meisten 
Kinder in Solingen erlegen, wohl weil hier die Krankenbaussterblich¬ 
keit die Statistik ungünstig beeinflusst. An Masern starben die 
meisten Kinder in Gräfrath und an Scharlach in Ohligs. 

Der Prozentsatz der gestorbenen unehelichen Kinder ist in 
diesen Jahren kaum mehr von Bedeutung (Tab. XIII). Die Zahlen 
der Sterbefälle im Arbeiter- und Mittelstand sind auch hier wieder 
im Verhältnisse ungefähr gleich. Setzt man für die vom dritten 
bis vierzehnten Lebensjahre gestorbenen Kinder die Sterblichkeit 
der Gruppe d=l, so ist sie in Gruppe b und c 1,2 mal so gross. 

Nach Monaten verteilt, zeigt die Sterblichkeit unter den Kin¬ 
dern vom dritten bis vierzehnten Lebensjahre allerhand Schwan¬ 
kungen, aber durchaus nicht so typisch mehr, wie beim Säugling 
(Taf. VI). 

Fragen wir zum Schlüsse noch, wieviel Kinder im Industriebezirk 
Solingen das vierzehnte Lebensjahr voraussichtlich erreichen werden, 
indem wir die für ihre Lebensalter ermittelte Durchschnittssterblicb- 
keit einsetzen, so gelangen wir zu folgendem Resultate: 

In den Jahren 1903—1908 wurden 18400 Kinder geboren; 
es starben im ersten Lebensjahre in dieser Zeit 2197 = 11,9%, 
mithin gehen 16203 in das zweite Lebensjahr. In dem Quinquen- 
nium 1903—1908 starben weiterhin 408 Kinder im zweiten Lebens¬ 
jahre. Angenommen, diese stürben auch in den folgenden Jahren, 
so würde die Sterblichkeit im zweiten Lebensjahr 2,4 % betragen. 
Es gelangen dann 15 795 Kinder in das dritte Lebensjahr. In den 
genannten fünf Jahren starben vom Beginn des dritten bis zum 
Schlüsse des vierzehnten Lebensjahres 705 Kinder. Diese Sterblich¬ 
keitszahl ergibt einen Mortalitätsprozentsatz für diese Lebensjahre von 
4.4. 15080 Kinder wurden dann älter als vierzehn Jahre. 

Diese Wahl der Sterblichkeit auch für später augenommeu. 
würden 81,3% der Kinder die Reife erreichen. 


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115 


Benutzte Literatur. 

1. Centralblatt für öffentliche Gesundheitspflege, XXI. Jahrg. 1902, 11. bis 
12. H., pag. 430. Kleinere Mitteilungen: Wachstum und Bevölkerungs¬ 
dichte rheinischer Städte; gez. J. St. 

2. Kriege und Seutemann, Ernährung»Verhältnisse und Sterblichkeit 
der Säuglinge in Barmen. Centralbi. f öffentl. Ges., XXV. Jahrg. 1906. 

3. Bericht über die am 11. Oktober 1902 in Düsseldorf stattgehabte 
Generalversammlung des niederrh. Vereins f. öffentl. Ges., a) Referat 
Selter, b) Referat Paffenholz. 

4. Biedert, Die Kinderernährung im Säuglingsalter und die Pflege 
von Mutter und Kind. Stuttgart 1905. 

5. Kruse und Laspeyres, Fortschritte der öffentl. Ges. in Rheinland 
und Westphalen während der letzten Jahrzehnte. Centralbi. f. öffentl. 
Ges., XXII. Jahrg. 1903. 

6. L i n g n e r, Dresden, Statistische Tabelle, ausgestellt auf der Ausstellung 
für Säuglings- und Kinderpflege in Solingen, darstellend: Die Säug¬ 
lingssterblichkeit in den europäischen Staaten im Durchschnitt der 
Jahre 1891—1895. Auf je 100 lebend Geborene berechnet. 

7. Rahts, Ergebnisse der Todesursachenstatistik: Die Sterbefälle im 
Deutschen Reiche während des Jahres 1902 (Forts.) und 1903. Medi¬ 
zinal-statistische Mitteilungen des Kaiserl. Gesundheitsamtes, Bd. X, 
H. 1, S. 32. Referat: Jahresbericht Virchow-Hirsch, 1904. 

8. Esc her ich, Referat: Mailand 1906. 

9. Tabelle, betreffend die Säuglingssterblichkeit von Lennep, Solingen und 
Remscheid, Hamburg, Preussen westl. der Elbe, Mecklenburg-Strelitz, 
Westpreussen und Altbayern, ausgestellt auf der Ausstellung für Säug¬ 
lings- und Kinderpflege in Solingen. 

10. Kaiserl. Gesundheitsamt, Berlin: Eine Wandkarte, darstellend die Säug¬ 
lingssterblichkeit nach Kreisen (Verhältnis der lebend Geborenen) im 
Deutschen Reiche im fünfjährigen Durchschnitt 1900—1904, ausgestellt 
auf der Ausstellung für Säuglings- und Kinderpflege in Solingen. 

11. Neumann, Einfluss der Ernährungsweise auf die Säuglingssterblich¬ 
keit. Zeitschr. f. soz. Med., 3 Bd., 1908. 

12. Silber gleit, Erläuterungen zu der vom Statistischen Amt der Stadt 
Berlin auf der Hygiene-Ausstellung 1907 ausgestellten Tafel I: Die 
Säuglingssterblichkeit in den einzelnen Standesamtsbezirken von Berlin 
sowie in den Vororten 1904—1906. 

13. Zeitschrift für Kinderpflege, Jugenderziehung und Aufklärung. Berlin 
H. 7. April 1908. 


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[Aus der Ausstellung für Säuglings- und Kinderpflege in Solingen, 1908.] 
(Wissenschaftlicher Leiter: Dr. Selter-Solingen.) 


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Säuglingssterblichkeit und Witterung 
im Industriebezirk Solingen. 

Von 

Karl Goetze, 

Hauptlehrer in Solingen. 


Mit Taf I u. II. 


Dass die Witterung im allgemeinen einen grossen Einfluss auf 
unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit ausübt, dass sie bei der 
Entstehung vieler Krankheiten und dem günstigen oder ungünstigen 
Verlauf derselben eine wichtige Rolle spielt, kann nicht bestritten 
werden. Es ist darum zu verstehen, dass man versucht hat, auch 
den Zusammenhang zwischen Sterblichkeit und Witterung zahlen- 
mässig festzustellen. Diese Versuche haben aber bisher wenig Er¬ 
folg gehabt. Die Ursache dafür liegt auf der Hand. Einerseits 
ist die Zeit zwischen Krankbeitsentstehung und Tod, also zwischen 
Ursache und Wirkung, eine so verschiedene, dass der zeitliche Zu¬ 
sammenhang zwischen beiden ganz unsicher und damit auch die 
sichere Feststellung dieses Zusammenhangs unmöglich wird. Auf 
der anderen Seite ist die Witterung ein Zusammengesetztes aus 
vielen Faktoren, die unter verschiedenen Verhältnissen auf ganz 
verschiedene Weise auf den Organismus wirken, und die sich kaum 
auf einen einheitlichen, streng vergleichbaren Ausdruck bringen 
lassen. Zudem lassen sich sehr wichtige Klimafaktoren, z. B. die 
Strahlung, bislang überhaupt noch nicht numerisch genau darstellen. 

Als daher der Verfasser aus Anlass der Ausstellung für Säug¬ 
lings- und Kinderpflege in Solingen im September 1908 mit der 
Aufgabe betraut wurde, mit Hilfe der von ihm gemachten Witterungs¬ 
beobachtungen den Zusammenhang zwischen Säuglingssterblichkeit 
und Witterung graphisch darzustellen, versprach er sich anfangs 
wenig Erfolg von dieser Arbeit. Während derselben stellte sich 
jedoch heraus, dass gerade die Säuglingssterblichkeit ein günstiges 
Feld für solche Untersuchungen darbietet. Die gewonnenen Ergeb¬ 
nisse sind immerhin derart, dass es sich verlohnt, das Material samt 
den vorläufigen Resultaten der Öffentlichkeit zu unterbreiten. Es 


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Original from 

UNIVERSUM OF IOWA 



-geschieht dies auf besonderen Wunsch des verdienstvollen Leiters 
der genannten Ausstellung, des Herrn Dr. Selter in Solingen. 

Eine kurze Beschreibung des Klimas von Solingen möge vor¬ 
aufgehen. 

Das Klima von Solingen wird hauptsächlich durch zwei Fak¬ 
toren bedingt, nämlich durch den Einfluss des Meeres und die Lage 
des Ortes an der Luvseite des bergischen Berglandes. Dem Ein¬ 
fluss des Meeres verdankt der Ort seine hohe Mitteltemperatur von 
rund 9° trotz einer Seehöhe von 220 m. Allerdings zeigt ein Ver¬ 
gleich mit Aachen, dass in derselben Höhe die Temperatur schon 
um 0,5° niedriger ist als dort’. Auch spricht sich die Zunahme der 
Kontinentalität nach Nordosten hin in einer um 0,6° grösseren Jahres¬ 
schwankung in Solingen aus. Herbst und Winter sind hier nämlich 
um 0,8° kälter als dort, während im Frtthsommer die Differenz ganz 
verschwindet trotz der südlicheren Lage Aachens. 

Das annähernde Mass der Tagesschwankung der Temperatur 
möge man aus den unten angeführten Mittelwerten ersehen. Mai, 
Juni und Juli haben die grösste Tagesschwankung, Dezember und 
Februar die kleinste. t 

Die Bewölkung ist recht gross und beträgt im Jahre 67°/ 0 der 
Himmelsfläche. Die grösste Bewölkung haben die Wintermonate 
(Dezember 78°/ 0 , Februar 77°/ 0 ). Am heitersten ist der April und 
der September (60°/ 0 ). Ausserdem ist ein Minimum der Bewölkung 
im Juni zu verzeichnen. 

Solingen ist sehr reich an Nebeln: etwa 60 Nebeltage kommen 
im Jahre vor. Davon entfällt die grösste Zahl (40) auf das Winter¬ 
halbjahr. Die Lage Solingens auf der Luvseite des Gebirges be¬ 
dingt eine mittlere jährliche Niederschlagshöhe vou 1045 mm. Die 
gewaltigen Wassermengen, die hier niedergehen, werden neuer¬ 
dings durch Anlage von Talsperren der Industrie in grossartiger 
Weise dienstbar gemacht. Die grösste Regenmenge fällt im Juli 
(111 mm); ausserdem machen sich sekundäre Maxima im Oktober 
(99 mm) und Dezember (93 mm) geltend. Die kleinsten Regen¬ 
mengen haben April (73 min), Juni (77) und September (76). Die 
Regenwahrscheinlichkeit ist am grössten im Februar (0,64), am ge¬ 
ringsten im Juni (0,46) und September (0,47). Im Jahre beträgt 
sie 0,53 für Tage mit messbarem Niederschlag. 

Da das bergische Land den feuchten Westwinden sehr aus¬ 
gesetzt ist, hat das Klima etwas Rauhes und Frisches an sich. Die 
aus der Ebene kommenden Neulinge müssen sich gewöhnlich mit 
einem tüchtigen, jährlich wiederkehrenden Katarrh erst akklimati¬ 
sieren. Trotzdem ist das bergische Klima im ganzen als ein ge¬ 
sundes und belebendes zu bezeichnen. 

Es folgen nun die Mittelwerte für die Säuglingssterblichkeit 


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Original frnm 

UNIVERSITÄT OF IOWA 



118 


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und die einzelnen Witterungsfaktoren. Sie beziehen sich auf den» 
fünfjährigen Zeitraum von April 1903 bis März 1908 (Tabelle I). 

Es bedeutet: 

S = Säuglingssterblichkeit. Zahl der Sterbefälle. 

S°/ 0 = Dasselbe in % der Lebendgeburten pro Monat. 

D = Zahl der Sterbefälle, bei denen Darmerkrankungen die Todes¬ 
ursache bildeten. 

D 0 /o = Dasselbe in °/ 0 der Jahressumme. 

R = Zahl der übrigen Sterbefälle. R = S—D. 

T = Mitteltemperatur in C°. 

M = Mittleres Tagesmaximura der Temperatur. 

m =s Mittleres Tagesminimum der Temperatur. 

s = Mittlere Tagesschwankung, s = M—m. 

Ft = Frosttage (Minimum unter 0°). 

St = Sommertage (Maximum über 25°). 

W = Bewölkung in °/ 0 der sichtbaren Himmelsfläche. 

h = Heitere Tage (Bewölkung unter 20 °/ 0 ). 

t = Trübe Tage (Bewölkung über 80%). 

X = Niederschlagsmenge in mm. 

Nt = Regentage (mit messbarem Niederschlag). 

Die Temperaturwerte von 1903—1906 sind von dem Verwalter 
der meteorologischen Station zu Elberfeld, Herrn Lehrer A. Eck, 
freundlichst zur Verfügung gestellt worden. Mit Hilfe von zwei¬ 
jährigen, gleichzeitigen Beobachtungen zu Solingen und Elberfeld 
sind dieselben auf die jetzige Normalaufstellung der Solinger Station 
reduziert worden (206 m, Thermometer in englischer Hütte auf freier 
Wiese 2 ra über dem Erdboden). 

Tabelle I. 

Säuglingssterblichkeit und Witterung. 

Solingen, April 1903 bis März 1908. 


I! !t l! Nieder- 

Säuglingssterblichkeit Temperatur Bewölkung jj 8C hlag 



S IS'Vu 

D |D°/o 

r 

T M j 

Dl 9 1 

Ft 

St ;Wj 

»>, 

t 1 

N y 

Nt 

Jan 

46.815,2 

18,4 

8,5 

ii 

28,4, 

1 

0,5: 2,8,- 

1 

—2,2 5,0 

15,4 

1 1 

- i67| 

t 

6,0| 

15,2, 

97 

18,2 

Febr. 1 

32,4 10,5 

13,2 

6,1 

19.2i| 

1.4 3,8, 

-0,7 4.5; 

14.2; 

- 188 

0,2, 

18,8 

94 

21,2 

März 

31,2 10,1 

11,8 

5,4 

19,4 

3,7 7,2; 

0,7 6,5 

12,2' 

- 69 

3,4) 

13,8; 

100 

20,0 

April 1 

28,2 9,2 

11,6 

5,3 

16,6'! 

7,3 11,4 

3.5 7,9 

2,6: 

0,263 

3,8 

9,0 

84 

18,0 

Mai | 

34,011,0 

15,0; 

6,9 

19,Oj] 

L2,9 17,9, 

8,5 9,4 

0,2 

4,2:58 

3,8, 

8,2 

72 

15,8 

Juni ! 

32,0:10,4' 

12,4' 

5,7 

19,61 

15,5 20,2 

11,09,2 

- j 

5,4-61 

4,0 

6,8: 

84 

15,2 

Juli l! 

32,6 10,fi 

15,6 

7,2 

17.017.0 21,71 

12.4 9,3 

5 

8,6‘60 

3,6l 

10,0 ! 

99 

15,8 

Au &- i 

58,2; 18,9 

41,6 

19,2 

16,6 1 

16,221,1t 

12,2 8,9 

— j 

5,6,63| 

3,0! 

9,8) 

101 

17,6 

Sept. j; 

i 46,815,2 

29,0 : 

13,4 

17,8,1 

13,1 17,6: 

9,3 8,3 

| 

1,6 57 

5,0) 

9.4,| 

58 

12,8 

Okt 1 

40,6! 13,2 1 

25,2’ 

11,6 

15,4 

9,4 12,7 

6,85,9 

1,4 

- ! 70; 

2,2i 

13,8,| 

100 

18,4 

Nov. 

: 31.010,1: 

12,0 

5»o 

19,0; 

5,0 7,6i 

3.0 4.6 

5,8 

— 77 ; 

1,8) 

17,2;; 

103 

17,8 

Dez. 

29,0 9.4, 

11,2, 

5,2 

17,8, 

1,6 3,9 - 

-0,5 4,4 : 

15,0 

— ,75 

2,8 

18,4 

85 

17,2 

Jahr 

442,8,12,0 217,0 

— 

225,8Ü 

8,6 12,3 

5,3 7,0 66,8 25,6 67 39,6 150,4 ' 

1077 209,5 


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Original from 

UMIVERSITY OF IOWA 



119 


Nach den Mittelwerten der vorstehenden Tabelle sind die 
Kurven der beigehefteten Tafel I gezeichnet worden. Für die 
Säuglingssterblichkeit sind hier die absoluten Zahlen (S, 0 und R) 
verwendet worden. Es erschien dies zulässig, da die Zahl der 
Lebendgeburten von Jahr zu Jahr nur wenig schwankte, wie folgende 
Übersicht zeigt: 

1903/4: 305, 1904/5:318, 1905/6: 305, 1906/7:312, 1907/8:301, 
im Durchschnitt 308,2 Lebendgeburten pro Monat. 

Betrachten wir auf Tafel I zunächst die Sterblichkeitskurven. 
Die Gesamtkurve S zeigt drei Maxima, ein sehr hohes im August (A), 
ein weniger hohes im Januar (B) und ein schwach ausgeprägtes 
im Mai (C). Derselbe Gang kehrt in jedem Jahre im wesentlichen 
wieder. Die beiden Hauptmaxima zur Zeit der höchsten und niedrig¬ 
sten Temperatur lassen von vornherein einen innigen Zusammenhang 
mit derselben vermnten. Scheidet man die Sterbefälle, bei denen 
Darmkrankbeiten die Todesursache bildeten, von den übrigen, wie 
dies in der D- und R-Knrve geschehen ist (R=S—D), so ergibt 
sieh, dass die S-Kurve hauptsächlich von der D-Kurve ihre Gestalt 
erhält. Die R-Kurve hat einen viel ruhigeren Verlauf; nur im Januar 
zeigt sieb ein hohes Maximum, während die D-Fälle hier nur schwach 
hervortreten. Sie kommen übrigens hier meist nur als Enderschei¬ 
nungen anderer Krankheiten vor. 

Demnach hat hohe Temperatur eine starke Zunahme der Darin- 
krankheiten, niedrige eine Zunahme der übrigen Krankheiten zur 
Folge, wenigstens soweit sie direkte Todesursachen sind. Wie sich 
später ergeben wird, kommen im Winter auch die übrigen Witterungs¬ 
faktoren, Bewölkung, Luftfeuchtigkeit usw. stark zur Geltung. 

Das Maimaximum soll später besprochen werden. Da es haupt¬ 
sächlich von den D-Fällen gebildet wird, so scheint ein Zusammen¬ 
hang mit der Temperaturzunahme vorzuliegen. Die R-Fälle nehmen 
noch bis zum Juni zu, wo sie ein Maximum erreichen, um dann 
wieder abzunehmen. Es mag hier nur darauf hingewiesen werden, 
dass der Mai für seine Mitteltemperatur eine hohe Zahl von Sommer- 
tagen aufweist (vgl. den entsprechenden Herbstmouat September). 
Schon daraus darf man schliessen, dass in diesem Monat starke un¬ 
periodische Temperaturschwankungen Vorkommen müssen. Sommer¬ 
tage und Frosttage liegen oft nur wenige Tage auseinander. Mai 
und Juni sind bekanntlich die Monate der regelmässigen Kälterück- 
fälle. Dazu kommt noch eine grosse tägliche Temperaturschwan- 
kung, die schon gleich im Mai den Höchstwert des Jahres erreicht. 

Dies sind jedoch zunächst nur vorläufige Annahmen, die noch 
einer eingehenderen Begründung bedürfen. Eine tiefere Einsicht in den 
Zusammenhang beider Erscheinungen und zugleich einen exakteren 
Nachweis derselben können wir nur dadurch gewinnen, dass wir 


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UNIVERSUM OF IOWA 



120 


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die extremen Einzelfälle zusammenstellen und vergleichen. Es sind 
daher aus den vorliegenden fünf Jahren für jedes der drei Maxiraa 
je zwei Jahre mit hohem und je zwei Jahre mit niedrigem oder 
unterdrücktem Maximum ausgewählt worden, die nun bezüglich ihrer 
Witterungsverhältnisse näher untersucht werden können. Zur weiteren 
Veranschaulichung dient die beigeheftete Tafel II, in welcher die 
Sterblichkeit (in °/ 0 der Lebendgeburten) und die Temperatur samt 
den Abweichungen beider vom fünfjährigen Mittel für alle Monate 
des ganzen Zeitraumes fortlaufend dargestellt sind. 


Tabelle II. 

Hohes Sommermaximitm der Sterblichkeit. 


(a = Abweichung vom Mittel.) 


1904 



1905 



i 

1 

Juni 

Juli 1 

Aug.' 

Sept. 

Okt. 


Juni Juli Aug. [Sept. 

Okt. 

S°/ 0 

8,8 

11,6 

25,4 

i 

19,5! 

10,0 

S°/ 0 

I, 8,8 

i 

9,1 

i 

21,3 

11,1 

10.4 

a 

-1.6 

1,0; 

6,5 

4,3; 

—3,2 

a 

l! —1,6 

-1,5 

2,4 

-4,1 

-2,8 

D°/o 

3,3 

7,3 

25.7 

19.2 

6,9 

D% 

4.7 

7,9 

23,6 

10,5! 

8,9 

a 

j —*.4 

I 0,1, 

0,5 

5,8 

-4,7 

a 

-i,o: 

0,7 j 

4.4 

-2,9| 

-2,7 

T 

15,2 

19,4 

16.4 

12,1 

8.8 

T 

h i 

|i 17,9 

185 

16,8 

12,8 

4.7 

a | 

-0,3 

2,4 

0,2, 

-1,01 

-0,6 

a 

!' 2,4' 

1,5 

0,6 

-0,3 

—4.7 

M ! 

20,6 

25,3 

22.4 

17,3 

12,5 

M 

23,4 

23,4 

21,5 

16 1 

,.5 

m 

10.2 

12,7| 

11,4 

7.9 

5,6 

in 

12,9 

14.0 

12,9 

10,0 

2,7 

s i 

10,4 

12,6 

11.0 

9.4 

6,9 

s 

H 10.5 

9,4 

8,6 

6 . 1 ! 

4.8 

St 1 

1 

5 1 

i 

17 

10 

— 

— 

St 

12 

12 

6 

— 1 

— 

w 

53 

32 

56 

54 

60 

w 

ii 52 

6i : 

58 

71 

80 

Nt '1 

13 ! 

9 I 

12 | 

11 

14 

Nt 

14 

17 

12 

18 

24 


Tabelle III. 

Niedriges oder unterdrücktes Sommermaximum. 


1907 


S° 0 

i 

9,9 

4,9 

10,9 

9,6 

18,6 

a 

—0,5 

-5,7 

- 8,0 

-5,6 

5,4 

i>% i 

6,5 

1,5, 

9,1 

8.6 

19,2 

a 

0,8 

1 

-5,7 

-10,1 

—4.8 

7,6 

T 

1 

14.0 

13,7 

15.6 

13,6 

11,5 

a 

1—l,5i 

—3,3 

— 0,6 

0,5 

2.1 

M 

18,2 

17,7 

19,8 

18,5 

14,8 

m | 

10,2 

10,1 

11,5 

9.2 

8.8 

s 

8,0 

7,6 

8.3 

9,3 

6,0 

St 1 

1 

1 

2 

— 


w 

76 

78 

72 

47 

! 73 

Nt 1 

21 

20 

20 

10 

19 


Go igle 


1903 


S°/o 


13.1 

13.7 

16.3 

20,0 

14,4 

a 

i| 

2,7 1 

3,1 

-2,6 

4,8 

1.2 

D% 

'i 

li 

7.6 

11,8 

13,5 

12,7] 

14.0 

a 

II 

1, 9 ! 

-4,6 

-5,7 

-0,7 

2.4 

T 

|l 

15,7 

16,1 

15,5 

14,4 

10.8 

a 

H 

0,2 1 

—0,9 

-0,7 

1.3 

1,4 

M 

11 

199 I 

21.1 

20,4 

19,3 

13.9 

m 


11.0 

12,1 

12,0 

10,3 

8,0 

s 

1 

ii 

8,9 

9,0 

8,4 

9,0 

5,9 

St 

<\ 

6 

7 

1 

4 

I 

w 

'1 

56 

66 

75 

52 

71 

Nt 

li 

14 

19 i 

24 

14 

22 


Original frnm 

UNIVERSUM OF IOWA 





121 


Diese beiden Tabellen bedürfen kaum eines Kommentars, man 
könnte sie geradezu ein Schulbeispiel nennen. Aus ihnen geht un¬ 
zweifelhaft hervor, dass die Höhe des Sommermaximums der Sterbe¬ 
fälle von der jeweiligen Temperatur abbängt, und zwar ist die 
Mitteltemperatur und das mittlere Tagesmaximum des Juli der haupt¬ 
sächlich bestimmende Faktor, dessen Wirkungen dann im August 
bervortreten. Wie genau diese Beziehungen sind, ist aus folgender 
Zusammenstellung zu ersehen: 


1 1907 

1903 

1906 

' 

| 1905 

1 

1904 

M (Juli). . . 

■i! 17 > 7 1 

21,1 1 )| 

21,2 

23,4 

' 25,3») 

S°/ 0 (August) 

' 10,9 

16,3 | 

19,8 

21.3 

25,4 

D o/o (August) 

; 9,1 j 

13,5 | 

23,0 

23,6 ; 

25,7 


In kühlen Sommern — hierbei ist wieder die Julitemperatur 
besondere entscheidend — wird das normale Augustmaximum ganz 
unterdrückt, und es tritt dafür ein späteres Maximum in einem 
warmen Herbstmonat auf. 

Die übrigen Witterungsfaktoren treten gegenüber der Bedeutung 
der Temperatur ganz zurück und haben nur eine indirekte Wirkung. 
Eine starke Bewölkung z. B. setzt wegen der damit verbundenen 
Verminderung der Sonnenstrahlung die Temperatur herab und übt 
auf diese Weise einen günstigen Einfluss auf die Säuglingssterblich¬ 
keit aus. 

Ähnlich ist es mit deu Sommerregen. Als Gewitterregen 
wirken sie bekanntlich erfrischend und luftreinigend, als Landregen 
sind sie meist mit kühlem Wetter verbunden, das zwar sonst als 
unangenehm empfunden wird, für die Säuglinge sich aber als eine 
wahre Wohltat erweist. 

Als Ursache der hohen Sominersterblichkeit der Säuglinge sieht inan 
in erster Linie die Verderbnis der Nahrung durch Einwirkung der Hitze, 
sodann die unmittelbare Einwirkung der Hitze auf das Kind selbst an. 
Die vorherrschende Darmkrankheit ist Brechdurchfall (Cholera infantum). 
Dieselbe bewirkt durch den starken Wasserverlust Bluteindickung, die 
abkühlende Transpiration hört infolgedessen auf, und es entsteht bei der 
hohen Aussentemperatur eine gefährliche Wärmestauung im Körper, wo¬ 
bei die Körpertemperatur zuweilen bis zu den höchsten Graden ansteigt. 
Der dann schnell eintreteude Tod kann mit ^em Hitzschlag verglichen 
werden. (Nach Prof. Dr. Ph. Biedert, Die Kinderernährung im Säug¬ 
lingsalter, 5. Auflage, S. 13.) 

Wo bei einer verminderten Sommersterblichkeit das Maximum der¬ 
selben erst im Oktober eintritt, wird natürlich der Krankheitsverlauf ein 


1) Die Temperaturmaxima von 1903 und 1904 sind wahrscheinlich 
etwas zu hoch, da die Thermometer noch keine Beschirmung hatten. 


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UNIVERSITÄT OF IOWA 





122 


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wesentlich anderer sein, doch muss die Untersuchung hierüber dem Arzte 
überlassen bleiben. 

Tabelle IV. 

(a = Abweichung vom Mittel.) 


A. Hohes Maimaximum. B. Fehlendes Maimaximum. 



Cu 

< 

1905 

'S ! 
^ 1 

'=5 

c. 

< 

1904 

*5 

1 

1 ump 

1 l 

1 

1 

1 

1 

April 

1906 

’S 

Z 

""" 

"c 

' Cu 
< 

1903 

S 

C 

P 

S°/oj 

11,8 

14,7 

8,8' 

8,8 

11,6 

8,8 

S °lo 

•8,0 

8.6 

10,9 

9,8 

9,8 

13,1 

a 

2,6 

3,7 

-1,6 

-0,4 

0,6 

-1,6 

a 

-1,2! 

— 2,4 

0,5 

0,6 

-1,2 

2,7 


8,4 

8,9 

4,7 

4,0 

4,9 

3,3 

D% 

4,6 

b,9 

6,5 

5,1 

5,1 

7,6 

a 

3,1 

2,0 

-1,0 

-1,3 

-2,0 

-2,4 

a 

-0,7! 

- 1,0 

0,8 

-0,2 

-1,8 

1,9 

T 1 

6,6 

11,9 

17,9 

9,4 

12,9 

15,2 

T 

7,8* 

13,0 

14,7 

5,3 

13,7 

15.7 

a 1 

1 —0,71 

-1.01 

2,41 

2,1 

0,0 

-0,3 

a 

0,5 j 

0,1 

-0,8 

—2,0 

0,8 

0,2 

M 1 

i 10,3i 

17,0 

23.4 

14,1 

1 18,4 

20,6 

M 

12,4 

17,3 

18,9 

8,71 

18,7 

19,9 

in i 

i 3,0; 

7,2 

12.9 

5,2> 

1 8,3' 

10,2 

m 

3,4' 

9,3 

10,6 

2,3 

9,3, 

11,0 

s l 

i 7,31 

9,8 

10,5 

8,9 

i 10,1 

10,4 

8 

9,0! 

8.0 

8,3 

6,4! 

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8,9 

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1 

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6 

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i 

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53 

1 1 

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57 

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1 53 

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47 

73 

70 

78 

49 

56 

N 1 

119 1 

52 

1 139 

1 60 

1 42 

79 

N 

51 | 

142 

72 

1134 

68 

47 

Nt . 

j 

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i 

17 

14 

1 

1 

[ 14 

i 

13 

I 

1 

13 

Nt 

13 | 

I 

1 

23 


1 24 : 

i 

12 1 

! 

| 14 


In dieser Tabelle wird man wohl vergeblich nach einem ge- 
setzmässigen Zusammenhang zwischen dem Maimaximum der Sterb¬ 
lichkeit und der Witterung suchen. Höchstens findet man, dass ein 
hohes Maximum mit einer starken, ein niedriges mit einer geringeren 
Temperaturschwankung verbunden ist. Auch die Witterung des 
Vormonats lässt sich nicht zur Erklärung des Maimaximums ver¬ 
wenden. Wenn hier Beziehungen vorhanden sind, so sind sie der¬ 
artig verwickelt, dass sie in den Mittelwerten nicht zum Ausdruck 
gelangen. 

Erinnern wir uns aber, dass das Maimaximum der Sterbefälle 
besonders von den Darmkrankheiten gebildet wird, erwägen wir 
ferner, dass dasselbe eigentlich nur relativ ist (d. h. die zu erwar¬ 
tende stetige Zunahme zum Sommer bin wird im Juni bei der 
D-Kurve vorübergehend unterbrochen), und ziehen wir ausserdem in 
Betracht, dass im August die D-Fälle einen Monat später als ihre 
Ursache auftreten, so wird uns klar werden, dass wir unsere Auf¬ 
merksamkeit vor allem auf die Zu- oder Abnahme der Sterbefälle 
zum Juni hin zu lenken haben. Von diesem Gesichtspunkte aus 
lassen sich folgende Sätze ableiten: 

1. Auf einen mittelwarmen, trüben und feuchten (19ü6), 
sowie auf einen heitern, aber warmen Mai mit vi eien Sommer¬ 
tagen (1903) erfolgt eine Zunahme der Sterblichkeit zum Juni hin. 


Gck igle 


Original frorn 

UNIVERSUM OF IOWA 




123 


2. Auf einen mittelwarmen, aber nur massig bewölk¬ 
ten, trockenen (1904), sowie auf einen kühlen, heitern Mai 
(1905) erfolgt eine Abnahme der .Sterblichkeit zum Juni hin. 

Den einfachsten meteorologischen Ausdruck für den Gegensatz 
der unter 1 und 2 genannten Witterungsverhältnisse würde der 
hohe bezw. niedrige Dampfdruck darstellen. Derselbe ist leider 
genau nur von 1906 bekannt und beträgt hier 9,0 mm. (Es ist der 
höchste im Mai der letzten drei Jahre.) 


Tabelle V. 

(a = Abweichung vom Mittel.) 

A. Hohes Januarmaximum. B. Niedriges Januarmaximum. 



1904/05 

1903/04 


1905/06 

1907/08 

1 o 

Jan. 1 

u 

£} 

V 

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Dez. 

Jan. 


N 

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S 

al 

£ 

s 

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£ 

S°/o 

1 5,9 

i 

18,0 

12,5 

12,4 

17,3 

11,8 

^ io! 

8,1 

13,1 

11,4 

10,2 

12,9 

9,6 

a 

-3,5 

2,8 

2,5 

3,0 

2,1 

1,3 

a 

1—1,3 

-2,1 

0,9 

0,8 

-2,3 

-0,9 

T 

M 

0,1 

2,3 

0,7 

0,0 

2.0 

T 

1,9 

2 £ 

1.3 

2,7 

-0,9 

1,9 

a 

2,2 

-0,4 

0,9 

-0.9 

-0,5 

0,6 

a 

0,3 

2,0 

-0,1 

1,1 

-1.4 

0,5 

M 

6 ,« 

1 2,5' 

4,9 

2,8 

2,4 

4,7 

M | 

4,1 

1 4,3 

3,3| 

4,9 

2,2 

4,4 

m 

1,8 

-2,4 

0,6 

-1,7! 

—3,0 

1-0,4 

m 

0,0 

0,3 

—0,4| 

0,6 

-4,4 

-0,1 

8 

4,8 

4,9 

4.9 

4,5 

5,4 

5.3 

s 

4,1 

4,0 

3,7 

4,3 

6,6 

4.5 

Frt 

6 

8 ' 

10 

19 

21 

14 

Frt 

16 

8 

16 | 

12 

26 

12 

w: 

78 

6 o ; 

78 

66 

66 

79 

W 

' 76 

75 

84 

79 

49 

90 

N 

112 1 

93 | 

77, 

; 25 

79 

105 

N j 

l 77 

150 

102 

; 86 1 

87 

111 

Nt 

1 21 ' 

18 1 

20 

9 

12 , 

22 

Nt 

15 

23 

20 | 

19 i 

16 

23 








Feuch¬ 

1 













tigkeit 

90 

86 

88 

*5 

80 

89 








°/o 

1 







Im Winter sind die Beziehungen zwischen Säuglingssterblich¬ 
keit und Witterung nicht so einfach wie im Sommer. Schon früher 
wurde festgestellt, dass hier die Darmerkrankungen gegenüber den 
übrigen Krankheiten zurücktreten und meist nur die Enderschei¬ 
nungen derselben bilden. Das Maximum zur Zeit der niedrigsten 
Temperatur macht ja einen Zusammenhang beider wahrscheinlich, 
aber es ist doch auffallend, wie konstant der Zeit nach ersteres 
auftritt, während die niedrigste Temperatur sich zeitweilig auf den 
Dezember oder Februar verschiebt. Es ist so, als ob die mit dem 
Eintritt des Winters oder schon vorher entstehenden Krankheiten 
regelmässig im Januar zur Krisis gelangten. Ein,,Einfluss der Tem¬ 
peratur tritt am schärfsten zutage, wenn man die Differenz der 
Dezember- und Januartemperatur mit der Höhe des Januarmaximums 
der Sterbefälle vergleicht. 


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Original frnm 

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124 


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1904/5 : 

i 

1903/4 

1905/6 

1906/7 

Dez. T° 

3,8 

0,7 

1,9 

-1,2 

Jan. To 

0,1 

0,0 

2,5 

0,8 

Differenz 

| -3.7 I 

-0,7 

+0,6 

+2,0 

Jan. S% 

1 18,0 

17,3 

13,1 

13,7 

a i 

; +2,8 

i 

+2,1 

-2.1 

-1,5 


Eine Abnahme der Temperatur zum Januar bin ist mit einer 
Zunahme der Sterbefälle, eine Zunahme der ersteren mit einer Ab¬ 
nahme der letzteren verbunden. Die einzige Ausnahme, die noch 
zu besprechen ist, bildet der Januar 1908. 

Betrachten wir nun Tabelle V. Der Witterungscharakter ist 
bei beiden Januarraonaten mit hohem S-Maximum sehr ähnlich. Beide 
sind raässig kalt (die Temperatur liegt in der Nähe des Gefrier¬ 
punktes), normal bewölkt und haben (für unsere Verhältnisse) nicht 
besonders übermässig grosse und häufige Niederschläge. Der Januar 
1905, dem ein warmer, trüber und feuchter Dezember vorhergeht, 
hat ein höheres S-Maxiraum als der Januar 1904, der auf einen 
kühlen und trockenen Dezember folgt und auch selbst eine geringe 
Zahl von Niederschlagstagen auf weist. 

Die beiden folgenden Januarmonate mit niedrigem S-Maximum 
geben zu raten auf. Der Januar 1906 ist mild, trübe und feucht, 
der Januar 1908 dagegen kalt, heiter und für die Jahreszeit ziem¬ 
lich trocken. Der Effekt ist aber derselbe! Zweifellos ist hier die 
Bewölkung ausschlaggebend. Die Witterung im Januar 1908 war 
so eigentümlich, dass wir sie nach Pentaden geben wollen: 


Januar 1908. 


Januar n 

Tem- | 
peratur 

Be¬ 

wölkung - 

Feuchtig¬ 
keit | 

Nieder¬ 

schläge 

1- 5. ! 

—5,9 1 

5 

Gl 

0,0 

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! «s7 

32.3 

11.-15. |i 

-3,8 i 

7 

1 TI 

0,4 

IG.-20. 

3,0 

84 

89 

12,2 

21.—25. 

-0,4 , 

19 

74 

0,5 

2G.-30. 

2,7 f. 

i 

89 

93 

40,3 


Füufmal wechselt der Witterungscharakter vollständig, indem 
trübes, feuchtes Wetter von kaltem, nahezu wolkenlosem, trockenem 
Wetter abgelöst wird. Daraus resultiert sowohl eine beträchtliche 
Tagesschwankung der Temperatur, als auch eine sehr hohe mitt¬ 
lere Veränderlichkeit von Tag zu Tag. (Interdiurne Veränderlich- 


Gck igle 


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125 


keit = 2,8°. Jahresmittel zu Solingen = 1,9°.) Man sollte ans diesen» 
Grunde eine starke Zunahme der Sterblichkeit erwarten, jedoch ist 
das Gegenteil der Fall. Trockene Kälte und Sonnenschein scheinen 
die Krankheitskeime zu zerstören. 

Aus dem Vorstehenden lässt sich folgendes schliessen. Im 
allgemeinen bewirkt im Winter eine niedrige Temperatur ein An¬ 
wachsen der Säuglingssterblichkeit, eine milde eine Verminderung 
derselben; doch treten die übrigen Witterungselemente, Bewölkung, 
Luftfeuchtigkeit, Niederschläge usw., als gleichwertige Faktoren 
auf. Es handelt sich demnach vorzüglich um Erkältungskrankheiten. 
Die kritische Temperatur liegt in der Nähe des Gefrierpunktes. 
Strenge Kälte bei trockenem, sonnigem Wetter, auch wenn sie mit 
starken Temperaturschwanknngen verbunden ist, wirkt viel weniger 
schädlich, als mässige Kälte bei bewölktem, feuchtem Wetter. 

Man darf aber nicht vergessen, dass die Witterung nur einen 
der vielen Faktoren bildet, die auf die Sterblichkeit der Säuglinge 
einwirken. Soziale Verhältnisse allei Art, die jeweilige geschäft¬ 
liche Konjunktur, vor allem die Wohnungsverhältnisse und die Er¬ 
nährung, können die Sterblichkeit ebenfalls stark beeinflussen. Es 
kann hierauf an dieser Stelle jedoch nicht näher eingegangen 
werden. 

An der Hand der Diagramme auf Tafel II möge man nun 
noch nachstehende Sätze prüfen. 

1. Ein warmer Herbst verursacht einen Überschuss an Sterbe¬ 
fällen, ein kühler einen Ausfall derselben, und zwar tritt diese Wir¬ 
kung dann besonders auf, wenn der vorangegangene Sommer einen 
entgegengesetzten Charakter hatte. 

Vergleiche die Jahre 1903 und 1907 mit 1904 und 1905. 
(Der Herbst 1906 verhält sich abweichend. Der normale Gang der 
Sterblichkeit zeigt sich hier weder im Sommer noch im Herbst 
wesentlich gestört.) 

2. Folgt auf einen warmen Herbst ein kalter Winter (a), oder 
umgekehrt auf einen kühlen Herbst ein warmer Winter (b), so bleibt 
im ersten Falle der Überschuss, im zweiten Falle der Ausfall der 
Sterbefälle bestehen. 

(Vergleiche 1903/4 und 1905/6. Diese beiden Jahre sind 
überhaupt wahre Musterbeispiele für die Beziehungen zwischen 
Temperatur und Säuglingssterblichkeit. Ein weiteres Beispiel zu b 
ist das Jahr 1904, in welchem im warmen Dezember die S-Kurve 
sehr stark herabgeht. Das Jahr 1906, zu a gehörig, hatte, wie 
schon erwähnt, eine merkwürdig normale S-Kurve im Sommer und 
Herbst. Der kalte Dezember zeigt wenigstens einen kleinen Über¬ 
schuss. Herbst und Winter 1907/8 würden zu a gehören. Warum 
der Januar 1908 von der Regel abweicht, ist schon erwähnt worden.) 


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3. Der Februar folgt bezüglich der Abweichung der S-Kurve 
vom Mittelwert durchweg dem Januar ohne Rücksicht auf die 
Witterung. 

(Die einzige Ausnahme bildet der Februar 1906, dem ein 
milder, sehr trüber und feuchter Januar vorherging. Der 
Ausfall im Januar verwandelt sich hier in einen Überschuss im 
Februar.) 

4. Im Frühjahr sind die Beziehungen zwischen S und T so 
verwickelt, dass sich keine Regel ableiten lässt. Der Spätfrühling 
zeigt schon Sommereinflüsse. 

Gin grosser Gegensatz bezüglich der Säuglingssterblichkeit 
besteht bei den Frühjahren 1905 und 1907. In diesen beiden 
Fällen ist wahrscheinlich der Bewölkung eine grössere Bedeutung 
zuzumessen. 


i Febr. 

IL . ■! 

März 

1 

April 

Mai 

1 Juni 

1 

1905 J W 78 

1905 j 8 %ajj +2.2 

73 

i 

71 1 

53 

52 

4-3.0 

+2,6: 

+3,7 

—1,6 


uw f w II 84 ; 58 : 63 ' 58 i 76 

{ S°/ 0 ajj -3,5 , -2,8 j -1,91 -0,8 J -0,5 


Das Frühjahr 1905 hat eine starke Bewölkung, also wenig Sonnen¬ 
schein. Die Bewölkung nimmt aber gegen den Sommer hin ab. 
Die Sterblichkeit ist übernormal. Im Jahre 1907 hat umgekehrt 
das Frühjahr eine geringe Bewölkung, die dann im Sommer rasch 
zunimmt. Die Sterblichkeit ist andauernd unternormal. 

Auch hieraus lässt sich erkennen, dass der Bewölkung bzw. 
dem Sonnenschein im Winter und Frühling einerseits, im Sommer 
anderseits eine verschiedene Wirkung auf die Säuglingssterblichkeit 
zngeschrieben werden muss. 

Zusammenfassung. 

1. Von allen Witterungsfaktoren, die auf die Säuglingssterb¬ 
lichkeit einwirken, ist die Temperatur bei weitem der einfluss¬ 
reichste. Der Charakter dieser Einwirkung ist jedoch im Sommer 
und Winter verschieden. 

2. Im Sommer bewirkt eine exzessiv hohe Temperatur eine 
exzessiv hohe Sterblichkeit, und zwar ist die Mitteltemperatur und 
das mittlere Tagesmaximum des Juli vorzugsweise entscheidend. 

3. Als Folgeerscheinungen grosser Hitze sind fast ausschliess¬ 
lich Darrnerkrankungeu zu nennen. Das Sterblichkeitsmaximum 
tritt gewöhnlich einen Monat später auf als das Temperatur¬ 
maximum. 


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127 


4. ln kühlen Sommern, wo wiederum die Julitemperatur 
entscheidend ist, wird das gewöhnliche Augustmaximum unter¬ 
drückt, und es tritt ein späteres Maximum in einem warmen Herbst¬ 
monat auf. 

5. Im Winter bewirkt im allgemeinen eine niedrige Tempe¬ 
ratur einen Überschuss an Sterbefällen, die sich dadurch als von 
Erkältungskrankheiten herrübrend charakterisieren, eine milde Tempe¬ 
ratur einen Ausfall derselben, doch haben andere Witterungsfaktoren, 
Bewölkung, Luftfeuchtigkeit und Niederschlag, einen gleichwertigen 
Einfluss. 

6. Starke tägliche und unperiodische Temperaturschwankungen 
erweisen sich im allgemeinen als schädlich. 

7. Grosse Kälte dagegen, verbunden mit heiterem, trockenem 
Wetter, ist viel weniger schädlich als mässige Kälte und wenig 
Sonnenschein, auch wenn erstere von starken Temperaturschwan¬ 
kungen begleitet ist. 

8. Grosse Luftfeuchtigkeit wirkt ungünstig, aber nur bei 
gewissen hohen und niedrigen Temperaturen und längerem Anhalten 
der Feuchtigkeit; namentlich sind Temperaturschwankungen bei 
feuchter Luft viel schädlicher als bei trockener 1 ). 

9. Die Bewölkung übt im Hochsommer nur einen indirekten 
Einfluss auf die Säuglingssterblichkeit aus, indem starke Bewölkung 
wegen der Verminderung der Sonnenstrahlung die Temperatur und 
damit auch die Sterblichkeit herabsetzt. 

10. Im Winter wirkt starke Bewölkung durch den damit ver¬ 
bundenen Mangel an Sonnenschein im allgemeinen schädlich. Sonnen¬ 
schein ist besonders im Winter ein wichtiger hygienischer Faktor. 

11. Der Niederschlag wirkt im Sommer lnftreinigend, er¬ 
frischend und abkühlend, also günstig, im Winter dagegen, mit Kälte 
verbunden, schädigend auf den Organismus des Säuglings ein. (Die 
Ursache ist „die VArmeentziehung durch die grosse Wärmekapazität 
des in der Luft befindlichen flüssigen oder festen Wassers“. [Köppen, 
Allg. Klimalebre, 2. Auflage, S. 77.]) 

Die vorstehenden Sätze sind nicht alle in gleicher Weise be¬ 
friedigend, auch ist der behandelte Zeitraum zu kurz, um alle hin¬ 
reichend zu begründen. Es ist ferner möglich, dass dem Verfasser 
wichtige Beziehungen entgangen sind, und es wird darum in 
Tabelle VII das gesamte der Arbeit zugrunde liegende Material zur 
Nachprüfung dargeboten. Wichtige Dienste dürften dabei die Dia¬ 
gramme auf Tafel II leisten. 

Die vorliegende Arbeit hat aber noch andere Mängel. So 
konnte die klimatisch so wichtige Luftfeuchtigkeit nicht in genügen- 

1) Siehe auch Hann, Handbuch der Klimatologie I, S. 64. 


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12 « 


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der Weise berücksichtigt werden, da die Beobachtungen nicht voll¬ 
ständig waren. Um in dieser Hinsicht wenigstens etwas zn geben, 
was zur Orientierung über die Solinger Verhältnisse dienen könnte, 
seien die vorhandenen, am Psychrometer gewonnenen Beobachtungs¬ 
ergebnisse in nachstehender Tabelle mitgeteilt. 

Tabelle VI. 


Elberfe ld (Stadt) ' ! Solingen (Land) 


1905 |, 1906 . 1907_!!_ 1908 



t!i 

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°/o 

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1 

_ 

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86 i 

4,5 

88 

3,7 

80 

Febr. 

i 


4,7 

88 i 

4,0 

87 

4,8 

89 

Mttrz 

i 


4,9 

82 

4,8 

79 

4,6 

81 

April 

— 

— 

5,7 

75 i 

5,6 

74 

5,3 

80 

Mai 

— 

— 

9,0 

78 

8,1 

72 

8,9 

80 

Juni ] 

1 — 

— 

i 10,0 

76 i! 

9,2 

77 

i 11,2 

78 

Juli 1 

1 11,7 

72 

i: 11,8 

77 ji 

9,5 

81 

; ii,i 

78 

August j 

10,4 

71 

ll 11,2 1 

76 !| 

10,1 

80 

10,0 

82 

Sept. 

9,2 

80 

9,4 

84 

9,5 

80 

; «.s 

79 

Okt. ! 

6,0 

87 

1 8,6 

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8.8 

85 I 

; 7,5 

80 

Nov. I 

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86 1 

i 5,0 

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I>ez. 

5,1 

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5,4 I 

80 

1 

1 - | 

— 

| 7,6 , 

""«1 1 

7,1 

81 1 

7,1 

81 


Sehr wünschenswert wäre es gewesen, wenn man neben der 
Bewölkung auch Sonnenscheindauerregistrierungen hätte verwenden 
können. Ferner hätten die Nebeltage, Schueetage, die Tage mit 
Schneedecke und die Windbeobachtungen Berücksichtigung finden 
müssen. Diese Witterungselemente sind jedoch einesteils in den 
übrigen zum grössten Teil schon mitenthalten, anderenteils würden 
sie die Beziehungen noch komplizierter gestaltet haben, als sie es 
ohnehin schon sind. Sie werden besser für grössere Zeiträume 
einzeln behandelt. Auch möchte es befremden, dass die interdiurne 
Veränderlichkeit der Temperatur nicht mehr beachtet worden ist, 
während sie doch sonst bei derartigen Untersuchungen eine Haupt¬ 
rolle spielt. Der Grund ist einfach der, dass die schon berechneten 
Werte so wenig auf eine Ausbeute hoffen Hessen, dass die übrigen, 
gar nicht erst berechnet worden sind. 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSUM OF IOWA 






Taf. L 


A.Säuglingssterblichkeit. 



C. Bewölkung und Niederschlag 



i 


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Qrigiriial frem 

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Niederschlagstage 










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Original frnm 

UNIVERSUM OF IOWA 


i 



129 


Tabelle VII. 


Monatswerte der Säuglingssterblichkeit und Witterung. 

Erklärung der Zeichen siehe S. 118. 

19l>3 



April 30; 9,8 12 5,118 

Mai 30 I 9,8 12 5,11181 

Juni 41 ‘13,1 18 ! 7,6! 23 i[ 

Juli 42 13,7 28 11,8j 14 I 

August 50 16,3 32 13,5i 18 

September 61 j20,0 30 jl2,7‘ 31 

Oktober 144 14,4 33 14,0111 

November ; 40 |l3,l 15 I 6,7 25 , 
Dezember 38 112,4 12 ! 5,1 i 26 | 


5.3 8,7 

■m! 

6,4 

3 

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78 

13,7)18,7 

9,3 

9,4 

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6 

49 

15,719,9 

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8.9 

— 

6 

56 

16,1|21,1 

12, ll 

9,0 

— 

7 

66 

15,520,4 

12,0, 

8,4 

— 

ll 

,75 

14,4119,3 

10.31 

9,0 

— 

4 f 

52 

10,8 13,9 

8,0 

5,9 

! — 

—; 

171 

5,4| 7,4 

3,3 

4,1 

! 4 

— 

86 

0,7; 2,8 

—1,7 

4,5 

19 

— 

66 


1 

13 

134 

24 

7 

6 

68 

12 

6 

81 

47 

14 

3 

11! 

163 

19 

1 

15 

138 

24 

7 

9: 

108 

14 

2 

12 

107 

22 

_ | 

23 

133 

18 

öl 

12 

25 

9 


1904. 


Januar 153 17,3 18 7,6 35 

Februar 36 11.8 15 6,4 21 

März ; 30 9.8 11 4,7, 19 
April 28 8,8 10 4,0 18 

Mai 37 11,6 12 4,9 25 | 

Juni j| 28 8,8 8 3,3 20 

Juli 137 11,6 18 7,3 191 

Augu6t 81 25,4 63 25,7 18 

September 62|l9,5 47 19,2 15 
Oktober 132 10,0 17 6,9 15 

November 31 9,4 7 2,8 24 

Dezember 119*1 5,9 9 3,6| 10 


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März 42 13,1! 13 5,3129 
April 36 11,8 1 16 8,4'20 
Mai 45 14,7 17 8,9 28 

Juni 27 8,8 9 4,7 181 

Juli i 28 9,1 15 7,9 13 

August ;65 21,3 45 23,6 20 
September 34 11,1 20 10,5 14 
Oktober [ 32 10,4 17 8,9 15 
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1905. 


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1906. 

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Februar ! 35 |ll,4 10 5,2 25 1,3 3,31- 0,4 3,7 16 — 84 1 20 102 20 

März || 29 9,5j 11 5,7 18 2,8 5,9| 0,1 5,8 16 — 66 3 12 124 22 

April || 25 8,0| 10 4,6 15 7,812,4 3,4 9,0 — — ji 47 11 6 511 13 

Mai 27 8,6 13 5,9 14 13,0 17,3 9,3 8,0 — 1 j 73 1 10 142 23 

Juni 34 10,9 14 6,5 20 14,7 18,9 10,6 8,3| - 3||70 2 9 )j 72 14 

Juli 141 13,1114 1 6,5 27 17,4)21,2 13,0 8,2 - 6 63 — 9 54 14 

August 62 19,8 50 23,0 12 16,8 21,3 13,0 8,3 - 9 56 5 6 101 20 

September 48 15,3) 31 14,2 17 12,4|l6,7| 9,1 7,6 — 4 61 ; 4 10 36 11 

Oktober 39 12,5! 21 9,6 18 11,4 14,8 9,0 5.8 — — 65 3 12 84 13 

November 31 9,9; 26 7,3| 15 ll 6,6, 9,0| 4,8 4,2 1 j - 82 | - 17 |127; 23 

Dezember 32 10,2| 13 5,9| 19) - 1,2 0,9) -3,1 4,0 22 - 75 3 2u ||l37;22 

Centralblatt f. alle Gesundheitspflege. XXVIII. Jahrg. 9 


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Von Erfolgen im Kampfe gegen die Tuberkulose. 

Von 

Dr. ScMegtendal, 

Regierungs- und Geheimem Medizinalrat in Aachen. 


Die Erkenntnis von der Notwendigkeit, gegen die Tuberkulose 
anzukämpfen, wird allmählich Gemeingut aller Kreise des Volkes. 
Aber auch die Kenntnisse von den Erfolgen, die dieser Kampf in 
den letzten Jahrzehnten gebracht bat, mehren sieb; wer dieser Frage 
naebgeht, kann schon eine Reihe von Aufsätzen und ziffermässigen 
Aufstellungen finden, die dies beleuchten und beweisen. Aber ihrer 
sind doeh noch nicht so viel, dass an dieser Stelle nicht ein Bei¬ 
trag Platz finden dürfte, der die vorerwähnten beiden Punkte be¬ 
sonders deutlich hervorheben kann: den Kampf gegen die Tuber¬ 
kulose einerseits und seine Erfolge andererseits. 

Dass die Tuberkulose zu den unheilvollsten Krankheiten un¬ 
seres Volkes gehört, wusste man schon, bevor Koch uns als Frucht 
seiner Bemühungen den Tuberkel-Bazillus zeigte und uns damit 
das Tor öffnete, gegen diesen Feind in die Bahn zu reiten. Der 
sehnliche Wunsch, etwas gegen dieses Übel zu unternehmen, konnte 
nicht eher Aussicht auf Erfüllung finden, als nicht die eigentliche 
Ursache, der Keim dieser schon früher als ansteckend erkannten 
Krankheit erkannt und durch weitere Untersuchungen auch so be¬ 
kannt geworden war, dass man wusste, wie und wo er zu bekämpfen 
und zu vernichten ist. Mit der Entdeckung des Bazillus war es 
nicht allein getan; der Fragen, die sich da in den Weg stellten, 
waren eben noch viel mehr, als man dachte und als man wohl rück¬ 
schauend jetzt vielfach denken möchte. Es ist auch nicht ver¬ 
wunderlich, dass sich die Bestrebungen der Wissenschaft und der 
praktischen Gesundheitspflege damals zunächst einmal den akut 
verlaufenden und sich viel schreckhafter aufdrängenden Krankheiten, 
wie Unterleibstyphus, Diphtherie, Cholera usw. zuwandten; das all¬ 
gemeine Empfinden neigte entschieden dahin, dem alten, wenn auch 
noch so bösen Bausgast, zu dem die Tuberkulose allmählich ge- 


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worden war, nach wie vor erst einmal den Rücken zuzukebren, ihn 
links liegen zu lassen und mit ihm als einem unvermeidbaren Schick¬ 
sal sich abzufinden. 

Solche Erwägungen lassen es begreiflich erscheinen, dass der 
Kampf gegen die Tuberkulose nicht schon in den 80 er Jahren leb¬ 
hafter entbrannte, sondern erst anfing aufzuflackern — es ging tat¬ 
sächlich erst recht allmählich und zögernd an —, als die grosse 
wissenschaftliche Tat der Entdeckung des Krankheitserregers durch 
Koch ihre Ergänzung durch viele andere Gelehrte gefunden hatte 
und namentlich als ihr eine andere grosse Tat folgte: die Zusammen¬ 
stellung und Veröffentlichung aller bisher erkennbaren Mittel und 
Wege, die ansteckenden Keime zu bekämpfen, ihre Verbreitung zu 
verhindern, die Gesunden zu schützen usw., d. i. der Tuberkulose 
da, wo sie gefunden wird und wo sie bisher im täglichen Leben 
unbestritten geherrscht hatte, entgegenzutreten. Ohne anderen Be¬ 
mühungen auf diesem Gebiete nabetreten zu wollen, erkenne ich 
diese zweite bedeutungsvolle Tat darin, dass die wissenschaftliche 
Deputation für das Medizinalwesen in Berlin ihr bekanntes Gut¬ 
achten vom 5. November 1890 erstattete und dass der preussische 
Minister der Medizinal-Angelegenheiten seinen ganzen amtlichen Ein¬ 
fluss dahin verwandte, dass die in dem Gutachten dargelegteu 
Kampfesmassregeln nicht auf dem Papier stehen blieben, son¬ 
dern umgesetzt wurden in die Tat, wo und wie es nur zu ermög¬ 
lichen war. 

Aber auch jetzt ging es anfangs noch reichlich langsam. Der 
Schwierigkeiten traten zu viele auf; die schwindsüchtigen Kranken 
gehörten in so vielen Häusern und Familien zum selbstverständlich 
und unvermeidlich gewordenen Bestand; das Leiden dauert oft Jahre 
lang — verliefe es in wenigen Tagen oder Wochen, wäre es viel 
leichter, den Kampf dagegen zu eröffnen und wachzuhalten; die 
erforderlichen Massnahmen waren auch vielfach zunächst völlig un¬ 
ausführbar, da vor 18 Jahren das Wohnungselend noch weit grösser 
war als jetzt, es an Volksheilstätten völlig fehlte und sogar an ge¬ 
nügend geräumigen Krankenhäusern vielfach gebrach. Es fehlte 
ferner noch überall an Verständnis, fast überall auch wohl an gutem 
Glauben auf Erfolg, nahezu überall deshalb auch an Kampfesfreudig¬ 
keit. Erst allmählich ist dies alles gekommen oder doch angebahnt 
worden, und so wird es begreiflich, dass es anfangs langsam gehen 
musste. 

Wie die Scharen der Kämpfer, so haben sich auch die Kampfes¬ 
mittel im Laufe der Jahre vermehrt; mit dem Vorschreiteu der 
Schlachtlinie mussten sie sich den neuen Verhältnissen anpassen 
und ausgestalten lassen. Die Zahl der Angriffspunkte hat stetig 
zugenommen. Der Kampf richtete sieb anfangs nur unmittelbar auf 


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die Krankheitserreger. Ohne im geringsten hierin nachznlassen oder 
stehen zu bleiben, ging er immer mehr auch zu mittelbaren Angriffen 
Uber, um endlich darin seine segensreichste Vervollständigung zu 
finden, dass in zunehmendem Masse die Abwehrmassregeln, die 
Schutzvorkehrungen ausgebildet und angewandt werden, die vor¬ 
beugend den Gesunden bewahren und dem Gefährdeten helfen wollen. 
So ist die Zahl der einzelnen Massnahmen fast unübersehbar ge¬ 
worden. Lehrreich ist es immerhin, sie in kurzen ZUgen übersicht¬ 
lich zusammenzustellen und daraus zu ersehen, wie der derzeitige 
grosse Kampf sich entwickelt hat und in die Breite gegangen ist 
und sich allmählich so vielseitig ausgebildet hat, und wie er end¬ 
lich auch vom Erfolge gekrönt ist. Wenn sich nachfolgende Mit¬ 
teilungen auf den Regierungsbezirk Aachen beschränken, so spiegeln 
sie doch im kleinen das grosse Ganze so deutlich wieder, dass sie 
einer gewissen Beachtung sicherlich wert sind. Sie entstammen 
den Sammlungen über die Fortschritte im Kampfe gegen die Tuber¬ 
kulose, die seit 1892 angeordnet sind und seit einiger Zeit alle 
drei Jahre erfolgen. Die ziffermässigen Belege der Erfolge sind 
hier beigefügt, um zu zeigen, dass der Kampf Zweck hat, und um 
anzufeuern, in diesem Kampfe nicht zu erlahmen. 

Die Massnahmen sind, wie schon angedeutet wurde, im Beginn 
in jeder Hinsicht beschränkt gewesen. Es stellte sieb auch heraus, 
dass die ersten Anordnungen vielfach auf wenig Verständnis und 
auf nicht grössere Bereitwilligkeit stiessen. Das vorerwähnte Gut¬ 
achten der wissenschaftlichen Deputation für das Medizinalwesen 
vom 5. November 1890 war vervielfältigt worden, um verteilt zu 
werden. Ausserdem war ein Auszug daraus hergestellt und in Form 
eines Plakates, das inzwischen wohl überall wieder verschwunden 
sein dürfte, gedruckt worden; dieses Plakat wurde in Amtsstuben, 
Wirtsstuben, Schulen, Fabriken usw. aufgehängt. In sämtlichen 
Schulen wurden Spuckbecken aufgestellt, und tatsächlich ist man 
damals auch schon der Frage praktisch näher getreten, die Schulen 
nicht nur gelegentlich trocken zu kehren, sondern auch zur Ver¬ 
meidung schädlicher Staubwolken zeitweilig nass aufzuwischen. In 
Fabriken, Wirtschaften und Ladengeschäften begann man einer 
grösseren Reinlichkeit Aufmerksamkeit zu schenken, weil auch 
dies als zum Kampfe gegen die Schwindsuchtskeime bedeutungsvoll 
verkündet worden war. Die Fabrikbesitzer waren aufgefordert 
worden, auch noch mehr zu tun; vielfach wehrte man sich aber 
dagegen, weil die sozialpolitischen Lasten ohnehin schon stark 
drückten. Nur ein Fabrikant wurde rühmend erwähnt, der in 
seinen Werkräumen geeignete Spuckbecken aufgestellt und dazu die 
Drohung erlassen hatte, dass einer Strafe verfallen würde, wer 
auf den Fussboden spucke. 


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Im nächsten Zeitraum — es wird sich im nachfolgenden je 
um etwa drei Jahre handeln, aus deren Verlauf die jeweilige» 
wichtigsten Neuerungen angeführt werden sollen — werden all¬ 
gemeiner in den Krankenanstalten Vorkehrungen getroffen, die 
nichttuberkulösen Kranken zu schützen: die Schwindsüchtigen wer¬ 
den isoliert, allein gelegt, ihre Wäsche wird besonders gekenn¬ 
zeichnet und für sich behandelt. Die Desinfektion der Zimmer, 
in denen Tuberkulöse geweilt haben, wird in den Krankenhäusern 
zuerst eingeführt. Vielfach waren die in den Schulen zwangsweise 
eingeführten Spuckbecken verkannt und gemissbraucht worden; sie 
werden andererseits aber auch jetzt schon in Räumen und an Stellen 
aufgestellt, wo sie bisher nicht zu finden waren. — Es wird die 
Feststellung bemerkenswert sein, dass die intelligenteren Teile der 
Bevölkerung erkennen lassen, wie sie für die ganze Sache Ver¬ 
stand uis und Einsicht gewinnen. — Einspritzungen mit Tu ber¬ 
kul iu zu Heilzwecken, die jetzt wieder mehr und mehr befürwortet 
werden, waren im Jahre 1894 fast vergessen; nur in einem einzigen 
Hospitale fand dieses Verfahren noch Anwendung. 

Die Wichtigkeit der Absonderung der Kranken fand nach¬ 
folgend in den häuslichen Verhältnissen noch keine Beachtung, 
immer mehr dagegen in den Krankenanstalten, wo gleichzeitig da¬ 
mit begonnen wurde, die Kranken der Behandlung zuzuführen, die 
sich in den Kurorten und Sanatorien bewährt hatte, sie weniger 
mit Arzneimitteln, als nach hygienisch-diätetischen Grundsätzen zu 
behandeln. Das hiesige Luisenbospital erfuhr eine Bereicherung 
dadurch, dass ihm ein zweigeschossiges Haus geschenkt wurde, in 
dem gleichzeitig verschiedene Arten von übertragbaren Krankheiten 
gegeneinander und gegen die übrige Anstalt abgeschlossen werdeu 
können, und das für Tuberkulöse beider Geschlechter ausser bellen, 
luftigen Räumen auch grosse Liegehallen bietet. 

Das oben angeführte Plakat ist durch das „Tuberkulose- 
Merkblatt“ ersetzt worden, das vielfach verteilt wird. Daneben 
wird das Werk vou Knopf angeschafft und ansgeteilt. Eine be¬ 
sonders wertvolle Bereicherung der Kampfesmittel erwächst dariu, 
dass einzelne Kreisärzte und im Verein mit ihnen andere Ärzte 
öffentliche Vorträge über die Tuberkulose, ihre Gefahren und 
ihre Bekämpfung halten. Beachtenswert erscheint auch der Hin¬ 
weis darauf, dass sich Leute, die zur Kur eine längere Zeit in 
Lungenheilstätten gepflegt und hier zu gesundheitsraässigen 
Sitten und Gepflogenheiten erzogen worden sind, nach der Rück¬ 
kehr in ihre Häuslichkeit auch nach der Richtung bewähren, dass 
sie auf ihre Angehörigen usw. belehrend und erziehend und vor¬ 
bildlich einwirken. — Inzwischen war eine Bezirks-Baupolizei- 
Verordnung erlassen worden, die zwar nicht zum Zweck der 


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Tuberkulose-Bekämpfung entstanden war, die aber auf dem fUr 
diese Frage so besonders wichtigen Gebiete des Wohnungswesens 
Handhaben bot und Sicherheiten für die Zukunft schaffte, an denen 
es bislang gefehlt hatte; sie hat sich nach dieser Richtung auch 
schon aufs erfreulichste bewährt. 

Recht bedeutungsvoll war die Übersicht, die sich gegen Ende 
des Jahres 1905 ergab; sie zeigte, welchen Aufschwung die Be¬ 
strebungen inzwischen genommen batten. In der Stadt Aachen war 
eine städtische Fürsorgestelle eingerichtet; in einer Sprech¬ 
stunde, die wöchentlich im städtischen Elisabeth-Kranken hause statt¬ 
findet, werden die, die sich freiwillig oder von anderen belehrt 
oder gewiesen, einfinden, unentgeltlich untersucht und beraten; die 
Fürsorgestelle nimmt sich ihrer Wobnungsverhältnisse an, hilft, dass 
erforderlichenfalls ein eigener Schlafraum oder doch ein eigenes 
Bett zur Verfügung steht, sie gewährt die Mittel zum Bezüge kräf¬ 
tiger Milch und sorgt für Kuren zur Heilung uud Genesung. In 
zwei ländlichen Kreisen (Eupen und Montjoie) hat der Kreistag be¬ 
schlossen, jährlich 1000 M. zur Verfügung zu stellen, um solchen 
Leuten, welche nicht durch Krankenkassen oder andere Pflicht¬ 
verbände zu versorgen sind, dazu zu verhelfen, dass sie in Lungen¬ 
heilstätten untergebracht werden können. Ausserdem ist eine pri¬ 
vate Stiftung gemacht; 5000 M. sind als Grundstock geschenkt, 
der sich mit Zins und Zinseszins erst so vermehren soll, dass nach¬ 
her die jährlichen Erträgnisse ausreichen, Tuberkulösen wirklich zu 
Diensten zu sein und ihnen zu ermöglichen, Heilstätten aufzusucben. 
In den Krankenanstalten haben sich die bewährten Liegehallen 
vermehrt; die Neubauten sind von vorneherein damit versehen und 
ältere Gebäude haben in dieser Richtung verbessert und vervollstän¬ 
digt werden können, ln einigen Kreisen werden in regelmässigen 
Zwischenräumen amtliche Bekanntmachungen veröffentlicht, 
die in knappen Zügen angeben, welche Gefahren in der Tuber¬ 
kulose liegen und wie man sich ihrer erwehren kann. Die bekannten 
Merkblätter werden ausgeteilt, wo die Schwindsucht ein neues 
Opfer gefunden; sie sind in kleinen Kreisen aber auch unterschieds¬ 
los in jedes Haus gebracht worden, um beizeiten zu warnen und 
zu wecken. Die Vorträge von Kreisärzten und Ärzten werden 
häufiger, namentlich in landwirtschaftlichen Vereinen, in den Haus- 
haltungssehulen und Winterscbulen und bei Gelegenheit der Be¬ 
sichtigung der Volksschulen werden sie gehalten und überall gern ge¬ 
hört; bei diesen Gelegenheiten wird auch das Lehrerpersonal unter¬ 
wiesen und auf das aufmerksam gemacht, was ihnen im Laufe des 
Schuljahres als der beginnenden Tuberkulose verdächtig nicht ent¬ 
gehen darf. In den Städten Montjoie und Eupen sind einige 
Krankenschwestern insbesondere auch auf den Dienst bei 


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Schwindsüchtigen und im Hause der Schwindsüchtigen ausgebildet 
worden; sie sollen innerhalb der Gemeindepflege diesen Sonderdienst 
besonders zuverlässig verrichten können und den Leuten zeigen und 
ihnen helfen, das wirklich auszuführen, was der Arzt an Voreichts- 
massregeln angeordnet hat. — Es reihen sich aber auch noch mehr 
mittelbar wirkende Massnahmen an. In grösserem Massstabe als 
bisher wird die Wohnungsfürsorge gehandhabt: regelmässige 
Besichtigungen, Anordnungen zu baulichen Verbesserungen und 
Schliessung von Wohnungen einerseits und die Herstellung neuer, 
hübscher und besserer Wohnungen andererseits fast überall. Einer 
zugleich wirtschaftlich vorteilhafteren und gesundheitlich besseren 
Ernährung und Hauswirtschaft sollen die sieh mehrenden Haus¬ 
haltungsschulen dienen; wenn sie darin Erfolg haben, dass die 
späteren Hausfrauen von dem, was sie hier lernen und üben, etwas 
oder viel in die Wirklichkeit überführen, so kommt es nicht zum 
wenigsten auch dem Kampfe gegen die Tuberkulose zugut. Dem¬ 
selben Zwecke dienen die Suppenanstalten, die Versorgung 
der Schulkinder mit Frühstück und trockenem Schuhwerk 
und ähnliche wohltätige Veranstaltungen, von denen sich bald hier, 
bald da wieder eine einbürgert. Nach kurzen Vorversuchen findet 
endlich auch der Anstrich der Fussböden in den Volksschulen mit 
staubbindenden Ölen eine Verbreitung, die ausserordentlich er¬ 
freulich ist. 

Auch zuletzt waren wiederum hervorragende Fortschritte zu 
verzeichnen. Der schon erwähnten Fürsorgestelle in der Stadt 
Aachen soll sich eine Einrichtung zur Seite stellen, die sich über 
den ganzen Kreis Montjoie erstreckt. Die Ärzte des Kreises 
und besondere Schwestern wollen sich den vier Fürsorgestellen wid¬ 
men, die vom Kreise mit Unterstützung der Landes-Versicherungs¬ 
anstalt eingerichtet worden 8iud. Die so bedeutungsvolle Ausbildung 
von Kranken pfl egerinnen auf dem Lande nimmt allmählich 
zu. Eine der wichtigsten Handhaben, die. Tuberkulose zu be¬ 
kämpfen, ist inzwischen darin geschaffen worden, dass nach dem 
sog. preussisehen Seuchengesetz nach dem Tode von Schwind¬ 
süchtigen eine Desinfektion der Wohnung von Aufsichts wegen 
angeordnet werden kann; ist diese Massnahme bisher auch noch 
nicht in jedem einzelnen Falle zur Ausführung gelangt, weil der 
entgegenstehenden Verhältnisse unter Umständen zu viele sein können 
und sich jedes Neue erst allmählich einführen lässt, so kann man 
doch schon jetzt sagen, dass von ihrer Handhabung mit der Zeit 
ausserordentlich viel zu erwarten ist. Es bandelt sich nicht nur 
um die Vernichtung aller Keime im Zimmer, an den Wänden und 
auf dem Fussböden, so dass der neue Bewohner davon nichts mehr 
zu befürchten hat, auch nicht nur darum, dass in gleicher Weise 


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die ganze Bett- und Leibwäsche und Kleidung des Verstorbenen 
entseucht wird, sondern auch darum, dass die Überlebenden auch 
einmal es handgreiflich sehen, dass die Behörde die Schwindsucht 
als etwas anderes ansieht und anfassen will, als die Leute es bis¬ 
her getan hatten, und dass es der Mttbe lohnt, gegen diese Krank* 
heit anzugehen. Im Kreise Heinsberg wurde die Gründung eines 
„Vereins zur Bekämpfung der Tuberkulose“ beschlossen. — Inner¬ 
halb des Bezirks sind endlich von der Landes-Versicherungsanstalt 
zwei Krankenanstalten als Pflegeanstalten für Tuberkulöse 
gewonnen worden; sie dienen zwei Zwecken: 1) die Schwindsüch¬ 
tigen sollen gepflegt werden, besser, als sie es zu Hause haben 
konnten; dafür verzichten sie einfach auf ihre Invalidenrente; wei¬ 
tere Unkosten erwachsen ihnen nicht; 2) die Schwindsüchtigen 
sollen aus ihren Wohnungen herausgeholt werden, um diese und 
deren gesunde Insassen der Verseuchungs- und Ansteckungsgefahr 
zu entziehen. 

Bei aller Kürze und Beschränkung lassen diese Darlegungen, 
wie schon eingangs erwähnt, erkennen, wie sich der Kampf gegen 
die Tuberkulose entwickelt hat und wie er, was beides notwendig 
war, sowohl in die Breite als auch in die Tiefe gegangen ist. In 
den einzelnen Laudesteilen mögen mancherlei Verschiedenheiten 
herrschen, es mag manches fehlen, es mag auch noch manches dazu 
zu erwähnen sein; iui allgemeinen bietet diese Darlegung aber wohl 
ein Spiegelbild des Kampfes dar, wie er überall gewesen ist und 
wie er naturgemäss auch noch überall herrscht, wie er ferner bereits 
jetzt erfolgreich ist und weitere Erfolge bringen wird. 

Die bisherigen Erfolge sind aber nicht etwa gering, sondern 
ausgesprochen gross, ja ausserordentlich gross. Hiervon noch 
einige Worte. 

Der Regierungsbezirk Aachen hatte, um ein kurzes Wort über 
die allgemeinen Gesundheitsverhältnisse des Gebietes, aus dem die 
nachfolgenden Angaben gewonnen sind, zu bringen, zu Beginn der 
hier in Betracht zu ziehenden Zeit, d. i. im Jahre 1890, in runden 
Ziffern 572U00 Einwohner 1 ). Diese Zahl ist im Jahre 1906, dem 
letzten unsrer Beobachtungszeit, auf 651000 gestiegen. Trägt man 
die Ziffern in eine Tabelle ein, so ergibt sich eine langsam, aber 
stetig und gleiehmässig steigende, fast gerade Kurvenlinie. Die 
Zunahme der Bevölkerung hat in 16 Jahren 13,8 v. H. betragen. 
Die Zahl der Todesfälle hielt sich bis 1905 zwischen 12126 und 


1) Die nachfolgenden Ziffern entstammen dem bekannten, jetzt jähr¬ 
lich erscheinenden Werke: „Das Gesundheitswesen des Preussisehen Staates, 
bearbeitet von der Medizinal-Abteilung des Ministeriums“, Verlag von 
Richard Schoetz in Berlin. 


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13639 and ist erst 1906 geringer als 12000, nämlich 11940, gewesen. 
Abgesehen von diesem letzten Abfall, zeigt die Linie ebenfalls einen 
sehr gleiebmässigen, gestreckten, fast wagerecbt verlaufenden Zag. 
Die aus der Bevölkerungszahl und der Zahl der Todesfälle za be¬ 
rechnende Sterblichkeit weist in ihrem Verlauf die grösste Ähnlich¬ 
keit mit den beiden vorgenannten Kurven aaf, nur dass ihre Linie 
stetig abwärts gerichtet ist: die allgemeine Sterblichkeit ist 
innerhalb 17 Jahren gefallen von 25,1 v. T. im Jahre 1890 auf 
18,33 i. J. 1906, das ist um 21,5 v. H., also um mehr als ein 
Fünftel! Auch wenn wir von dem ausserordentlichen Abfall des 
letzten Jahres abseben und den bis dahin so gleiebmässigen Verlauf 
bis zum Jahre 1905 mustern, finden wir eine Verminderung der 
Sterblichkeit um 13 v. H. 

Wie verhält es sich hier nun mit der Tuberkulose ? Im Jahre 
1890, in dem das den allgemeinen Kampf einleitende Gutachten der 
wissenschaftlichen Deputation erstattet wurde, wurden im hiesigen 
Bezirke 1895 Tuberkulose-Todesfälle gezählt; auf 10000 am 1. Ja¬ 
nuar dieses Jahres Lebende berechnet, starben sonach an Tuber¬ 
kulose 34,03. Diese Ziffer überschritt die für das Königreich 
Preussen mit 28,11 berechnete Tuberkulose-Sterblichkeit uni fast 
25 v. H.! 

Wäre diese Tuberkulose-Sterblichkeit hier bis 1906 die gleiche 
geblieben, so ergäbe sich folgende Rechnung: Die Bevölkerung hat 
sich um 13,8 v. H. vermehrt; bei einer gleichen Vermehrung der 
Schwindsuchtstodesfälle hätteu wir 1906 nicht weniger als 2215 
Opfer der Tuberkulose zählen müssen; tatsächlich waren es 
aber nur 1084, also nur etwa die Hälfte! In gleicher Weise 
wie die drei vorigen Kurven, wenn auch nicht ganz so gleichmässig 
geradlinig, fällt deshalb die Kurve der auf 10000 Lebende berech¬ 
neten Tuberkulose-Sterblichkeit; von 34,03 sinkt sie im 17. Jahre 
auf 16,65, d. i. um 52,9 v. H.! Dieser Abfall im hiesigen Bezirk 
ist um so erfreulicher, als er viel stärker ist als der für den Bereich 
der Monarchie berechnete (von 28,11 auf 17,26, d. i. immerhin auch um 
39,3 v. H.) und als die Sterblichkeit hier, die anfangs die des 
Staates um ein Viertel überstieg, nunmehr sogar etwas geringer 
geworden ist (16,65 gegen 17,26 auf-10000 Lebende). 

Eine zweite Beobachtungsreibe von im wesentlichen gleich 
erfreulicher Natur schöpfen wir aus den Ziffern der Krankenhaus¬ 
pfleglinge. Die Bevölkerungsziflfer des Bezirkes ist, wie angeführt, 
um 13,8 v. H. gestiegen. Naturgemäss haben sich auch die Zahl 
der Krankenanstalten und die Zahl der Krankenhausbetten ver¬ 
mehrt. Ganz überraschend wirkt aber die Feststellung, dass sich 
die Zahl der in Kraukenanstalten aufgenommenen Pfleglinge von 
7076 i. J. 1S94 auf 14850 i. J. 1908 erhöht hat; es entspricht dies 


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einer Znnahme von 109,7 v. H.! Hierbei sind nicht einmal sämtliche 
Krankenhäuser mitgezäblt, sondern nnr die, die anch tnberknlöse, 
d. h. an Lungen- und Kehlkopftnberknlose leidende Kranke auf- 
nahmen. Die allgemeine Sterblichkeit in diesen Anstalten geht dar 
gegen allmählich herab; sie schwankte in den ersten Jahren um 
10 v. H. und ist zuletzt auf 7 Vs v. H. gesunken. Fassen wir nun 
den Anteil, den die Tuberkulösen hier haben, ins Auge, so finden 
wir eine gleichmässige Entwicklung erst seit dem Jahre 1892. Vor¬ 
her tobte der traurige Tuberkulinsturra; die Ziffern der Schwind¬ 
süchtigen gingen so ins Ungemessene hinauf, dass sich ihre Wieder¬ 
gabe überhaupt nicht lohnt. Erst 1892 scheint der gesunde Ruhe¬ 
zustand wieder eingetreten zu sein; in 26 Anstalten finden wir da¬ 
mals etwa 300 Schwindsüchtige als im Laufe eines Jahres auf¬ 
genommen. Von 1892 an steigt diese Zahl langsam und zum Schluss 
(offenbar, weil die beiden „Pflegeanstalten“ hinznkamen nsw.) etwas 
stärker, um im Jahre 1908 rund 750 zu erreichen. Hätte diese 
Krankenfaausverpflegnng Tuberkulöser mit der Zunahme der Be¬ 
völkerung gleichen Schritt gehalten, so hätten wir auf etwa 340 
Kranke zu rechnen gehabt; ihre Zunahme hat aber nicht 13,8, 
sondern 150 v. H. betragen! Wie erfreulich und bedeutsam dies 
ist, braucht hier nicht noch einmal ausgeftthrt zu werden. 

Der Verfolg der Sterblichkeit dieser schwindsüchtigen 
Anstaltsgäste bringt aber wiederum eine Überraschung. Mit 
einer bemerkenswerten Stetigkeit nimmt ihre Kurve ihren Verlauf, 
und zwar — abwärts. Zwar geht die Linie der Zahl der jährlichen 
Todesfälle aufwärts; während aber die Zahl der in den Anstalten 
aufgenommenen Schwindsüchtigen von 1892 bis 1908 um 150 v. H. 
stieg, erhöhte sich die Zahl der Todesfälle nur um weniger als 
20 v. H. Hieraus ergibt sich, dass ihre Sterblichkeit sinken musste. 
Überraschend ist aber, wie stark dieser Abfall ist. Während in 
den ersten Jahren die Sterblichkeit 33,3 v. H. betrug, hat sie sich 
im Jahre 1908 nur noch auf 20 v. H. belaufen, sie hat 
sich also unter diesen Anstaltspfleglingen um 39,9 v. H. 
vermindert! Statt der 150 Todesfälle, die i. J. 1908 zu ver¬ 
zeichnen gewesen sind, wären nach der Verbältnisziffer vom Jahre 
1891 bei 750 Pfleglingen nicht weniger als 250 zu erwarten ge¬ 
wesen. Dank den vielseitigen Bemühungen, dieser Volks¬ 
seuche zu wehren, bleiben also jetzt innerhalb des Re¬ 
gierungsbezirkes Aachen jährlich 1000 und davon in den 
Krankenanstalten 100 Menschen mehr am Leben, die nach 
früherem Massstabe dem Tode an Tuberkulose geweiht gewesen 
wären! 

Diese Erfolge sind erfreulich. Wir begrüssen sie zunächst 
aller derer wegen, die jetzt vor der Erkrankung an Schwindsucht 


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bewahrt bleiben, and ebenso derer wegen, die erkrankt waren und den 
verbesserten ßehandlungs und Pflegeweisen und den vielen Hulfs- 
initteln, die dem Kranken zur Genesung und Kräftigung verhelfen 
wollen, ihre Heilung und die Bewahrung vor frühem Tode ver¬ 
danken. Nicht minder froh bcgrüssen wir diese Erfolge aber auch 
deshalb, weil sie uns beweisen, dass Mühe und Arbeit nicht ver¬ 
geblich gewesen sind, dass wir mit unsren Bestrebungen auf rechtem 
Wege sind, und dass wir darum hoffen dürfen, im Kampfe gegen die 
Tuberkulose mit der Zeit noch weitere Fortschritte zu machen. 


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Bauhygienische Rundschau. 


Zur Verbesserung der Bauordnung der Stadt 

Wien. 


Seit etwa fünfzehn Jahren kann man beobachten, wie in der 
Fachpresse, in Vereinen und Versammlungen, in Gemeinde- und 
Berufsvertretungen die Bestrebungen; nach Verbesserung der Wiener 
Bauordnung mit wechselnder Lebhaftigkeit sich geltend machen. 
Bisher ohne nennenswerten Erfolg. Ein Vorkämpfer des öster¬ 
reichischen Bauordnungswesens, Oberbaurat Dr. Kapaun, hat des¬ 
halb kürzlich einen temperamentvollen Aufruf erlassen, dem wir 
mit Genehmigung des Verfassers folgendes entnehmen: „Der grösste 
Teil der Wiener Bevölkerung hat wohl keine richtige Vorstellung 
von der unglaublichen Preissteigerung der Baugründe und der 
herrschenden Preistreiberei, obwohl die Wirkungen hiervon sich in 
einer fortgesetzten Steigerung der Mietzinse und in einer fast un¬ 
erträglichen Höhe derselben geltend machen. 

In der Bevölkerung lebt wohl noch die Erinnerung an die 
damals als unerhört bezeichneten Preise der Baugründe in den 
siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, dieser Zeitperiode des 
Bauschwindels, richtiger der Periode des Baugrundschwindels, in 
der z. B. eine der Baufirmen in einem Jahre eine Superdividende 
von 50 Prozent, im nächsten Jahre eine Dividende von 55 Prozent 
nachweisen und schliesslich trotz eines Verlustes von 33 Millionen 
Kronen aufrecht bleiben konnte. 

Heute haben wir die Preise des Schwindeljahres 1872/73 viel¬ 
fach überholt, innerhalb dreier Jahrzehnte sind die Baugrundpreise 
rapid gestiegen! Nur in stillen Stadtteilen, wie z. B. Lange Gasse 
und Piaristengasse des VIII. Bezirkes, haben sich seit dem Jahre 
1878 die Grundpreise verdoppelt, sind also „bloss“ um einhundert 
(100) Prozent gestiegen. Im Herzen der Stadt, am Stephansplatz, 
beträgt dieser Zuwachs „erst“ 127, in der stillen Pressgasse im 
IV. Bezirke 129, auf dem äusseren Teile der Ringstrasse 190 Pro¬ 
zent; dagegen hat sich auf der Mariahilfer Strasse seit 30 Jahren 
der Preis der Baugründe vervierfacht! Doch ist dies alles noch 
nichts im Vergleiche zu den äusseren Bezirken oder den erst ein- 


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bezogenen Vororten. Dort sind Preiszanahmen um eintausend- 
sechshundertvierzehn (1614) und selbst zweitausendsechs¬ 
hundertfünfzig (2650) Prozent, wie z. B. im XX. und X. Be¬ 
zirke, zu verzeichnen! *) 

Um diese Preissteigerungen der Baugründe richtig zu wür¬ 
digen, darf man nicht übersehen, dass der Wertzuwachs den Über¬ 
schuss über das sonstige Erträgnis der Baugründe darstellt, 
welches sie nämlich als Äcker, Wiesen, Weingärten oder als bereits 
verbaute Gründe abwerfen. Dass manche Grundbesitzer angesichts 
der grossen Wertsteigerung ihre Gründe brachliegen lassen, än¬ 
dert nichts an dem Wesen. 

Darf man angesichts dieses lawinenartigen Wertzuwachses von 
einem Baugrundwucher sprechen? Und wer muss das alles be¬ 
zahlen, beziehungsweise verzinsen? Die Mieterschaft Wiens! Die¬ 
selbe Mieterschaft, welche infolge ungenügender Organisation diesen 
Verhältnissen wehrlos ausgeliefert, im völligen Verkennen der Ver¬ 
hältnisse in den Vertretungskörpern der Zahl nach ganz ungenügend 
vertreten, fast verdrängt ist, dieselbe Mieterschaft, auf welcher 
die indirekten Steuern fast ausschliesslich ruhen und auf deren 
Bücken — man könnte fast sagen, so selbstverständlich wie auf 
ein Lasttier im Haushalte — alle Lasten soweit als möglich über¬ 
wälzt werden. 

Und die Grundsteuer, welcher die bebauten Baugründe unter¬ 
worfen sind? Für sie wurde in Wien im Jahre 1906 angesichts 
der löprozentigen Ermässigung, welche sie mit Rücksicht auf das 
Ergebnis der Personaleinkommensteuer geniesst, rund 386000 Kronen 
bezahlt. Um diese Steuerlast richtig zu würdigen, bedenke man, 
dass im selben Jahre die Hundesteuer fast ebensoviel, nämlich 
383000 Kronen, eintrug. Im Cottagevereine, der im Jahre 1873 
für die Errichtung von Einzel- und Familienhäusern gegründet 
wurde, sind die Baugrundwerte auf das Sechsfache innerhalb 
30 Jahren hinaufgetrieben worden — kein Wunder, wenn auch für 
die Reicheren das Einzelwohnhaus unerschwinglich und teils ver¬ 
schämt, teils unverschämt durch Formen der Zinskaserne ab¬ 
gelöst wird. 

Die Steigerung der Bodenwerto bringt aber noch eine andere 
— schmerzliche — Tatsache: Die Durchführung des von der Ge¬ 
meinde Wien beschlossenen Wald- und Wiesengürtels wird uner¬ 
schwinglich und damit unmöglich, wenn die Gemeinde nicht 
rasch zum Grunderwerb schreitet und wenn sie nicht 
auch die angrenzenden Bauparzellen erwirbt! Muss die 


1) Der Verfasser belegt diese Zahlen durch Beifügung einer Tabelle 
über die Bodenwerte der Stadt Wien. 


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Schaffung des so wohltätigen Wald- and Wiesengttrtels — der 
Lange des künftigen Wien — im Geldsacke der Baugrundspeku- 
lation begraben werden, die an dieser Stelle schon einsetzt, um 
neues Vermögen zu erwerben? 

Angesichts der rapiden Wertzunahme der Baugründe ist es 
erklärlich, wenn in Wien niemand an die Amortisation der Häuser 
denkt, vielmehr die von Staat, Land und Gemeinde hierfür frei- 
gelassenen Beträgo als Einnahmen angesehen werden. Angesichts 
der grossen Wertsteigerungen des Baugrundes sind die Klagen 
über den geringen Ertrag der Wiener Zinshäuser nicht ganz ge¬ 
rechtfertigt. Warum drängt sich alles zum Wiener Hausbesitz? 
Würden die Sparkassen und Hypothekarinstitute jährlich rund 
110 Millionen auf Wiener Zinshäaser hypothezieren, wenn ihnen 
diese nicht bloss eine ausgiebige, sondern auch sichere Verzinsung 
bieten würden? 

Die rasche Steigerung der Baugrundwerte ist eine Begleit¬ 
erscheinung des raschen Wachstums der Städte; die enorme Stei¬ 
gerung der Grundwerte in Wien wird aber ausserdem noch durch 
die veraltete, schlechte Bauordnung wesentlich gefördert. Sie 
gestattet eine ganz unzulässige Ausnützung des Baugrundes und 
damit einen Licht und Luftwucher, welcher den Baugrund wacher 
wie den Fluch einer bösen Tat nach sich zieht. Die exzessive 
Ausnützung des Baugrundes erlaubt den Bauspekulanten, für Grund 
und Boden unerhörte Preise zu bezahlen; die hohen Grundpreise, 
vereint mit dem Kartellunwesen, zwingen anderseits wieder zu 
rücksichtsloser Ausnützung des Baugrundes. So wirbelt eines das 
andere in die Höhe, immer angespornt und aufgestacbelt von der 
unersättlichen Spekulation, durch nichts gebindert oder in wohl¬ 
tätige Bahnen gezwungen. 

Die Herstellung der Zinskaserne ist ein Gewerbe geworden, 
bei welchem der Baumeister meist nur die Maurerarbeiten leistet; 
alles andere besorgt das Unternehmertum, das vielfach in kapitals- 
arraeu Händen liegt. Wucherzinsen für Baukredite, unglaubliches 
Zwischenhändler- und Agentenunwesen und die Ausbeutung der 
Baugewerbe sind die Begleiterscheinungen. Um dennoch ein hohes 
Erträgnis nachzuweisen, wird der Baugrund sowohl in horizontaler 
als vertikaler Richtung in massloscr, gleich findiger wie erbarmungs¬ 
loser Weise ausgenützt. Aus Konkurrenzrücksichten kann auch 
der solidere Unternehmer nicht Zurückbleiben, muss schliesslich 
auch der Architekt unterliegen; denn die einzige Stütze, die ein¬ 
zige Wehr gegen diese Strömung, die Bauordnung, versagt gänz¬ 
lich. Sie steht all den Erscheinungen der Neuzeit mit jener Würde, 
aber auch mit all der Hilflosigkeit gegenüber, die das charakte¬ 
ristische Kennzeichen aller Greise ist. 


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So werden denn ohne Rücksicht auf Strassen breiten die Häuser 
immer höher, die Dachformen immer ungeheuerlicher, um für neue 
Einbauten, für verkappte Stockwerke neue Räume zu gewinnen; 
die Bauordnung kann es nicht hindern, dass solche Baukolosse, wie 
in der Wienzeile gegenüber dem Sezessionsgebäude, auch in den 
engsten Gassen des I. Bezirkes aufgeführt werden. Die Fenster 
rücken immer näher, die Wohnräume werden immer kleiner, der 
Luftraum per Kopf nimmt immer ab, die Wände und Decken wer¬ 
den immer weniger schalldicht, das Wohnen wird immer erbärm¬ 
licher und bald so ruhelos, wie zwischen Zeltwänden. Aussen 
heucheln die Fassaden mit ihren Palazzoarchitekturen Reichtum 
und Überfluss, während innen die Abmessungen der Räume, Decken 
und Wände von einer an Dürftigkeit grenzenden Sparsamkeit be¬ 
herrscht sind; nicht einmal die erste Anforderung der Gesundheits¬ 
pflege: Fenster aus Wohnungen müssen unmittelbar ins Freie 
führen, ist gegen die Höfe zu erfüllt! Noch mehr, die Miss¬ 
achtung dieser ersten Anforderung der Hygiene bildet 
sogar das Typische an der Wiener Mietkaserne! Die Fen¬ 
ster der Küchen, welche in Wiener Zinshäusern fast ausnahmslos 
auch als Schlafräume dienen, und der Kammern, in welchen die 
Ärmsten hausen, münden mit ihren Fenstern in die langen Gänge, 
welche die Verbindung mit dem Stiegenhause hersteilen. Die Fen¬ 
ster dieser Gänge nach den Höfen zur Verhinderung von Glas¬ 
bruch möglichst geschlossen zu halten, gehört zum Geiste der 
echten Wiener Zinskaserne. So entlüften sich denn die Küchen 
und Kabinette auf die Gänge, in welchen Stiefel und Kleider ge¬ 
putzt werden, derartiges mehr noch sich abspielt und die Türen 
der Aborte münden. Aus diesem Raume, im günstigsten Falle 
durch diesen hindurch, beziehen die als Wohn- und Scblafräume 
dienenden Küchen und Kabinette wieder ihre „frische Luft“ und 
ihr „Licht“! Und das alles noch aus Höfen, bei welchen es die 
Bauordnung ängstlich vermeidet, klare Vorschriften über die Ab¬ 
messungen, insbesondere mit Rücksicht auf die Haushöhe, zu geben; 
Höfe, die auch nur mehr als Schlote, meist nur als Ironie von Ein¬ 
richtungen zur Herbeiführung von Licht und frischer Luft angesehen 
werden können. 

Das Gesetz fordert im § 42 auch nur: „Wohnräume sollen 
licht und ventilierbar sein“; dass Wohnräume für Menschen 
licht und ventilierbar sein müssen, das fordert das Gesetz 
nicht! Und etwas, was nicht einmal das Gesetz fordert, zu er¬ 
füllen, kann doch von keinem auf Gelderwerb angewiesenen Unter¬ 
nehmer erwartet werden. Bei den Wohnungen für Tiere hingegen 
findet das Gesetz die vermisste Schärfe; bei Stallungen muss 
nicht bloss für Ventilation vorgesorgt sein, sondern die Ventilation 
muss auch gut sein. 


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Die Bauordnung mit ihren schönen Worten, ihren feierlichen 
Sätzen im biblischen Stile, die an einer Stelle klar verdammen, 
um kurz darauf ebenso unklar zu begnadigen, sie sichert nicht 
bloss dem Menschen nicht gehörig, was dem Menschen gebührt, 
sondern auch der Gemeinde nicht gehörig, was der Gemeinde ge¬ 
bührt. Durch einzelne Maschen dieses so viel geflickten, alten, 
mürbe gewordenen Netzes kann nicht bloss ein schleimiger Aal, 
sondern auch ein beladener Heuwagen durch, wenn er nur von 
erfahrener Hand gelenkt wird. Man denke doch nur an die Vor¬ 
schriften bei Parzellierungen, welche dem Unternehmer die Ver¬ 
pflichtung zur unentgeltlichen Abtretung des StrassengrundeB und 
die Herstellung des Niveaus auferlegen, wenn er ein Grundstück 
auf „Bauplätze“ abteilt. Fordern diese Vorschriften nicht geradezu 
zur Umgehung heraus? Und wie leicht, wie ehrenhaft ist dies 
möglich? Statt z. B. eine Parzellierung bei der Baubehörde vor- 
zunehmen, tritt der Besitzer eines Ackers u. dgl. nicht an die Bau¬ 
behörde, sondern an das Grundbuchsgericht heran, teilt seinen Be¬ 
sitz grundbücherlich auf mehrere Parzellen ab, allerdings unter 
sorgfältiger Vermeidung der Bezeichnung „Baugrund“ oder „Bau¬ 
platz“. Die Parzellen erhalten selbstverständlich Form und Grösse 
eines „Bauplatzes“ samt des zur künftigen Strasse erforderlichen 
Grundes. Nun tritt der Eigentümer einer solchen selbständig ge¬ 
wordenen „Parzelle“ ruhig an die Gemeinde um Baulinienbekannt- 
gabc, sogar um Verhandlung über die Schadloshaltung wegen des¬ 
selben Strassengrundes, welchen er bei der Parzellierung umsonst 
bergeben müsste, und selbst um Baubewilligung heran; denn nir¬ 
gends ist vorgeschrieben, dass ein Haus nur auf einem Bauplatze 
errichtet werden darf. Dass die Parzelle als Bauplatz bezahlt 
wurde, ist selbstverständlich. Damit sind die Vorschriften der Bau¬ 
ordnung über die Parzellierungen umgangen und statt unentgelt¬ 
licher Grundabtretung und Niveauherstellung darf die Gemeinde 
für den erforderlichen Strassengrund noch gut bezahlen und hat 
den Spott des interessierten Kreises obendrein. Und wie viele so 
schöne Dinge gibt es noch. Darf es wundernehmen, wenn ge¬ 
wisse Kreise erklären: „Diese Bauordnung ist ja nicht einmal so 
schlecht!“ Ist es nicht leicht erklärlich, wenn gewisse Kreise seit 
Jahrzehnten kein Mittel unversucht, keinen Einfluss unbenützt lassen, 
um die Schaffung einer neuen Bauordnung zu hintertreiben, oder 
wenigstens so lange als nur möglich hinauszuschieben? 

Die alte Bauordnung entspricht zwar gar nicht den Anforde¬ 
rungen der Hygiene; das hindert aber nicht, die Abänderung dieses 
Mangels als „Luxus für Unbemittelte“, als „fiskalischen Exzess“ 
u. dgl. mehr zu bezeichnen; sich mit den Gebärden der grössten 
Entrüstung und börsenmässigem Geschrei durch eine neue Bauord- 

üentralhlatt f »11g. Gesundheitspflege. XXVIII. Jahrg. 10 


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nung als die ärgst Bedrängten und Bedrohten anfznspielen, das 
Ende jeder Bautätigkeit als logische Folge des neuen Baugesetzes 
mit dem Brusttöne des unfehlbaren Sachverständigen und das Her¬ 
einbrechen unaufhaltbaren Kuines mit der Prophetenmiene des er¬ 
fahrenen Praktikers vorherzusagen, wenn an dem alten Baugesetze 
energisch gerüttelt würde. Und es gibt Menschen, welche dieses 
mit Verve gespielte Spiel sogar entsetzlich ernst nehmen! 

Merkwürdig; dieses Spiel ist fast geschichtlich. 

Mitglieder der interessierten Kreise haben es noch in allen 
Ländern, zu allen Zeiten und gegenüber jeder neuen Bauordnung 
aufgeführt. Und dennoch wachsen, blühen und gedeihen die Städte 
selbst unter jenen Bauordnungen, die den modernsten Anforde¬ 
rungen genügen. 

Das alte Wien mit seinen Festungamauern stand nicht um¬ 
sonst im Rufe, es „ist windig oder es stinkt“! Als 1869 die Ab¬ 
räumung der Basteien energisch in Angriff genommen wurde, be¬ 
trug die Sterblichkeit 41 auf lOüO Bewohner. Und heute ist im 
ersten Bezirke, der ja niemals ein Arbeiterbezirk gewesen, die 
Sterblichkeit dennoch auf 8,4 und im Durchschnitte für ganz Wien 
auf 16,9 pro 1000 Bewohner herabgesunken. 

Noch im Jahre 1873 betrug die Sterblichkeit in Wien 33,9 
für 1000 Bewohner. Wäre dieses Verhältnis geblieben, dann hätten 
sich im Jahre 1906 rechnungsmässig 66400 Todesfälle ergeben; 
tatsächlich betrug aber die Sterblichkeit nur 34000, also fast um 
die Hälfte weniger. Das weite Leichenfeld des Zentralfriedhofes 
müsste doppelt so gross als heute sein, wenn es den Verhältnissen 
genügen sollte, wie sie bei der Eröffnung des Friedhofes bestanden 
haben. Wie viele und wie kostspielige Assanierungsmassregeln 
sind aber auch seither in Wien durchgeführt worden? 

Als im Jahre 1873 die Wiener Hochquellenleitung in Betrieb 
gesetzt wurde, starben noch infolge des schlechten bisherigen Trink¬ 
wassers 1,11 pro Tausend an Typhus; heute ist diese Krankheit 
zur Seltenheit geworden. Würden wir bis heute noch den Segen 
des vorzüglichen Wassers entbehren, so würden beim Anhalten der 
Verhältnisse des Jahres 1873 im Jahre 1906 an Typhus 2173 Per¬ 
sonen gestorben sein. Es starben aber an dieser Krankheit bloss 
101 Personen; das Leben von 2072 Menschen ist der Gewinn! Da 
nun aber mit der Verminderung der Todesfälle auch eine Ver¬ 
minderung der Erkrankungen parallel läuft, so ergibt sich aus der 
Erhaltung der ungeminderten Arbeitskraft der sonst von der Krank¬ 
heit Heimgesuchten ein grosser wirtschaftlicher Gewinn, der mit 
3,7 Mill. Kronen jährlich veranschlagt werden kann *). Die 84 Mill. 

1) Auf einen Todesfall sind hierbei zehn weitere Erkrankungen mit 


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Kronen Kosten der Hochquellenleitung sind dadurch allein schon 
reichlich verzinst und amortisiert. Die allgemein« Einführung des 
Hochquellenwassers in alle Häuser hat seinerzeit gerade in gewissen 
Kreisen den heftigsten Widerstand gefunden, ebenso wie jetzt von 
gewisser Seite die Einführung einer neuen Bauordnung einem fana¬ 
tischen Widerstande begegnet. Und doch war cs nur die allge¬ 
meine Einführung des Wassers in alle Häuser, welche so segens¬ 
reich wirken konnte. 

In Wien herrscht als trauriges Erbe vergangener Zeiten, in 
welchen die öffentliche Gesundheitspflege viel zu wenig Berück¬ 
sichtigung fand, noch immer die Lungenschwindsucht, die man 
einst mit Recht als „Wiener Krankheit“ bezeichnet«. In dem 
Zeiträume, in welchem die Sterblichkeit von 33,9 auf 16,9 herab¬ 
sank, ist auch bei dieser Volksgeissei vieles besser geworden; 
allein noch immer entfallen von den 34000 Todesfällen des Jahres 
1906 an 5638, d. i. 16,6 Prozent, auf die Lungenschwindsucht. 
Fast jeder vierte Hilfsarbeiter, fast jeder vierte Fabrik¬ 
arbeiter oder industrielle Taglöhner fällt dieser Krank¬ 
heit zum Opfer, und zwar ln einer Zeitepoche, in welcher die 
Arbeitszeit wesentlich herabgesetzt wurde und in mancher Be¬ 
ziehung die Lebensführung sich gebessert hat. 

Nicht nur, dass die Krankheit die Mehrzahl ihrer so be¬ 
klagenswerten Opfer in der Periode der Vollkraft des Lebens da¬ 
hinrafft, geht dem Tode noch langes Siechtum und verminderte 
Arbeitsfähigkeit voraus. Im Vergleich zu den beim Typhus er¬ 
mittelten Zahlen wird man unschwer den grossen volkswirtschaft¬ 
lichen Schaden infolge dieser Zustände ermessen können. Muss 
das so bleiben? Wenn wir wenigstens das Verhältnis von Berlin 
erreichten, wo statt 16,6 Prozent nur mehr auf 11 Prozent der 
Todesfälle Schwindsucht als Todesursache entfällt. Wir wissen, 
dass hierbei neben anderen wichtigen Faktoren, wie ungenügende 
Nahrung, fortgesetzte Überanstrengung, Kummer und Sorge u. a. m., 
auch der Mangel an Licht und guter Luft, schlechte Wohnungen, 
schlechte Werkstätten, kurz jene Verhältnisse eine ausschlaggebende 
Rolle spielen, die das neue Baugesetz zu regeln und gründlich zu 
verbessern berufen ist. 

Ohne Säen keine Ernte! 

Warum zögert der Hohe Landtag, warum zögert die Gemeinde 
Wien, der Grossstadt endlich eine zeitgemässe Bauordnung zu geben, 


je wenigstens 30 Krankentagen und für jeden Tag au Krankenkosten und 
Entgang an Arbeitslohn zusammen sechs Kronen gerechnet. Dies ergibt 
bei 20720 ausgebliebenen Erkrankungen 621600 Krankentage und 3720000 
Kronen, ohne den Verlust, welchen wir mit den Toten begraben. 


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dieselbe Gemeinde, welche die Mängel doch selbst am eigenen 
Leibe spürt? Wien wächst um mehr als 40000 Menschen jährlich, 
die Zahl der Häuser nimmt um rund 500 im Jahre zu, die Zahl 
der Wohnungen vermehrt sich um 10000; fast eine Stadt, die jähr¬ 
lich neu entsteht! Warum darf in dieser jährlich zuwachsenden 
Stadt nicht eine neue Bauordnung zur Anwendung gelangen, warum 
soll hier wenigstens der öffentlichen Gesundheitspflege nicht voll 
und ganz ihr Recht werden, der Kampf gegen die Schwindsucht 
nicht mit der Waffe einer zeitgemässen Bauordnung aufgenommen 
werden? Wenn schon die zwei Millionen Mieter dazu verurteilt 
sind, die höchsten Mietzinse zu bezahlen, dürfen sie billigerweise 
nicht einmal in neuerbauten Häusern die volle Berücksichtigung 
gesundheitlicher Anforderungen erwarten? Müssen sie immerdar 
dem Baugrund-, Licht- und Luftwucher-Götzen Opfer bringen? 

Wird der segensreichen Einführung des Hochquellenwassers 
endlich die gesundheitlich nicht minder wirkungsvolle 
Einführung einer neuen modernen Bauordnung folgen?“ 

Jedem, der für die gesunde Entwicklung der österreichischen 
Hauptstadt ein Herz hat, muss sich der lebhafte Wunsch aufdrängen, 
dass dem beredten Kapaunschen Mahnrufe der Erfolg nicht aus- 
bleiben möge. J. St. 


Literaturbericht. 


Sticker, Über Naturheilkunst. (Giessen 1909. Töpeltnann.) 

Man sollte annehmen, einem so viel variierten Thema liessen 
sich neue Seiten nicht abgewinnen. Aber das will Sticker auch 
gar nicht. Er will offenbar durch seine geistreiche, im Stil des 
lachenden Demokritos gehaltene Causerie das gebildete Publikum 
aufklären und es zwingen, diesem Gegenstände sein ganzes nach¬ 
haltiges Interesse zuzuwenden. Das ist ihm vollständig gelungen. 
Wer das Buch beginnt zu lesen, muss es auch zu Ende lesen, dank 
der zahlreichen historischen Anekdoten und der vielen Zitate aus 
der schönen Literatur, die von einer ganz ausserordentlichen Be¬ 
lesenheit des Verf. zeugen. In der ersten Vorlesung behandelt 
Sticker den Begriff „Naturheilkunst“ und das Verhältnis zwischen 
Naturheilung und Heilkunst, in der zweiten „Naturheilung und 
Kunsthtilfe“. Die Regelung der „sechs natürlichen Dinge“, von denen 
die dritte Vorlesung spricht, d. h. die Sorge für gute Luft, die 
Ordnung von Speise und Trank, die Regelung der Entleerungen, 


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der richtige Wechsel zwischen Bewegung und Ruhe, Übung und 
Schonung der Körperteile und Körperverrichtungen, die Pflege der 
Gemütsstimmungen, sind kein Vorrecht der Naturheilkünstler, son¬ 
dern für alle wahren Ärzte die erste selbstverständliche Vorbedin¬ 
gung für die Genesung der Kranken. Aber mit den Naturheil- 
mitteln allein kann die Schulmedizin nicht auskommen;. einmal 
weil die Unterscheidung zwischen naturgemüssen und naturwidrigen 
Heilmitteln im Sinne der Naturärzte eine ganz willkürliche ist, 
dann, weil in dem gegnerischen Hcilmittelschatz die spezifischen 
und die schmerzstillenden Mittel ganz fehlen, weil ferner die phy¬ 
sikalisch-diätetischen Heilfaktoren nicht natürlicher sind als die 
Arzneien aus den drei grossen Reichen der Natur, und endlich, 
weil sie nicht ungefährlicher sind als die anderen Mittel. 

Für eine naturgeraässe Lebensweise, von der die letzte Vor¬ 
lesung handelt, lassen sich keine allgemein gültigen Massregeln 
aufstellen, wie das die Naturheilkünstler tun. Mit Recht geisselt 
Sticker die übertrieben hohe Bedeutung, welche heutzutage die 
Gesundheitspflege in unserem Leben einnimmt; sie ist Selbstzweck, 
einziger Lebenszweck geworden, hinter ihr muss die Pflicht oft 
ganz zurück treten. 

Dem Buche ist eine Verbreitung in den weitesten Kreisen leb¬ 
haft zu wünschen, und es läge im Interesse der Allgemeinheit, wenn 
die Tagespresse durch eine eingehende Besprechung die Aufmerk¬ 
samkeit des grossen Publikums auf dasselbe hinlenkte. 

Bermbach (Cöln). 

Schmidt, Unser Körper. Handbuch der Anatomie, Physiologie und 
Hygiene der Leibesübungen. 3. Aufl. (Leipzig 1909. Voigtläuder.) 

Jedesmal, wenn ich das Schmidtscbe Buch in die Hand 
nehme, habe ich meine Freude daran. Meines Erachtens sollte es 
nicht nur von jedem Lehrer der Leibesübungen angeschafft wer¬ 
den, sondern kann es auch dem Arzte vielfach nützlich sein. Der 
Verfasser hat sich in der neuen Auflage mit Erfolg bemüht, sein 
Werk weiter zu verbessern, ohne den Umfang zu vergrössern. 

Kruse. 

Burckhardt, Demographie und Epidemiologie der Stadt Basel 
während der letzten drei Jahrhunderte 1601—1900. (Leipzig 1908. 
Carl Beck.) 

Die vorliegende Schrift gewinnt eine grössere Bedeutung da¬ 
durch, dass sie unsere bisher nur spärlichen Kenntnisse über die 
Bevölkerungsstatistik und Epidemiologie früherer Jahrhunderte 
durch genaue Angaben für ein allerdings nur beschränktes, aber 
■um so interessanteres Gebiet erweitert. 


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Die Bewegung der Bevölkerung von Basel lässt sich nach 
dem Verfasser in fünf Epochen einteilen, für die folgende durch¬ 
schnittliche Zahlen gelten. 

Auf 1000 Einwohner kommen jährlich: 





Einwohnerzahl 

Geburten 

Todesfälle 

I. 

1601 

—1670 

13350 

31,0 

33,6 

II. 

167! 

—1740 

15520 

25,6 

21,9 

III. 

1741 

—1800 

15790 

21,7 

24,3 

IV. 

1801 

—1860 

22340 

23,3 

22,3 

V. 

1861 

— 1900 

64110 

30,2 

19,6 


Kurven veranschaulichen das Verhalten der Geburtenhäufigkeit und 
Sterblichkeit während der einzelnen Jahre des ganzen Zeitraums. 
Die erste Epoche ist gekennzeichnet durch ungeheure Schwan¬ 
kungen der Sterblichkeit und deren Überwiegen gegen¬ 
über der Geburtenhäufigkeit. Die Ursachen bilden Epide¬ 
mien von Pocken, Ruhr, Flecktyphus und namentlich von Pest, 
ferner Teuerung und unsichere Zeiten, d. h. Krieg, der freilich 
Basel weniger als das übrige Deutschland in unmittelbare Mit¬ 
leidenschaft zog. Einzelne Pestjahre hatten 120—249°/ 00 Todes¬ 
fälle. Die Geburten waren im ganzen und besonders in den Jahren, 
die auf Epidemien folgten, verhältnismässig häufig, konnten aber 
das Defizit an Menschenleben nicht decken. Die zweite Periode 
bringt weit bessere Zustände, wenn auch Epidemien von Pocken, 
Ruhr und Krieg in einzelnen Jahren verheerend wirkten. In der 
dritten Periode tritt wieder ein Bevölkerungsdefizit auf, dieses Mal 
weniger durch Vermehrung der Sterbefälle, die sich vielleicht durch 
ein ziemlich gleichmässiges Herrschen von Pocken, Ruhr und an¬ 
deren Seuchen erklärt, als durch Herabminderung der Ge¬ 
burten, die Burckhardt auf soziale Engherzigkeit und Eigen¬ 
nützigkeit, z. B. Erschwerung der Einbürgerung, spätes Heiraten, 
absichtliche Beschränkung der Kinderzahl zurückführt. In der 
folgenden vierten Periode war die Besserung nur unbedeutend und 
vorübergehend. Erst die letzte, die moderne Zeit, brachte mit 
den Fortschritten in Handel, Industrie, sozialen und hygienischen 
Zuständen einen mächtigen Umschwung, durch hohe Geburten¬ 
zahl, niedrige Sterblichkeit und rasche ßevölkerungs- 
zunabme zuwege. 

Auf weitere Einzelheiten der interessanten Arbeit, namentlich 
die epidemiologischen Angaben, kann hier nicht eingegangen 
werden. Kruse. 

Ville de Bruxelles, Rapport annuel. Annöe 1906. (Bruxelles 1907.) 

Die Bevölkerung betrug im Berichtsjahre 198614 Personen 
und zwar 92096 männlichen und 106518 weiblichen Geschlechts. 


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Geburten fanden 3644 statt, somit 18,3 auf 1000 Einwohner. Der 
Geburtskoeffizient sinkt ständig und zwar ausserordentlich rasch, 
im Jahre 1901 war er noch 25,2. Die Anzahl der Geburten betrug 
im Zeitraum 1867—1870 noch im Jahresdurchschnitt 6006, im Zeit¬ 
raum 1901—1906 4052. Von den Geburten des Jahres 1906 
waren 23,5 °/ 0 ausserehelicb. Heiraten wurden 2136 geschlossen, 
das macht 28,7 auf 1000 Heiratsfähige. 

Brüssel wird mit Recht als eine der gesündesten Städte des 
Kontinents bezeichnet, sowohl die allgemeine Sterblichkeit als auch 
die Sterblichkeit an Infektionskrankheiten ist in den letzten 40 Jah¬ 
ren ganz gewaltig gesunken. Während die Sterblichkeit im Zeit¬ 
räume 1867—70 noch 29,8 auf 1000 Einwohner betrug, war sie im 
Jahre 1906 nur noch 15,6, die Sterblichkeit an Infektionskrank¬ 
heiten fiel in derselben Zeit von 4,4 auf 0,9 pro 1000 Einwohner. 

Die Säuglingssterblichkeit (0 — 1 Jahr) war ebenfalls im Ver¬ 
hältnis zu anderen Grossstädten recht niedrig; sie betrug im ganzen 
581 Todesfälle, 143,8 auf 1000 eheliche und 210,5 auf 1000 unehe¬ 
liche Kinder. 

Unter den sonstigen Mitteilungen verdient noch die Zahn¬ 
pflege der Schulkinder durch Schulzahnärzte der Erwähnung. 

Die zahnärztlichen Untersuchungen sind so geordnet, dass 
jedes Schulkind zweimal im Jahre untersucht wird. Die Schul¬ 
zahnärzte halten bei ihren Schuluntersuchungen Vorträge über 
Zahnpflege, die von den Kindern in Form von Aufsätzen wieder¬ 
gegeben werden müssen. Pröbsting. 

Steudel, Kann sich der Deutsche in den Tropen akklimatisieren? 

(Arcli. f. Schiffs- u. Tropenhyg. 1908, Beih. 4.) 

Je länger im allgemeinen sich Europäer in den Tropen auf¬ 
gehalten haben, desto häufiger und ausgeprägter findet sich eine 
Nervenschwäche bei ihnen, ohne wesentlichen Unterschied, ob sie 
ihre Zeit zum Teil oder in der Hauptsache im tropischen Gebirge 
verbracht haben. Bei dauerndem Aufenthalt in den Tropen, wenig¬ 
stens im Niederungs-, Küsten- oder Inselklima, wird der Europäer 
mit der Zeit gegenüber seinen in der Heimat zurückgebliebenen 
Brüdern ein an Arbeitskraft und geistiger Energie minderwertiger 
Mensch. Ganz besonders fühlbar macht sich die allmähliche Ent¬ 
artung bei der Nachkommenschaft. Von den zahlreichen Europäer- 
ansiedlungen, welche die Geschichte der Kolonisation in allen Teilen 
der Tropen aufweist, hat keine einzige einen dauernden Erfolg 
gehabt. 

Im ganzen lässt sich sagen, dass im tropischen Niederungs¬ 
klima der Deutsche nicht dauernd leben kann; zur Erhaltung seiner 
Gesundheit und Spannkraft ist eine zeitweise Erholung in der Heimat 


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unerlässlich. Ob 'aber in den tropischen Hochländern eine voll¬ 
ständige Akklimatisation in der Weise möglich ist, dass anch die 
späteren Generationen ihren eingewanderten Stammeltern gleich¬ 
wertig bleiben, ist noch fraglich und zweifelhaft. Der Satz, dass 
Afrika mit den Köpfen der weissen Rasse, aber mit den Armen 
der Eingeborenen entwickelt werden soll, scheint immer noch seine 
Richtigkeit zu haben. Miihlschlegel (Stuttgart). 

Stille, Die Herabsetzung der körperlichen Entwicklung der Land¬ 
bevölkerung. (Therapeutische Rundschau 1908, Nr. 49, p. 727—729.) 

Aus den Veröffentlichungen über die Ergebnisse des Heeres- 
Ergänzungsgeschäftes geht nicht der Rückgang der Zahl der Taug¬ 
lichen im allgemeinen, wohl aber in einzelnen Gegenden hervor. 
Verf. glaubt folgende Faktoren dafür verantwortlich machen zu 
müssen: 1. den Abzug der Landbevölkerung in die Grossstadt 
bezw. Auswanderung ins Ausland; 2. den Rückgang des Selbst¬ 
stillens, den Verf. mit v. Bunge auf den zunehmenden Alkohol - 
genuss zurückführt (steht mit den Tatsachen in Widerspruch! Ref.): 

3. die im ganzen schlechtere Ernährung der Landbevöl¬ 
kerung, besonders die Zunahme der Fleischnahrung auch auf dem 
flachen Lande, den Kaffee-, Tee- und Alkobolkonsum, die Ver¬ 
schlechterung des Brotes, das weiche Trinkwasser, die Zahnver¬ 
derbnis und mangelhafte KörperentWicklung zur Folge haben k ann; 

4. die unhygienische Art des Schulbetriebes. Der Unter¬ 
richt sollte im Freien stattfindeu (!). Boas (Freiburg i. B.). 

Näcke, Die Zeugung im Rausche und ihre schädlichen Folgen für 
die Nachkommenschaft. (Neurolog. Centralblatt 1908, Nr. 22.) 

Verf. übt an dem festeingewurzelten Dogma von der Dege¬ 
neration der Nachkommenschaft Berauschter eine herbe, aber ge¬ 
rechte Kritik. Zunächst steht der weithin dehnbare Begriff „Rausch“ 
auf sehr schwanken Füssen. Auf grosse Schwierigkeiten dürfte 
ferner der einwandfreie Nachweis stossen, dass das Weib weder 
vor- noch nachher mit einem anderen Manne geschlechtlich ver¬ 
kehrte und dass der Mann mit ihr nur dies eine Mal zu tun 
hatte. Was den ersten Punkt anbelange, so komme in den nie¬ 
deren Volksschichten beim Weibe sehr oft sträflicher Verkehr mit 
anderen Männern vor. Sei dieses Moment auszuschliessen, so ist 
immerhin zu bedenken, dass die Degeneration hereditär oder die 
Folge mehrere Beischläfe sein kann. Verf. hat noch keinen 
einzigen ein wandsfreien Fall gesehen, der gegen seine 
Auffassung spräche, und fordert alle Nerven- und Irrenärzte 
auf, ihn durch Publikation überzeugender Fälle eines Besseren , zu 
belehren. Dabei will er die Unmöglichkeit eines solchen Zu- 


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sammenbanges keineswegs behaupten, sondern nur die .ausser¬ 
ordentliche Schwierigkeit des Nachweises und wahrscheinlich auch 
Seltenheit desselben betonen. 

Ref. kann auf Grund seiner Literaturstudien dem Verf. nur 
beipflichten und weiss dem Verf. Dank, dass er durch Einsetzen 
seiner massgebenden Autorität endlich mit einem längst veralteten 
Dogma aufräumt. Boas jr. (Berlin). 

Walcher, Eine Abnahme der Stillfähigkeit unserer Frauen aus 
anatomischen Gründen existiert nicht. (Münch, med. Wochenschr. 
1908, Nr. 47.) 

Zum Stillen gehört eine gute Ernährung der Mutter, ein früh¬ 
zeitiges und regelmässiges Saugen des Kindes und endlich der feste 
Wille der Mutter, das Kind viele Monate selbst zu nähren, und die 
Überzeugung, dass alles andere ihrem Kinde nur Schaden bringt. 
Sind diese Bedingungen erfüllt, so kann nach den Erfahrungen des 
Verf., der seit 21 Jahren die Leitung der württembergischen 
Landeshebammenschule hat, jede Frau, die imstande war ein Kind 
zu gebären, das Kind auch ernähren. Bei 800 jährlichen Geburten 
stillen in dieser Anstalt 100 Prozent der Mütter ihre Kinder ganz. 

Die gute Ernährung nach den Anstrengungen der Geburt be- 
hagt den Wöchnerinnen sehr, erhöht ihren Mut und stärkt ihr 
Selbstvertrauen. Wird dann das Kind 3—6 Stunden nach der Ge¬ 
burt alle 3 Stunden am Tage angelegt, so kommt bei den meisten 
in den ersten Tagen ohne Beschwerden die Laktation in Gang. 
Bei manchen Frauen, namentlich solchen, die von der Sache nicht 
überzeugt sind, dauert es länger. Ist man aber konsequent und 
verabreicht dem Säugling keine andere Nahrung, was er ohne 
Schaden leicht 4—5 Tage aushalten kann, so tritt mit Sicherheit 
die Milchabsonderung ein. Ist sie im Gang, so kann sie durch die 
gleichen Massnahmen auch im Gang erhalten werden, wenn die 
Stillende und der Arzt den guten Willen dazu haben. 

Unter den Beweggründen, die viele Mütter davon abhalten, 
ihre Kinder natürlich zu ernähren, spielt neben der Bequemlich¬ 
keit und der grundlosen Angst, durch das Stillgeschäft die Schön¬ 
heit zu verlieren, die durchaus verkehrte Auffassung eine Rolle, 
Milch sei eben Milch. Und doch wissen wir, dass das künstlich 
ernährte Kind etwa viermal mehr Gefahr läuft, zugrunde zu gehen, 
als ein an der Mutterbrust gestilltes. Niemals darf einer ungenü¬ 
genden körperlichen Entwicklung der milcherzeugenden Organe die 
Schuld zugeschoben werden. Was aber die Frauen, welche den 
guten Willen hatten zu stillen, ihrer Stillfähigkeit beraubt, ist der 
Zweifel an ihrer eigenen Fähigkeit, und „dieser Zweifel ist das 
ärgste Gift, das man einer jungen Frau beibringen kann“. Auf 


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geistig-sittlichem Gebiet liegt also der Rückgang der Stillfähigkeit 
und nicht auf körperlicher Unfähigkeit. 

Mühlschlegel (Stuttgart). 

Zander, Wieviele unter 1000 Wöchnerinnen sind unfähig zu stillen 
und welches sind die Ursachen? (Inaug.-Diss. München. 1908.) 

Unter 1000 Wöchnerinnen der Münchener Entbindungsanstalt 
konnten 921 = 92,1 °/ 0 ihr Kind selbst stillen. In 53 Fällen (5,3°/ 0 > 
lag absolute Stillunfähigkeit vor. 21 Frauen (2,1 °/ 0 ) stillten eine 
geringe Zeit nach der Geburt resp. waren unfähig, ihren Kindern 
längere Zeit die Brust zu reichen. Fünf (0,5 °/ 0 ) Frauen bedienten 
sich gleichzeitig noch der Soxhletmethode oder Hessen ihre Kinder 
durch Ammen stillen. Fassen wir die Ursachen ins Auge, so wurde 
in 26,42°/ 0 Milchmangel angegeben, Lues, Hohlwarzen und Er¬ 
krankungen der Kinder gaben in 9,43 °/ 0 , Kindbettfieber und 
Schwäche der Wöchnerinnen in 5,6 u /q die Ursache zur Stillunfähig¬ 
keit ab. Die übrigen Ursachen machen l,89°/ 0 aus. Zusammen¬ 
fassend bemerkt Verf., dass die Zahl der selbststillenden Mütter 
in 12 Jahren um ein geringes (0,5°/ 0 ) gestiegen sei, so dass man jeden¬ 
falls keineswegs mit v. Bunge zu befürchten brauche, dass die 
Stillunfähigkeit weiter in der Zunahme begriffen sei. 

Boas (Freiburg i. B.) 

Dornberger und Grassmann, Unsere Mittelschüler zu Hause. [Schul- 
hygienische Studie. Nach Erhebungen an Münchener Mittelschulen, 
veranstaltet durch die Schulkoinmission des Ärztlichen Vereins Müncheu.J 
(München 1908. Lehmanns Verlag.) 

Das Buch hat weniger allgemeines Interesse, wie statistischen 
Wert. Es dürfte deshalb auch hier eine kurze Wiedergabe seines 
Inhalts genügen. Im ersten Teil hat Grassmann die Ergebnisse 
der Erhebungen an fünf humanistischen Gymnasien zusammen¬ 
gestellt, der zweite Teil schildert die an Realgymnasien, Kadetten¬ 
korps, Real-, Handels- und höheren Mädchenschulen herrschenden 
Verhältnisse. Besonders berücksichtigt wurden in den Erhebungen 
Schlafdauer und Schlaizeit, Schulweg, Kirchenbesuch, häusliche 
Arbeitszeit für Schulzwecke und individuelle häusliche Lernzeiten, 
die sog. freie Zeit, die körperliche Betätigung ausserhalb der Schule 
und die Erfahrungen über den ausschliesslichen Vormittagsunter¬ 
richt. Bermbach (Cöln). 

Grassmann, Spielnachmittage! [Nach einem am 17.11.08 in der Schul- 
kommission des Ärztlichen Vereins München erstatteten Referat.) (Der 
Arzt als Erzieher 1908, H. 12.) 

Nach allgemeiner ärztlicher Erfahrung und besonders nach 
den Ergebnissen der Aushebung bietet ein unverhältnismässig grosser 


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Teil unserer Mittelschüler die Anzeichen körperlicher Minderwertig¬ 
keit dar. Als eines der Mittel gegen die letztere sieht die Schul¬ 
kommission eine weitere Steigerung der körperlichen Ausbildung 
der Schüler an. 

Da einerseits die Zahl der bisherigen Turnstunden im Ver¬ 
gleiche zum Masse der bisher geforderten sitzenden Beschäftigung 
der Schüler eine viel zu geringe ist, andrerseits auch die Mithilfe 
des Hauses in absehbarer Zeit nicht genügend ist, hält die Schul¬ 
kommission die Einführung eines allwöchentlichen verbindlichen 
Spielnachmittags für dringend geboten, und zwar sowohl für die 
Knaben als für die Mädchen. Mühlschlegel (Stuttgart). 

. Maas, Die Sprache des Kindes und ihre Störungen. (Würzburg 

1909. Curt Kabitzsch.) 

Verf. hat es sich zur Aufgabe gestellt, gebildeten Laien in 
allgemeinverständlicher Ausdrucksweise die Sprachentwicklung 
des Kindes, den Bau und die Tätigkeit der Sprachorgane, das 
Stottern und Poltern, das Stammeln, die Taubstummheit, die Hör¬ 
stummheit und die Sprachstörungen schwerhöriger Kinder darzu- 
stellen. Erst in dem letzten Jahrzehnt haben auf diesem Gebiete 
sich so viele Erkenntnisse dem forschenden Kinderfreunde darge¬ 
boten, neue Begriffe sind entstanden, alte schwere Fehler erkannt 
worden, derart, dass es ein Verbrechen am Kinde bedeutet, wenn 
ein Pädagoge, ein Arzt und auch gebildete Eltern die Grundzüge 
dieser von Maas in kurzer Darstellung gebotenen Wissenschaft nicht 
sich anzueignen bemühen. Herr Maas hat unseres Erachtens seine 
Aufgabe in vorzüglicher Weise gelöst, und selbst Kinderärzte ver¬ 
mögen aus seinen Ausführungen noch sehr vieles zu lernen, was 
ihnen bisher nicht ganz geläufig war, weil es schwer ist, aus der 
ungeheuren Menge der einschlägigen Literatur das Wichtige und 
Notwendige herauszufinden. Das kleine Werkchen sollte daher bei 
keinem Arzte, in keiner Lehrerbibliothek und keiner öffentlichen 
Bibliothek fehlen, weil es in Wirklichkeit einem dringenden Be¬ 
dürfnisse Abhilfe verschafft. Key. 

Thomson, The eyesight of the poorer city children. (The Brit. Med. 

Journ. Nr. 2437.) 

Als Schulaugenarzt von Glasgow hatte Verf. die Aufgabe alle 
Schulkinder mit mangelhaftem Sehvermögen zu untersuchen. Eine 
Voruntersuchung wurde von den Lehrern angestellt, wobei 35 °/ 0 . 
der Kinder als sehschwach auf einem oder beiden Augen gefunden 
wurden. Bei der Nachuntersuchung fand sich nun, dass viele 
dieser Kinder, obgleich jmehr oder weniger schwachsichtig, kei¬ 
nerlei Fehler an den Augen hatten. Die Zahl von solchen funk- 


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tionell schwachsichtigen Kindern, wie Verf. sie nennt, war in den 
einzelnen Schulen sehr verschieden. Die höchsten Prozentsätze 
fanden sich in den Armenbezirken mitten in der Stadt, während 
die geringste Anzahl solcher Kinder in den äussersten Bezirken der 
Stadt gefunden wurde. Je näher der Schulbezirk dem offenen 
Lande lag, um so weniger Kinder mit funktionell schlechtem Seheu. 
Verf. untersuchte dann noch zwei Landschulen, die eine in einem 
Dorfe, dessen Bewohner zum grossen Teil in der Stadt geboren 
und beschäftigt waren, die anderen in einem reinen Ackerbaudorfe. 
In letzterem Dorfe war die Anzahl der Kinder mit funktionell 
schlechten Augen geringer wie in dem ersteren. 

Zwei Faktoren macht Verf. für diese Sehschwäche verant¬ 
wortlich, einmal die übermässige Beschäftigung mit anstrengenden 
Naharbeiten und ferner die schlechte Ernährung. 

Für diese letztere Annahme führt er dann noch das Unter¬ 
suchungsresultat von zwei Fachschulen an. Die Schüler dieser 
Schulen, obwohl sehr arm, erhalten in der Schule drei reichliche 
Mahlzeiten. Während nun hier Sehschwäche aus physikalischen 
Ursachen ausserordentlich häufig war, fanden sich nur wenig funk¬ 
tionell schwachsichtige Schüler. 

Arme Kinder der Elementarschulen leiden somit mehr an 
funktioneller Sehschwäche, für welche keine körperliche Abnormität 
zu finden ist. Ursache hierfür ist Mangel an Übung und schlechte 
Ernährung. Pröbsting. 

Schaefer, Farbenbeobachtungen bei Kindern. (Beiträge zur Kinder- 
forscbung und Heilerziehung, Heft XXXI.) 

Wann kann das Kind Farben wahrnehmen und unterscheiden? 
Diese Frage ist von den verschiedenen Untersuchern sehr ver¬ 
schieden beantwortet worden, doch gehen die Untersucbungsresultate 
wohl alle dahin, dass die Empflndungs- und Unterscheidungs¬ 
fähigkeit für die Hauptfarben gleichzeitig und gleichartig auftritt 
und dass die Unterschiede wohl lediglich durch die verschiedenen 
Untersuchungsmethoden bedingt sind. 

Die richtigste Methode dürfte wohl die sein, dem Kinde eine 
grosse Anzahl von Täfelchen vorzulegen, die nach Form und Grösse 
gleich, nach Farbe und Helligkeit verschieden sind. Nach dieser 
Methode sind denn auch mehrfach Untersuchungen angestellt 
•worden, so auch vom Verfasser an seinem 2‘/ s Jahre alten Sohne. 
Aus allen diesen Untersuchungen ging mit Sicherheit hervor, dass 
bereits zu Beginn der Sprachentwicklung die Hauptfarben von 
dem normalen Kinde sicher unterschieden werden. Für die weitere 
Frage, in welcher Zeit beim Kinde das Farbenunterscheidungsver¬ 
mögen eintritt, liegen eindeutige Untersuchungsresultate noch nicht 


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vor. Die dahin zielenden Untersuchungen haben aber wohl mit 
ziemlicher Sicherheit ergeben, dass ein Unterscheidungsver¬ 
mögen für die Hauptfarben schon in einer frühen Zeit der Ent¬ 
wicklung vorhanden ist, wie z. B. die bekannten Untersuchungen 
von Raehlmann mit farbigen Saugflaschen bei einem halbjährigen 
Kinde ergaben. Es wurden hierbei zwei verschieden gefärbte 
Flaschen, die eine mit Milch gefüllt, die andere leer, gleichzeitig 
dargeboten, schon nach ganz kurzer Zeit wählte das Kind immer 
die richtige Flasche. Eine eigentliche Entwicklung des Farben¬ 
empfindens, dass also zunächst eine partielle Farbenblindheit oder 
Farbenschvtfäche besteht, die später verschwindet, nimmt Verfasser 
mit vollem Recht nicht an. Pröbsting. 

Riemann, Die Taubstumm-Blinden. (Beiträge zur Kinderforschung 

und Heilerziehung, Heft XXXVIII.) 

Nach den statistischen Nachrichten der vorletzten Zählung 
lebten in Preussen 215 Taubblinde, davon standen 40 im Alter 
von 3 bi6 20 Jahren. Erst in der neuesten Zeit bat man versucht, 
diese Unglücklichen zu bilden und sie so wieder mit dem Leben 
zu verknüpfen. Wie grossartige Resultate so erzielt werden können, 
das zeigt uns das berühmte Buch von Hellen Keller: Die Geschichte 
meines Lebens. 

Verfasser hat ebenfalls mehrere solcher Taubstummblinden 
mit gutem Erfolg unterrichtet und schildert die Methode seines 
Unterrichts; sie besteht in einer rechten Verbindung aller für 
Taubstumme und Blinde versuchten und gebrauchten Methoden. 
Für solche Unglückliche ist eine besondere Anstalt mit Anschluss 
eines Heims notwendig. In Preussen wurde am 2. Juli vorigen 
Jahres in Nowawes eine kleine Anstalt für Taubstummblinde 
eingerichtet. Pröbsting. 

Freeman, Fatigue in school childrens as tested by the ergograph. 

(American Journal of the medical Sciences 1908, p. 686—690.) 

Verf. wandte zu seinen Ermüdungsmessungen an New-Yorker 
Schulkindern zunächst die Methode von Crampton kombiniert mit 
der von Storey an, die sich in Chicago bei ähnlichen Unter¬ 
suchungen bewährt hatten. Das Prinzip der ersteren besteht kurz 
in folgendem: der Ermüdungsquotient wird angegeben durch die 
Differenz zwischen Blutdruck und Geschwindigkeit der Herztätig¬ 
keit bei stehenden und sitzenden Kindern. Die Storeyschen Me¬ 
thode nimmt den adductor indicis zu Hilfe, so zwar, dass jede 
Bewegung des Zeigefingers gegen den Daumen die Gewichte in 
die Höhe hebt und eine Spur in einem Kymographen inprägniert. 
Endlich wandte der Verf. auch den Mossoschen Ergographen an. 


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der ihm an einer Untersuchungsreihe von 20 Kindern folgende 
Werte lieferte: 

9, 50 b 264 kg cm Ermüdung. 

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Zusammenfassend bemerkt Verf. über den Wert der drei 
Methoden folgendes: die Methoden von Crampton und Storey 
versagen vollständig, die von Mos so hat sich als die relativ beste 
erwiesen, gibt aber seiner Überzeugung nach auch nur Nähe¬ 
rungswerte an. Boas (Freiburg i. B.) 

Kröning, Zur Frage der Luftbefeuchtung und Kühlung in Fa¬ 
briken. (Gesundheitsing. 1908, Nr. 18.) 

In dieser Abhandlung wird die Frage geprüft, ob für die 
Befeuchtung von Luft kaltes oder überhitztes Wasser oder »schliess¬ 
lich Dampf in wirtschaftlicher Beziehung am besten sich eignet. 
Diese Frage ist besonders in Spinnereien von grosser Wichtigkeit, 
weil dort ein hoher und stets gleichmässig zu erhaltender Feuchtig¬ 
keitsgehalt der Luft dringend nötig ist. Neben der Wirtschaftlich¬ 
keit tritt hier noch die Bedingung hinzu, dass durch den Luft¬ 
befeuchtungsprozess das Arbeitspersonal in keiner Weise belästigt 
werden darf. In England ist neuerdings eine kgl. Kommission ein¬ 
gesetzt worden, die daraufhin Untersuchungen anstellen soll. 

Kröning legt, um rechnerisch beurteilen zu können, wie die 
Verhältnisse sich in Wirklichkeit gestalten, einen Saal von 50000 
cbm Rauminhalt zugrunde und stellt eine Berechnung für 34 ver¬ 
schiedene Möglichkeiten auf. Dabei ist die für Spinnereien übliche 
Luftfeuchtigkeit von 75°/ 0 bis 85°/ 0 und eine Raumtemperatur von 
+ 20° C, die im Sommer bis zu + 25° C steigt, angenommen. 
Die Aussentemperatur schwankt von — 20° C bis zu + 30°C und 
die Aussenfeuchtigkeit von 35°/ 0 bis zu 90°/ 0 . 

Aus nebenstehender Tabelle sind die Ergebnisse ersichtlich. 
Ein Vergleich derselben zeigt, dass während der Heizperiode der 
Dampf als das billigste Befeuchtungsmittel erscheint, ihm zunächst 
das überhitzte Wasser und dann das Leitungswasser kommt. 

In derjenigen Jahreszeit, in welcher mit dem Befeuchten der 
Raumluft ein Kühlen derselben zu verbinden ist, oder, während 
welcher durch die Befeuchtung zum mindesten keine Erhöhung der 
Raumluft herbeigeführt werden soll, ist die Verwendung von Dampf 
zwecks Luftbefeuchtung selbstverständlich gänzlich ausgeschlossen, 
ebenso die Anwendung Überhitzten Wassers stets dann, wenn es 
sich darum handelt, aus der Raumluft Wasserdampf zu verflüssigen, 
wie bei den Beispielen 19 — 23 — 24 — 26 — 29 — 30 — 32. 


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Die Möglichkeit, überhitztes Wasser zum Zwecke der Befeuch¬ 
tung und Kühlung in diesen Jahreszeiten überhaupt verwenden 
zu können, ist nur dann vorhanden, wenn die relative Sättigung 
der Aussenluft eine so geringe ist, dass die Wassermenge, welche 
zur Einhaltung der dann gewollten Raumfeuchtigkeit zugeführt 
werden muss, bei ihrer Verdampfung mehr Wärmeeinheiten erfor¬ 
dert, als die Summe der Wärmeeinheiten beträgt, welche gebildet 
wird aus derjenigen Wärmemenge, die den Räumen zwecks Kühlung 
zu entziehen ist, und der Menge, die im überhitzten Wasser mit¬ 
geführt wird. Die Aufgaben Nr. 17 — 18 — 28 — 34 enthalten die 
Beweisführung hierfür. 

Die Beispiele 17 — 18 — 28 — 34 sind besonders dazu kon¬ 
struiert, um zu zeigen, dass atmosphärische Verhältnisse eintreten 
können, unter welchen es möglich wird, zum Befeuchten und Kühlen 
von Fabrikräumen sogar im Hochsommer überhitztes Wasser tat¬ 
sächlich mit Erfolg zu benutzen; allerdings kommen diese Fälle un- 
gemein selten vor. 

Wie sehr im Sommer die sorgfältige Rücksichtnahme auf den 
Taupunkt für die Erreichung des gegebenen Zieles massgebend ist, 
wird durch die Lösungen 19 — 23 — 24 — 25 — 26 — 29 — 30 — 
32 erläutert. 

Aus der Kröningschen Berechnung der vielen Beispiele 
geht hervor, dass es nicht richtig ist, eine einzelne der drei ein¬ 
gangs bezeichneten Arten von Wasser (kalt, überhitzt oder in Form 
von Dampf) als die auf alle Fälle einzig zweckentsprechende zu 
bezeichnen, sondern, dass bei der praktischen Ausführung solcher 
Anlagen unbedingt Wert darauf zu legen ist, dass sowohl Leitungs¬ 
wasser wie Dampf und überhitztes Wasser nebeneinander oder 
jedes für sich benützt werden können. 

Die jeweiligen Witterungsverhältnisse, nach denen sich die 
Wahl der zur Anwendung kommenden Luftbefeuchtungsart richten 
muss, kann durch Messinstrumente bestimmt werden. 

Herbst (Cöln). 

Aufrecht und Simon, Ober N&hrwert und Ausnutzung roher und 
weichgekochter Hühnereier. (Deutsche med. Wochenschr. 1908, Nr. 53.) 

Die Verff. haben sich selbst zum Versuchsobjekt gewählt. 
Bei Ernährung mit weichgekochten und rohen Eiern wurde der 
Stickstoff besser ausgenutzt als bei Fleischernährung, wobei die 
rohen Eier nur unbedeutende Vorteile vor den weichgekochten 
aufweisen. Bezüglich der Ausnutzung des Fettes aber kommt den 
hartgekochten Eiern eine im Verhältnis zum Fleische etwas erheb¬ 
lichere Resorptionsgrösse als den weichgekochten und rohen Eiern zu. 

Für die praktische Diätetik angewandt, wird man den weich- 


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gekochten und den rohen Eiern als dem Bestandteile einer gemischten 
Kost höheren Nährwert als dem Fleische zusprechen müssen. Da¬ 
gegen findet die bei vielen Laien und auch manchen Ärzten be¬ 
stehende starke Überschätzung gerade der rohen Eier in dem physio¬ 
logischen Experimente keine ausreichende Begründung. In An¬ 
betracht der guten Magenverdaulichkeit, ihres hohen Nährwertes 
und ihrer vorzüglichen Ausnutzbarkeit verdienen die Vogeleier 
(besonders die weichgekochten und rohen) eine ausgiebige Ver¬ 
wendung nicht nur in der Krankenkost, sondern auch in der eigent¬ 
lichen Volksernährung. Mühlschlegel (Stuttgart). 

Harnack, Über den koffeinfreien Kaffee. (Deutsche med. Wochen¬ 
schrift 1908, Nr. 45.) 

Das Suchen nach Anregungsmitteln hat die Menschheit ganz 
instinktiv dazu geführt, das Koffein überall da, wo es im Pflanzen¬ 
reiche verborgen war, aufzuflnden und zu verwerten, sei es im 
Kaffeebaum, in der Teestaude, in der Kolanuss, in der Guarana, 
im Paraguay- oder im Alapachentee. Die eigenartigen Wirkungen 
des Koffeins müssen es in erster Reihe sein, die jene Genuss- 
mittel als in so hohem Grade schätzenswert erscheinen Hessen. 
Schmiedeberg besonders war es, der aus den experimentell 
studierten Wirkungen des Koffeins auf Nerv und Muskel den die 
physiologische motorische Leistung erleichternden Erfolg betont hat. 
Damit hängt auch die Bedeutung des Kaffees für den Soldaten, 
zumal im Felde, unzweifelhaft eng zusammen. 

Ein „koffeinfreier Kaffee“ erscheint demnach „als eine Con- 
tradictio in adjecto, und ein Kaffee, dem das Koffein vollständig 
entzogen ist, darf ohne Zweifel als ein kastriertes Genussmittel be¬ 
zeichnet werden.“ Nun ist das neue Handelsprodukt nicht koffein¬ 
frei, sondern koffeinarm. Es soll nach Angabe der Firma 0,15% 
Koffein (gegen 1,0—1,2°/ 0 normal) als Höchstgehalt haben; es 
schwankt indessen nachweisbar stark, was bereits zu Bedenken 
Anlass geben muss. Legt man auf den Koffeinrest noch einen ge¬ 
wissen Wert, warum mischt man dann nicht gewöhnlichen Kaffee 
mit Malzkaffee? Will man aber möglichst wenig, am liebsten 
gar kein Koffein, warum trinkt man dann nicht den viel billigeren 
Malzkaffee? Der Geschmack des koffeinfreien Kaffees ist nicht der¬ 
selbe wie nach dem Rösten; Verf. findet ihn „etwas zu fade“. 

Was man dem Kaffee zum Vorwurf machen kann, ist weit 
weniger sein Gehalt an Koffein als der Umstand, dass ein grosser 
Teil der Bevölkerung in unverständigem Übermass Kaffee gcpiesst, 
dadurch den Magen füllt und zeitweilig befriedigt und sich von 
der Zuführung geeigneter Nahrungsmittel abhalten lässt. 

Mühlschlegel (Stuttgart). 

Centralblatt f. all);. Oesundbeiteuflege. XXVIII. Jahrg. 11 


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Wassermann, Ist vön einem Reichsalkoholmonopol ein kultureller 
Einfluss zu erwarten? (Monatsschr. f. Kriminalpsychologie u. Straf¬ 
rechtsreform 1908, Bd. V, p. 558—505.) 

Verf. beantwortet diese Frage auf Grund der mit dem Staats¬ 
alkoholmonopol in den Vereinigten Staaten, Russland und in der 
Schweiz gemachten Erfahrungen. Man muss unterscheiden zwischen 
Wohlfahrtsmonopol (Schweiz, Vereinigte Staaten) und Finanzmonopol 
(Russland). Daraus ergibt sich der Erfolg, den man sich von der 
Einführung eines Monopoles versprach. In den Vereinigten Staaten 
wird der Monopolerlös zu wohltätigen Zwecken verwandt, insbe¬ 
sondere zur Bekämpfung der Trinksitten, hat also eine grosse Ähn¬ 
lichkeit mit dem Gotenburger System. Für Russland ist das Brannt¬ 
weinmonopol nur ein Mittel, um seine zerrüttete Finanzlage aufzu¬ 
bessern. Daraus erklärt sich der Misserfolg der antialkobolistischen 
Propaganda, wie sie in dem Programmausführungen des früheren 
Ministers Witte vorgesehen war. Für die Schweiz ist das Alkobol- 
monopol eine Quelle des Segens geworden. Betrug der Alkohol¬ 
konsum noch 1882 10,26 1 pro Kopf der Bevölkerung, so ist er 
1907 auf 3,98 1 zurückgegangen. Die Überschüsse kommen wohl- 
nützigen Zwecken zugute, besonders Irrenanstalten. Bei dem 
jetzigen Stand der Dinge ist es nicht angängig, schon heute eine 
Prognose für Deutschland zu stellen. Der kulturelle Erfolg wird 
davon abhängen, ob unser Reichsalkoholmonopol die Vorzüge des 
Finanz- und des Wohlfahrtsmonopols in sich vereinigt. 

Boas (Freiburg i. B). 

Hillenberg, Die Beziehungen zwischen Kindersterblichkeit und 
Tuberkulose in Preussen unter statistischen Gesichtspunkten. 

(Tuberculosis 1908, Nr. 12, p. 519—539.) 

1. Auf dem Lande findet sich in Preussen vorwiegend ge¬ 
ringe Kinder- und hohe Tuberkulosesterblichkeit und umgekehrt. 
Die wenigen Ausnahmen lassen sich durch örtliche Verhältnisse 
erklären. 

2. In den Städten ist dieses gegensätzliche Verhalten weniger 
deutlich ausgeprägt, jedoch auch hier nicht ganz zu verkennen. 
Die Ursache liegt in der Einwirkung mannigfacher komplizierender 
Milieufaktoren auf die Entstehung und Verbreitung der Tuber¬ 
kulose. 

3. Das antagonistische Verhältnis zwischen Säuglings- und 
Tuberkulosesterblichkeit ist nicht auf Auslese zurückzuführen, son¬ 
dern mit Wahrscheinlichkeit auf den durch Tod bewirkten Aus¬ 
fall einer Anzahl im ersten Lebensjahr infizierter Individuen. 

4. Durch ein enges Zusammenwirken ausgedehnter Säuglings¬ 
und Tuberkulosefürsorge, welch letztere gerade den Kindern im 


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ersten Lebensjahr zuteil werden muss, steht zu hoffen, dass die 
Säuglings- und Tuberkulosemortalität auf ein erstrebtes Minimum 
herabgesetzt wird. Boas (Freiburg i. B.). 

Symes and Fisoher, An inquiry into the primary seat of infection 
in 600 cases of death from tuberculosis. (The Brit. Med. Journ.) 

Die Frage, wie der Tuberkelbazillus in den Körper eindringt, 
hat in der letzten Zeit die Forscher ausserordentlich beschäftigt. 
Während die einen für diesen Eingang in allererster Linie die 
Atmungswege annehmen, glauben andere, dass die Bazillen haupt¬ 
sächlich im Darmkanal in die Gewebssäfte eindringen. Eine Ent¬ 
scheidung dieser Frage ist keineswegs leicht, am ehesten noch 
durch genaue Untersuchung von Kindern, die an Tuberkulose zu¬ 
grunde gegangen sind. 

Diesen Weg haben die Verfasser eingeschlagen und fanden 
so bei 102 Fällen von Tuberkulose unter 12 Jahren in 12 Fällen 
(11,7 °/ 0 ) sichere Darmtuberkulose, in 57 Fällen (55,8) sichere 
Lungentuberkulose. In 24 Fällen (23,5 °/ 0 ) blieb es zweifelhaft, 
und in den übrigen Fällen handelte es sich um Tuberkulose anderer 
Organe, wie Knochenhaut usw. Diese Zahlenangaben stehen in 
einem Gegensatz zu den Angaben von Koch und einigen anderen 
Forschern, die eine primäre Erkrankung des Darms bei Kindern 
als äusserst selten bezeichnen. Pröbsting. 

Hunter, The oocurrence of primary tuberculosis infection of the 
intestinal tract in children. (The Brit. Med. Journ.) 

Unter 5142 Sektionen, von denen 35°/ 0 Kinder unter 5 Jahren 
waren, fanden sich nur 13 Fälle von Danntuberkulose, und unter diesen 
13 konnte nur 5 Fälle als primäre Darmtuberkulose angesprochen 
werden. Diese letzteren Fälle betrafen alle Kinder unter 5 Jahren. 
Auch Tuberkulose der Mesenterialdrüsen • ist recht selten, Ver¬ 
fasser konnte sie bei über 5000 Sektionen nur in 5 Fällen nach- 
weisen. Er schliesst aus diesen Befunden, dass primäre Tuber¬ 
kulose des Darms und der Mesenterialdrüsen bei Kindern unter 
5 Jahren selten ist. Pröbsting. 

Ascher, Die Tuberkulose im schulpflichtigen Alter. (Hyg. Rund¬ 
schau Nr. 10, Mai 08.) 

Sowohl bei allen Todesursachen wie im besonderen bei Tuber¬ 
kulose wird ein Abfallen der Sterblichkeitskurve vom Säuglings¬ 
alter nach der Schulzeit (5—15 Jahre) beobachtet und von da ab 
ein Ansteigen, das bei allen Todesursachen bis zum höchsten Alter 
fortgebt, bei der Tuberkulose schneller steigt, aber nur bis zum 
60.—70. Jahr [doch wohl nur bis zum 45.? (D. Ref.)] und zwar 


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bei beiden Geschlechtern. Beim weiblichen Geschlecht ist die 
Sterblichkeit an allen anderen Todesursachen ebenso wie an 
Tuberkulose eine niedrigere mit Ausnahme des Zeitraums vom 
3.—20. Lebensjahr, wo die Tuberkulosesterblichkeit des weib¬ 
lichen Geschlechts überwiegt. An Tuberkulose Erkrankte wer¬ 
den in der Schulzeit nur wenig angetroffen, die wenig Vorhan 
denen gehören dem weiblichen Geschlecht an. Trotzdem ist ein 
grosser Teil der Schüler und Schülerinnen schon infiziert; denn die 
Infektion mit Tuberkulose richtet sich' nach der Infektions¬ 
gelegenheit, sie ist am grössten in der Umgebung Tuberkulöser. 
Die Erkrankung dagegen sowie die Sterblichkeit wird haupt¬ 
sächlich beeinflusst durch die innere Widerstandskraft. Letz¬ 
tere ist von allen Altersklassen am grössten im schulpflichtigen 
Alter (5—15 Jahre); man findet deshalb hier wenig Erkrankungen 
an Tuberkulose; ihre Behandlung bietet die grössten Aussichten. 
Die Hauptmasse der Infektionen erfolgt wahrscheinlich in der Fa¬ 
milie bis zum Schluss des schulpflichtigen Alters. Die Infizierten, 
aber nicht offen Erkrankten, bilden das Material für Walderholungs¬ 
stätten, Erholungsheime usw. 

Da tuberkulöse Kinder, solange sie Bazillen auswerfen, nach 
§ 4 der Anweisung zur Verhütung der Verbreitung übertragbarer 
Krankheiten die Schule nicht besuchen dürfen, will A. sie in An¬ 
stalten mit Erteilung von Unterricht untergebracht wissen, betont 
aber die daraus erwachsende Höhe der Kosten, die für jedes Kind 
täglich 2.25 M., jährlich also rund 800 M. betragen würden und 
von den Gemeinden nicht zu leisten wären. Er folgert daraus 
richtig die Notwendigkeit einer Verstaatlichung der Fürsorge für 
tuberkuloseverdächtige und tuberkulöse Kinder. Da u t w i z (Cöln). 

Selig, Auskünfte- und Fürsorgestellen für Lungenkranke. (Die 
Heilkunde 1908, Nr. 2, p. 134—136.) 

Verf. tritt im Hinblick auf die günstigen Erfahrungen der 
Berliner Auskunftsstelle für Lungenkranke warm für die allge¬ 
meine Durchführung dieser Institution ein. Das Programm geht 
am besten aus dem Rechenschaftsberichte der Berliner Fürsorge¬ 
stelle vom 1. X. 1904—1. III. 1907 hervor. Es wurden im ganzen 
34819 Personen untersucht, 18262 Wohnungen desinfiziert, 569 
neue Betten geliefert, 5 268M. Wohnungszuschuss gezahlt, 19235 M. 
an Unterstützungsgeldern überwiesen, 1490 Kranke behandelt 
und Ärzten, Krankenhäusern und Luftkurorten überwiesen (davon 
787 gebessert). 1192 Kinder wurden in Kinderheilstätten, 1451 in 
Walderholungsheime verbracht. Endlich wurde 687 Personen der 
Rat erteilt, sich wegen der Schwere ihres Leidens sofort in ein 
Krankenhaus aufnehmen zu lassen. Boas (Freiburg i. B.). 


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Hflne, Antiformin zur Anreicherung der Tuberkelbazillen im Aus¬ 
wurf, Stuhl, Urin usw. (Hyg. Rundschau Nr. 18, Sept. 08.) 

Zum Beseitigen von Schleim und Eiter durch Homogenisieren 
des Auswurfs hat Biedert das erste brauchbare, auch jetzt noch 
viel geübte Verfahren angegeben (Zusatz von Natronlauge, Kochen, 
Zentrifugieren); eine von Pfuhl veröffentlichte Methode mit Kalk¬ 
wasser, Sodalösung und später Asbestfiltrierung bat sich nicht ein¬ 
bürgern können. Das beste bisher benutzte Verfahren ist das von 
Sachs-Müke, der die Homogenisierung mit Wasserstoffsuperoxyd, 
später Perhydrol-Merk vorschlug und den dabei entstehenden 
Schaum durch Alkoholzusatz zu beseitigen suchte. Sachs-Müke 
untersucht das Sediment auf Tuberkelbazillen, Sorgo, weniger 
glücklich, den Schaum. Das Verfahren ist kostspielig, die Schaum- 
bildung lästig, ausserdem ist störend das Zurückbleiben dickerer 
Eiterballen, die erst auf Zusatz sehr reichlicher Mengen des Mittels 
verschwinden. 

Hüne hat in der Anreicherung mit Antiformin eine billigere, 
sicherere und zugleich einfachere Methode in folgenden zwei Ab¬ 
arten angegeben. 

1. Auffangen des Auswurfs in höchstens ebensoviel Wasser, 
wie er selbst an Masse beträgt. Zusatz von Antiformin, so dass 
etwa eine 2 °/ 0 — beim Tierversuch auch 5—8 °/o — Lösung ent¬ 
steht. Absetzenlassen des Bodensatzes, unter Umständen noch¬ 
maliges Hin- und Herdrehen des Glases, ohne den bereits gebildeten 
Bodensatz aufzuwirbein, um die Flocken von den Wänden zu lösen. 
Färben des Bodensatzes oder Anstellen des Tierversuchs nach den 
üblichen Methoden. 

* 2. Auffangen des Auswurfs in höchstens ebensoviel Wasser, 

wie er selbst an Masse beträgt. Zusatz von Antiformin, so dass 
eine mindestens 25 °/ 0 Lösung entsteht. Ablösen der Flocken vom 
Rande wie unter 1 angegeben. Abgiessen der obenstehenden klaren 
Flüssigkeit, Zentrifugieren des Bodensatzes, Abgiessen der klaren 
Flüssigkeit, Auffüllen mit destilliertem Wasser und abermaliges 
Zentrifugieren. Unter Umständen Wiederholung dieses Auswaschens 
mit destilliertem Wasser. Färben des Bodensatzes, oder Verwen¬ 
dung desselben zum Tierversuch in der üblichen Weise. 

Mit dieser Methode lässt sich wie mit der Sachs-Mükeschen 
die Bazillenzahl ganzer Tagesmengen (nach der 2. Methode) an¬ 
nähernd bestimmen. 

Ähnlich wie der Auswurf lässt sich Antiformin auch bei Stuhl 
und Urin verwenden. H. rührt den Stuhl mit der etwa 2—4facben 
Menge Wasser an, wenn er nicht bereits vollständig dünnflüssig 
zur Untersuchung kam. 

Falls man nicht vorzieht Liq. Natr. hvperchlor. u. Liq. Kal. 


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166 


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caust. im Verhältnis von 1,0: 1,5 selbst za mischen, ist' das Anti¬ 
formin zum Preise von 0.50 M. pro kg von Oskar Kühn, Berlin C 25, 
zu beziehen. Dantwiz (Cöln). 

Busch, Kritisohe Untersuchung der üblichen Sputumgl&ser. (Viertel- 
jahrschr. f. gerichtl. Medizin 1908, H. 3.) 

Das Sputum muss nicht nur sorgfältig aufgefangen und auf¬ 
bewahrt, sondern auch samt den Behältern sicher desinfiziert bzw. 
sterilisiert werden können. Letzteres kann nur im strömenden 
Wasserdampf geschehen und sollte geschehen, ehe das Sputum in 
die Abfallgruben oder in den Kanal gelassen wird. Nicht alle 
Spuckapparate erfüllen diese Bedingungen; die Erdspucknäpfe am 
wenigsten; sie haben fast nur einen erzieherischen Zweck. Nicht 
viel besser steht es mit den Wandspucknäpfen. Am brauchbarsten 
sind die Taschensputunibehälter, von denen Verf. eine ganze Reihe 
im Bilde vorführt und kritisiert. Leider steht auch hier die 
Schwierigkeit ihrer Reinigung, ihr Bekanntsein als Kennzeichen 
des Tuberkulösen u. ä. einer Einbürgerung bei allen Hustenden 
noch im Wege. 

Und doch ist der mit dem Sammeln und Unschädlichmachen 
des Sputums eingeschlagene Weg der Prophylaxe der richtige. 
Denn dass die in den letzten 15—20 Jahren statistisch nach¬ 
gewiesene stetige Abnahme nicht nur der Mortalität, sondern vor 
allen Dingen auch der Morbidität an Tuberkulose nicht zum 
wenigsten auf die von Jahr zu Jahr strenger durchgeführte Be¬ 
nutzung von Sputumgläsern zurückzuführen ist, darüber kann 
kein Zweifel bestehen. Mühlschlegel (Suttgart). 

Mayer, Über die Resistenz von Bazillen des Typus Paratyphus 
B in ausgetrockneten menschlichen Darmentleerungen. (Münch, 
med. Wochschr. 1908, Nr. 43.) 

Verf. beschreibt eine Paratyphusepidemie, bei der zunächst 
vier jugendliche Personen, die nahe beieinander wohnten, aber nicht 
miteinander in Berührung kamen, gleichzeitig erkrankten. Die 
Entstehungsquelle konnte nicht mit Sicherheit ermittelt werden; 
weder ein Paratyphuskranker noch ein Dauerausscheider war vor¬ 
handen. Es war indes wahrscheinlich, dass die Erkrankten von 
alten, durch eine Überschwemmung aus einer schadhaften Dohle 
herausgestreuten Darmentleerungen ihre Infektion holten, sei es nun 
mittels der Fussbekleidung oder durch Fliegen. Den Schlüssel 
zu dieser Annahme gaben dem Verf. seine Versuchsergebnisse: 

Zehn Proben eines Paratyphusstuhls und acht Proben eines 
Typhusstuhls verschiedener Herkunft wurden 12 Tage lang gründ¬ 
lich ausgetrocknet. Nach sechs Monaten konnten aus drei Proben 


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167 


des Paratyphusstuhls noch B-Bazillen gezüchtet werden, während 
aus den Typhusstuhlproben bereits nach drei Monaten Typhus 
bazillen nicht mehr nachzuweisen waren. Nun wurden die Proben 
im Porzellanmörser zu Pulver zerrieben und in dunklen Flaschen 
aufbewahrt. 12 Monate später, also 1 */* Jahre nach der Trocknung, 
konnte Verf. aus zwei Proben mittels Verimpfung des Pulvers auf 
Malachitgrünagarplatten, Abschwemmung und Überimpfung auf 
Lakmusmilchzuckeragarplatten Paratyphusbazillen noch in reich¬ 
lichen Mengen herausztichten; aus einer Probe sogar nach mehr als 
zwei Jahren noch in grösserer Menge. 

Diese Untersuchungen beweisen, dass sich unter Umständen 
die Paratyphusbazillen in menschlichen ausgetrockneten und vor 
Licht geschützten Darmentleerungen jahrelang lebensfähig erhalten 
können; sie weisen auf die Bedeutung des Spätkontaktes bei Para¬ 
typhus B hin. Vor allem wird die hohe Resistenz der Paratyphus¬ 
bazillen gegen Austrocknung darauf aufmerksam machen, die Des- 
infektionsmassregeln ganz besonders zu überwachen und der Des¬ 
infektion des Fussbodens eine vermehrte Beachtung zu schenken. 

Mühlschlegel (Stuttgart). 

The mort&lity of the frontier provinces of German from small- 
pox and other oauses. (The. Brit. Journ. Nr. 2431.) 

Die Sterblichkeit an Pocken ist in Deutschland weitaus am 
grössten in Preussen und hier hauptsächlich in den Grenzdistrikten 
besonders den an Russland angrenzenden Landesteilen. Es starben 
an Pocken in den 10 Jahren von 1895 — 1904: 


Jahr 

Deut¬ 

sches 

Reich 

Unter 

2 Jahren 

Preussen 

| Preuss. 

Grenz 

1 gebiete 

i 

Deutsche 

Städte 

Fran¬ 

zösische 

Städte 

1895 . 

27 

11 

24 

11 

3 

983 

1896 . 

10 

2 

8 

6 

2 

958 

1897 . 

5 

3 i 

5 

3 

1 

107 

1898 . 

15 ! 

5 

12 i 

8 

5 I 

! 57 

1899 . 

28 

14 

; 25 | 

20 

4 

{ 600 

1900 . 

49 

15 

i 45 i 

28 

16 

! 1465 

1901. 

56 

25 

1 48 j 

36 

! 17 

i 675 

1902 . 

15 

7 

14 I 

1 7 

4 1 

| 2200 

1903 . 

! 20 

8 

14 

12 

11 

| 1859 

1904 . 

25 

7 

17 

: 6 t 

10 

| 516 


ln diesen 10 Jahren ist die Bevölkerung von 53 auf 60 
Millionen gestiegen durchschnittlich war somit die Sterblichkeit 
an Pocken geringer wie 0,5 auf 1000000 der Bevölkerung. Vor 
Einführung der Impfung wurde die Pockensterblichkeit auf 40000 


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— m - 

jährlich geschätzt. Käst alle Todesfälle kamen in Preussen vor, 
nämlich 212, und 135 von diesen (63°/ 0 ) in den Grenzbezirken. 
Sehr lehrreich ist der Vergleich zwischen deutschen und französischen 
Städten. Pröbsting. 

Karlinski, Über eine durch Hauskatzen verbreitete Diphtheritia- 
epidemie bei Kindern. (Die Heilkunde 1908, Nr. 2, p. 129—130.) 

Verf. hat innerhalb weniger Jahre mehreremals Epidemien von 
Diphtheritis zu beobachten Gelegenheit gehabt, die von der Haus¬ 
katze auf die Kinder des Hauses übertragen wurde. Trotz der 
relativen Seltenheit dieser Fälle geben diese Beobachtungen des 
Verf. prophylaktisch doch zu denken. Boas (Freiburg i. B.). 

Trautmann, Einheimische Malaria in Leipzig. (Münch. Med. Woch., 
1908, Nr. 41.) 

Entgegen der vielfachen Meinung, dass in und um Leipzig, 
wo früher die Malaria sehr verbreitet war, keine Malariafälle mehr 
vorkämen, berichtet Verf. von zwei typischen, im hygienischen In¬ 
stitut der Universität durch den Blutbefund bestätigten Tertian- 
fällen. Die Malaria ist zweifellos in Deutschland noch mehr ver¬ 
breitet, als man im allgemeinen annimmt. Als Ref. am Neckar 
bei Stuttgart wohnte, konnte er ebenfalls, und zwar an seinen zwei 
eigenen Kindern, klinisch und häinatologisch Tertianafieber fest¬ 
stellen. Je im Juli ist eines in einer Art erkrankt, die sich mit 
den von Trautmann beschriebenen Fällen in jeder Beziehung 
deckt. Mühlschlegel (Stuttgart). 

Mackie, The part played by Pediculus corporis in the transmis- 
sion of relapsing fever. (The Brit. Med. Journ. Nr. 2450.) 

Man ist in neuerer Zeit mehr und mehr auf die Bedeutung 
.des Ungeziefers bei der Verbreitung von ansteckenden Krankheiten 
aufmerksam geworden. 

Bei einer kleinen Epidemie von Rückfallstyphus konnte Verf. 
Läuse als Krankheitsverraittler feststellen. Es kommen jedoch nur 
Kleiderläuse in Betracht, nicht Kopfläuse. Im Magen der ersteren 
wurde Blut mit den charakteristischen Spirillen gefunden, während 
im Magen der Kopfläuse niemals Blut gefunden wurde, so dass 
Verf. glaubt, dass die letzten überhaupt nicht Blut saugen. Ver¬ 
suche, Affen mit solchen infizierten Läusen krank zu machen, waren 
erfolglos. Pröbsting. 


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Verzeichnis der bei der Redaktion eingegangenen neuen 

Bücher etc. 

Bluhm, Dr. med. A., Die Stillungsnot, ihre Ursache und die Vorschläge 
zu ihrer Bekämpfung. Leipzig 1909 F. C. W. Vogel. 

Bur Winkel, Dr. med. O., Die Rückenmarksschwindsucht, ihre Ursache 
und Bekämpfung. München 1909. Verlag der Ärztl. Rundschau. 

Festler, Prof. Dr. J., Taschenbuch der Krankenpflege. München 1909. 
Verlag der Ärztl. Rundschau. Preis 7 M. 

Gimler, F., Die Herkunft des Ichs nach dem Gleichungsschlusse für die 
Trennung der Form vom Inhalt. Lissa. 0. Eulitz. # 

Klinger, H. J., Oberingenieur, Kalender für Heizung«-, Lüftungs- und 
Badetechniker. Taschenbuch für Gesundheitstechniker. Halle 1909. 
C. Marhold. Preis geb. in Kaliko 3.20 M., in Ganzleder 4 M. 

Lovera, Prof. R., Italienischer Sprachführer mit deutscher Übersetzung, 
einem grammatischen Anhänge und einem phonetischen Wörter¬ 
verzeichnisse. Leipzig 1904. E. Haberland. 

Laquer, Dr. L., Die ärztliche Feststellung der verschiedenen Formen des 
Schwachsinns in den ersten Schuljahren. München 1909. Verlag der 
Ärztl. Rundschau. Preis 1.20 M. 

Lindheim, A., Saluti senectutis. Die Bedeutung der menschlichen Lebens^ 
dauer im modernen Staate. Eine sozialstatistische Untersuchung. Leip¬ 
zig u. Wien 1909. Preis 10 M. 

Mader, Dr. W., Die Ursachen, Behandlung und Heilung der Tuberkulose. 
Graz u. Wien 1909. Verlagsbuchhandlung Styrio. Preis 50 Pf. 

Martin, P., und Thiergen, Dr. O., Französischer Sprachführer. Leipzig, 
G. Haberland. 

Monatsschrift für die physikalisch-diätetischen Heilmethoden in der 
ärztlichen Praxis. I. Jahrg., 3. Heft. München 1909. J. F. Lehmann. 

Müllepbach, H., Gesundheitstechnische Nebenanlagen im Fabrikbetriebe. 
Halle 1909. C. Marhold. ! 

Pearson, K., Über Zweck und Bedeutung einer nationalen Rassenhygiene 
für den Staat. Leipzig u. Berlin. B. G. Teubner. Preis 1 M. \ | 

Ritter, Dr. A., Karlsbad und seine Quellen. München 1909. R. Oldenbourg. 

Roesle, Dr. med., Statistische Übersichten der Bevölkerungs- und'Medi¬ 
zinalstatistik in graphischer Darstellung. Tabelle IV: Die Säuglings¬ 
sterblichkeit in den deutschen Grossstädten. Berlin 1909. Verlag für 
Volkswohlfahrt. 

Tuberkulose-Konferenz, Siebente Internationale. Philadelphia 24. bis 
26. September 1908. Bericht von Prof. Dr. Pannwitz. Berlin-Charlotten¬ 
burg 1909. Internationale Vereinigung gegen die Tuberkulose. 

Volksseuchen, Vierzehn Vorträge. Herausgegeben vom Zentralkomitee 
für das ärztliche Fortbildungswesen in Preussen. Jena 1909. G. Fi¬ 
scher. Preis 6 M., geb. 7 M. 

Walter, E., Ingenieur, Der entleuchtete Heizbrenner für Gase und flüs¬ 
sige Brennstoffe. Halle 1909. C. Marhold. 

Winkelmann, A. P., Atmen, aber Wie und Warum?l Ein Weckruf zur 
Lungengymnastik für jedermann. Berlin u. Leipzig. Priber & Lammers. 


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i'h? 


Ingeratenanhang. 

CentralWatt für allgemeine Gesunfllieltspflege, IIYIII. Jahrgang, Heit 3 nnd 4, 


Der AI Igemeinzustand des Patienten 


wird durch alkaloidhaltige Genussmittel oft in 
unerwünschter Weise beeinflusst. Kathreiners 
Malzkaffee ist bei würzig kräftigem Wohl¬ 
geschmack absolut indifferent. Ein besonderer 
hygienischer Vorzug ist seine durch die muster¬ 
hafte Fabrikation und Verpackung garantierte 
Reinheit und Unverfiälschtheit. 

Den Herren Ärzten stellt die Firma Ka¬ 
threiners Malzkaffee-Fabriken, München, auf 
Wunsch Versuchsproben und Literatur kosten¬ 
los zur Verfügung. 



Joh. Bapt. Sturm 

Weingutsbesitzer 
Rfidesheim a. Rhein. 

Grösstes Weingut in Rttdesheim, 
eigene Weinberge in Johannis¬ 
berg nnd Assmannshausen. 

Spezialität: Eigene Gewächse. 


Versand von Rhein- und Moselweinen. 


Zweigkellerei ii Trier i. Mosel. * Zweighäuser in Hamborg, Berlin, Leipzig, London. 


Verlag von Martin Hager in Bonn. 

BtLrker, Prof. Dr., Die physiolog. Wirkungen des Höhenklimas. 56 S. 

gr. 8°. 1904. Mit 5 Textfig. M. 2.—. 
laOewy und Hüller, Prof. Dr., Über den Einfluss des Seeklimas und 
der Seebäder auf den Stoffwechsel des Menschen. 28 S. gT. 8°. M. 1.— 
Pftttftr, Prof. Dr. E., Über die Kunst der Verlängerung des mensch¬ 
lichen Lebens. 32 S. M. 1.—. 

Ratner, Dr., Experimentelle Untersuchungen über Tabakrauchen. M. 1.20. 
de Vries, Dr. Hendrik, Der Mechanismus des Denkens. Mit 5 Text 
figuren. 64 S. gr. 8°. 1907. M. 2.50. 


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Die Tuberkulose in der Rheinprovinz in den 
Jahren 1900—1900. 

Von 

Landesrat Dr. Schellmann, Düsseldorf. 


In seinem in der Berliner* Klinischen Wochenschrift (1908 
Nr. 12) veröffentlichten Vortrage: „Die Abnahme der Tuberkulose- 
sterblichkeit und ihre Ursachen“ bat Herr Geh. Medizinalrat Prof. 
Dr. B. Fränkel, Berlin, den Nachweis geführt, dass die Tuber- 
kulosesterblichkeit in Preussen trotz des Steigens der Einwohnerzahl 
in einem Rückgänge begriffen ist, und dass, während im Jahre 
1875 noch 32,0 Todesfälle an Tuberkulose auf 10000 Lebende 
vorgekommen sind, im Jahre 1906 diese Zahl nur noch 17,26 be¬ 
trug. Eine recht wesentliche Abnahme der Tuberkulosesterblich¬ 
keit ist damit erwiesen. 

Da ich selbst seit Jahren bei dem Vorstande der Landes-Ver- 
sicherungsanstalt Rheinprovinz beschäftigt, insbesondere mit der 
Krankenfürsorge, und dabei wieder vor allem mit der Tuberkulose 
zu tun habe, so gab die Feststellung des Heim Geheimrats Fränkel 
mir die Veranlassung, der Verbreitung und der Häufigkeit der 
Tuberkulose in der Rheinprovinz etwas näher nachzuforschen und 
zu prüfen, wie die Tuberkuloseverhältnisse in unserer Proviuz sich 
zu den für das ganze Königreich Preussen ermittelten Zahlen stellt. 
Bestimmend für meine Untersuchung war dann aber weiter die Ab¬ 
sicht, den speziellen Herden der Tuberkulose, wie sie sich dann in der 
Rheinprovinz zeigen würden, nachgehen zu können, und die dort 
in Betracht kommenden Stellen anzuregen, der Bekämpfung der 
Tuberkulose ein noch grösseres Augenmerk zu schenken als bisher; 
insbesondere auch die Ursachen einer grösseren Tuberkulosesterblich¬ 
keit als in den Nach barkreisen aufzudecken zu suchen. Auf diese 
Weise wird es vielleicht gelingen, der Tuberkulose noch weitere 
Opfer zu entringen, als es seither geglückt ist. 

Meinen Untersuchungen sind die in den vom Kgl. Preussischen 
Statistischen Bureau in Berlin veröffentlichten Heften: „Preussische 

Centralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXVIII. Jahn?. 12 


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172 


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Statistik. Die Sterblichkeit nach Todesursachen und Altersklassen 
der Gestorbenen im Preussischen Staate während der Jahre 1900—1906“ 
(Heft 171, 179, 184, 189, 195, 199 und 208) enthaltenen Zahlen 
bezüglich der Todesfälle an Tuberkulose zugrunde gelegt. Aus 
dieser Quelle sind auch die benutzten Zahlen für die Tuberkulose¬ 
sterblichkeit in den Stadt- und Landgemeinden, sowie die Unter¬ 
scheidung zwischen der Tuberkulosesterblichkeit bei Männern und 
Frauen entnommen. 

Während sich nun die Zahl der Einwohner der einzelnen 
rheinischen Kreise, getrennt nach Stadt- und Landbevölkerung, 
ohne weiteres aus dem vom Kaiserlichen Statistischen Amte (Berlin 
1907) bearbeiteten „Verzeichnis der Gemeinden und Wohnplätze 
des Deutschen Reiches von mindestens 2000 Einwohnern“ entnehmen 
liess, war eine derartige Zusammenstellung der Einwohnerzahl in 
den einzelnen Kreisen, getrennt nach dem Geschlecht, nicht zu 
finden. Ich habe mich daher darauf beschränken müssen, aus den 
in Band 150 (S. 119) der „Statistik des Deutschen Reiches“ und in 
der „Zeitschrift des Kgl. Preussischen Statistischen Landesamt" 
1908, III Abteilung (S. 87), Vorgefundenen diesbezüglichen Angaben 
die Zahl der münulichen und weiblichen Einwohner der einzelnen 
rheinischen Regierungsbezirke zu berechnen und die Gegenüber¬ 
stellung nicht auch kreisweise, sondern nur nach den Regierungs¬ 
bezirken zu machen. Im übrigen sind die Tuberkulösester befalle 
auch in der 1. Zusammenstellung bezttgl. der Stadt- und Land¬ 
bevölkerung für jeden Kreis besonders aufgeführt, so dass etwaige 
Berechnungen, welche in den einzelnen Bezirken dieserhalb an¬ 
gestellt werden sollen, sich unschwer vornehmen lassen, sobald nur 
die Verhältniszahl der Geschlechter in dem betreffenden Kreise 
bekannt geworden ist. 

Um den tatsächlichen Verhältnissen möglichst zu entsprechen, 
sind als Einwohnerzahlen die aus dem endgültigen Ergebnisse der 
Volkszählungen von 19UÜ und 1905 entnommenen Zahlen nur für 
das Jahr 1900 bzw. 1905 eingesetzt, während für die Jahre 1901 
bis 1904 und für das Jahr 1906 die aus dem Vergleich der beiden 
Volkszählungen sich ergebenden Durchschnittszahlen eingesetzt sind. 

Was nun das Ergebnis der Zusammenstellungen angeht, so 
könnten eigentlich die in den beiden nachfolgenden Tabellen ent¬ 
haltenen Zahlen für sich allein sprechen. Indessen möchte ich doch 
noch einige Punkte besonders hervorheben. 

Während die Tuberkulosesterblichkeit im ganzen Königreich 
Prcussen sich in den Jahren 190t)—1900 zwischen 21,13 und 17,26, 
auf 10 000 Lebende berechnet, bewegt, beträgt dieselbe in der 
gleichen Zeit in der Plieinprovinz: 23,2—19,0. 

Am höchsten steht hier der Regierungsbezirk Cölu mit einem 


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173 


Durchschnitt in den sieben Jahren von 23,9; am besten der Re¬ 
gierungsbezirk Aachen mit einem Durchschnitt von 19,2. 

Von den einzelnen rheinischen Kreisen weist der Kreis Erke¬ 
lenz die höchste Tuberkulosesterblichkeit auf (31,5); es folgen: 
Geldern (29,8), Grevenbroich (29,8), Euskirchen (29,4), Crefeld-Land 
(28,8), Waldbröl (27,8), St. Wendel (27,5), Solingen-Stadt (27,4), 
Siegkreis (27,1), Heinsberg (26,8), Wipperfürth (26,4), Montjoie 
(26,3). 

Am besten stehen die Kreise: Aachen-Land (13,1), Mülheim 
a. d. Ruhr (14,7), Coblenz-Land (14,8), Meisenbeim (15,0), Essen- 
Land (16,0), Saarburg (16,0), Jülich (16,7), Eupen (17,0), Saar¬ 
brücken (17,4), Düsseldorf-Stadt (17,6), Aachen-Stadt (17,7), Crefeld- 
Stadt (18,0). 

Im allgemeinen herrscht eine grössere Sterblichkeit an Tuber¬ 
kulose bei der städtischen Bevölkerung als bei der ländlichen. Die 
grösste Spannung besteht hier in den Hohenzollernschen Landen, 
wo der Unterschied 26,7 zuungunsten der Stadtbewohner be¬ 
trägt. Im Regierungsbezirk Düsseldorf üherwiegt die Stadt¬ 
bevölkerung um 0,9, im Regierungsbezirk Trier um 0,5. Dagegen 
ist in den Regierungsbezirken Aachen die Sterblichkeit der Land¬ 
bevölkerung um 2,5, Cöln um 0,6 und Coblenz um 0,3 höher als 
die der Stadtbevölkerung. 

Die höchsten Sterblichkeitsziffern der Stadt bevölkerung finden 
wir in Geldern mit 34,6 und in Herzig mit 33,9; die höchste 
Sterblichkeit wegen Tuberkulose unter ländlicher Bevölkerung 
in den Kreisen Erkelenz (33,4), Euskirchen (30,8), Grevenbroich 
30,8). 

Die tuberkulosefreieste Stadt bevölkerung weist der Kreis 
Coblenz-Land mit 8,6 Tuberkulosetodesfällen auf 10000 Lebende auf, 
bezüglich der Landbevölkerung steht der Kreis Mülheim a. d. Ruhr 
mit 12,1 am günstigsten. 

Was die Tuberkulosesterblichkeit der beiden Geschlechter 
angeht, so ist die Sterblichkeit der männlichen Bevölkerung in der 
Itheinprovinz grösser als die der weiblichen. Bei beiden zeigt 
sich allerdings eine gleiehmässige Tendenz zum Fallen; während 
Gei den Männern im Jahre 1900 auf 10000 Lebende 25,0 Todes¬ 
fälle an Tuberkulose vorgekommen sind, beträgt im Jahre 1906 
diese Zahl nur noch 19,9; für die weibliche Bevölkerung sind die 
entsprechenden Ziffern 21,3 und 18,1. 

Allein im Regierungsbezirke Trier überwiegen die Todesfälle 
an Tuberkulose bei der weiblichen Bevölkerung. Im Durchschnitt 
der sieben Jahre starben dort auf 10000 Lebende 21,0 Frauen und 
nur 20,3 Männer. Die übrigen rheinischen Regierungsbezirke 
zeigen eine grössere Sterblichkeit der männlichen Bevölkerung. 


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Die DarcbschnittszahleQ sind fUr 

Cöln.27,3:21,2 

Düsseldorf.22,8 :18,9 

Aachen.20,9:17,5 

Hohenzollern . .22,6: 21,3 

Coblenz. 20,9 :20,2 

Wenn ich nnnmehr für die Einzelheiten auf die nachfolgenden 
beiden Tabellen verweisen möchte, so geschieht dies mit dem 
Wunsche, dass in denjenigen Bezirken, in welchen ungünstige Ver¬ 
hältnisse festgestellt werden, der Bekämpfung der Tuberkulose 
von den in Frage kommenden Faktoren noch mehr Beachtung zu¬ 
gewandt werden möge, dass aber auch in den übrigen Kreisen 
durch die Feststellung günstiger Verhältnisse nicht der Eifer zu 
Massregeln gegen die verheerende Volksseuche erlahmen möge, 
sondern auch hier noch ein weiteres Zurückdrängen der Tuber¬ 
kulose in künftiger Zeit zu verzeichnen wäre. 


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Tabelle 1 


Tuberkulose in Stadt und Land. 


l. 


2 . 

3. 


Einwohnerzahl im Durchschnitt nach den Volkszählungen am 1. De¬ 
zember 1900 und 1905 

a) insgesamt, 

b) in Städten, 

c) in Landgemeinden. 


Absolute Zahl der Todesfälle an Tuberkulose 

a) in Städten 

b) in Landgemeinden 


getrennt nach .Männern und Frauen. 


Zahl der Todesfälle wegen Tuberkulose auf 10000 Einwohner berechnet. 
(Das + oder — gegenüber der von Prof. Fränkel für ganz Preussen 
berechneten Durchschnittszahl.) 


4. Zahl der Todesfälle wegen Tuberkulose auf 10000 Einwohner berechnet: 

a) in Städten, 

b) in Landgemeinden. 


Kreis 


1900 

1901 

1902 

1903 

1904 

1905 

1 

1906 

Durch¬ 

schnitt 

Stadt 

Düsseldorf 

1 a 
b 

J213711 

221624 

229537 

237450 

245362 

253274 

261187 

1 

1 

i 

1 

! 

i 

2 a 265—188 

U ' 

257 — 142 228—148 

235 —170 230—169 

239-190 

253 -207 



U 

3 

21,2 

18,0 

16,3 

17.0 

16,3 

16,9 

17,6 

i 17.6 



(+0,07) 

(—1,54) 

(-2,74) 

(-2,64) 

(-2,91) 

(-2,23) 

(+0,34) (-1,68) 


4 a 

1 b 

21,2 

18,0 

16,3 

17,0 

16,3 

16,9 

17,6 

17,6 

Düsseldorf 

1 a 

96579 

100749 

104920 

109090 

113261 

117431 

121601 


Land 

b 

35969 

37291 

38614 

39937 

41260 

42582 

43904 



c 

60610 

63458 

66306 

69153 

72001 

74849 

77697 



|2a 

59-42 

63-43 

58-32 

63-46 

64-49 

75—50 

61—39 



1 b 

62-65 

85—74 

83-66 

97-81 

93-75 

101-72 

94-95 



! 3 

23,6 

26.7 

22,8 

26,3 

24,8 

I 25,4 

23,7 

24,7 

1 


(+2,47) 

(+7,16) 

(+3,76) 

(+6,34) 

(+5,59) 

1 (+6,27) 

(+6,44))( + 5,42) 


4 a 

28,0 

28,4 

25,0 

23,3 

27,2 

27,3 

1 29,3 

22,8 

26,6 

1 

b 

20,9 

22,4 

25,7 

23,3 

23,1 

24,3 

23,5 

j 

Cleve 

1 

1 a 

59642 

60782 

61922 

63063 

64202 

65343 

66483 


j 

b 

23779 

24363 

24947 

25531 

26114 

26697 

27280 

i 


c 

35863 

36419 

36975 

37532 

38088 

38646 

39203 



2a 

34—22 

34-17 

34-26 

28-27 

23-33 

21-23 

34—23 



b 

37—50 

39-35 

50—35 

45-39 

46-37 

32-35 

43—35 

1 


j3 

25,6 

20,5 

23,0 

22,0 

21,6 

17,0 

20,3 

21,4 


1 

(+6,47) 

(+0,96) 

(+3,96) 

(+2,36) 

(+2,39) 

(-2,13) 

(+3,04) (+2.12) 


)4a 

23,9 

20,9 

l 24,4 

21,5 

1 21,4 

16,4 

20,8 

21,4 


j b 

24,2 

20,3 

1 22,9 

i 

22,4 

1 22,3 

17,3 

19,9 

21,4 


il 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSUM OF IOWA 







176 



,- 

— — 

— 





1906 

Durch- 

Kreis 


1900 

1901 

1902 

1903 

1904 

1905 

schnitt 

Geldern 

: 

1 a 

57424 

57696 

57969 

58242 

58514 

58786 

59058 

i 


b 

6*56 

6396 

6435 

6474 

6513 

6552 

6581 

1 


1 c 

51068 

51300 

51534 

51768 

52001 

52234 

52477 



2a 

10—12 

12-20 

12—13 

4-13 

14-9 

14—19 

6-9 

| 


b 

75-59 

78—79 

73-68 

80-82 

87—72 

92-72 

59-74 



3 

27,0 

32,7 

28,6 

30,7 

31 1 

33,5 

25,0 

29.8 


1 

(+5,87) 

(+13,16)i (+9,56) 

(+11,06) (+11,90) ( + 13,37) 

(+7,74) (+10,52) 


4a 

34,6 

34,4 

38,8 

26.2 

35,3 

50,3 

22,8 

34,6 

28,5 


b 

26,2 

30,6 

27,3 

31,1 

28,6 

31,4 

24,4 

Mors 

la 

82501 

87459 

924 L8 

97376 

102334 

107292 

112250 

i 


b 

14819 

15173 

15528 

15883 

16237 

16591 

16945 



c 

67682 

72286 

76890 

81493 

86097 

90701 

105305 

| 


2a 

28—27 

18—17 

19-10 

26—14 

26—13 

24-19 

31-46 

■ 


b 

115-92 

109-102 

81-79 

105-84 

92-79 

95—114 

78-92 1 


3 

31,7 

28.1 

20,4 

(+1,36) 

23,4 

20,5 

23,5 

22,0 

24,2 



(+10,57) 

(+8,56) 

(+3,76) 

(+1,29) 

(+4,37) 

(+4,74) 

(+4,92) 


4 a 

37,1 

23,0 

18.7 

25.1 

20,4 

25,3 

45,4 

27,9 


b 

30,6 

29,2 

20,8 

23,2 

19,9 

23,0 

16,1 

23,2 

Kempen 

l 

1 a 

94614 

95401 

96188 

96975 

97762 

98550 

99337 

1 

; b 

28184 

28646 

29108 

29570 

30032 

30493 

30954 



c 

66430 

66755 

67080 

67405 

67730 

68057 

68383 



2a 

36-32 

32-29 

32—35 

35-32 

40-43 

40-44 

45—45 



b 109—85 

114—100 

92-92 

96-97 

91 —80 

89-96 

114—114 

1 


S 

27,6 

28,8 

27,1 

(+8,06) 

26,8 

26,0 

27,3 

31,0 

27,8 



(+6,47) 

(+9,26) 

(+7,16) i (+6,79) 

(+8,17) 

( + 13,74) 

(+8,52) 


,4a 

24,1 

21,3 

32,0 

23,0 

22,6 

27,6 

27,5 

29,0 

25,0 

29,2 

i 


b 

i 

29,2 

27,4 

28,6 

25,2 

27,1 

33,3 

Stadt Crefeld 

l 

la 

b 

}106893 

110234 

113575 

116916 

120256 

123597 

126938 

1 


c 

1 r» 

2 a 

u 

108-91 

105-66 

122—103 126-87 

126-100 

128-96 

108—110 

( 

1 

t 

o 

3 

18.6 

15,5 

18.8 

19,0 

18,8 

18,1 

17,1 

18.0 

(-1,28) 

1 


(-2,53) 

(-4,04) 

(-0,24) 

(—0,64) 

(-0.41) 

(-1,03) 

(-0,16) 


4a 

b 

18,6 

15,5 

18,8 

19,0 

18,8 

18,1 

17,1 

18,0 

Crefeld Land 

1 a 

44180 

42612 

41044 

39475 

37906 

36338 

34770 



b 

6640 

6889 

7139 

7389 

7638 

7887 

8136 



1 c 

37540 

35723 

33905 

32086 

30268 

28451 

26634 



2 a 

10-8 

6-11 

9-9 

19—6 

12-16 

9-11 

10-19 



b 

45-57 

34-28 

49—46 

41—53 

54-49 

50-41 

42—45 



3 

27.0 

18,5 

27,5 

30,1 

34,6 

30,5 

33,4 

28,8 

! 

! 

(+5,87) 

(-0,96) i 

(+8,46) 

( + 10,46) (+15,39) 

( + 11,37) 

(+16,14) 

(+8,52) 


4a 

27,1 

24,7 ; 

25,2 

33,8 

36,6 

25.3 

34,4 

29,6 

i 

1 b 

i 

27,0 

17,3 j 

28,0 

29,2 

34,0 

31,9 

32,6 

28,4 

Stadt 

M.-G ladbar h 

la 

1 b 

! n 

} 58023 

58561 j 

59098 

59635 

60172 

60709 

61236 

1 

| 

C 

2a 
i h 

72—67 

28—71 

64-64 

93 71 

78-68 

77—62 

71-60 j 


i 

3 

23,9 

27,1 1 

21,6 1 

27,5 

24,2 

22,9 

21,3 

24,0 

1 


(+2,77) 

(+7,56) 

(+2,56) 

( + 7.86) 

(+4,99) 

(+3,77) 

(+4,04) 

(+4,72) 


!4a 

23,9 

27,1 1 

21,6 

27,5 

24,2 

22,9 

21,3 

1 24,0 


i b 

— 

- 1 

— 

— 


— 

— 

i — 


Digitized by 


Gck 'gle 


Original frnm 

UMIVERSITY OF IOWA 







177 


Kreis 

l 

1900 

i 

i 

1901 

1902 

i* 

M.-Gladbäch 1 a 

l 

I 127899 

131825 

135751 

Land 

b 

80687 

82966 

85246 


c 

47212 

48859 

50505 


2 a! 

90-93 

100-87 

110-92 


b 

73-71 

66-54 

54-52 


3 1 

25,5 

23,3 

22,7 



(+3.37) 

(+3.76) 

(+3,66) 


4a 

22,6 

22,5 

23,7 


b, 

30,5 

24.5 

20,9 

Neuss 

"la 

64090 

65623 

67157 


b 

28472 

28862 

29259 


1 c 

36618 

36761 

37898 


2 a 

38-45 

33-39 

33-29 


b 

49-53 

40-47 

50-45 


3 

28,8 

24,2 

21,9 


1 

(+7,67) 

(+4,66) 

(+2,86) 


4 a 

29,1 

24,9 

21,2 


b 

27,8 

23,8 

25,0 

Greven- 

la 

45842 

46077 

46313 

broich 

b 

6540 

6549 

6558 


c 

39302 

39528 

39755 


2 a 1 

10-9 

4-1 

6-3 


b 

67-58 

61- 42 

67-77 


3 

31,4 

23,4 

33,0 


(+10,27) 

(+3,86) (-f 13,96) 


4a 

29,0 

7,6 

13,1 


b 

31,8 

! 26,0 

36,2 

Kees 

1 a 

70893 

71541 

72189 


b 

40456 

40800 

41145 


c 

30437 

30741 

31044 


2 a 

51-31 

48-24 

56-40 


. b : 

32—32 

36-34 

31-40 


3 

20,5 

19,8 

23,1 



(-0,63) 

(+0,26) 

(+4,06) 


4 a 

20,2 

17,6 

23,3 


b 

21,0 

22,4 

22,5 

Stadt Essen 

1 aj 
b! 

}118862 

141362 

163862 


2 a 140—116 236-162 215—161 


Ol 

3 i 

21,5 

28,1 

22,9 


1 

(+0,37) 

(+8,56) 

(+3.86) 


4 a 
b; 

21,5 

28,1 

22,9 

Essen Land 

la 

284079 

276100 

268242 


b 

29177 

29364 

29552 


c 

254902 

246796 

238690 


2 a 

40-27 

34-29 

29—19 


b 224—182 166-144 151—137 


3 

16,6 

13,5 

16,2 



(-4,73) 

(-6,04) 

(-2,84) 


4a 

22.9 

21,4 

16,6 


b 

15,9 . 

12,6 i 

12,1 


Digitized by 


Gck 'gle 


1903 

1904 

1905 

1906 

Durch- 

; schnitt 

139677 

143603 

147529 

151455 

i 

87526 

89806 

92086 

94365 

i 

52151 

53797 

55443 

57090 


102—99 

115-118 119-116 119-103 


86-65 

72-69 

63 71 

70-58 


25,2 

26,0 

25,0 

23,1 

24,3 

(+5,56) 

(+6,79) 

(+5,87; 

(+5,84) 

(+5,02) 

24,1 

25,9 

25,5 

23,5 

23,9 

28,9 

26,2 

24,1 

22,4 

25,3 

68691 

70225 

71758 

73291 


29653 

30047 

30440 

30833 


38938 

40178 

41318 

42458 


42—33 

37—38 

31-44 

29-40 


45—47 

42-51 

48-57 

37-45 


24,3 

23,9 

25,1 

20,6 

24,1 

(+4,66) 

(+4,69) 

( + 5,97) 

(+3,34) 

(+4,82) 

25,3 

24,9 

24,6 

22,3 

24,6 

23,6 

23,1 

25,4 

19,3 

24,0 

46548 

46783 

47018 

47253 


6568 

6578 

6587 

6596 


39980 

40205 

40431 

40657 


10-13 

10-15 

10-11 

4-5 


81-53 

61-66 

48—66 

56-59 


33,7 

32,5 

28,7 

26,2 

29,8 

( + 14,06) 

(+3,29) 

(+9,57) 

(+8,94) (+10,52) 

35,0 

38,0 

31,9 

13,6 

24,0 

33,5 

31,5 

28,1 

28,3 

30,8 

72837 

73485 

74133 

74781 


41489 

41833 

42177 

42521 


31348 

31652 

31956 

32260 


55-20 

53-46 

48-28 

48-37 


41-31 

32—38 

37—39 

34-38 


20,1 

23,4 

20,5 

20,9 

21,2 

(+M6) 1 

(+4,19) 

(+1,37) 

(+3,64) 

(+1,92) 

18,3 

23,7 

18,0 

20,0 

20,1 

22,9 

i 22,1 

1 

23,8 

! 

22,3 

22,4 

186362 

! 208861 

231360 

253859 


238—174 222 —17l|212—179 215—162 


22,1 

18,8 

16,8 

14,8 

20,7 

(+‘2,46) 

(-0,41) 

(-2,33) 

(-2,46) 

(+1,42) 

22,1 

18,8 

16.8 

14,8 

20,7 

260324 

252406 

244486 

237568 


29740 

29927 

30114 

30301 


230584 

222479 

214374 

207267 


27-25 

36-29 

49-31 

34-30 


192-177 

194-171 164-170 148-156; 


16,2 

17,0 

16,9 

15,5 

16,0 

(-3,44) 

(-2,21) 

(-2,23) 

(-1,76) 

(-3,28) 

17,5 

21,7 

26,6 

21,1 

21,1 

16,0 

16,4 

15,6 

14,7 

, 14,8 


Original frnm 

UMIVERSITY OF IOWA 





178 








— 

■ — 

— . _ - 



t | 

i 





1905 

1906 

Durch- 

Kreis 

, 1 

1900 

1 

1901 

1902 

1903 

i 

I 1904 

1 1 

schnitt 

Stadt 

Duisburg: 

la 

b 

j160737 ' 

167058 

173380 

179702 

186024 

192346 

198667* 



2a 211—173 175-147 195-161 182—158 183-101 167—122 170-136 

1 



D 

3 

23,9 . 

19,3 

20,5 

18,9 

15,2 

15,0 

15,4 

■; 18,3 


ii 

(+2,77) 1 

(-0,24) 

( + 1,46) 

(-0,74) 

(-3,99) 

(-4,13) 

(-1,86) 

(-0,98) 


4 a 
b 

23,9 | 

19,3 

20,5 

18,9 

15,2 

15,0 

15,4 

1S.3 

Ruhrort 

la 

92000 

99436 

107872 

114309 

121745 

129181 

136617 



b 

4006 

4411 

4816 

5221 

5626 

6031 

6436 



c 

87994 : 

95025 

103046 

109088 

116119 

123150 I 

130181 



2a 

6—5 i 

5—6 

4-5 

5-5 

1 8—6 

6-2 

10-7 

i 


b 

64-65 

70-65 

78—63 

106—115 129—121 138-131 149-131 



3 

15,2 ! 

14,7 

13,9 

20,2 

21,7 

21,3 

21,7 

1\4 



(—5,93) ; 

(-4,84) 

(-5,14) 

(+0,56) 

(+2,49) 

(+2,17), 

(+4,44) 

(—0.88) 


4 a 

27,4 

24.9 

18,7 

19,1 

24,9 

13,2 

26.4 

22,1 


b 

14,5 j 

14,2 

13,7 

20,2 

21,5 

21,8 

21,5 

16.8 

Mülheim 

1 a 

150959 

156858 

162757 

168656 

174555 

180453 

186451 

! 

a. d. Ruhr 

b 

80597 ; 

83199 

85799 

88399 

90999 

93599 

96199 



c 

70362 ! 

73659 

76958 

80257 

83556 

86854 

90252 



2 a 

76-54 

45-24 

56-28 

48-39 

134-114 119-111 118-108; 


b 

84-49 

74-65 

56—59 

63-67 

19-29 

25-23 

24-23 



3 

17,4 

13,2 

12,2 

12,9 

16,9 

15,4 

15,1 

14.7 



(—3,73) ' 

t—6.34) 

(-6,84) 

(-6,74) 

(-2.31) 

(-3,73) 

(-2,16) 

(—4.58) 


4 a 

16,1 

8,3 

9,8 

9,8 

27,2 

24,5 

23,5 

17,0 


b 

18,9 ! 

18,8 

14,9 

16,1 

5,7 

5,5 ' 

5,2 


Mettmann 

1 a 

92489 : 

94764 

97040 

99316 

101592 

103867 

106143 

.j 


b 

53261 ; 

54461 

55661 

56861 

58061 

59261 

60461 



c 

39228 ! 

40303 

41379 

42455 

43531 

44606 

45682 



2 a 

64-41 , 

78-44 

58 — 46 

71-51 

83-44 

57—56 , 

60-48 

i 


b 

44-27 i 

30-27 

46—30 

36 -28 

40-37 

27-39 

35-34 

! i 


3 

19,0 ; 

18,8 

18,5 

18,7 

20,0 

17,2 

16,6 

1 18.4 


, 

(-2,13) 

(-0,74) 

(—0,51) 

(-0,94) 

(+0,79) 

(—1,93) i 

(-0,66) 

(-0,88) 


4 a 

19,7 

22,4 

18,9 

21,4 

21,8 

19,1 

17,8 

15,1 

< 20,1 


b 

18.1 

14,1 

18,3 

15,1 

17,7 

14,8 

1 16.1 

Stadt 

Elberfeld 

1 a 
b 

J156966 

158143 

159321 

160499 

161676 

162853 

164030 

i 


2a 228-1441224-127 191-156210-186 190-150 189-145 181—128, 



b 

3 

21.8 i 

22,2 

21,8 

24.6 

21,0 

20,5 
( + 1,37) 

18,8 

21,5 

(+2.22) 



(+0,67)' 

(+2.66) 

(+2.74) 

(-1-4,94) 

( + 1,73) 

( + 1,54) 


4 a 
b 

21,8 , 

i 

22,2 

21,8 

24,6 

21.0 

20,5 

18,8 

21.5 

Stadt 

Bannen 

1 a 
b 

}141944 ; 

144771 

147599 

150426 

153253 

156080 

158907 | 



c 
2 a 

192—116 188—120 186—146 156-136 159-123 164—152 159- 135 



b 

3 

21,7 

21,8 

22,5 

19,4 

18,4 

20,2 

18,5 

20.2 


, 

(+0,57) : 

( + 1,06) 

( + 3,46) 

(-0,24) 

(—0,81) 

18,4 

(+1,07) 

(+1,24) ■ 

1 + 0.92) 


4 a 

21,7 

21,8 

22,5 

19,4 

20,2 

18,5 

20,2 


b 

— i 

— 

— 

— 

— 

— 

— 1 

— 


Digitized by 


Gck 'gle 


Original frnm 

UMIVERSITY OF IOWA 



179 



_ 



1903 

1904 



Durch- 

Kreis 

1900 

1901 

1902 

1905 

1906 

1 

1 






schnitt 

i 

Lennep 

• 

1a 77438 

77796 

78155 

78514 

78872 

79230 

79588 


b 64362 

64817 

65273 

65729 

66185 

66640 

67095 



c 13076 

12979 

12882 

12795 

12687 

12590 

12493 



2 a- 81-63 

86-63 

79—50 

83-71 

88-64 

87-69 

82-64 


; 

b 7—8 

12-6 

12-6 

13-8 

12-17 

18—16 

12—7 



3 : 20.5 

21,5 

(+1,96) 

18.8 

22.3 

22,9 

23,9 

20,7 

21,5 

j 

(-0,63) 

(-0,24) 

(+2,66) 

( + 3,69) 

( + 4,77) 

( + 3.44) 

(+2,22) 


4 a 22,4 

22,8 

19,6 

23,4 

22,9 

23,4 

21,7 

22,2 


b ; 

13,9 

13,9 

16,4 

22,8 

27,0 

15,2 

17,2 

Stadt 

Rem- 

58103 

59350 

60598 

61846 

63093 

64340 

65587 


scheid 

c — 

— 

— 

— 

— 

— 

— 


i 

2 a 74-37 

u 

87-40 

70-48 

71-51 

73-43 

83-56 

74-51 



b — 

3 19,0 

21,3 

19,4 

19,7 

18,3 

21,6 

19,0 

' 19,7 


: (- 2 , 13 ) 

(+1,76) 

( + 0,36) 

(+0,06) 

(-0,91) 

(+2,47) 

( + 1,74) 

(+0,42) 


4 a 19,0 

b - 

21,3 

19,4 

19,7 

18,3 

21,6 

19,0 

19,7 

Staclt 

Solingen 

j 45260 

46011 

46763 

47515 

48267 

49018 

49769 



2a 104-43 

1-, 

100 39 

76-36 

78-32 

95-47 

83-53 

89-41 



3 32,4 

30.2 

23,0 

23,1 

29,4 

27,9 

26,1 

27,4 


(+11.27) 

(+10,66) 

( — 3,96) 

(+3,46) 

( + 10,19) 

(+8,77) 

(+8,84) 

(+8,12) 


4 a 32,4 

: b — 

30,2 

23,0 

23,1 

1 

29,4 

27,9 

26,1 

27,4 

Solingen 

la 112539 

116885 

i 121232 

1 

: 125579 

129926 

134272 

: 138618 


Land 

b 79926 

82587 

85 >49 

! 87911 

1 90573 

93235 

95896 



c 32613 

i 84298 

i 35983 

37668 

: 39353 

, 41037 

42822 



2a 111-77 

: 130-48 

[121-81 

105 — 75 

123-76 

120—82 

! 101—79 



b 42—25 

32-19 

! 33-26 

1 36-34 

! 41-35 

44- 37 

■ 33-33 



3 22,6 

, 19,6 

21.5 

19,9 

21,1 

21,1 

1 17,7 | 

20.5 


(4-1,47) 

! ( + 0,06) 

(+2,46) 

; (+0,26) 

(+1,89) 

( + 1,97) 

i (+0,44) , 

■(+1.22) 


4 a 23,5 

! 21,5 

23,7 

20,4 

21,9 

21,6 

! 18,8 : 

21.6 


b 20,5 

; 14,8 

16,4 

18,5 • 

19,2 

19,7 

| 15,4 

: 17,8 

RegvBez. 

la 2599806 

2677693 

2755581 

: 2833469 

2911356 

1 2989243 

3067130 


Düssel¬ 

b 1576723 

1649466 

1723253 

1797111 

! 1870786 

! 1944647 

2007099 , 


dorf 

c 1023083 

1028217 

1 1032328 

1036358 

1040570 

| 1044596 

1060031 ! 



2a[2109-1533 2205-1434'2077-1566 2146-1669 2237-1714[2204-1795 2147-176Ö 

i 


b; 1159-1007 1068-933 

1032-948 

1165-1075 1078-999 

2038-1057 

993-1011 



3 1 22,3 

21,0 

20,4 

21,3 

20,7 

20,3 

19.2 

20,7 


(+1,17) 

( + 1,46) 

( + 1,36) 

(+1,66) 

(+1,49) 

(+1.17) 

(+1,94) 

(+1.42) 


4 a 23,1 

20,0 

21,1 

21,2 

21.1 

20,5 

19,4 

20,9 


b 21,1 

19,4 

19,1 

21,6 

19,9 

20,0 

18,9 

20,0 

Stadt 

Cöln 

[372529 

383767 

395006 

406245 

417484 

428722 

439960 


i 

c — 

2 a 592—472 

ui 

565-411 

535-408 

572-388 

570-432 

528-436 

532—394 

1' 

i 

b — 

3 28,5 

25,4 

23,8 

23.6 

24,0 

2,2 

21,0 

24.1 

! 

i (+7,37) 

(+5,96) 

(-1-4,76) 

(+3.94) 

( + 4,79) 

(+3.07) 

( + 3,74) 

(+6.82) 


4 a 28,5 

25.4 

23,8 

23,6 

24,0 

22,2 

21,0 

24,1 

i 

b , — 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 


Digitized by Gougle 


Original frnm 

UMIVERSITY OF IOWA 






180 


— 

■ r 





i 

1 Durch- 

Kreis 

1900 

! 

1 1901 

i 

1902 

1903 

1 

1904 

I 1905 

1 1906 " 

schnitt 

Cüln Lund 

1 a 85293 

88103 

90913 

93723 

96533 

99343 

1 102153 i 


bj 27024 

28197 

29317 

30545 

31719 

32893 

34066 


11 c 08269 

59906 

61542 

63178 

64814 

66450 

68087 , 


2ai 27-18 

18-18 

24-19 

31-23 

29-26 

44-29 

44-32 11 


b 89-84 

95-71 

77-63 

90-56 

70-65 

! 68-60 

57-68 


3 ! 25,5 

22,8 

20.1 

' 21,3 

19.6 

20,2 

! 19,7 1 21,3 


, (+4,37) 

(+3,26) 

( + 1,06; 

(+1,66) 

(+0.39) 

( + 1,07) 

(+ 2,44) i (+2,02) 


4ai 16,6 

12,7 

14,6 

17,7 

17,3 

22,2 

22,0 ' 17,6 


bl 29,7 

27,7 

90 7 

-> ' 

23,1 

20,8 

19,2 

18,3 ; 23,1 

Berlin* im 

la ! 47518 
b -- 

c 47518 
2 a — 

b 71—54 

47989 

48461 

48933 

49404 

49875 

: 50346 


47989 

48461 

48933 

49404 

49875 

50346 


59-60 

55-49 

53-54 

47-55 

53-54 

i 38-50 ii 


3 26,1 

24,6 

21,4 

21,8 

20,6 

21,5 

17,4 , 21,9 


(+4,97) 

(+5,04) 

! ( + 2,36) 

(+2,16) 

( + 1,39) 

: (+2,37) 

(+0,14) 1 (+2,62) 


4a — 

— 

1_ 

_ 

— 

— 

- i - 


bi 26,1 

24,6 

21,4 

21,8 

20,6 

21,5 

17,4 21.9 

Stadt Bonn 

aa'l 00736 
b |) 

56988 

63240 

69492 

75744 

81996 

88248 lj 


c — 

2a, 68—51 
b' - 
3 23,4 

90-58 

90-77 

91-74 

112 -101 137- 105 120 - 84 : 


26.0 

! 26,4 

23,7 

28,1 

29.5 

; 23,1 ! ; 25.7 


; (+2,27) 

(+6,46) 

( + ■7,36) 

(+4.06) 

(+8,89) 

( + 10,37) 

1 (+5,84) (+6,42) 


4 a, 23,4 
b 1 - 

26,0 

26,4 

23,7 

' 28,1 

29,5 

| 23,1 1 25,7 

Bonn Land 

la 77425 

74702 

| 71978 

69254 

66530 

63807 

61084 1 


^ _ 

l cj 77425 

74702 j 

71978 

69254 

66530 

, 63807 

61084 ij 


2 a 1 - 

— 

— 

— 

— 

— 

1 _ 

i 

b 103-71 

100-68 

114-81 

117-76 

77-57 

49-70 

1 63-64 J 


3 i 22,4 

22,5 ! 

1 27,2 

27,8 

20,1 

18,6 

20,8 i 1 22,8 

I 

(+1.27) 
4al — 
bj 22,4 

( + 2,96) 

1 (+"8,76) 

( + 8.16) 

( + 0.89) 

(-0.53) 

( + 2,54) ( + 2,52) 

1 

22.5 

27,2 

27,8 

20,1 

18,6 ; 

20.8 i 22,8 

Euskirchen 

la 32448 

35384 | 

38321 

41258 

44195 

' 47132 

50068 ; 


bi 12435 

12639 1 

12842 

13045 

13248 

13151 

13654 


c' 20013 

22745 

25479 

28213 

30947 

33681 

36414 


2 a 21-12 

21-15 

12-27 

15-17 

17-19 

1 20—13 

13-16 , 


bj 41-47 

36-48 | 

48-51 

43-39 

30-49 

37-36 ' 

34-40 


3 36,1 

33,9 ! 

38,6 

27.6 

26,0 

02 5 1 

20,6 i, 29,4 


:(+ 14.97 ) 

( + 14,36) ( + 19,56) 

(+7.96) 

(++79) 

(+2,37) 

(+3.34) ; (+9,12) 


4 a 26,5 

28.5 | 

30.3 

24,5 

27,2 

24,5 

21,2 , 26.1 

1 

b ! 43,9 

36,9 

38.8 

29,0 

25,5 

21,6 

20,3 i 30.8 

i 

Kheinbaeh 

la‘ 28251 

29157 j 

30064 

30971 

31877 ‘ 

32783 j 

1 

33689 | 

1; 

b 4963 

4975 

4987 

4999 

5010 

5021 

5032 i 


c 23288 

24182 

25077 

25972 

26867 

27768 

28657 |i 


2 a 6-5 

7 6 

3-6 

4-8 

6-8 

3—5 ' 

4-3 || 


b 35-34 

37—35 

42-40 

36-30 

46-28 

32-32 

30-27 „ 


3 i 27.6 

29,1 

30,2 

25,1 

27.6 

21,6 1 

18,9 ! 25,7 

(+1,64) (+5,42) 


1 ( + 6,47) 

(+9,56) 

(+11,16) 

( + 5,46) 

(+S.M9) 

(+2,47) ; 


4a : 22,2 

26,1 

18.0 

24,0 

27,9 1 

15,9 i 

13,7 1 21,1 


b| 29,6 

29,7 

32,6 

25,2 

27,5 

23,0 

19,9 1! 26,8 


Digitized by Gougle 


Original frnm 

UMIVERSITY OF IOWA 




181 


Kreis 

1900 

1901 

1902 

1903 

1904 

1905 

1906 

! Durch- 
| schnitt 

Wipperfürth la! 30545 

30082 

29619 

29156 

28693 

28*230 

27767 


1) 

! 5453 

5510 

5507 

5624 

5681 

5738 

5795 

v 

25092 

24572 

24052 

23532 

23012 

22492 

21972 

1 

2 a 

7-3 

5—3 

11-4 

7—7 

5-5 

7-5 

8-1 

| 

b 

56-45 

43-36 

34-27 

37-26 

40-30 

31-34 

27-1 

{ 

3 

36 3 

2S.9 

25.0 

20,4 

27.8 

27,3 

13,3 

26,4 


(+15,17) 

(+9.3«) 

(+6.56;. 

(+6.76) 

(+8,59) 

( + 8,17) 

(-3,96) 

(+7,12) 

4 a 

1+3 

14.5 

27.0 

24,9 

17,4 

20,9 

15,5 

19,8 

b 

40,2 

32,1 

25,3 

26,7 

30,4 

28,9 

12,8 

28,1 

Gümmers» la 

43070 

43097 

44324 

44952 

45580 

46207 

46834 


bach b 

16040 

10450 

10873 

17300 

17717 

18133 

18549 


e 1 27030 

27241 

27451 

27652 

27863 

28064 

28285 


2a 

15 — 12 

11- 26 

18-21 

11-12 

10-11 

12-12 

13-11 


b 

32—24 

30 25 

30 — 24 

28-26 

34-23 

20-31 

30-29 


3 

19,2 

20,9 

22,3 

17,1 

17,3 

16,2 

17,7 

18,7 


(-1,93) 

(+1,36) 

(4-3,26') 

(-2.54) 

(—1,69) 

(-2,93) 

(+0,44) 

(-0.58) 

4 a 

16.7 

21,2 

23.7 

13,3 

11.8 

13,2 

12.9 

16,1 

b 

20,0 

20,1 

21,1 

19,5 

20,4 

18,2 

20,8 

20,1 

Stadt Mül» la 1 ,-a^ 
lieim a. Rh. bj 43062 

46211 

47361 

48511 

49661 

50811 

51960 


2 a 

u 

54—26 

69 - 51 

07-42 

57—48 

68-37 

67- 34 

57-41 


1) 

3 

17,7 

25.9 

23,0 

21,7 

21,1 

19,9 

18,8 

21,1 


(-3,43) 

( + 6,36) 

( + 3,96) 

(+2.06) 

(+1+9) 

(+0,77) 

( + 1,54) 

( + 1+2) 

4a 

b 

17,7 

25,9 

23,0 

21,7 

21,1 

19,9 

18,8 

21,1 

Mülheim la 

61414 

63425 

65436 

67447 

69458 

71469 

73480 


a. Rh. Land h 

11435 

11830 

12225 

! 12619 

13015 

13411 

13806 


e 

49979 

51795 

53211 

1 54828 

56443 

58058 

59672 


2a 

22-29 

18-60 

17-9 

; 20—12 

I 14-23 i 

15-11 

19-9 


b 

73-51 

68 -38 

52-52 

, 94-44 

j 72-44 i 

74—48 

71-54 


3 

23,5 

29,0 

19,9 

| 25.2 

! 22,0 

20,7 

20,8 

23,6 


(+7,37) 

(+9,46) 

(+0,86) 

! ( 4 5,56) 

(+2,79) 

(4 L57) 

(+3,54) 

(+4,32) 

4 a 

44,6 

65,9 

1 21,2 

25,3 

28,4 

19,4 

20,3 : 

32,2 

b 

25,0 

20.4 

19,5 

25,1 

20,5 

i 21,0 

20,9 ; 

21,8 

Waldbröl la 

u 

24861 

25336 

1 25812 

26288 

26764 

27240 

27716 


D 

C 

2a 

b 

24861 

25336 

25812 

26288 

26764 

_ i 

27240 

27716 

1 

50-54 

42-36 

28-26 

41-33 1 

34 33 i 

35-35 

31-30 


3 

41,8 

30.8 

20,9 

28,1 

25,0 1 

25,8 

22,0 

27,8 

4a 

b 

(+20,67) 

(+11,‘26) 

( + 1,86) 

(+8,46) 

(+5,79) 

( + 6,67) 

(+4,74) 

(+8,52) 

41,8 

30,8 | 

20.9 

28,1 

25,0 

25,8 

22,0 

27,8 

Siegkreis la 

107343 

108731 | 

110119 

111507 i 

112895 

114283 

115671 i 

! 

! b 

23503 

23804 

24105 

24405 ; 

24705 

25005 

25305 ! 


■ c 

83840 

84927 

86014 

87102 i 

88190 

89278 

90366 


2a 

60-38 

45-33 

48-27 

47-26 i 

40-22 

42-35 

41—29 


b 

122—97 

126- 131 

116-119 

117—115 115—123 

90-109 

91-105 


3 

29,4 

30,8 

28,1 

27,3 

26,6 

24,2 ! 

23,0 

27,1 

(+7,82) 


(+8,27) 

(+11,26) 

(+9,06) 

(+7,66) 

( + 7,39) • 

(+5,07) ’ 

(+6,74) 

4a 

41,6 

32,8 

31,1 

29,9 i 

25,1 ; 

30,7 } 

27,6 

31,3 

b! 

26,1 

30,2 , 

27.3 i 

26,6 ; 

26.1 1 

22,2 i 

21,7 i; 

25,7 


Digitized by 


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Original frnm 

UMIVERSITY OF IOWA 














182 


Kreis 

1 1900 ' 1901 

i 

1 1902 

i 

1903 1 1904 

1 

1 1905 | 

J 1 

1906 j D “ rch - 

schnitt 

Regierungs¬ 

1 a,1021878 '1045882 

1069886 

j 1093890 1117894 

1 

11141898 

! I, 

1165902 I 

bezirk Cöln 

b 584564 j 602487 

620809 

| 638938 

657060 

1 675186 

693703 ,i 


c 437314 1 443395 

449077 

, 454952 1 

460*34 

| 466713 

472199 j 


2a 872-656 849-681 825-634 855-615 871-684 875-685 851-620 


b 672—561;636—4961604 —538 656—499 565—507:489- 509^472—486 

0*7 O OR. A 0.4 O I 04 A OO R ! OO A I OA O 



3 

27,2 

25,4 | 

24,3 ! 

24,0 

23,5 

22,4 

(+3,27) 

20,8 1 

23,9 



(+6,07) 

(+5,86) j 

(+5,26) 1 (+4,36) 

(+4,29) 

(+3,54) 1 

(+4,6-2) 


4a 

26,1 

25,4 , 

23,5 i 

23,0 

23,6 

23,1 

21,2 i 

23,7 


1) 

28.2 

25,5 i 

25,4 

25,4 

23,2 

21,4 

20,2 ] 

' 

24,3 

Stadt 

Cu b lenz 

la 

b 

J 45147 

46897 

48617 

50397 

52147 

53897 

55647 ! 

1 

■ 


2 a 

h 

61-43 

47-40 

57-42 

57-44 

53-53 

62-61 

58—55 1 

_ l 



0 

3 

23,0 

18,6 

20,3 

20,0 

20.3 

22,8 

20,3 ; 

20,9 



(+1,87) 

(-0,94) 

(fl,26), 

(+0,36) 

( + 1,09) 

(+3.67) 

(+3,04); 

(+1.62) 


4 a 
b 

23,0 

18.6 

20,3 

20,0 

20,3 

22,8 

20,3 

20,9 

Coblenz 

1 a 

605(33 

60871 

61180 

61489 

61798 

62106 

62414 


Land 

b 

14892 

14986 

15080 

15174 

15268 

15362 

15456 , 



c 

45(371 

45885 

46100 

46315 

46530 

46744 

46958 



2 a 

2__ _ 

-3 

2-4 

6-4 

12-11 

10-11 

11-13 



b 

50-39 

46-48 

46—37 

54—41 

31-30 

22-23 

45-40 



13 

15,0 

15,8 

14,5 

17,0 

13.6 

10,6 

17.4 

14,8 



(-6,13) 

(-3,74) 

(—4,54) 

(-2,64) 

(—5,61) 

(—8,53) 

(+0.14)’ 

(-4,48) 


4 a 

1,3 

2,0 

3,9 

6.6 

15,0 

13,7 

15,5 

8,6 


b 

19,5 

20,5 

18,0 

25,1 

13,1 

9,6 

18,1 

17,8 

Ahrweiler 

, la 

40830 

41276 

41722 

42168 

42614 

43060 

43506 



i b 

116*5 

11872 

12060 

12248 

12436 

12624 

1-2811 



e 

29145 

29404 

296(52 

29920 

30178 

30436 

30695 



2 a 

15-10 

19-13 

11-9 

15—15 

i 13-8 

10-8 

4-15 



i b 

45-28 

20 - 34 

40 - 29 

19—30 

; 21—21 

19-11 

21-21 

1 


3 

24,0 

20,8 

| 21,3 

18,7 

1 14,8 

11,1 

14.0 

17.8 



( + 2,87) 

( + 1,26) 

| ( + 2,26;; 

(-0,96) 

i (-4.41) 

(— 8,03) 

(-3,26) 

1 (-1,48) 


4 a 

21,4 

26,9 

16.6 

24.5 

1 16,9 

14,2 

14,9 

! 19.3 


b 

25,0 

18,3 

23,2 

16,3 

i 13,9 

j 

9.8 

13,6 

i 17.2 

Adenau 

1 a 

hl 

22291 

22506 

22721 

22936 

1 23151 

23365 

23579 

1 


■ ei 

2 a 
b 

1 22291 

22506 

22721 

22936 

23151 

l __ 

23365 

23579 

1 

1 


30-31 

32-26 

27-19 

17-22 

15-20 

17-24 

16-23 

1 

| 


3 

27,3 

25,8 

20,2 

17.9 

! 15,5 

17,5 

16,5 

1 20,1 


| 

A 

( + 6,17) 

( + 6,26) 

(+U6) 

(-1.74) 

(-3,71) 

(-1,63) 

(-0,76) 

| (+ 0,82 i 
| _ 


*X «T 

b 

27,3 

25,8 

20,2 

17,9 

15,5 

17,5 

16,5 

20,1 

Mayen 

la 

70884 

71967 

73051 

74135 

75219 

76103 

, 77386 i 

| 


b 

19850 

20326 

20802 

21278 

21754 

22233 

22709 

1 


e 

51034 

51641 

52249 

52587 

53465 

54070 

54677 

1 


2 a 

| 11-15 

22-23 

20-17 

25-14 

29-15 

16-15 

27-13 

i 


b 

1 73-61 

49—45 

57-45 

40-30 

34-44 

i 58-42 

55-40 



3 

22,5 

19,3 

19,0 

14,7 

16,2 

i 18,4 

17,4 

18,2 



(+LB7) 

(—0/24) 

(-0,04) 

(-4.94 

j (-3,01) 

i (-0,73) 

; (+0,14) 

(—1,08) 


4 a 

13,1 

21,1 

17,8 

18,3 

I 20.2 

1 13,9 

17,6 

17.4 


( b 

26,3 

18.2 

19,5 

13,2 

1 14,6 

! 18,5 

17,3 

IM 


Digitized by Gougle 


Original frnm 

UMIVERSITY OF IOWA 







183 


Kreis 

, 

I 

1900 

1901 

1902 

1903 

1904 

1903 

1906 

Durch¬ 

schnitt. 

Cochem 

la 

39646 

39844 

40042 

40240 

40438 

40636 

40834 



b 

3586 

3632 

3678 

3726 

3873 

3819 

3865 



c 

36060 

36212 

36364 

36514 

36565 

36817 

36969 1 



2a 

2-6 

3-3 

9-6 

5-6 

4-6 

5-6 

4-4 



b 

48—38 

48-47 

48-41 

46-47 

41—34 

42-54 

44-33 


i3 

23,7 

25,6 

25,9 

25,8 

21,0 

26,3 

20,8 

24.2 


1 

(+2,57) 

(+6,06) 

(+6,86) 

(+6,16) 

(+1,79) 

(+7,17) 

(+3,54) 

(+4,92) 


4 a 

22,3 

16,5 

40,7 

29,5 

25,8 

28,8 

20,7 

26.3 


b 

23,8 

26,2 

24,4 

25,4 

20,5 

26,1 

21,1 

21,1 

St. Goar 

1 a 

39424 

39762 

40101 

40440 

40778 

41116 

41454 



b 

8407 

8582 

8757 

8931 

9105 

9279 

9453 



c 

31017 

31180 

31344 

31509 

31673 

31837 

32001 



2a 

7-11 

9—7 

9-14 

8-18 

6-13 

7—10 

7-7 



b 

44-49 

24-25 

41-38 

25-38 

30—37 

34—32 

29-35 



3 

28,1 

16,4 

25,6 

20,8 

21,1 

20,1 

18,8 

21,5 



(+6,97) 

(-3,14) 

(+6,56) 

(+1,16) 

(+1,89) 

(+0,97) 

( + 1,54) 

(-2.22) 


4a 

21,4 

18,6 

26,2 

23,5 

20,8 

18,3 

14,8 

20,5 


l b 

29,9 

15,7 

25,2 

19,9 

21,1 

20,7 

20,0 

21,8 

Zell 

la 

32350 

32666 

32982 

33298 

33614 

33929 

34244 



! b 

7602 

7711 

7821 

7931 

8041 

8151 

8260 1 



c 

24748 

24955 

25161 

25367 

25573 

26778 

25984 



2 a 

9-5 

7-8 

9-9 

11-6 

12—6 

12-9 

8-5 



b 

43-36 

32-30 

37-33 

22-29 

27-28 

19-13 

29-30 



3 

28,8 

23,5 

26,7 

20,1 

22,3 

15,6 

21,0 

22.6 



(+7,67) 

(+3,96) 

(+7,66) 

(+0,46) 

(+2,09) 

(-2,53) 

(+3,74) 

(+3,32) 


4a 

18,4 

19,3 

23,0 

20,2 

22,3 

25,7 

17,0 

20,8 


b 

31,9 

24,8 

27,8 

; 20,1 

21,5 

12,4 

22,7 

23,0 

Simmern 

1 a 

35240 

35348 

35456 

35564 

36672 

35780 

35888 



b 

2272 

2300 

2329 

2358 

2386 

2414 

2442 



1 c 

32968 

33048 

33127 

33206 

33286 

33366 

33446 



2a 

-2 

5-1 

4-4 

3-1 

1 2-2 

i — — 

1 4-5 



b 

43—39 

27—36 

31-42 

36-35 

28-29 

I 22-41 

21—21 



3 

23,8 

19,5 

22,8 

21,1 

17,1 

17,6 ! 

14,2 

19,4 


j 

(+2,67) 

1 (-0,04) 

( + 3,76) 

; ( + 1,46) 

(-2,11) 

; (-1,53) 

(-3,06) 

(-0.121 


! 4 a 

8,8 

26,1 

34,3 

16,9 

16,8 


36,8 

19,8 


! b 

24,8 

19,0 

j 22,0 

1 21,3 

17,1 

l 18,8 

12,5 

19,3 

Kreuznach 

1 a 

77849 

78557 

79265 

79973 

80681 

81389 

82097 

1 

| 


! bl 

30739 

31177 

31615 

32053 

32490 

32927 

33464 



i c 

47110 

47380 

47650 

47920 

48191 

48462 

48633 



2 a 

44—46 

42-34 

46-38 

47-55 

62-49 

52—56 

I 63—48 



i b 

38-50 

33-55 

53—62 

54-50 

55-49 

45-38 

25—40 



3 

22,8 

20,8 

25,1 

25,7 

25,4 

I 23,4 

21,7 

! * v> 

' 

1 

(+1,67) 

(+1,26) 

(+6,06) 

(+6,06) 

(+6,19) 

(+3,27) 

; (+4,44)' 

(-1-4,32) 

i 

4a 

29,2 

24,3 

26,6 

31,8 

31,1 

! 32,8 

33,1 

*29.8 

1 

i b 

18,6 

18,5 

24,1 

21,7 

21,5 

! 17,1 

13,3 

19.2 

Meisenheim ! 

la 

h 

13737 

13771 

13805 

13840 

13875 

| 13911 

13945 



u 

C 

O Q 

13737 

13771 

13805 

13840 

13875 

13911 

13945 

I 



L ct 

b 

16-11 

11—11 

14-7 

14-8 

6-11 

! 14-12 

7-4 



3 

19,7 

16,0 

15,2 

15,8 

' 12,2 

, 18,7 

7,7 

lf>.0 


d a 

(-1,43) | (-3,54) 

(-3,84) 

(-3,84) 

(+7,01) 

! (-0,43) 

(-9,56) 

, (- 4 . 28 ) 

, b 

19,7 

16,0 

! 15,2 

15,8 

; 12,2 

18,7 

7,7 

If) t 0 


Digitized by 


Gck 'gle 


Original frnm 

UMIVERSITY OF IOWA 











Kreis 

' 

1900 

1901 

1902 ! 

1903 

1904 

1905 

1906 D “ rd " 
schnitt 

;i 

Alten- 1 a 

67580 ! 

i 

68463 , 

69346 

70229 

i 

71112 , 

71994 

i' 

72876 i 

kirchen i b 

_ 

— 

— 

— 

_ 1 


— 

I 1 ci 

67580 ; 

68463 

69346 

70229 

71112 

71994 

72876 

2 a 

— 

- ! 

— 

— 

— 

— 

— 

b 101 —104 101—83 

96—91 102-74 

95-64 

73 — 55 

83-69 

3 | 

30.3 

26,8 ; 

26,9 

25,0 

22.3 

17,7 

(-1,43) 

20,8 24.2 

l[ .4 a 

(+9,17) 

(+7,26) 

( + 7,86) ; 

(4-5,36) 

( + 2,09) 

(+3,54)(+4,92) 

*| b 

1 | 

Neuwied 1 a 

30.3 

26,8 

26,9 1 

25,0 

22,3 

17,7 

20,8 ' 24.2 

82838 

83900 

8-1962 

86024 

87086 

88148 

89210 

|i b 

20266 

20623 

20980 

21337 

21694 

22050 

22406 

1 c 

62552 

(>3277 

(>3982 

64687 

65392 

66098 

66801 

2 a 

12 — 18 

23-22 

19—10 

22- 17 

17-17 

29-18 

26-18 

b 

84-79 

69-82 

81-81 

76-70 

51—61 

60—59 

51-61 

3 

23.3 

23,4 

22.5 

21,2 

16,7 

18,8 

17,5 i 20.5 

,'i 

4 a 

(+2,17) 

14,8 

(+3,86) 

21,8 

(+3,46) 

13.8 

.+ 1.56) 
18.2 

(-2,51) 

15.6 

(-0,63) 

21,3 

(+0,24) ( + 1.22) 
19,6 17.9 

1 b 

26,0 

23,8 

25,3 

22,5 

17,1 

18,0 

16,7 21.3 

'i 

Wetzlar 1 a 

54075 

54868 

55662 

56456 

57249 

58042 

58835 

I b 

10718 

11080 

11342 

11654 

11965 

12276 

1258? " 

c 

43357 

43838 

44320 

44802 

45284 

45766 

46248 

2 a 

6—7 

8-6 

10—8 

15-16 

10-18 

16-17 

11-15 

! b 

42-45 

37 -46 

42 

38-51 

45—50 

44-44 

43-43 

, 3 

18,5 

17,7 

14,7 

23,0 

23,2 

20,8 

19,0 I 19,5 

4 a 

(—2.63) 

12,1 

(—1.84) 

12.6 

(-4,34) 

J5.8 

(+3,36) 

26,6 

(+3.99) 

23.4 

(+1.67)i ( + 1,74)! (+0.22) 
26.8 20,6 ! 19.7 

i b 

20,0 

18,9 

14,4 

20,0 

j 20.9 , 

19,2 

18,5 , 18.8 

Rejr.-ISez. da 

682454 

690698 

698942 

707186 

1 715432 

723676 

731920 

Coblcnz b 

175184 

179138 

183111 

187084 

1 191157 

195032 

199105 

! C 

507270 

511560 

51583l 

520102 

524275 

528644 

532815 

2a 

159— • 63 

185- 140 196 — 161 

214-190210—198 219-211 223-198 

b (>67—590 

529—588 

593-567 543 -625 479-478 469—448 469-464, 

3 

23,1 

20,9 

21,7 

>)>)■) 

19,0 

18,6 

, 18,5 20,5 

i 

(+1,97) 

(- 1 -1,36) 

(+2.66) 1 (+2.56) 

(-0.21) 

(-0,53) 

(+0,76) (-1.22) 

4 a 

18.3 

18, L 

19,5 

21,6 

21.3 

22,0 

21,1 20,3 

i b 

21,7 

21,8 

22.5 


18.2 

17,3 

1 17,5 206 

— - - - — — 



--- 



—- — 

-.. —. — 

Stadt 1 a 

|135245 

138590 

141935 

145280 

1 148625 

151971 

155316 j 

Aaelien 1 b 
e 

1 







2 a 

162-107 127—102 145-118 143-111 

136—130 157—101 

'132-130; 

b 

— 

— 


— 

1 — 

— 

11 

3 

19,9 

16,5 

18,1 

17,5 

17,9 

16,9 

16,9 | lT.i 

4 a 

•; b 
i 

Aachen la 

( — 1.23) 
19,9 

(-3,04) 

16,5 

(—0,96) 

18,1 

(-2.14 i 
17,5 

(-1.31) 

17,9 

(-2.23) 

16,9 

(-0,36) i (—1.58) 
16,9 '[ 17.7 

— 

126198 

127613 

“ 

129028 

130444 

131860 

133277 

i 134692 1 

Land b 

36152 

36629 

37126 

37613 

1 38100 

38587 

39074 | 

c 

9004 6 

90984 

91902 

92831 

93760 

94690 

95618 j , 

2 a 

43—27 

33-27 

39-19 

35—30 

1 39-22 

44-21 

33-21 |! 

„ b 

56—53 

67—44 

55 — 57 

65—56 

67-44 

62-47 

50-43 | 

3 

14,2 ) 

13,4 

13.1 

14 2 

13.0 

13,0 

10,7 13,1 

■ l| 

(-6.93 

(—6,14) 1 (—5,94) 

(—5,44) 

(-6,21) 

(—6,13) 

(-6,56) (-6.18) 

4 a 

19,4 

16,3 

, 15,6 

17,3 

16,0 

16,8 

13,8 16.5 

! b 

12,1 

12,2 


13,0 

1 12,9 

11,5 

9,7 1 11,9 


Digitized by 


Gck igle 


Original frnm 

UMIVERSITY OF IOWA 








185 


Kreis 

| 1900 

1901 

1902 

1903 i 

1904 

1905 

1906 

Durch¬ 

schnitt 

Erkelenz 

1 a! 3669G 

36989 

37281 

37573 

37865 

38157 

38449 


. bi 4612 

4771 

4930 

5089 

5248 

5407 

5566 


, c 32084 

32218 

32351 

32484 ' 

32617 

32750 

32883 i 


: 2 ni 12-10 

5- -4 

3-7 

5-5 

2-4 

3-2 

5-3 


b 55 —r>* - 

60-67 

47—57 

55—62 

58-40 

47-60 

38-57 


3 36,2 

36,7 

30,7 

33,8 

27,5 

29,4 

26,1 

31,5 

i (-f" ln»0 i) 

( + 17,16) ( + 11,GG) ( + 14.16) 

( + 8.29) ( + 10,27) 

( H- 8.84) 

(+12,22) 

4 a 47,7 

18.8 

20.3 

19 6 

11,4 

9,2 

14,3 

20.2 

b 34,6 

39,4 

32,1 

36,0 

30,4 

32,7 

28,8 

33.4 

Heinsberg; 

1 aj 35888 

36172 

36457 

36742 

37027 

37312 

37596 


b 2264 

2292 

2320 

2348 

2376 

2405 

2433 


c 33624 

33880 

34137 

34394 i 

34641 

34907 

35163 

I 

2a - — 

3 - 

3-3 

2—2 

3—1 

1-5 

2—i i; 

b 58—45 

50-43 

49-47 

56—62 

47-39 

51-48 

45—58 


3 28,7 

26,5 

28,0 

33,7 

24,3 

28,1 

28.2 

26,8 

(+7,57) 

(+6.96) 

( + 8,96) ( + 14.06; 

(+5,09) 

( + 8,97) 

(+10,94) 

(+7,52) 

4 a — 

13,1 

25,9 

17.0 

16,8 

24,9 

12,3 

lü,7 

j b 30,6 

27,5 

28,1 

34,3 

24,8 

28,4 

29,3 

29,0 

Geilen¬ 

1a 26476 

26724 

26972 

27220 

27468 

27716 

27964 


kirchen 

b 4161 

4214 

4267 

4320 

4373 

4426 

4479 


c 22315 

22510 

22705 

22900 

23095 

23290 

23485 


2 a 5-2 

3-5 

4—9 

- 5 

3-4 

1-4 

2-4 


b 28—30 

19-32 

27-31 

29-27 

14—18 

16-27 

20-13 


3 i 24,5 

22.1 

26,3 

22.4 i 

14,2 

17,3 

13,9 

20.1 

( + 3,37) 

( + 2.56) 

( + 7,26) 

(+2,76) : 

( —5,01) 

(-1,83) 

(—3,36) 

(+0.92) 

4a 16,8 

18,9 

30,4 

11,5 1 

16,0 

11,3 

13,4 

1*’)9 

b 25,9 

22,6 

25,5 

24,1 

13,8 

18,4 

14,0 

20,7 

Jülich 

1a 42670 

43015 

43361 

43707 

44053 

44399 

44744 


b 7552 

7672 

7792 

7812 

7932 

8152 

8272 


c 35118 

35343 

35569 

35895 

36121 

36247 

36472 


2 a G—5 

3-5 

5-6 

5-7 

5—8 

5-7 

4—2 

1 

b, 31-38 

36-33 

35-34 

28-29 i 

20 -37 

28-33 

27-30 


3 [ 18,7 

17,9 

18,4 

15.7 1 

15,8 

16,4 

14.1 

16.7 

! (—2,43) 

(+1.64) 

(—0,64) 

(-3,94) 

(—3,41) 

(—2,73) 

(-3,16) 

■ (—2,58) 

4 a 14,G 

10.4 

14,1 

15,3 

16,4 

14,7 

7,2 

13,2 

b 1J*,G 

19,5 

19,4 

15,9 

15,7 

16,8 

15,6 

17,5 

Düren 

1a 90679 

91828 

92978 

94128 

95277 

96426 

97575 


b 27168 

' 27689 

28210 

28731 ! 

29251 

29771 

30291 


c 63511 

64139 

64768 

65397 j 

66026 

66655 

67284 


2 a 23—26 

29—21 

32-26 

31-19 

27- 33 

24-28 

19-27 


b 83—65 

68-73 

88—70 

59 — 62 

58 — 59 

68—60 

50-45 

i 

8 21,7 

22,9 

23,2 

18,1 

18,5 

18,6 

14,4 

19,5 

( + 0,57) 

(+3,36) 

( + 4,16) 

(-1.54) 

(-0,71) 

(—0,53) 

| ( — 2,86) 

( + 0.22) 

4 a 18,0 

18,0 

20,6 

17,4 

20.5 

17,4 

1 15,1 

18,1 

b 23,3 

21,9 

24.4 

18,5 

17,7 

19,2 

! 14,1 

19,8 

Eupen 

1 aj 26083 

25949 

25814 

25679 ! 

25545 

25411 

| 25277 1 


, b 14297 

14156 

14015 

13874 1 

13734 

13594 

1 13454 

! 

, c 11786 

11793 

1 11799 

11805 , 

11811 

11817 

i 11823 


2a 15 — 9 

4-12 

11-8 

8-16 | 

14-18 

12-20 

14-15 


b 15—16 

9—5 

10-8 

10-4 ! 

8-10 

, 9-11 , 

10—5 , 


3 , 21,1 

11,6 

14,3 

14,8 ! 

19,5 

20.4 

17,4 

17,0 

(—0,03) 

(-7.94) 

(-4,74) 

(-4,84)' 

(+0,29) 

(+1.27) 

(+0,14) 

(—2,28) 

4 a 16,8 

11,3 

13,5 

i 173 1 

23,3 

23,5 

21,5 , 

; 18,2 

, b 26,3 

11,8 

■ 15,2 

! n,8 ! 

15,2 

1 16,8 

12,6 1 

- 15,7 


Digitized by 


Gck 'gle 


Original frnm 

UMIVERSITY OF IOWA 






186 


Kreis 

l| 

i 

1900 

1901 

1902 

1903 

1 

i 

1904 

1905 

i 

1906 

i 

Durch¬ 

schnitt 

Montjoie 

la 

17688 

17680 

17672 

17664 

17657 

17650 

17643 


b 

c 

2a 

b 

3 

2011 

15677 

2—3 

27-22 

30,5 

1982 

15692 

5-1 

24—17 

26,6 

1952 

15720 

1-3 

22—18 

24,9 

1923 

15741 

2-2 

22-19 

25,5 

(+5,86) 

20,8 

1894 

15763 

2-1 

24-22 

27,7 

1865 

15785 

3-1 

19-20 

24,4 

1836 

15807 

5-1 

14-23 

24,4 

26,3 


4 a 

(+9,37) 

24,8 

(+7,06) 

30,3 

(+5,86) 

20,5 

(+8,49) 

15.8 

(+5,27) 

21,4 

(+7,14) 

32,7 

(+7,02) 

23,7 


b 

31,2 

26,1 

25,4 

26,0 

28,5 

24,7 

23,4 

26,5 

Schleiden 

la 

44839 

44949 

45059 

45169 

45279 

45389 

45499 



b 

c 

2a 

44839 

44949 

45059 

45169 

45279 

_ 

45389 

46499 

23,1 


b 

3 

66-42 

24,0 

65-39 

23,1 

(+3,56) 

76-50 

27,9 

68-51 

25,4 

51—35 

18,9 

72—43 

25,3 

46-33 

17,3 


4a 

(+2,87) 

(+8,86) 

(+5,76) 

(-0,31) 

(+6,17) 

(+0,04) 

1 (+3,82) 


b 

24,0 

23,1 

27,9 

25,4 

18,9 

25,3 

17,3 

23,1 

Malmedy 

1 a 

31502 

31761 

32020 

32279 

32538 

327% 

33054 


b 

c 

6689 

24813 

6754 

25007 

6819 

25211 

6884 

25395 

6949 

25589 

7013 

25783 

7077 

26977 


2a 

b 

3 

7-2 

31-30 

22,2 

9-6 

25—28 

21,4 

6-7 

33-32 

24,3 

6-2 

25-25 

17,9 

6-4 

20-27 

17,5 

6-6 

21-30 

18,9 

6-5 , 
22—24 
17,2 

(-0,06) 1 
15,5. i 

19,9 


4 a 

(+1,07) 

13,4 

(+1,86) 

22,2 

(+5,26) 

19,0 

(-1,74) 

11,6 

(-1,71) 

14,4 

(-0,23) 

15,7 

+(0,62) 

15,9 


b 

24,6 

21,1 

25,7 

19,7 

18,3 

19,8 

17,7 , 

21,0 

Reg.-Bez. ; 

1 a 

614964 

622072 

| 629180 

636288 

6433% 

650504 

667612 ! 


Aachen j 

b 

241151 

245557 

i 249959 

254277 

258694 

263191 

267601 1 


1 

c 

2a 

373813 

280—191 

376615 

225-185 

379221 

250-206 

382011 

239-202 

384702 

243—226 

387313 

260—199 

390011 , 
225-212, 


ii 

bi440—395 
3 i 21,2 

419-379 

19,4 

(-0,14) 

16,7 

441-404' 

20,7 

415-390 

19,8 

361-330 

18,0 

388—376 

18,8 

319-328 
16,3 | 

19,2 

t 

4a 

(+0,07) 

19,5 

(+1,66) 

18,2 

(+0,16) 

17,3 

(-1,21) 

18,1 

(-0,33) 

17,4 

(-0,96) 

16,3 

(-0,08) 

17.6 

i 

b 

22,3 

21,3 

22,2 

21,0 

17,9 

19,7 

16,5 j 

20,1 

Stadt Trier j 

1 aj 
b 

J 43506 

44147 

44788 

45429 

46069 

! 

46709 j 

47349 


.1 

c 

2 a 
b 1 

3 | 

67-50 

26,9 

76—45 

27,4 

56—45 

22,5 

64-38 

22,4 

79-36 

24,9 

i 

62-45 ! 
_ 1 

22,9 

66 -47 j 
23,8 

24,4 

(+5,12) 

24,4 

f 

l| 

4 a 

(+5,77) 

26,9 

(+7,86) 

27,4 

(+3,46) 

22,5 

(+2,76) 

22,4 

(+5,69) 

24,9 

(+3,77) 

22,9 

(+6,54), 
23,8 

1 

' 

b 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

Trier Land 

1 a 

83495 

84677 

85859 

87039 | 

88219 

89399 

90579 


■ b 

! c i 

2 a 
b 

3 

83495 

104-98 

24.2 

84677 

128-111 

28,2 

85859 

113-93 

23,9 

87039 | 

99-83 i 
20,9 i 

88219 

99-81 

20,3 

89399 ( 

76 - 89 1 
18,4 1 

90579 

65-82 

16,2 

(-1,06) 

21,7 


4a 

(+3,07) 

(+8,66) 

(+4,86) 

(+i,26); 

(+1,09) 

(-0,73) | 

(+2.42) 


iV 

24,2 

28,2 

23,9 ! 

20,9 i 

20,3 

18,4 | 

16,2 

21,7 


Digitized by 


Gck igle 


Original frnm 

UMIVERSITY OF IOWA 




187 


Kreis 


1900 

1901 

1902 

1903 

1904 

1905 

1906 

Durch¬ 

schnitt 

Prüm 

la 

83545 

33890 

34236 

34580 

34925 

85270 

35615 



b 

2666 

2680 

2695 

2710 

2724 

2738 

2752 



c 

30879 

31210 

31540 

31870 

32201 

32542 

32863 



2a 

1—3 

4—1 

- - 

4—1 

2—2 

4—4 

-4 



b 

43-58 

62—44 

43—3« 

27—41 

38—51 

30-40 

29—32 



3 

31,3 

29,8 

23,6 

21,1 

26,8 

22,1 

18,2 

24,7 



(+10,17) 

(+10,26) 

(+4,56) 

(+1.56) 

(+6,59) 

(+2,97) 

(+0,99) 

(+5,42) 


4a 

15,0 

18,6 

— 

18,4 

14,6 

29,2 

14,6 

14,8 


b 

32,7 

30,7 

25,6 

21,3 

27,6 

21,5 

18,5 

25,4 

Daun 

1 a 

28803 

29019 

29235 

29451 

29667 

29888 

30099 



0 

C 

O o 

28803 

29019 

29236 

29451 

29667 

29883 

30099 



: z a 
b 

33—25 

35-39 

28-32 

32—32 

27-21 

29—34 

16—22 



3 

20.1 

25,5 

20,5 

21,7 

16,5 

21,1 

12,6 

19,8 


l 

4 A 

(-1,03) 

(+5,96) 

(+1,46) 

(+2,06) 

(-2,71) 

(+1,97) 

(-4,66) 

(+0,68) 


b 

20,1 

25,5 

20,5 

21,7 

16,5 

21,1 

12,6 

19,8 

Wittlich 

la 

38997 

39620 

40244 

40867 

41490 

42113 

42786 



b 

4066 

4362 

4659 

4956 

5252 

5548 

5844 

1 


c 

34931 

35268 

35685 

35911 

36238 

36565 

36892 

( 


2 a 

2-7 

5—4 

5—4 

18—4 

7-3 

7-4 

3-5 

I 


b 

47-38 

48—34 

37-48 

34-44 

43-40 

32-28 

27-27 

1 


3 

24,1 

22,9 

23,3 

24,4 

22,4 

16,8 

14,5 

21,2 



(+2,97) 

(+3,36) 

(+4,26) 

(+4,76) 

(+3,19) 

(-2,33) 

(-2,76) 

(+1,92) 


4a 

22,1 

20,6 

19,3 

44,4 

19,0 

19,8 

13,7 

22,8 


b 

24,4 

23,2 

23,9 

21,6 

22,9 

16,3 

14,6 

21,0 

Bitburg 

1 a 

43486 

43899 

44313 

44727 

45140 

45553 

45966 | 



! b 

2795 

2870 

2945 

3019 

, 3093 

3167 

3241 


c 

40691 

41029 

41368 

41708 

42047 

42386 

42725 


2 a 

5-6 

4-6 

6—4 

2-6 

-2 

4-4 

7-4 i 


b 

52-78 

18—60 

57—46 

46—56 

41-43 

42-38 

25—39 


; 3 

32,2 

26,9 

25,5 

24,6 

19,0 

19,3 

16,3 

23,4 



(+11,07) 

(+7,46) 

(+6,46) 

(+4,96) 

(-0,21) 

(+0,17) 

(-0,96) 

(+4,12) 


4a 

39,3 

34,8 

37,3 

26,6 

6,4 

25,2 

33,9 

1 29,1 


b 

31,9 

26,3 

24,9 

24,4 

19.9 

18,8 

14,9 

| 23,0 

Berncastel 

1 a 

46282 

46688 

47094 

47500 

47906 

48311 

48716 i 

j 


b 

4083 

4174 

4265 

4356 

4447 

4538 

4629 , 


, c 

42199 

42514 

42829 

43144 

43459 

43773 

44087 | 



2a 

5-5 

5-3 

1—5 

1—1 

6-2 

6-7 

4—2 1 

| 


b 

46-52 

50—41 

56—46 

38—39 

45-48 

49-44 

33-43 

i 


3 

23,3 

21,2 

22,9 

16,6 

21,1 

21,7 

16,8 

! 20,5 



(+2,17) 

(+1,66) 

(+2,86) 

(-3,04) 

(+1,89) 

(+2,57) 

(-0,46) 

! (+1,22) 


4a 

24,5 

19,1 

14,0 

4,6 

17,9 

26,4 

12,9 

; 17,1 


b 

23,2 

21,4 

23,8 

17,8 

21,4 

18,9 

17,2 

20,6 

Saarburg 

1 a 

82401 

32658 

32915 

33172 

83429 

33686 

33943 


: b 

2084 

2105 

2126 

2146 

2166 

2186 

2206 


1 , c 

30317 

30553 

30789 

31026 

31263 

31500 

31737 



2 a 

1- 1 

2-3 

2—2 

1 - 

2—2 

2 - 

- 5 

! 


b 

j 38—36 

30-40 

21-31 

17—19 

16-28 

16—20 

19-22 

j 


3 

23,1 

22,9 

17,0 

11,5 

14,3 

11,2 

13,5 

16,0 



(+1,97) 

(+3,46) 

(-2,04) 

(-8,54) 

(-4,81) 

(-7,93) 

(-3,76) 

i (-3,28) 


i 4 a 

4,8 

23,7 

18,8 

4,6 

18,4 

9,1 

22,6 

i 13,1 


b 

24,4 

22,5 

16,8 

11,6 

14,0 

11,4 

12,9 

1 16,2 


Centralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXVIII. Jabrg. 13 


Digitized by 


Gck 'gle 


Original frnm 

UMIVERSITY OF IOWA 






188 


Kreis 



M 




1905 

1906 

Durch* 

schnitt 

Merzig 

la 

44835 

45552 

46270 

46987 

47704 

48421 

49138 



b 

6548 

6740 

6932 

7123 

7314 

7605 

7696 



c 

38287 

38812 

39338 

39864 

40390 

40916 

41442 



i 2a 

11—12 

9—11 

12-10 

10—18 

16-14 

11—10 

8—14 



1 b 

80-60 

53-60 

35—49 

40-49 

37—31 

37—35 

48-45 



3 

36,3 

29,2 

22,9 

24,9 

20,5 

19,2 

23,3 

25,2 


1 

(+15,17) 

(+9,66) 

(+3,86) 

(+5,26) 

(+1,29) 

(+0,07) 

(+6,04) 

(+5,92) 


4 a 

35,1 

29,5 

31,7 

39,3 

41,0 

27,8 

26,6 

22,8 


1 b 

36,6 

29,1 

21,4 

22,4 

16,8 

17,6 

23,9 

23,9 

St. Wendel 

1 a 

49186 

49676 

60162 

50650 

51137 

51624 

52111 



b 

5516 

5658 

5800 

5943 

6085 

6227 

6369 



c 

43670 

44018 

44362 

44707 

45052 

45397 

45742 



2a 

10-11 

8-1 

5-1 

5-5 

8-4 

12-13 

7-10 



b 

72-72 

63-77 

64—57 

55-71 

56—67 

58—57 

44-62 



3 

33,5 

29,9 

25,3 

26,8 

26,4 

27,1 

23,6 

27,5 



(+12,37) 

(+10,36) 

(+6,26) 

(+7,16) 

(+7,19) 

(+7,97) 

(+6,34) 

(+8,32) 


4 a 

37,8 

15,9 

10,3 

16,8 

19,7 

40,1 

26,7 

23,9 


b 

32,9 

31,8 

27,5 

28,2 

28,2 

25,3 

23,1 

28,1 

Ottweiler 

1 a 

102729 

105666 

108601 

111537 

114472 

117407 

120342 



b 

6146 

6237 

6328 

6419 

6509 

6599 

6689 



c 

96583 

99428 

102273 

105118 

107963 

110908 

113653 



2a 

2-6 

5-4 

14-6 

7-6 

3-5 

4—3 

10-7 



b 

96-91 

94-107 

108—110 

114-117 

107—122 

107—108 

100—108 



3 

18,9 

19,9 

21,9 

21,8 

20,7 

18,9 

18,7 

20,1 



(-2,23) 

(+0,36) 

(+2,86) 

(+2,16) 

(+1,49) 

(-0,23) 

(+1,44) 

(+0,82) 


4a 

13,0 

14,4 

31,6 

20,2 

12,3 

10,6 

25,4 

18,2 


b 

19,3 

20,2 

21,3 

21,9 

21,2 

19,4 

18,3 

20,2 

Saarlouis 

1 a 

89535 

91776 

94017 

96257 

98498 

100739 

102979 



b 

7864 

7954» 

8044 

8134 

8224 

8313 

8403 



c 

81671 

83822 

85973 

88123 

90274 

92426 

94675 



2a 

5-2 

8-2 

4—7 

5-7 

11-8 

5-7 

4-2 



b 

94-113 

83—107 

107—91 

85-89 

89—88 

91-90 

73-99 



3 

28,9 

21,8 

22,2 

19,8 

19,9 

19,1 

17,2 

20,5 



(+2,77) 

(+2,26) 

(+3,16) 

(-0,34) 

(+0,69) 

(-0,03) 

(-0,06) 

(+1,22) 


4a 

8,9 

12,5 

13,6 

14,7 

23,1 

14,4 

7,2 

13,1 


b 

25,3 

22,6 

23,0 

19,7 

19,3 

19,5 

18,1 

21,1 

Saar¬ 

la 

203886 

211489 

219092 

226695 

234298 

241901 

249504 


brücken 

b 

75698 

78486 

81274 

84062 

86850 

89638 

92426 



c 

128188 

133003 

137818 

142633 

147448 

152263 

157078 



2a 

70-56 

83-79 

85—71 

98-69 

87—77 

111-101 

89-86 



b 

120—112 

101-77 

112—92 

96-101 

116-137 

152—135 

131-128 



3 

17,5 

16,5 

16,4 

16,0 

17.7 

20,6 

17,3 

17,4 



(-4,37) 

(-3,04) 

(-2,64) 

(-3,64) 

(-1,61) 

(+1,47) 

(+0,04) 

(-1,88) 


4a 

16,6 

20,6 

19,2 

19,9 

18,9 

23,6 

18,9 

19,7 


b 

18,1 

13,4 

14,8 

13,8 

17,2 

18,8 

16,5 

16,1 

Reg.-Bez. | 

1 a 

840696 

858758 

876823 

894888 

912952 

931016 

949080 


Trier 1 

b 

160982 

165405 

169854 

173294 

178741 

183058 

187502 



c 

679714 

693353 

706969 

720594 

734211 

747958 

761572 



2a 

183-159 209-1591 

150-155 

215-155 

221-155 

227—198 

198—1861 



b 

720-833 

785—796 

821-729 

683 -743 

714-757 

719-708 

610—711 



3 

22,5 

22,7 

21,1 

20,0 

20,3 

19,9 

17,9 

20,6 



(+1,37) 

(+3,16) 

(+2,06) 

(+0,36) 

(+1,09) 

(+0,77) 

(+0,64) 

(+1,32) 


4a 

21,2 

22,2 

17,9 

21,3 

21,0 

23,2 

20,5 

21,0 

1 

b 

22,9 

22,8 

21,9 

19,8 

20,0 

19,0 

17,5 

20,5 


Digitized by 


Gck 'gle 


Original frnm 

UMIVERSITY OF IOWA 










189 


Kreis 


1900 

1901 

1902 

1908 

1904 

1905 

1906 

Durch¬ 

schnitt 

Sigma- 

la 

22335 

22353 

22371 

22389 

22407 

22425 

22443 


ringen 

b 

4597 

4602 

4607 

4612 

4617 

4621 

4625 


c 

17738 

17751 

17764 

17777 

17790 

17804 

17818 



2 a 

9-9 

5-6 

9-5 

13—7 

9-5 

5-6 

5-5 



b 

24-10 

13—17 

23-10 

17—22 

21—21 

20-28 

21—19 



'3 

23,3 

18,3 

21,0 

26,3 

24,9 

26,3 

22,2 

23,2 



(+2,17) 

(-1,24) 

(+1,96) 

(+6,76) 

(+5,69) 

(+7,17) 

(+4,94) 

(+3,92) 


4a 

39,1 

23,9 

30,4 

43,2 

30,3 

23,8 

21,6 

30,2 


b 

19,1 

16,9 

18,6 

21,9 

23,6 

26,9 

22,4 

21,1 

Haigerloch 

1 a 
u 

11537 

11587 

11637 

11686 

11735 

11784 

11833 



0 

c 

2 a 

b 

11537 

11587 

11637 

11686 

11735 

11784 

11833 



11-12 

18—14 

15—8 

7-12 

17—10 

16-8 

5-9 



3 

19,9 

27,6 

19,7 

16,2 

23,0 

20,3 

11,8 

19,6 



(-1,23) 

(+8,06) 

(+0,66) 

(-3,44) 

(+3,79) 

(+1,17) 

(-5,46) 

(+0,32) 


b 

19,9 

27,6 

19,7 

16,2 

23,0 

20,3 

11,8 

19,6 

Hechingen 

1 a 

20114 

20341 

20568 

20795 

21022 

21249 

21476 


b 

3980 

4070 

4160 

4249 

4338 

4427 

4516 



c 

16134 

16271 

16408 

16546 

16684 

16822 

16960 



2 a 

9-10 

6-4 

4-7 

6-6 

5-4 

5-7 

8-8 



b 

13-25 

19—19 

21—17 

18-20 

13-22 

22—15 

16-15 



3 

28,8 

23,6 

(+4,06) 

24,3 

(+5,26) 

24,6 

20,9 

23,0 

21,9 

23,8 

(+3,62) 



(+7,17) 

(+4,96) 

(+1,69) 

(+3,87) 

(+4,64) 


4a 

48,2 

24,5 

26,4 

28,2 

26,7 

27,1 

35,4 

30,1 


b 

23,5 

23,3 

23,1 

22,9 

20,9 

21,9 

18,2 

21,9 

Gammer- 

1 a 

12794 

12800 

12806 

12812 

12818 

12824 

12830 


tingen 

b 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

_ 


c 

2 a 

b 

12794 

12800 

12806 

12812 

12818 

12824 

12830 



11-14 

11-19 

11—10 

12-14 

13-14 

13-19 

12—12 



3 

19,5 

23,4 

16,4 

20,3 

(+0,66) 

21,0 

24,9 

18,7 

20,6 


A Q 

(-1,63) 

(+3,86) 

(-2,64) 

(+1,79) 

(+5,77) 

.(+1,44) 

(+1,32) 


t a 

b 

19,6 

23,4 

16,4 

20,3 

21,0 

24^9 

18,7 

20,6 

Hohen- 

1 a 

66780 

67082 

67382 

67682 

67982 

68282 

68582 


zollernsche 

b 

8577 

8673 

8767 

8861 

8955 

9048 

9141 


Lande 

c 

58203 | 

58409 

58615 

58821 

59027 

59234 

59441 



2 a 

29-33 

22-29 

24-22 

19-13 

14-9 

10—13 

13—13 



b 

48-47 

50-50 

59-35 

54-68 

64-67 

66-64 

54—55 



3 

23,5 

22,5 

20,7 

22,7 

22,6 

22,4 

19,7 

22,0 


■ 

(+2,87) 

(+2,96) 

(+1,66) 

(+2,06) 

(+3,39) 

(+3,27) 

(+2,44) 

(+1,72) 


4a 

72,3 

58,8 

52,4 

36,1 

25,7 

25,4 

28,4 

44,3 


b 

16,3 

17,1 

16,0 

20,7 

22,2 

21,9 

18,3 

17,5 

Rhein¬ 

1 a 

5826578 

5962185 

6097794 

6233403 

6369012 

6604619 

6640226 


provinz 

b 

2747181 

2850726 

2955753 

3059565 

3165393 

3270161 

3364151 


i c 

3079397 

3111459; 3142041 

3173838 

3208619 

3234458 

3276076 



2 a 

6362 

6323 

6266 

6532 

6782 

i 6896 

6646 



b 

7139 

6729 

6771 

6916 

6399 

i 6331 

5992 



3 

23,2 

21,8 

21,3 

(+2,26) 

21,5 

(+1,86) 

20,7 

(+1,49) 

20,3 

19,0 

21,1 


i 

(+2,07) 

(+2,26) 

(+1,17) 

(+1,74) 

(+1,82) 


4a 

23,1 

22,2 

21,2 

21,3 

21,4 

21,1 

19,7 

21,4 


b 

23,2 

21,6 

21,5 

21,6 

19,9 

19,5 

18,3 

20,8 


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Gck 'gle 


Original frnm 

UMIVERSITY OF IOWA 










190 


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Tabelle 2. 

Tuberkulose bei Männern und Frauen. 


1. a) Gesamtzahl der Einwohner im Durchschnitt nach den Volkszählungen 

am 1. Dezember 1900 und 1905. 

b) davon: Männer, 

c) „ Frauen. 

2. a) Zahl der Todesfälle an Tuberkulose. 

b) davon bei Männern, 

c) n 3 Frauen. 

3. Auf 10000 Lebende entfallen Todesfälle wegen Tuberkulose 

a) insgesamt, 

b) bei Männern, 

c) 3 Frauen. 


bezirk 


1900 

1901 

1902 

1903 

1904 

1905 

1906 

Düsseldorf 

1 a 

1 ! 1 t 

; 2599806,2677693 275558ll2838469 291136612989243 

3067130 


b 

1321087 1360206 1399325! 1438444,1477563 1516682 

1555701 


1 c 

1278719 1317487i 1356256 

11395025 1433793! 1472561 

1511329 

2 a 

5808 

6640 

i 6623 

1 6055 

6028 

! 6094 

6911 

ll b 

3268 

3273 

i 3109 

| 3311 

i 3315 

3242 

3140 

c 

2540 

2377 

! 2514 

1 2744 

2713 

2852 

2771 


3 a 

22,3 

21,0 

20,4 

21,3 

1 20,7 

20,3 

19,2 


b 

24,7 

24,0 

22,2 

23,0 

, 22,4 

21,3 

20,2 


!' C 

19,8 

18,0 

18,5 

i 

19,7 

| 18,9 

19,3 

18,2 

Cöln 

1 

1 ^ 

1021878 

10458821106988611093890j 1117894 

1141898 

1165902 


! b 

507981 

i 519862 

531743 

1 543624 

555504 

567884 

! 579264 

j 

1 c 

513897 

526020 

538143 

550266 

562390 

574514 

586638 


2 a 

2761 

2662 

2601 

2625 

2627 

2558, 

2420 


b 

1544 

1485 

1429 

1511 

1436 

1364 

1328 

1 

c 

1217 

1177 

1 1172 

1114 

1191 

1194 

1106- 

! 

3 a 

27,2 

25,4 

1 24,3 

24,0 

23,5 

22,4 

20,8 


i b 

30,4 

28,5 

26,8 

27,8 

25,8 

24,0 

22,8 

1 

1 

c 

23,6 

22,3 

I 21,7 | 

20,2 

21,1 

20,7 

18,8 

Coblenz 

1 a 

682454 

690698 i 698942 I 

707186 

716432 

723676 

731920 

l! b 

339368 

343538 i 347708 i 

351878 

356048 

360218 

364388 

li c 

343086 

347160 

351234 i 

355308 

359384 ; 

363458 

367532 

I, 2a 

1579 

1442 

1517 

1572 

1365 

1347 I 

1354 

b 

826 

714 

i 789 

757 

689 

688 1 

692: 

'■ c 

753 

728 

728 

815 

676 

659 1 

662 

, 3 a 

23,1 

20,9 

21,7 

22,2 

19,0 

18,6 

18,5 

|, b 

24,3 

20,8 

22,7 

21,5 

19,3 

19.1 

18,9 

L C 

21,9 

20,9 

20,7 

22,9 

18,8 

18,1 | 

18,0 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSUM OF IOWA 



191 


Regierungs¬ 

bezirk 


1900 

1901 

1902 

1903 

1904 

1905 

1906 

Trier 

la 

614964 

622072 

629180 

636288 

6433% 

650504 

667612 


b 

303920 

307548 

311176 

314805 

318434 

322062 

325690 


1 

c 

311044 

314524 

318004 

321483 

324%2 

328442 

331922 


2 a 

1306 

1208 

1301 

1246 

1160 

1223 

1084 


! b 

720 

644 

691 

654 

604 

648 

644 


c 

586 

564 

610 

592 

556 

576 

440 


3 a 

21,2 

19,4 

20,7 

19,8 

18,0 

18,8 

16,3 


b 

23,7 

20,9 

22,2 

20,8 

18,9 

20,1 

19,7 


c 

18,8 

17,9 

19,2 

18,8. 

17,1 

17,5 

13,2 

Aachen 

1 a 

8406% 

858768 

876823 

894888 

912952 

931016 

949080 


b 

427065 

436791 

446517 

456243 

465%9 

475696 

485421 


c 

413631 

421967 

430306 

438645 

446983 

455321 

463659 


2 a 

1895 

1949 

1855 

1796 

1847 

1852 

1705 


b 

903 

994 

971 

898 

935 

946 

808 


c 

992 

955 

884 

898 

912 

%6 

897 


3a 

22,6 

22,7 

21,1 

20,0 

20,3 

19,9 

17,9 


b 

21,1 

22,9 

21,7 

19,7 

20,1 

19,9 

16,6 


c 

23,9 

22,6 

20,5 

20,4 

20,4 

19,9 

19,3 

Hohen- 

1 a 

66780 

67082 

67382 

67682 

67982 

68282 

68582 

zollernsche 

b , 

31949 

32095 

32242 

32389 

32536 

32683 

32829 

Lande 

c * 

34831 

34987 

35140 

35293 

35446 

36599 

35753 


2 a 

157 

161 

140 

154 

154 

153 

135 


b 

77 

72 

73, 

73 

78 

76 

67 


c 

80 

79 

67 ! 

81 

76 

77 

68 


! 3a 

23,6 

22.5 

20,7 

22,7 

22,6 

22,4 

19,7 


i b 

24,1 

22,4 

22,6 

22,3 

23,9 

23,2 

20,3 


1 c 

22,9 

22,6 

19,0 

28,0 

21,4 

21,6 

19,0 

Rhein¬ 

1 a 

5826578,596218516097794 

6233403|6369012 

6504619 

6640226 

provinz 

b 

2931370 3000040 3068711 

3137383,3206054 

3274724 

3343293 


c 

289520812962145|3029083 

3096020 3162958i 

3229895 

32%983 


2 a 

135061 

13052 

13037 

13448 

13181 

13227 

12618 


b 

7338 

7182, 

7062 

7204 

7057 

6964 

6674 


c 

6168 

5870 

5975 

6244 

6124 

6263 

5944 

i 

1 

3a 

23,2 

21,8 1 

21,3 

21,5 

20,7 

20,3 

19,0 

i 

b 

25,0 

23,9 

22,6 

22,9 

22,0 

21,2 

19,9 

i 


21,3 

19,7 ! 

19,9 

20,1 

19,4 

19,4 

18,1 


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Original frnm 

UNIVERSUM OF IOWA 







Das deutsche Volksbadewesen nach der 
neuesten Statistik. 

Von 

Oberbürgermeister am Ende, Dresden. 


Von alters her waren bei den Deutschen die wannen Bäder 
beliebt, die zuerst allerdings nur bei besonderer Veranlassung in 
Anwendung gebracht wurden, später jedoch durch das von den 
Klöstern gegebene Beispiel sich beim Volke des weiteren ein- 
bürgerten. Aeneas Sylvins berichtet aber das fröhliche Badeleben 
in Deutschland; in jedem Orte von einiger Bedeutung war für reich¬ 
liche Badegelegenheit auch in den Wintermonaten gesorgt. Als 
aber der 30jährige Krieg mit seinen Schrecken Aber die deutschen 
Lande zog, wurde das öffentliche Badewesen ein Bild deutscher 
Vergangenheit. 

Eine neue Badebewegung gewann nur zögernd Boden. Im 
Jahre 1855 errichtete Hamburg die erste Wasch- und Badeanstalt, 
dann folgte Berlin. Einen bedeutsamen Einfluss auf den Fortschritt 
der modernen Badebewegung haben die Vereine für öffent¬ 
liche Gesundheitspflege gehabt. Am 24. April 1899 ist die 
„Deutsche Gesellschaft für Volksbäder“ ins Leben getreten, 
deren Zweck es ist, anregend und auffordernd zu wirken, durch 
Schriften, Vorträge und volkstümliche Mitteilungen auf die Bedeu¬ 
tung der Reinlichkeitspflege immer wieder von neuem hinzuweisen 
und den Sinn für das Baden gegenüber der herrschenden Gleich¬ 
gültigkeit und Abneigung in der Bevölkerung zu wecken; sie will 
dafür Sorge tragen, dass eine wachsende Zahl neuer Badeanstalten 
errichtet und ihre Benutzung zur allgemeinen Gewohnheit werde. 
Der Wahlspruch der Gesellschaft ist: Jedem Deutschen wöchentlich 
ein Bad! Wieweit wir noch von der Verwirklichung dieses Wunsches 
entfernt sind, ging aus der von der „Deutschen Gesellschaft für 
Volksbäder a veranlassten Statistik über das deutsche Volksbade¬ 
wesen im Jahre 1900 hervor, die von dem Statistiker Professor 
Dr. Hirscbberg in Berlin bearbeitet worden war. 

Auf ähnlichen Grundlagen wie im Jahre 1900 ist nun fünf 


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Original from 

UMIVERSITY OF IOWA 



193 


Jahre später eine neue Erhebung Ober den gleichen Gegenstand 
vorgenommen worden. Das Entgegenkommen der Reichs- und 
Staatsregierungen ermöglichte es, in sämtlichen Stadt- und Land¬ 
kreisen des Deutschen Reiches Uber das Vorhandensein von öffent¬ 
lichen Badeanstalten Erhebungen in absoluter und lückenloser Voll¬ 
ständigkeit anzustellen. Und so hat man ein treues Bild gewonnen 
über die tatsächliche Lage, in der sich das deutsche Badewesen 
zurzeit befindet. Durch das im Jahre 1906 erfolgte Hinscheiden 
des Professors Dr. Hirschberg erfuhr der Fortgang der Arbeiten 
eine wesentliche Unterbrechung, so dass erst im Vorjahre durch 
Professor Dr. Silbergleit-Berlin das volle Ergebnis der im Jahre 
1905 angestellten Erhebungen bekanntgegeben werden konnte. 

Es wurden für das Gesamtgebiet des Deutschen Reiches 2847 
öffentliche Warmbadeanstalten gezählt; das ist — nach der 
Bevölkerungsziffer von 1905 berechnet — eine Badeanstalt auf 
ca. 21000 Personen. Diese Zahl besitzt jedoch die Bedeutung eines 
Minimums, weil nur die öffentlichen Anstalten bei ihr berück¬ 
sichtigt sind und im wesentlichen auch nur diejenigen unter ihnen, 
die nicht gleichzeitig Eurbäder sind, wie denn auch die Badeein¬ 
richtungen industrieller Anlagen usw. nicht einbezogen wurden. In 
den 2847 Anstalten waren insgesamt 18996 Badewannen, 11111 
Brausen und 232 Schwimmbassins vorhanden. 

Auf 100000 Einwohner kommen in den einzelnen deutschen 
Staaten Badeeinrichtungen: 


Staaten Schwimmbassins 

Badewannen 

Brausen 

Preussen 

0,3 

25,2 

17,2 

Bayern 

04? 

25,3 

16,5 

Sachsen 

0,7 ’ 

58,3 

25,2 

Württemberg 

0,8 

58,8 

17,2 

Baden 

0,5 

51,9 

33,5 

Hessen 

0,5 

25,5 

17,7 

Thüring. Staaten 

0,5 

36,8 

22,0 

Mecklenburg-Schwerin 

0,2 

23,7 

7,0 

Meck len burg-Strelitz 

— 

26,1 

17,4 

Oldenburg 

0,2 

22,8 

5,9 

Braunschweig 

0,8 

28,0 

21,4 

Anhalt 

— 

50,0 

71,0 

Waldeck 

— 

28,8 

32,1 

Lippe 

— 

22,0 

13,7 

Schaumburg-Lippe 

— 

20,0 

20,0 

Hamburg 

0,7 

47,5 

8,8 

Lübeck 

— 

38,7 

6,6 

Bremen 

1,1 

88,4 

46,3 

Eisass-Lothringen 

0,3 

40,4 

11,7 

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Original from 

UNIVERSSTY OF IOWA 



194 


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Nach vorstehender Tabelle hatte die wenigsten Badewannen 
auf 100000 Einwohner Schaumburg- Lippe (20,0), die meisten 
Bremen (88,4). Dann folgten Württemberg (58,8), Sachsen (58,3), 
Baden (51,9). In Anhalt sind die Brausen besonders beliebt. 

Aus den von der „Deutschen Gesellschaft für Volksbäder“ 
angestellten Erhebungen geht aber weiter hervor, dass nicht viel 
mehr als zwei Fünftel aller Einwohner des Reiches in 
Orten leben mit öffentlichen Warmbadeanstalten, von 
1000 Einwohnern nur 425, in Preussen nur 420, in Baden nur 414, 
in Württemberg nur 389, in Bayern nur 342. Am günstigsten 
steht das Königreich Sachsen mit 600 auf 1000. 

Nach der letzten Volkszählung vom Jahr 1905 hat sich er¬ 
geben, dass von den mehr als 3000 Einwohner zählenden Gemeinden 
im Deutschen Reiche 1092 mit einer Gesamtbevölkerung von 
6507969 öffentliche Warmbadeanstalten überhaupt nicht 
besitzen. 

Die dem Fehlen solcher Anstalten zugrunde liegenden Ur¬ 
sachen bilden finanzielle Leistungsunfäbigkeit, Wassermangel, Fehlen 
einer Wasserleitung, mangelnde Rentabilität. In den meisten Fällen 
ist aber „mangelndes Interesse“ der Grund für das Nicbtvorbanden- 
sein von öffentlichen Warmbadeanstalten. Hiernach ergibt sich die 
Notwendigkeit für eine weitere, nachhaltig zu betreibende Propa¬ 
ganda zur Hebung des Interesses für das Warmbad. Besonders 
wirkungsvoll wird sich das Studium der von der „Deutschen Ge¬ 
sellschaft für Volksbäder“ geschaffenen Statistik in den einzelnen 
Gemeindebezirken gestalten; es wird einen Wetteifer hervorrufen, 
der zum Ziele führen muss, weil keine Gemeinde hinter der an¬ 
deren zurückstehen will und jedes* gute Beispiel dieser Art neue 
Gründungen nach sich zieht. 

Schliesslich sei noch erwähnt, dass die neuerlich in vielen 
Orten zur Einführung gelangten Schulbäder, welche in vortreff¬ 
licher Weise den Gesundheitszustand der heranwacbsenden Jugend 
fördern und in hohem Masse erzieherisch nicht nur auf die Kinder, 
sondern auch auf die Eltern einwirken *), wegen ihrer Beschränkung 
auf die Kinder in der vorliegenden Statistik nicht in Betracht 
kommen. 


1 ) Siehe auch: am Ende, Das Brausebad in der Volksschule. Dres¬ 
den 1900. Selbstverlag des Verfassers. 


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Die Hygiene in den Bauordnungen und Be¬ 
bauungsplänen mit besonderer Berücksichtigung 
von Königsberg i. Pr. 

Von 

Kgl. Bauinspektor Redlich (Rixdorf-Berlin). 

Nach eisern Vortrage, gehalten in der Deutschen Gesell¬ 
schaft für öffentliche Gesundheitspflege zu Berlin. 


Mit Tafel III. 


In froherer Zeit enthielten die Bauordnungen hauptsächlich 
Vorschriften bezüglich der Stand-, Verkehrs- und Feuersicherheit. 
Erat später hat man darin Bestimmungen bezüglich der Gesund¬ 
heit aufgenommen. In neuerer Zeit wird auch Denkmalschutz be¬ 
rücksichtigt, und sogar die Forderungen der Schönheit dürfen wie¬ 
der hoffen, einen besseren Platz als bisher eingeräumt zu erhalten. 

Bei der Entwicklung, die den Bestimmungen für die Gesund¬ 
heit heute zuteil wird, ist es gewiss nicht zu verwundern, dass sie 
anfangen, für sich den grössten Umfang in den Bauordnungen in 
Anspruch zu nehmen. Es sind aber auch der Gesichtspunkte in 
•dieser Hinsicht zu viele, die berücksichtigt sein wollen: 

Beschränkung der Bebauungsfläche bzw. Gewinnung aus¬ 
reichend grosser Höfe und anderer Freiflächen, 
Beschränkung bzw. Fernbaltung der Bebauung hinteren 
Geländes, 

Gebäudehöhe an den Strassen und an den Höfen, 
Vorbauten, 

Beschränkung der Zahl der Geschosse für die zum dauern¬ 
den Aufenthalt von Menschen bestimmten Räume, 
Beschaffenheit dieser Räume, 

Sicherung des Zutritts von Licht und Luft zu denselben, 
Beschaffenheit des Baugrundes, 

Schutz gegen Erdfenchtigkeit, 

Versorgung der Gebäude mit Wasser, 

Beseitigung der Abwässer, 

Anlage der Aborte u. a. mehr. 


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Dazu kommen noch die Abstufungen in den so wichtigen Be¬ 
stimmungen bezüglich der Bebauungsfläche, der Gebäudehöhe, der Ge¬ 
schosszahl und der Beleuchtung und Belüftung der Innenräume, wenn 
es sich um Stadtteile verschiedener Lage und verschiedenen Charakters, 
also um innere, äussere und für die Bebauung erst zu erschliessende 
Gebiete oder um geschlossene, offene und halboffene Bauweise oder 
um Geschäfts-, Wohn-, Landhaus- und Fabrikviertel handelt. Auch 
die einzelnen Gattungen des Wohnhauses, Ein-, Zwei- und Mehr¬ 
familienhäuser, Dach-, Keller und Hof- oder Hinterwohnungen sowie 
die Anlage von Wohnräumen und dergleichen über Ställen erheischen 
eine unterschiedliche Behandlung. 

Für Theater sowie für öffentliche Versammlungsräume und 
dergleichen, für Bäckereien und Fleischereien sowie für andere 
gewerbliche Anlagen bestehen meist besondere Polizeiverordnungen. 
Störenden, lästigen und gefährlichen Betrieben wird heute eine 
eigene Berücksichtigung zuteil, indem man sie in einzelnen Stadt¬ 
teilen begünstigt, um sie desto leichter von anderen Stadtgebieten 
fernhalten zu können. In ähnlicher Weise werden im innersten 
Stadtkern und in den zu ihm führenden Strassen die Geschäfts¬ 
häuser behandelt. 

Es ist ohne weiteres klar, dass beute Bestimmungen der ge¬ 
nannten Art nicht getroffen werden können ohne Rücksicht auf den 
Stadtplan. Zu jeder guten Bauordnung gehört daher, dass der 
Bebauungsplan mit ihr in Übereinstimmung sich befindet. Von 
den Gebäudegattungen und von den Wohnhaustypen sowie von der 
Grösse der Bebauungs- bzw. der Freiflächen ist die Baustellengrösse 
abhängig, also die Abmessungen der Baublöcke. Die Höhe und die 
Stockwerkszahl der Gebäude an den Strassen muss sich nach deren 
Breite richten, und die Bestimmung der Strassenbreite ist wieder 
von dem Charakter der an ihr zu errichtenden Gebäude abhängig. 
Die Forderungen der Gesundheit, die in den Bauordnungen gestellt 
sind, werden sich also in den zugehörigen Bebauungs- und Flucht¬ 
linienplänen widerspiegeln müssen, wo mit Sachverständnis ge¬ 
arbeitet wird. Dazu kommt, dass in jedem Bebauungsplan auf Grund 
besonderer gesetzlicher Bestimmungen die Rücksichten auf die öffent¬ 
liche Gesundheitspflege ohnedies zu wahren sind. Die Pläne 
müssen soweit ausgearbeitet sein, dass aus ihnen ersichtlich ist, wie 
für die in den nächsten 20—30 Jahren zu erwartende Bevölkerungs¬ 
zunahme vorgesorgt ist. Die Beschaffung von Parkanlagen, Schmuck- 
nnd Spielplätzen darf nicht vernachlässigt werden. Bei der Führung 
der Baufluchtlinien ist neben anderen Rucksiebten auf die Ver¬ 
meidung von Staubentwickelung und Schattenlosigkeit hinzuwirken. 
Entwässerung sowie Reinlichkeit der Strassen überhaupt erfordern 
besondere Massnahmen. 


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lat die Bauordnung, für welche der Bebauungsplan ausgearbeitet 
ist, eine Staffel- oder Zonenbauordnung, so wird der Bebauungsplan 
gleichzeitig einen Bauzonenplan vorstellen können. 

Abgesehen von dem Verbände der Deutschen Architekten- und 
Ingenieur-Vereine bat sich insbesondere der Deutsche Verein für 
öffentliche Gesundheitspflege wiederholt mit den auf dem Gebiete 
der Bauordnungen und Bebauungspläne zu lösenden Fragen beschäftigt. 
Schon die 3. Versammlung im Jahre 1875 hat „Thesen für Neu¬ 
bauten in neuen Quartieren grösserer Städte“ aufgestellt. Die „Leit¬ 
sätze der Stadterweiterung besonders in hygienischer Beziehung“ ent¬ 
standen im Jahre 1885. Bezüglich des „Entwurfes reichsgesetz¬ 
licher Vorschriften zum Schutze gesunden Wohnens“ vom Jahre 
1889 ist es interessant, sieb gegenwärtig zu halten, was in den seit 
seiner Aufstellung verflossenen 20 Jahren erreicht ist und welche 
Wünsche noch immer der Erfüllung harren. Es sei ferner erinnert 
an die „Leitsätze über die unterschiedliche Behandlung der Bau¬ 
ordnung für das Innere, die Aussenbezirke und die Umgebung der 
Städte“ vom Jahre 1893, an die „Leitsätze über weiträumige Be¬ 
bauung“ vom Jahre 1894 und schliesslich an die „Leitsätze über 
Massnahmen zur Herbeiführung eines gesundheitlich zweckmässigen 
Ausbaues der Städte“ vom Jahre 1895. Der Erfolg ist nicht aus¬ 
geblieben, und viele deutsche Bundesstaaten haben die vorgenannten 
Beschlüsse in der Weise beachtet, dass sie bereits zu einem den 
heutigen Anforderungen der Hygiene entsprechenden allgemeinen 
Baugesetz oder zu einem Wohnungsgesetz gelangt sind. In dem 
grössten Bundesstaate fehlt bekanntlich beides. Aus dem vor einigen 
Jahren veröffentlichten Entwürfe zu einem Wobnungsgesetz hat der 
Minister der öffentlichen Arbeiten einen Teil herausgenommen und 
als „Grundsätze für die Aufstellung von Bebauungsplänen und die 
Ausarbeitung neuer Bauordnungen“ den naebgeordneten Behörden 
zur Beachtung überwiesen. Der diesbezügliche Erlass vom 20. De¬ 
zember 1906, der mit Freude begrüsst wurde, gibt darüber Auf¬ 
schluss. Wenn auch auf Grund desselben auf die Gemeinden ein¬ 
gewirkt werden soll, so fehlt doch das wichtigste Mittel: der Zwang 
des Gesetzes. 

Man ersieht, dass der Techniker zu einer umfangreichen Mit¬ 
wirkung auf dem Gebiete der Hygiene berufen ist; es handelt sieb 
um grosse bedeutsame Aufgaben, die nur durch ihn gelöst werden 
können. An den technischen Hochschulen ist kein Mangel mehr an 
geeigneten Lehrstühlen wie früher. Denjenigen preussischen kom¬ 
munalen und Staatsbaubeamten, welchen früher keine Gelegenheit 
zu geeigneter Ausbildung geboten war oder solche nicht wahr¬ 
nehmen konnten, die in ihrer jetzigen amtlichen Tätigkeit dieselbe 
aber nicht entbehren sollten, kann sie durch die in letzter Zeit all- 


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jährlich auf Veranlassung und mit Unterstützung des Ministers der 
öffentlichen Arbeiten veranstalteten Kurse über die Hygiene des 
Städtebaues nachträglich zuteil werden. 

Wir gehen nun schnelleren Fusses besseren Zeiten entgegen, 
und die vielerorts in Deutschland entstehenden neuen Bauordnungen 
und Bauzonen- bzw. Bebauungspläne legen Zeugnis von den ge¬ 
machten Fortschritten ab (vgl. die Pläne von Düsseldorf, Mannheim, 
Königsberg, Dresden sowie von Berlin und Vororten. Demonstration). 
Es würde kein geschlossenes Bild geben, wollte man alle die An¬ 
sätze zur Besserung, die an verschiedenen Orten gemacht worden 
sind, Zusammentragen und darstellen. Es würde wohl auch kaum 
jemand dazu imstande sein. Da ja jede neuere Bauordnung von 
anderen beeinflusst ist, so genügt es, sich auf ein Beispiel zu be¬ 
schränken. An diesem wird man zeigen können, wieweit sich an 
-einem bestimmten Orte die Forderungen der Hygiene in Bauordnung 
und Plan erfüllen lassen. Gelegenheit zu Vergleichen wird sich 
bieten. Es ist dabei gleichgültig, ob man die Bauordnung einer 
Stadt des Ostens oder des Westens, des Nordens oder des Südens 
wählt; denn die klimatischen Verhältnisse einer Gegend, geschweige 
-denn eines einzelnen Ortes, beeinflussen heute eine Bauordnung in 
hygienischer Hinsicht nicht oder doch verhältnismässig wenig, so¬ 
weit es sich um das Gebiet des Deutschen Reiches handelt. Auch 
die Forderungen der Feuer-, der Stand- und der Verkehrssicherheit 
geben kein örtliches Gepräge. Was hier feuergefährlich ist, dürfte 
es auch dort sein, und was dort nach den Regeln der Standsicher¬ 
heit ausgefübrt ist, wird auch hier Bestand haben. Streicht man 
also aus den neuen Bauordnungen von Barmen, Dresden, Düsseldorf, 
Königsberg, Posen, Wiesbaden u. a. alle Ortsbezeichnungen, so 
dürfte es selbst einem Sachverständigen schwer fallen, zu bestimmen, 
welchen Gegenden die Bauordnungen angepasst sind. Bei der Bau¬ 
ordnung für Wiesbaden wird man vielleicht herauslinden, dass es 
sich um Bestimmungen für einen Kurort handelt. Häufiger wird 
man Ähnlichkeiten finden, wenn zwei Bauordnungen von demselben 
Verfasser beeinflusst sind, z. B. die Bauordnungen für Köln und 
Posen, wobei besonders zu beachten ist, dass die eine Stadt sehr 
weit westlich und die andere sehr weit östlich gelegen ist. Eine 
noch grössere Ähnlichkeit wird natürlich vorhanden sein, wenn in 
einem Orte die Bauordnung eines anderen mit nur geringen Ände¬ 
rungen abgeschrieben wird. So batte man z. B. in einer kleinen 
Seestadt mit weiträumiger und niedriger Bauweise die Belbst schon 
veraltete Bauordnung einer Festung mit grosser Baudichtigkeit ab¬ 
geschrieben und für Vorderhäuser nur vier anstatt fünf Geschosse 
zugelassen. Glücklicherweise ist für die Stadt ein grosser Nachteil 
nicht eingetreten, da dort die Bewohner wegen des früheren Mangels 


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einer Wasserleitung und des noch jetzt bestehenden Fehlens einer' 
Kanalisation in kein höheres als in das dritte Geschoss ziehen, mit¬ 
hin auch nicht höher gebaut wird. In Norderney und in Tsingtau 
soll die Berliner Bauordnung sehr grosse Nachahmung gefunden 
haben, und auf dem letzten Hygiene-Kongress erzählte mir ein 
Mitglied aus Java, dass dort infolge ähnlicher Verhältnisse auch« 
schon die Boden- und Wohnungsfrage der Erledigung harrt. 

Die Hygiene, die in der Bauordnung eines Ortes in Deutsch¬ 
land erzielt werden kann, wird sich also weniger nach den klima¬ 
tischen, wohl aber nach den wirtschaftlichen Verhältnissen desselben 
richten. Die Inhaber von Grund und Boden sind nun diejenigen, 
die den Forderungen der Hygiene am meisten Widerstand ent¬ 
gegensetzen. Wie jedes Gesetz, so enthält auch jede Bauordnung 
im Grunde genommen nur Beschränkungen, und da es sich hier 
ganz besonders um Beschränkungen in der Ausnützung des Besitz¬ 
tums handelt, so ist es ganz natürlich, dass man sich gegen jeden 
für die Allgemeinheit darzubringende Opfer wehrt. Dazu kommt, 
dass gerade die Forderungen der Gesundheit es sind, welche den 
grössten Einfluss auf die Baudichtigkeit und somit auf den Ertrag 
eines Grundstücks auszuüben geeignet sind. Da will selbst die 
Gemeinde ihr Eigentum nicht geschmälert wissen, und auch der 
Staat setzt sich für seinen Besitz zur Wehr. Wie ist es unter 
solchen Umständen denkbar, dass die Aktiengesellschaften, welche 
die Verwertung von Grundbesitz als eigentlichen Erwerbszweig be¬ 
treiben, oder dass einzelne Eigentümer zurttckstehen? 

Es ist noch ein anderes zu beachten. Man sträubt sich nicht 
gegen die Forderungen der Stand- und der Feuersicherheit. Was 
stand- und feuersicher ist, lässt sich jederzeit tatsächlich feststellen, 
darüber herrschen also in der Regel auch keine Meinungsverschieden¬ 
heiten, wohl aber gehen namentlich bei verschiedenem Vorteil die 
Ansichten darüber auseinander, was gesund ist. Dazu kommt, dass 
das, was man heute für gesund hält, noch vor wenigen Jahrzehnten 
als nicht nachteilig angesehen wurde. Aus diesem Grunde dürfte 
es m. E. auch nicht angebracht sein, Mindestforderungen bezüglich- 
der Gesundheit in den Staatsgesetzen, betreffend das Wohnungs¬ 
wesen, einzuführen; diese Mindestforderungen wären vielmehr mit 
den Fortschritten der Zeit zu ändern und daher besser in den ört¬ 
lichen Polizeiverordnungen festzusetzen, in denen die dafür von 
den Ministerien auf Grund der Wohnungsgesetze gegebenen Aus¬ 
führungs-Anweisungen streng zu beachten wären. 

Der höchste Grad von Hygiene wird sich in den Bauordnungen 
und Plänen der Orte erzielen lassen, in denen der Boden am billig¬ 
sten zu sein pflegt, also auf dem platten Lande und in kleinen 
Städten; die Forderungen werden dort herabgemindert werden 


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müssen, wo ein beträchtliches Zusammenströmen der Bewohner statt¬ 
findet und dadurch eine bedeutende Wobnungsverteuerung ohne¬ 
dies eintritt. 

Wenn nun die Forderungen der Stand-, Feuer- und Verkehrs¬ 
sicherheit überall die gleichen sein können und nur die Forderungen 
der Gesundheit sich nach der wirtschaftlichen Entwickelung der 
Ortschaften richten sollen, so dürfte daraus zu folgern sein, dass 
man selbst für grosse Staatsgebiete einheitliche Baugesetze erlassen 
könnte, die nur die Abstufung einzelner Bestimmungen den örtlichen 
Polizeirerordnungen allerdings innerhalb ministeriell festzustellender 
Grenzen Uberliessen. 

Selbst bezüglich der Abstufung der hygienischen Forderungen 
handelt es sich gar nicht um so viele Punkte. Die wichtigsten 
und wirtschaftlich wie hygienisch von gleich einschneidender Be¬ 
deutung bleiben immer die Festsetzungen der Geschosszahl, der Ge¬ 
bäudehöhe und der Bebauungsfläche sowie die Bestimmungen über 
Licht- und Luftzuführung für die zum dauernden Aufenthalt von 
Menschen bestimmten Räume. Bezüglich dieser Gesichtspunkte 
brauchten aber wirklich nicht so viele Unterschiede obzuwalten, 
mindestens nicht für das der Bebauung neu zu erschliessende Ge¬ 
lände, dessen Baudicbtigkeit zum Vorteil wenig behinderter späterer 
Entwickelung zunächst möglichst gering zu halten ist 

Bezüglich der Geschosszahl bleibt bei uns nur die Wahl zwi¬ 
schen 2—5 Haupt- oder Wohngeschossen einschliesslich des Erd¬ 
geschosses. Stübben schlägt in seiner vom „Verein Reichswohnungs¬ 
gesetz“ (jetzt „Verein für Wohnungsreform“) herausgegebenen Schrift 
„Die Bedeutung der Bauordnungen und Bebauungspläne für das 
Wohnungswesen“ *) vor, für das Innerste der Städte mit mehr als 
10000 Einwohnern nicht mehr als drei Geschosse, in Städten von 
mehr als 100000 Einwohnern nicht mehr als vier Geschosse und 
in Städten von mehr als 1 Million nicht mehr als fünf Geschosse 
zuzulassen. Wir sehen, es handelt sich selbst für den innersten 
Kern der Städte nur um drei Stufen. Man kann und muss diesem 
Vorschläge durchaus zustimmen, und diesbezügliche Ministerialerlasse 
würden zur Hebung der allgemeinen Gesundheitspflege ungemein 
viel beitragen können. Abweichungen dürften nur mit besonderer 
ministerieller Erlaubnis zuzulassen sein. 

Mit der Festsetzung der Geschosszahl sind aber die Forderungen 
der Hygiene in der Hauptsache fast schon erledigt. 

Da die Höbe der Gebäude von der Geschosszahl abhängig ist, 
so sind auch in dieser Hinsicht nur wenige Staffeln erforderlich. 

Hinsichtlich der Hof- oder Freiflächen ist es auch nur mög- 

1 ) Verlag von Vandenhoek & Ruprecht. Göttingen 1902. 


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lieh, zwischen 7 /io und ®/ 10 der Grundstücksfläche abznstufen. Will 
man noch wirtschaftlich arbeiten, was doch unbedingt nötig ist, so 
wird man billigerweise eine grössere Hoffläche als 7 / 10 der Grund- 
stücksfläche nicht fordern können. Aach ans öffentlich rechtlichen 
Gründen wird man wohl nicht mehr verlangen. Der wohlhabende 
Villenbesitzer wird freilich im eignen Interesse eine grössere Frei¬ 
fläche darbieten. Eine geringere Freifläche als ®/ I0 der Grundstücks- 
fläche aber sollte man, von Eckgrnndstttcken abgesehen, im Inter¬ 
esse der Gesundheit fast nirgends, selbst in alten Stadtteilen, für 
Neubauten jetzt nicht mehr zulassen, wenn man nicht fortgesetzt 
scborn8teinartige Höfe entstehen lassen will. Also auch hinsichtlich 
der Bebauungsfläche bzw. der Hof- oder Freiflächen ergibt sich nur 
eine geringe Zahl von Abstufungen. 

Schliesslich sind auch bezüglich der Abstände der Wohn¬ 
gebäude, Fabriken und anderer zum dauernden Aufenthalt von Men¬ 
schen bestimmter Gebäude von gegenüberliegenden Gebäuden auf 
demselben oder dem benachbarten Grundstück im Vergleich zu der 
Höhe dieser Gebäude behufs Erzielung ausreichender Licht- und 
Luftzuführung nur wenige Staffeln nötig, da diese von denjenigen 
der Gebändehöhe und Bebauungsfläche bzw. von der Geschosszahl 
abhängig sind. Es muss angestrebt werden, dass die Licht- und 
Lnftverhältnisse auf den Höfen denen auf den Strassen immer näher 
gebracht werden. 

Wenn anch Verschiedenheiten immer notwendig sein werden, 
so ist doch nach dem Gesagten ersichtlich, dass der Buntscheckig- 
keit des heutigen Bauordnungswesens gerade auf dem am meisten 
einschneidenden Gebiete und daher wohl aueh auf anderen ent¬ 
gegengewirkt werden kann. Es wäre schon mit Freuden zu be- 
grüssen, wenn zu diesem Zwecke behufs einheitlicher Durchführung 
der ministeriellen Grundsätze alle Bauordnungen den Zentralstellen 
vorgelegt werden müssten nnd wenn dort besondere Beamte mit 
der Nachprüfung betraut sein würden, bevor diese Verordnungen 
in Kraft treten sollen. Die besten Grundsätze werden unwirksam, 
wenn nicht eine gewisse Aufsicht über ihre Beachtung ausgeübt 
wird. Nur ein starker Wille, nur eine starke Hand wird Hilfe 
bringen. 

Eine gewisse Förderung wird der Gesundheitspflege in den 
Bauordnungen dadurch zuteil werden können, dass das Bauen ver¬ 
billigt wird. Die Techniker sind schon vielfach bemüht, die bau¬ 
polizeilichen Forderungen für bestimmte Gebäudegattungen, nament¬ 
lich fqr das Einfamilienhaus und den Kleinwohnungsbau überhaupt 
herabzusetzen. Geschieht dies, so kann die Hygiene in den Bau¬ 
ordnungen wieder grössere Ansprüche erheben. 

Die wichtigste Unterstützung wird aber von den National- 


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Ökonomen kommen müssen; denn wenn es diesen erst gelangen ist, 
der Bodenverteuerung entgegenzawirken, so wird auch die Hygiene 
weiter aasgreifen können. Die Beleihung von Grand and Boden 
wird getrennt werden müssen von der Beieihang der darauf er¬ 
richteten baulichen Anlagen, and es wird in dem nea za schaffen¬ 
den Gesetz eine Einschränkung nach der Richtung hin ausgesprochen 
werden müssen, dass keine weiteren Hypotheken aufgenommen wer¬ 
den dürfen, wenn nicht neue Mittel in die Anlagen wirklich hinein¬ 
gesteckt worden sind. Diesen und anderen Forderungen, denen wir 
in den Schriften der Bodenreformer begegnen, denen nacbzugehen 
hier aber zu weit abführen würde, muss die Allgemeinheit ihre 
volle Unterstützung leihen, damit unsere Wohnungen verbilligt sowie 
ausreichend Platz zur Erholung gewonnen und somit den Forde¬ 
rungen der Gesundheitspflege in den Bauordnungen und Bebauungs¬ 
plänen die ärgsten Hindernisse aus dem Wege geräumt werden 
können. 

Davon abgesehen, wird man sich damit begnügen müssen, 
schrittweise bei jeder neuen Bauordnung eines Ortes die vorhandene 
Baudichtigkeit dort herabzumindern, wo es nötig ist. Damit ruiniert 
man nicht, wie es immer dargestellt wird, die Eigentümer, man be¬ 
schränkt nur in einem gewissen noch erträglichen Masse den zu¬ 
künftigen Ertrag oder den Gewinn bei zukünftigem Verkauf. Bei 
unbebauten Grundstücken handelt es sich meist nur um Terrain- 
spekulanten. Weshalb muss bei einer neuen Bauordnung immer auf 
diese Rücksicht genommen werden? Wenn und wo kümmert man 
sich sonst um diejenigen, welche auf anderen Gebieten spekulieren? 
Zum Vergleich darf angeführt werden, dass die Inhaber von Staats¬ 
papieren nicht vermögenslos werden, wenn der Staat den Zinsfuss 
herabsetzt; die Besitzer der Papiere werden in ihrem Einkommen 
nur in einem Masse geschmälert, welches der Staat glaubt vertreten 
zu können. So ungern und zögernd man zu solchen Massnahmen 
schreitet, so müssen sie doch getroffen werden, wenn die Rück¬ 
sichten auf die Allgemeinheit, hier auf deren Gesundheit, es erfor¬ 
dern. Es ist manchen Ortes höchste Zeit, dass die Bauordnungen 
und Bebauungspläne daraufhin untersucht werden, ob sie den heu¬ 
tigen Anforderungen der Hygiene noch Genüge leisten und ob das 
noch unbebaute Gelände nicht rechtzeitig vor zu weit gehender, zum 
Schaden der Allgemeinheit führender Ausnutzung zu schützen wäre. 
Es handelt sich um ein hohes Gut des Volkes. Beugen wir also 
vor, ehe es zu spät ist. 

Wenn ich nun ein Beispiel wählen soll, um zu zeigen, in wie 
vielen Punkten und in welchem Masse die bessernde Hand zur Herbei¬ 
führung hygienisch möglichst einwandfreier Zustände in einem be¬ 
stimmten Orte angelegt werden kann, so darf ich auf Königsberg 


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i. Pr. hinweisen. Für diese Stadt ist erst unterm 26. März 1907 
eine neue Bauordnung erschienen, bei welcher in Verbindung mit 
dem zugehörigen Plan die königlichen Behörden sowie der Magi¬ 
strat der Stadt bestrebt waren, die neuesten Fortschritte auf den ein¬ 
schlägigen Gebieten des Städtebaues, insbesondere der Gesundheits¬ 
pflege, zu berücksichtigen, soweit die wirtschaftlichen und die an¬ 
deren örtlichen Verhältnisse dies gestatteten. Wenn auch manches 
Gute anderweitig entlehnt wurde, so hat sich die ganze Arbeit doch 
weit von Abschreiberei gehalten. Bauordnung und Plan dürfen 
selbst wieder beanspruchen, als Vorbild oder wenigstens als Unter¬ 
lage zu gleichen Arbeiten für andere Städte von ähnlicher Grösse 
und Art benutzt zu werden. Ich wähle dieses Beispiel aber auch 
aus persönlichen Gründen, da ich in meiner dienstlichen Stellung 
daselbst vom Anfang bis zum Ende der Ausarbeitung der Bau¬ 
ordnung und des Planes während eines Zeitraumes von fast drei 
Jahren in reichem Masse daran mitwirken konnte. 

Königsberg wird bekanntlich von Osten nach Westen durch 
den Pregel durchflossen, dessen beide schiffbaren Arme sich kurz 
vor der Mündung in die Ostsee mitten in der Stadt vereinigen. 
Der nördlich des Flusses belegene ältere Teil der Stadt mit dem 
hochragenden Schlosse ist hügelig und besitzt guten Baugrund, 
während der südliche flachere Teil vielfach moorigen Untergrund 
zeigt und wegen der Kosten künstlicher Gründung früher lange Zeit 
spärlicher als jetzt bebaut war. Abgesehen von den fast gänzlich 
verschwundenen älteren Befestigungen, haben die aus dem Anfang 
des vorigen Jahrhunderts herrührenden Festungswerke wie ander¬ 
wärts hemmend auf die Ausdehnung der Stadt eingewirkt, doch 
konnten sie auf die Dauer den Aufschwung derselben als Handels¬ 
emporium des Ostens nicht hindern, namentlich nicht, indem die 
Zufuhrwege zu Lande und zu Wasser vermehrt und verbessert wur¬ 
den. Das Eisenbahnnetz vervollkommnete sich fortgesetzt. Daneben 
hat besonders die Herstellung des Königsberger Seekanals es bewirkt, 
dass die Seeschiffe nicht mehr in Pillau vor Anker zu gehen 
brauchen; diese können jetzt sogar bis mitten in die Speicherviertel 
und an die Stapelplätze der Stadt gelangen. 

Der Handel und andere Wirtschaftszweige der Stadt hatten 
einen neuen Impuls erfahren. Bald waren die Grenzen der Stadt 
zu eng, um der Zunahme der Bevölkerung genügend Baum zu 
bieten. Schon musste der letzte Platz, der nur durch Verlegung der 
Gasanstalt ausserhalb der städtischen Umwallung frei geworden war, 
für die Bebauung mit hohen Mietskasernen bereitgestellt werden. 
Es war also dringend nötig, eine Eingemeindung der nächsten Ort¬ 
schaften, in denen zum Teil schon ein sogenanntes Vorortleben auf 
Kosten der Stadt aufzublühen begann, herbeizuführen. Gleichzeitig 

Centralblatt f. all);. Gesundheitspflege. XXVIII. Jahrg. 14 


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war ins Auge zu fassen, dass die Befestigung der Stadt, welche 
den Anforderungen der heutigen Kriegskunst wohl nicht mehr ge¬ 
nügt, beseitigt, und dass ein neuer Festungsgürtel ausserhalb der zu 
erweiternden Grenzen der Stadt vorgesehen werde. Eingemeindung 
und Entfestigung sollten Hand in Hand gehen, und es war daher 
geraten und wohl auch notwendig, für das gesamte alte und neue 
Stadtgebiet eine einheitliche Bauordnung mit zugehörigem Plan so 
rechzeitig aufzustellen, dass beide Arbeiten mit der Eingemeindung 
und Entfestigung zugleich zur Geltung kommen konnten. 

Aber auch aus anderen Gründen war, wenn auch nicht die 
Aufstellung einer neuen Bauordnung, so doch mindestens eine Nach* 
prttfung der alten Vorschriften daraufhin nötig, ob dieselben im 
Laufe der Zeit den veränderten Verhältnissen noch genügend Rech¬ 
nung trugen. Mit Einführung der Kanalisation hatten sich die 
gesundheitlichen Verhältnisse der Stadt zwar nicht unwesentlich 
gebessert, aber die Kanalisation und mit ihr die Wasserleitung hatten 
doch auch bewirkt, dass gegen früher die Einwohner sich in immer 
mehr Geschossen übereinander zusammendräogten. Die Sterblichkeits¬ 
ziffern waren nach der Statistik der deutschen Städte noch als 
verhältnismässig hohe zu bezeichnen. Nicht nur die Tatsache, dass 
der Festungsgürtel ein weiträumiges Wohnen nicht mehr gestattete, 
sondern auch die Bestimmungen der alten Bauordnungen mussten 
als weitere Ursachen für die gesundheitlich nicht einwandfreien 
Verhältnisse bezeichnet werden. 

Die alte Bauordnung für den innerhalb der Festungswälle 
gelegenen Stadtbezirk mit nahezu 200000 Einwohnern rührte aus 
dem Jahre 1887 her. Damals hat wie anderwärts wohl niemand 
geahnt, dass man von den Erleichterungen, die getroffen waren, 
bis an die äussersten Grenzen der S^adt ausgiebigsten Gebrauch 
machen würde, und dass dort binnen verhältnismässig kurzer Frist 
Zustände entstehen würden, die man in den ältesten und wirtschaft¬ 
lich wertvollsten Teilen der Stadt gerade noch dulden wollte. Wenn 
man bedenkt, wie verhältnismässig langsam früher vielfach noch 
die Bebauung der Städte sieh ausdehnte, so wird man begreifen, 
dass man damals auch in Königsberg die in der Fachwissenschaft 
bereits gegebene Lehre nicht beachtet hat, dass der innere Kern 
einer Stadt insbesondere in gesundheitlicher Beziehung anders zu 
behandeln ist als das Randgebiet derselben. Nur hinsichtlich der 
Bebauungsfläche war ein Unterschied gemacht zwischen unbebauten 
und bereits bebauten Grundstücken, indem erstere als Zwisehen- 
gründstücke bis zu 3 / 4 und als Eckgrundstücke bis zu 5 / 6 , letztere 
aber als Zwischengrundstücke bis zu 5 / 6 und als Eckgrundstücke 
bis zu 7 / 8 ihrer Gesamtfläche bebaut werden durften. Dabei muss 
beachtet werden, dass, sofern cs die Strassenbreiten gestatteten, 


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überall fünf Geschosse angelegt werden durften. Wie anderwärts war 
und sind im Innern der Stadt die Strassen zwar eng, aber der 
Baugrund sehr teuer. Man. hatte aus letzterem Grunde an den 
«ngen Strassen ein verhältnismässig höheres Banen gestattet als an 
den breiteren. Es war gestattet, an Strassen über 5 m Breite 7,5 m 
hoch, an Strassen über 8 m Breite lim hoch zu bauen, nnd erst an 
Strassen von 12 m Breite ab durfte man bis zur Grenze von 22 m 
nur so hoch bauen, als die Strassen breit waren. Da ausserdem 
die Bestimmungen der Bauordnung, wie vielfach anderwärts heute 
noch, die Anlage der Keller- und Dachwohnungen nicht nur nicht 
erschwerten, sondern sogar sehr erleichterten, so ist es verständlich, 
dass sich Zustände entwickelten, welche zu einer Dichtigkeit des 
Wohnens führen mussten, die in gesundheitlicher und in öffentlich 
wirtschaftlicher Beziehnng nicht einwandfrei bleiben konnten. Infolge 
solcher Bestimmungen konnte man für verkehrsreiche, aber schmale 
Strassen nur unter den grössten Opfern eine Verbreiterung erzielen. 
Das umgekehrte Verfahren wäre richtiger gewesen; die breiten 
Strassen hätten in gesundheitlicher Beziehung eher eine Bevor¬ 
zugung verdient, wenn eine solche am Platze gewesen wäre. An 
den Höfen war, wie auch anderwärts, die Auswertung bezüglich 
der Höhe gesundheitlich noch ungünstiger als an den Strassen, 
indem man dort sogar 5 m höher bauen durfte, als die davor liegen¬ 
den Höfe tief waren. Dazu kommt, dass die Höfe vollständig ge¬ 
schlossen umbaut werden durften und ihre Lüftung daher schwieriger 
war als die der Strassen. 

Für das Gebiet, welches eingemeindet werden sollte, röhrten 
die baupolizeilichen Bestimmungen zwar erst aus dem Jahre 1901 
her. Wenn man aber erwog, dass es meist noch gar nicht oder 
nur verhältnismässig wenig bebaut war, aber nach den Vorschriften 
hätte verhältnismässig dicht bebaut werden können, so musste der 
Befürchtung Raum gegeben werden, dass auch dort in der Zukunft 
Zustände entstehen könnten, die für die Bebauung des durch die 
Entfestigung frei werdenden Geländes, für die geplante Anlage eines 
neuen Hauptbahnhofes mit Zubehör, für die notwendige Unterschei¬ 
dung von Fabrik- und Wohnvierteln, für die Errichtung von Ein¬ 
familienhäusern und schliesslich für den ganzen Bebauungsplan der 
erweiterten Stadt unerwünscht gewesen wären. 

Nach der Bebauung, die auf dem durch die Entfestigung frei 
werdenden Gelände zugelassen werden sollte, musste sich selbst¬ 
verständlich der Preis richten, zu dem der Reicbsfiskus der Stadt 
oder einem anderen Käufer dieses Gelände zu übereignen in der 
Lage war. Der Verkäufer wollte einen möglichst hohen Preis er¬ 
zielen, und die Stadt, als zunächst in Frage kommender Käufer, 
wollte im Hinblick auf die Pläne, die sie mit besonderer Berück- 


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sichtigung des gesundheitlichen Interesses hatte entwerfen lassen, 
das Gelände zu einem möglichst niedrigen Betrage erstehen. Es 
ist ohne weiteres klar, dass verschiedene Taxen anfgestelit wurden 
und dass die Verhandlungen viel Zeit in Anspruch nahmen. Sie 
sind heute noch nicht beendigt. Bei dieser Sachlage konnte die 
Eingemeindung nicht länger aufgeschoben werden. Der Ein¬ 
gemeindungsplan (Demonstration) lässt die Grenzen der alten Stadt 
und des hinzugetretenen Geländes erkennen. Das ganze Stadt¬ 
gebiet umfasst seit dem 1. April 1905 im ganzen etwa 44,5 qkm 
und enthielt damals rund 230000 Einwohner. Die Eingemeindung 
kam zustande ohne Entfestigung; sie wirkte aber etwas be¬ 
schleunigend auf die Arbeiten für die vorläufige Fertigstellung der 
neuen Bauordnung und des zugehörigen Planes. 

Es war klar, dass die neue Bauordnung nach den jetzigen 
Grundsätzen des Städtebaues unter Berücksichtigung der obwalten¬ 
den örtlichen Verhältnisse nichts anderes als eine Zonenbauordnung 
werden konnte und dass in ihr besondere Geschäfts-, Wohn-, Villen- 
und Fabrikviertel eine unterschiedliche Behandlung erfahren mussten, 
zumal manche gute Ansätze dazu in der Bauordnung des ein¬ 
gemeindeten Gebietes vorhanden waren. Geschäfts-, Wohn-, Villen- 
und Fabrikstrassen waren in den verschiedensten Stadtgebieten 
vorzusehen. Erschwerend fflr die endgültige Feststellung in ein¬ 
zelnen Gebieten war es aber, dass die Entscheidung über die Lage 
des notwendigen neuen Hauptbahnhofes sich ebenso verzögerte wie 
die Entscheidung über die Entfestigung, von der ja auch andere 
Anlagen abhängig waren. Die Aufstellung eines einheitlichen Be¬ 
bauungsplanes war also unmöglich. Auch hätte dessen Ausarbei¬ 
tung erst nach Feststellung der Bauordnung und auch nur in einem 
gewissen Umfange erfolgen können, da der Zukunft nicht bis in 
alle Einzelheiten vorgegriffen werden durfte. Ei konnte also nur 
der Bauzonenplan, noch nicht aber der Bebauungsplan zustande 
kommen. 

Aber auch in dem Bauzonenplan sollte noch eine Lücke ent¬ 
stehen. Wie bereits erwähnt, wurde die Einigung zwischen Reichs¬ 
fiskus und Stadtgemeinde bezüglich der Bewertung des Festungs¬ 
geländes immer mehr hinausgeschoben. Es blieb daher nichts übrig, 
als für das Festungsgelände und das Gebiet des ersten Rayons alles 
beim alten zu lassen. So ist der gewiss einzig dastehende Fall 
zu beobachten, dass die Zahl der rechtsgültigen Bauordnungen nicht 
vermindert, sondern sogar um eine vermehrt wurde. Sehr ver¬ 
wickelte Verhältnisse sind allerdings nicht eingetreten, da ausser 
militärfiskalischen Bauten auf dem Festungsgelände und auf dem 
im ersten Rayon liegenden Gebiete nach dem Rayongesetz neue bau¬ 
liche Anlagen so gut wie nicht hergestellt werden dürfen. Dieses 


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rings um die Bebauung der alten Stadt sich erstreckende Gebiet 
ist nun auf dem zugehörigen Bauzonenplane (Demonstration) ohne 
besondere Färbung, also weiss gelassen worden, während die ver¬ 
schiedenen Farben die sieb abstufende Baudichtigkeit der neu ab¬ 
gegrenzten Bauzonen andeuten. Dass neben der geschlossenen auch 
der offenen Bauweise Platz eingeräumt wurde, wird, trotzdem es 
sich um eine weit nordöstlich vorgeschobene Stadt handelt, nicht 
wunder nehmen, da bereits in dem früheren Vorortgelände zwei 
ausgedehnte Gebiete mit landhausmässiger Bebauung sich kräftig 
entwickelt und ein Bedürfnis gewisser Bevölkerungskreise nach 
-derartiger Bauweise dargetan hatten. Wo es angängig war und es 
-namentlich die wechselnden landschaftlichen Verhältnisse wünschens¬ 
wert und angezeigt erscheinen Hessen, wurden daher jetzt noch 
rechtzeitig weitere kleine Gebiete der offenen Bauweise eingeräumt. 
Im Gebiet der alten Stadtgrenzen hatte schon vor dem Inkrafttreten 
4er neuen Bauordnung die in der Nähe des Schlossteiches sich 
geltend machende Spekulation zu einer Polizeiverordnung geführt, 
die der weiteren geschlossenen Verbauung des schönen, dem Stadt- 
innern zur besonderen Zierde gereichenden Gewässers wirksam Ein¬ 
halt gebot. Diese Verordnung ist aufrecbterhalten worden. Alles 
übrige Gelände in der inneren Stadt ist aus überwiegend wirt¬ 
schaftlichen Gründen der geschlossenen Bauweise überlassen ge¬ 
blieben. 

Die weitere Unterscheidung konnte nun natürlich nur in der 
Weise erfolgen, dass die im Innern bisher vorhandene gleichmässige 
Baudichtigkeit für die Folge abgestuft wurde, und dass diese 
Staffelung auf dem neu eingemeindeten Gebiet bis zu der noch zu¬ 
lässigen Grenze der Weiträumigkeit fortgesetzt wurde. 

Die selbstverständliche Folge davon war, dass aus dem alten 
Stadtgebiete der mit dem regsten Geschäftsleben erfüllte Kern jetzt 
•endlich aus dem übrigen Teil herausgehoben und diesem die alte 
Bauweise soweit belassen wurde, als dies möglich war. Damit war 
die Unterscheidung von Zone I und Zone II gegeben. Die nächste 
-Zone sollte natürlich dem Übergang von der Bebauung der alten 
Stadt zu der des Aussengeländes bieten. So entstand die Zone III. 
Sie unterscheidet sich in der Baudichtigkeit nur bezüglich der 
Bebauungsfläche von der nächstfolgenden Zone. Das neu einzu¬ 
gemeindende Gebiet konnte wie die alte Stadt gleichfalls nicht als 
Einheit behandelt werden, zumal ja schon, wie erwähnt, dort ver¬ 
schieden behandelte Baugebiete vorhanden waren. So wurden hin¬ 
sichtlich der Baudichtigkeit auch hier zwei Gebiete unterschieden, 
und in diesen selbst wieder ist znm Teil geschlossene und zum 
Teil offene Bauweise festgestellt worden. So ergaben sich die 
Zonen IV a und IV b sowie Va und Vb. In den Zonen der offenen 


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Bauzone (§ 14) 


Zwischen¬ 

grundstücke 


Eck¬ 

grundstücke 


in Vorder¬ 
gebäuden 


in Hinter¬ 
gebäuden bis 
zu 40 m 
Grundstücks¬ 
tiefe 


in Hinter¬ 
gebäuden 
über 40 m 
Grundstücks 
tiefe 


Vorder¬ 

gebäude 


Hinter- g* 
gebäude bis ££ c. 
zu 40 ni jr 2- 
Grund- - ® 
stückstiefe ? W 


Hinter¬ 
gebäude 
3 über 40 m 
Grund¬ 
stückstiefe 


zur Strasse 


zum Hof §: 


für Vorder 
gebäude 


für Hinter¬ 
gebäude 


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Bauweise IV b und Vb ist also die entsprechende Baudichtigkeit 
zugelassen, welche für die Zonen der geschlossenen Bauweise IVa 
und V a festgesetzt wurde. Die Zone VI schliesslich musste als 
sogenannte Industriezone eine eigenartige Behandlung erfahren. Ihr 
Gebiet musste sich namentlich an die Eisenbahnanlagen anschliessen 
und am Pregel entlang ziehen, soweit an demselben Speicher, Stapel¬ 
plätze sowie grössere gewerbliche und industrielle Anlagen belegen 
waren und deren Entstehung in der Zukunft daselbst geraten er¬ 
schien. Sie erstreckt sich daher durch neue und alte Stadtteile, 
und zwar besondere im Süden der Stadt, während der hochgelegene 
Norden freigeblieben ist. Dass die Abgrenzung der einzelnen Zonen¬ 
gebiete ira übrigen eine rein schematische nicht ist, lässt die farbige 
Behandlung des Planes ohne weiteres erkennen. Erwähnt sei nur, 
dass an den aus dem alten Stadtgebiet herausführenden Strassen, 
bei denen sich ein regerer Geschäftsverkehr feststellen liess, eine 
dichtere Bebauung zugelassen worden ist als auf dem übrigen sich 
unmittelbar anschliessenden Gelände. Sonst ist darauf geachtet 
worden, dass ähnliche Massnahmen für andere Strassen und Strassen¬ 
gebiete in der Zukunft möglich seien, nirgends aber ist mit Absicht 
der umgekehrte Weg eingeschlagen worden. Um grosszügigen 
späteren Unternehmungen der Stadt die Wege zu ebnen, ist zu¬ 
weilen die früher gestattete grössere Baudichtigkeit eingeschränkt 
worden. Es kann vermutet werden, dass in einzelnen Teilen da¬ 
selbst später wieder nachgegeben werden dürfte. Betont sei noch, 
dass in wirtschaftlicher Hinsicht besonders darauf geachtet wurde, 
dass nicht zum Schaden der alten Stadtgebiete die neuen bevorzugt 
wurden, und umgekehrt. 

Die vorstehende Zusammenstellung ergibt näheren Aufschluss 
über die Baudicbtigkeit, die für die einzelnen Zonen festgesetzt 
wurde. 

Hinsichtlich der Bebauungsfläche sei hervorgehoben, dass in 
Zone I nur noch die Dichtigkeit zugelassen wurde, die ehedem 
den unbebauten Baustellen des alten Stadtgebietes eingeräumt worden 
war. Dagegen ist selbst für Zone Va und Vb die gleiche Be¬ 
bauungsfläche zugelassen worden wie für die Zonen IV a und IV b, 
allerdings in Rücksicht auf die wirtschaftlichen Bedingungen für 
die Entstehung von Einfamilienhäusern und im Hinblick darauf, 
dass ohnehin schon genug Einschränkungen in anderer Hinsicht not¬ 
wendig waren. Bezüglich der Behandlung der Eckgrundstücke sei 
erwähnt, dass alle diejenigen nicht mehr als Eckgrundstücke im 
Sinne der Bauordnung anerkannt und von jeder Begünstigung aus¬ 
geschlossen wurden, auf denen zum dauernden Aufenthalt von 
Menschen bestimmte Hintergebäude errichtet werden sollen. Die 
äussersten Grenzen für die Berechnung der Bebauungsfläche bewegen 


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sich nunmehr für Zwischengrundstücke zwischen */ 4 und 4 / l0 , sowie 
für Eckgrundstücke zwischen 4 / 5 und 1 / 2 der Grandstücksflächen. 

ln der Bemessnng der Bebannngsflächen soll man, wie hier 
geschehen, immer etwas nachgiebig sein, damit anf den Höfen 
wirtschaftlich notwendige Eieinbauten möglich werden. Nur sollte 
eine Ausnutzung der Bebauungsfläche nicht in gleichmässig grosser 
Höhe zagestanden werden. Eine Nachgiebigkeit ist auch nötig, 
wenn für die Berechnung der Bebauungsfläche Vorgärten von der 
Grnndstücksfläche vorweg in Abzug zu bringen sind. Zu dieser 
alten, jetzt übernommenen Bestimmung kam noch hinzn, dass unbe¬ 
baute Flächen, die nach ihrer Lage und Gestalt für die Erhellung 
und Lüftung der Gebäude ohne Nutzen sind, nur nach dem Er¬ 
messen der Baupolizeibehörde in Betracht kommen sollen. 

Neu war hier auch die anderwärts entnommene Bestimmung, 
dass in den Zonen II bis Vb sowie bei Grundstücken von weniger 
als 200 qm anzurecfanender Grundfläche in Zone I der unbebaut 
zu lassende Teil der Grundstücke eine zusammenhängende Fläche 
bilden muss. Die Freiflächen eines neu zu bebauenden Grundstückes 
können daher nicht mehr in einzelne vollständig voneinander ge¬ 
trennte Höfe zerlegt werden, sondern die Höfe müssen unterein¬ 
ander Zusammenhängen. Die weitere Folge ist bis zu einem gewissen 
Grade die, dass in jedem Bauviertel sämtliche Freiflächen mehr wie 
früher miteinander in Verbindung gebracht und zu besserer Be¬ 
lüftung gegenseitig beitragen werden. 

Neu aufgenommen ist auch die Bestimmung, dass durch be¬ 
sondere Polizeiverordnung für einzelne Blaublöcke oder Strassen 
die Grenzen festgestellt werden können, über die hinaus eine Be¬ 
bauung nach der Tiefe ausgeschlossen ist (rückwärtige Baulinie). 

Bezüglich der Zahl der Geschosse, die zum dauernden Auf¬ 
enthalt von Menschen bestimmte Räume aufnehmen sollen, war schon 
in den früheren Bauordnungen angeordnet, dass in den Hinter¬ 
gebäuden ein Geschoss weniger enthalten sein musste, als in den 
Vordergebäuden gestattet war. An diesem Grundsatz ist aus 
hygienischen und städtebaulichen Gründen überhaupt glücklicher¬ 
weise festgehalten worden. Neu war aber die Bestimmung, wonach 
bei Hintergebäuden, die über 40 m von der Bauflucht entfernt 
waren, eine weitere und stellenweise sogar sehr beträchtliche Herab¬ 
minderung der Zahl dieser Geschosse gefordert wurde, indem nur in 
den Zonen I und II hinter einer Entfernung von 40 m von der 
Bauflucht noch 2 Geschosse, in den übrigen Zonen aber nur noch 
ein Geschoss gestattet wurde. Bei fast allen neuen Baustellen war 
es nämlich Sitte geworden, hohe Hintergebäude zu errichten, und 
bei tief zugeschnittenen Baustellen fing man schon an Privatstrassen 
bzw. eine zweite Reihe von hohen Hinterhäusern herzustellen. 


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Dieser ungesunden Entwicklung musste inan rechtzeitig in die Zügel 
fallen, wollte man nicht weiter Verhältnisse sich anbahnen lassen, 
die in der Reicbshauptstadt unglücklicherweise so überhand ge¬ 
nommen haben, dass der grösste Teil der Bevölkerung nur nach 
Höfen hinaus wohnen kann und muss. Die neue Bestimmung sollte 
also hauptsächlich für die Zukunft den Zuschnitt neuer Baustellen 
beeinflussen und bei alten ausnahmsweise sehr tiefen Baublöcken 
dazu beitragen, in der Mitte einen neuen Strassenzug hindurch¬ 
zuführen, an dem eine wirtschaftlich wertvollere Herstellung von 
Vordergebäuden angängig sei und somit gesündere Wobnnngsanlagen 
herbeigeführt würden. Dieser aus der Praxis heraus gewonnene und 
anderwärts längst angewendete Gedanke darf beanspruchen, dass zum 
Vorteil der öffentlichen Gesundheit öfter als bisher von ihm Gebrauch 
gemacht werde. Baublöcke von mehr als 100 m Tiefe sollte man 
für Wohn- und Geschäftsviertel nicht ferner neu schaffen; grössere 
Tiefen sind nur für Industrieviertel sowie für Stapelplätze und der¬ 
gleichen nötig. 

Die Zahl von fünf Geschossen in Vordergebäuden ist nur noch 
für den Kern des alten Stadtbezirkes belassen worden. Wer aber 
glauben wollte, dass man durch Herabminderung der bisher zulässigen 
Geschosszahl für den übrigen Teil des alten Stadtgebietes einen die 
Eigentümer daselbst wirtschaftlich ruinierenden Eingriff gemacht 
hätte, der lässt die Tatsache unberücksichtigt, dass die Gebäude 
älterer Zeit, die selbst in den zum Stadtkern führenden Hauptstrassen 
errichtet sind, schon wegen des früheren Mangels einer Kanalisation 
und einer Wasserleitung meist nicht mehr als 3—4 Geschosse be¬ 
sitzen, sowie dass schliesslich selbst die viergeschossigen Bauten ver¬ 
hältnismässig noch jung sind, bzw. an einzelnen Stellen das vierte Ge¬ 
schoss erst nachträglich auf gebaut worden ist. Wer sich hiervon 
nicht durch eine an Ort und Stelle gewonnene Kenntnis überzeugen 
kann, der vermag sich durch einen Einblick in die Königsberger 
Wohnungsstatistik zu belehren. Diese lässt ungemein deutlich er¬ 
kennen, wie gering die Zahl der Wohnungen im dritten und vierten 
Obergeschoss früher war und wie dieselbe erst in den letzten Jahren 
mit der Einführung der Kanalisation und der Wasserleitung und 
der Bestimmung der Bauordnung, die überall fünf Geschosse so¬ 
wie Erleichterungen für Keller- und Dachgeschosse zuliess, zu¬ 
genommen hat. 

Hinsichtlich der absoluten Bauhöhe wurde an dem Grundsatz 
festgehalten, dass kein Gebäude eine grössere Höhe erhalten dürfe, 
als bis zu welcher die Feuerwehr imstande sei, im Falle eines Bran¬ 
des eine sichere Rettung und schnelle Löscharbeit vorzunehmen. 
Dementsprechend ist, abgesehen von der Fabrikzone, das Höchst- 
mass für Vordergebäude in Zone I auf 21 m festgesetzt. Dieses 


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Maas ermässigt sieb in Staffeln von je 3 m bis znr Zone V auf 12 m 
und ist für Hintergebäude bis zur Tiefe von 40 m von der Bauflucht 
an gerechnet in Rücksicht auf möglichst einwandfreien Zutritt von 
Licht und Luft um je 6 m geringer angesetzt. Hinter der Ent¬ 
fernung von 40 m von der Baufluchtlinie ist aus den bereits an¬ 
gegebenen Gründen in den Zonen I und II nur noch eine Höhe von 
7 m und in den übrigen Zonen sogar nur eine Höhe von 5 m ge¬ 
stattet worden. Das hier gewählte Verfahren ist dem in Berlin 
vorgeschriebenen jedenfalls vorzuziehen. In der Reichshauptstadt 
muss mit zunehmender Grundstückstiefe die Bebauungsfläche ab¬ 
nehmen, aber sie hindert nicht, dass in sehr grosser Tiefe auch 
sehr hohe Gebäude errichtet werden können. Durch die in Königs¬ 
berg getroffene Bestimmung wird die Bebauungsfläche mit zunehmeu- 
der Grundstückstiefe nicht geändert. Innerhalb des Gebietes einer 
bestimmten Bauzone darf bei tiefen wie bei flachen Baustellen der¬ 
selbe Grundstücksanteil bebaut werden, aber bei einer bestimmten 
Grenzlinie muss die Bebauung eine sehr niedrige werden. 

Als relative Bauhöhe wurde entgegen den früheren Bestimmungen, 
und zwar in der Hauptsache in Rücksicht auf die in der Altstadt 
zu bessernden Verhältnisse, festgesetzt, dass bereits au Strassen von 
7 m Breite nur so hoch gebaut werden dürfe, wie die Strassen breit 
seien. Nur an den der Zahl nach geringen Strassen von weniger 
als 7 m Breite wurde gestattet, dass durchweg 7 m hoch gebaut 
werden dürfe. Diese Massnahme war zum Schutze der Allgemein¬ 
heit dringend nötig geworden. Die Gelegenheit, hier zuzugreifen, 
durfte jetzt nicht verpasst werden, wenn nicht ein nie wieder gut 
zu machender Fehler begangen werden sollte. Die Vorschrift be¬ 
deutete aber auch wieder nicht eine so grosse Härte, als man ohne 
weitere Aufklärung glauben möchte. Man darf nicht übersehen, 
dass in den Aussengebieten und in den mehr an der Peripherie der 
alten Stadt gelegenen Strassen Breiten von weniger als 12 m nicht 
Vorkommen und dass auch in der alten Stadt die Zahl der weniger 
als 7 m breiten Strassen nicht gar so gross war. Der grösste 
Übelstand war nur der, dass wie immer diese engen und die nicht 
viel breiteren Strassen gerade in dem Gebiet der grössten Bau- und 
Verkehrsdichte lagen. Man muss aber auch beachten, dass in diesem 
Gebiet bei einer Höhe von 7 m es nach der neuen Bauordnung 
immer noch möglich ist, zwei Voll- und ein Mansardengeschoss her¬ 
zustellen, wenn auch nur bei Innehaltung der geringst zulässigen 
Geschosshöhe, die mit 2,80 m i. L. beibehalten wurde. Es wird 
niemand behaupten können, dass eine Ausnutzung eines an einer 
nur 7 m breiten oder an einer noch schmäleren Strasse gelegenen 
Grundstückes mit drei Geschossen eine geriuge oder gar zu einem 
wirtschaftlichen Ruin führende sei. Die Gerechtigkeit und die Rück 


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siebt auf die öffentlichen Interessen erfordern es eigentlich, dass 
die engeren Strassen, die für die Gesundheit nnd den Verkehr so 
wenig bieten oder vielmehr hinderlich sind, den breiten Strassen 
gegenüber zurückgestcllt werden müssten. Nur die Beachtung der 
in der Altstadt im Laufe der Zeit gesteigerten wirtschaftlichen 
Interessen Hessen die Rücksichtnahme, die jetzt noch genommen 
wurde, angezeigt erscheinen. Diese Rücksicht wird, wenn die 
öffentlichen Interessen die Beseitigung dieser Gassen und Gässchen 
fordern werden, dereinst von der Stadtgemeinde verhältnismässig 
noch grosse Opfer fordern. Man darf bei der Beurteilung der ge¬ 
troffenen Massnahmen nicht auf das Beispiel der Reichshauptstadt 
verweisen mit dem Bemerken, dass, obwohl hier der Baugrund im 
Innern der Stadt doch gewiss mindestens so wertvoll sei als sonst 
irgendwo, an jeder noch so schmalen Strasse sogar 12 m hoch 
gebaut werden darf. Berlin besass, als diese Bestimmung ge¬ 
troffen nnd leider in der Provinz hundertfältig schematisch ab¬ 
geschrieben wurde, verhältnismässig nur noch wenige Strassen 
von geringerer Breite als 12 m. Immerhin hat dort, wo die Be¬ 
seitigung oder die Verbreiterung dieser Strassen sich als notwendig 
herausstellte, dieses Vorgeben der Reichshauptstadt sehr viel Geld 
gekostet. Wenn man sich vergegenwärtigt, wie solchen Massnahmen 
in der Regel die wüsteste Spekulation vorauseilt nnd sie infolge 
übertriebener Forderungen sogar vereitelt, so wird man zugeben 
müssen, dass die in Königsberg getroffene Bestimmung den örtlichen 
Verhältnissen entsprechend zweck- und zeitgemäss, gerecht und wohl¬ 
begründet war. 

Die Höhe der Hintergebäude durfte nach den bisherigen Be¬ 
stimmungen die Tiefe des davorliegenden Hofes um 5 m übersteigen. 
Jetzt wurde bestimmt, dass nur in der Zone I nnd II die Höhe der 
Hintergebäude die Tiefe des davorliegenden Hofes noch um 3 m 
überschreiten dürfe. Für die übrigen Zonen wurde bestimmt, dass 
die Höhe das Mass der Hoftiefe nicht übersteigen dürfe. Bei diesen 
Massnahmen muss beachtet werden, dass in Königsberg die Grund¬ 
stücke verhältnismässig sehr klein sind. Für grosse Grundstücke 
ist es dort für die gewöhnlichen Unternehmer schwer, Hypotheken 
zu erhalten, da die Zahl der kapitalkräftigen Elemente verhältnis¬ 
mässig gering ist. Es muss ferner erwogen werden, dass schon 
von früher Zeit an, entsprechend der geringen Grundstücksgrösse, 
die Hofflächen sehr klein zu sein pflegen. Es waren Höfe von 
nur 25 qm Fläche nichts Seltenes, da die veralteten Bauordnungen 
dies zuüessen. Nach der Zusammenstellung von Gesichtspunkten x ), 


l) Abgedruckt in Münchgesang, Das Bauwesen. Berlin, 1904. 
Springers Verlag. 


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die der Minister für öffentliche Arbeiten im Jahre 1880 für die 
Aufstellung neuer Bauordnungen zur Beachtung empfohlen hatte, 
soll auf jedem Grundstück ein Hof von wenigstens 40 qm Fläche 
vorhanden sein. Das hat stellenweise und auch in Königsberg 
früher dazu geführt, dass bei mehreren Höfen eines Grundstücks 
für einen Hof wenigstens 40 qm Fläche verlangt, für jeden weiteren 
Hof aber eine kleinere Grösse als zulässig erachtet wurde, auch 
wenn daran Räume liegen sollten, die zum dauernden Aufenthalt 
von Menschen zu dienen bestimmt waren. Im Fall eines Brandes 
verlangt die Ausbreitung eines Sprungtuches auf dem Hofe als 
geringste Abmessung desselben das Mass von 6 m, und man hätte 
daher nirgends unter eine Fläche von 40 qm hinabgehen sollen. In 
Berlin wird für gewöhnliche Fälle ein Hof von mindestens 80 qm 
mit 6 m geringster Abmessung gefordert, dabei allerdings aber 
eine Gebäudehöbe zugelassen, die 6 m grösser sein darf, als die 
Tiefenabmessung des davorliegenden Hofes beträgt. Dabei ist ferner 
zu beachten, dass jetzt in Berlin die Höfe gewöhnlich ziemlich 
grosse Abmessungen erhalten, da man, um die Bebauungsmöglichkeit 
voll auszunutzen, gern fünfgeschossige Gebäude errichten will; dies 
ist aber erst bei einer Höbe von rund 16 m möglich. Man darf 
also andere Bauordnungen nicht einseitig abschreiben oder benutzen. 
Die in Königsberg getroffenen Massnahmen waren durchaus am 
Platze. Es muss, wie schon betont, mehr und mehr dahin gestrebt 
werden, die gesundheitlichen Verhältnisse auf den Höfen zu bessern, 
zumal diese ja schwerer zu belüften sind als die Strassen. Spätere 
Geschlechter werden sieh dereinst wundern, wie man jetzt noch so 
vielerorts die schlecht gestalteten, hochumbauten Höfe in den Bau¬ 
ordnungen begünstigen konnte, während mit einigen wenig ein¬ 
schneidenden Mitteln sich bessere Verhältnisse anbahnen lassen, ohne 
die wirtschaftlichen Interessen schwer zu schädigen. Solange in 
Königsberg und anderwärts eine Kanalisation und eine Wasser¬ 
leitung fehlte, waren die Höfe auch niedrig umbaut und daher auch 
gut belüftet. Der Fehler entstand erst, als man anfing, die Höfe 
von verhältnismässig hohen Gebäuden umschliessen zu lassen, ohne 
gleichzeitig die Hofabmessungen zu vergrössern und wie im säch¬ 
sischen BaugeBetz zu verlangen, dass die Hofflächen eines Bau¬ 
viertels Untereinander in Verbindung zu bringen sind. Die in Königs¬ 
berg neu getroffenen Bestimmungen über die relativen Banhöhen 
an den Höfen werden in Zukunft besonders für den Zuschnitt neuer 
Baustellen wichtig werden. 

Waren die Festsetzungen über Bebauungsfläche, Geschosszahl 
und Gebäudehöhen schon in den alten Bauordnungen enthalten, so 
wurde nun lediglich im gesundheitlichen Interesse noch ein anderer 
grundsätzlicher Gedanke der neuen Bauordnung einverleibt: die Ab- 


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standsregel. Darunter versteht man in der Fachwissenschaft das 
Verhältnis des Abstandes einer mit Hauptfenstern versehenen Ge¬ 
bäudewand von einer gegenüberliegenden Wand zu der Höhe dieser 
letzteren Wand. Hauptfenster sind solche Fenster, die zur Er¬ 
leuchtung und Lüftung eines zum dauernden Aufenthalt von Menschen 
bestimmten Raumes nötig sind. Häufig hat man sich anstatt der 
Abstandsregeln der Bestimmung der Lichtwinkel bedient, doch ist 
die Wirkung nicht immer dieselbe. Die Bauordnung in Königs¬ 
berg hat an Stelle des Wortes Abstandsregel den Ausdruck „ Fenster¬ 
abstand“ gewählt. Früher glaubte man durch Festsetzung der Be¬ 
bauungsfläche, der Geschosszahl und der Bauhöhen in gesundheit¬ 
licher Beziehung schon genug getan zu haben, bis man in der Praxis 
merkte, dass die genannten Festsetzungen nicht immer genügten, 
um die Entstehung dunkler Wohnräume wirksam zu verhüten. Man 
verlangte zwar, dass diese Wohnräume „genügend“ beziehungsweise 
„ausreichend“ beleuchtet sein sollten. Die Helligkeit der Räume 
konnte meist aber erst nach Vollendung der Bauten geprüft werden. 
Man ging weiter dazu über, die Grösse der Fensterfläche eines 
Zimmers zu seiner Grundfläche oder seinem Rauminhalt in Beziehung 
zu setzen. Das ist für Räume, die durch Oberlicht erleuchtet 
werden, ausreichend. Der Zweck wird aber vereitelt, wenn in 
grosser Nähe eines gewöhnlichen Fenstere vor demselben eine hohe 
und sogar lange Wand ohne nähere Beschränkung errichtet werden 
kann. Viele glaubten durch Festsetzung der relativen Bauböhc 
schon Abhilfe getroffen zu haben. Diese kann nur mittelbar zur 
Beleuchtung und Lüftung beitragen. Unmittelbare, wenn auch nicht 
vollständige Hilfe kann aber die Festsetzung der Abstandsregeln 
bringen. Obwohl nun solche Regeln schon in der 1880 auf Ver¬ 
anlassung und unter Mitwirkung des Verbandes Deutscher Architekten- 
und Ingenieur-Vereine von Baumeister herausgegebenen „Nor¬ 
malen Bauordnung“ x ) veröffentlicht waren und obwohl dieselben in 
erschöpfendster Weise in den durch von Gruber 1893 aufgestellten 
„Anhaltspunkten für die Verfassung neuer Bauordnungen in allen 
die Gesundheitspflege betreffenden Beziehungen“*) behandelt wor¬ 
den sind, so ist doch nur in sehr wenigen Bauordnungen Deutsch¬ 
lands von ihnen Gebrauch gemacht worden. Auch in Berlin ist 
dies leider noch immer nicht geschehen. Die in einer Zone vorge¬ 
schriebene Abstandsregel gilt für jedes notwendige Fenster. Die 
Abstandsregel gilt aber auch für den Abstand einer Fensterwand 
von der gegenüberliegenden Nachbargrenze, wobei davon auszugehen 
ist, dass auf dem Nachbargrundstück an der Grenze ein Haus mit 


1) Wiesbaden, C. W. Kreidels Verlag. 

2 ) Wien, Verlag von Alfred Holder. 


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der für Hintergebäude festgesetzten Höbe sich befindet. Am Bau¬ 
wich sind besondere Massnahmen nötig, von Gruber stellte ancb 
für Räume, die nicht zum dauernden Aufenthalt von Menschen be¬ 
stimmt sind, entsprechende Vorschriften auf. Er vertrat den Stand¬ 
punkt, dass man bei Beachtung der Abstandsregeln alle Bestimmungen 
über Hofgrössen und Bauböhen an den Höfen entbehren könnte. 
Die Königsberger Bauordnung hat diesen Standpunkt nicht einge¬ 
nommen. Man hat sich damit begnügt, die Abstandsregeln nur für 
die notwendigen Fenster von Räumen zu bestimmen, die zum dauern¬ 
den Aufenthalt von Menschen dienen sollen. Wenn man aber zu 
solch einer wesentlichen Neuerung überging, so war es durchaus 
erforderlich, namentlich bei den Zonen I und II besonders vorsichtig 
zu Werke zu gehen. Dem besonderen Streben des Magistrats aber 
ist es zu danken, dass an den anfänglich gemachten Vorschlägen 
für die Bemessung der Abstandsregeln festgehalten werden konnte. 
Um in wirtschaftlicher Beziehung richtig Mass zu halten, worden 
für die an den Höfen belegenen Fronten der Vordergebäude andere 
Forderungen gestellt als für die Fronten der Hintergebäude; es 
staffeln sich daher in den verschiedenen Zonen die Abstandsregeln 
für Vordergebäude wie 1:2 bis zu 1:1, und für Hintergebäude 
wie 2:3 bis 5:4. Eine Härte bedeutet ihre Einführung jedenfalls 
nicht, wenn man alle anderen örtlichen Verhältnisse richtig in Be¬ 
tracht zieht. Gruppen von Leuten, denen die Wahrung ihrer privaten 
Interessen näher liegt als die der öffentlichen Gesundheit, werden 
freilich anderer Meinung sein und bleiben. Im Interesse der All¬ 
gemeinheit und insbesondere der ärmeren Bevölkerung, die in der 
Benutzung der zur Verfügung stehenden Räume sehr beschränkt 
ist, kann nicht eindringlich genug gewünscht werden, dass endlich 
auch in anderen Bauordnungen die Abstandsregeln mehr und mehr 
Beachtung finden mögen. Der Mangel entsprechender Bestimmungen 
dürfte wohl daran mitschuldig sein, dass die Zahl der Kurzsichtigen, 
wie statistisch festgestellt ist, stetig zunimmt (vgl. meine Abhandlung 
„Die Abstandsregeln“ in den Baupolizeil. Mitteil. 1907). 

Die Skizzen auf der beigefügten Tafel lassen erkennen, welche 
Gebäudehöhen, Geschosszahlen und Abstandsregeln in den einzelneu 
Zonen in Geltung getreten sind, und welche Hof- und Grundstttcks- 
tiefen in schematischer Hinsicht erforderlich werden, je nachdem 
man nur Vordergebäude, oder noch ein oder zwei Hintergebäude 
mit einfacher oder doppelter Zimmertiefe zu errichten beabsichtigt. 
Es ist auch erkennbar, dass je nach gewählter Geschosshöhe vielfach 
auch steile Dachformen zulässig werden. 

Sind nun die hauptsächlichsten Bestimmungen für die Zonen 
I —Vb dargestellt, so bleibt, um das Rückgrat der neuen Bau¬ 
ordnung vollständig zu schildern, es nur noch übrig, die wichtigsten 


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hygienischen Bestimmungen der Industriezone zu erörtern. Es ist 
zunächst die Bestimmung getroffen, dass die Neuherstellung und 
Neuerrichtung von Anlagen, in denen grössere Mengen von leicht 
entzündlichen, selbstentzündlichen, explosionsfäbigen und schwer 
löschbaren Stoffen oder Gegenstände gelagert, verarbeitet oder her¬ 
gestellt werden, ferner die eine besonders starke Erschütterung der 
Gebäude und deren Umgebung bedingen, oder die durch Verbreitung 
von starkem Rauch, Dünsten, grösseren Staubmengen oder durch 
andere unreine Abgänge, bzw. durch Erregung ungewöhnliche» 
Geräusches erhebliche Gefahren, Nachteile oder Belästigungen für 
die Nachbarn oder das Publikum herbeifuhren können, nur in Zone 
VI, der Industriezone, gestattet ist. Eine solche nicht mehr un¬ 
gewöhnliche Bestimmung verlangt aber die Ausscheidung von be¬ 
sonderen Gebieten in grosser Zahl und zweckmässiger Lage. Indem 
man die übrigen Zonen vor der Neuherstellung lästiger Anlagen 
schlitzte, konnte man diesen Schutz nicht so weit ausdehnen, dass 
man die in ihnen bereits vorhandenen Anlagen im Fortbestehen be¬ 
hinderte. Um nun allgemein die Herstellung von gewerblichen und 
industriellen Anlagen, insbesondere von Fabriken, Betriebs- sowie 
Lagergebäuden und dergleichen in der Zone VI zu fördern, war es 
selbstverständlich nötig, in derselben die günstigsten Bedingungen da¬ 
für zu schaffen und andere Anlagen, insbesondere Wohnungen, die 
nicht unbedingt zur Aufsicht der Betriebe nötig sind, zu erschweren. 
Es ist also für die industriellen baulichen Anlagen dieselbe Bau¬ 
dichtigkeit gestattet worden, die sonst in Zone I geduldet wird, 
und ausserdem sind bei Innehaltung gewisser Abstände von den 
Strassen und Nachbargrenzen alle Erschwernisse, die in Zone I noch 
vorhanden sind, also auch solche konstruktiver Art, hinfällig gemacht 
worden. Hintergebäude dürfen, auch wenn sie über 40 m von der 
Bauflucht entfernt sind, 21 m und, wenn der Betrieb es erfordert, 
noch höher gebaut werden. Desgleichen ist die Zahl der Geschosse 
unbeschränkt, wenn die Art des Betriebes es bedingt. Auch eine 
grössere Ausnutzung des Keller- und Dachgeschosses ist gestattet; 
überhaupt haben die betreffenden Vorschriften eine so eingehende 
Durcharbeitung erfahren, wie sie meines Wissens bis jetzt nirgends 
erfolgt ist. Für die Herstellung aller übrigen Anlagen in den Ge¬ 
bieten der Industriezone ist bestimmt, dass sie den Bestimmungen 
der Zone Va unterliegen, also der Zone der geschlossenen Bau¬ 
weise, in welcher nur die geringste Bandichtigkeit zulässig ist. 
Diese Bedingung ist noch mit der Massgabe eingeschränkt, dass 
jene Anlage nur an der Strasse und in einer Entfernung von 20 m 
von den gewerblichen und industriellen Betrieben gestattett sind. 
Im Anschluss an die Bestimmungen für die Industriezone ist zu 
bemerken, dass in den Gebieten der offenen Bauweise, also in den 


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Zonen IVb und Vb, die Errichtung, von Fabriken und anderen 
durch Lärm, Rauch oder Ausdünstungen lästigen Anlagen nicht 
gestattet ist. 

Es würde zu weit führen und schliesslich ermüden, wollte ich 
nun alle weiteren Forderungen, die hinsichtlich der Gesundheits¬ 
pflege unter Berücksichtigung der örtlichen, insbesondere der wirt¬ 
schaftlichen Verhältnisse getroffen worden sind, erörtern. Manche 
neu aufgenommene Bestimmung ist auch schon von anderen Bau¬ 
ordnungen und Baugesetzen her bekannt. Einzelne anderwärts 
bereits getroffenen guten Vorschriften haben sich infolge unüber¬ 
windlicher Hindernisse nicht übernehmen lassen. Jede neue Bau¬ 
ordnung kann immer nur das Ergebnis von Kompromissen dar¬ 
stellen, wenn man nicht unbedingt nötigen und verstimmenden 
Zwang anwenden will. Allseitig hat hier das Bestreben obgewaltet, 
solchen zu vermeiden, und überall, wo es angängig war, ist man 
bestrebt gewesen, alte Einrichtungen zu erhalten, soweit sie mit den 
neuen in Einklang zu bringen waren. 

Nur zwei Vorschriften muss ich noch erwähnen, da sie in an¬ 
deren Bauordnungen nicht enthalten, also eigenartig sind und ein 
besonderes Interesse daher wohl verdienen dürften. Sie betreffen 
die Erteilung von Dispensen und die kostenlose Gewinnung von 
gemeinschaftlichen Spielplätzen im Innern der Baublöcke. 

Keine Bauordnung kann so vollkommen sein, dass nicht hin 
und wieder Ausnahmen gestattet werden müssen. Eine diesbezügliche 
Vorschrift ist deshalb in jeder Bauordnung vorgesehen. Um die 
lästigen, oft mit grossem Zeitaufwand und daher mit Zinsverlust 
verbundenen Instanzenwege zu vermeiden, wird neuerdings schon 
vielfach der Ortspolizeibehörde, falls ihr höhere Baubeamte als 
Sachverständige Hilfe leisten können, ein möglichst grosser Spiel¬ 
raum eingeräumt. Das Verfahren ist in der neuen Bauordnung so- 
erweitert worden, dass hauptsächlichst nur noch bei Anträgen, die 
grundlegende Bestimmungen berühren, dem hier zuständigen Bezirks¬ 
ausschuss die Gewährung von Dispensen Vorbehalten worden ist. 
Verlassen ist aber die alte Begründung für die Gewährung derselben, 
dass die Ausführung ohne Dispens im einzelnen Falle unmöglich 
sei oder zu Härten führen würde. Unmöglich ist es wohl nirgends, 
einer Vorschrift nacbzukommen, und als Härte wird eine polizeiliche 
Vorschrift von jedem, der davon befreit sein will, empfunden und 
dargestellt. Neu ist nun die Bestimmung, dass der Zweck der in 
Frage kommenden Vorschriften auf andere Weise gesichert sein 
muss und öffentliche oder private Interessen nicht beeinflusst werden 
dürfen. Man kann also z. B. nicht mehr einen Dispens für eine 
grössere Bauhöhe an einer zweiseitig bebauten Strasse gewähren, 
da sonst dem gegenüberliegenden Hause der Zutritt von Licht und 


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219 


Loft beeinträchtigt wird. Ein grosser Teil aller Dispensgesuche be¬ 
gehrt aber erfahrungsgemäss eine Erzielung einer grösseren Anzahl 
von Geschossen oder die Einrichtung von Aufenthaltsräumen in Keller¬ 
oder Dachgeschossen über die in den Bauordnungen gegebenen 
Vorschriften hinaus. Da dem Bezirksausschuss baupolizeilich ge¬ 
schulte Sachverständige selten oder gar nicht angehören und auch 
bei verschiedenartiger Begutachtung die Gefahr bestand, dass an den 
Bestimmungen über die - Geschosszahl, welche das Rückgrat der 
Bauordnung bilden helfen, mit der Zeit leicht eine Änderung ein- 
treten könnte, so wurde die Gewährung der bezüglichen Dispense 
nur noch für öffentliche Bauten als angängig gestattet. Diese 
letztere eigenartige Einschränkung wird in Zukunft vielen Schlichen 
die Wege versperren, und den Behörden wird viel unnötige Arbeit 
erspart. Es wird aber auch eine der bedeutungsvollsten, wenn 
nicht die wichtigste Bestimmung der Bauordnung unangetastet 
bleiben, so lange sie nicht durch Änderung der Bauordnung be¬ 
seitigt wird. 

Bezüglich der Spiel- und Erholungsplätze darf ich an dieser 
Stelle auf meine im Jahrgang XXVI, S. 255 ff. veröffentlichte Ab¬ 
handlung Bezug nehmen. Wiederholt sei nur, dass auf meine Ver¬ 
anlassung in § 15 der Bauordnung unter Nr. 9 folgende Bestimmung 
getroffen wurde: „Wird von einem Baublock ein bestimmter Teil, 
und zwar mindestens ein Zwanzigstel seiner Fläche zu einem inner¬ 
halb desselben gelegenen gemeinschaftlichen Spielplatz freigegeben 
und diese Beschränkung zugunsten der Stadtgemeinde im Grund¬ 
buch eingetragen, so darf jedes Grundstück dieses Banblocks um 
ein Zwanzigstel der anrechnungsfähigen Fläche mehr bebaut werden, 
als nach Nr. 3 (in welcher die in den einzelnen Zonen gestatteten, 
schon erwähnten Bebauungsflächen festgestellt sind) zulässig wäre, 
so lange ihm das Recht auf Mitbenutzung des Spielplatzes durch 
grundbuchamtliche Eintragung gesichert ist.“ Ich kann jetzt mit- 
teilen, dass von dieser Bestimmung der neuen Bauordnung von ver¬ 
schiedenen Terraingesellschaften und Besitzern grösseren Geländes 
gern Gebrauch gemacht worden ist, so dass demnächst auch über die 
diesbezüglichen Erfahrungen in der Praxis wird berichtet werden 
können. Bei weiterer Ausgestaltung des grundlegenden Gedankens, 
einen Teil der Freiflächen der Grundstücke für die Zwecke der 
öffentlichen Gesundheitspflege in Anspruch zu nehmen, darf sogar 
auf eine Beeinflussung der Grundsätze für die Aufstellung von Bau¬ 
ordnungen und Bebauungsplänen auch nach anderer Richtung hin 
gerechnet werden, da der Durchführung des Gedankens in Preussen 
gesetzliche Hindernisse nicht im Wege liegen. Ich kann nur dem 
Wunsche Ausdruck geben, dass man auch anderwärts sich zu Ver¬ 
suchen bereit finden möge. 

Oentralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXVIII. Jabrg. 15 


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220 


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Von weiteren Erörterungen über die Königsberger nene Bau¬ 
ordnung mit dem dazugehörigen Plane darf ich ans bereits erwähnten 
Gründen absehen, obwohl noch reichliches, zum Teil neues Material 
zur Verfügung steht. Ich glaube dargetan zu haben, in wie wich¬ 
tiger und vielseitiger Beziehung die Gesundbeitsverhältnisse eines 
Ortes durch rücksichtsvolle Gestaltung der Bauordnung und des 
Bebauungsplanes auf Generationen hinaus beeinflusst werden können, 
ohne andere, namentlich wirtschaftliche Interessen wesentlich zu ver¬ 
letzen, und in wie hohem Masse von der Mitarbeit der Techniker 
für das Gesundheitswesen zum Wohle des Staates Gebrauch gemacht 
werden kann und muss. 


Kleine Mitteilungen. 


itan 

en 



¥ 



Das städtisohe Säuglingsheim zu Dresden. 

Die Verwaltung der Anstalt stellt uns über den Betrieb im 
Jahre 1907 folgende Mitteilungen zur Verfügung: Das städtische 
Säuglingsheim ist in der Hauptsache eine Heilstätte für kranke 
Säuglinge. Als Hauptnahrungs- und Heilmittel wird Frauenmilch 
verwendet. Es gibt Ammen gegen eine bestimmte Gebühr an 
Familien ab. Die Gebühr gilt für kostenlose Verpflegung der 
Amme im Säuglingsheim, für ärztliche Überwachung, genaue ärzt¬ 
liche Untersuchung und Feststellung des Milchgehaltes. Das Kind 
der Amme wird, so lange letztere sich in der Anstalt aufhält, un¬ 
entgeltlich verpflegt. Später wird das Kind bei einer unter Auf¬ 
sicht der Anstalt stehenden Ziehmutter untergebracht. Die Anstalt 
bildet geeignete junge Mädchen durch vollständige theore¬ 
tische und praktische Unterweisung derartig aus, dass sie die 
Pflege und Wartung eines Kindes, vorzugsweise eines Säuglings 
in gesunden und kranken Tagen vollständig und selbständig zu 
übernehmen vermögen. Sie müssen sich beim Eintritt für zwei 
volle Jahre verpflichten und haben hierfür eine entsprechende 
Kaution zu hinterlegen. Sie erhalten in der Anstalt freie Wohnung 
und Verpflegung und nach Ablauf von 6 Monaten ein Taschengeld, 
das sich bis auf 20 M. monatlich erhöht. Bleibt eine Schwester 
nach Ablauf der zweijährigen Dienstzeit weiter im Dienste der An¬ 
stalt, so werden höhere Vergütungen gewährt. Mit der Anstalt 
ist eine Beratungsstelle verbunden, in der Unbemittelten fach- 




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■tandsregeln sowie die daraus sich 


jen der Bauordnung für Königsberg 1 ; 



89,00 -*j 

49,00 -‘-9 






Berücksichtigung von Königsberg VPr. 


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221 


männischer Rat in allen Ernährungsfragen des Säuglings unentgelt¬ 
lich erteilt wird. Sie wurde in 338 Fällen in Anspruch genommen; 
hiervon waren 92, einschl. 38 Ammenziehkindern, unehelicher und 
226 Kinder ehelicher Geburt. Die Anstalt unterhält eine Milch¬ 
küche, in welcher Säuglingsmilch in trinkfertigen Einzelportionen 
oder sonstige nach ärztlicher Weisung angefertigte Säuglingsnahrung 
gegen sofortige Bezahlung zu massigen Preisen abgegeben wird. 

Die Pflegkosten für kranke Säuglinge betragen: 

10.— M für den Tag in der 1. Pflegklasse 

6* n n n n n n n 

Q_ q 

n n n n n » » 

1 *ö0 „ n „ n „ n 4. „ 

Bei der ersten und zweiten Pflegklasse treten ärztliche Be¬ 
handlungsgebühr, Kosten für ärztliche Eingriffe, Verbandstoffe und 
technische Untersuchungen hinzu. 

* Die Anstalt ging am 1. Januar 1907 in städtische Verwaltung 
über. Bis dahin befand sie sich in den Händen des Vereins 
„Kinderpoliklinik mit Säuglingsheim in der Johannstadt“ und stand 
unter der Leitung des Herrn Professors Dr. Schlossmann, jetzt in 
Düsseldorf. Die Erledigung der Verwaltungsgeschäfte wurde der 
Verwaltung des Stadtkrankenhauses Dresden-Johannstadt übertragen. 
Während im allgemeinen der Betrieb der Anstalt nach den bis¬ 
herigen Grundsätzen weitergeführt wurde, mussten namentlich die 
Bestimmungen über die Schwesternausbildung und diejenigen über 
die Abgabe von Ammen den veränderten Verhältnissen entsprechend 
neu aufgestellt werden. Die Aufnahmebestimmungen und die 
Pflegkostensätze verblieben wie bisher. 

Die Stelle des Oberarztes übernahm am 1. April 1907 Herr 
Dr. Rietschel an Stelle des nach Göttingen berufenen Herrn Dr. 
Salge. Am Jahresschlüsse waren ein Oberarzt und zwei Hilfs¬ 
ärzte an der Anstalt beschäftigt. 

Das Pflegepersonal bestand am Jahresschlüsse aus einer Ober¬ 
schwester, acht Schwestern und zehn Schülerinnen. 

In bezug auf das Ammen-und Ziehkinderwesen ist noch 
folgendes zu bemerken. Die Amme erhält die Anstalt grösstenteils 
aus der Königlichen Frauenklinik, woselbst ihre Entbindung vor 
sich gegangen ist. Mutter und Kind werden in der Anstalt bei 
der Aufnahme gründlich untersucht und erhalten freie Station. 
Eine Vergütung wird den Ammen nicht gewährt; nur wenn sie als 
Hausamme (ständige Amme) eingestellt werden, erhalten sie einen 
Monatslohn von 30 M. Die Ammen sind verpflichtet, ihr Kind zu 
nähren und andere Kinder, wenn dies möglich, mit anzulegen. 
Als vorteilhaft hat es sich erwiesen, durch Prämien den Eifer der 


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222 


Ammen anzuspornen. Sie erhalten eine Prämie, wenn sie das eine 
oder andere Kind auf ein bestimmtes Gewicht bringen, und eben¬ 
so werden ihnen Prämien für das Abdrücken der Milch gewährt. 
Durchgangsammen (das sind solche, die nur vorübergehend in der 
Anstalt verbleiben), die in ihrer Leistung eine bestimmte Höhe er¬ 
reichen, erhalten bei Abgabe einer Menge von 2000 g täglich eine 
einmalige Prämie von 10 M. und bei 3000 g eine solche von 20 M. r 
sobald sie diese Höhe mindestens zwei Tage lang behalten. Der¬ 
artige Ammen rücken bei Bedarf in die Stellen der Hausammen ein. 
Ira Berichtsjahre wurden im ganzen 94 Ammen aufgenommen. 
Davon wurden zehn als Hausammen eingestellt, 63 in Privat¬ 
stellungen untergebracht und 21 wegen Krankheit oder aus son¬ 
stigen Gründen wieder entlassen. Die an Familien abgegebenen 
63 Ammen wurden in folgenden Orten untergebracht: Amsterdam, 
Auerbach, Berlin, Blasewitz, Charlottenburg, Calau, Chemnitz, Dres¬ 
den, Dohna, Döbeln, Eibenstock, Frankenberg, Greiz, Hartmanns¬ 
dorf, Jena, Kissingen, Langebrück, Leipzig, Loschwitz, Nieder¬ 
lössnitz, Nürnberg, Odessa, Prohlis, Penig, Plattenthal, Radebeul, 
Sondershausen, Steinbach, Steinschönau, Stettin, Weinböhla, Wilmers¬ 
dorf, Zwickau. Es wurden im Berichtsjahre 45 Ammenkinder in 
Ziehpflege gegeben und im ganzen 65 bei Ziehmüttern unter¬ 
gebrachte Kinder (einschliesslich 20 aus dem Vorjahre) seitens der 
Anstalt überwacht. Die in Familien untergebrachten Ammen müssen 
einen Teil ihres Lohnes zur Deckung des Ziehgeldes vertrags- 
mässig an die Anstalt abtreten. Die Ziehmütter, welchen die 
Kinder der Ammen anvertraut sind, stehen unter Aufsicht der An¬ 
stalt und werden von einer Schwester von Zeit zu Zeit besucht. 


Die Kranken- und Ammenkinderbewegung war 
folgende: 



Kranke 

Pfleglinge 

Ammenkinder 

kranke gesunde 

Zahl d. Ver¬ 
pflegten 
überhaupt 


m. w. 

zus. 

in. 

w. 

zus. 

m. 

|w. 

1 zus. 

m. 

w. zus. 

Bestand am 1. Jan. 1907 

11 9 

, 20 

i 

1 1 

2 , 

4 

i 9 

13 

16 j 

19 

35 

Zugang; 1907 . 

1631141 

1 304 

8 1 

1 10 

1 18 

34 

1 43 

77 1 

.205 

194 

' 399 

zusammen 

jl74 150 

324 j 

9 

11 

1 20 j 

38 

| 52 

I 90 | 

1221 

213 

| 434 

Abgang 1907 . 

152 135 

287 

1 8 1 

11 

i 19 

35 

43 

78 | 

195 

189 

, 384 

Bestand am 31. Dez. 1907 

22 15! 

37 

1 

1 — 

1 

3 

9 

12 

26, 

24 

1 50 

Unter den Abgängen 
waren Todesfälle. . 

44 28, 

72 

— 

— 

— 

— 

— 

— 


— 

— 


72 Todesfälle sind =20,9% der verpflegten kranken Pfleglinge 
und kxanken Ammenkinder. 


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223 


Die meisten kranken Kinder, nämlich 40, starben innerhalb 
der ersten drei Tage nach der Einliefernng. Daraus geht her¬ 
vor, dass die Kinder bereits in hoffnungslosem Zustande in die 
Anstalt gebracht worden sind, und dass man sich nur zu häufig 
.zu spät entscbliesst, das Krankenhaus in Anspruch zu nehmen. 

Nach Abzug der innerhalb der ersten drei Tage Verstorbenen 
stellte die verbliebene Zahl von 32 Toten nur einen Prozentsatz 
von 9,3 dar. 

Die Sterblichkeit in der Anstalt war in den Vorjahren folgende: 

Sterbefalle in den ersten drei 



insgesamt 

Tagen nach der Einlieferang 

1900 

31,9 °/ 0 

19,2% 

1901 

28,2 o/ 0 

15,6 o/ 0 

1902 

25,6 •/. 

15,8 o/o 

1903 

26,2 °/ 0 

14,7 o/ 0 

1904 

22,9 o/ 0 

14,9 o/ 0 

1905 

27,4 •/, 

18,1 o/o 

1906 

22,6 o/ 0 

11,6 o/o 


Pflegtage und Tagesbestände waren folgende zu ver¬ 
zeichnen : 



jKranken- 

i 

pfleg¬ 

tage 

| Ammenkinder 

Pfleg¬ 

tage 

über¬ 

haupt 

Pfleg¬ 
tage auf 
den Kopf 
der Ver¬ 
pflegten 

Tagesbestand 

be- 

zahlte 

Pfleg¬ 

tage 

freie 

Pfleg¬ 

tage 

höch¬ 

ster 

niedrig¬ 

ster 

durch¬ 

schnitt¬ 

licher 

1 

19071 

! 

11690 

i 

| 2959 

1 

2101 

I 

i 

16750 1 

i ■ 

| 38,6 

i 

62 

27 

45,89 


Die Anstalt unterhält jedesmal in den Sommermonaten in der 
nahen Dresdner Heide eine Walderholungsstätte, um den Kin¬ 
dern, die dessen besonders bedürftig sind, die Segnungen reiner 
Luft und von viel Licht zuteil werden zu lassen. Das Königliche 
Kriegsministerium hat hierzu in dankenswerter Weise eine Decker- 
sche Baracke zur Verfügung gestellt, in welcher 15 Betten Platz 
finden. Die Walderholungsstätte wurde im Berichtsjahre in der 
Zeit vom 25. Mai bis 22. September, das sind 121 Tage, unter¬ 
halten. Es wurden in dieser Zeit 31 Kinder mit. zusammen 1029 
Pflegtagen verpflegt. Die längste Verpflegdauer betrug bei einem 
Kinde 121 Tage, die kürzeste 7 Tage, die durchschnittliche 33 Tage. 
An Personal waren ein bis zwei Schwestern, ein Dienstmädchen 
und eine Amme erforderlich. 


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224 


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Über die finanziellen Ergebnisse des Anstaltsbetriebes ist 
folgendes zu bemerken. 

Die Verpflegsätze betrugen 

in der 1. Klasse 10.— M. für den Tag i 

n » 2. „ 6.— „ » „ n 1 Sonderkranke 

5 q_ | 

7> 7) n V 7) V 7) 

» 7 ) 4. „ 1.50 „ „ „ „ (gewöhnl. Pflegkl.). 

Diese Sätze beziehen sich auf kranke Kinder. Die Kinder der 
Haus- und Durchgangsammen wurden frei verpflegt, solange die 
Mutter in der Anstalt beschäftigt war. War die Mutter in Stellung, 
das Kind aber noch nicht bei einer Ziehfrau untergebracht, so be¬ 
trug der von der Mutter täglich zu zahlende Pflegsatz 0.65 M. 

Es wurden im ganzen 16 750 Pflegtage erzielt, für die 
25256.10 M. Pflegkosten zu berechnen waren. Hierauf gingen ein: 

6 196.— M. von Kranken der ersten und zweiten Pflegklasse, 
9191.39 „ „ „ „ dritten und vierten Pflegklasse, so¬ 

wie von städtischen Anstalten, dem Landarmenver- 
bande und von auswärtigen Ortsarmenverbänden, 

2 456.60 „ von den Krankenkassen, 

1 064.85 „ von Freistellen und aus Stiftungen, 

1 871.24 „ vom Dresdner Ortsarmen verband, 

1 923.35 „ aus der Ziehkindergeldkasse. 

22 703.43 M. zusammen. 

Die Rückstände betrugen 2024.57 M. 

Die Einnahmen überhaupt stellten sich wie folgt: 

22 703.43 M. Pfleggelder, 

3 053.— „ Ammenvermittlungsgebühren, 

3 286.81 „ Verkauf von Kindermilch, 

1571.92 „ vermischte Einnahmen. 

30615.16 M. zusammen. Da die Ausgaben 
75 324.48 „ betrugen, so war ein Zuschuss aus der Stadt¬ 
kasse von 44 709.32 M. erforderlich. 

Über die Ausgaben und ihre Verteilung auf den Pflegtag gibt 
die nachfolgende Übersicht Aufschluss: 


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225 


Gegenstand 

Gesamt- 

I 

aufwand 

Davo 

Sonder¬ 

kranke 

I. bis in. 

Pflegklasse 

n für 

Kranke 
IV. Pfleg¬ 
klasse und 
Ammen¬ 
kinder 

Aufwam 
Tag un 

Sonder¬ 

kranke 

ifür den 
d Kopf 
gewtthnl. 
Kranke 
und 

Ammen¬ 

kinder 

a) Persönlicher Auf- 

JC 


Jt 

4 

Ji 

*1 

4 

4 

wand. 









Besoldungen und Löhne 









des ärztl., des Pflege-, 









Heizer- und Küchenper- 









sonals, der Ammen usw. 

17484 

52 

4561 

71 

12922 

81 

258.60 

86.23 

Beköstigung d. Säuglinge 

2167 

27 

565 

44 

1601 

83 

32.05 

10.69 

Beköstigung d. Hiilfsärzte 









u. d. sonstigen Personals 

18841 

82 

4915 

83 

13925 

99 

278.68 

92.93 

Wäschereinigung. 

3895 

44 

1016 

32 

2879 

12 

57.62 

19.21 

Häusliche Bedürfnisse.... 

974 

39 

254 

22 

720 

17 

14.41 

4.80 

Feuerung. 

2150 

93 

561 

18 

1589 

75 

31.81 

10.61 

Beleuchtung. 

3775 

17 

984 

94 

2790 

23 

55.84 

18.62 

Arzneimittel und Verband- 









Stoffe. 

2449 

91 

639 

18 

1810 

73 

36.23 

12.08 

Wasserverbrauch . 

415 

24 

108 

34 

306 

90 

6.14 

2.05 

zusammen a) 52154 

69 

13607 

16 

38547 

53 1 

771.38 

257.22 

b) Allgemeiner Auf- 

t 








wand. 









Bekleidung, Wäsche,Lager- 









Stätten. 

1608 

14 

419 

56 

1188 

58 

23.78 

7.93 

Möbel und Instrumente.. . 

1973 

25; 

514 

82 

1458 

43 

29.18 

9.73 

Kanzleiaufwand. 

706 

20 

184 

25 

581 

95 

10.44 

3.48 

Gebäude- und Betriebs- 









anlagen . 

1107 

30' 

288 

89 

818 

41 

16.38 

5.46 

Laboratorium. 

2310 

99 

602 

94 

1708 

05 

34.18 

11.40 

Versicherung der Bedien- 









steten gegen Krankheit 









und Invalidität. 

1207 

99 

315 

86 

892 

13 

17.91 

5.96 

Mietzins. 

9500 

— I 

2478 

55 

7021 

45 

140.51 

46.85 

Allgemeines. 

1469 

111 

383 

29 

1085 

|82_ 

21.73 

7.25 

zusammen b) 

19882 

98 

5188 

1« 

14694 

82 

294.11 

98.06 

überhaupt 

72037 

67 

18795 1 

32 

53242 

1 35 

1065.49 

355.28 

Hierzu Ausgabe für Milch- 









küchenbetrieb. 

3286 

81 1 








Summe der Ausgabe ||75324 48 


1) wurde in die Rechnung nicht einbezogen, weil der Betrag durch 
die Einnahmen für verkaufte Milch gedeckt wurde. 

— t. 


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Literaturbericht. 


Sternberg, Städtische Rrankenküohen. (Deutsche med. Presse 1908, 
Nr. 19.) 

Bisher bestehen nur in Breslau und Berlin städtische Kranken¬ 
küchen, über die Verf. eine ausführliche Beschreibung gibt. In 
Breslau werden fünf verschiedene Mahlzeiten geboten zum Preise 
von 20, 50, 75 Pf. und zu 1.50 M. Sie können in besonderen 
Speiseräumen genossen werden, werden aber auch gegen eine ge¬ 
ringe Gebühr in Thermophoren ins Haus gebracht. Eine ähnliche 
Einrichtung besteht in Berlin. Dort weist die städtische Kranken¬ 
küche fünf verschiedene Diätschemen zum Preise von 25, 50, 75 Pf. 
und von 1.25 und 2 M. auf. Es werden auch einzelne Portionen 
zu 40—80 Pf. abgegeben, z. B. Fleisch- und Fruchtgelees. In 
zweiter Linie sollen die Krankenküchen dem Unterricht für Ärzte 
und Studierende sowie für Schwestern, Pflegerinnen und Wärter 
dienen. Boas (Freiburg i. B.). 

Fisher, The efiTect of diet on endurance based on an experiment 
in thorough mastication with nine healthy students at Yale 
university January-June 1906. (Transactions of the Connecticut 
Academy of arts and Sciences. Vol. XIII.) 

Die Versuche sollten feststellen, ob die Fletchersche Methode 
die körperliche Ausdauer erhöhen kann oder nicht. Diese Methode 
verlangt zweierlei: erstens Durchkauen aller Speisen bis zum un¬ 
willkürlichen Herunterschlingen, zweitens Nahrungsaufnahme nur 
wenn und solange Hunger vorhanden ist. Für die Versuche, 
welche ungefähr 20 Wochen dauerten, hatten sich neun gesunde 
Studenten zur Verfügung gestellt. 

Von den zahlreichen Untersuchungsresultaten seien hier 
nur einige angeführt. 

Das Durchschnittsgewicht betrug am Anfang des Versuches 
149,8 und sank stark auf 144 Pfund. Die Nahrungsaufnahme sank 
von 2830 auf 2220 Kalorien, die Fleischnahrung von 240 auf 
40 Kalorien, die Eiweissstoffe von 270 auf 140 Kalorien pro Pfund 
Körpergewicht. 

Es fand eine leichte Abnahme der Kraft statt, und zwar in 
der letzten Hälfte der Versuchszeit, nachdem in der ersten Hälfte 
eine geringe Steigerung stattgefunden hatte. 

Dagegen stieg die Ausdauer für Körperübungen ganz ge- 


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waltig. Auch die Ausdauer für geistige Übungen und Anstreng¬ 
ungen nahm etwas zu; wenn auch nur in geringem Grade. 

Pröbsting. 


Fisher, A graphic method in practical dietetios. 

Um Nahrungsmittel nach ihrer Wertigkeit zu vergleichen, 
kann man entweder die Mengen von Eiweis, Fett und Kohlen¬ 
hydrate in den einzelnen Nahrungsmitteln nach Prozenten bestimmen, 
oder aber die Anzahl von Kalorien die in den Eiweissubstanzen, 
den Fetten und Kohlenhydraten enthalten sind, ermitteln. 

Verfasser hat eine neue Vergleichungsmethode aufgestellt, 
die nicht von der Einheit des Gewichts, sondern von der Einheit 
des Wertes eines jeden Nahrungsmittels ausgeht. Diese Einheit 
wird Normalportion genannt und bezeichnet diejenige Menge des 
Nahrungsmittels, welche 100 Kalorien enthält. Die Normalportion 
Milch z. B. von den 100 Kalorien entfallen 19 auf Eiweiss, 52 auf 
Fett und 29 auf Kohlehydrate. 

Graphisch wird die Normalportion folgendermassen darge¬ 
stellt: 





Die Höhe über der Basis C F gibt die Anzahl der Eiweiss- 
Kalorien, die Breite in bezug auf die Linie C P die Anzahl der 
Fett-Kalorien an, der Rest kommt auf die Kohlehydrate. Der Punkt O 
stellt den Nährwert der Milch dar, in 100 Kalorien sind also 19 
Eiweiss-, 52 Fett- und der Rest also 29 Kohlehydrate-Kalorien ent¬ 
halten. 

Haben wir zwei Nahrungsmittel, so finden wir den Wert 
dieser beiden leicht dadurch, dass wir beide Punkte miteinander 
verbinden und den Mittelpunkt der Verbindungslinie bestimmen. 
In ähnlicher Weise bei drei und mehr Nahrungsmitteln. Durch 


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einen mechanischen Indikator, den Verfasser angibt, können die 
Mittelwerte leicht gefnnden werden. 

Der Arbeit ist eine lange Liste der gebräuchlichsten Nahrungs¬ 
mittel beigefügt mit Angabe des Gewichts einer Normalportion 
von 100 Kalorien und Angabe, wie sich diese 100 Kalorien auf 
Eiweiss, Fett und Kohlehydrate verteilen. Pröbsting. 

Clark, Studios at the Lawrence Experiment Station on the pollu- 
tion of shellfisch. (Thirty-seventh annual report of the State Board 
of Health of Massachusetts.) 

Seit dem Jahre 1900 sind an der Lawrence Experiment Station 
bakteriologische Untersuchungen über die Verunreinigung von 
Schalentieren mit Mikroorganismen angestellt. 

Es ist eine ganz bekannte Tatsache, die durch zahlreiche Be¬ 
obachtungen bewiesen ist, dass der Genuss von Muscheln und Austern 
Krankheiten verursachen kann. Bacillus coli und die verwandten 
Arten, ferner Streptococcus finden sich nicht normalerweise in 
Schalentieren, werden sie gefunden, so ist dies ein Beweis von Ver¬ 
unreinigung. Von 88 verschiedenen Muscheln, die an 11 verschmutzten 
Stellen gesammelt waren, waren 25 oder 28 °/ 0 mit Bakterien vom 
Typus des Bacillus coli verunreinigt, 44 Proben dahingegen, die 
von Stellen stammten, die nicht oder nur sehr wenig verunreinigt 
waren, enthielten keine Bakterien vom Coli-Typus. 

Ganz ebenso verhielt es sich bei den Austern, die meisten Proben 
enthielten keine Bakterien vom Coli-Typus, eine Anzahl von Proben 
enthielt aber solche Bakterien. 

Die Untersuchungen zeigten ferner, dass diese Bakterien 
mehrere Tage in und auf dem Körper der Schalentiere leben können, 
wenn diese in der gewöhnlichen Weise aufbewahrt werden. Auch 
kurzes Kochen konnte nicht in allen Fällen Bakterien von Abwässern 
mit denen die Austern verunreinigt waren, vernichten, dazu war in 
manchen Fällen eine Hitze und eine Dauer erforderlich, welche den 
Wohlgeschmack der Muscheln und Austern zerstörte oder doch be¬ 
einträchtigte. Aus diesen Untersuchungen geht hervor, dass Muscheln 
und Austern nur dann roh gegessen werden dürfen, wenn sie aus 
Plätzen stammen, die sicher nicht verunreinigt sind. Ausserdem 
sollten Plätze, wo Muscheln und Austern gesammelt werden, sorg¬ 
fältig vor Verunreinigung geschützt werden, und Schalentiere von 
verunreinigten Plätzen sollten vom Verkauf ausgeschlossen werden. 

Pröbsting. 

Struben, Ober die Beleuchtung bei der Hauearbeit von Schul¬ 
kindern. (Hyg. Rundschau XVI Nr. 14.) 

Seitdem Hermann Cohn auf die starke Verbreitung der Kurz¬ 
sichtigkeit in den höheren Schulen aufmerksam gemacht hat, ist 


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in allen Kulturstaaten das Bestreben hervorgetreten, bei allen 
Schulen für ausreichende Tageslichtbeleuchtung zu sorgen. Aber 
der grosse Einfluss, den man von diesen Massnahmen erhoffte, ist 
nicht immer eingetreten, man fand in neuerbauten und in bezug 
auf die Lichtversorgung hygienisch ganz einwandfreien Schulen 
dieselben Prozentsätze von Myopen wie in schlecht beleuchteten 
Schulen. Es liegt daher die Vermutung nahe, dass nicht das mangel¬ 
hafte Licht der SchulstubeD, sondern das Arbeiten zu Hause bei 
mangelhafter Beleuchtung die Ursache bildet. 

Von diesem Gesichtspunkte aus hat denn nun auch Ver¬ 
fasser seine Untersuchungen angestellt. Für die Bestimmung der 
Beleuchtung wurde der Beleuchtungsmesser von Wingen gebraucht, 
der aber zunächst mit dem Weberschen Photometer genau kontrolliert 
war. Das Urteil über den Beleuchtungsmesser fasst Verfasser in 
folgenden Worten zusammen: „Wenn auch das Photometer von 
Weber stets der wissenschaftliche Apparat bleiben wird, so ist 
doch für die Praxis der Beleuchtungsmesser von Wingen ein vor¬ 
zügliches Instrument wegen seiner Einfachheit, seines bequemen 
Formates, seiner schnellen Bestimmungen, seines niedrigen Preises. 
Nur muss man darauf vorbereitet sein, dass die Rauchgläser eine 
andere Stärke haben können, als angegeben ist, wofür aber eine 
einmalige Kontrolle genügt. Eine andere Sache aber, welche ver¬ 
bessert werden soll, ist der Gebrauch des in seiner Zusammensetzung 
so sehr wechselnden Benzins als Brennstoff. Warum dazu nicht 
eine Flüssigkeit mit einer konstanten Zusammensetzung gebrauchen 
wie das reine Implacetal. Solange diese Verbesserung nicht vor¬ 
genommen ist, mu63 jeder neue Vorrat Benzin von neuem auf seine 
Leuchtkraft versucht werden.“ 

Es wurden nun die Kinder von zwei Schulen zu Hause bei 
der Arbeit besucht, die eine Schule wurde von Kindern der sehr 
Wohlhabenden, die andere von Kindern aus den Schichten der 
besseren Arbeiter besucht. 

Als ausreichende Lichtmenge wurden 25 Meterkerzen Gesamt¬ 
helligkeit gefordert, ausserdem durfte das Licht nicht von rechts 
kommen und nicht blendend wirken. 

Es fand sich nun, dass bei 38 Kindern (37,6 °/ 0 ) die Be¬ 
leuchtung schlecht, bei 63 (62,4 °/ 0 ) gut war. Unter den 63 gut 
genannten Beleuchtungen waren noch sechs, bei denen die Kinder 
selbst unzufrieden waren. Es würden somit eigentlich 43,5°/ 0 zu ver¬ 
werfen sein. 

Das Resultat ist somit keineswegs glänzend, die häusliche 
Beleuchtung ist trotz der grossen Fortschritte in der modernen 
Beleuchtungstechnik noch immer recht mangelhaft. 

Pröbstings 


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Nussbaum, Die relative Photometrie. 

Die vom Himmelsgewölbe aasgebende Helligkeit, das sog. 
diffuse Licht, unterliegt ganz ausserordentlichen Schwankungen. 
Hin Arbeitsplatz kann heute vollkommen ausreichende Helligkeit 
darbieten — und an einem anderen Tage bei bedecktem Himmel 
durchaus unzulängliche Belichtung zeigen. 

Das hat den Anstoss gegeben, ein anderes Verfahren ein¬ 
zuschlagen. Dieses Verfahren, relative Photometrie genannt, be¬ 
steht darin, dass an einem trüben, nebeligen Tage bei gleicb- 
mässig diffus leuchtendem Himmelsgewölbe gleichzeitig die Helligkeit 
eines Arbeitsplatzes und des Himmelsgewölbes im Zenit mittels eines 
Photometers festgestellt wird. Hierbei findet man dann, dass die Hellig¬ 
keit des Arbeitsplatzes in einem bestimmten Verhältnis zur Helligkeit 
des Himmelsgewölbes steht. Wird dann weiter durch eingehende 
Prüfung ermittelt, dass an dem betreffenden Ort auch an trüben 
Wintertagen während der Tagesstunden, die für die Tagesbeleuch¬ 
tung in Betracht kommen, die Helligkeit des Himmelsgewölbes nicht 
erheblich unter ein bestimmtes Muss sinkt, so sind daraus Schlüsse auf 
die Beleuchtung des Arbeitsplatzes zu ziehen. Findet man z. B., dass 
die Helligkeit des Arbeitsplatzes 2°/ 0 der Helligkeit des Himmels¬ 
gewölbes beträgt und diese nicht unter 1500 MK sinkt, so hat 
der Arbeitsplatz eine Mindesthelligkeit von 30 MK. Die relative 
Photometrie kann uns daher wichtige Anhaltspunkte für die Be¬ 
urteilung von Arbeitsplätze geben, ebenso auch für die Lage und 
Grösse der Fenster die für Neubauten in Betracht kommen. 

Pröbsting. 

Kaufmann, Die Hygiene des Auges im Privatleben. (Münchener 
Verlag der Ärztlichen Rundschau, 1907.) 

Das kurze Heftchen gibt einige ganz allgemein gehaltene 
Vorschriften über Pflege des gesunden und kranken Auges, über 
Beleuchtung der Arbeitsplätze der Wohnräume usw. Alle ein¬ 
gehenderen fachwissenschaftlichen Belehrungen sind mit Absicht 
vermieden. Für eine populäre Hygiene, die für Laien bestimmt ist, 
sind sie ja auch entbehrlich. 

Freilich laufen solche allgemeinen Belehrungen leicht auf ein 
gewisses Räsonnement hinaus, das nur geringen Nutzen hat. Manche 
Kegel in dem Büchelchen ist aber doch recht beherzigenswert. 

Pröbsting. 

Nussbaum, Dr. Walther Thorners Beleuchtungsprüfer. (Ges.-Ing. 
31. Jahrg., Nr. 24.) 

In der neueren Zeit ist von zahlreichen Forschern [immer 
wieder darauf hingewiesen worden, dass die bisher üblichen Ap- 


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parate für die Prüfung der Tagesbeleuchtung von Arbeitsplätzen- 
nur einen sehr bedingten und beschränkten Wert haben; denn die 
mit dem Photometer gewonnenen Werte haben immer den Nachteil, 
dass sie nur für den Augenblick der Untersuchung Geltung haben. 
Eine Vergleichung dieser Werte mit anderen, selbst wenn sie unter 
ganz ähnlichen Verhältnissen gewonnen sind, ist kaum möglich. 
Will man absolute, die Beleuchtung des betreffenden Platzes be¬ 
zeichnende Zahlen haben, so ist der Raumwinkelmesser das ge¬ 
eignete Instrument. Aber der Raumwinkelmesser lässt uns völlig 
in Stich, wenn die Platzhelligkeit erheblich durch die Rückstrahlung 
des Lichtes beeinflusst wird. Auch das Auszählen der Quadrat¬ 
grade ist unter gewissen Umständen schwierig. 

Um diese Schwierigkeiten zu umgehen, hat T h o r n e r ein 
kleines Instrument angegeben, das von dem optischen Gesetz aus¬ 
geht, dass das Bild einer Lichtquelle, welches von einer Konvex¬ 
linse im Brennpunkte entworfen wird, immer gleich hell ist, ganz 
gleichgültig, wieweit diese Lichtquelle entfernt ist, wenn sie nur 
in ihren einzelnen Teilen gleiche Intensität hat. Wohl aber ist der 
Öffnungswinkel der Konvexlinse von Einfluss auf die Helligkeit 
des Bildes. 

Mit dem Instrument wird nun nicht die absolute Platzhelligkeit 
bestimmt, sondern eine Grösse, die Thorner als äquivalente Apertur 
des Platzes bezeichnet, d. h. als Apertur derjenigen Linse, welche 
in ihrem Brennpunkte dieselbe Helligkeit erzeugen würde, als wirk¬ 
lich auf dem Platz vorhanden ist, falls diese Linse von derselben 
Himmelsfläche wie der Platz beleuchtet wird. Gegenüber dem 
Raumwinkelmesser bietet das Instrument den Vorteil, dass die 
Messungen leicht und rasch ausgeführt werden können, und dass 
ferner auch diejenigen Plätze, auf welche viel reflektiertes Licht 
fällt, sich als brauchbar darstellen. 

Wegen der Konstruktion des Apparates muss auf das Original 
verwiesen werden. Pröbsting. 

Newcholme, An inquiry into the principal causes of the reduction 
in the death-rate from phthisis during the last forty years, with 
special reference to the Segregation of phthisical patients in 
general institutions. (The Journal of Hygiene, Vol. 5 Nr. 3.) 

.Aus seiner sehr umfangreichen und fleissigen Untersuchung 
zieht Verf. folgende Schlüsse: 

In allen Gegenden und Städten, von denen Berichte vorliegen, 
ist die allgemeine Sterblichkeit gefallen, dort wo die Schwindsucht¬ 
sterblichkeit geringer geworden ist, hat sie stärker abgenommen 
als die Gesamtsterblichkeit: 

Zunahme der Stadtbevölkerung, ferner Zunahme der Industrie 


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beschäftigang bat die Erkrankung an Schwindsucht begünstigt, 
aber der Einfluss auf Schwindsucht in Städten ist völlig durch andere 
Faktoren der Phthisismorbidität aufgehoben worden. Verbesserte 
Wohnungen und Abnahme der Wohnungsdichte sind in den meisten 
Fällen, doch nicht in allen, mit Abnahme der Schwindsucht ver¬ 
gesellschaftet. Übergrosse Wohnungsdichte ist ein wichtiger Faktor 
für das Vorkommen von Schwindsucht, aber gewöhnlich nicht stark 
genug, um den Einfluss anderer Faktoren aufzuheben. 

Der Verbrauch an Nahrungsmitteln pro Kopf korrespondiert 
nicht mit der Erkrankung an Schwindsucht; England mit seinem 
Fleischkonsum, der zweimal so gross ist wie in Belgien, hat keine 
geringere Schwindsuchtsziffer und keine schnellere Abnahme. Frank¬ 
reich mit hohem Nahrungsmittelverbrauch hat eine sehr hohe 
Schwindsuchtszififer. 

Belehrung in bezug auf die Ansteckungsfähigkeit der Krank¬ 
heit, ferner die Errichtung von Sanatorien haben keinen Einfluss 
auf die Abnahme der Schwindsuchtssterblichkeit gehabt, beides 
trat erst ein, nachdem eine merkliche Abnahme der Sterblichkeit 
eingesetzt hatte. 

Absonderung in allgemeine Krankenhäuser ist der alleinige 
Faktor, welcher sich ständig mit der Schwindsuchtsterblichkeit in 
den untersuchten Gegenden geändert hat. Sie muss daher als der 
kräftigste Einfluss betrachtet werden, der auf die Verhütung der 
Schwindsucht gewirkt hat. Pröbsting. 

A Statistical study of the influence of the Henry Phipps upon the 
death-rate from tuberculosis in Philadelphia. (Third annual re- 

port of the Henry Phipps institute for the study treatment and preven- 
tion of tuberculosis.) 

Wie überall, so zeigt sich auch in Philadelphia ein langsamer, 
aber ständiger Rückgang in der Sterblichkeit an Tuberkulose. 
Dieser Rückgang wurde freilich mehrfach durch starke Steigung 
unterbrochen. Ein Teil dieses Rückganges dürfte wohl auf Rech¬ 
nung des Henry Phipp-Instituts zu setzen sein. Das Institut be¬ 
handelt Tuberkulose-Patienten ambulatorisch und im Hospital. Die 
ambulatorischen Patienten werden von Pflegerinnen besucht und 
behandelt. Weit vorgeschrittene Fälle werden in das Hospital auf¬ 
genommen und dadurch weitere Infektionen verhindert. 

Eine interessante Tatsache teilt der Bericht mit, dass nämlich 
in den Stadtbezirken, in denen sich Institute für die Behandlung 
von Tuberkulose-Kranken befinden, ein Rückgang in der Tuber¬ 
kulose-Sterblichkeit sich zeigt, während in einigen der angrenzenden 
Bezirke eine Zunahme zu verzeichnen war. Eine andere interessante 
Tatsache ist die, dass der Rückgang unter der ärmeren Bevölke¬ 
rung grösser war als unter der wohlhabenden. Pröbsting. 


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Report of the Commission to investigate meaeures for the relief 
of oonsumptives. (Boston 1907. Wright & Potter Printing Co.) 

Die Volksvertretung des Staates Massachusetts hatte im Jahr 
1906 eine Kommission gewählt zum Studium der Tuberkulose und 
zu Vorschlägen für Einrichtung von staatlichen Krankenhäusern 
für Tuberkulöse. 

Der Bericht dieser Kommission liegt nun vor und ist nach 
manchen Seiten hin interessant, da er in manchen Punkten über 
den gegebenen Rahmen der Aufgabe hinausgreift. 

Zunächst hat die Kommission versucht, durch Fragebogen und 
Nachfragen eine genaue Übersicht über die Anzahl der Tuberku¬ 
lösen im Staate Massachusetts zu gewinnen. 

Unter einer Bevölkerung von etwas über 3000000 fanden sich 
im ganzen 7779 Tuberkulöse, und zwar 6376 Privatpatienten von 
Ärzten und 1403 in Krankenanstalten, Sanatorium usw. 

Ausserordentlich interessant sind die beiden folgende Karten, 
sie zeigen die rapide Abnahme der Schwindsuchtssterblichkeit in 
den letzten 10 Jahren. Diese Abnahme, die ja überall beobachtet 
wird, dürfte wohl zweifellos auf Rechnung der energischen und 
planmässigen Bekämpfung der Krankheit zu setzen sein und zeigt, 
dass der eingeschlagene Weg der richtige ist. 



Wenn der Bericht sagt, dass die Zeit kommen würde, in der 
die Tuberkulose eine ebenso seltene Krankheit wäre wie die Pocken, 
so mag eine solche Behauptung zurzeit noch recht unwahrscheinlich 
klingen, nach den Erfolgen der letzten 10 Jahre aber kann man 
ihr eine gewisse Berechtigung nicht absprechen. 

Der Bericht stellt die lokalen und allgemeinen Forderungen 
für die Errichtung von Krankenanstalten auf. Er bespricht dann 
die Geschichte und Natur der Krankheit, wobei nur die direkte 


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Übertragung der Bazillen auf trockenem (Staub) oder feuchtem Wege 
(Tropfeninfektion) anerkannt wird, Milch und Fleisch sollen gar 
keine Rolle in der Übertragung spielen. Bei den vorbeugenden 
Massregeln wird in erster Linie die Anzeigepflicht gefordert, ferner 
die unentgeltliche Sputumuntersuchung, das Ausspeiverbot, die Ein¬ 
führung der Desinfektion und endlich die öffentliche Belehrung. 

Die Behandlung besteht hauptsächlich in Freiluftbehandlung, be¬ 
sonders Schlafen in freier Luft. Für diese letzte Behandlung, out 
of doors sleeping, werden einige sehr interessante Beispiele mitgeteilt. 



Weiterhin fordert der Bericht Walderholungsstätten nach 
deutschem Muster, dann die Einrichtung von Tuberkulose-Klassen. 
Es handelt sich hierbei um folgende Einrichtung: Eine Anzahl von 
Tuberkulösen — höchsten 20 —, die wegen Armut oder aus an¬ 
deren Gründen nicht in ein Sanatorium aufgenommen werden können, 
werden zu einer Abteilung zusammengefasst. Diese Kranken werden 
nach eingehender ärztlicher Untersuchung von einer Kranken¬ 
schwester besucht, und die häuslichen Verhältnisse geregelt. Be¬ 
sonders wird untersucht, ob offene Luft-Behandlung im Hause des 
Patienten eingerichtet werden kann. Ist das nicht der Fall, so 
muss die ganze Familie in eine Wohnung übersiedeln, wo der 
Kranke sich Tag und Nacht im Freien aufhalten kann. Die meisten 
leben und schlafen [in Zelten, die entweder auf dem Dach oder 
auf dem Boden dicht am Hause aufgesehlagen sind. Genau ge¬ 
regelt wird die Diät, die der Hauptsache nach aus Milch, Brot, Obst, 
Butter und Öl besteht. Jedem Patienten wird ein Liegestuhl ge¬ 
liefert. 

Die erzielten Resultate sind ausgezeichnet. 

Endlich fordert der Bericht noch staatlich angestellte Gesund¬ 
heitsinspektoren. In jedem Distrikt soll ein Arzt angestellt werden, 
dessen Hauptaufgabe die Bekämpfung der Tuberkulose ist. 

Pröbsting. 


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Oeltrager, Die Disposition der Lunge zur Erkrankung an Tuber¬ 
kulose. (Zeitschr. f. Hyg. u. Inf., 60. Bd., 3. Heft, 1908.) 

O. sieht in dem Auftreten von Tuberkelbazillen nach Ftitte- 
rungsversuchen nur allein in der Lunge keinen Beweis dafür, dass 
die Lunge mechanisch gleich einem Filter alle Keime zurückhalte. 
Sehr wohl können in diesen Fällen, soweit sie nicht durch Aspi¬ 
ration oder Inhalation entstanden sind, Tuberkelbazillen in anderen 
Organen wie Milz und Leber gleichzeitig erscheinen, nur die Lunge 
erkrankt eher, weil sie vielleicht gegenüber den anderen Organen 
eine gesteigerte Disposition zur tuberkulösen Erkrankung besitzt. 

0. stellt fest, dass weitaus der grösste Teil der in den kleinen 
Kreislauf gelangten Bakterien die Lunge wieder verlässt. Nicht 
etwa eine mechanische Disposition der Lunge zur Aufnahme 
grösserer Bakterienmengen aus der Blutbahn besteht, sondern nur 
um eine im Vergleich zu den anderen Organen erhöhte Disposition 
des Lungengewebes zur Erkrankung handelt es sich, ganz beson¬ 
ders bei der Tuberkelbazilleninvasion. Dauwitz (Cöln). 

Reichenbach und Böck, Versuche über die Durohg&ngigkeit des 
Darms. (Zeitschr. f. Hyg. u. Inf., 60. Bd., 3. Heft, 1908.) 

R. und B. stellten fest, dass bei Hunden nach Verfütterung 
auch nicht übertriebener Dosen von Tuberkelbazillen in einzelnen 
Fällen ein rascher Durchtritt durch den Darm stattfindet. Positiver 
Lungenbefund in zwei Fällen bei Intaktbleiben von Leber und 
Mesenterialdrüsen sprach mit Sicherheit gegen den hämatogenen 
Transport und nur für Aspiration der Bazillen beim hastigen Saufen 
oder in der Agone. 

Meerschweinchen blieben bei den Fütterungsversuchen frei 
von Lungentuberkulose. Nur in zwei Fällen fanden sich Tuberkel¬ 
bazillen in den Mesenterialdrüsen, von wo aus sie sich allerdings 
hätten auf dem Lymphwege langsam weiter verbreiten können. 
Ein rascher Durchtritt durch die Darmwand findet beim Meer¬ 
schweinchen nicht statt, es ist also eine rasche und vorzugsweise 
Erkrankung der Lungen nach Fütterung mit Tuberkelbazillen 
beim Meerschweinchen von vornherein nicht zu erwarten. Wenn 
eine solche auftritt, ist die Infektion nicht auf intestinalem Wege 
entstanden. Dauwitz (Cöln). 

Köhliscb, Untersuchungen über die Infektion mit Tuberkelbazillen 
durch Inhalation am trocknen Sputumstaub. (Zeitschr. f. Hyg. u. 
Iuf., 60. Bd., 3. Heft, 1908.) 

Durch eine sinnreiche, aber komplizierte und deswegen nicht 
überzeugend ein wandsfreie Methode sucht K. die Menge von Tu¬ 
berkelbazillen zu bestimmen, die beim Meerschweinchen nach Staub¬ 
infektion tatsächlich bis zu den feinen Bronchien gelangen, und 

Centralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXVIII. Jahrg. 16 


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festzustellen, welche quantitative Bedeutung diesem Bruchteil der 
Stäubchen für die Infektion zukomrat. 

Feststeht bisher nur: 1. dass das phthisische Sputum schwer 
so weit austrocknet, dass es zu Staub zerkleinert werden kann, 
und dass noch schwerer feine tuberkelbazillenführende Elemente 
in reichlicher Zahl dabei entstehen, die durch die alltäglich in den 
Wohnungen vorkommenden Luftströme transportiert und schwebend 
erhalten werden können, und 2., dass ein grosser Teil der ein¬ 
geatmeten Tuberkelbazillen in dem Eingang zum Respirationstrakt 
und in den gröberen Bronchien zurückgehalten wird. 

K. will festgestellt haben, dass die Inhalation bazillenhaltiger 
Tröpfchen in viel kleineren Dosen eine viel gleichmässigere In¬ 
fektion bewirkt, als Inhalation bazillenhaltigen Staubs. Vom Staub 
soll ein erheblich grösserer Anteil als bei den Tröpfchen in den 
Eingängen zum Respirationstrakt zurückgehalten werden: nur 2 bis 
7 °/o im Staub gegen 33 °/ 0 in Tröpfchen enthaltener Tuberkel¬ 
bazillen sollen im Mittel bis zu den feinsten Bronchien durchgehen. 

Unter den Verhältnissen der natürlichen Umgebung des Men¬ 
schen kann eine Infektion durch Inhalation verstäubter Tuberkel¬ 
bazillen nur erfolgen in den kurzen Zeiten der trocknen Reinigung, 
eine Gefahr, die man durch die Art der Reinigung, durch gleich- 
mässige Zuglüftung, durch zeitweises Verlassen des Zimmers er¬ 
heblich herabmindern kann. 

Für möglich hält K. es, dass durch den in den ersten Luft¬ 
wegen bei der Staubinhalation haften bleibenden Anteil tuberkel¬ 
bazillenhaltiger Stäubchen Hals- und Cervikaldrüseninfektionen zu¬ 
stande kommen. Für Infektion vom Darm aus ist dagegen selbst 
der verschluckte, relativ grosse Anteil tuberkelbazillenhaltiger Stäub¬ 
chen für gewöhnlich noch als ungenügende Dosis anzusehen. 

Dauwitz (Cöln). 

Heymann, Versuche an Meerschweinchen über die Aufnahme in¬ 
halierter Tuberkelbazillen in die Lunge. (Zeitschr. f Hyg. u. Inf., 
«0. Bd., 3. Heft, 1908.) 

H. hat ein sicheres Urteil darüber zu gewinnen gesucht, ob 
inhalierte Tuberkelbazillen wesentlich auf direktem Wege die 
Lunge erreichen und infizieren, oder erst nach der Passage durch 
die lymphatischen Organe des Rachens und seiner Adnexe oder 
des Darms. Alle bisher darüber angestellten Experimente leiden 
an dem Mangel quantitativer Abstufung der Infektionsdosis sowie 
an ungeeigneter Technik. 

Zum Nachweis der Tuberkelbazillen bediente sich H. bei seinen 
Versuchen teils der biologischen, teils der mikroskopischen Methode. 
Im Fiadelschen Inhalationsapparat setzte er die Tiere ohne jede 


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Fesselung in durchaus natürlicher Weise einem feinsten, aus einer 
Tuberkelbazillenaufschwemmung entwickelten Spraynebel aus und 
liess sie eine quantitativ berechenbare Menge Bazillen einatmen. 
Die Aufschwemmung bereitete er stets frisch mit Meerschweinchen¬ 
tuberkelbazillen in einer Konzentration von 0,5 oder 0,1 mg Kultur 
pro Kubikzentimeter destillierten Wassers und achtete peinlichst 
auf homogene Verteilung der Bazillen. Die Inhalationsdauer belief 
sich auf 5—10—50 Minuten, Zeiten und Konzentration entsprechen 
nach der Fiadelschen Rechnung der Aufnahme von etwa 10000, 
100000 und 1 Million Bazillen. Nach beendeter Inhalation wurden 
die Tiere je nach 1—24—3X24 und 6X24 Stunden getötet, unter 
aseptischen Kautelen Brust- und Bauchhöhle eröffnet, die Brust¬ 
organe im ganzen herausgenommen. Von den Lungen wurden zu¬ 
nächst die äussersten Zipfel des Unterlappens, hierauf, unter Um¬ 
gehung der Partien an der Lungen Wurzel, noch grössere Stücke 
von den einzelnen Lappen abgetragen, schliesslich die Bronchial¬ 
drüsen vorsichtig von der Trachea abpräpariert und diese 3 Ma¬ 
terialien unter Zusatz von steriler Kochsalzlösung so fein zerrieben, 
dass die gesamte Masse mittels Prenezspritze mit weiter Kanüle 
Meerschweinchen injiziert werden konnte. Die Tiere vertrugen die 
Injektion gut. Es ergab sich folgendes: 

1. In den Lungen mittelgrosser Meerschweinchen sind 1 Stunde 
und später nach der Inhalation eines tuberkelbazillenhaltigen Spray¬ 
nebels selbst bei mittleren Dosen (10000 Bazillen) stets Tuberkel¬ 
bazillen nachzuweisen, und zwar auch in den peripheren Partien 
der Lungenbasis. 2. In den Bronchialdrüsen sind bei mittleren 
Dosen (10000 und 100000 Bazillen) erst 3 Tage nach der Inhalation 
Tuberkelbazillen nachzuweisen, nach 6 Tagen wieder nicht mehr. 
Ob sie inzwischen vernichtet oder weitergewandert sind, ist nach 
den vorliegenden Versuchen nicht zu entscheiden. 3. Bei hohen 
Dosen (1 Million Bazillen) sind auch in den Bronchialdrüsen be¬ 
reits 1 Stunde nach der Inhalation Tuberkelbazillen nachzuweisen 
und verschwinden auch nicht mehr aus ihnen. 

Unter gleicher Versuchsanordnung wie bei den biologischen 
Untersuchungen, nach Fixation der Lunge durch 20 ccm einer 
10°/ o Formalinlösung mittels Prenezspritze von der nach dem Kopf 
zu abgebundenen Trachea her, Herausnahme der Brustorgane in 
toto, Härtung in Alkohol, Anlegen von Serienschnitten, Einbetten 
und Färbung ergab die mikroskopische Untersuchung den Beweis, 
dass inhalierte Tuberkelbazillen mit Leichtigkeit auf direktem Wege 
in die Lungen gelangen. Bei keinem anderen Infektionsmodus 
geht die Entwicklung der Lungentuberkulose mit solcher Schnellig¬ 
keit vor sich wie nach der Inhalation mässiger Mengen von tuberkel¬ 
bazillenhaltigen Tröpfchen oder Stäubchen. Sind doch selbst bei 


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den kleinsten Dosen inhalierter Tuberkelbazillen schon nach 20 Tagen 
wohlausgebildete Tuberkel in den Lungen za konstatieren, während 
nach Verfiltternng und stomachaler Einverleibung vergleichsweise 
enormer Dosen mindestens die doppelte Zeit vergeht, ehe Lungen¬ 
tuberkel ausgebildet sind. 

Wenn das Ergebnis des Tierversuchs auch nicht unmittelbar 
auf den unter natürlichen Bedingungen lebenden Menschen über¬ 
tragbar ist, so kann es doch keinem Zweifel mehr unterliegen, dass 
auch für den Menschen die Inhalation einen besonders leicht 
gangbaren Infektionsweg darstellt. Dauwitz (Cöln). 

Ballin, Das Schicksal inhalierter Schimmelpilzsporen. (Zeitschr. f. 
Hyg. u. Inf., 60. Bd., 3. Heft, 1908.) 

B. hat mit Schimmelpilzsporen, einem sehr flugfähigen und 
wegen seiner charakteristischen Form und seines leichten Wachs¬ 
tums nicht nur kulturell, sondern auch mikroskopisch leicht nach¬ 
weisbarem und auf seinem Wege verfolgbarem Material an 8 Meer¬ 
schweinchen Versuche über Infektionswege sowie darüber angestellt, 
an welcher Stelle des Lungengewebes inhalierte Schimmelpilzsporen 
sich hauptsächlich ablagern, und kommt dabei zu folgenden Ergeb¬ 
nissen : Schimmelpilzsporen werden sowohl bei trockener wie bei 
feuchter Zerstäubung mit dem Inhalationsstrom direkt bis in die 
Alveolen transportiert. Sie vermögen schon innerhalb kurzer Zeit 
in das Gewebe der Alveolenzwischenwände einzudringen, und zwar 
findet dieses Eindringen auch bei völlig amirulenten Sporen, wenn 
auch etwas langsam, statt. Die Auskeimung der Sporen findet in 
den Alveolenzwischenwänden, niemals in den Alveolen selbst statt. 

Dauwitz (Cöln). 

Alexander, Das Verhalten des Kaninchens gegenüber den ver¬ 
schiedenen Infektionswegen bei Tuberkulose und gegenüber 
den verschiedenen Typen des Tuberkelbazillus. (Zeitschr. f. Hyg. 
u. Inf., 60. Bd., 3. Heft, 1908.) 

A. weist gerade am Kaninchen, d. h. an einem Versuchstier, 
das wie der Mensch eine gewisse Widerstandsfähigkeit gegenüber 
der tuberkulösen Infektion zeigt, die ausserordentliche Überlegen¬ 
heit des Inhalationsweges und die äusserst geringe Wirksamkeit 
des Fütterungsweges nach. Dauwitz (Cöln). 

Reichenbach, Experimentelle Untersuchungen über die Eintritts¬ 
wege der Tuberkelbazillen. (Zeitschr. f. Hyg. u. Inf., 60. Bd., 3. Heft, 
1908.) 

R. zieht für die Entscheidung der Frage, ob bei Entstehung 
der Tuberkulose die intestinale oder die Infektion auf dem Wege 
der Inhalation überwiege, die quantitative Vergleichung beider In- 


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fektionsarten heran. Die Versuche wurden so angeordnet, dass 
gegenüber der unzweifelhaft erheblich grösseren Wirksamkeit der 
Inhalation alle überhaupt möglichen Fehler zugunsten der Fütterung 
ausschlugen. Dabei ergab sich, dass bei allen Tieren, bei denen 
durch Fütterung die Erzeugung einer Tuberkulose gelingt, auch 
die Infektion auf dem Inhalationswege sich rascher, sicherer und 
mit viel kleineren Dosen erreichen lässt. Alle Tierexperimente 
sprechen für die höhere Bedeutung des Inhalationsweges. 

Dauwitz (Cöln). 

Hey mann, Weitere Beiträge zur Frage über die Beziehungen zwi¬ 
schen Säuglingsernährung und Tuberkulose. (Zeitschr. f. Hvg. 
u. Inf., 60. Bd, 3. Heft, 1908.) 

Der Infektion mit Perlsuchtbazillen von der Haut aus kommt 
keine grosse Bedeutung zu. Primäre Ansiedlung der Perlsucht¬ 
bazillen im Darm und seinen regionären Lymphdrüsen ist auch im 
Kindesalter überaus selten, obgleich v. Behring, Calmette u. a. 
die Hauptquelle aller menschlichen Tuberkulose in der alimentären 
Infektion des Kindesalters mit Perlsuchtbazillen sehen, indem sie 
annehmen, dass die Perlsuchtbazillen durch die Darmschleimhaut, 
ohne Spuren zu hinterlassen, hindurchtreten, in den Säftestrom des 
Körpers gelangen und sich, oft nach jahrelanger Latenz, in Lymph¬ 
drüsen, an ihrer Prädilektionsstelle, in den Lungen, ansiedeln 
könnten. Demgegenüber ist von Gaffky auf Grund bakteriolo¬ 
gischer Untersuchungen der Organe, insbesondere der Drüsen, an 
einem möglichst grossen und nicht ausgewählten Material fest¬ 
gestellt worden, dass auch im Kindesalter dem Menschen die Haupt¬ 
gefahr der tuberkulösen Infektion nicht von den Rinderperlsucht¬ 
bazillen, sondern von den vom Menschen stammenden Tuberkel¬ 
bazillen drohe. Statistische und ethnographische Erhebungen scheinen 
diese Behauptung zu stützen. Gerade in den Ländern, wo der 
Milchgenuss beschränkt und namentlich Kuhmilch als Ersatz der 
Muttermilch nicht in Betracht kommt, wie es in Japan noch bis 
vor 25 Jahren der Fall war, in Rumänien, auf den Färöer Inseln, 
an der Goldküste und in gewissen ägyptischen Bevölkerungsschichten 
noch heute Sitte ist, kommt Tuberkulose, insbesondere Säuglings¬ 
tuberkulose ganz ausserordentlich häutig vor. Nicht den tuberkel¬ 
bazillenhaltigen Nahrungsmitteln kommt nach Hey mann bei der 
Entstehung der Tuberkulose etwa eine ganz besondere, sondern im 
Gegenteil nur äusserst geringe Bedeutung zu. Dauwitz (Cöln). 

Ostermann, Die Bedeutung der Kontaktinfektion für die Aus¬ 
breitung der Tuberkulose namentlich im Kindesalter. (Zeitschr. 
f. Hvg. u. Inf., 60. Bd., 3. Heft, 1908.) 

O. betrachtet die Grösse der Infektionsgefahr im Verkehr mit 


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tuberkulösen Menschen, und zwar a) für Kinder, welche durch die 
Schmutz- und Schmierinfektion mehr gefährdet erscheinen, b) für 
Erwachsene. 

Aus statistischen Erhebungen ergibt sich, dass viel mehr 
Kinder tuberkulös infiziert sind, als man bisher annahm, und dass 
die Erkrankungen sich nicht ausschliesslich auf das 1. Lebensjahr 
beziehen. 

Welcher ungefähre Bruchteil nun der ganzen grossen Zahl 
von Tuberkulosen im Kindesalter auf Schmutz- und Schmierinfek¬ 
tion innerhalb der Wohnung zu beziehen sei, hat 0. eingehender 
untersucht. 

Er wählte aus armen, engen und schmutzigen Phthisiker¬ 
wohnungen stammende Kinder und prüfte ihre Hände und den 
betreffenden Fussbodenstaub auf Tuberkelbazillen. Er impfte mit 
der Händewaschbouillon 42 solcher Kinder ebensoviele Meerschwein¬ 
chen, erhielt aber nur in 4 Fällen ein positives Resultat. 

Bei den Untersuchungen des Fussbodenstaubs aus Phthisiker¬ 
wohnungen fand er nur die Hälfte der Proben mit Tuberkelbazillen 
verunreinigt. Diese Zahl dürfte dem normalen Durchschnitt kaum 
entsprechen (d. Ref.). 

Demnach, meint Ostermann, müssen die sonstigen Infek¬ 
tionswege mehr in Rechnung gezogen werden, namentlich die In¬ 
halation. Denn, wo zu Kontaktinfektion reichlich Gelegenheit ge¬ 
geben sei, wäre auch das Einatmen von Hustentröpfehen anstecken¬ 
der Phthisiker oder auch von Staub sehr leicht möglich, wie es 
auch die überwiegend häufigen, auf bronchogene Lungentuberkulose 
deutenden pathologischen Befunde beweisen! (? d. Ref.). 

0. hat viele Kontaktmöglichkeiten zwar absichtlich nicht er¬ 
wähnt, meiner unbedingten Überzeugung nach spielt die Kontakt¬ 
infektion im frühen Kindesalter eine weit grössere Rolle als O. sie 
ihr zugestehen möchte (d. Ref.). 

Bei Erwachsenen besteht eine Infektionsgefahr durch ein¬ 
faches Handgeben mit ansteckenden Phthisikern nach 0. nicht. 
Die Übertragung der Tuberkulose auf diese Weise geschieht nur 
unter besonderen Bedingungen und, wenn überhaupt, findet man 
an der Hand des Gesunden nur spärliche Keime. Andere, sehr 
überzeugende Kontaktmöglichkeiten sind auch hier wieder nicht 
erwähnt (d. Ref.). Dauwitz (Cöln). 

Ostermann, Infektionschancen beim Genuss von Milch. (Zeitschr. 
f. Hyg. u. Inf., 60. Bd., 3. Heft.) 

Tuberkulose ist unter den Rindern und namentlich unter den 
Kühen enorm verbreitet. Fortgesetzte stärkere Bazillenausscheidung 
indessen findet nur statt bei allgemeiner oder Eutertuberkulose, 


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und zwar bis zu 50 und 100 Tausend oder 1 Million pro ccm Milch. 
Trotzdem sind erfahrungsgemäss nur 10°/ 0 der auf den Markt 
kommenden Milch- und Butterproben tuberkelbazillenhaltig und 
davon noch wieder der grössere Teil in sehr geringer Menge, weil 
durch Pasteurisierung der Milch oder nur periodische und nament¬ 
lich im Anfangsstadium erheblich verringerte Bazillenausscheidung, 
Ausschaltung der an Eutertuberkulose erkrankten Tiere der Tuberkel¬ 
bazillengehalt der Milch und Molkereiprodukte quantitativ sehr 
herabgedrückt wird. Nach Versuchen von Fiadel, Reichenbach, 
Alexander entsteht ausserdem die Infektion des Intestinaltraktus 
erst beim einmaligen Hineingelangen sehr grosser Dosen oder 
bei regelmässig wiederholter Zufuhr von immerhin noch 
ansehnlichen Dosen. Die einmalige wirksame Fütterungs¬ 
dosis beim Meerschweinchen betrug 400 Millionen Tuberkelbazillen, 
öOmalige Wiederholung einer Dosis von nur je 800000 
Tuberkelbazillen war von unsicherer Wirkung. Beim erwach¬ 
senen Menschen, bei dem neuerdings eine geringere Empfindlichkeit 
gegenüber dem Typus bovinus wohl allgemein anerkannt wird, 
sind erheblich höhere Dosen nötig. Bei Kindern bis zum 10. bis 
12. Jahre scheint die Empfindlichkeit etwas höher zu sein (Ref.). 
Im allgemeinen aber kann man unter Berücksichtigung des Ver¬ 
dauungskoeffizienten und des geringen Prozentsatzes, in dem über¬ 
haupt Tuberkelbazillen in Milch und Butter nachgewiesen sind, 
behaupten, dass die allgemeine Tuberkulosefrequenz in geringem 
Grade durch den Genuss von Milch und Butter perlsüchtiger Kühe 
beeinflusst wird. Auch pathologisch-anatomische und bakteriolo¬ 
gische Untersuchungen bestätigen die geringe Frequenz der alimen¬ 
tären Infektion durch Perlsuchtbazillen. Trotzdem ist Vorsicht ge¬ 
boten und insbesondere Kindern der Genuss roher und ungenügend 
gekochter Milch zu untersagen. Dauwitz (CÖln). 

Report upon the production, distribution and use of diphtheria 
antitoxin. (Thirty-seventh annual report of the State Board of Health 
of Massachusetts.) 

Der Bericht bezieht sich auf 18650 behandelte Fälle von 
Diphtherie, 1908 Fälle, also 10,2 °/ 0 , endeten tödlich. Mädchen er¬ 
krankten etwas mehr wie Knaben, doch war die Sterblichkeit bei 
letzteren etwas grösser, nämlich 10,8 °/ 0 gegen 9,6°/ 0 bei Mädchen. 

Von Interesse ist folgende Tabelle in bezug auf den Tag der 
Anwendung des Serums und die Sterblichkeit. 


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Sterb- 


Tag 

Fälle 

lichkeit 

0/ 

/o 

Erster. 

1717 

127 

7,4 

Zweiter .... 

4198 

240 

5,7 

Dritter. 

3418 | 

302 

8,8 

Vierter . 

2181 | 

271 ; 

12,4 

Fünfter . . . 

1133 | 

174 j 

15,3 

Sechster u. später ; 

1 

1599 i 

i i 

268 

1 

16,7 


Ans dieser Tabelle erhellt deutlich die Notwendigkeit der 
möglichst frühzeitigen Anwendung des Serums. Pröbsting. 

Shackleton, The prophylactic use of antidiphtheritic serum. (The 
Lancet Nr. 4333.) 

In einem Internat von 300 Knaben brach im September 1905 
Diphtherie aus. Ein Haus, das von 44 Schülern bewohnt war, 
hatte 6 Fälle, die übrigen 38 würden mit je 2000 Einheiten Anti¬ 
dy phtherie-Serum geimpft. Am nächsten Morgen konnte noch 
ein weiterer Fall unter den Geimpften konstatiert werden, dann 
erkrankte aber fünf Wochen lang kein Knabe mehr. Bei allen 
Knaben wut'de täglich der Hals untersucht, bei neun fanden sich 
Diphtherie-Bazillen. Bei allen verschwanden sie allmählich, nur 
bei einem blieben sie und dieser zeigte am Ende der fünften 
Woche kleine Beläge auf jeder Mandel. Dieser Befund scheint 
die Behauptung zu stützen, dass die graphylaktische Infektion fünf 
Wochen schützt. 

Ausserdem erkrankte in diesem Hause noch ein Knabe, der 
nicht geimpft war. 

In einem anderen Hause kamen drei Fälle von Diphtherie zur 
Beobachtung. Darauf wurden alle übrigen Schüler (315) mit je 
1000 Einheiten geimpft. Von diesen erkrankte keiner. 

Pröbsti ng. 


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Verzeichnis der bei der Redaktion eingegangenen neuen 

Bücher etc. 

Bluntschli, Dr. H., Die Bedeutung der Leibesübungen für die gesunde 
Entwickelung des Körpers. München 1909. E. Reinhardt. Preis 1.80 M. 
Brennecke, Dr., Wissen und Wollen! Der Kampf um die Gesundung 
des Geschlechtslebens. Magdeburg 1909. Fabersche Verlagsbuchhdlg. 
Frank, Dr, Lehrbuch der Schul-Gesundheitspflege. M.-Gladbach 1909. 
A. Riffarth. 

Jahresbericht X. der Neuen Heilanstalt für Lungenkranke zu Schöm¬ 
berg, O.-A. Neuenbürg. Stuttgart 1909. 

Loos, Dr. O., Über die Ursachen des sog. Längerwerdens der Zähne. 

Strassburg 1909. J. H. Ed. Heitz. Preis 3 M. 

Martin, Prof. Dr. A., Die Pflege und Ernährung des Neugeborenen. 
Meyer, Dr. M., Die Verwässerung des Organismus und ihre schädlichen 
Folgen für die Gesundheit. München 1909. Ärztl. Rundschau. Preis 
90 Pf. 

Mitteilungen über Radium und dessen therapeutische Verwertung in 
Bad Kreuznach. 

Müller, Dr. Paul Th., Vorlesungen über Infektion und Immunität. Jena 
1909. G. Fischer. Preis 7 M., geb. 8 M. 

Quenu, E., et Joltrain, E., Etüde clinique et anatomique de deux cas 
d’ictere grave. Paris 1909. 

Schumburg, Die Geschlechtskrankheiten. Leipzig, B. G. Teubner. Preis 
1.25 M. 

Siebert, Dr. Friedrich, Die Fortpflanzung in ihrer natürlichen und kul¬ 
turellen Bedeutung. München 1909. E. Reinhardt. Preis 1.80 Pf. 
Siebert, Dr. F., Über die Voraussetzungen zur Möglichkeit einer sexuellen 
Moral. München 1909. Ärztl. Rundschau. Preis 1.30 M. 

Smith, Dr. A.. Herz- und Gefässkrankheiten. Neue Wege zu ihrer Be¬ 
urteilung und Heilung. Berlin, Verlag für Volkshygiene und Medizin. 
Preis 2.80 M. 

Teleky, Dr. med. Ludwig, Die Versicherung der Berufskrankheiten. Wien 
und Leipzig. W. Braumüller. 

Teleky, Dr. Ludw., Der Gesetzentwurf über die Sozialversicherung vom 
Standpunkte sozialer Medizin. Wien u. Leipzig 1909. W. Braumüller. 
Tugend reich, Dr. Gustav, Die Mutter- und Säuglingsfürsorge. Stutt¬ 
gart 1909. F. Enke. Preis 3.20 M. 

Vogel, Dr. von, Die Sterblichkeit der Säuglinge und die Wehrfähigkeit 
der Jugend. München 1909. J. F. Lehmanns Verlag. Preis 2.40 M. 
Wohlfarth, Frau Dr., Das neue Verfahren zur Wiedererlangung schlan¬ 
ker Hüften und zur Beseitigung des Fettleibes ohne Apparate und 
ohne fremde Hilfe. Leipzig, H. Beyers Verlag. 

NB. Die für die Leser des „Centralblattes für allgemeine Gesundheits¬ 
pflege“ interessanten Bücher werden seitens der Redaktion zur Besprechung 
an die Herren Mitarbeiter versandt und Referate darüber, soweit der be¬ 
schränkte Raum dieser Zeitschrift es gestattet, zum Abdruck gebracht. Eine 
Verpflichtung zur Besprechung oder Rücksendung nicht besprochener Werke 
wird in keinem Falle übernommen; es muss in Fällen, wo aus besonderen 
Gründen keine Besprechung erfolgt, die Aufnahme des ausführlichen Titels, 
Angabe des Umfanges, Verlegers und Preises an dieser Stelle den Herren 
Einsendern genügen. Die Verlagsbuchhandlung. 


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Inseratenanhang. 

Centralblatt fflr allgemeine Gesundlieitspflege, XXVIIL Jahrgang, Heft 5 und 6. 


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Eilt praktischer Answeg 


für den Arzt bei der oft schwierigen Frage 
des Krankengetränkes ist die Verordnung von 
Kathreiners Malzkaffee. Kathreiners Malz¬ 
kaffee ist bei aromatischem Wohlgeschmack 
absolut indifferent. Sein billiger Preis er¬ 
möglicht es, ihn auch Minderbemittelten zu 
empfehlen. 

Den Herren Ärzten stellt die Firma Ka¬ 
threiners Malzkaffee-Fabriken, München, auf 
Wunsch Versuchsproben und Literatur kosten¬ 
los zur Verfügung. 


Joh. Bapt. Sturm 

Weingutsbesitzer 
Rudeslieim a. Rhein. 

Grösstes Weingut in Büdesheim, 
eigene Weinberge in Johannis¬ 
berg und Assmannshausen. 

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Versand von Rhein- und Moselweinen. 

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leiden — Harnsäure — Ischias — Gicht — Frauenleiden — Fettsucht — 
Zucker — Stoffwechselleiden. Zu einer Vorkur im Hause sind 30 Fla¬ 
schen Bonifaciusbrunnen erforderlich. Saison beginn 1. Mai. Das neue 
Badehotel: Elegantes Etablissement — Lift — Centralheizung — aller 
Komfort — Grosser Kurpark, direkt am Walde. — Orchester und stän¬ 
diges Theater. 

■ool- und Moorbäder im Hause. Prospekte durch die Kurdirektion. 



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Unser bisheriger Mitherausgeber des Centralblattes für all¬ 
gemeine Gesundheitspflege, Herr Prof. Dr. Walter Kruse, hat einen 
ehrenvollen Ruf als ordentlicher Professor für Hygiene an die Uni¬ 
versität Königsberg angenommen. Aus diesem Grunde musste er 
zu unserem aufrichtigen Bedauern aus der Redaktion des Central¬ 
blattes austreten. Wir danken ihm für seine erfolgreiche treue Mit¬ 
arbeit und haben die Versicherung, dass er sowohl dem Centralblatl 
als auch dem Niederrheinischen Verein für öffentliche Gesundheits¬ 
pflege sein bisheriges Interesse nicht entziehen wird. Der Nach¬ 
folger des Herrn Prof. Dr. Kruse an der Universität Bonn, Herr 
Prof. Dr. Reichenbach, hat sich auf unseren Wunsch bereit er¬ 
klärt, in die Redaktion des Centralblattes einzutreten. Er wird 
Beiträge für das Centralblatt gern entgegennebmen. 

Dr. Lent, Dr. ing. Stübben, 

Cöln. Berlin. 

Cöln, im August 1909. 


Centralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXVIII. Jahrg. 


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(Nachdruck verboten.) 


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Das Bundesgesetz der Vereinigten Staaten gegen 
die Nahrungsmittel-Verfälschung. 

Von 

Dr. Ernst Schultz« in Hamburg-Grossborstel. 


Die Vereinigten Staaten gelten, nicht ganz mit Unrecht, 
vielfach als das klassische Land der Nahrungsmittel- 
verfälschuug. Wer Nordamerika besucht hat, erinnert sich des 
faden Geschmackes und der Zähigkeit des Brotes, das man, dort zu 
essen verdammt ist; er denkt mit wenig Vergnügen an den eigen¬ 
artigen Geschmack vieler amerikanischer Biersorten zurück; und er 
erinnert sich, dass die Zigaretten einen merkwürdigen Neben¬ 
geschmack aufweisen, der wohl von der Versetzung des Zigaretten¬ 
tabakes mit Opium berrübren muss. Ein amtlicher Bericht, den 
Mr. Paul Pierce über die Abteilung für Nahrungsmittel-Hygiene auf 
der Weltausstellung von St. Louis erstattete, wies auf die schreck¬ 
liche Tatsache hin, dass in den Vereinigten Staaten jährlich 
350000 Kinder an Krankheiten sterben, die unmittelbar oder mittel¬ 
bar von der Nahrungsmittelverfälschung herrühren. Insbesondere 
wird Borax von Milch- und Fleisch händlern, von Fischhandlungen, 
Konservenfabriken usw. in grösstem Massstabe verwendet, weil es 
ja Nahrungsmittel vorzüglich konserviert; dass es daneben die 
Eigenschaft hat, die Gesundheit auch des stärksten Mannes zu 
untergraben, wenn er täglich mehr als 3 Gramm Borax zu sich 
nimmt, ist eine Tatsache, die den Nahrungsmittelverfälschern in den 
Vereinigten Staaten keine Kopfschmerzen macht. Ebenso setzen 
die Bäcker dort dem Mehle z. B. Talkum, Ammoniak und Stärke 
zu, wodurch es seinen für europäische Gaumen wenig angenehmen 
Geschmack erhält. Wenn es noch warm ist, strömt es infolgedessen 
auch einen eigenartigen Geruch aus, der dem Chemiker sofort sagt, 
dass etwas nicht ganz in Ordnung ist. Die Obstverkäufer in Nord¬ 
amerika verwenden vielleicht in noch grösserer Menge als in anderen 
Ländern Kupfervitriol, um ihren Früchten und Salatköpfen ein 
frischeres Aussehen zu geben. Die amerikanischen Brauereien 
verwenden sämtlich Salizylsäure, manche noch andere unangenehme 


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Stoffe; insbesondere sollen sieb Arsenik und Holzgeist, also zwei 
starke Gifte, vielfach in den-Getränken finden, Für die Herstellung 
von Süseigkeiten benutzt man reebt häufig Anilin. Die Folge ist, 
dass sowohl das konsumierende Publikum wie auch die Arbeiter, 
die mit diesen Giftstoffen in den Nahrungsmittel-Betrieben zu tun 
haben, zahlreiche Opfer an Leben oder mindestens an Gesundheit 
bringen müssen. Insbesondere di» Kindersterblichkeit hat dureh 
die VerfiUeefang der Nahrungsmittel einen furchtbaren Dmfang 
angenommen. loh sehe dabei von der Verwässerung der Milcb und 
den verderblichen Folgen, die dadurch entstehen, noch ganz ab. 

Nun ist endlich all diesen Schäden gegenüber ein Erwachen 
der öffentlichen Meinung in den Vereinigten Staaten zu beob¬ 
achten, das eine ganz erhebliche Besserang erzielt hat. Die Sanitäts¬ 
gesetze vieler Einzelstaaten sind verschärft worden. Die Bewegung 
für die Versorgung der Städte mit reiner Milch hat einen grossen 
Umfang angenommen (s. meinen Aufsatz „Die Bewegung für reine 
Milch in den Vereinigten Staaten im Archiv für Volkswohlfahrt, 
1. Jahrgang Heft 8, Mai 1908). Und vor drei Jahren hat sogar die 
Union selbst ein Nahrangsmittelgesetz erlassen. 

Dieses Gesetz ist bekannt unter dem Namen „Pure Food Law“, 
obwohl der eigentliche Name lautet „Food and Drngs Act“. Es 
wurde am 30. Juni 1906 erlassen and hat in die Nahrungsmittel¬ 
industrie in seharfer, für die Konsumenten sehr günstiger Weise 
eingegriffen, ln Deutschland ist es verhältnismässig wenig beachtet 
worden — wohl weil es zeitlich ziemlich mit dem Erlass des 
Fleischgesetzes zusammenfiel, das durch die fürchterlichen Zustände 
veranlasst war, die in „Packing Town“ (dem Stadtteil Chicagos, 
der die grossen Schweineschlächtereien nnd Fleischpackereien enthält) 
anfgedeckt worden waren. Auch in Deutschland hat ja der (aller 
literarischen Eigenschaften entbehrende) Roman Upton Sinclairs 
„Der Sumpf“ das grösste Aufsehen erregt. Eben dieses Aufsehen 
hat aber dazn geführt, dass man sich nur für das Fleiscbgesetz 
interessierte, das infolge der damals in Chicago geführten Unter¬ 
suchungen im amerikanischen Kongress eingebracht wurde, während 
man das allgemeine Nahnmgsmittelgesetz, die Pure Food Law, 
kaum beachtete. Dennoch ist dieses bei weitem das wichtigere. 

Es batte dem Kongress schon in zwei Sessionen Vorgelegen 
and war beide Male vom Abgeordnetenbaas angenommen, vom Senat 
aber verworfen worden. Die öffentliche Meinung war, wie dies in 
solchen Fällen leicht zu geschehen pflegt, dadurch aufgeregt 
worden nnd forderte dringend einen Eingriff der Union in die 
Nabrungsmittelverfälscbnng. Darauf entschloss sieb dann endlich 
der Senat, selbständig vorzugehen, obwohl doch gerade er bis 
dahin den Hemmschuh gebildet batte. Er nahm nnn die sogenannte 


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„Ileyburn Pure Food Bill“ an, die nun aber vier Monate lang im 
Ausschuss des Abgeordnetenhauses liegen blieb. Erst die plötzlich 
entstehende und sehr scharfe Formen annebmende Agitation gegen 
die — höflich ausgedruckt — Unreinlichkeiten des Fleischpacker¬ 
betriebes führte dann dazu, dass nicht nur das Fleiscbgesetz schnell 
von beiden Häusern des Parlamentes beschlossen wurde, sondern 
dass man nun auch mit überwältigender Mehrheit das Nahrungs¬ 
mittelgesetz annabm, das am 30. Juni 1906 im Abgeordnetenhanse 
240 Stimmen gegen 17 erzielte und damit, da sich der Senat 
bereits dafür erklärt hatte, Gesetzeskraft erhielt. 

Das Gesetz ist nunmehr drei Jahre in Kraft gewesen, so dass sich 
über seine Wirksamkeit einiges sagen lässt. Dass es überhaupt 
angenommen worden ist, wurde seinerzeit als ein kleines 
Wunder betrachtet. Denn obwohl fast jedes vernünftige Gesetz,, 
wenn es irgendwelche entgegenstehenden Interessen verletzt, — und 
seien es auch (wie z. B. bei dem Gesetz gegen die Landunterschleife) 
die notorischer Schufte — in den Vereinigten Staaten doch seine 
Gegner findet, so war die Gegnerschaft bei dem Gesetz gegen die 
Nahrungsmittelverfälschung ursprünglich ganz besonders Bcharf. Es 
wurde eine regelrechte „Lobby“ gebildet, d. h. eine ganze Gruppe 
von Leuten, die das Zustandekommen des Gesetzes zu verhindern 
suchten, indem sie in den Wandelgängen der beiden Häuser des 
Parlamentes alle erlaubten und unerlaubten Mittel anwendeten, um 
es zu Fall zu bringen. Hinter der Lobby standen gewichtige Geld¬ 
interessen: alle die Tausende kleiner und grosser Firmen, die sieb 
mit der Herstellung von „Patentmedizinen“ befassten (in denen, 
fast immer Alkohol, Morphium, Cocain oder andere Stoffe enthalten 
sind, die der Käufer nicht darin voraussetzt), all die vielen Ge¬ 
schäftsleute, die ein Interesse daran hatten, die Nahrungsmittel- 
Verfälschung ruhig weiter betreiben zu können, waren natürlich 
erbitterte Feinde des Gesetzentwurfes. Die Summen, die aus¬ 
gegeben wurden, um ihn zum Scheitern zu bringen, sind nicht klein 
gewesen. Auch die Presse wurde mobil gemacht, um gegen den 
Entwurf zu wettern: sprach doch das Haupt einer grossen Organi¬ 
sation zur Herstellung vou Patentmedizinen offen aus, was glück¬ 
licherweise übertrieben war, dass seine Körperschaft drei Viertel 
aller Zeitungen der ganzen Vereinigten Staaten in der Tasche habe, 
weil ein grosser Teil der Tagespresse Bankerott machen würde, 
wenn ihm die Einnahmen aus den Annoncen für die Patentmedizinen 
entzogen würden. 

Und wirklich schien es eine Zeitlang, als ob die Lobby ge¬ 
wonnenes Spiel hätte. Denn der Ausschuss des Abgeordneten¬ 
hauses, dem die Vorberatung des Gesetzentwurfes überwiesen war, 
liess sich bereit finden, die Bestimmung aufzunehmen, dass ein 


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Präparat Alkohol in geringer Menge enthalten dürfe, die genügte, 
den Inhalt des Präparates. dauernd in Auflösung zu erhalten,, ohne 
dass es in diesem Falle nötig sein sollte, die wirkliche Menge 
des Alkohols auf dem Etikett anzugeben. Ebenso sollte es erlaubt 
sein, dass das Präparat zwei Grains Opium oder 1 j l Grain Morphium 
auf die Unze enthalten dürfe, ohne dass es auf dem Etikett an¬ 
gegeben würde. 

Wäre diese Klausel angenommen worden, so würde die Folge 
gewesen sein, dass alles beim alten geblieben wäre. Denn jeder 
Verfertiger einer sogenannten Patentmedizin hätte sich auf diese 
Klausel berufen können, um den Gehalt seiner Mixturen an Alkohol, 
Opium, Morphium oder Cocain zu rechtfertigen. Die Mutter, die 
eine solche Medizin kaufte, um ihre Kinder davon einnehmen zu 
lassen, würde also nach wie vor nicht gewusst haben, dass die 
Flasche einen Stoff enthielt, der für das Leben ihrer Kinder direkt 
gefährlich werden, ja, der sie unter Umständen töten konnte. Es 
war deshalb ein Segen, dass es der Lobby nicht gelang, gegen¬ 
über dem Sturme der öffentlichen Meinung, der sich nach Bekannt¬ 
werden der Zustände in den Fleischpackereien Chicagos erhob, ihre 
schmutzige Absicht durchzusetzen. In diesem Falle hat sich wieder 
einmal in glänzendster Weise gezeigt, dass ein bestimmter Reform¬ 
wille des grösseren Teiles der Bevölkerung sich in den Vereinigten 
Staaten nicht durch Winkelzüge noch, so mächtiger Interessenten 
oder durch den mangelnden guten Willen bestimmter politischer 
Gruppen hemmen lässt, sondern dass die öffentliche Meinung, sobald 
sie sich einmal zu voller Klarheit durchgerungen hat und von der 
Notwendigkeit einer Reform fest überzeugt ist, auch die Mittel zu 
finden weiss, ihren Willen in ganz kurzer Zeit durcbzusetzen. Die 
Amerikaner betrachten dies als einen Vorzug ihreF demokratischen 
Staatsform und meinen, dass Ähnliches sich in den monarchisch 
regierten Stauten Europas njcht mit gleicher Schnelligkeit abspielen 
würde. 

Das angenommene Gesetz war daher das schärfste, das 1906 
überhaupt erreicht werden konnte. Es schreibt vor, dass auf dem 
Etikett eines jeden Präparates, das Alkohol in irgendwelcher Form 
oder Menge enthält, dies ausdrücklich angegeben werden muss. 
Es schreibt ferner ganz im allgemeinen vor, dass die An¬ 
kündigungen auf den Etiketten genau dem Inhalte ent¬ 
sprechen müssen. Ankündigungeu, die für den Einzelfall nicht 
genau das Richtige, besagen, sind nicht , mehr, zulässig. Wenn z. B. 
Syrup aus Ahornzuqker und Rohrzucker zusammengesetzt ist, so 
darf er-nicht mehr als A bornzucker angegeben werden», ; sondern 
muss die Bezeichnung „Ahorn-und Rohrzucker-Syrup“ tragen, falls 
der Prozentsatz des Ahornzuckers mehr als 50 r °/ 0 beträgt; im um? 


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gekehrten Falle muss es heissen „Kohr- mtd Ahornzucker-*8 yrop “. 
Ist aneh anderer Sy rop darin enthalten, so muss aach dies aof dem 
Etikett vermerkt sein. 

Nahrungsmittel, die einen geographischen Namen tragen, 
dürfen diesen nnr beibehalten, wenn er wirk Heb den Tatsachen 
entspricht. Javakaffee t, B. mnss wirklich ans Java eingeführt 
sein, Brasilianischer Kaffee wirklich ans Brasilien kommen, Maine- 
Mais mnss wirklich im Staate Maine gewachsen sein. Für den 
Betrieb der Kaffeeröstereien ist eine andere Bestimmung des Ge¬ 
seires ebenfalls von Wichtigkeit. Viele Röstereien setzen nach der 
Vollendung des Röstprozesses, der stets mit einem gewissen Ge¬ 
wichts verloste verbunden ist, einige harmlose Ingredienzien bu: 
Zitronensaft, Gelatine, doppelkohlensanres Natron, flax seed (Flaehs- 
samen), li me water (Kalkwasser). Der gerostete Kaffee, der mit 
diesen Stoffen versetzt ist, mnss in Zdknnft aof dem Etikett die 
Aufzählung dieser Zusätze aufweisen. Ebenso rnoBs für alle anderen 
Nahrungsmittel, die mit irgendwelchen Stoffen vermengt, versetzt 
oder gefärbt werden, genan angegeben werden, welche Stoffe dies 
sind. So mnss z. B. auch bei Reis, der mit Traubenzucker and 
Talk geschönt ist) dies ausdrücklich vermerkt werden. Wenn bei 
der Herstellung von Schokoladentafeln anstatt Kakaobutter nur 
Kakaoöl (cocoannt oil) verwendet wird, so -darf das Produkt nicht 
als Schokolade bezeichnet werden, da es ja nnr eine Nachahmung 
von Sehokolade ist. Ähnlich müssen alle anderen Substitute als 
„künstliche“ Vanille nsw. bezeichnet werden. 

Diese Bestimmungen haben eine tiefgreifende Umwälzung 
des Nahrungsmittelgewerhes bervorgebraebt. Man hat be¬ 
rechnet, dass fQr nicht weniger als eine Million Mark unbrauchbar 
gewordene Etiketten vernichtet werden mussten, weil das Ministerium 
für Landwirtschaft (Department of AgricuHure), dem die Durch¬ 
führung des Gesetzes übertragen ist, ankflndigte, dass naeh dem 
1. Oktober 1907 (also b j t Jahre nach Annahme des Gesetzes) nnr 
noch Etiketten gebraucht werden dürften, die den Vorschriften de» 
Gesetzes entsprächen. Früher begnügte man sich eben absichtlich 
oder unabsichtlich mit ungenauen Bezeichnungen, während jetzt auf 
den Etiketten ganz genan angegeben werden muss, woraus der 
Inhalt des Paketes oder der Flasche oder der Büchse besteht. 

Um die Wirksamkeit des Gesetzes zu beurteilen, wäre zu¬ 
nächst die Frage zu entscheiden, ob das Publikum die Etiketten 
liest oder nicht. Diese Frage wird selbstverständlich verschieden 
beantwortet. Eine einheitliche Antwort wird sich überhaupt kaum 
geben lassen, da das vielbunderttansendköptige Publikum eben ein 
gar zusammengesetztes Ding ist. Es enthält Dummköpfe and Schku- 
köpfe, Nachlässige und Sorgliche, Gleichgültige und Aufmerksame. 


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Dem einen ist es gleichgültig, was in seinem Gelee oder in seinem 
Wein enthalten ist, der andere wünscht genau zn wissen, was er 
zmn Monde führt. Im allgemeinen scheint aber wirklich auch eine 
Erziehung des Publikums zu grösserer Sorgsamkeit stattgefunden zu 
haben. Insbesondere für Väter und Mütter ist es von grösster Be¬ 
deutung, dass sie nun wenigstens hoffen können, dass der Inhalt 
der Medizinen, die sie für ihre Kinder kaufen, wirklich der ist, den 
das Etikett angibt, und dass sie nicht Chloroform, Cocain, Morphium 
uaw. enthalten, ohne dass dies aus der Aufschrift ersichtlich ist. 

Das Gesetz bestimmt auch, dass nur sieben verschiedene Farben, 
die aus Teer hergestellt werden, für das Färben von Nabrungs¬ 
mitteln verwendet werden dürfen, und auch diese nur, wenn streng 
dafür garantiert wird, dass sie nicht giftig sind. Auch im übrigen 
ist der Bestandteil an giftigen Substanzen nach oben hin scharf 
begrenzt worden. So darf z. B. unterschweflige Säure in Weinen 
nicht stärker enthalten sein als 350 Milligramm auf den Liter; 
feste Nahrungsmittel dürfen nicht mehr als 350 Milligramm auf das 
Kilogramm enthalten. Dass unterschweflige Säure früher ganz 
erheblich stärker vorkam, zeigte eine Untersuchung des Laad- 
wirtschaftsministeriums: in getrockneten Aprikosen waren auf das 
Kilogramm bis zu 2842 Milligramm — also achtmal mehr als das 
jetzt ertaubte Höchstmass! — dieser Säure enthalten. 

Eine wohltätige Folge des Gesetzes ist auch, dass sich das 
grosse Publikum überhaupt mehr um die Zusammensetzung seiner 
Nahrungsmittel kümmert. Vielfach waren die allerungenauesten 
Vorstellungen darüber verbreitet. Noch jetzt soll es Vorkommen, 
dass Traubenzucker und Leim ohne weiteres verwechselt werden. 
Dies ist zum Teil wohl auf die Ähnlichkeit der englischen Worte 
„glucose“ (Traubenzucker) und „glue“ (Leim) zurückzuführen; dass 
diese Verwechselung arge Folgen nach sich ziehen kann, bedarf 
keiner Erwähnung. 

Die Gegner des Gesetzes hatten behauptet, dass es eine Ver- 
teaerungder Nahrungsmittel im Gefolge haben werde. Wirklich 
sind die Preise der Nahrungsmittel gestiegen. Aber die Preis¬ 
erhöhung ist hauptsächlich auf die allgemeine Steigerung der 
Kosten aller Lebensbedürfnisse, auf die Erhöhung der Arbeitslöhne, 
der Preise für Wohnung, Kleidung usw. zurückzuführen. Dass 
übrigens zur Herstellung reiner Nahrungsmittel mehr Geld wird 
aufgewendet werden müssen als zur Herstellung unreiner, ist ja 
selbstverständlich. Dennoch wird das Publikum sich weit besser 
stehen, wenn es jährlich ein paar Mark mehr ausgibt, dafür aber 
sicher ist, reine Ware zu erhalten. Dies gilt in besonderem Masse 
von der Steigerung des Milchpreises. Reine Milch ist natürlich 
teurer als verwässerte, und wenn den Kühen besondere Pflege 


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zuteil wird, wenn alle tuberkulösen Rinder ausgeschaltet werden, 
wenn für die Fütterung, die Streu, die Stallung der Kühe bessere 
Einrichtungen gefordert und durcbgeführt werden, so ist eine Preis¬ 
steigerung die unvermeidliche Folge. Aber dadurch vermindern 
sich nun auch wieder die Kinderkrankheiten. Selbst wenn man also 
von menschlichen Gründen ganz absehen will — man hat sich ja 
leider in unserer Zeit stark daran gewöhnt, dies zu tun und alles 
nur nach den in barer Münze anszudrückenden Werten zu berechnen — 
so ergibt sich doch wohl auf die Dauer keine Mehrbelastung des 
einzelnen Haushaltes, sondern eher eine Ersparnis. 

Die wohltätigen Folgen des Gesetzes werden von fast 
allen Gesundheitsbehörden der Einzelstaaten gerühmt. Nicht ein 
einziger Fall schädlicher Einwirkung wird berichtet: d. h. die 
Nahrungsmittel-Industrie hat darunter nicht gelitten, wenn auch 
eine grosse Anzahl verfälschter oder unreiner Nahrungsmittel, die 
früher viel verkauft wurden, heute kaum noch Abnehmer finden. 
Die Nahrungsmittel-Industrie hat es eben in der Hand, von der Ver¬ 
fertigung des Unreinen und Schlechten zur Herstellung deB Reinen 
und Guten überzugehen. Die hygienischen Folgen des Gesetzes 
aber und die dadurch angeregte Aufmerksamkeit des Publikums 
werden von vielen Gesundheits-Behörden ausdrücklich gerühmt. 

Nur zwei Gesundheits-Ämter sprechen sich etwas kalt ans: 
diejenigen der Staaten Massachusetts.und New York. Ersteres 
meint, dass das Gesetz in Massachusetts selbst keine irgendwie 
merkbaren Folgen nach sich gezogen habe. Aber damit ist wohl 
eine Kritik des Gesetzes nicht beabsichtigt, vielmehr soll damit nur 
festgestellt werden, dass man im Staate Massachusetts auch ohne 
das bereits so vortreffliche Nabrungsmittel-Verordnüngen gehabt 
habe, dass durch das Bundesgesetz ein Fortschritt auf dem besonderen 
Boden dieses Staates nicht erzielt worden sei. Betrachtet er sich 
doch — nicht mit Unrecht — in sozialpolitischer und kultureller 
Hinsicht überhaupt als einen Musterstaat der nordamerikanischen 
Union. — Die zweite skeptische Ansicht ist von dem Gesundheits¬ 
amt des Staates New York ausgesprochen worden. Dieses ist der 
Ansicht, dass die Nahrungsmittel, die in den Staat New York ein¬ 
geführt werden, nun mit grösserer Wahrscheinlichkeit das enthalten, 
was auf dem Etikett angegeben sei. In diesem Urteile ist also die 
Ansicht ausgesprochen, dass früher die Aufschrift den Inhalt durch¬ 
aus nicht deckte — dass man aber auch beute so ganz sicher 
darüber noch nicht sein könne. 

> Diese Ansicht wird zu Recht bestehen. Denn bei Erlass des 
Gesetzes hat man eine kleine Unklugheit begangen, indem man 
für die Etiketten die Anführung der Worte vorschrieb: „Garan¬ 
tiert unter dem Nahrungsmittel-Gesetz vorn 30; Juni 1906 


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(guaranteed ander the Pure Food Bill Jane 30. 1906).“ Dadurch 
ist das Missverständnis entstanden, dass die Reinheit der Nahrungs-; 
mittel bzw.. die Übereinstimmung des Inhaltes mit den Angaben 
der Etiketten von der Unionsregierung gewährleistet sei* Diese 
kann aber selbstverständlich nicht daran denken, jedes einzelne Er-, 
zeugnis der Nahrungsmittel-Industrie auf seine Reinheit und auf 
diese Übereinstimmung zu prüfen. Gemeint war vom Gesetzgeber 
natürlich, dass der Hersteller die Garantie zu leisten habe Das 
geschilderte Missverständnis wird von unsoliden Engros-Firmen aus¬ 
genutzt, ebenso auch im Einzelverkauf, wo mancher Ladeninbahev 
sich auf die entsprechende Frage absichtlich undeutlich ausdrückt, 
so dass in einem Teil des Publikums trotz aller Gegenerklärungen 
des Landwirtschafts-Ministeriums noch beute die Ansicht besteht, 
die Regierung gewährleiste die Reinheit der Nahrungsmittel. 

: Dieses Missverständnis wird noch verstärkt durch eine Be¬ 
stimmung des Landwirtschafts-Ministeriums, die eine wohlgemeinte 
Erleichterung der Durchführung des Gesetzes bedeuten sollte. Dev 
Verkäufer, der die Reinheit der gelieferten Nahrungsmittel natürlich 
ebenfalls in den allermeisten Fällen nicht zu untersuchen, vermag* 
ist nach dem Wortlaut des Gesetzes für jedes von ihm verkaufte 
unreine Nahrungsmittel verantwortlich, falls er nicht einen Ga¬ 
rantieschein der Firma vorweisen kann, von der die Nahrungs¬ 
mittel stammen. Da es aber undenkbar wäre, solche Scheine für 
jeden einzelnen Fall auszustellen, ist den Nahrungsmittel-Fabriken 
vom Landwirtschafts-Ministerium gestattet worden, einen allgemein 
gehaltenen Garantieschein an ihre Kunden auszugeben, der die 
Reinheit der gelieferten Nahrungsmittel ein für allemal verbürgt. 
Um nun die Identifizierung dieser allgemeinen Garantiescheine zu 
erleichtern,. hat das Landwirtschafts-Ministerium Nummern dafür 
ausgeschrieben; eine doch wohl ziemlich unnötige und, wie sich 
jetzt herausstellt, nicht ganz unbedenkliche Massregel. Denn die 
Garantienummern werden nun -von den einzelnen Nahrungsmittel¬ 
fabriken .nicht nur in der mündlichen Empfehlung ihrer Agenten, 
sondern ohne alle Scheu auch in gedruckten Annoncen als Beweis 
dafür angeführt, dass die Reinheit ihrer Nahrungsmittel von der 
Unionsregierung gewährleistet sei. Für amerikanische Verhältnisse 
kennzeichnend ist der Gegenzug, den darauf das Landwirtschafts- 
Ministerium tat. In Deutschland hätte das betreffende Reichsamt, 
eine kategorische Erklärung erlassen, dass die unberechtigte Be¬ 
rufung auf eine von der Regierung nicht geleistete Garantie bestraft 
oder vor Gericht gezogen werden würde. Das amerikanische Land¬ 
wirtschafts-Ministerium begnügte sich mit der Erklärung; „Solche. 
Annoncen dürfen nicht mehr aufgegeben werden, oder wir werden 
seihst ein paar Annoncen zur ; Aufklärung des Publikums erlassen.“. 


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Die ärgste Lttcke des Gesetzes ist aber die, dass es sich 
ausschliesslich auf solche Nahrungsmittel beschränkt, 
die von einem Staate der Union in den anderen ei*- 
geführt werden. Wenn also z. B. eine Nahrungsmittelfabrik kn 
Staate New York an Kunden im Staate Connecticut oder im Staate 
Massachusetts oder im Staate Pennsylvania liefert, dann gelten für 
die gelieferten Waren die Bestimmungen der Pure Food Law. 
Wenn die Erzeugnisse derselben Firma aber im Staate New York 
selbst verkauft werden, so sind die Bestimmungen des Gesetzes 
nicht darauf anwendbar. Sie unterliegen dann vielmehr nur den 
Nahrungsmittel-Gesetzen des Staates New York selbst. Dadurch ist 
ein für deutsche Begriffe recht unklarer und unpraktischer Zustand 
geschaffen worden, der uns an die Zeiten vor Begründung des 
Deutschen Zollvereins erinnert. Nicht nur, dass eine und dieselbe 
Ware im Gebiete der Vereinigten Staaten nun zwei verschiedenen, 
voneinander abweichenden gesetzlichen Bestimmungen unterliegt, 
je nachdem sie in dem Staate der Erzeugung verkauft wird oder 
in einem der anderen Einzelstaaten — ein Zustand, der unter Um¬ 
ständen arge Verwirrung hervorrufen muss *— die Durchführung 
der Pure Food Law ist dadurch auch ausserordentlich 
erschwert. Man denke etwa an die Fälle, in denen eine Stadt 
wie etwa Kansas City durch die praktisch sein sollenden gerad¬ 
linigen amerikanischen Grenzen zwei verschiedenen Staaten angehört. 
Da die Grenzen sich nicht der natürlichen Bodenform, in dem eben 
gewählten Beispiel also dem Laufe des Mississippi, anscbliessen, 
sondern mit dem Lineal gezogen sind nnd den Fluss mehrere Male 
dnrehsefaneiden, so liegen Teile der beiden gleichnamigen Städte 
anf beiden Flnssufern; man muss sich als Fremder, wenn man sich 
dafür interessiert, in jedem einzelnen Falle erst vergewissern, oh 
man sich gerade im Staate Kansas oder im Staate Missouri befindet. 
Es könnte also in bestimmten Strassen ein Nahrungsmittel erzeugt 
werden, das auf ihrer einen Seite• ruhig verkauft werden, zehn 
Schritte weiter aber, anf der anderen Strassenseite, nicht feil¬ 
gehalten werden darf, weil es den Bestimmungen der Pure Food 
Law nicht genügt. 

Dass diese Unklarheit überaus verderblich ist, bedarf keiner 
weiteren Beweise. Sie ist dadurch entstanden, dass man sich nach 
amerikanischer Gewohnheit sorgfältig davor hüten wollte, von Bun¬ 
des wegen in die Rechte der Einzelstaaten einzugreifen. Dean 
die Union bat nach der Verfassung nnr das Rechte für Heer and 
Flotte, für auswärtige diplomatische Vertretung usw. zu sorgen und 
die äusseren Zölle festzusetzen sowie zu verhindern, dass zwischen 
den Einzelstaaten der Union Binnenzölle erhoben werden. Alles 
aber, was nicht in der Verfassung ausdrücklich der Union vor* 


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behalten ist, muss nach amerikanischem Gewohnheitsrecht den Einzel¬ 
staaten überlassen bleiben. Man findet daher für alle Angelegen¬ 
heiten des bürgerlichen und geschäftlichen Lebens in den 46 Einze/1- 
staaten and 6 Territorien die allerverschiedensten Besümmongen. Was 
dies für gewisse Fragen des bürgerlichen Leben« bedeutet, Hesse 
Sieh nach der humoristischen wie nach der ernsten Seite bin leicht 
zeigen. Man denke nur einmal an die furchtbare Verwirrung, die 
darob die Verschiedenheit der Ehescheidangsgesetze hervor gerufen 
werden muss und tatsächlich in weitestem Umfange veranlasst wor¬ 
den ist *). Oder man versetze sich in die Lage eines Kaufmannes, 
der Wechsel aus anderen Staaten der Union akzeptiert, nnd der 
genau mit den Bestimmungen der 46 Eineeistaaten nnd der 6 Terri¬ 
torien vertrant sein mnss! Eigentlich müsste er stets einen Rechts¬ 
anwalt als Begleiter bei sich haben, um über die Unzabl 4er sieb 
ergebenden Rechtsfragen Bescheid za wissen. Man sollte es bei 
einem so praktischen Volke wie den Nordamerikanern kaum für 
möglich halten, dass sie den Mangel eines bürgerlichen Ge¬ 
setzbuches trotz alledem noch nicht so scharf empfinden, dass 
nun auch der Wille entstände, trotz der bisherigen abweichenden 
Ansichten nnd trotz der abgöttischen Verehrung, die man der für 
heilig gehaltenen Verfassung der Union entgegenbringt, den Bedürf¬ 
nissen der Gegenwart entsprechend ein allgemeines bürgerliches 
Gesetzbuch zu schaffen. 

Dieselbe Zersplitterung wie auf dem Gebiete des bürger- 
iiehen Rechtes besteht nun auch auf dem Gebiete des öffentlichen 
Gesundheitswesens. Jeder Einzelstaat für sich ist darin souverän. 
Die Unionsregierung darf ihm für das, was innerhalb seiner Grenzen 
vorgebt, auch in dieser Bezieh nag keine Vorschriften machen. Man 
denke, welche Herkulesarbeit nun nötig wird, sobald eine bestimmte 
Frage des Öffentlichen Lebens auf taucht, die für das gauze Land 
auf dem Wege der Gesetzgebung gelöst werden soll! Es genügt 
dann nicht, Agitation nur bei den beiden Häusern des Parlamentes 
m Washington zu treiben, sondern die Senate und Abgeordneten¬ 
häuser sämtlicher Einzelstaaten müssen einzeln für sich bearbeitet 
werden! Auch Bach Erlass der Pure Food Law vom 30. Juni 1906 
hat sieh dies iu störender Weise gezeigt. Das Gesetz forderte 
direkt zu einem Fortschritt der Nahrungsmittel-Gesetzgebung der 
Einzelstaaten heraus. Im ersten Jahre nach Erlass des Gesetzes 
sind infolgedessen neue Nahrungsmittel-Gesetze oder mehr oder 
weniger durchgreifende Nachträge zu den alten iu nicht weniger 
ah 32 Einzelstaaten erlassen worden! 

1) Siehe darüber meinen Aufsatz „Die Ehescheidungsfrage in den 
Vereinigten Staaten“ in der „Zeitschrift für Sozialwissenschaft“ 11. Band 
4 Heft, 1908. 


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Ob von einer wirklichen Durchführung der Pure Food 
Law gesprochen werden kann, muss wohl dahingestellt bleiben. 
Wir wollen dabei die.Frage ganz ausscbalten, .wie weit die poli¬ 
tische Korruption, die so manches Gesetz in den Vereinigten Staaten 
unwirksam gemacht bat, weil entgegenstehende Interessen seine 
Nichtanwendung oder seine Umgebung durchzusetzen wussten, auch 
in diesem Falle dem Gesetze die Beine gebrochen bat; es gibt 
genug andere hochwichtige Gesetze, die heute; auf Krlicken daher¬ 
gehen. Nehmen wir zunächst, einmal an, dass dies nicht der Fall 
sei, sondern dass wirklich allenthalben der beste Wille zur Durch¬ 
führung. des Gesetzes bestehe. Lässt es sich, aher überhaupt 
durchführen?, Offenbar nein. Denn man kann doch die Ein¬ 
fuhrbestimmter Waren nur dann unmöglich zn machen suchen, wenn 
die. Grenzen überwacht werden. Und welche Schwierigkeiten, sich 
selbst noch auf einer mit äusserster Schärfe überwachten Grenze 
gegen den Sobmuggel aller Art ergeben, davon wissen die Zoll? 
beamten aller Länder ein Lied zu singen. ; Man kann sich keine 
schärfer überwachte Grenze denken als die italienische Grenze naoh 
der Schweiz hin. Und doch wird hier fürchterlich gescbmnggelt, 
so dass es ein öffentliches Geheimnis ist, dass ganze Dörfer an. der 
Grenze nur vom Schmuggel leben. — Zwischen den einzelnen Staaten 
der Union gibt es aber eine Zollgrenze nicht.. Irgendeine Über¬ 
wachung der vom einen Staate in den anderen eingeführten Waren 
ist daher völlig ausgeschlossen. Bleibt also nur die Möglichkeit 
übrig, solche Nahrungsmittel zu beschlagnahmen, die ohne die vor? 
geschriebenen Etiketten verkauft werden, falls man wirklich weiss 
und nachweisen kann, dass sie aus dem anderen Staate stammen. 
Wer will das aber mit Sicherheit feststellen? Es wäre eine Sisyphus¬ 
arbeit, dies auch nur zu versuchen,.und man wird es schön bleiben 
lassen. Der Zweifel, der aus dem Urteil des Gesundheitsamtes des 
Staates New York über die Wirksamkeit der Pure Food Law heraus? 
klingt, ist; also vollauf berechtigt. 

Aber man kann wohl beute ein begründetes Urteil über ihre 
Wirksamkeit noch nicht abgeben. Dass auf alle Fälle eine ganze 
Anzahl guter Folgen sich ergeben haben, ist über jeden.Zweifel 
erhaben. Eine Zunahme der ■ Reinlichkeit, und der Reinheit der 
Nahrungsmittel wird allseitig . festgestellt und zum grossen Teil 
diesem Gesetze zugeschrieben. . Die Erziehung des Publikums zum 
Nachdenken Uber die Reinheit der von ihm gekauften Nahrungs? 
mittel und zur Aufmerksamkeit darauf ist ebenfalls ein ganz unge? 
beurer Vorteil. Auch macht sich beute, bereits eine Agitation 
für weitere Verbesserung der Nabrungsmittel-Gesetze der Einzel¬ 
staaten sowie des Unionsgesetzes selbst (der Pure Food Law) be¬ 
merkbar. 


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Diese Agitation wird unmöglich dabei stehen bleiben können, 
den „zwischenstaatlichen Handel“ (Interstate Commerce) mit Nah¬ 
rungsmitteln unter schärfere Bestimmungen zu stellen. Man wird 
auch auf diesem Gebiete einsehen, wie man dies auf dem Gebiete 
des Eisenbahnwesens bereits mit Schmerzen erkannt hat, dass es 
aber die Massen unpraktisch ist, die Rechte der Bundesregierung 
nur auf die Überwachung solcher Unternehmungen zu beschränken, 
die von einem Einzelstaate in einen anderen tibergreifen. Denn 
längst sind natürlich von unehrlichen Geschäftsleuten Mittel gefun¬ 
den worden, solche Gesetze zu umgehen und der Regierung ein 
Schnippchen zu schlagen. Es ist sinnlos, der Unionsregierung das 
Recht zuzugestehen, eine bestimmte Frage z. B. des Gesundheits¬ 
wesens etwa für den Staat New York zu regeln, wenn es sich um 
die Einfuhr von Nahrungsmitteln aus dem Staate New Jersey oder 
aus anderen Staaten handelt, im übrigen aber der Regierung die 
Arme zu fesseln. Vernünftige und durchgreifende Nahrungsmittel - 
Gesetze wird man daher in den Vereinigten Staaten nur erhalten, 
wenn man für ihr ganzes Gebiet eine Vereinheitlichung dieser 
Gesetze vornimmt. Für ein einheitliches Zollgebiet können nicht 
wohl Dutzende von Nahrungsmittel-Gesetzen gelten, deren Wirksam¬ 
keit auf einzelne Teile der Gesamtfläche beschränkt bleibt. 

Der nächste Schritt allerdings wird wohl erst der sein, dass 
eine grössere Übereinstimmung zwischen dem Unionsgesetz und 
denen der Einzelstaaten angestrebt wird. Eine solche Vereinheit¬ 
lichung liegt auch im Interesse der Nahrungsmittel-Fabrikanten selbst. 
Man darf gespannt darauf sein, wann dieser nächste Schritt zur 
Vereinheitlichung geschehen und wie weit man zu geben wagen wird. 


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Schularzt und Htllfsschule. 


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Von 

Dr. med. F, Warburg, Köln. 

Vortrag, 

gehalten in der Sitzung der Kölner Schulärzte am 7. Juni 1909 
im Hansasaal des Rathauses in Köln. 


M. H.! Wenn ich bente versuche, in Kürze das Verhältnis 
der Schulärzte zu den Hilfsschulen zu zeichnen, so sind meine 
Ausführungen von dem Wunsche geleitet, dass wir Schulärzte uns 
noch mehr als bisher mit dem Wesen und den Zieleu der Hilfs- 
schulen vertraut machen und auch unsererseits die zielbewussten 
Bestrebungen hervorragender Pädagogen und Ärzte auf diesem Ge* 
biete tatkräftig unterstützen und das noch keineswegs fertige Ge¬ 
bäude der Hilfsschulen mit ausbauen helfen, natürlich soweit wir 
als Ärzte dazu berufen sind. 

Bei der Einrichtung des Schularztsystems hat man, meiner 
Ansicht nach etwas zu ängstlich, vielfach betont, dass der Arzt nur 
Arzt, der Pädagoge nur Pädagoge bleiben soll. Das ist ja ohne 
Zweifel richtig, aber es ist dieser Satz doch cum grano salis auf¬ 
zufassen. Wie für den Pädagogen die Kenntnis der Grundlehren 
der Physiologie und Psychologie notwendige Voraussetzung ist, so 
müssen wir für den Schularzt die Kenntnis pädagogischer Grund¬ 
sätze verlangen. Die Schulärzte rekrutieren sich, und wohl mit 
Recht, aus dem Stande der praktischen Ärzte. Ein grosser Teil 
wenn nicht der grösste Teil der Patienten der praktischen Ärzte 
sind die Kinder. Wollen die praktischen Ärzte ihrer Aufgabe als 
Kinderärzte ganz genügen, so müssen sie hier schon Kenntnis päda¬ 
gogischer Grundsätze haben, damit sie dafür Sorge tragen können, 
dass die von der Erziehung angestrebte Harmonie in der Ent¬ 
wicklung des sich gegenseitig beeinflussenden Körpers, Intellekts 
und Gemüts nicht gestört werde. Diese mehr prophylaktische 
Tätigkeit des Kinderarztes trennt sich scharf von der des Lehrers, 
der den Intellekt und die Ethik seines Zöglings zu einer höheren 


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Entwicklungsstufe zu führen bat (cf. Hippius, Der Kinderarzt als 
Erzieher). 

Wenn also in ihrer täglichen Praxis die praktischen, Ärzte 
einer Kenntnis pädagogischer Grundsätze nicht eiutratea können, 
so noch weniger auf schulärztlichem Gebiete und ganz besonders 
nieht auf. dem Gebiete der Hilfsschulen. „Die Hilfsschule kann 
nicht leicht der ärztlichen Mithilfe entbehren, nur ein medizinisch- 
pädagogisches Vorgeben, kann hier Erfolg haben“, so sebreiht ein 
Lehrer und nicht etwa ein Arzt in dem Handbuch für Schwach¬ 
sinnige von Rosbauer, Miklas & Schiner. Hilfsecbulärztliche Fragen 
bertihren aber die Gesamtheit der Schulärzte und nicht, wie 
man vielleicht denken könnte, etwa nnr den Schularzt, dem die 
Hilfsschulen unterstellt sind- Denn die wichtigste ärztliche Tätig¬ 
keit auf dem Gebiete der Hilfsschulen ist die Teilnahme an der 
Auswahl der Kinder für die Hilfsschule, und diese nicht ernst genug 
zu nehmende Aufgabe trifft alle Schulärzte. 

Wer an einer solchen Auswahl teilnimmt, gleichgültig ob 
Lehrer oder Arzt, muss wissen, welche Kinder in die Hilfsschulen 
gehören. Alle Beteiligten müssen weh aber auch der grossen Ver¬ 
antwortung bewusst sein, welche mit der Einweisung eines Kiudes 
in die Hilfsschule verbunden ist. Eine zu unrecht erfolgte Ein¬ 
schulung kann für das betreffende Kind von oft nieht wieder gut¬ 
zumachendem Schaden sein. 

In die Hilfsschule sollen nicht einfach zurückgebliebene oder 
faule eingewiesen werden, auch nicht moralisch verkommene, sondern 
nur debile Kinder ohne erheblichen ethischen Defekt. 

Was sind nun debile Kinder? Debilität ist die schwächste 
Form des ererbten oder angeborenen oder in den ersten Lebens¬ 
jahren erworbenen Schwachsinns. Die höheren Grade des ange¬ 
borenen Schwachsinns, die mit Imbezillität und Idiotie bezeichnet 
werden, gehören nicht in die Hilfsschule. Die verschiedenen Stufen 
des Schwachsinns kann man nach dem Grade der Aufmerksamkeit, 
der aktiven and passiven, unterscheiden; eine weitverbreitete Ein¬ 
teilung ist die von Ziehen nach einem der hervorstechendsten Symp¬ 
tome, nach dem Intelligenzdefekt; man versteht darunter die 
krankhafte Armut oder den Ausfall von Vorstellungen und assoziativen 
Vorstellungsverknüpfungen. Der Schwachsinn ist eine Psychose 
mit Intelligenzdefekt und daher auch im Gegensatz zu den Psychosen 
ohne Intelligenzdefekt einfach Defektphychose genannt; diese 
charakterisiert sich nach Ziehen dadurch, dass sich bei den Sek¬ 
tionen stets entweder makroskopisch oder mikroskopisch krankhafte 
Veränderungen der Grosshirnrinde nachweisen lassen. Daher auch 
der Name „organische Psychosen“. Die drei Formen des Schwach¬ 
sinns, Idiotie, Imbezillität und Debilität, sind nicht scharf von- 


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einander zu trennen, wife es auch Übergänge zwischen dem debilen 
Kinde einerseits und dem normalbeschränkten oder dem normalen 
moralisch verkommenen oder faulen Kinde andererseits Vorkommen. 
Idiotie und Imbezillität sind an dem Fehlen oder Mangel von indivi¬ 
duellen und Allgemeinvorstellungen, von Farben-, Raum- und Zahlen¬ 
vorstellungen verhältnismässig leicht zu erkennen; bei den Debilen 
sind diese Vorstellungen meist vorhanden. Erst auf dem Gebiete 
der Beziehungsvorstellungen zeigen sich bei den Debilen Defekte. 
Der hauptsächlichste Vorstellungsdefekt bei Debilen liegt auf dem 
Gebiete der sog. komplexen Vorstellungen, die der normale Mensch 
durch die Verknüpfung von zusammengesetzten Allgemeiüvorstellungen 
mit Beziehungsvorstellungen bildet. Der Debile mag wohl z. B. 
über Worte wie Eigentum, Pflicht, Dankbarkeit verfügen, er ver¬ 
bindet damit aber keine adäquaten Vorstellungen. Der Debile 
zeigt ferner eine mehr oder weniger grosse Unbeständigkeit der 
Aufmerksamkeit, während bei den höheren Graden des Schwach¬ 
sinns dieselbe stark geschwächt ist oder sogar ein völliges Unver¬ 
mögen zur Aufmerksamkeit besteht. Die debilen Kinder sind sehr 
komplizierter Affekte fähig, aber alle diese Affekte tragen den 
Stempel des Egoismus. Es ist ferner zu berücksichtigen, dass der 
Debile sehr komplizierter Überlegungen und daher auch sehr kom¬ 
plizierter Handlungen fähig ist. Bei genauerem Nachforschen findet 
man schon in frühester Kindheit Mangel ethischer Begriffe und 
Gefühle. 

Alle Grade des Schwachsinns werden noch nach der apa¬ 
thischen und der erethischen Form unterschieden; die erethischen 
Formen eignen sich am wenigsten für den Unterricht. Wichtig für 
Arzt und Lehrer ist auch die Kenntnis der moralischen Im¬ 
bezillität oder Idiotie; darunter ist ein völliger oder teilweiser 
angeborener moralischer Defekt bei genügender intellektueller 
Anlage zu verstehen, wenn dabei Zeichen einer anderen Psychose 
fehlen. Für das Bestehen eines reinen moralischen Schwachsinns 
als einer Krankheit sui generis häufen sich doch die Beispiele 1 ) 
so, dass man ihre Existenz wohl nicht mehr leugnen kann; ieh 
erinnere Sie an den Knabenmord im Kölner Stadtwald, wo der 
jugendliche Mörder das reine Bild der moralischen Idiotie darbot. 
Vielleicht gelingt es uns, diese Krankheit schon in der Schule zu er¬ 
kennen, und nicht erst dann, wenn ein fürchterliches Verbrechen 
begangen ist. Das Ausfindigmachen eines solchen Schulkindes setzt 
aber genaue Kenntnis des Krankheitsbildes voraus. Natürlieh gehört 
ein Kind mit moralischer Idiotie nicht in die Hilfsschule. 

ln pädagogischen Kreisen werden die Schwachsinnigen auch 


1) Vergl. W. Meyer, Journ. f. Psychologie u. Neurologie, B. 13, 1909. 


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eingeteilt in: 1. Pflegebedürftige, 2. Erziehungsfähige, 3. in Unter- 
richtsfähige. Letztere decken sich im grossen und ganzen mit den 
Debilen, sie gehören also in die Hilfsschulen. 

Wichtig sowohl für die frühzeitige Feststellung des Schwach* 
sinns als auch für die Heilpädagogik ist die Tatsache, dass zu den 
psychischen Symptomen fast in der grössten Mehrzahl der Fälle 
sich körperliche Symptome hinzugesellen. Allgemeine körper¬ 
liche Entwicklungshemmung findet sich sehr oft bei dem schwach¬ 
sinnigen Kinde, wenn auch hier und da eine die Norm überschreitende 
körperliche Entwicklung vorhanden sein kann. Neben allgemeiner 
körperlicher Schwäche finden wir bei den schwachsinnigen Kindern 
lokale Entwicklnngsstörnngen an Schädel, Zähnen, Ohr, Haut, Zunge, 
Geschlechtsorganen, Schilddrüse usw.; von seiten des Nervensystems 
finden wir motorische Ungeschicklichkeit, Störungen der Sprache, 
Instabilität, gesteigerten Bewegungsdrang. Im einzelnen sind diese 
Symptome natürlich nicht für Schwachsinn beweisend, sie helfen 
jedoch die Diagnose sichern. 

Zwei Sätze sind nun in medizinisch-pädagogischer Hinsicht 
von grosser Wichtigkeit. Erstens ist der angeborene Schwachsinn 
unheilbar, entsprechend der anatomischen Veränderung der Zellen 
der Gro8shimrinde; zweitens gibt es keine Form des Schwachsinns, 
die nicht besserungsfähig wäre. Die jetzt allgemein durch¬ 
gedrungene Erkenntnis dieser letzteren Tatsache ist gegenüber den 
Anschauungen früherer Zeiten von unberechenbarem Werte. Um 
die Tragweite dieser Tatsache voll würdigen zu können, muss man 
einen Blick auf die Geschichte des Schwachsinns und der sog. 
Heilpädagogik werfen, was uns heute ja zu weit führen würde. 

Für die Schule aber ergibt sich die Folge: das schwach¬ 
sinnige debile Kind gehört nicht in die Normalschule; denn weil 
unheilbar, wird es sich nie dem Rahmen eines für das Normalkind 
eingerichteten Unterrichtes anpassen können; weil aber sein Leiden 
besserungsfähig ist, gehört es in eine besondere, seiner Eigenart 
angepasste Sehule, in die Hilfsschule. 

Nur so kann es verhindert werden, dass das debile Kind vielen 
nichtverdienten, sein Geistes- und Seelenleben noch weiter schädi¬ 
genden Kränkungen entgeht, dass der Unterricht der Normalkinder 
nicht gehemmt und die Tätigkeit des Lehrers nicht unnötig er¬ 
schwert wird; nur so kann es geschehen, dass aus der Reihe der 
Schwachsinnigen Kommune und Staat brauchbare Mitglieder erhalten, 
während diese Kinder sonst nur allzuoft dem Staat und der Kom¬ 
mune früher oder später zur Last fallen. Die Notwendigkeit und 
der Nutzen der Hilfsschulen wird beute wohl von keiner Seite mehr 
bestritten. 

Das wichtigste Ziel für uns Schulärzte auf diesem Gebiete 

Centralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXVIII. Jahrs. 18 


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ist das frühzeitige Erkennen des Sch wachsinns, insbesondere 
der Debilität. Dies ist aber in der grössten Anzahl der Fälle nur 
möglich mit Unterstützung der Lehrer; wenn, irgendwo, so ist hier 
ein gemeinsames, verständnisvolles Arbeiten von Lehrer und Arzt 
notwendig. Um die Diagnose der Debilität stellen za können, ist 
ein sorgsames Forschen nach den Ursachen des Defektes erforder¬ 
lich. In erster Linie ist anf eine erbliche neuropathische Be¬ 
lastung zu fahnden, dann auf Alkoholismus und Syphilis der Eltern, 
auf Blutsverwandtschaft, auf erworbene Traumen des Kindes während 
und nach der Geburt, Ernäbrungskrankheiten, Krankheiten der 
Schilddrüse, Alkoholvergiftung des Kindes in den ersten Jahren, 
akute Infektionskrankheiten, besonders solche des Gehirns usw. 
Es ist also die Erhebung einer ganz ausführlichen Anamnese er¬ 
forderlich, die bei manchen Fragen mit dem erforderlichen Takt¬ 
gefühl aufzunehmen ist. Auch der Lehrer muss über den Wert 
dieser anamnestiscben Untersuchungen unterrichtet sein und Ver¬ 
ständnis dafür haben; denn eine ganze Menge wertvollen anamnestischen 
Materials wird gerade der Lehrer sammeln können. Da bei dem 
Schwachsinn die Frage der Vererbung eine so grosse Rolle spielt, 
so muss bei Lehrer und Arzt eine klare Vorstellung Uber das Pro¬ 
blem der Vererbung vorhanden sein. Ich möchte dies namentlich 
deswegen betonen, weil auf der diese Gebiete berührenden medi¬ 
zinischen und pädagogischen Literatur vielfach eine geradezu ver¬ 
wirrende Unklarheit herrscht und wohl hauptsächlich deswegen, 
weil die Begriffe „vererbt“ und „angeboren“ nicht streng biologisch 
geschieden werden. Daraus erklärt sich wohl auch die ungeheuer¬ 
liche Differenz zwischen 4 °/ 0 und 90% in der Angabe von erb¬ 
licher Belastung. Die moderne Biologie versteht unter „vererbt“ 
oder „ererbt“ nur solche Eigenschaften oder deren materielle Sub¬ 
strate, die als Anlagen im Keimplasma der elterlichen Geschlechts¬ 
zellen enthalten sind. Zum vollen Verständnis dieses Satzes ist 
natürlich eine Beherrschung der anatomisch-biologisch feststehenden 
Tatsachen der Vererbung unbedingt erforderlich, deren 'genaue 
Kenntnis leider nur zu wenig verbreitet ist. So ungewohnt es auch 
manchem erscheinen mag, dürfen wir z. B. nicht mehr von heri- 
ditärer, sondern nur von kongenitaler Syphilis reden. Im 
Sinne der wissenschaftlichen Biologie gibt es wohl angeborene, 
aber keine heriditären Krankheiten. Eine Krankheit ist 
weder ein Wesen noch eine Eigenschaft, sondern ein Vorgang, und 
zwar ein dem Organismus schädlicher Vorgang, der; durch eine 
causa externa ansgelöst, an einem Teil des Körpers abläuft. Ein 
derartiger Vorgang kann biologisch nicht vererbt werden, d. h. nicht 
durch das Keimplasma der Eltern auf ein neues Wesen übertragen 
werden. Nicht der Prozess, den wir Krankheit nennen, wird erb- 


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lieb übertragen, sondern nur die Anlage dazu. Von der echten 
Vererbung ist'zu trennen: einmal die Übertragung von parasitischen 
Krankheitserregern von den Eltern auf die Nachkommen und zweitens 
die chemische Schädigung oder Vergiftung der Keime. Das fällt 
nicht unter den Begriff der Vererbung, sondern unter den des 
„ Kongenitalen“. 

Es ist in dem Forschen nach den Ursachen des Schwachsinns 
ein zielbewusstes Auseinanderbalten von „ererbt“ und „angeboren“ 
nnd „erwoTben“ erforderlich. Wenn wir auf dieser Grundlage 
vorgehen, werden wir, wie Kraepelin J ) hofft, aus der ärztlichen 
Tätigkeit an den Hilfsschulen allmählich ein tieferes Verständnis 
für die Ursachen der Entartung gewinnen, über denen jetzt noch 
ein so tiefes Dunkel schwebt. Um frühzeitig die Diagnose der 
Debilität stellen zu können, müssen wir Schulärzte schon bewusst 
bei der ersten Untersuchung der Schulneulinge auf eine 
mögliche Debilität fahnden. 

Dieser ersten Untersuchung einer verhältnismässig grossen 
Anzahl von Kindern haften selbstverständlich die Mängel der Massen* 
Untersuchung an. Ein Moment kann diese Untersuchung ohne be¬ 
sonderen Mehraufwand von Zeit und Arbeit fruchtbringender ge¬ 
stalten, wenn wir nämlich mehr wie sonst das Körpergewicht und 
die Grösse des Kindes berücksichtigen. Im Gegensatz zu früher 
von verschiedenen Seiten gemachten Einwendungen halte ich die 
genaue Festsetzung von Körpergewicht und Grösse für praktisch 
und wissenschaftlich sehr wichtig. Der Wert dieser schon vor der 
ersten Untersuchung von dem Lehrer vorgenommenen Wägungen 
und Messungen tritt sofort in die Erscheinung, wenn der Arzt bei 
der ersten Untersuchung eine zuverlässige Tabelle des Normal¬ 
gewichtes und Normalgrösse zur Hand hat. Solche Tabellen gibt es 
ja mehrere; es wäre aber m. A. nach von Wert, wenn eine besondere 
für Kölner'Kinder ausgearbeitet würde. Ein Blick auf den Ge¬ 
sundheitsbogen, auf dem die betreffenden Zahlen vom Lehrer schon 
vermerkt sind, und auf die Tabelle lässt uns mit grösserer Sicher¬ 
heit und Zuverlässigkeit das körperlich zurückgebliebene Bowie das 
übernormale Kind erkennen als mit dem sog. praktischen Blick, 
den ich jedoch keineswegs unterschätze. Ein Vermerk in den Ge¬ 
sundheitsbogen von z. B.: „drei Kilo unter Normalgewicht“ bei nor¬ 
maler Grösse sagt mehr als die jetzt gebräuchlichen Ausdrücke: 
mittel oder schlecht. Das so mit wenig Mühe ermittelte körperlich 
zurückgebliebene Kind müssen wir genaüer auf Körper und Geist 
untersuchen. Für die hierbei mehr aufgewandte Zeit kann die 
Untersuchung der änderen Kinder kürzer sein. Bei den körperlich 

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1) Siehe Laquer, die Hilfsschulen 1901. 


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schwachen Kindern müssen wir stets auch an etwa vorhandene 
Debilität denken. Wird nnn durch die körperliche Untersuchung¬ 
oder durch eine Bemerkung der anwesenden Eltern oder des Lehren¬ 
der Verdacht auf Debilität bestärkt, so mnss sich eine ganz kurze 
IntelligenzprUfung anschlicssen. Eine Intelligenzprüfung bei einem 
eben erst eingeschulten, meist ängstlichen Kinde mnss notwendig 
von der gewöhnlichen Art abweicben. Ich möchte Sie bitten, des¬ 
halb nur auf zwei Punkte ihre besondere Aufmerksamkeit zu richten: 
auf die Sprache und den Farbensinn. Störungen der Sprache finden 
sich beim schwachsinnigen Kinde ungemein häufig; die ermittelte 
Sprachstörung ist mit präzisem, nicht allgemeinem Ausdrucke in 
den Gesundheitsbogen einzutragen. Die Prüfung anf Farbensinn 
nehmen Sie am besten mit einem Schema vor, wie ich hier demon¬ 
striere. Die Untersuchung auf Farbensinn ist interessanter als man 
wohl annehmen möchte. Das geistig gut entwickelte Kind benennt 
alle Farben bei der Einschulung: je nach dem Grad der Minder- 
begabung fehlen mehr oder weniger verschiedene Farben; ein Kind, 
das glatt „braun“ und „grau“ benennt, wird nie debil sein, d. h. 
einen Intelligenzdefekt haben. Ich habe zahlreiche Prüfungen auf 
Farbensinn in den Normalschulen und Hilfsschulen gemacht. Es 
ist ohne besondere Schwierigkeit möglich, in der untersten Klasse 
der Normal8cbule vermittels der Farbensinnprflfung die besten und 
die schlechtesten Schüler zu ermitteln. In der untersten Klasse der 
Hilfsschulen findet mit ganz intaktem Sinn für Farbenerkenntnis 
und Benennung sich fast kein einziges Kind, in der obersten Klasse 
der Hilfsschulen werden die Farben schon richtiger angegeben, bei 
50 °/ 0 finden sich jedoch noch mehr oder weniger starke Abweichungen. 

Ein Kind mit stark eingeschränktem Sinn für Farbenbenennung 
bei der Einschulung legt den Verdacht auf Debilität sehr nahe. 
Auf dem Gesundheitsbogen eines solchen Kindes machen wir den 
Kontrollvermerk und ersuchen den Lehrer, besonders auf das Kind 
zu achten, nachdem wir vorher von dem anwesenden Vater oder 
Mutter so viel zu eruieren gesucht haben wie möglich. 

Nimmt bei unseren späteren Berochen in der Schule die Wahr¬ 
scheinlichkeit der Diagnose „Debilität“ zu, so müssen wir eine aus- 
fflhrlicbere Anamnese und Status anlegen, und zwar in dem 
sogenannten 

Personalbogen für Schwaehsinnige, 
den wir leider in Köln noch nicht haben, der aber in vielen anderen 
Städten eingeführt ist. Ich zeige Ihnen hier verschiedene Schemata; 
sehr gründlich behandelte Schemata sind die von Halle, Düsseldorf 
(Horrix) und namentlich das neueste von Frankfurt a. Main. Herr 
Prof. Sommer (Giessen) soll gegenwärtig ein Normalschema in 
Ausarbeitung haben, das er mit Unterstützung der hervorragendsten 


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Schalmänner and Ärzte auf dem einschlägigen Gebiete mustergültig 
gestalten will. Bei dem bisherigen Modus hier in Köln, wo das 
schwachsinnige Kind meist zwei Jahre in der Normalschale bleibt, — 
eine meiner Ansicht nach zu lange Zeit — gehen die dort ge¬ 
machten Beobachtungen and anamnestischen Feststellungen, besonders 
auch die seitens des Lehrers, verloren, da sie nicht auf gezeichnet 
werden, und später muss der Hilfsschallehrer mühsam die schon 
früher ermittelten Feststellungen wieder von neuem zn eruieren 
suchen. Es ist deshalb unbedingt nötig, einen solchen Personal¬ 
bogen wie z. B. in Frankfurt einzuftthren, der dann alles ent¬ 
hielte, was Lehrer und Arzt während der ganzen Schulzeit beob¬ 
achtet und festgestellt haben; auch die bisherigen Aufzeichnungen 
der Hilfsschullehrer sind zu dürftig und namentlich zu verzettelt. 
Ich schlage vor, einen von der Schulbehörde und Arzt gemeinsam 
zu entwerfenden Personalbogen auf Grundlage der vorhandenen 
Schemata einzuführen. Ein solcher Personalbogen verhindert auch 
die heutige doppelte Schreibarbeit des Lehrers in den Aufzeichnungen 
über den HilfsschulzOgling und gibt auf der anderen Seite eine 
ganz vorzügliche, leicht übersichtliche, vollständige Charakteristik 
des Schülers und hat zugleich hohen praktischen und wissenschaft¬ 
lichen Wert. Auch für das spätere Lehen des Schülers kann der 
Personalbogen in gerichtlicher und militärischer Hinsicht von 
hohem Werte sein. Wie weit man in der Ausgestaltung dieser 
Personalbogen geht, zeigt das Beispiel von Leipzig, wo diese Schüler- 
Charakteristik mit einer photographischen Aufnahme des Schülers 
in zwei Stellungen, von vorn und von der Seite, beginnen und 
schliessen. (Handb. für Scbwachsinnigenfürsorge von Bosbauer usw. 
[p. 209, 1909].) 

Wenn der Personalbogen eingeführt wird, so wird dem ein¬ 
zelnen Schulärzte wohl etwas mehr Arbeit auferlegt, aber es ist 
doch eine zielbewusstere und mehr befriedigende Arbeit, als manche 
der sonstigen schulärztlichen Funktionen, wie z. B. die Untersuchung 
auf Läuse, wo heute noch vielfach Arbeit und Erfolg in krassem 
Missverhältnisse stehen. 

An der wichtigsten ärztlichen Funktion auf dem Gebiete der 
Hilfsschulen, der Auswahl der Kinder für die Hilfsschule, sind alle 
Schulärzte beteiligt und infolgedessen haben wir Schulärzte uns 
alle mit dem Wesen und den Einrichtungen der Hilfsschulen ver¬ 
traut zu machen; diejenigen Schulärzte selbstverständlich am meisten, 
denen Hilfsschulen unterstellt sind. Dass in der Hilfsschule ein Arzt 
unbedingt notwendig ist, wird selbst von denen zugegeben, die sich 
sonst nicht so sehr für die Institution der Schulärzte begeistern. 
Auf dem letzten Verbandstag der Hilfsschulen im April dieses 
Jahres ist auch die Forderung erhoben worden, dass der Hilfe- 


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Schularzt die Behandlung übernehmen soll; die Referate sind von 
Geh. Rat Leubuscher und Hilfsschullehrer Adams gehalten worden, 
aber bis heute konnte ich die Referate in Druck noch nicht er¬ 
halten, um zu sehen, wie diese Forderung begründet wird. 

Ich glaube, dass für Kölner Verhältnisse eine Notwendigkeit 
einer solchen Forderung nicht vorliegt. In Köln haben wir bis 
jetzt nur einen Hilfsschularzt, entsprechend der Tatsache, dass nur 
die Kölner Altstadt Hilfsschulen hat; aber es ist doch ohne Zweifel, 
dass, da die Hilfsschule eine allgemeine anerkannte Notwendigkeit 
ist, auch die grossen Vororte Hilfsschulen erhalten werden und so 
die Zahl der Hilfsschulärzte zunebmen wird. Diese Hilfsschulärzte 
treten in eine viel innigere Arbeitsgemeinschaft mit dem Lehrer, 
als wie es in den sonstigen Schulen der Fall ist, und aus einer 
richtig aufgefassten, vorurteilsfreien, gemeinsamen Arbeit von Lehrer 
und Arzt werden grade in der Hilfsschule die schönsten Früchte 
gemeinsamerTätigkeitgezeitigtwerdenmüssen, hierwotäglich der eine 
von dem andern lernen kann. Für Lehrer und Arzt in der Hilfsschule ist 
eine leicht zugängliche, gut katalogisierte Bibliothek eine Not¬ 
wendigkeit; denn die Literatur auf diesem Gebiete ist schon ganz enorm 
angewachsen, und die heute fortlaufend erscheinenden Schriften sind 
so zahlreich, dass deren Haltung dem einzelnen fast unmöglich ist; 
ohne Berücksichtigung der Literatur wird aber die Arbeit an der 
Hilfsschule nur allzu leicht stagnieren; aber wenn irgendwo, so ist 
hier lebendige Arbeit erforderlich. 

Der Hilfsschularzt hat auf die sorgfältige Ausführung des 
Personalbogens den grössten Wert zu legen; diese interessante Arbeit 
wird notwendig zu einer Vertiefung ärztlichen Forschens und Wissens 
auf dem Gebiete des Schwachsinns führen müssen, und die Resultate 
werden den armen Schwachsinnigen und auch der Allgemeinheit zu¬ 
gute kommen. Den Mangel an gut geführten Personalbogen habe 
ich in meiner Tätigkeit in den Hilfsschulen sehr empfunden, ohne 
solche Bogen ist eine erspriessliche Arbeit des Arztes kaum mög¬ 
lich, da man bedenken muss, dass der Hilfsschularzt doch immerhin 
nur eine beschränkte Zeit für seine hilfsscbulärztliche Tätigkeit zur 
Verfügung bat; also als Hilfsschnlarzt muss ich dringend die Ein¬ 
führung solcher Personalbogen befürworten. 

Gestatten Sie mir zum Schlüsse noch zwei Fragen zu berühren, 
die mir als Hilfsschularzt besonders der Erörterung wert dünken. 

Die erste ist mehr pädagogischer Natur und betrifft die Zu¬ 
lässigkeit der körperlichen Züchtigung in den Hilfsschulen. 

Ich glaube keinen Übergriff in das pädagogische Gebiet, zu 
tun, wenn ich auf Grund meiner Beobachtungen als Arzt den Satz 
ausspreche: In den Schulen unseres Vaterlandes herrscht noch viel 
zu viel die Piügelpädagogik. Ich bekenne mich offen als einen 


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überzeugten Gegner jeglicher Prügelstrafe in Schale and Haas, nicht 
etwa aus einer modernen, hypersensitiven Humanitätsduselei, die 
beim kleinsten Klaps sofort nach Polizei und Zeitnng schreit, sondern 
aaf Grnnd jahrelanger bewusster Beobachtungen and des Studiums 
der diese Fragen berührenden medizinischen and pädagogischen 
Literatur. Wer sich für die pädagogischen Gründe interessiert, der 
sei namentlich auf die wahrhaft erhebenden Ausführungen von 
Förster ans Zürich über die „Pflege der Selbstachtung“ in seinem 
Bache „Schale and Charakter“ hingewiesen, ein Buch, dessen Lek¬ 
türe wohl manchen Anhänger der Prügelstrafe zu einer anderen 
Ansicht führen dürfte, wie dies die Briefe von Lehrern beweisen, 
die Förster der 6. Auflage seines Baches beigefügt hat. 

Gestatten Sie mir nur eine ärztliche Beobachtung. Wo es 
nur anging, habe ich Kinder, die geprügelt worden, ärztlich unter¬ 
sucht, insbesondere ihre Körpertemperatur objektiv festgestellt. 
Überraschend oft stellte es sich heraus, dass die Kinder krank 
waren, dass sie Fieber batten. Ihre Ungezogenheit batte in der 
beginnenden, zuweilen auch rasch vorübergebenden Erkrankung ihren 
Grund. Ich habe manche Mutter durch das Thermometer zum 
Gegner der Prügelstrafe gemacht, obwohl eine Erziehung „ohne 
motorische Entladung“ weit mehr Willensenergie verlangt als das 
beständige Zuschlägen. > 

Beim kranken Kinde wird aber niemand die Prügelstrafe ver¬ 
teidigen wollen. Das schwachsinnige Kind ist aber krank. Meist 
körperlich schwach, bat jedes debile, schwachsinnige, iutelligenzarme 
Kind einen mehr oder weniger grossen ethischen Defekt, der nun 
vollends deu etwa erzieherischen Wert der körperlichen Strafe nach 
Ansicht hervorragender Psychiater illusorisch macht. Zudem ist 
bei dem schwachsinnigen Kinde auf einen Zustand Rücksicht zu 
nehmen,, der „als Macht der Disposition“ von Arno Fuchs be¬ 
schrieben ist, und dem jedes schwachsinnige Kind unterworfen ist; 
man versteht unter Macht der Disposition des schwachsinnigen Kindes 
den meist plötzlichen Wechsel in einen Zustand ungünstiger Dis¬ 
position, dem das Kind von selbst nicht entgegenarbeiten kann und 
es mehr oder weniger unfähig zur Apperzeption und Reproduktion 
macht. In diesem Zustande ist nach Angabe von Hilfsschullchrern 
nur durch Güte und Geduld etwas zu erreichen. Um also dem 
schwachsinnigen Kinde kein grosses Unrecht zuzufügen, muss m. A. 
nach die körperliche Strafe aus den Hilfsschulen gänzlich 
verbannt werden. Dr. Heller, ein Philologe, Direktor einer 
heilpädagogischen Anstalt, bekennt sich in seinem vorzüglichen, sehr 
empfehlenswerten Buche über Heilpädagogik „zu einem unbedingten 
Gegner von körperlichen Züchtigungen bei schwachsinnigen Kindern; 
er fügt hinzu: „Wer sich Mühe gibt, die Eigenart schwachsinniger 


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Kinder za studieren, findet immer einen anderen Weg, auf dem er 
seinem unbotmässigen Schiller beikommen kann.“ 

Wenn man nun noch berücksichtigt, dass das Znfttgeu and 
Erdulden körperlichen Schmerzes in naher Beziehung zu den traurigsten 
Erscheinungen geschlechtlicher Entartung stehen (A. Moll: „Über 
eine wenig beachtete Gefahr der Prügelstrafe bei Kindern“ (Zeitschr. 
für pädag. Phsych. u. Path. III, B. S. 315), so wird man wohl zu¬ 
stimmen müssen, dass das schwachsinnige, ethisch doch nie ganz 
intakte Kind körperliche Strafen nie erhalten darf. 

Zum Schlüsse möchte ich die Bitte an die städtische Verwaltung 
richten, für eine bessere Unterbringung der Hilfsschüler Sorge tragen 
zu wollen. Nicht die besten Schulen sind diesen Kindern zngewiesen; 
und doch verlangt die Eigenart des meist körperlich schwachen, moto¬ 
risch unbeholfenen und ungeschickten, unaufmerksamen und willens 
schwachen debilen Kindes gerade besonders gnt hygienisch ein¬ 
gerichtete Schulen mit Bad, Turnplatz, Schülerwerkstätten usw. 
Die Tatsache, dass diese debilen Kinder in nicht zu geringem Bruch¬ 
teil sozial dem entsetzlichsten Milieu entstammen, lässt die Ein¬ 
richtung der Hilfsschulen als Tagesheimstätten, wie z. B. in 
Leipzig, warm befürworten, welche in Köln dank der vielen elek 
trischen Bahnen auch für die entfernt wohnenden Kinder leicht 
erreichbar wären. Wohl mögen hier grosse finanzielle Schwierig¬ 
keiten vorhanden sein, aber die Erziehung — und. es handelt sich 
bei den Schwachsinnigen mehr um eine Erziehung als um eine 
Unterrichtung —, ich sage grade die Erziehung der Schwachsinnigen 
ist für eine so grosse Kommune von so hoher Bedeutung, dass grosse 
Ausgaben nicht gescheut werden dürfen. 

Es ist mein dringender Wunsch, der nicht einem etwaigen 
Übereifer eines heissspornigen Hilfsschularztes entspringt, dass in 
Bälde die Stadt Köln, wie auf anderen Gebieten so auf dem Gebiete 
der Hilfsschulen etwas Mustergültiges und Grosszttgiges schafft. 


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VII. Jahresbericht der Heilstätte Holster¬ 
hausen bei Werden-Ruhr für 1908. 

Von 

Chefarzt Dr. F. Köhler. 


Mit 2 Textfiguren. 


Das vergangene Jahr ist für die Heilstätte deshalb besonders 
erfreulich verlaufen, weil während der ganzen Zeit eine Besetzung 
der Betten vollzählig ermöglicht war. Manche Ansucher haben 
wochenlang auf Aufnahme warten müssen. Trotzdem machte sich 
das infolgedessen hervorgerufene günstige finanzielle Ergebnis nicht 
besonders bemerkbar, weil die allgemeine Preissteigerung in allen 
Lebens- und Gebraucbsmitteln angehalten hat. Insbesondere sind die 
Kosten für Fleisch und Butter, sowie für Krankenpflegeartikel gleich 
hoch wie im Vorjahre geblieben, eher sogar noch mehr gestiegen. 
Die Löhne für die landwirtschaftlichen Arbeiter sind weiter ge¬ 
stiegen. Eine Reibe von Gehaltssteigerungen für langjährig im 
Dienst, zum Teil von Eröffnung der Heilstätte an, gebliebene An¬ 
gestellte musste Platz greifen, um zuverlässiges Personal sich zu 
sichern. 

Aus den Betriebsmitteln wurden sämtliche Nenanlagen bezahlt, 
so dass die Hauptkasse nicht belastet wurde. Die Kosten waren 
keine geringen. So wurde ein neuer Kupferkessel zur Warm¬ 
wasserbereitung als Ersatz des zweiten bisher gebrauchten und defekt 
gewordenen aus Schmiedeeisen zum Preise von über 2000 M. be¬ 
schafft. Die Anlage eines prächtigen mit Duschen und Fussbadrinne 
versehenen Sonnenbades erforderteeine beträchtliche Summe, die 
Anlage eines Gemüseaufbewahrungskellers in der Ökonomie 
wurde ebenfalls aus Betriebsmitteln vorgenommen. Der Eintausch der 
bisher znr Kohlenanfuhr benutzten zwei Ochsen gegen zwei Pferde 
konnte unter günstigsten Bedingungen geschehen. 

Zu Beginn des Herbstes hatten wir unter recht störendem 
Wassermangel mehrere Tage zu leiden, der auf Rohrbrüche zurückzu¬ 
führen war. Die Reparaturen und der Einbau mehrerer neuer Schieber, 


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die zur Feststellung derartiger Vorkommnisse erforderlich sind, ver¬ 
ursachten nicht unerhebliche Kosten. Nach Möglichkeit wurden 
diese Arbeiten, sowie die Anstreicher- und Schreinerarbeiten, die in 
einer solchen Anstalt, in der die Insassen häufig genug nicht scho¬ 
nenden Sinnes 6ind, immer sich als notwendig erweisen, in eigener 
Regie ausgefühlt. Die seit mehreren Jahren aufrechterhaltene An¬ 
stellung eines eigenen Schreiners und Anstreichers hat sich vollauf 
bewährt. Es ist damit der dauernden Erhaltung des inneren guten 
Zustandes der Anstalt Garantie verbürgt; ausserdem fallen die häufig 
im Verhältnis zu der durch den weiten Weg von der Stadt be¬ 
dingten Einschränkung der Arbeitszeit zu kostspieligen Handwerker¬ 
löhne fort. 

Nicht unbedeutende Kosten verursachten Reparaturen an un¬ 
serem Wagenmaterial, was nicht zum geringsten dem ausbesserungs- 
bedürftigen Wege vom Camillushause zur Heilstätte zuzuscbrciben 
ist. Das Bürgermeisteramt Werden-Land hat für die Strecke bis 
zum Gutshofe Horn zum Frühjalfr des kommenden Jahres eine 
neue Decke zugesagt, während uns die Fürsorge für die Resbi 
strecke obliegt. Eine Fahrwegverbindung nach öfte zu ist in diesem 
Jahre noch nicht erreichbar gewesen. 

Die Erträgnisse der Ackerwirtschaft waren recht zu¬ 
friedenstellend. 

Die Heuernte ergab aus dem ersten Schnitt 289 Zentner, 
aus dem zweiten 138 Zentner. 

An Hafer wurden 97 Zentner, an Haferstroh 200 Zentner, 
an Sommergerste 35 Zentner, an Wintergerste 32 Zentner, 
an Gerstenstroh 100 Zentner geerntet. Das Ergebnis an Kar¬ 
toffeln war entsprechend dem verminderten Anbau geringer, die Güte 
war lobenswert. Gemüse wurde ebenfalls in erfreulicher Menge und 
Güte an die Anstalt abgeführt und mit dem nach dem Kontrollbnch 
aufgewiesenen Gesamtwerte von 2786.33 M. eingesetzt. Der Hafer- 
und .Gerstenbau erforderte eine Anzahl neuer Gerätschaften, sowie 
Massnahmen zur Aufbewahrung. 

Mit der Mästung von Schweinen haben wir wiederum recht 
erfreuliche finanzielle Resultate erreicht, so dass wir mit dem Ge¬ 
danken umgehen, diesen Zweig der Landwirtschaft noch zu erweitern. 
Als notwendig erwies sich die Anlage eines Futterkessels. 

Die Fischzucht wurde durch Ausgrabung eines zweiten Zucht- 
teiches gefördert. Forellen, Ruhrfische und Weissfische, im grossen 
Teiche Karpfen, stehen gelegentlich für den Mittagstisch zur Ver¬ 
fügung. 

Die Anlagen wurden weiterhin eifrig gefördert. Im [kom¬ 
menden Jahre wird es noch der Aufstellung einiger Scbutzhäuschen 
bedürfen. Die gründliche Reparatur der Birkenliegehalle ist bis 


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zum Frühjahr znrückgestellt worden. Grössere Holzangen wurden 
nicht vorgcnommen. 

Die Obsternte war befriedigend. 

Die Leitung der Ökonomie wie die des Maschinen¬ 
betriebes verblieb in den gleichen bewährten Händen, wie im 
Vorjahre. Störungen fanden auch in letzterem nicht statt. • 

in der Anstalt fand im Oktober ein Wechsel in der Besetzung 
der Assistentenstelle statt. Herr Dr. Lissauer, welcher vier 
Jahre an der Heilstätte mit regstem Interesse und in fruchtbarer 
Tätigkeit gewirkt hat, verliess uns, um die Leitung des nenerbauten 
Genesungsheimes der Düsseldorfer vereinigten Krankenkassen zu 
Hösel zu übernehmen. Aus dem Gefühle der Dankbarkeit für die 
hohen Verdienste um die Heilstätte heraus wie in der Empfindung 
wärmster persönlicher Beziehungen möchte ich dem Herrn Kollegen 
und Freunde auch an dieser Stelle die herzlichsten Wünsche für 
eine segensreiche und befriedigende Tätigkeit in seiner neuen leiten¬ 
den Stelle zum Ausdruck bringen. 

An seine Stelle hier trat Herr Dr. Weihrauch, der bisher 
an verschiedenen Kliniken und zuletzt als Sekundärarzt an der 
Tuberkuloseabteilung der Städtischen Krankenanstalten in Köln 
tätig gewesen ist. 

Unserer Oberin, Frl. Berta Nötel, gebührt wiederum auf¬ 
richtige Anerkennung für ihre gewissenhafte und umsichtige Leitung 
des Hauswesens und die in Gemeinschaft mit Frl. Henschel, welche 
am 1. Febuar an Stelle des aussebeidenden Frl. Prien eintrat und 
sich alsbald in geschickter und zuverlässiger Weise einarbeitete, 
vorbereitete Kassen Verwaltung. Dank für ihre aufopferungsvolle 
Tätigkeit gebührt auch unseren trefflichen Schwestern vom Roten 
Kreuz in Elberfeld. 

In den Wärterstellen trat kein Wechsel ein, ein Zeichen dafür, 
dass auch in dieser Beziehung die Anstalt sich einer zuverlässigen 
Stütze erfreuen kann. Der erste Wärter bat sich durch lebhafte 
Anteilnahme an den chemischen, bakteriologischen und sonstigen 
wissenschaftlichen Arbeiten, welche Hilfe erforderten, in dankens¬ 
werter Weise verdient gemacht. 

Eine Reibe von unterhaltenden Darbietungen erfreute 
die Kranken, so sonntägliche Gesangvorträge von Gesangvereinen 
aus den benachbarten Städten, gelegentliche Abendunterhaltungen, 
häufige Konzerte zur Mittagstafel. Besonders feierlich verlief die 
Geburtstagsfeier des leitenden Arztes, die grosse Weihnachtsfeier 
am 23. Dezember und die Silvesterfeier. 

Am 6. August wurde das Sommerfest in Hösel gefeiert. 

An wissenschaftlichen Arbeiten wurden ans der Heilstätte 
1908 veröffentlicht: 


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Original frnm 

UNIVERSUM OF IOWA 



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F. Köhler, Über den Ausbau und die Wissenschaft!. Aufgaben der 
modernen Lungenheilstätten. Ztschr. f. ärztl. Fortbildg. 
1908, Nr. 6. 

F. Köhler, Über den Begriff der Heilung nach Heilstättenkuren 
Lungenkranker und seine statistische Verwertung. Tu¬ 
berculosis II. 1908. 

F. Köhler, Die Dauererfolge der Behandlung Lungentuberkulöser 
in den deutschen Heilstätten. Tuberculosis VII. 1908. 

F. Köhler, Über thrombotisch - embolisch bedingte Lungentuber¬ 
kulose. Ärztl. Sachversiändigen-Zeitung 1908, Nr. 8. 

F. Köhler, Scbädeltraumaund Lungentuberkulose. Ärztl. Sachverst.- 
Ztg. 1908, Nr. 2. 

F. Köhler, Zur psychologischen Analyse in der Medizin und den 
iDtoxikationspsychosen. Brauers Beitr. zur Klinik der 
Tuberkulose Bd. VIII. H. 6.. 

F. Köhler, Im Kampf um die Tuberkulosefrage. Ztschr. f. Tuber¬ 
kulose Bd. XII. H. 5. 

F. Köhler, Die Ophthalmoreaktion als Diagnosticum bei Tuber¬ 
kulose. Ztschr. f. Tuberkulose Bd. XII. H. 1. 

F. Köhler, Statistische Analyse von Todesfällen in der Heilstätte 
behandelter Lungentuberkulöser nebst Untersuchungen 
Uber die. Beziehungen des tuberkelbazillenhaltigen und 
tuberkelbazillenfreien Auswuchs zur Lebensprognose. 
Ztschr. f. Tuberkulose Bd. XIL H. 2. 

F. Köhler, Das Tuberkuloseserum Marmorek. Ztschr. f. Tuber¬ 
kulose Bd. XIIL H. 2. 

F. Köhler, Klinische Erfahrungen mit Marmoreks Serum an 60 Tu¬ 
berkulosefällen. Deutsche mediz. Wcbschr. 1908, Nr. 29. 

F. Köhler, Die therapeutische Wirksamkeit des Alttuberkulins bei 
Lungentuberkulose. Ztschr. f. ärztl. Fortbildung 1908, 
Nr. 14. 

F. Köhler, Kritische Abhandlung zur Theorie und Praxis der 
Ophthalmoreaktion. Ztschr. f. Tuberkulose Bd. XII. 
H. 4. 

F. Köhler, Die Berechtigung und Bedeutung der Lungenheilstätten. 
Soziale Kultur Dezember 1908. 


Es wurden 1908 aufgenommen: 589 (1907: 561), vom 
Jahre 1907 Übernommen: 120; 

demnach verpflegt: 709 (1907: 674), entlassen wurden 
590 (1907: 554). 

Es blieb demnach ein Bestand von 119 Patienten am 31. De¬ 
zember 1908. 


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273 


Das fortlaufende Krankenbuch schloss mit Nr. 3334 (1907: 
mit M. 2744). 

Die Zahl der Verpflegnngstage betrug 1908: 44680 (1907: 
43304), was einer Durchscbnittsbelegung von 122 pro Tag entspricht. 

Die Zahl der Verpflegungstage der von der Landesversiche- 
rungsanstalt Rheinprovinz überwiesenen Kranken betrug: 34948. 

Die Gesamtausgaben stellten sich für die Kost pro Kopf und Tag, 
einschliesslich der Verpflegungskosten der Angestellten, auf 1.89 M» 
Knrdaner: Es verblieben in der Anstalt: 


unter 6 Wochen . . 


bis zu 60 Tagen . . 

.53 

7) 

» n 75 

1) * 

.67 

n 

» * 90 

n 

.76 

11 

„ „ 105 


.245 

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* „ 120 

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.36 

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.12 

7) 

, » 150 

v • 

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n 

. » 1*0 
darüber . 

7) 

.2 „ 

Zusammen 590 Kranke. 


Vorzeitig auf eigenen Wunsch wegen Heimweh, mangel¬ 
hafter Familienunter8tfltzung, unzureichender eigener Mittel oder 
sonstiger Familienverfaältnisse wurden entlassen 44 Kranke. Dis¬ 
ziplinarisch entlassen wnrden 21 Kranke, vielfach wegen Trunken-, 
heit, gegen die im Interesse der Aufrechterhaltung der Ordnung nnd 
gründlicher Kurdurcbführung energisch vorgegangen werden muss, 
mehrfach wegen Übertretung der Hausordnung, Unpünktlichkeit und 
sonstiger Unbotmässigkeit. Als ungeeignet wurden bald nach 
der Aufnahme entlassen 32 Kranke. Gestorben sind 3 Kranke. 
Zur Beobachtung (bei bestehender Tuberkulose) wurden 6 Kranke 
aufgenommen. 

Stadieneinteilnng: Es lag vor nach dem durch die Inter¬ 
nationale Vereinigung festgelegten Schema: 


i. 

Stadium 

rechtsseitig . 

. 50 mal, 

i. 

n 

links- „ . 

. 13 „ 

i. 

11 

beider- „ . 

. 233 „ 

ii. 

V 

rechts- „. 

. 23 „ 

n. 

7) 

links- „ . 

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ii. 

11 

beider- „. 

. 82 „ 

in. 

n 

ein- oder beiderseitig . 

. 42 „ 


gleichzeitig I. auf der einen, II. auf der 

anderen Seite.125 „ 

keine Tuberkulose.. 17 „ 


Summa 590 Kranke.. 


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Original fru-rn 

UNIVERSUM OF IOWA 



















274 


Erfolge. Für die Beurteilung des Erfolges der Kur kommen 
unter Berücksichtigung der Andauer 501 Tuberkulöse in Betracht. 
Die Bezeichnung „Heilung“ ist grundsätzlich vermieden, da nach 
klinischer Erfahrung einmal das Verschwinden aller verdächtiger 
auskultatorischer Lungenerscheinungen nicht die Gewähr dafür gibt, 
dass nicht doch latente Tuberkuloseherde übrig geblieben sind, von 
denen aus bei ungünstigen Verhältnissen Rückfälle zustande kommen 
und zweitens eine Anzahl auskultatorischer Erscheinungen auf der 
Lunge hinsichtlich ihres tuberkulösen oder bronchitischen Charakters 
nicht scharf gesondert werden können. Praktisch betrachtet ist es 
weiterhin ratsam, dem abgehenden Patienten nicht die Gewissheit 
der völligen Heilung mit auf den Weg zu geben, sondern ihn im 
Interesse der Fortsetzung eines gesundbeitsgemässen, soliden Lebens¬ 
wandels auf die Notwendigkeit der Schonung und Vorsicht auf¬ 
merksam zu machen. Die nicht selten bestehende völlige Indolenz 
ist geeignet, durch unzweckmässige Lebensweise den Erfolg zunichte, 
zu machen und bei eintretendem Rückfall das Vertrauen auf die 
Zuverlässigkeit des ärztlichen Urteils zu erschüttern, falls eine vor¬ 
zeitige Heilungserklärung am Ende der Kur ergangen ist. Die Er¬ 
gebnisse meiner nach je 2 Jahren erfolgenden Nachuntersuchungen 
berechtigen zu der Auffassung, dass eine Reihe von Kranken ihren 
Kurerfolg voll aufrecht erhält, eine Reihe vou Kranken, falls sie 
nicht alle verdächtigen Lnngenerscheinungen am Ende der Kur ver¬ 
loren hatten, nach 2 Jahren als geheilt gelten kann, während ein 
Teil trotz Verschwindens aller pathologischen Symptome einem Rück¬ 
fall unterliegt. 

Mit Erfolg I soll gekennzeichnet sein, dass am Ende der Kur 
alle oder nahezu alle verdächtigen Geräusche und Atmungsabwei¬ 
chungen von der Norm beseitigt erschienen. 


Erfolg I, sehr guter Erfolg, 

bei 

81 Kranken 

II 

H-» 

"to 

o 

(1907: 

19.5%), 

„ II, guter Erfolg 

11 

315 „ 

=62,9% 

(1907: 

56,7%), 

„ III, geringer Erfolg 

77 

69 „ 

= 13,7% 

(1907: 

17,5%), 

„ IV, kein Erfolg und 






Verschlimmerung 

77 

33 „ 

= 6,6% 

(1907: 

6,3 o/o), 

Tod 

77 

3 „ 

= 0,6% 

(1907: 

0%), 


zusammen 601 Kranke = 100°/ 0 

Demnach standen 79,1 °/ 0 (1907: 76,2%) gute Erfolge 20,9°/ 0 
(1907:23,8%) geringen oder ausgebliebenen Erfolgen 
gegenü ber. 

Therapeutisch wurde in 60 Fällen das Alttuberkulin 
Koch angewandt. Die Zahl der mit dem Serum M'armorek Be¬ 
handelten wurde auf 60- ergänzt. Da das Verfahren recht kost¬ 
spielig ist und die Erfolge den Kosten nicht entsprechen, wird 


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Original from 

UNIVERSITÄT OF IOWA 



275 


weiterhin das Studium dieses Mittels abgebrochen. In der zweiten 
Hälfte des Jahres wurde mit der Anwendung des Tuberkulin Cal- 
mette sowie mit Perlsuchttuberkulin Spengler in geeignet er¬ 
scheinenden Fällen begonnen. In 45 Fällen wurde das Phtysoremid 
Krause angewandt. Die Resultate der Behandlung mit Marmorek- 
serum sowie mit dem Krauseschen Präparat sind in der „Zeit¬ 
schrift für Tuberkulose“ wiedergegeben. Zusammenfassend möge 
von allen gesagt sein, dass sie in gewissen Fällen eine unterstützende 
Wirkung auszuttben geeignet sind, indessen der Zuverlässigkeit in 
der gegenwärtigen Form noch entbehren. 

Diagnostisch wurde in zahlreichen Fällen die Tuberkulin¬ 
reaktion herangezogen. 

Gewichtszunahme: 88 Kranke scheiden aus, so dass 502 
Kranke beurteilt werden konnten. 


Es nahmen zu: (Iber 18 kg: 

bis 18 „ : 
bis 16 n : 
11 bis 14 „ : 
9 und 10 „ : 
7 und 8 „ : 
4 bis 6 „ : 
1 bis 3 „ : 
ohne Zunahme blieben: 
Abnahme zeigten: 


1 , 

1 , 

3, 

29, 

56, 

100 , 

210 , 

84, 

8 , 

10 , 


im ganzen 502 Kranke; 

Auswurf und Tuberkelbazillen: Von den insgesamt 574 Tu¬ 
berkulösen hatten 69 = 12 °/ 0 keinen Auswurf; von den restierenden 
505 hatten im ganzen 166 Tuberkelbazillen = 33 °/ 0 . Von diesen 
verloren 29 den Auswurf vollständig, bei 18 war bei der Entlassung 
kein Tuberkelbazillenbefund zu erheben, bei 118 waren bei der 
Entlassung (die Fälle mit kürzester Kurdauer und die ungeeigneten 
schweren Fälle eingerechnet) noch Tuberkelbazillen vorhanden. Im 
ganzen verloren bis zur Entlassung 174 den Auswurf. 1 hatte bei 
der Aufnahme keine, wohl bei der Entlassung Tuberkelbazillen im 
Auswurf. 


Alter der Kranken: Es standen im Alter 


13—20 Jahren . . . 

67 Kranke, 

21—30 

n ... 

249 „ , 

31—40 

„ ... 

187 „ , 

41—50 

1 1 ... 

77 „ , 

über 50 

17 ... 

10 , , 


zusammen 

590 Kranke. 


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Original frnm 

UNIVERSITÄT OF IOWA 







276 


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Es gehörten 345 der katholischen, 237 der evangelischen, 4 
der israelitischen Religion, 4 zn den Dissidenten. 

Beruf der Kranken: 3 Fabrikanten, 1 Apotheker, 49 Kauf- 
lente und Bnreaubeamte, 1 Lehrer, 1 Regierangssekretär, 1 Ingenieur, 

2 Gymnasiasten, 4 Schäler, 1 Banunternehmer, 1 Viehhändler, 3 In¬ 
stallateure, 2 Musiker, 7 Techniker, 16 Werkmeister, 1 Betriebs¬ 
assistent, 1 Schneidermeister, 6 Landwirte, 19 Buchdrucker, 3 Bild¬ 
hauer, 3 Polizisten, 11 Aufseher und Revisoren, 1 Flaschenbierbäudler, 

3 Metzger, 20 Anstreicher, 4 Sattler, 5 Schuhmacher, 8 Bahnbeamte, 
8 Postschaffner, 2 Chauffeure, 5 Dachdecker, 1 Bäcker, 4 Schneider, 

2 Kellner, 39 Schlosser, 35 Schreiner, 34 Dreher, 20 Maschinisten, 
35 Hilfsarbeiter, 7 Fräser, 23 Maurer, 17 Taglöhner, 24 Bergleute, 

3 Drechsler, 11 Kutscher, 7 spez. Fabrikarbeiter, 5 Forstarbeiter, 
1 Tabakarbeiter, 4 Gerber, 7 Schleifer, 1 Ziegelarbeiter, 3 Krahnen- 
föhrer, 2 Fettschmelzer, 1 Bandwirker, 1 Kalkarbeiter, 1 Töpfer, 
1 Postillon, 2 Friseure, 1 Strassenbahnscbafiher, 16 Weber, 2 Ap¬ 
preteure, 11 Färber, 12 Packer, 5 Schmiede, 2 Zuschläger, 5 Boten, 
Diener, 3 Gärtner, l Plattenleger, 1 Pfleger, 2 Laboranten, 46 Eisen¬ 
arbeiter» 

Herkunftsorte: Essen 143, Duisburg 82, Mülheim Ruhr 39. 
Oberhausen 12, Aachen 5, Barmen 2, Bruckhausen 7, Cöln 3, Cre- 
feld 33, Cleve 1, Coblenz 1, Düsseldorf 21, Elberfeld 2, Emmerich 2» 
M.-Gladbach 6, Mörs 21, Remscheid 2, Solingen 11, Velbert 6, 
Wesel 4. Die übrigen Kranken stammten aus kleinen Städten. 

Kostenfibernahme: 63 Selbstzabler, 456 Landesversicherungs¬ 
anstalt Rheinprovinz, 15 Gewerkschaft Deutscher Kaiser, 6 Stadt¬ 
verwaltung Mülheim - Ruhr, 7 Stadtverwaltung Essen - Ruhr, die 
übrigen waren von Fabrikkrankenkassen, Stadtverwaltungen, Berufs, 
genossenschaften, gemeinnützigen Vereinen, Eisenbahndirektion El¬ 
berfeld und Postamt Meiderich überwiesen. 

An sonstigen Erkrankungen wurden beobachtet: 


Amyloid leber 1. 

Asthma 2. 

Blinddarmentzündung 2. 
Bronchitis chron. 3. 

Bandwurm 1. 

Darmtuberkulose 4. 

Diabetes mellitus 2, 
Drüsentuberkulose mit Abszess 3. 
Emphysem 3. 
Epiglottistuberkulose 1. 
Epilepsie 1. 

Fibrolipom 1. 
Handgelenktuberkulose 1. 


Herzneurose, Herzfehler 4. 
Hysterie 1. 

Helmintbiasis 1. 

Jodekzem 1. 
Knochentuberkulose 1. 
Lungenabszess 1. 

Lupus 2. 

Lupus erytematodes 1. 
Miliartuberkulose 1. 
Neurasthenie 21. 

Pleuritis 8. 

Periproctitis 1. 

Psychosis incip. 2. 


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277 


Potatorium 8. Tuberkulose des Kniegelenks 1. 

Pleuroperiearditis 1. Uraemie 1. 

Syphilis 1. 

Wegen Nasenkrankheiten wurden 31, wegen Ohren¬ 
krankbeiten 25, wegen Kehlkopfkrankheiten (meist tuber¬ 
kulöser Natur) 18 behandelt. 

Fttr die Begutachtung der versicherten Kranken kamen 
die Erfolgnoten der Landesversicherungsanstalt in folgender Weise 
zur Bezeichnung: 

Bei den 386 durchgeführten Heilverfahren konnten mit 


A. 

157 

Kranke, 

A—B .... 

133 

TI 7 

B—A .... 

49 

7) 7 

B. 

23 

Ti 7 

B-C .... 

12 

Ti 7 

C. 

12 

„ entlassen werden. 


Statistik der Dauererfolge. 

Die in der Heilstätte behandelten Lungentuberkniösen werden 
2 Jahre jeweils nach ihrer Entlassung hier untersucht, so dass wir 
dieses Jahr in der Lage sind Rechenschaft zu geben Über die Ar¬ 
beitsfähigkeit der im Jahre 1902 Behandelten im Jahre 1904, 
1906 und 1908, also die Verhältnisse der Kranken nach 2, 4 und 
6 Jahren ihrer Behandlung übersehen können. 

Die Kranken des Jahres 1904 sind in 1906 und 1908 kon¬ 
trolliert. Wir referieren also über die Verhältnisse nach 2 und 4 
Jahren. 

Die Kranken des Jahres 1906 sind nach 2 Jahren kontrolliert. 

Die Tabellen geben die Resultate in anschaulicher Form 
wieder. Am Schlüsse ist eine zusammenfassende Tabelle angeführt. 

Bei denjenigen, bei denen eine persönliche Vorstellung hier 
nicht zu erreichen war, ist mittelst einer detaillierten Fragekarte 
der Zustand und die Arbeitsfähigkeit eruiert worden. 


Centralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXVIII. Jahrg. 19 


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Original frnm 

UNIVERSUM OF IOWA 







Ökonomie. 


278 



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Original fro-m 

UNIVERS1TY OF IOWA 










279 



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Original from 

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Sonnenbad. 











280 


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UNiVERSUY OF IOWA 














2. Tabelle: Jahrgang 1904. 

Tuberknlosefälle: 482. 

Keine Nachrichten erhalten 1906: von ll=2,3°/ 0 , somit kontrolliert 471 nach 2 Jahren. 

1908: von 15=3,1 °/ n , somit kontrolliert 467 nach 4 Jahren. 


281 





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UNIVERSUM OF IOWA 
















282 


4. Tabelle: 

Zusammenstellung der Ergebnisse zwei Jahre nach Beendigung der Heil- 
stättenkur bei unseren 1981 Tuberkulösen (1902—1906) abzüglich 47 un¬ 
bekannt Gebliebenen (=2,3°/ 0 ), somit 1934 Tuberkulösen (davon 1668) 

durch geführte Euren). 




bei Gesamtzahl 
der Behandelten 

Entlassungserfolg 

bei vorzeitiger Ent¬ 
lassung: 1902: 6. 

1903 : 18. 1904 : 31. 
1905: 43. 190«: 64. 

bei sofortiger Unge¬ 
eignetbeit: 1902: 8. 
1908: 13. 1901: 28. 
1905: 28. 1906 : 38. 


Es haben 


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iis 

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-2 

1902: 42. 1903: 165. 
1904: 201. 19 5: 256. 
1906: 236. 

1902 : 9. 1903 : 51. 
1904: 80. 1905: 74 . 
1906 : 85. 

iis 

M 1* 

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Zu¬ 

sammen: 

durch- 

geführte 

Kuren 


1902-04 


% 

% 

°/o 

°/o 

% 

°/o 

"’vT 

ständig gear- 

89 

16=18 

24=27 

4=4,5 


1 = 1,2 


44 

beitet. 

1903—05 

353 

36=10,2 

82=23,2 

9=2,5 

— 

6=1,7 

— 

127 


1904-06 

471 

68=14,4 

94=19,9 

13=2,8 

2=0,4 

8=1,7 

— 

177 


1905-07 

483 

53=11 

118=24,4 

18=3,7 

— 

17=3,7 

1=0,2 

189 


1906 - 08 

538 

38= 7,1)124=23 

26=4,8; 

1=0,2 

21=3,9 

— 

189 

Summa || 

19341(211 = 

442 

70 

3 

53 

1 

72U=43.5 

mit kurzer Un- 

1902 - 04 

89^ 

1= 1,2 

7= 7,9 

1=1,2 




9 

terbrechung 

1903-05 

353 

15= 4,3 

26= 7,4 

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1904-C6 

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1905-07 

483 

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12=2,5 

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12= 3,4 11=3,1 

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2=0,6 

1=0,3 

36 

beitet. 

1904-06 

5= 1,1 

11= 2,3 

7=1,5 

1=0,2 

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24 


1905-07 

483 

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538 

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Summa 


1934, 

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1905 

353 

2= 0.6 

15= 4,3)114=4 

21=6 

3=0,8,11=3.1 52 


1906 

1 4711 

3= 0,6 

15= 3,1 

33=7 

15=3,2 1 4=0,8 27=5,7 

66 


1907 

483 

— 

15= 3,1 28=6 15=3,1 6=1,2,13=2,7 

58 


1908 

538| 

4= 0,8 

9= 1,71116=2.9 £3=4,3| 10=1,9 28=5,2 

52 

Summa 


1931; 

10 

55 

93 7 ft 

24 

84 

236=14.2 


Gt'iieralsumme '1668 


Es sind somit auf Grund der 1668 kontrollierten Tu¬ 
berkulösen bei durchgeführtem Heilverfahren nach 2 Jahren: 

voll arbeitsfähig: 726+294= 1020=61,2°/ 0 (nach der letzten 
zusammengefassten Statistik von 1907 bei insgesamt 1396 Fällen: 
60,1 °/ 0 ), 


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UNIVERSUM OF IOWA 













283 


teilweise arbeitsfähig: 292 = 17,5°/ 0 (nach der letzten zu¬ 
sammengefassten Statistik von 1907 bei insgesamt 1396 Fällen: 
17,7 o/ 0 ), 

arbeitsunfähig: 120=7,1 °/ 0 (nach der zusammengefassten 
Statistik von 1907 bei insgesamt 1396 Fällen: 7,2°/ 0 ), 

gestorben: 236=14,2°/ 0 (nach der letzten zusammengefassten 
Statistik von 1907 bei insgesamt 1396 Fällen: 15°/ 0 ). 


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UNIVERSUM OF IOWA 















284 


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Es sind somit auf Grund der 879 kontrollierten Tu¬ 
berkulösen bei durchgeführtem Heilverfahren nach vier 
Jahren: 

noch voll arbeitsfähig: 278+140=418=53, 6°/o (nach der 
letzten zusammengefassten Statistik von 1907 bei insgesamt 
365 Fällen: 53,6%), 

teilweise arbeitsfähig: 111 = 14,14%, (nach der letzten Sta¬ 
tistik von 1907 bei insgesamt 365 Fällen: 13,4%), 

arbeitsunfähig: 55=7,1%, (nach der letzten Statistik von 
1907 bei insgesamt 365 Fällen: 7,7%), 

gestorben: 197=25,2%, (nach der letzten Statistik von 1907 
bei insgesamt 365 Fällen: 25,3%). 

Die Gesamtstatistik sowohl für den Status der Kranken nach 
zwei Jahren wie nach vier Jahren hat sich ausserordentlich gering 
gegenüber der im vorigen Jahre erhobenen Statistik verschoben, 
obwohl im ganzen die diesjährige Statistik um nicht weniger als 
1036 Fälle im ganzen vermehrt ist. 

Es sind ferner auf Grund der 72 sechs Jahre nach 
Beendigung der durchgefOhrten Kur kontrollierten Tuberkulösen 
nach sechs Jahren: 

noch voll arbeitsfähig: 40+10=50=69,4%, 
teilweise arbeitsfähig: 5=7%, 
arbeitsunfähig: 3=4,2%, 
gestorben: 14=19,4%. 

Die Zahl der sechs Jahre nach Beendigung der Kur kontrol¬ 
lierbaren Personen ist deshalb eine so geringe, weil die Heilstätte 
im Juli 1902 eröffnet wurde, somit lediglich die Kranken, welche 
noch im Jahre 1902 die Kur abschlossen, kontrolliert werden konnten, 
insgesamt unter Abzug von 4 Personen (=4,4%), von denen Nach¬ 
richt nicht zu erlangen war, und unter Ausschluss der 14, welche 
vorzeitig entlassen werden mussten: 72. Immerhin ist das An- 
wac hs en der voll arbeitsfähig Gebliebenen oder der von 
1904 oder 1906 an wieder arbeitsfähig Gewordenen so 
auffallend, dass an eineKrise gedacht werden muss, welche 
etwa im 4. Jahre nach Beendigung der Heilstättenkur 
auzunehme-n ist, bei der es sich entscheidet, ob der Tu¬ 
berkulöse schnell dem Ende zueilt, oder aber durch Aus 
heilung des tuberkulösen Prozesses sich wieder den voll 
Arbeitsfähigen zugesellt. Ein bemerkenswertes Steigen 
der Todesfälle findet nach vier Jahren nach beendeter 
Heilstättenkur offenbar nicht mehr statt. 


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UMIVERSITY OF IOWA 



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6. Tabelle. 


| nach 

2 Jahren 

4 Jahren 

6 Jahren 


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°/o | 

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voll arbeitsfähig .... 

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53,5 

69,4 

teilweise arbeitsfähig . 

17,5 

14,2 

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arbeitsfähig. 

7,1 

7,1 

4,2 

gestorben. 

• 1 ; 

25,2 

19,4 


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Original frnm 

UMIVERSITY OF IOWA 






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Jahresbericht über die Tätigkeit der Schulärzte 
in Cöln im Schuljahre 1908. 

Erstattet vom 

Beigeordneten Dr. Krautwig. 


Im Schuljahre 1908/09 waren in Cöln 60666 Schulkinder 
vorhanden, die in 92 Schulsystemen, und zwar 84 Volksschulen, 3 
Hilfsschulen, 3 Waisenhausschulen und 2 Asylschulen unterbracht 
waren. Als Schulärzte fungierten in dem genannten Jahre 30 Herren, 
so dass im Durchschnitt auf jeden Schularzt etwa 2000 Kinder 
kamen. Es entspricht diese Zahl der überwiesenen Kinder auch 
einem Wunsche der Schulärzte selbst, die einen Bezirk von 2000 
bis höchstens 3000 Schulkindern für einen Schularzt im Nebenamt 
als angemessen erklärt haben. Die Verwaltung steht auf demselben 
Standpunkt und hält es im Interesse der Schule gelegen, wenn 
einem Schularzt möglichst nicht über 2—3 Systeme zugewiesen 
werden. 

Als Schularzt schied aus durch Tod Herr Dr. Keseberg (am 
1. Dezember 1908 gestorben); Herr Dr. Dreyer legte sein Amt 
freiwillig nieder. Beide Herren haben durch ihr verdienstliches 
Wirken sich den Dank der Schule verdient. 

Als Schulärzte traten neu ein: die Herren Dr. Marchand für 
Dr. Keseberg und Dr. Alsdorf für Dr. Dreyer. 

Schulärztliche Berichte über das verflossene Schuljahr sind 
eingelaufen von 27 Schulärzten. Sie erstrecken sich über 85 Schul¬ 
systeme und eine Kinderzahl von 54274. 

Die schulärztlichen Berichte sprechen sich über 10044 Schul¬ 
kinder aus, welche im Jahre 1908 als Schulneulinge aufgenommen 
wurden. Von diesen wurden 1110= ll°/o i Q schulärztliche Über¬ 
wachunggenommen, und zwar von 4970 Knaben 515= 10,4 °/ 0 , von 
5074 Mädchen 595 = 11,7 °/ 0 . 

Ein Vergleich dieser Zahlen mit den entsprechenden Zahlen 
anderer Städte ist ohne weiteres nicht möglich, da einmal überall 
die gesundheitlichen Verhältnisse je nach der sozialen Schichtung 
der Bevölkerung, nach ihrer Tätigkeit und den geographischen Ver- 


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Original from 

UNIVERSUM OF IOWA 



287 


hältnissen andere sind, da weiter auch jedweder absolute ärztliche 
Massstab für die Übernahme in Überwachung vorläufig fehlt. Ich 
will nur erwähnen, dass in Berlin 23°/ 0 der Schulkinder unter 
ärztliche Kontrolle gestellt wurden, in Wiesbaden 3,5°/ 0 und in 
Breslau 7,8 °/ 0 . 

Innerhalb der Stadt Cöln schwanken die Zahlen der Über- 
wacbungsschüler in weiten Grenzen, und zwar von 2,4 °/ 0 in der 
Schwalbengasse bis zu 31,0 °/ 0 in der Schule Siebachstrasse. In 
der Schule Machabäerstrasse wurden überhaupt keine Schulneulinge 
unter ärztliche Überwachung gestellt. 

In diesen weit auseinandergehenden Zahlen prägt sich zum 
grösseren Teile die Verschiedenheit der subjektiven ärztlichen Auf¬ 
fassung aus. Die höchsten Zahlen von Uber 30 °/ 0 , die in dem Vorort 
Nippes festgestcllt sind, lassen nicht ohne weiteres den Schluss 
auf den geringen Gesundheitszustand der dortigen Bevölkerung zu; 
denn in benachbarten ärztlichen Bezirken finden andere Schulärzte 
nur etwa 10°/„ Überwachungsschüler heraus, und in den Vororten 
wie Ehrenfeld und Sülz, die in gesundheitlicher und sozialer 
Beziehung nicht über den Vorort Nippes hinausragen, werden 
durchschnittlich um die Hälfte geringere Zahlen von Überwachungs¬ 
schülern angegeben. Auffälliger ist es schon, wenn bei demselben 
Arzt die Zahlen benachbarter Schulen ausserordentlich schwanken: 
hier darf man wohl eher einen Schluss auf das Schülermaterial 
selbst ziehen. So gibt derselbe Schularzt für die Schule Mainzer 
Strasse nur 3,5 °/ 0 und für die Schule Zwirnerstrasse 15,3 °/ 0 Über- 
wacbungsschüler an. Ein anderer Schularzt hatte in der Schule 
Burgunder Strasse 10,3 °/ 0 und in der Schule Pfälzer Strasse 3,8 °/ 0 
Überwachungsschüler. 

Zu Anfang des Jahres wurden vom Schularzt gelegentlich' 
seiner ersten Untersuchung im ganzen zurückgestellt :>38 Schul¬ 
neulinge = 5 °/ 0 . Auch für diese Beurteilung fehlt es leider an 
objektiven Massstäben. Die Zahlen schwanken in den einzelnen 
Schulbezirken zwischen 1 °/ 0 und 14 °/ 0 . Keine Kinder wurden zu¬ 
rückgestellt in den Schulen Deutz: Tempelstrasse, Ferdinandstrasse, 
Zollstock, Merheim, Riehl, Braunsfeld und Melaten, die 
meisten im Schulbezirk Klingelpütz mit 14 °/ 0 . Zum Vergleich sei 
noch die Zahl von Berlin angegeben, wo 8°/ 0 der Schulrekruten 
für das erste Schuljahr zurückgestellt wurden. 

Seit dem Jahre 1908 besteht bei uns die Einrichtung, dass 
zu der ersten schulärztlichen Untersuchung der Schulneulinge die 
Eltern eingeladen werden, damit sie die Schulärzte über das 
Vorleben des Kindes und die Gesundheitsverhältnisse der Familie 
soweit wie nötig aufklären können und vom Schularzt selbst nötigen¬ 
falls gesundheitliche Informationen für das Kind mitnehmen. Mehrere 


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UNIVERSITÄT OF IOWA 



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der schulärztlichen Berichte sprechen sich direkt sehr günstig über 
diese Neueinrichtung aus. Es scheint, dass sehr viele Eltern der 
Einladung zur Schule gefolgt sind. Dass mit dieser Einrichtung 
eine gewisse Mehrarbeit für die Schulärzte verbunden ist, lässt sich 
nicht leugnen. Soweit die Eitern nicht erscheinen, liegt als Unter¬ 
lage für die Beurteilung dem Schulärzte ein Fragebogen über etwaige 
frühere Erkrankungen des Schulneulings vor, der vorher den Eltern 
zugeschickt wird und auch in den meisten Fällen gut ausgefüllt 
zur Schule zurückkommt. 

Als Grund der Überwachung erscheinen in den Berichten häufig 
Skrofulöse, Bronchialkatarrh, Halsentzündungen und Hautausschläge. 
Im übrigen aber ist die Zahl der als Überwacbungsgrund angege¬ 
benen Krankheiten eine so grosse, dass sich die Aufzählung der ein¬ 
zelnen erübrigen muss. Ich erwähne nur summarisch noch Anämie, 
Skoliose, Nervenkrankheiten, Eingeweidebrücbe, Augenaffektionen, 
mangelhafte Ernährung, Geistesschwäche und Zahnkrankheiten, selbst 
Zuckerkrankheit und Geschlechtskrankheiten fehlen nicht. 

Das zusammenfassende Urteil der Schulärzte über 
den Erfolg ihrer Bemühungen fällt ausserordentlich verschieden aus. 
Mehrere Schulärzte beklagen ihre geringen Erfolge und glauben, 
dass die Dinge anders ständen, wenn sie von den Lehrpersonen in 
ihren Bemühungen bei den Eltern besser unterstützt würden; andere 
dagegen rühmen das grosse Verständnis und die Mithilfe der Lehrer 
und Lehrerinnen. Mit diesem Punkte berühren wir den schwächsten 
Teil der heutigen schulärztlichen Organisation, die im wesentlichen 
nur die Feststellung von Krankheiten, nicht aber ihre direkte 
Heilung ermöglicht. Es würde aber heute schon ohne direkte 
Scbulkliniken, wie sie bereits in anderen Städten gefordert worden 
sind, mehr erreicht werden können, wenn Schularzt und Lehrer¬ 
schaft energischer und systematischer auf die Eltern einzuwirken 
suchten. Mit schriftlichen Mitteilungen wird allerdings hier in 
manchen Fällen nichts erreicht werden können. Es wird oft schon 
eine persönliche Aussprache nötig sein. Bei den Kindern der armen 
Klassen lässt sich durch Überweisung an die Armenärzte und an 
die bestehenden poliklinischen Anstalten der gewünschte Erfolg in 
zahlreichen Fällen erreichen. Gegenüber pessimistischen Urteilen 
stehen auch ausserordentlich optimistisch gefärbte. Manche Schul¬ 
ärzte sprechen von erfreulichen gesundheitlichen Fortschritten in¬ 
folge ihrer Anregungen. 

Von allgemeinerem Interesse sind folgende Mitteilungen ein¬ 
zelner Schulärzte: 

Schule Ferkulum 40 und Severinsmühlengasse 2: Die 
Zahnklinik bedeutet für die Schulhygiene einen sehr grossen Fort¬ 
schritt. Rund 50 °/ 0 der zur Entlassung kommenden Kinder mussten 


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Original frum 

UNIVERSUM OF IOWA 



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der Zahnklinik überwiesen werden. Der allgemeine Ernährungs¬ 
zustand ist oft doch unter mittel, so dass der Beschluss der Stadt, 
den armen Kindern in grösserer Zahl warmes Frühstück zu geben, 
willkommen ist. 

In dieser Beziehung macht derselbe Schularzt ähnliche Bemer¬ 
kungen über die Schulkinder der Schule Agrippastrasse. 

Der Schularzt in dem Bezirk Waisenhausgasse und Mar¬ 
tinsfeld berichtet: Die ungünstigen und verwahrlosten häuslichen 
Verhältnisse, in denen viele Schüler und Schülerinnen dieser Schulen 
leben, erschweren die Durchführung der ärztlichen Anordnungen 
sehr, jedoch ist vor allem bei den Mädchen eine Besserung der 
Körperpflege zu bemerken. 

Schule Burgunder Strasse: Am wenigsten scheinen die 
Eltern auf die Beseitigung der hypertrophischen Mandeln Wert zu 
legen. 

Schule Apostelnkloster: Von dem Rechte der Unter¬ 
suchung der Neuaufgenommenen durch Hausärzte — wodurch die 
Untersuchung des Schularztes ausgeschlossen wird — wurde in 200 
Fällen nur dreimal Gebrauch gemacht. 

Schule Friesenstrasse: Anordnungen wurden stete befolgt, 
wenn geldliche Aufwendungen dadurch nicht bedingt waren. An¬ 
schaffungen von Brillen wurden in einzelnen Fällen verabsäumt. 

Schule Rechtschule: Ein Fall schwerer Granulöse wurde 
augenärztlicher Behandlung zugeführt. Es erfolgte Operation, und 
die vorgeschriebenen hygienischen vorbeugenden Massnahmen kamen 
zur Anwendung. Weitere Augenerkrankungen dieser Art wurden 
nicht gefunden. 

Schule Schwalbengasse: Der Bericht rühmt die Tätigkeit 
der Zahnklinik. Bei 8 Kindern wurden Operationen von Mandeln 
und Nase auf Veranlassung des Schularztes mit dem gewünschten 
Erfolge ausgeführt. 33 Kinder wurden vom Schularzt dem Augen¬ 
arzt zugeführt. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die erfolg¬ 
reichen Resultate, die durch orthopädisches Turnen unter Lei¬ 
tung eines Spezialarztes bei 3 Knaben und 63 Mädchen erreicht 
wurden. Nach Ansicht des Schularztes ist in der weiteren ortho 
pädischen Unterweisung von Lehrern und in der Herbeiziehung von 
Damen der Wohltätigkeitsvereine der Weg gegeben, ähnliche Ein¬ 
richtungen auch in anderen Schulen durcbzuführen. 

In dem Bericht über die Schule Wollküche empfiehlt der 
Schularzt, in gemeinsamer Besprechung die Gesichtspunkte für die 
Überwachung bis zu einem gewissen Grade festzulegen. 

Der Schularzt der Schule Kunibertsklostergasse und 
Eigel.stein gibt für das schlechte Aussehen vieler Kinder eine 
ungeeignete und unzureichende Ernährung an. 


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Der Schalarzt der Volksschule Stolkgasse erwähut eine 
Reihe von Fällen, in welchen die Kinder sich an den Schulen vor¬ 
beidrücken auf Grund ärztlicher Atteste, so dass der Schularzt zu 
Revisionsbesuchen veranlasst wurde, die in allen Fällen den Wieder¬ 
besuch der Schule zur Folge hatten. 

Der Schularzt für den Bezirk Siegburger Strasse B findet 
eine grosse Zahl von blutarmen und ausgesprochen skrofulösen Kin¬ 
dern. Er rechnet ca. D/g % Tuberkulöse heraus, nachdem er mit 
Einwilligung der Eltern in allen irgendwie verdächtigen Fällen die 
Pirquetsche Cutan-Reaktion vorgenommen hatte. 

Für die Schule Poll findet derselbe Schularzt einen gerin¬ 
geren Prozentsatz der überwachten Kinder gegenüber seinen anderen 
Schulen in dem ländlichen Charakter des Ortes begründet. Damit 
hält allerdings gleichen Schritt der geringere Erfolg der schulärzt¬ 
lichen Bemühungen, aa die Landleute diesen Dingen gleichgültiger 
gegenüberstehen. 

Relativ viele Lungenerkrankungen findet der Schularzt in der 
Schule Berrenrather Strasse in Sülz, und zwar bei 64 über¬ 
wachten Knaben 16 Fälle und bei 57 überwachten Mädchen 18 Fälle. 
Hier erschienen bei Untersuchung der Schulneulinge die Eltern fast 
ohne Ausnahme. Die lungenkranken Kinder befinden sich zum 
grossen Teil unter städtischer Fürsorge. Die äugen- und ohren¬ 
kranken Kinder wurden dem Schulaugenarzt und der städtischen 
Poliklinik im Bürgerhospital zur Untersuchung und Behandlung über¬ 
wiesen. 

Derselbe Schularzt findet in der Schule Münstereifeier 
Strasse bei 31 überwachten Knaben 14 sichere und 4 verdächtige 
Erkrankungen der Lunge, bei 49 überwachten Mädchen 15 sichere 
und 2 verdächtige Affektionen der Lunge. 

Eine geringere Anzahl von Lungenerkrankungen findet der 
gleiche Schularzt in der evangelischen Schule Cöln-Sülz, und 
zwar bei 55 Überwachungsfällen im ganzen 8 Fälle. 

Volksschule Lindenburger Allee: ln der Kochschule fand 
eine angebliche Vergiftung mehrerer Kinder statt. In der sofort 
vorgenommenen Untersuchung war nichts festzustellen. Die Kinder 
waren am anderen Tage alle wieder gesund. Es dürfte sich um 
eine Suggestion gebandelt haben. Auch das betreffende Geschirr 
wurde untersucht. Ein Pudding soll die Ursache gewesen sein. 

Schule Cöln-Melaten: Bei der Untersuchung der Neulinge 
erschienen die Mütter fast vollständig und waren ärztlichen Vor¬ 
schlägen gegenüber dankbar. Sie haben diese auch vielfach befolgt. 
Nur durch die Einwirkung auf die Mütter ist ein Erfolg zu erzielen. 
Bei den älteren Kindern sind die Vorstellungen des Schularztes oft 
nutzlos. 


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Gute Resultate bat bei Maudel-Hypcrtrophien der Schularzt iu 
den Bezirken Geisseist rasse, Wissmannstrasse, Barthel¬ 
strasse und GUtenbergstrasse erzielt. Eine grosse Anzahl 
wurde mit Erfolg operiert. 

Von dem Schularzt für Leyendeckerstrasse Platen- 
strasse und Nussbaumer Strasse wird in relativ vielen Fällen 
Lungenkatarrh als Grund der Überwachung angegeben. 

Der Schularzt der Volksschule Auguststrasse gibt als 
Schlussurteil an: Im allgemeinen darf man sagen, dass die ärztliche 
Kontrolle einen guten Einfluss austtbt und dazu beigetragen hat, 
die Verbindung zwischen Elternhaus und Schule inniger zu gestalten. 
Die Eltern sind überzeugt, dass die Schule sich auch der leidenden 
Kinder annimmt und dass der Schularzt sie nicht aus den Augen 
verliert. 

Schule Severinswall: Der Schularzt weist auf die Pflege 
der Fingernägel hin. Fast bei allen Schülern lässt dieselbe zu 
wünschen übrig. In der grössten Anzahl findet man lange Nägel 
mit dickem schwarzen Schmutz darunter. In einer einzigen Knaben¬ 
klasse waren die Fingernägel nahezu einwandfrei, weil der betreffende 
Lehrer strenge darauf hält. Zur Verhütung von Krankheiten hält 
der Schularzt eine hygienische Pflege der Fingernägel bei Schul¬ 
kindern für unbedingt erforderlich. 

In ähnlicher Weise äussert sich der Schularzt für Merheim. 
Er gibt die Anregung, wenigstens für die Haushaltungsschule Nagel¬ 
reiniger anzuschaffen. 

Hilfsschulen. 

Der Schularzt, welcher die sämtlichen Hilfsschulen der Stadt 
Cöln zu überwachen bat, hat als Überwachungsschüler in den ver¬ 
schiedenen Schulen 2,6 °/ 0 , 4,4o/ 0 , 5,4«/o herausgewählt. Diese 
Zahlen betreffen allerdings nicht Neulinge und sind deshalb mit den 
eingangs für die gesamten Schulneulinge genannten Zahlen nicht 
ohne weiteres vergleichbar. Bemerkenswert ist, dass er von 
405 Kindern der Hilfsschulen 21 = 5,2 °/ 0 als schlecht hörend und 
25 = 6,1 °/ 0 als schlecht sehend herausfand, während er bei den 
Volksschulen, die seiner Kontrolle unterstanden, als entsprechende 
Prozentsätze 0,7 und 3,8 °/ 0 feststellte. Es ist aber nach seiner 
Ansicht verkehrt, den weiteren Schluss zu ziehen, dass die Intelli¬ 
genzschwäche der betreffenden Kinder auf die Schwerhörigkeit 
zu beziehen sei. Er hat übrigens auch unter den Kindern der 
Hilfsschulen schwerhörige Kinder mit normaler Intelligenz gefunden, 
die einzig wegen ihrer Schwerhörigkeit dieser Schule überwiesen 
waren. 

Es findet sich in den schulärztlichen Berichten der Wunsch 


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ausgesprochen, auch in den grösseren Vororten schrittweise mit der 
Einrichtung von Hilfsschulen vorwärts zu gehen. 

An dieser Stelle sei mitgeteilt, dass die Verwaltung mit den 
Schulräten, dem Schularzt Dr. Warburg und Professor Asch affen- 
bnrg, in Verbindung getreten ist, um auf dem schwierigsten Gebiete 
der Schulen fflr Schwachbegabte nach Möglichkeit weitere Fort¬ 
schritte anzubahnen. Zurzeit schweben die Verhandlungen noch, 
so dass ein Resultat noch nicht mitgeteilt werden kann. 

Die Untersuchungen, welche die Schulärzte zweimal im Jahre 
auf ansteckende Krankheiten vornehmen, haben folgendes Gesamt 
resultat gehabt: 

a. Untersuchung au Beginn des Sommersemesters. 


Anzahl _ Zahl der Erkrankungen an 


der unter- n , 

sachten ^Krätze 1 Grind 

Granulöse Bindehauterkrankungen 

1 

ii 

| sonstigen LKuse 

| ansteckenden! 1 

Kinder | 

i i 

leichte Formen schwere Formen 

| Krankheiten || 

60000 | 

1 

41 87 

50 - | 

82 1 2505 

1 !! 


b. Untersuchung zu Beginn des Wintersemesters. 

59 836 j| 55 ]] 117 j| 42 - jj 64 y 2644 

Es liegt auf der Hand, dass die Schulärzte bei diesen stati¬ 
stischen Erhebungen nur die chronisch ansteckenden Krankheiten 
berücksichtigen können, während die Feststellungen bei akuten 
Krankheiten nach gesetzlichen Vorschriften im wesentlichen durch 
den Kreisarzt zu handhaben sind. Immerhin wird auch der Schul¬ 
arzt bei seinen Besuchen auf Erkrankungen dieser Art achten, um 
dann sofort die notwendigen Schutzmassregeln zu ergreifen; um¬ 
gekehrt darf er auch erwarten, dass im Falle gehäufter und 
wichtiger ansteckender Krankheiten ihm seitens der städtischen 
Polizeiverwaltung oder der Schule Mitteilungen gemacht werden. 

In den AusfQhrungsbestimmungen fflr die Schulen der Stadt 
Göln zu der „ministeriellen Anweisung zur Verhütung der Ver¬ 
breitung übertragbarer Krankheiten durch die Schulen“ ist daher 
angeordnet, dass, sobald die übertragbaren Krankheiten in der 
Schule oder in einer Klasse sich häufen, frühzeitig der Rat des 
Schularztes einzuholen ist. 

In welchem Umfange die ansteckenden Krankheiten unsere 
Schulkinder betroffen haben, geht aus folgenden Mitteilungen hervor. 
Es muss allerdings bemerkt werden, dass sich diese Zahlen auf 
alle Schulen, auch die mittleren und höheren Schulen, die jedoch 
nur einen geringen Prozentsatz ausmachen, erstrecken. 


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1. Zusammenstellung 

der vom 1. April 1908 bis einschliesslich 31. März 1909 erkrankten 
Schulkinder (6.—14. Lebensjahr) an übertragbaren Krankheiten. 


Krankheit 

Es er¬ 
krankten 

Daran 

starben 

Diphtherie. 

495 

33 

Scharlach. 

869 

26 

Genickstarre. 

6 

3 

Typhus. 

19 

2 

Kornerkrankheit.1 

4 

— 

Lungen- und Kehlkopftuberkulose j 


22 


2. Schulschliessungen 

in der Zeit vom 1. April 1903 bis einschl. 31. März 1909. 

1. Kinderbewahrschule Niederichstrasse 3 wegen Masern vom 
25. 5. 08 bis 3. 6. 08 (10 Tage). 

2. Schule Braunsfeld, IV. Klasse wegen Masern vom 1. 6. 08 
bis nach Schluss der Pfingstferien (11. 6. 08). 

3. Schule Braunsfeld, III. Klasse wegen Masern vom 15. 6. 08 bis 
29. 6. 08 (14 Tage). 

4. Kinderbewabrschule Leyendeckerstrasse 22/23 wegen Masern 
und Keuchhusten vom 8. 7. 08 bis 21. 7. 08 (14 Tage). 

5. Schule Balthasarstrasse 87, VII. Knabenklasse und VII. Mädchen¬ 
klasse wegen Keuchhusten vom 9. 7. 08 bis 22. 7. 08 (14 Tage). 

6. Mittlere Knabenschule II, Dagobertstrasse IX. Klasse wegen 
Masern vom 30. 7. 08 bis zu den .Herbstferien (8. 8. 08). 

7. Mittlere Mädchenschule II, Niederichstrasse, IX. Klasse wegen 
Masern und Keuchhusten vom 22. 7. 08 bis 4. 8. 08 (14 Tage). 

8. Schule Cöln-Niehl, Halfengasse 15, VII. Klasse wegen Masern 
vom 5. 8. 98 bis zu den Ferien (8. 8. 08). 

9. Mittlere Knabenschule I, Trierer Strasse, Klasse IX a wegen 
Masern und Keuchhusten vom 5. 8. 08. bis zu den Ferien 
(8. 8. 08). 

10. Mittlere Mädchenschule I, Rotgerberbach wegen Mumps vom 
17. 8. 09 bis 20. 3. 09 (3 Tage). 


Über die Schulzahnklinik berichtet der leitende Arzt derselben, 
Herr Dr. med. Zilkens, folgendes: 

In der Zeit vom 22. Mai 1908 — an welchem Tage die 
Klinik den Betrieb eröffnete — bis zum 30. April 1909 wurde die¬ 
selbe von 7022 Personen besucht, und zwar: 

Centralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXVIII. Jahrg. 20 


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6546 Kindern und 476 Erwachsenen. 

Von den Kindern waren 2852 Knaben und 3694 Mädchen, 
fast ausnahmslos Volksschüler. Die Gesamtzahl der Behandlungen 
betrug 14 943, so dass durchschnittlich auf jeden Besucher etwas 
über zwei Behandlungen kommen. 

In den meisten Fällen war es möglich, die ganze Mundhöhle 
in einen gesunden Zustand zu versetzen. Die Kinder waren bei 
freundlichem Zuspruch mit verhältnismässig wenigen Ausnahmen 
gut zu behandeln; eine ganze Anzahl kehrte pünktlich zur Halb¬ 
jahrsrevision zurück. Die letzteren Kinder, von denen anzunehmen 
ist, dass sie von einer Zahnbürste den entsprechenden Gebrauch 
machen, erhalten eine solche gratis von der Klinik verabfolgt. 
Ferner erhält jedes Kind ohne Ausnahme ein Merkblatt der Zahn- 
und Mundpflege. Es würde sich wohl empfehlen, dieses oder ein 
ähnliches Blatt ins Lesebuch einkleben zu lassen. Die Auswahl 
der zahnkranken Kinder findet in der Weise statt, dass der Leiter 
eines Schulsystems eine Aufforderung erhält, von den durch den 
Schularzt als am schlimmsten zahnkrank bezeichneten Kindern an 
einem bestimmten Tage 30—40 in kleineren Abteilungen zu ver¬ 
schiedenen Stunden zur Klinik zu schicken. Gleichzeitig wird dem 
betreffenden Schulärzte eine entsprechende Mitteilung zugesandt. 
Kinder, die Zahnschmerzen haben, werden selbstverständlich auch 
ausser der Reihe berücksichtigt. Dieser Modus hat den einen 
grossen Nachteil, dass die grösste Anzahl der Kinder mit einem 
derartig zerstörten Gebiss in Behandlung kommt, dass nichts übrig¬ 
bleibt als die Entfernung der faulenden Zabnreste. Daher sind 
unter den Behandlungen die Extraktionen an erster Stelle mit 8839. 
Füllungen wurden 2425 gelegt, davon ca */$ (709) in Zähne, die 
bereits eine mehr oder weniger vorgeschrittene Erkrankung des 
Zahnmarks aufwiesen und bei welchen eine Wurzelbehandlung vor¬ 
genommen werden musste. Im ganzen hat die Klinik nur 168 ge¬ 
sunde Gebisse zu Gesicht bekommen, d. h. solche Gebisse, in denen 
keine kranken Stellen waren, wenn auch einige Zähne gefüllt waren 
oder fehlten. 

Die Klinik fand bei der Schulbehörde sehr weitgehendes 
Entgegenkommen. Zweifellos würden ohne Zusammenarbeiten mit 
der Schule die Erfolge nur ganz gering sein, umgekehrt hat das 
grosse Interesse einiger Lehrer und Lehrerinnen für die Bestrebungen 
der Zahnklinik das schöne Resultat gezeitigt, dass aus mehreren 
Klassen 100 °/ 0 der Kinder sich haben behandeln lassen. 

Bei der zunehmenden Einsicht des Publikums von der Wichtig¬ 
keit eines gesunden Gebisses werden sich wohl auch diejenigen 
Eltern bekehren, die bis jetzt ihre Einwilligung zu zahnärztlicher 
Behandlung ihrer Kinder verweigert haben.“ 


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Über unsere Schulhäuser sprechen sich die Schulärzte in 
den meisten Fällen anerkennend aus. Es darf auch gesagt werden, 
dass die Stadt Cöln schon seit vielen Jahren alle Schulneubauten 
so einrichtet, dass sie nicht nur den gesetzlichen Bestimmungen 
entsprechen, sondern auch darüber hinaus allen irgendwie billigen 
Anforderungen genügen. Für ältere Schulen muss festgehalten 
werden, dass sich hier nicht immer gründlicher Wandel schaffen 
lässt und auch kleinere Missstände nicht genügend Anlass bieten 
können, gleich ein neues Schulbaus zu fordern. 

Die Schulärzte widmeten den baulichen Einrichtungen, der 
Frage der Heizung und Ventilation volle Aufmerksamkeit. Ihre 
Mitteilungen führten zur technischen Nachprüfung und geeigneten 
Massnahmen. 

Klagen über die Schulhöfe (Staub an heissen und trockenen 
Tagen, Verschmutzung nach regnerischen Tagen) kehren an mehreren 
Stellen wieder. Auch diesem Punkt wird beständige Aufmerksam¬ 
keit zugewendet. Versuche, die Schulhöfe zu teeren, werden iu 
grösserem Umfange aufgenommen werden. 

Der Schularzt, dem die Hilfsschulen zugewiesen sind, 
spricht den Wunsch aus, dass gerade für die Hilfsschulen besonders 
gute Gebäude und Einrichtungen geschaffen würden. Eine gemein¬ 
same Besichtigung der Hilfsschulen, welche er vorschlägt, wird 
demnächst erfolgen. 

Schulbäder. 

Die neuen Schulen der Stadt Cöln werden sämtlich mit Schul¬ 
bädern eingerichtet, so auch die im Laufe des Schuljahres 1908 in 
Benutzung genommenen Schulen: Severinswall und Piusstrasse in 
Ehrenfeld. Es werden nicht mehr grosse gemeinsame Brause¬ 
becken eingerichtet, sondern für jedes einzelne Kind kleine Brause¬ 
zellen. Dieselben haben den Vorteil, dass sie den Kindern eine 
ungenierte, gründliche Reinigung des ganzen Körpers gestatten, 
während die Brausebecken nicht nur diesen Vorteil entbehren, 
sondern den weiteren Nachteil haben, dass das schmutzige Wasser 
von einem Kinde zum anderen hingespült wird. Damit die für den 
Lehrer notwendige Übersicht Uber die Zellen vorhanden ist, 
erscheint es zweckmässig, dass die Wände derselben besonders 
nach vorn nicht zu hoch geführt werden, so dass auch von aussen 
ein Einblick möglich ist. 

Mehrere Schulärzte sprechen sich über die Benutzung der 
Bäder sehr günstig aus. Das entspricht der bisherigen Erfahrung, 
die auch von der Lehrerschaft vielfach geäussert worden ist. Es 
sind zurzeit in Cöln vorhanden 22 Volksschulbäder. Dieselben 
ermöglichen nicht nur den eigenen Systemen das Baden, sondern 


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es werden auch die benachbarten Sehulen nach einem jährlich auf¬ 
zustellenden Badeplane auf die vorhandenen Scbulbäder verteilt. 
Wenn ein Schularzt darauf binweist, dass er durch die von den 
Mädchen benutzten Bademützen eine Übertragung von Läusen nicht 
für ausgeschlossen hält, so ist bereits früher Bestimmung dahin 
getroffen worden, dass die Bademützen nach jedem Gebrauch mit 
lauwarmem Wasser abgebürstet werden sollen. Eine weitere Be¬ 
handlung derselben würde zu erheblichen Schwierigkeiten führen. 
Sie erscheint auch nicht notwendig, wie eine genaue Prüfung durch 
Sachverständige ergeben hat. 

In den letzten Jahren haben sich nicht nur hier bestehende 
Schwimmvereine, sondern auch die Stadt selbst dafür interessiert,, 
dass viele Schüler Schwimmunterricht erhalten. Der Direktor 
der städtischen Bäder berichtet darüber folgendes: 

„Eine Zusammenstellung des Ergebnisses des Jahres zeigt, 
dass sich im ganzen 22 Schulen an der Ausbildung im Schwimmen 
in der Badeanstalt Fleischmengergasse beteiligten. 

Diese entsandten zusammen 1565 Schüler, von denen in 
11 940 Lektionen 53U oder 34% zu Freischwimmern herangebildet 
wurden. 

Die besten Resultate zeigte die Schule am Ferkulum, bei 
welcher aus 43 Schülern 35 Freischwimraer, entsprechend 80% der 
Schüler, erzogen wurden. 

Demnächst folgt die Präparandenschule, bei welcher aus 
181 Schülern 133 = 75,5% zu Freischwimmern ausgebildet wurden. 

In beiden Fällen ist der direkte Einfluss der Schulleitung 
erkennbar. 

Das Gesamtergebnis der Ausbildung würde besser 
sein und die Zahl der Freischwiramer sich sicher verdoppeln, so¬ 
fern nicht nur die Schüler unter Aufsicht badeten, sondern wenn 
auch der Trockenschwimmunterricht in den Turnhallen der Aus¬ 
bildung im Wasser obligatorisch vorausginge. 

Der Cölner Schwimmverein bildete im vergangenen Jahre 
(Winter) 130 unbemittelte, die übrigen beiden Vereine (Rhenus und 
Schwimmsportklub) schätzungsweise zusammen 60—70 Schüler im 
Schwimmen aus.“ 


Turnen. 

Bekanntlich ist auf ministerielle Anregung hin schon seit zwei 
Jahren auch bei den Mädchen der drei obersten Klassen das Turnen 
eingeführt, und zwar in der ersten und zweiten Klasse mit wöchentlich 
zwei, in der dritten Klasse mit wöchentlich einer Stunde. Damit 
ist man Wünschen entgegengekommen, die unter anderem auch 
von schulärztlicher Seite häufig gestellt worden sind. Ob besondere 


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Tarn- and Übungsstanden für Kinder mit Wirbelsäulenverkrümmungen 
zweckmässig sind, ähnlich wie in Düsseldorf, darüber schweben 
zurzeit hier Verhandlungen. Es gibt unter den Aerzten auch 
Stimmen, die bei schweren Erkrankungen einen solchen durch 
ausgebildete Lehrer erteilten Unterricht nicht für erspriesslich 
halten, sondern hier eine geeignete ärztliche Behandlung vorziehen. 
Es dürfte bekannt sein, dass auch im hiesigen Bürgerhospital im 
kleineren Umfange Schulkinder ambulant an den Turnübungen der 
orthopädischen Abteilung sich beteiligen. 

In derselben Richtung bewegen sich die neueren Versuche, 
auch an den Tagen, an denen kein Turnunterricht stattfindet, Frei¬ 
übungen zur Erreichung einer guten Haltung der Schüler und 
Schülerinnen vorzunehmen. Die Herren Schulräte der Stadt Cöln 
haben diese Übungen im laufenden Sommersemester während der 
Pausen auf dem Schulhofe nach bestimmtem Übungsplane ein¬ 
geführt. 

In gesundheitlicher Beziehung wirkte wie in früheren Jahren 
ausserordentlich verdienstvoll der Cölner Verein für Ferienkolonien, 
der im genannten Jahre 400 Kinder auf drei Wochen in 15 Ferien¬ 
kolonien auf dem Lande unterbrachte. Der Verein unterhält des¬ 
gleichen 15 Milchstationen mit Ferienspielen, an denen sich 1215Kinder, 
darunter 403 zahlende, beteiligten. Vom städtischen Waisenamt 
wurden 24 Knaben mit einem Führer während der Herbstferien 
nach Brohl geschickt, 30 Mädchen mit einer Führerin gingen 
nach Oberdollendorf. Seitens der städtischen Fürsorgestelle für 
Lungenkranke wurden 46 Knaben auf sechs, beziehungsweise acht 
Wochen im St. Josephshaus in Commern, 16 Knaben auf sechs 
Woehen in Dünnwald, 69 Mädchen auf sechs Wochen in 
Schönenberg und in Vi 1 ich untergebracht. Ausserdem wurden 
drei Knaben und zwei Mädchen in das Seebad Müritz an der 
Ostsee geschickt. 

Die Armendeputation ermöglichte für 129 Kinder im Alter 
von 4—15 Jahren, die meist skrofulös waren, eine 28tägige Kur 
in Kreuznach. 

Schulspeisung. 

Bisher wurde es nur in einigen Schulen mit Geldern, die von 
privaten Wohltätern zur Verfügung gestellt wurden, im kleineren 
Umfange ermöglicht, armen Kindern in den Schulen selbst ein ge¬ 
eignetes Frühstück zu verabreichen, wozu allerdings noch die Ver¬ 
abreichung von Frühstück, Mittag- und Abendessen an arme Schul¬ 
kinder durch den Verein für Volkswohl in einer grösseren Anzahl 
von Fällen hinzukam. Es hat sich nun die Stadtverordneten- 


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Versammlung in ihrer Sitzung vom 19. Februar 1909 damit be¬ 
schäftigt und folgenden Beschluss gefasst: 

„Zur Verabreichung eines Frühstücks an Schulkinder aus be¬ 
dürftigen Familien wird für den Rest dieses Winters ein Kredit von 
8000 M. aus dem Titel ,Zur Verfügung der Versammlung', be¬ 
willigt.“ 

Über das, was in dieser Sache weiter zu geschehen hat, wird 
die Stadtverordneten-Versammlung seinerzeit beschlieBsen. 

ln der Sitzung der Gesundheitskommission vom 22. März 1907 
ist beschlossen worden, und diesem Beschluss hat sich die Schul¬ 
deputation angeschlossen, dass im hiesigen Lehrerinnenseminar und 
der Präparanden-Anstalt hygienischer Unterricht durch einen Arzt 
erteilt werden soll. Die Stadt Cöln war bereit, die Kosten hierfür 
zu tragen. Es bat aber dieser Beschluss nicht die Billigung der 
Provinzial-Schulkollegiums und auf erfolgte Beschwerde hin auch 
nicht diejenige des Ministeriums gefunden. Dagegen ist seitens 
des Ministers der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal-Angelegen¬ 
heiten uns nahegelegt worden, für die Lehrer und Lehrerinnen ge¬ 
eignete Kurse über Schulhygiene einzurichten. Es dürfte wenig 
Aussicht bestehen, diese Kurse mit grossem Erfolge ins Leben zu 
rufen, da an die Lehrer bereits heute auf vielen Gebieten, die mit 
der Schule Zusammenhängen, weitere Anforderungen gestellt werden. 
Wir müssen an der Auffassung festhalten, dass die Ausbildung in 
der Hygiene am besten in den Seminarien erfolgen kann, wo auch 
heute schon — allerdings nicht durch Ärzte — bei dem natur¬ 
kundlichen Unterricht hygienische Dinge berührt werden und an 
manchen Stellen auch besondere Kurse in der ersten Hilfe ein¬ 
gerichtet sind. 

Im laufenden Berichtsjahre fanden zwei Konferenzen der 
Schulärzte statt, und zwar am 22. April 1908 und am 26. Ok¬ 
tober 1908 unter dem Vorsitz des Berichterstatters. Es beteiligten' 
sich an denselben ausserdem die Herren Schulräte, Stadtverordneten 
Geheimrat Lent, Geheimrat Joesten, Kyll, ferner die Kreisärzte 
Dr. Meder und Dr. Schubert, Kreis-Assistenzarzt Dr. Lohmer, 
Professor Preysing und Dr. Zilkens. In der ersten Versammlung 
hielt Professor Preysing einen interessanten Vortrag über die Ohr¬ 
untersuchungen von Schulkindern. Des weiteren standen zur Ver¬ 
handlung folgende Punkte: 

Verhältnis zwischen Schularzt und Kreisarzt in schulärztlichen 
Angelegenheiten; 

Beteiligung der Schulärzte an den kreisärztlichen Revisionen;. 

Verfahren bei Beanstandung ärztlicher Atteste seitens der 
Schulen; 


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Hilfeleistung bei der ärztlichen Untersuchung von Schul¬ 
neulingen ; 

Bekämpfung der Läusekrankheit; 

Eröffnung der städtischen Zahnklinik; 

Hygienische Fortbildungskurse für Volksschullehrer durch 
Schulärzte. 

Die zweite Versammlung wurde mit einem aktuellen Vortrage 
des Schularztes Dr. Dreyer über Mikrosporie, eine neuerdings in 
mehreren Städten beobachtete Pilzerkrankung der Haare, eingeleitet. 
Es wurden dann weiter behandelt folgende Punkte: 

Feststellung der Tuberkulose durch Impfung bei Schul¬ 
neulingen ; 

Geltung der ministeriellen Bestimmungen über Verhütung der 
Verbreitung ansteckender Krankheiten durch die Schulen auch für 
Lehrer und Schüler der Fortbildungsschulen (inzwischen vom Re¬ 
gierungspräsidenten bejahend entschieden); 

die Untersuchung der Schulneulinge in Gegenwart der Eltern; 

Erfahrung bei Verwendung der Heymannschen und Cohn- 
schen Sehtafeln; 

Betrieb der Schulzahnklinik; 

Anstellung von Schul Ohrenärzten. 

Die letztere wurde nicht für erforderlich gehalten. 


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Kleine Mitteilungen. 

Deutscher Verein für öffentliche Gesundheitspflege. 

Nach einer Mitteilung des ständigen Sekretärs, Prof. Dr. Pröb¬ 
sting in Köln a. Rh., wird die diesjährige Jahresversammlung 
des Vereins in den Tagen vom 8. bis 11. September in Zürich 
stattfinden, kurz vor der am 19. September beginnenden Versamm¬ 
lung Deutscher Naturforscher und Ärzte in Salzburg. 

Folgende Verhandlungsgegenstände sind in Aussicht ge¬ 
nommen : 

1. Fürsorgestellen für Lungenkranke. 

Referenten: Hofrat Dr. F. May (München), 

Geh. Regierungsrat Direktor Pütter 
(Berlin). 

2. Konserven als Volksnahrung. 

Referent: Geh. Hofrat Prof. Dr. Schottelius 
(Freiburg i. B.). 

3. Hygiene der Heimarbeit. 

Referent: Dr. Kaup (Berlin). 

4. Die Rauchplage in den Städten. 

Referenten: Kreisassistenzarzt Dr. Ascher (Königs¬ 
berg i. Pr.), 

Oberingenieur Hauser (München). 

5. Kommunale Wohnungsfürsorge mit besonderer Berück¬ 
sichtigung der Stadt Zürich. 

Referent: Sekretär des Gesundheitswesens H. S c h a t z- 
mann (Zürich). 


Gymnasium für Reichsdeutsche in Davos. 

Die Kaiserlich Deutsche Regierung hat dem Schul Sanatorium 
Fridericianum in Davos-Platz, einem nach deutschem Lehrplan ge¬ 
leiteten Vollgymnasium mit Realabteilung, die Berechtigung zur 
Ausstellung von Zeugnissen über die Befähigung für den einjährig¬ 
freiwilligen Militärdienst verliehen. 


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Literaturbericht. 


Erster Bericht der Kommission zur Bekämpfung des Rauches in 
Königsberg. (Schriften der physikalisch-ökonomischen Gesellschaft 
1907, Heft II.) 

Die Rauchbelästigung verursacht wohl in allen Städten eine 
fortwährende Klage. Dies war in Königsberg die Veranlassung, 
dass eine Kommission, bestehend aus Vertretern des Staates, der 
Stadtverwaltung, der Gewerbe, der Technik und des Gesundheits¬ 
wesens, nämlich Kreisassistenzarzt Dr. Ascher, Gasanstaltsdirektor 
Kobbert, Oberingenieur des Dampfkesselrevisionsvereins Rolin 
und Chemiker Dr. Hurdelbrink, gebildet wurde, die untersuchen 
sollte, auf welche Art der Rauch bekämpft werden kann. Sie 
stellte folgende Punkte als Arbeitsprogramm auf: 

1. Die Untersuchung der Stadtluft in bezug auf die Ver¬ 
unreinigung durch Rauch, 

2. die Erledigung der bei der Polizei einlaufenden Beschwerden, 

3. die Aufstellung von Grundsätzen für die Verbesserung der 
Heizungen. 

Die Kommission hat in dem vorliegenden ersten Berichte 
schon zur Genüge darlegen können, dass eine Bekämpfung des 
Rauches nicht allein von Erfolg sein kann, sondern in hygienischer 
wie wirtschaftlicher Beziehung dringend nötig ist. 

Die gestellte Aufgabe wurde von den Mitgliedern der Kommission 
nach verschiedenen Gesichtspunkten behandelt. Zuerst bringt 
Dr. Ascher eine Darstellung, in welcher Weise die Luft auf ihren 
Russgehalt geprüft wurde und welche Resultate sich ergaben. In 
weiteren Abschnitten folgen vorgenommene Untersuchungen von 
Rauchentwicklungen durch Kamine von Fabriken und Grossbetrieben, 
über die Rolin berichtet, sowie von Hausfeuerungen und Klein¬ 
gewerben, die Kobbert bearbeitet hat. Bei den letzteren kamen 
insbesondere Bäckerei betriebe in Betracht. Sodann beschreibt 
Dr. Hurdelbrink die bei der Untersuchung der Luft auf Russ 
und schwellige Säure angewandten Methoden. Das Prinzip beruhte 
darauf, dass die Luft durch eine Wasserstrahlpumpe angesaugt 
wurde, und zwar zuerst durch ein Filter, auf dem sich der Russ 
ablagern konnte, dann durch eine Jodlösung als Absorptionsmittel 
für schweflige Säure und schliesslich durch eine Flasche mit Eisen- 
spähnen zur Absonderung der Joddämpfe zum Gasmesser. 


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Pro 1 cbm Luft wurde die grösste Russmenge mit 0,304 mg, 
die kleinste mit 0 mg und der grösste Gehalt an schwefliger Säure 
mit 0,541 mg, der kleinste mit 0,008 mg konstatiert. Bei einer 
Untersuchung war der Gehalt an schwefliger Säure 7,7 mg, welches 
Ergebnis aber unberücksichtigt bleiben kann, weil zur Zeit der 
Luftentnahine in der Nähe ein Koksfeuer brannte. 

Das letzte Kapitel stammt von Kobbert und ist einem Aus¬ 
blicke in die zukünftige Entwicklung der Feuerungen gewidmet. 
Es wird hier dargetan, dass durch ausgiebigere Verwendung von 
Koks und insbesondere Gas in hygienischer und wirtschaftlicher 
Beziehung das Auftreten von Rauch am besten bekämpft werden kann. 

Am Schlüsse des Referats über den Bericht der Königsberger 
Kommission bemerke ich, dass es für alle Grossstädte von grossem 
Vorteile wäre, wenn sie dem Königsberger Beispiele, den über¬ 
flüssigen Rauch energisch zu bekämpfen, bald folgen würden. Es 
könnten dadurch nicht allein manche Klagen verstummen, sondern 
viele Betriebe würden auch die pekuniären Vorteile durch Er¬ 
sparnisse infolge geringeren Verbrauchs von Brennmaterial bald 
geniessen. Herbst (Cöln). 

Roth, L&ndliohe Hygiene. (Klin. Jahrb. 1908, Bd. 20, H. 2.) 

Soweit Verf. in der eingehenden Bearbeitung des Themas 
die Tuberkulose behandelt, ist sein Standpunkt der, dass er für 
eine erfolgreiche Bekämpfung der Tuberkulose auf dem Lande die 
Zentralisierung der Bekämpfungsmassnahmen durch Errichtung von 
Kreisauskunfts- und Fürsorgestellen zur Voraussetzung ansieht; 
sämtliche WohlfahrtBbestrebungen sind zu einem Kreiswohlfahrts- 
verein zusammenzufassen; nach Bedarf sind weitere lokale Fttr- 
sorgestellen anzugliedem. Es ist ein ausgebildetes Pflegepersonal 
bereitzustellen. In allen grösseren Ortschaften sind unter Mit¬ 
wirkung vom Roten Kreuz, der Landesversicherungsanstalten, der 
Krankenkassen usw. Gemeindepflegestationen einzurichten, die in 
dünn bevölkerten Gegenden mit den notwendigsten Krankenpflege- 
gerätBChaften auszurüsten sind. Da auch die Fürsorgestellen für 
Tuberkulöse an diese Gemeindepflegestationen anzuschliessen sind, 
erscheint es dringend wünschenswert, dass bei der Errichtung 
ländlicher Gemeindehäuser (Kinderheime, Volksbibliotheken u. a.) 
darauf Bedacht genommen wird, dass sie zukünftig durch Auf¬ 
nahme der Fürsorgestellen für Tuberkulöse, Impfraum, Volksbad 
u. ä. zu einem Mittelpunkt der ländlichen Hygiene werden. Das 
Desinfektionswesen muss einheitlich geregelt sein; alle amtlich 
angeordneten Desinfektionen, namentlich die Schlussdesinfektionen, 
müssen unentgeltlich ausgeführt werden. Auf die Anstellung vor¬ 
gebildeter Schulärzte ist zunächst in den grösseren Ortschaften 


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Bedacht za nehmen. In dem schulärztlichen Programm muss die 
Tuberkulosebekämpfung eine grössere Berücksichtigung finden als 
bisher. Die Überweisung schwächlicher und skrofulöser Kinder 
in die Heilstätten und Seehospize bleibt am besten der charitativen 
Vereinstätigkeit überlassen. Mühlschlegel (Stuttgart). 

Most, Über die Entstehung, Verhütung und Behandlung der Hals- 
drüsentuberkulose. (Berl. klin. Woch. 1909, Nr. 3.) 

Diese Erkrankung ist nächst der Lungentuberkulose die häu¬ 
figste Ausdrucksform der Tuberkulose und dürfte in dem grossen 
Bekämpfungsplan eine bessere Berücksichtigung finden. Ihre Ur¬ 
sache liegt in einer Infektion der Quellgebiete jener Drüsen, bei 
denen sich verschiedene Gruppen unterscheiden lassen. Nach Moste 
Erfahrungen und Untersuchungen bei 60 operierten Fällen erkranken 
am häufigsten diejenigen Drüsengruppen, die ihr Quellgebiet im 
lymphatischen Rachenring und besonders in der Gauraentonsille, 
ferner in den Schleimhäuten der vorderen Gesichtspartien haben, 
während Zähne, Alveolen, Naseninneres und die andern Schleim¬ 
hautpartien wenig in Betracht kommen. Durchweg fehlte jedoch 
jegliche spezifische Veränderung an der Eintrittsstelle des Keims. 

Die prophylaktischen Massnahmen haben vor allem den Zu¬ 
tritt der Infektionskeime zu den Infektionsherden zu verhindern 
oder dieselben dort noch zu zerstören. Die erste Aufgabe ist eine 
allgemein hygienische und beruht auf der Tatsache, dass der Über¬ 
tragungsweg von Mensch zu Mensch oder vom Tier auf den Men¬ 
schen führt. Demnach hat der Phthisiker für die Sammlung seines 
Auswurfs, für die peinlichste Reinlichkeit seines Körpers und seiner 
Kleidung und für vorsichtigen Umgang mit seinen Mitmenschen, 
besonders mit der Familie, bedacht zu sein. Die Kinder müssen 
sauber gehalten und an Sauberkeit gewöhnt werden, um eine 
Kontakt- und Schmierinfektion zu vermeiden. Die Herkunft der 
Milch ist zu prüfen, bzw. die Milch zu kochen. Die zweite Auf¬ 
gabe, die Zerstörung des angenommenen Tuberkelkeims, betrifft 
hauptsächlich die Fürsorge beim Kinde. Verdächtige Entzündungen 
und die sog. skrofulösen Ekzeme an Mund, Nase und Augen müssen 
bekämpft werden; Rachenerkrankungen, zumal vergrösserte Man¬ 
deln, müssen beachtet und behandelt und nötigenfalls entfernt 
werden. 

Kommt es zur sichtbaren Drüsentuberkulose, so hat die kon¬ 
servative oder operative Therapie einzutreten. 

Mühlschlegel (Stuttgart). 

Harra«, Zur Prophylaxe der Lungentuberkulose. (Münch, med. Woch. 
1908, Nr. 45.) 

Schon Ende der 60 er Jahre des vorigen Jahrhunderts machte 


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W. A. Freund zuerst darauf aufmerksam, dass eine häufig zu 
beobachtende abnorme Kürze der Knorpel des ersten Rippenpaares 
zu einer Stenose der oberen Brustapertur führt, die eine Ein¬ 
schnürung und Kompression der Lungenspitzen des Erwachsenen 
und damit eine mechanische Schädigung des Spitzengewebes 
bedingt. Ausserdem bewirkt die Knorpelkürze eine funktionelle 
Störung des ersten Rippenringes, weil der verkürzte Knorpel der 
Rippenhebung beim Einatmen einen grösseren Widerstand ent¬ 
gegensetzt als der normal lange. Diese Veränderungen beruhen 
auf einer erblichen Anlage, kommen aber gewöhnlich erst im Pu¬ 
bertätsalter zur Ausbildung. Sie bedingen die lokale Dispo¬ 
sition der Lungenspitzen zur Tuberkulose. 

Daraus ergibt sich, dass wir zukünftig nicht nur den Kampf 
gegen die Tuberkulose und gegen die allgemeine konstitutionelle 
Disposition, sondern in gleicher Weise gegen die lokale Disposi¬ 
tion zu führen haben. Wenn wir nicht imstande sind, die durch 
angeborene Anlage bedingten anatomischen Aperturveränderungen 
zu verhüten oder zu beseitigen, so können wir doch die daraus 
resultierenden funktionellen Störungen günstig beeinflussen. Es 
wird vor allem für genügende Aufklärung der Haus- und Schul¬ 
ärzte, sowie der Lehrer und Eltern Sorge zu tragen sein. Wo 
immer sie beginnende Flachbrüstigkeit, auffallend lange, schlanke 
Brustkorbformen, geringe Hebung der oberen Brustpartien bei 
tiefer Atmung bemerken, haben sie durch systematische Atem¬ 
übungen für Kräftigung der Einatmungsmuskeln, besonders der 
Aperturheber zu sorgen, — eine Forderung, der schon ganz allgemein 
im Turn- und Gesangunterricht Rechnung getragen werden sollte. 
So gekräftigte Muskeln werden eher die der Rippenhebung sich 
entgegenstellenden Widerstände zu überwinden und eine bessere 
Lüftung der gefährdeten Lungenspitzen zu sichern vermögen. Ganz 
besonders ist bei solchen Kindern die prophylaktische Massregel 
angebracht, die rachitische Erscheinungen aufweisen oder eine 
nachlässige Körperhaltung haben. Die prophylaktische Ausführung 
der operativen Durchtrennung der Aperturknorpel dürfte der Zu¬ 
kunft Vorbehalten sein. Müh Ischlegel (Stuttgart). 

Hart, Die Disposition der Lungenspitzen zur tuberkulösen Phthise 
und das Lokalisationsgesetz des ersten tuberkulösen Lungen¬ 
herdes. (Münch, raed. Woch. 1909, Nr. 3.) 

Das Fundament aller neueren Untersuchungen über diese 
Frage ist die Freundsche Lehre von der Stenose der oberen 
Thoraxapertur. Auch Verf. hat seit Jahren an mehreren hundert 
Phthisikerleichen wie auch an lebenden, phthisisch veranlagten, 
nicht erkrankten Personen Untersuchungen vargenommen und zu- 


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nächst festgestellt, dass neben der abnormen Kürze der ersten 
Rippenknorpel entweder isoliert oder mit dieser kombiniert eine 
rudimentäre Entwicklung der ersten Rippe selbst vorkommt, die 
sicher eine primäre, angeborene Anomalie darstellt Die Apertur 
muss natürlich infolge dieser Veränderungen mehr oder weniger 
stenosiert werden, für gewöhnlich nicht allgemein, sondern so, dass 
die querovale Form in eine gradovale, in jeder Einsicht an die 
phylogenetisch tiefstebende Aperturform der Säugetiere erinnernde 
übergeht, wodurch die paravertebralen Ausbuchtungen räumlich 
beengt und somit auch die Luftzufuhr, die Blut- und die Lympb- 
zirkulation gqjiemmt werden. 

Die Stenose und Funktionshemmung der oberen Thoraxapertur 
schafft in den Lungenspitzen eine individuelle Disposition für die 
„aerogene, hämatogene und lymphogene“ tuberkulöse Infektion. 
Es ist nicht nur eine günstige physikalische Gelegenheit zur An¬ 
siedlung der Tuberkelbazillen gegeben, sondern mit der Schädigung 
des Gewebes entsteht ein günstiger Nährboden, in welchem die Ba¬ 
zillen sich vermehren und ihre verheerende Wirkung entfalten 
können. 

Der Endausgang des Existenzkampfes zwischen Tuberkel¬ 
bazillen und Gewebszellen ist in allen Fällen abhängig von der 
Schädigung des Lungenspitzengewebes. Da nun die Blutzirkulation, 
durch welche das Gewebe ernährt wird, sowohl direkt durch den 
auf dem Gewebe lastenden Druck als auch indirekt durch die Be¬ 
einträchtigung der Ventilation bei einer Stenose und Funktions¬ 
störung der Apertur geschädigt ist, bleibt in letzter Hinsicht die 
Widerstandskraft des Gewebes und der Endausgang des Kampfes 
abhängig von den mechanischen Verhältnissen der oberen Thorax¬ 
apertur. Mühlschlegel (Stuttgart). 

Schlossmann, Die Tuberkulose als Kinderkrankheit. (Münch, ined. 

Woch. 1909, Nr. 8.) 

„Die Tuberkulose ist eine Kinderkrankheit, die in der Kind¬ 
heit erworben, in der Kindheit verhütet, in der Kindheit behandelt 
und in der Kindheit geheilt werden muss.“ Sie ist aber auch eine 
Proletarierkrankheit; denn das Proletarierkind ist in ungleich hö¬ 
herem Masse gefährdet, bietet der Infektion ungleich breitere An¬ 
griffsflächen dar. Die Besitzenden erkranken später nur deshalb 
seltener an der Tuberkulose, weil sie als Kind vor der Infektion 
bewahrt geblieben sind. Die diagnostische Verwendung des Tuber¬ 
kulins gibt uns die einzig zuverlässige Handhabe, diejenigen Kin¬ 
der, die die Kinderkrankheit Tuberkulose haben, von denen zu 
scheiden, die glücklich davon verschont geblieben sind. 

Müh Ischlegel (Stuttgart). 


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Laub, Klinisch-statistischer Beitrag zur Frage der lateralen Kor¬ 
respondenz zwischen Kehlkopf- und Lungentuberkulose und zur 
Frage, auf welchem Wege die Tuberkulose in den Kehlkopf 
eindringt. (Areh. f. Laryng-, 1908, Bd. 21, H. 1.) 

Nach den Untersuchungen des Verf. in einer Lungenheil¬ 
stätte fand sich bei 1880 Lungenkranken in 6,1 °/ 0 Kehlkopftuber¬ 
kulose vor, wovon 53,5 °/ 0 einseitige und 27,2 °/ 0 doppelseitige 
Fälle waren. Von den einseitigen korrespondierten 57,4 °/ 0 mit 
<ler Lungenseite. Von allen Kehlkopftuberkulosen waren 30,6 °/ 0 
einseitig und zugleich korrespondierend, 22,8 °/ 0 gekreuzt. Es geht 
daraus hervor, dass die Korrespondenz zwischen Kehlkopf- und 
Lungentuberkulose als Regel nicht zu betrachten ist* 

Die weiteren Untersuchungsergebnisse rechtfertigen die An¬ 
nahme, dass die Infektion des Kehlkopfs bei einem Lungenkranken 
vorwiegend durch das bazillenhaltige Sputum zustande kommt, 
ferner dass die Schwere der Lungenerkrankung, hauptsächlich 
aber das Vorhandensein eines bazillenhaltigen Lungensputums für 
die Pathogenese der Larynxtuberkulose von grosser Bedeutung ist. 
Während die Metallstaubeinatmung in viel höherem Prozentsatz 
zur Entstehung der Kehlkopftuberkulose beitrug als zur Lungen¬ 
tuberkulose, verhielt sich dies bei Einatmung von vegetabilischem 
Staub umgekehrt. Es sind demnach alle Einflüsse, welche eine 
direkte Schädigung der Kehlkopfschleimhaut verursachen, geeignet, 
bei einem Lungenkranken zur Entstehung einer Kehlkopftuber¬ 
kulose zu disponieren. Mühlschlegel (Stuttgart). 

Bericht der belgischen Kommission über die Massnahmen gegen 
die Gefahr der Ansteckung mit Tuberkelbazillen durch infizierte 
Milch. (Tuberculosis 1908, Vol. 7, Nr. 8.) 

Von einer unter dem Vorsitz von Prof. Heymans in Gent 
zusammengetretenen Kommission wurden drei Berichte ausgear¬ 
beitet: 1. über die geltenden Anschauungen bezüglich der Gefahr 
der Tuberkuloseverbreitung durch die Milch; 2. über die Zustände 
bei der Gewinnung, Aufbewahrung und dem Vertrieb der Milch; 
3. über die Regelung des Milchhandels im In- und Ausland. Aus 
diesen Berichten werden folgende Schlüsse gezogen: 

1. Der Mensch kann durch den Rindertuberkelbazillus und 
mithin auch durch die Milch tuberkulöser Kühe infiziert werden; 
ein tuberkulöser Mensch kann seinerseits die Milch, mit der er zu 
tun hat, infizieren. 2. Die Zustände bei der Milchgewinnung und 
dem Vertriebe sind mangelhaft und scbliessen Tuberkuloseüber¬ 
tragung nicht aus. 3. Es gibt bisher weder in Belgien noch im 
Auslande (abgesehen von einigen spärlichen Ausnahmen) eine ge¬ 
setzliche Regelung des Milchhandels, die einen wirksamen Schutz 
vor der Ansteckung durch tuberkelbazillenhaltige Milch bietet. 


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Die Kommission hat daher für notwendig erachtet, dass: 1. die 
Tuberkulinprobe der Kühe, deren Milch zum Verkauf bestimmt ist, 
eingeführt wird; 2. die Milch regelmässig bakteriologisch auf Tu¬ 
berkelbazillen untersucht wird; 3. die an Eutertuberkulose er¬ 
krankten Tiere sofort getötet werden, und 4. Massregeln zur Ver 
besserung der Stallhygiene und der Sauberkeit des Personals in 
Anwendung kommen. 

Die Durchführung dieser Massnahmen sollen besonders die 
kommunalen Behörden auf sich nehmen. Der Milchhandel soll kon¬ 
zessioniert werden, jedesmal für ein Jahr, die Konzession abhängig 
sein von der Einhaltung der Vorschriften, und beim Befund von 
Tuberkelbazillen entzogen werden. Die Tuberkulinproben sollen 
auf Staatskosten vorgenommen werden, ebenso später allenfalls die 
Schutzimpfung, sobald es eine anerkannte und sichere Methode gibt. 

Mühlschlegel (Stuttgart). 

Smit, Über das Vorkommen von Tuberkelbazillen in der Milch und 
den LymphdrOsen des Rindes. (Centralbl. f. Bakteriol. 1909, Bd. 49, 
H. 1.) 

Die Milch von Rindern, die an chronischer Tuberkulose lei¬ 
den, aber gesunde Euter haben, enthält Tuberkelbazillen nicht oder 
nur sehr selten. Die Milch ist auf die Weise, wie sie gewöhnlich 
gewonnen wird, sehr leicht Verunreinigungen ausgesetzt. Diese 
Verunreinigung kann das Vorkommen von Tuberkelbazillen ver¬ 
anlassen, indem letztere bei offener Tuberkulose aus allen natür¬ 
lichen Körperöffnungen des Tieres ausgeschieden werden können. 
Es muss deshalb für peinlichste Reinlichkeit im Stalle Sorge ge¬ 
tragen werden. Rinder mit offener Tuberkulose müssen entschieden 
aus dem Stall entfernt werden. Rinder, die durch das Tuberkulin 
als tuberkulös diagnostiziert werden und nicht fortwährend einer 
scharfen klinischen Beobachtung unterworfen werden können, sind 
aus dem Stalle zu entfernen und in einem besonderen Stall unter¬ 
zubringen ; ihre Milch muss immer für verdächtig gehalten werden. 
Wenn man bei dem gegenwärtigen Stand der Hygiene bestimmt 
tuberkelbazillenfreie Milch fordert, ist die Milch vor dem Genuss 
zu kochen. Mü bl sc hl ege 1 (Stuttgart). 

Eber, Über den Tuberkelbazillengehalt der in Leipzig zum Ver¬ 
kauf kommenden Miloh und Molkereiprodukte. (Wiener klin. 
Woch. 1908, Nr. 34.) 

In der Milch, die den Gross- und Kleinhändlern entnommen 
war, wies Verf. 10 °/ 0 , in der Butter 12 °/ 0 , in der Sahne 6 °/ 0 und 
im Quark 4 °/ 0 Tuberkelbazillen durch das Tierexperiment nach. 
Er fordert daher eine gesetzliche Regelung der Milchkontrolle und 


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der daraus gewonnenen Produkte. Diese Forderung ist um so 
dringender, als im Publikum die Gefahr der Infektion von dieser 
Seite in den letzten Jahren unterschätzt wurde. Die Fleischbeschau 
ist in Deutschland geregelt, die sanitäre Überwachung des Milch¬ 
konsums bedarf noch der Aufnahme in das Reichsseuchengesetz. 

Mühlschlegel (Stuttgart). 

Becker, Gesundheitspolizeiliche Massnahmen gegen Tuberkulose 
in Massenquartieren. (Vierteljahrschr. f. gerichtl. Med. 1908, H. 3.> 

Verf. bespricht zuerst die allgemeinen Massnahmen. Um 
gesunde Wohnungen zu schaffen, muss ein staatliches Wohnungs¬ 
gesetz erlassen werden, welches in grossen Zügen Bestimmungen 
über Städteanlage, Wasserversorgung usw. gibt und Mindestmasse- 
für Strassenbreite, Licht und Luftraum in den Wohnungen vor¬ 
schreibt, zugleich alle Gemeinden zur Aufstellung hygienischer 
Bauordnungen in einer gewissen Frist zwingt. Der Luftraum in 
Massenquartieren soll wenigstens 10 cbm, die Zimmerhübe wenigstens 
2,5 m, die Grundfläche für jedes Bett 5 qm, die Fensterfläche 
wenigstens 1 / 12 der Fussbodenfläche betragen; auf je 10 Erwachsene 
soll 1 Wasserentnahmestelle und 1 Wasserklosett kommen. 1 m 
hoch über dem Boden sind Auswurfbehälter aus Zinkblech anzu¬ 
bringen. Zur Kontrolle der Massnahmen gegen Tuberkulose ist 
allgemein eine Wohnungsaufsicht einzuführen. Die Polizei muss 
das Recht haben, grobe hygienische Missstände auf Kosten des 
Hausbesitzers abändern zu lassen. Notwendig ist eine genaue 
Wohnungsstatistik. Eine Erweiterung des gesetzlichen Desinfek¬ 
tionszwanges etwa auf alle Erkrankungen an Tuberkulose emp¬ 
fiehlt sich nicht. Die Anzeigepflicht ist auf alle Fälle auszudehnen, 
die infolge vorgeschrittener Erkrankung oder ungünstiger häus¬ 
licher Verhältnisse ihre Umgebung gefährden; jedenfalls müssen 
solche vorgeschrittene Kranke aus Massenquartieren entfernt und 
erforderlichenfalls zwangsweise in Heilanstalten untergebracht wer¬ 
den. Sind Kinder in den Quartieren, so müssen entweder, diese 
oder die tuberkulösen Erwachsenen entfernt werden. Alle Organe 
der Behörden haben auf die Massen belehrend zu wirken. 

Verf. geht sodann näher ein auf die Massnahmen, die in be¬ 
sonderen Massenquartieren zu treffen sind, wie Schlafstellen, Her¬ 
bergen, Freradenlogis, Lokale, Hotels, Arbeitsstätten, Fabriken, 
Bureaus, Kaufhäuser, Gefängnisse und Strafanstalten, Pflegeanstalten, 
Erziehungsanstalten, Massenquartiere im Verkehrswesen, auf Eisen¬ 
bahnen und Schiffe. Sie alle laufen in erster Linie darauf hinaus, 
dass verdächtige Reisende, Angestellte, Kinder, Gefangene u. a. 
untersucht und, falls sie tuberkulös befunden sind, entfernt werden. 
Die Besitzer von Herbergen, Wirte usw. und ihre Familien müssen 


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ebenfalls frei von Tuberkulose sein. In Schulen und Anstalten 
ist der theoretische Unterricht nachmittags abzuschaffen. 

Müblschlegcl (Stuttgart). 

Holländer, Zur planmftssigen Lupusbek&mpfung in Deutsohland 

(Berl. klin. Woch. 1908, Nr. 50.) 

Durch die Lupuszählung vom 1. November 1908 ist endlich 
der erste offizielle Schritt zu einer planmässigen Bekämpfung getan. 
Und diese ist erforderlich. Denn trotz der vollständig veränderten 
wissenschaftlichen Situation, trotz der gegen früher erheblich ge¬ 
steigerten Heilmöglichkeit hat sich die Lage für die Erkrankten 
nicht in dem Masse geändert, dass man von einem generellen Er¬ 
folge in volksbygienischer Beziehung sprechen kann. Eine präzise 
numerische und gleichzeitig geographische Festlegung des Lupus¬ 
bestandes an einem Tage ist sehr wichtig. In der Provinz Schle¬ 
sien hat Neiss er bereits 709 Lupuskranke gezählt. 

Die Lupösen sind in Wirklichkeit moderne Sondersieche. 
Das Tragische ihrer Krankheit liegt darin, dass sic arbeitsunfähig 
werden aus sozialen Gründen. Denn in der Überzahl der Fälle 
drückt die Krankheit ihre widerliche Marke für Jahrzehnte mitten 
ins Gesicht, ohne zu töten, aber um sie aus der menschlichen Ge¬ 
sellschaft, aus Herbergen, aus den Verkebrseinrichlungen, aus dem 
Bad, ja selbst aus dem Krankensaal auszustossen. 

Die komplizierten Verhältnisse der schwierigen, aber aus¬ 
sichtsvollen Therapie drängen dazu, die Behandlung der Lupus¬ 
kranken in Heilstätten zu monopolisieren. Dem Verf. erscheint 
es indes beinahe aussichtslos, genügende Heilstätten mit passendem 
ärztlichen Personal und voller Ausrüstung neu zu gründen, eher 
in der einen oder anderen Anstalt einer Provinz einen Raum (Zen¬ 
trale) zur Aufnahme einer kleinen Anzahl zu schaden, die operativ 
behandelt werden muss. Die Masse der Lupuskranken denkt sich 
Verf. detachiert in einer Heimstätte, als der Stelle der Nach¬ 
behandlung, in erster Linie auch der Lichtbehandlung, die sehr 
wohl von geschulten Laien ausgeführt werden kann. In regel¬ 
mässigen Zeiträumen werden alle Lupuskranke aus der Heimstätte 
der Zentrale vorgeführt. Zur Unterhaltung der Heimstätten lässt 
sich passenderweise die sonst brachgelegte Arbeitskraft der Lu¬ 
pösen benützen — gewissermassen eine Gesellschaftsgründung zum 
Zweck der Ausheilung der für die Gesellschaft arbeitenden Mit¬ 
glieder. Mühlschlegel (Stuttgart). 

Escherich, Was nennen wir Skrofulöse? (Wien. klin. Woch. 1909, 
Nr. 7.) 

Schon vor dem Auftreten der ersten skrofulösen Erscheinungen 

Centralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXVIII. Jahrg. 21 


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zeigen die Kinder die Merkmale der unter dem Namen des Status 
lymphaticus bekannten Konstitutionsanomalie, die auch während 
der ganzen Krankheitsdauer nachweisbar bleiben. Die Infektion 
mit Tuberkelbazillen führt zur Bildung eines äusserlicb zumeist 
nicht erkennbaren, abgekapselten tuberkulösen Krankheitsherdes. 
Als weitere Folge entwickelt sich der allergische Zustand, der bei 
diesen Kindern zu einer besonderen Vulnerabilität und "Überempfind¬ 
lichkeit der Integumente gegen äussere Schädlichkeiten, insbeson¬ 
dere gegen kleinste Mengen von Tuberkulotoxin führt, die viel¬ 
leicht in den Sekreten enthalten sind. Als Folge derselben ent¬ 
wickeln sich die skrofulösen Oberflächenkatarrhe, Skrofulide, welche 
das pathognomische Merkmal der Skrofulöse darstellen. Erst später 
kommt es auf lympho- oder hämatogenem Wege zur Entstehung 
metastatischer bazillärer Herde und damit zum Bilde der lokali¬ 
sierten oder generalisierten Tuberkulose. 

Als Skrofulöse im modernen Sinne des Wortes wäre also nur 
die auf dem Boden der lymphatischen Konstitution entstandene 
und durch die Neigung zu Oberflächenkatarrhen charakterisierte 
Form der infantilen Tuberkulose zu bezeichnen. 

Mühlschlegel (Stuttgart). 

Bluhm, Die Stillungsnot, ihre Ursachen und die Vorschläge zu 
ihrer Bekämpfung. [Eine kritische Übersicht.] 

Dies Buch wird allen denen willkommen sein, die an dem 
Werke, dem Kinde seine natürliche Nahrung zu sichern, mitarbeiten. 
Mit grossem Fleiss hat die Verfasserin ein umfangreiches Zahlen¬ 
material zusammengebracht. Sie führt Statistiken aller Art an, 
um festzustellen, ob tatsächlich eine Stillungsnot herrscht, wie diese 
sich in den einzelnen Gegenden Deutschlands beobachtet darstellt, 
usw. Aus all diesem Zahlenmaterial empfängt man aber vor allen 
Dingen den Eindruck, dass es unvollkommen ist, freilich nicht durch 
die Schuld der Verfasserin; jede Einheitlichkeit fehlt. Die eine 
Statistik ist hervorgegangen aus einer Zählung der Brustkinder 
unter allen Kindern unter 15 Jahren in einer Klinik; die andere 
durch Zählung der Brustkinder unter den Erstimpflingen. Erstere 
wird, da die Brustkinder mehr Aussichten haben heranzuwachsen, 
selbstverständlich viel günstiger für die Stillhäuflgkeit lauten, wie 
letztere. Es drängt sich der Wunsch auf, diejenigen möchten 
das Buch lesen, die durch ihren Einfluss eine möglichst sichere 
Statistik der stillenden Mütter veranlassen können, um festzustellen, 
ob die Fähigkeit zu stillen tatsächlich im Abnehmen ist, wie die 
Verfasserin annimmt, oder nicht. Die Verfasserin meint bei der 
nächsten Volkszählung sollte mit diesen Feststellungen begonnen 
werden. Auf diese Weise würde es freilich erst 1915 vergleichendes 


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Material geben. Mir scheint der Versuch möglich, bei den Erst¬ 
impfungen und unter Zuzählung der Todesfälle der Brustkinder 
bis zu einem Jahr, schon bald eine Statistik zu bekommen, die 
Vergleiche ermöglicht, falls Impfärzte und Standesämter des ganzen 
Deutschen Reiches zu den nötigen Zählungen veranlasst würden. 
Die Verfasserin sucht den Zahlen Leben zu geben dadurch, dass 
sie für die einzelnen Landesteile die Gründe der Stillunfähigkeit 
zu erforschen sucht. 

Als Ergebnis ihrer Untersuchung dieses Zahlenmaterials gibt 
die Verfasserin an, dass ein Drittel aller deutschen Mütter ihre 
Kinder überhaupt nicht, ein Drittel unzureichend, ein Drittel aus¬ 
reichend stillen. Wieweit dieses erste Drittel nun aus sozialen, 
körperlichen oder egoistischen Gründen nicht stillte, lässt sich 
auch aus dem vorliegenden Buch nicht ersehen. Aus einer 
Statistik von Martin über die Erfolge Walchers in der Stutt¬ 
garter Landeshebammen schule (S. 14) scheint hervorzugehen, dass 
eine durch Degeneration verursachte Stillunfähigkeit nicht so häufig 
der Grund des Nichtstillens ist. Selbst wenn diese Erfolge etwas 
forcierten Versuchen zu danken sind, so sind sie immerhin vor¬ 
handen. Freilich gibt es stets eine Anzahl Frauen, deren Körper 
die Fähigkeit zu stillen nicht besitzt. — Die Verfasserin sucht 
wohl mit Recht den Hauptgrund des Nichtstillens in den sozialen 
Verhältnissen. Mancherlei Vorschläge sind gemacht,. um der 
arbeitenden Frau das Stillen zu ermöglichen, aber wenige dieser 
Wege sind gangbar. So lange die Verhältnisse die Frau zwingen, 
ausser dem Hause Arbeitsverdienst zu suchen, so lange werden 
auch ihre Kinder überwiegend auf künstliche Ernährung angewiesen 
sein. Und was endlich die Frauen betrifft, die aus egoistischen 
Gründen nicht nähren wollen, so müssten diese, wie auch die Ver¬ 
fasserin mit Recht fordert, durch Ärzte und Hebammen in ernster 
Weise belehrt werden, welche Unterlassungssünde sie begehen, 
wenn sie ihr Kind nicht stillen. Wir leiden zurzeit noch darunter, 
dass der Fortschritt, den die künstliche Ernährung gemacht hat, 
überschätzt wird. Vielfach ist die Meinung verbreitet, eine sorg¬ 
fältige künstliche Ernährung wäre der natürlichen gleichwertig. 
Eine Änderung darin müssen die Ärzte und Hebammen herbei¬ 
führen, vor allem durch Ermutigung und Beratung der Mütter. 
Die Verfasserin erwartet von einer Erziehung der Mädchen in 
freier Luft, bei Spiel und Sport eine Zunahme der stillenden Mütter. 
Die körperliche Fähigkeit des Stillens wird sicherlich dadurch ge¬ 
hoben, aber so sehr wir den Mädchen die Freiheit gönnen, darf 
nicht vergessen werden, dass das Stillen eine erhebliche Be¬ 
schränkung der persönlichen Freiheit bedeutet und vor allem einen 
pflichtgetreuen Menschen erfordert. Diese Beschränkung der per- 


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sönlichen Freiheit würde sich allerdings wesentlich verringern, 
wenn sich die namentlich in den oberen Ständen bestehenden An¬ 
sichten, dass das Stillen ein Geschäft sei, welches ungesehen zu 
verrichten sei, änderten. Zurzeit hat eine stillende Mutter auf 
den grössten Teil aller Geselligkeit, über deren Wert die Meinungen 
stets geteilt bleiben werden, zu verzichten. Wenn sich unsere 
Anschauungen erst dahin geändert haben, dass das Stillen gänzlich 
aus der Sexualsphäre entfernt ist, und eine Mutter beinah überall 
Gelegenheit hat, ihr Kind zu stillen ohne Anstoss zu erregen, wird 
sich die Zahl der stillenden Mütter sicher bedeutend heben. 

Ada Lent. 

Bndres, Über Wobnungsdeeinfektion mit Autan. (Hvg. Rundschau 
XVIII (1908), Nr. 24.) 

In Stuttgart ist auf Betreiben des dortigen Stadtarztes 
Dr. Gastpar die Autandesinfektion offiziell eingeführt worden. 
Die amtlichen Desinfektionen werden fortlaufend durch ausgelegte 
Testobjekte kontrolliert. 24 stündige Bouillonkulturen von Anthrax, 
Diphtherie, Pyocyaneus, Streptokokken und Typhus werden, an Lein¬ 
wand- und Filtrierpapierstreifen angetrocknet, zuje fünf in Petrischalen 
verteilt. Je zwei Petrischalen (eine mit Leinwand und eine mit 
Filtrierpapierstreifen) werden von den Desinfektoren bei der 
Wohnungsdesinfektion auf dem Boden bzw. in Tischhöhe aufgestellt 
und im Laboratorium auf Peptonwasser verimpft. 

Kontrolliert wurden 592 Wohnungsdesinfektionen mit 15660 
Testobjekten. Bei 366 Desinfektionen waren alle Testobjekte steril, 
bei 226 einzelne (bis zu 10, 12, 15, 16) Testobjekte nicht steril. 
Zur Erklärung der fehlerhaften positiven Resultate nimmt Verf. 
zu frühzeitiges Eintreten der Reaktion infolge Benutzung feuchter 
Gefässe an. Von den auf Leinwand angetrockneten Testobjekten 
war die Zahl der positiven grösser als bei den auf Papier an¬ 
getrockneten. 

In Tischhöhe waren die Resultate stets etwas günstiger als 
auf dem Boden. Unbestreitbar sei die Wirkung des Autans am 
Boden eine geringere. (Infolge des langsamen Absinkens der 
Dämpfe und der etwas geringeren Temperatur. Ref.) 

„Die Möglichkeit einer unvollständigen Desinfektion tritt ein, 
wenn von vornherein die Bedingungen für eine gute Desinfektion 
nicht bestehen u , also „bei ungenügender Abdichtung, bei Ver¬ 
wendung ungenügender Autanmengen, bei zu kurzer Einwirkungs¬ 
dauer, wohl auch durch vorzeitigen Eintritt der Reaktion, bedingt 
durch Verwendung feuchter Gefässe“. 

Verf. hält (mit Unrecht. Ref.) diesen Nachteil für nicht 
so gross, „dass ihm für die Beurteilung des Autanverfahrens 


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mit anderen Desinfektionsmethoden eine Bedeutung beizumcssen 
wäre, wonach von einer Minderwertigkeit des Verfahrens geredet 
werden könnte.“ 

Verf. hebt aber selbst hervor, dass die Desinfektionsdauer 
(6—7 Stunden) grösser war als die von der Fabrik geforderte, 
was vielleicht für den günstigen Ausfall in Betracht käme. 

Für einwandfrei hält Verf. den Schluss aus seinen Zusammen¬ 
stellungen, „dass das Autanverfahren, von zuverlässigen Desin¬ 
fektoren in genauer Anlehnung an die von der Fabrik gegebenen 
Vorschriften ausgeftihrt, verbunden mit sorgfältiger Abdichtung der 
zu desinfizierenden Räume bei einer genügend langen Einwirkungs¬ 
dauer allen Ansprüchen, die man heute an ein Raumdesinflziens 
zu stellen berechtigt ist, genügt.“ Er widerspricht sich damit 
freilich selbst, denn die Fabrik betonte, dass das Verfahren von 
jedermann ausgeführt werden könnte, keiner besonders geschulten 
Desinfektoren bedürfe; sie wollte auch auf Abdichtung ganz ver¬ 
zichten und die Einwirkungsdauer beschränken. 

Seine Versuche hätten im allgemeinen eine grosse Gleich- 
mässigkeit bzw. der Autanwirkung ergeben. Die widersprechenden 
Angaben der Literatur sucht er zu erklären. Zunächst hatte sich 
die alte gemischte Packung nicht bewährt. Die neue getrennte 
Packung (Bariumsuperoxyd und Paraformaldehyd besonders) scheint 
sich besser zu bewähren. In Stuttgart hat man auf die Blech¬ 
packung verzichtet und bezieht das Autan in mit Ölleinwand 
ausgeschlagenen Pappkartons. 

öftere Erneuerung der Autan bestände und trockene Lagerung 
scheint auch hierbei notwendig zu sein, da Verf. sie besonders 
betont. Bei der Reaktion geben zu kaltes und zu viel Wasser 
schlechte Resultate infolge Erniedrigung der beim Eintritt der 
Reaktion erzielten Wärme. Ungünstig sind auch metallene und 
zu grosse Gefässe. Wird die Desinfektion von Laien ausgefübrt, 
habe man mit mangelndem Verständnis zu rechnen. Bei richtig 
ausgeführter Desinfektion bleibt nur ein krümliger Rückstand ohne 
Wasseransammlungen. 

In einigen, wie Ref. es scheint, nicht genügend einwandfrei an- 
gesteilten Versuchen bestimmte Verf. die aus dem Autans ent¬ 
wickelten Formaldehyd mengen. Dieselben erwiesen sich auch sehr 
wechselnd. Im Mittel lieferten 105 g Autangemenge (aus 30 Para¬ 
form und 75 Bariumsuperoxyd) 15,5 Formaldehyd = 55 °/ 0 der Para¬ 
formmenge. Dieser Mittelwert würde den Forderungen Flügges 
genügen. Die Haltbarkeit der Autanpackungen fand Verf. nach 
Analysen selbst von mehreren Monate alten Packungen gut. 

Die neuen Autanpackungen haben einen Zusatz zur Ver- 


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langsamung der Reaktion erhalten. Verf. fand jedoch, dass der¬ 
selbe ungleichmässig funktionierte. 

Wenn Verf. jedoch zum Schluss glaubt, dass dem Autan vor 
der Breslauer Methode der Vorzug zu geben sei, wenn auch „den 
allgemein anerkannten Vorzügen des Autans im Vergleich zu anderen 
Verfahren“ „ein etwas höherer Preis gegenüberstehe, so muss dem 
offen widersprochen werden. Auch mit der neuen Packung hat 
das Autanverfahren die Sicherheit des Breslauer Verfahrens und 
anderer bewährter mit Apparaten arbeitenden Verfahren leider 
noch immer nicht erreicht. Sichere Resultate können beim Autan¬ 
verfahren nur bei Steigerung der Dosis und Verbesserung der 
günstigen Bedingungen (im Vergleich zu den Vorschriften der 
Fabrik) erhalten werden. Dadurch wird das Verfahren aber ver¬ 
teuert. Auch dürften die Resultate des Verf. selbst zu günstig aus¬ 
gefallen sein, weil er sich gegen Entwicklungshemmung durch mit 
den Testobjekten miteingebrachtes Formaldehyd nicht genügend 
geschützt hat. Czaplewski (Cöln). 

Das städtische Elisabeth-Krankenhaus zu Aachen. [Herausgegeben 
von der Stadt Aachen.] 

Das Werk enthält eine erschöpfende Beschreibung des im 
Jahre 1905 in Betrieb genommenen neuen Krankenhauses. In der 
Vorgeschichte des Baues schildert Beigeordneter Dr. Tal bot die 
Schwierigkeiten, die in jahrelangem Bemühen bis zur Verwirklichung 
des Planes, eine grosse selbständige Neuanlage zu schaffen, zu 
überwinden waren. Der grundlegende Bauentwurf stammt von 
dem bewährten Krankenhauserbauer Ruppel in Hamburg, während 
der Ausführungsentwurf unter teilweiser Verwendung der Ruppel- 
schen Vorschläge durch den Stadtbaurat Lau re nt aufgestellt und 
durch den Stadtbauinspektor Adenaw ausgeführt wurde. 

Nach der letzteren Baubeschreibung beträgt die Gesamtgrösse 
des Geländes 11,2 ha. Zur Ausführung des beabsichtigten Pavillon¬ 
systems mussten zuerst umfangreiche Bodenbewegungen auf dem 
unebenen Terrain vorgenommen werden; ausserdem war die Senkung 
des zu hohen Grundwasserspiegels durch eine Drainage nötig. Der 
w;enig tragfähige Untergrund verlangte eine Fundierung der ein¬ 
zelnen Gebäude aus Betonplatten mit Eisenarmierung. Es sind drei 
Bauperioden für die eigentlichen Krankenhausbauten in Aussicht 
genommen, von denen die erste den jetzt vollendeten Teil mit 
einer medizinischen Abteilung von 266 Krankenbetten sowie einer 
Säuglingsabteilung von 38 Betten umfasst. In der zweiten Bau¬ 
periode soll die medizinische Abteilung vergrössert und in der 
dritten noch eine besondere chirurgische Abteilung hinzugefügt 
werden bis zu einer Gesamtzahl von etwa 800 Krankenbetten. 


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Die Banart entspricht den bei den neuzeitlichen Krankenhaus* 
bauten zur Geltung gekommenen Grundsätzen. 

Die Pavillons sind meist eingeschossig, mit flachen Dächefn 
ausgeführt und zeigen in der Grundrisslösung zum grössten Teil 
den bewährten Hamburger Typ. 

Es sind im ganzen neun Krankenpavillons zur Ausführung 
gekommen, ausserdem Bade- und Übungshaus, Leichenhaus, Kessel¬ 
haus und Desinfektionsanstalt, während die Verwaltungs- und 
Wirtschaftsräume in der auf dem Gelände vorhandenen früheren 
städtischen Siechen- und Irrenanstalt untergebracht sind, die in 
sehr zweckmässiger Weise umgebaut und durch Anbauten erweitert 
wurde. Besondere Sorgfalt wurde auf die Ausführung der Heizungs¬ 
und Lüftungsanlagen verwendet, deren Einrichtung einen hohen 
Grad der Vollkommenheit zeigen. Auch die übrigen Installationen 
sowie die Einrichtung und Ausstattung der Räume sind durch¬ 
aus den an ein modernes Krankenhaus zu stellenden Anforderungen 
entsprechend. Die Gesamtbaukosten einschliesslich der Einrichtung 
betragen 1991057.55 M, so dass pro Krankenbett ein Einheitspreis 
von 6591 M sich ergibt. Der Satz wird sich ermässigen beim 
weiteren Ausbau der Anstalt. Nach einer namentlichen Aufzählung 
aller beim Bau und der Einrichtung beteiligten Firmen folgt eine 
ärztliche Beschreibung des Krankenhauses durch den Oberarzt Prpf. 
Dr. Wesener, in welcher zunächst das für das Bauprogramm 
massgebende statistische Material zusammengestellt wird, und dann 
die für die Bauausführung massgebenden ärztlichen Gesichtspunkte 
eingehend erörtert werden. Wenn auch nach Mitteilung des Ober¬ 
arztes in den Krankensälen mit 30 Betten, deren mehrere in den 
Pavillons ausgeführt wurden, bisher Störungen sich nicht bemerk¬ 
bar gemacht haben, so bilden doch heutzutage Krankenräume mit 
wesentlich niedriger Belegzahl wohl die Regel. 

In dem folgenden Abschnitt behandelt Beigeordneter Dr. Tal¬ 
bot die Verwaltung und den Betrieb der Anstalt. Die Verwaltungs¬ 
ordnung, die Dienstanweisungen für die Oberärzte, die Assistenz¬ 
ärzte, den Krankenhausverwalter und das Wärterpersonal, die Auf¬ 
nahme- und Entlassungsbedingungen, die Pflegesätze, Hausordnung 
und Speiseordnung bilden den Schluss des gehaltvollen, mit zahl¬ 
reichen Plänen und Photographien ausgestatteten Werkes, das eine 
schätzenswerte Bereicherung unserer Krankenhausliteratur darstellt. 

Kleefisch (Cöln.) 

von Baumgarten und Tangl, Jahresbericht über die Fortschritte 
in der Lehre von den pathogenen Mikroorganismen. 19. Jahrg. 
1903 und 20. Jahrg. 1904. (Leipzig, S. Hirzel.) 

Das grossangelegte Werk, welches eine möglichst vollständige, 


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wohlgeordnete Sammlung von zuverlässigen Referaten über die 
gesamte Bakterien*, Pilz- und Protozoenliteratur geben will, ist in 
seiner Bedeutung schon öfter in diesen Blättern gewürdigt worden. 
Auch die vorliegenden Jahrgänge, welche die Literatur der Jahre 
1903 und 1904 behandeln, reihen sich würdig ihren Vorgängern 
an und verdienen uneingeschränktes Lob. Es ist eine Verringerung 
des Umfangs der Berichte dadurch ermöglicht worden, dass die 
Referate über die Protozoen literatur gegen früher eine Abkürzung 
erfahren haben. Eine Vervollkommnung ist den vorliegenden Be 
richten dadurch zuteil geworden, dass die französische und eng¬ 
lische Bakterienliteratur wieder möglichst vollständig von seiten 
bewährter Fachmänner referiert worden ist. 

Bleibtreu (Cöln*. 


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Verzeichnis der bei der Redaktion eingegangenen neuen 

Bücher etc. 


Alsberg, Dr. M., Militäruntauglichkeit und Grossstadteinfluss. Leipzig 
1909. G. B. Teubner. Ladenpreis 1 M. 

Doernberger. I)r. E., und Wunderer, Prof. Dr. W., Schulgesundheits¬ 
pflege und Schulärzte an den höheren Lehranstalten Bayerns. München 
1909. Ärztl. Rundschau. Preis 1.20 M. 

Gruber, Dr. G. B., Über Wesen und Wertschätzung der Medizin zu allen 
Zeiten. München 1909. Arztl. Rundschau. Preis 1.40 M. 

Kischka, Oberingenieur, Die Abwässerfrage in ihrer rechtlichen und 
technischen Bedeutung unter spezieller Berücksichtigung der Rawa- 
regulierung. Kattowitz 1909. Gebr. Böhm. Preis 1.50 M. 

Krolls Stereoskopische Bilder zuin Gebrauch für Schielende. 28' farbige 
Tafeln von Dr. R. Perlia. Hamburg 1909. -L. Voss. Preis 3 M. 
Lauterborn, Prof. Dr. R., Bericht über die Ergebnisse der 5. biologi¬ 
schen Untersuchung des Rheins auf der Strecke Basel-Mainz (vom 
4. bis 16. Juli 1907). Berlin, J. Springer. 

Lin stow, Dr. O., Die Schmarotzer der Menschen und Tiere. Leipzig 
1909. Quelle & Meyer. Preis geb 1.80 M. 

Mallwitz, Dr. A., Das deutsche Stadion im Grunewald. Berlin 1909. 

Verlag für Volkshygiene und Medizin. 

Marsson, Prof. Dr. M., Bericht über die Ergebnisse der 5. biologischen 
Untersuchungen des Rheins auf der Strecke Mainz bis Koblenz (vom 
9. bis 16. Juli 1907). 

Martin, Prof. Dr. A., Fragen des Lebens. Nr. 2: Die Pflege und Er¬ 
nährung der jungen Mutter. Berlin 1909. Verlag für Volkshygiene 
und Medizin. 

Meissner, Dr. P., Fragen desLebens. Nr.3: Hygienische Grausamkeiten 
gegen Kinder. Berlin 1909. Verlag für Volkshygiene und Medizin. 
Orth, Prof. J., Über die Bedeutung der Vererbung für Gesundheit und 
Krankheit. München u. Berlin 1909. R. Oldenbourg. Preis 30 Pfg. 
Prausnitz, Prof. Dr. W., Atlas und Lehrbuch der Hygiene. München 
1909. J. F. Lehmann. Preis geb. 28 M. 

Rosenthal, W., Volkskrankheiten und ihre Bekämpfung. Leipzig 1909. 
Preis broch. 1 M., geb. 1.25 M. 

Wolf, Prof. Dr. K., Hygienische Fragen über Heizung. München u. Berlin 
1909. R. Oldenbourg. Preis 30 Pfg. 

NB. Die für die Leser des „Centralblattes für allgemeine Gesundheits¬ 
pflege“ interessanten Bücher werden seitens der Redaktion zur Besprechung 
an die Herren Mitarbeiter versandt und Referate darüber, soweit der be¬ 
schränkte Raum dieser Zeitschrift es gestattet, zum Abdruck gebracht. Eine 
Verpflichtung zur Besprechung oder Rücksendung nicht besprochener Werke 
wird in keinem Falle übernommen; es muss in Fällen, wo aus besonderen 
Gründen keine Besprechung erfolgt, die Aufnahme des ausführlichen Titels, 
Angabe des Umfanges, Verlegers und Preises an dieser Stelle den Herren 
Einsendern genügen. Dje Verlagsbuchhandlung. 


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J’? 

Inseratenanhang. 

Centralblatt für allgemeine Gesuntllieitsiiflege, IIVIIL Jahrgang, fielt 7 and 8. 


ln allen Krankheitsfällen 

ist Kathreiners Malzkaffee ein durchaus em¬ 
pfehlenswertes Getränk wegen seiner absoluten 
Indifferenz und seines aromatischen Wohlge¬ 
schmackes. Sein billiger Preis ermöglicht es, 
ihn auch Minderbemittelten zu verordnen. 

Den Herren Ärzten stellt die Firma Ka¬ 
threiners Malzkaffee-Fabriken, München, auf 
Wunsch Versuchsproben und Literatur kosten¬ 
los zur Verfügung. 



Joh. Bapt. Sturm 

Weingutsbesitzer 
Rüdesheim a. Rhein. 

Grösstes Weingut in Rüdesheim, 
eigene Weinberge in Johannis¬ 
berg und Assmannshausen. 

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Versand von Rhein- und Moselweinen. 

Zweigkellerei in Trier a. Motel. * Zweighäuter ii Hamburg Berlin, Leipzig, London. 


Verlag von Martin Hager in Bonn. 

In meinem Verlage erschien: 

Das Glykogen 
and seine Beziehungen zur Zuckerkrankheit 

Von 

Prof. Dr. E. F. W. Pflüger. 

2. Auflage. 1905. 552 S. gr. 8°. 10.- Mk. 


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Die Fürsorge für Lungenkranke und die Mit¬ 
arbeit der Frauen. 

Vom 

Beigeordneten Dr. Krautwig, Cöln. 

Nach einem Vortrag bei dem Kongress der Frauen vereine in Cöln. 


Zum Verständnis der Wirksamkeit der Auskunft»- und Für- 
sorgestellen für Tuberkulöse ist es notwendig, dass wir uns kurz 
die wichtigsten Tatsachen über Verbreitung und Bedeutung der 
Tuberkulose, über ihr Krankheitsbild und die Wege der Ansteckung 
ins Gedächtnis zurückrufen; es wird sich dann mühelos der ge¬ 
nauere Arbeitsplan der Fürsorgestellen und zumal der Frauenbilfe, 
die einen wesentlichen, wenn nicht den wichtigsten Teil der Für¬ 
sorge ausmacbt, ergeben. Die Tuberkulose, und zumal die Lungen¬ 
schwindsucht, in welcher Form die Tuberkulose gewöhnlich auf- 
tritt und am meisten bekannt ist, ist auch heute noch eine Geissei 
des Menschengeschlechts. Sie wirkt verheerend in Stadt und Land. 
Von 100 Gestorbenen sind etwa 10 der Tuberkulose erlegen. Jeder 
dritte im Alter von 15—60 Jahren sterbende Mensch stirbt an 
Tuberkulose. Die Gesamtverlustziffer an Tuberkulose überschreitet 
bei weitem die Gesamtzahl der an den übrigen ansteckenden Krank¬ 
heiten Gestorbenen. Glücklicherweise ist bei der Tuberkulosesterb¬ 
lichkeit schon seit etwa 20 Jahren ein sehr bemerkbarer und er¬ 
freulicher Rückgang infolge der hygienischen und wirtschaftlichen 
Fortschritte in allen Kulturländern zu verzeichnen. Während in 
Preussen in den Jahren 1873—1880 noch von 10 000 Einwohnern 
31,8 an Tuberkulose starben, ist diese Zahl in den Jahren 1881— 
1890 auf 30,1 und in den Jahren 1891—1900 auf 23,0 gesunken, 
und im Jahre 1906 hat die Tuberkulosesterblichkeit in Preussen 
mit 17,28 Sterbefällen auf 10000 Lebende einen erfreulich niedrigen 
Stand gefunden. Die absoluten Zahlen ergeben, dass in Preussen 
im Jahre 1876 81830 und im Jahre 1906 64454 Sterbefälle an 
Tuberkulose zu verzeichnen waren. Wie viele Erkrankungsfällc 
vorhanden sind, lässt sich nur annähernd schätzen, da eine gesetz¬ 
liche Anzeigepflicht fehlt und kleinere vorhandene Statistiken für 
weitergehende Schlüsse nicht zu verwenden sind. Wenn man 

Centralblatt f. all;. Gesundheitspflege. XXVIII. Jahr;. 22 


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schätzungsweise als Krankenziffer das lOfaehe der Todesfälle an- 
niramt, so wird diese Zahl kaum zu hoch gegriffen sein. Für 
unsere Stadt Cöln sei nur bemerkt, dass auch hier die Tuberkulose¬ 
sterblichkeit eine absteigende Tendenz aufweist, und zwar erlagen 
der Lungentuberkulose in dem Jahre 1898 741 Personen = 21,54 °/ 000 , 
im Jahre 1907 694= 15,39 °/ 000 der Bevölkerung. Eine Tatsache 
verdient aber besonders hervorgehoben zu werden, dass nämlich 
der Rückgang der Tuberkulosesterblichkeit sich im wesentlichen 
auf die erkrankten Erwachsenen bezieht, während bei der Kinder¬ 
welt der Rückgang ein viel geringerer war und sogar die Sterb¬ 
lichkeit in gewissen Altersstufen und bestimmten Zeiträumen sich 
bemerkenswert über die frühere Ziffer erhoben hat. Im Deutschen 
Reiche starben an Tuberkulose 

im Jahre 1893 Kinder unter 1 Jahr 4229, im Alter von 1—15 

Jahren 13624, 

im Jahre 1904 Kinder unter 1 Jahr 5477, im Alter von 1 — 15 

Jahren 15465. 

Immerhin ist aber auch in den Altersklassen von 1—15 Jahren 
eine Besserung in den Jahren 1905—07 eingetreten; während 1905 
noch 16250 Kinder der Tuberkulose erlagen, verringert sich die 
Zahl der Opfer in den beiden folgenden Jahren auf 14 931 und 
14 283. 

In Preussen erlagen der Tuberkulose von 100 Gestorbenen 
im Alter bis zu 1 Jahre im Durchschnitte der Jahre 1892 — 96 
1,03 Kinder, 1897 — 1901=0,91, dagegen 1901—04=1,31. 

Eine Statistik unserer Schulärzte aus dem Jahre 1904 ergab, 
dass 184 Schulkinder als sicher tuberkulös oder doch stark tuber¬ 
kuloseverdächtig bezeichnet werden mussten, das macht auf den gan¬ 
zen Bestand der Volksschule etwa 0,5°/ 0 . Die Todesfälle an Tuber¬ 
kulose im schulpflichtigen Alter machen bei uns in Cöln etwa 4 °/ 0 der 
Gesamt-Tuberkulose-Sterbeziffer aus. Während man in Preussen im 
Lebensalter von 6—10 Jahren auf 10000 Lebende der genannten 
Altersklasse 8 Todesfälle an Scharlach, 6,4 an Diphtherie zählt, 
folgt die Tuberkulose erst an 3. Stelle mit 3,6 Todesfällen. Von 
dieser 3. Stelle rückt sie aber in den Altersklassen von 11 — 15 
Jahren gleich an die 1. Stelle der Todesursachen vor. Es muss 
hervorgehoben werden, dass alle diese Zahlen zur Zeit noch ein 
etwas unsicheres Bild der tatsächlichen Verhältnisse geben; denn 
die Diagnose der Tuberkulose zumal im Kindesalter ergibt bei ver¬ 
schiedenen Ärzten sehr verschiedene Resultate. Es gibt heute schon 
Ärzte genug, welche das bekannte Krankheitsbild der Skrofulöse 
als initiale Tuberkulose bezeichnen, andere dagegen, die sich dieser 
Anschauung noch nicht anschliesscn und auch das moderne Rüst¬ 
zeug der Diagnostik noch nicht handhaben. Will man die Gefahren 


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und den Schaden der Tuberkulose für das Volkswohl ermessen, so 
darf man sich nicht nur die Todesfälle vor Augen halten, sondern 
man muss auch in Rechnung stellen, dass dem Tod so manches 
Jahr der Erkrankung und schliesslich des Sichtums vorausgegangen 
und für die betreffenden Familien die Quelle grosser Sorgen und 
wirtschaftlichen Nachteils gewesen ist. 

Die Tuberkulose ist eine ansteckende Krankheit. Diese Er- 
kenütnis ist seit der Entdeckung des spezifischen Erregers, des 
Tuberkel-Bazillus, durch Robert Koch im Jahre 1882, in immer 
weitere Kreise gedrungen. Die zweite wichtige Tatsache ist: die 
Tuberkulose ist in den Anfangsstadien sicher heilbar. Auf diesen 
Grundlagen konnte der Kampf gegen die Volksseuche organisiert 
werden, der heute glücklicherweise nicht mehr nur die Sorge des 
Kranken und seiner Familie ist, sondern zu einer sozial-hygieni¬ 
schen Aufgabe geworden ist, welche die Allgemeinheit mit grossem 
Verständnis, mit Energie und Aufbietung vieler Mittel übernommen 
hat. Es wird Ihnen bekannt sein, dass die Sondermassregeln zur 
Bekämpfung dieser Volksseuche zunächst auf die Errichtung von 
Lungenheilstätten hinausliefen. Man darf mit Stolz darauf hin- 
weisen, dass heute in Deutschland in 99 Volksheilstätten und in 
36 Privatanstalten zusammen fast 13000 Betten für erwachsene 
Lungenkranke verfügbar sind. Für tuberkulöse Kinder finden wir 
in 18 Anstalten 1837 Betten, für Tuberkulose-Verdächtige noch 
weitere 73 Anstalten mit 6848 Betten. In derselben Richtung 
wirken 82 Walderholungsstätten. Dass heute das Programm zur 
Bekämpfung der Tuberkulose ein umfassenderes und planmässigeres 
ist, verdanken wir zunächst den Fortschritten der Wissenschaft über 
das Wesen der Erkrankung und ihrer Übertragung, dann aber auch 
den Anregungen des Deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung 
der Tuberkulose, welches, im Jahre 1895 gegründet, mit unermüd¬ 
lichem Eifer Ärzten und Volksfreunden die richtigen Wege ge¬ 
wiesen hat. 

Die Lungenheilstätten sind gewiss auch heute noch ein unent¬ 
behrlicher Teil des Programms, müssen aber ergänzt werden durch 
eine Reihe von anderen Schutzmassregeln. Schon die Zahl der 
Betten in den Heilstätten ist gar nicht ausreichend, um alle Lungen¬ 
kranken dort auch nur vorübergehend unterzubringen. Ein grösserer 
Teil der Erkrankten ist auch der Heilung nicht mehr zugänglich. 
Man wird sie in Krankenhäusern versorgen müssen oder in der 
Familie. Hier setzen nun die Auskunfts- und Fürsorgestellen für 
Tuberkulöse ein, um deren Gründung und Entwicklung sich be¬ 
sonders der Verwaltungsdirektor der Königlichen Cbaritee in Berlin, 
Gebeimrat Pütt er, verdient gemacht hat. Heute bestehen in 
Deutschland 175 Fürsorgestellen, abgesehen von 594 sogenannten 


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Tuberknioseausschüssen in Baden. Die Fürsorgestelle arbeitet mit 
einer Verwaltungsbehörde, Ärzten und Fürsorgeschwestern. Es gilt 
zunächst, die Tuberkulösen ausfindig zu machen. Diese Aufgabe 
kann in letzter Linie nur von Ärzten geleistet werden. Es muss 
aber das Publikum aufgeklärt werden, dass es in Verdachtsfälleo 
frühzeitig den Rat des Arztes in Anspruch nimmt. Man darf nicht 
warten, bis der Arzt gerufen wird, sondern man muss, um die 
Anfangsstadien recht früh zu erkennen, sein Augenmerk auf die 
Familie der Kranken richten und dieselbe grundsätzlich auch dann 
einer genauen Untersuchung auf Lungenkrankheit unterwerfen, wenu 
sie selbst auch annimmt, noch vollständig gesund zu sein. Unter 
den 2390 Personen, welche sich aus 500 durch unsere Fürsorge kon¬ 
trollierten Familien zusammensetzen, waren nur 1534 Personen = 64 °/„ 
völlig gesund, 526 Personen waren tuberkulös, 330 = 13,8 °/ 0 tuber- 
kuloseverdäcbtig. Durch die Forschungen der letzten Zeit wird 
es immer mehr zur Gewissheit, dass die meisten Tuberkulösen be¬ 
reits in der Kindheit, und vielleicht schon im Säuglingsalter, sich 
mit den ansteckenden Keimen der Krankheit infiziert haben. Ärzte, 
welche aus den ärmsten Proletarierkreisen eine grössere Anzahl von 
Kindern zu behandeln hatten, glauben sogar bei 80—90°/ o der 
Kinder eine Tuberkuloseinfektion, die allerdings noch nicht gleich¬ 
bedeutend ist mit Tuberkuloseerkrankung, feststellen zu können (so- 
Privatdozent Dr. Hamburger in Wien, Münch, med. Wochenschr. 
1908, Nr. 52). Diesen pessimistischen Zahlen stehen immerhin andere 
günstigere Angaben gegenüber. So konnte Schlossmann in 
Düsseldorf bei 13—14jährigen Kindern des städtischen Pflegehauses 
50—56°/ 0 , dagegen bei 105 Privatpatienten nur 4 Kinder als tuber¬ 
kuloseinfiziert feststellen. 

Hat der Arzt die Krankheit oder ihren Verdacht festgestellt, 
so wird er im Konnex mit der Fürsorgestelle eine geeignete Be¬ 
handlung einleiten. Es wird der Fürsorgestelle obliegen, die Über¬ 
weisung in Hospital oder Heilstätte oder Walderbolungsstätte zu 
vermitteln, insbesondere die notwendigen Kosten selbst oder durch 
Inanspruchnahme verpflichteter und interessierter Kreise aufzu- 
bringen. Nach meinen Erfahrungen ist gerade die Walderholungs¬ 
stätte für Tuberkulöse, auch für vorgeschrittene Kranke, eine recht 
geeignete Behandlungsstätte. Von einer Ansteckungsgefahr für 
lungengesunde Pfleglinge kann gerade im Wald bei einiger Vorsicht 
keine Rede sein. Wünschenswert wäre es, Schwertuberkulöse, die 
nach menschlicher Voraussicht nicht mehr zu heilen sind, aus der 
Familie herauszunehmen und in sogenannten Tuberkuloseheimen zu 
verpflegen. Die Erfahrung hat aber ergeben, dass die siechen 
Tuberkulösen äasserst ungern auf die Dauer den Familienkreis ver¬ 
lassen. Sie scheuen die Pflegeheime, weil dieselben gewöhnlich 


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recht weit der Heimat abliegen nnd gar zu deutlich den Charakter 
der letzten, hoffnungslosen Station offenbaren. Zurzeit gibt es nur 
11 Pflegeheime für Tuberkulöse. Die Pflegeheime der Versiche¬ 
rungsanstalt der Hansestädte und der Stadt Berlin mussten ge¬ 
schlossen werden, da zu wenig Anwärter aus den Kreisen der so¬ 
genannten Invalidenrentner sich für dieselben meldeten. Lieber 
schon suchen die siechen Tuberkulösen die Pflegestellen auf, welche 
zumal die Landesversicherungsanstalt der Rheinprovinz in kleinen 
ländlichen Krankenhäusern errichtet hat. Die Stadt Cöln hat zur¬ 
zeit nur drei invalide Lungenkranke in solchen Anstalten unter¬ 
gebracht. 

Man wird sich also mit der Tatsache abfinden müssen, dass 
eine grosse Anzahl von Lungenkranken nicht in den Hospitälern 
verpflegt werden und sterben, sondern in ihren Wohnungen. Für 
Deutschland hat man festgestellt, dass von etwa 80000 Todes¬ 
fällen 12000 in den allgemeinen Krankenhäusern und 68000 in den 
Wohnungen erfolgen. Für Cöln liegen die Zahlen günstiger. Im 
Jahre 1908 starben von 779 Tuberkulösen 408 in den Spitälern 
= 52 °/ 0 und 371 zu Hause = 47%. 

Es ergibt sich also für die Fürsorgestelle als weitere und 
wohl wichtigste Aufgabe: einwandfreie Unterbringung der Tuber¬ 
kulösen innerhalb der Familie. Dazu gehört vor allem eine inten¬ 
sive Wohnungsfürsorge und die Erziehung des Erkrankten sowie 
seiner Familie zu vorsichtigem hygienischen Verhalten. Man hat 
die Tuberkulose eine Wohnungskrankheit genannt und dafür auch 
statistische Belege beigebracht. Schlechte Wohnungen begünstigen 
die Tuberkulose einmal durch erleichterte direkte Infektion vom 
Erkrankten auf bisher gesunde Familienmitglieder und zweitens 
durch Herabsetzung der Widerstandskräfte eines gesunden Men¬ 
schen. Die Tuberkulose verbreitet sich durch den Auswurf, der 
von den Erkrankten abgesondert wird. Bei dem Husten werden 
mit den Hustentröpfchen die Keime im Raume umhergeschleudert. 
Je enger im Raume die Menschen zusammenwohnen, um so eher 
treffen die Keime die Familienmitglieder. Der Auswurf, der noch 
leider vielfach auf den Boden entleert wird, trocknet ein und ver¬ 
staubt. Der Staub konzentriert sich in den engen und dazu dicht- 
besetzten Wohnungen; in den feuchten, wenig besonnten und schlecht 
gelüfteten Wohnungen erhalten sich die giftigen Keime in dem 
Medium des Staubes lange Zeit lebendig und wirksam. Enge, Uber* 
füllte, dunkle Wohnungen sind schlecht zu reinigen, und schliesslich 
bringen sie auch für ihre Einwohner die Gefahr, dass sie ihren 
Sinn für Reinlichkeit, Luft und Sonne langsam, aber sicher, ab- 
stumpfen. Wer die Ermittelungen der Fürsorgestelle durchlesen 
würde, würde zu seinem Erschrecken bei den tuberkulösen Familien 


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UNIVERSITÄT OF IOWA 



324 


recht ungünstige Wohnungsverhältnisse feststellen. Von 500 lungen¬ 
kranken Familien wohnten bei uns nicht weniger als 124 auf Man- _ 
sarden, die allerdings bei Tuberkulose noch immer den Keller¬ 
wohnungen, in die kein Sonnenstrahl hineindringt, vorzuziehen sind. 

Von 500 lungenkranken Familien bewohnen: 



36 alleinstehende Personen 

je 1 

Zimmer 


f 5 Familien 

ZU 

2 

Personen je 

1 

Zimmer 

46 

1 29 „ 

77 

2 

5 ? 

77 

2 

77 

1 10 „ 

71 

2 

71 

55 

3 

77 


“ 7 ? 

7) 

2 

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55 

5 

57 


2 * 

77 

3 

77 

77 

1 

77 

61 - 

40 * 

77 

3 

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77 

2 

77 

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55 

3 

77 

77 

3 

77 


1 Familie 

71 

3 

71 


4 

77 


1 

7) 

3 

77 


5 

55 


2 Familien 

71 

4 

77 

je 

l 

55 

95 

42 „ 

71 

4 

77 

77 

2 

77 


43 „ 

77 

4 

77 

77 

3 

77 


3 * 

7 ? 

4 

77 

55 

4 

77 


32 „ 

71 

5 

77 

77 

2 

77 

92 

52 „ 

77 

5 

77 

7» 

3 

77 


6 „ 

77 

5 

55 

77 

4 

55 


2 „ 

55 

5 

75 

77 

5 

77 


6 * 

77 

6 

77 

77 

2 

77 


39 

77 

6 

77 

77 

3 

77 

57 . 

7 

77 

6 

77 

77 

4 

77 


4 » 

77 

6 

55 

77 

5 

77 


[ 1 Familie 

77 

6 

77 


7 

77 


13 Familien 

77 

7 

77 

je 

2 

77 

54 

28 „ 

55 

7 

77 

77 

3 

77 

12 „ 

55 

7 

7) 

77 

4 

77 


1 Familie 

n 

7 

77 


5 

77 


f 2 Familien 

77 

8 

77 

je 

2 

77 

30 • 

23 „ 

77 

8 

77 

77 

3 

77 

4 „ 

77 

8 

55 

77 

4 

77 


1 Familie 

77 

8 

77 


5 

77 

17 j 

10 Familien 

77 

9 

77 

je 

3 

77 

7 

7? 

9 

77 

77 

4 

77 

I 

1 Familie 

77 

10 

77 


1 

77 

7 

3 Familien 

57 

10 

77 

je 

3 

77 

l 

3 77 

77 

10 

77 

77 

4 

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4 ! 

3 77 

55 

11 

77 

77 

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55 

( 

1 Familie 

77 

11 

77 


4 

77 


1 77 

55 

12 

7? 


3 

77 

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UNIVERSSTY OF IOWA 



325 


Aus 4 Familien wurde je ein Ziehkind 
„7 „ „ „ „ Schlafgänger 

entfernt. 

Von 500 lungenkranken Familien, deren Familie aus wenigstens 

5 Personen bestand, hatten 64 eine Wohnung von nur je 2 Zim¬ 
mern zur Verfügung, darunter waren sogar 2 Familien mit 8 Köpfen 
und 1 Familie mit 10 Köpfen, welche sich mit einer Zweizimmer¬ 
wohnung begnügen mussten. Dass bei diesen Familien die Woh¬ 
nung im Laufe des Jahres oft gewechselt wird, ist eine bekannte 
Tatsache. 500 lungenkranke Familien machten im Laufe des 
Jahres 1908 270 Umzüge. 1907 wurden für die ganze Einwohner¬ 
zahl der Stadt Cöln 417 Umzüge auf 1000 Köpfe der Bevölkerung 
festgestellt. 

Die Fürsorgestelle wird demnach überall genau die Wohnungs¬ 
verhältnisse prüfen müssen und sich hier auf das Urteil des Arztes 
und der Fürsorgeschwestern stützen müssen. Die Mindestforde¬ 
rungen werden hier über diejenigen der bekannten Wohnungspolizei¬ 
verordnungen unserer Städte hinausgehen müssen. Das mindeste, 
was verlangt werden muss, ist ein besonderes Bett für den Er¬ 
krankten ; wünschenswert ist ein gesondertes Schlafzimmer für den¬ 
selben. Wir haben in Cöln bei 686 Familien, die bisher in unserer 
Fürsorge gestanden haben, in 283 Fällen laufende Mietbeihilfen 
von 5—12 Mark monatlich gewährt und dadurch erreicht, dass an 
Stelle von engen und ungesunden Wohnungen hygienisch genügende 
Wohnungen angeraietet werden konnten. In 358 Fällen haben wir 
Betten geliefert, so dass alle Lungenkranken unserer Fürsorge 
wenigstens ihr Bett für sich haben. In engen Wohnungen kann 
man sich aushelfen mit zusammenklappbaren Feldbetten und mit 
abwaschbaren Bettscbirmen, die das Bett der Kranken gegen den 
übrigen Raum isolieren. Eine Statistik, welche hier folgt, illustriert 
die Bettenverhältnisse, die wir bei der Übernahme der Familien in 
unsere Fürsorge vorfanden. 

Vorhandene Betten. 

In 500 lungenkranken Familien mit zusammen 2390 Personen 
werden im ganzen 1508 Betten und 63 Kinderwagen oder Körbe 
benutzt, und zwar haben: 

36 alleinstehende Personen je 1 Bett 

6 Familien zu 2 Personen je 1 Bett 

40 * „2 „ „2 Betten 

30 „ „3 „ „2 „ (in 5 Familien noch 1 Wagen 

oder 1 Korb) 

d »3 „ » 3 „ 


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Original frnm 

UNIVERSUM OF IOWA 



326 


27 

Familien 

ZU 

4 Personen 

je 2 

Betten 

(in 5 Familien noch 1 Wagen 
oder 1 Korb) 

63 

71 

77 

4 

71 

„ 3 

17 

(in 4 Familien noch 1 Wagen 
oder 1 Korb) 

5 

71 

71 

4 

71 

* 4 

71 


1 

Familie 

71 

5 

71 

2 

71 

(und 1 Wagen) 

69 Familien 

71 

5 

71 

je 3 

77 

(in 14 Familien noch 

1 Wagen oder 1 Korb) 

21 

77 

71 

5 

77 

* 4 

71 


1 

Familie 

77 

5 

71 

5 

7 ? 


28 

Familien 

77 

6 

77 

je 3 

77 

(in 6 Familien noch 1 Wagen 
oder 1 Korb) 

27 

71 

71 

6 

77 

* 4 

77 

(in 2 Familien noch 1 Wagen 
oder 1 Korb) 

2 

71 

71 

6 

77 

* 5 

71 


2 

71 

77 

r* 

4 

77 

* 2 

71 

(und je 1 Wagen) 

19 

17 

71 

7 

71 

* 3 

17 

(in 8 Familien noch 1 Wagen 
oder 1 Korb) 

30 

71 

71 

7 

77 

» 7 

11 

(in 4 Familien noch 1 Wagen 
oder 1 Korb) 

3 

71 

71 

7 

71 

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77 


18 

77 

17 

8 

71 

, 4 

71 

(in 3 Familien noch 1 Wagen 
oder 1 Korb) 

11 

17 

71 

8 

77 

5 

71 

(in 1 Familie noch 1 Wagen 
oder 1 Korb) 

1 

Familie 

71 

8 

17 

6 

71 


1 

n 

71 

9 

71 

3 

77 

(und 1 Wagen) 

6 

Familien 

77 

9 

71 

je 4 

77 

(in 2 Familien noch 1 Wagen 
oder 1 Korb) 

10 

71 

77 

9 

71 

„ 5 

77 

(in 2 Familien noch 1 Wagen 
oder 1 Korb) 

1 

Familie 

71 

10 

71 

2 

71 

(und 1 Wagen) 

2 Familien 

77 

10 

77 

je 5 

71 


3 

71 

17 

10 

77 

n 6 

71 

(in 1 Familie noch 1 Wagen 
oder 1 Korb) 

1 

Familie 

17 

11 

71 

7 

71 

(und 1 Wagen) 

3 Familien 

71 

11 

71 

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71 


1 

Familie 

H 

11 

71 

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4 

71 


2 Familien 

71 

12 

n 

je 5 

71 



Aber auch in einer gnten Wohnung und bei einer genügendem 
Anzahl von Betten bleibt durch die unvermeidbare Nähe der Kranken 
für die gesunden Familienmitglieder eine grosse Gefahr 4er An' 
steckung übrig. Am dringlichsten ist darum die Aufgabe, durch 
Belehrung, Erziehung und stete Kontrolle 4en Kranken auf die 


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Original frnm 

UNIVERSITÄT OF IOWA 



327 


sorgfältigste Behandlung seines Auswurfes hinzulenken. Der Aus* 
wurf darf nicht auf den Boden erfolgen, nicht ins Taschentuch, 
sondern in einen Spucknapf, der mit Wasser oder mit desinfizie¬ 
render Flüssigkeit gefüllt ist, besser noch in eine kleine Spuck¬ 
flasche, die der Kranke stets bei sich trägt. Der Auswurf ist aus 
den Spucknäpfen und Spuckflaschen am besten in den Abort zu 
entleeren. Der Kranke soll sich zumal von Kindern fernhalten, sie 
nicht küssen oder tragen. Der Boden ist besonders sauber zu 
halten und täglich feucht aufzuwischen. Das Umherkriechen der 
Kinder auf der Erde muss in der Familie eines Erkrankten als eine be¬ 
sonders gefährliche Quelle der Ansteckung vermieden "werden. Be¬ 
sondere Essgeschirre und Handtücher sind für den Kranken bereit¬ 
zuhalten. Die Wäsche der Kranken ist gesondert aufzubewahren 
und, wenn irgend möglich, zuerst auszukochen, ehe sie in die 
allgemeine Wäsche hineinkommt. Für die Beachtung dieser Schutz- 
massregeln wird in erster Linie der Arzt Verständnis und Verant¬ 
wortungsgefühl sowohl bei dem Erkrankten wie bei den Familien¬ 
angehörigen erwecken müssen. Die beständige Kontrolle aber kann 
er nicht übernehmen, sie ist vielmehr die Aufgabe der Fürsorge¬ 
schwestern. Man darf wohl sagen, dass gerade dieser Beruf eines 
sachverständigen und liebevollen Beraters der Familie besonders 
gut den Frauen liegt. Sie verstehen es am besten, das Vertrauen 
der Familie zu gewinnen. Mit schnellem Blick sind sie über Ord¬ 
nungsliebe und Sauberkeit der Familie, über zweckmässige Ver¬ 
teilung von Wohn- und Schlafzimmer, über vernünftige Möblierung 
orientiert. Nicht zum wenigsten halte ich es auch für einen Vorteil, 
dass sie sich auch um die Fragen der Ernährung in den kleinen 
Familien kümmern können und womöglich in der Lage sind, die 
Wege zu weisen, wie mit den geringen vorhandenen Geldmitteln 
doch eine möglichst kräftige Kost zu beschaffen ist. Es genügt 
aber für die Fürsorgescbwester nicht nur das gute Herz, sie muss 
über eine gewisse Bildung verfügen und Verständnis für die Be 
deutung ihrer Aufgaben haben. Sie soll das Denken und Fühlen, 
die Sprache der kleinen Leute verstehen; und wenn sie auch mit 
ihrer ganzen Persönlichkeit weit über den Familien ihrer Für¬ 
sorge stehen muss, so darf sie doch nicht zu vornehm sein, um siel; 
in den oft üblen Verhältnissen gründlich, umzusehen und durch Rat 
und Tat zu helfen. Unumgänglich notwendig ist eine gründliche 
Ausbildung in den Grundzügen der Krankenpflege und speziell in 
den Fragen der Erscheinungsweise und der Bekämpfungsmassregeln 
der Tuberkulose. Wir haben in Cöln zurzeit vier Fürsorge¬ 
schwestern, welche eine gründliche Ausbildung in den. genannten 
Punkten erfahren haben und durch beständige Rücksprache mit den 
Ärzten der Fürsorgestelle ihre Kenntnisse auffrischen und erweitern. 


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UNIVERSITÄT OF IOWA 



328 


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In unseren Grundsätzen über die Organisation der städtischen Für¬ 
sorgestelle ist über die Tätigkeit der Fürsorgeschwestern folgendes 
gesagt: 


Tätigkeit der Fürsorgeschwestern. 

„Es hat sich als durchaus notwendig erwiesen, dass zur Kon¬ 
trolle der der Fürsorge unterstellten Kranken und ihrer Familien 
Fürsorgeschwestern angestellt werden. Zeit und Arbeitskraft der 
Ärzte würde ungebührlich in Anspruch genommen, wenn sie über 
den bereits vorerwähnten Rahmen hinaus sich noch in den Dienst 
der Zentralstelle stellen sollten. Hier soll der Arzt in der Für¬ 
sorgeschwester eine verständnisvolle Helferin erhalten, ihr soll im 
einzelnen die Überwachung der sozial-hygienischen Abwebrmass- 
regeln im Hause des Kranken zufallen. 

Die Fürsorgeschwester erhält ihren bestimmten Stadtbezirk 
zugewiesen. Sie arbeitet in engster Verbindung mit den Fürsorge¬ 
ärzten und allen in der öffentlichen Armenpflege tätigen Personen. 
Sie lernt dadurch die ihrer Fürsorge anvertrauten Familien nach 
jeder Richtung, besonders aber auch nach Würdigkeit und Be¬ 
dürftigkeit kennen sowie Art und Grad der erforderlichen Fürsorge- 
massnahmen richtig abscbätzen. Sie hat der Verwaltung genaueren 
Bericht über die Wohnungs-, Arbeits- und Lebensverhältnisse der 
Kranken und ihrer Familie zu geben. Nur da sollen Unterstützungen 
beantragt werden, wo die Familien tatsächlich aus eigenen Mitteln 
die erforderlichen Anschaffungen nicht bestreiten können. Die 
Schwester besucht die Familie eines jeden der Fürsorgestelle über¬ 
wiesenen Kranken. Aufklärung, Belehrung der Hausfrau über die 
Gefahr des Auswurfs, über Schutz vor Ansteckung, Reinlichkeit, 
Lüftung ist ihre erste Pflicht. Sie hat zu zeigen, wie die Wohnung 
reinzuhalten ist. wie der Auswurf des Kranken, seine Wäsche, ins¬ 
besondere die Taschentücher, sein Essgeschirr zu behandeln sind, 
wie der Spucknapf zu reinigen ist. Auch die Sicherung der Haus- 
pflege oder Unterbringung der Kinder in Krippen, Kinderbewahr¬ 
anstalten, Spielschulen, Waisenhäusern oder bei Verwandten im Er¬ 
krankungsfalle der Mutter, ist ihre Aufgabe. Wie oft im einzelnen 
Fall die Fürsorgeschwester die Familie besucht, hängt von dem 
Fall selbst ab. Intelligente, sorgsame, ordentliche Familien sind 
seltener, weniger vorsichtige häufiger, einmal in Fürsorge ge¬ 
nommene Familien aber jedenfalls dauernd zu besuchen. Gerade 
Schwestern sind für die Fürsorgetätigkeit geeigneter als männliche 
Personen, weil sie viel schneller das Vertrauen der Familie ge¬ 
winnen und auch für die Sorgen und Bedürfnisse der Familie ein 
viel besseres Verständnis haben als die Männer. 

Die Fürsorgeschwestern bedürfen wegen ihrer verantwortungs- 


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UNIVERSUM OF IOWA 



— 829 — 

vollen Tätigkeit eiuer besonderen Ausbildung durch einen Hospital¬ 
arzt, welche sich im wesentlichen auf Belehrungen über folgendes 
zu erstrecken hat: 

1. Die wichtigsten Punkte der Tuberkulosebekämpfung. 

2. Wohnungs- und Wäschehygiene. 

3. Körperpflege und Abhärtung. 

4. Beseitigung des Answurfs. 

Auch werden die Schwestern sich genau vertraut machen 
müssen mit den einschlägigen Bestimmungen der Versicherungs¬ 
gesetze usw. und Fühlung suchen müssen mit den bestehenden 
Wobltätigkeitseinrichtungen.“ 

Bei der Anmietung von Wobnräumen, Gewährung von Betten, 
Stärkungsmitteln und dergleichen wird auf das Urteil der Fürsorge- 
schwester grosser Wert gelegt. Die Auszahlung von Mietzuschüssen 
ist bei unserer Organisation ebenfalls in ihre Hand gelegt. Folgen 
die Familien nicht ihrem Hat, so setzen sie sich der Gefahr der 
Entziehung der Fürsorgeunterstützung aus. Für das Ansehen, dessen 
die Schwestern in den Familien bedürfen, sind diese Befugnisse 
von grossem Wert. 

Über die Tätigkeit der Cölner Zentrale (Verwaltungsstelle), 
welche von dem ärztlichen Beigeordneten geleitet wird, sowie über 
die Tätigkeit der ärztlichen Fürsorge sagen unsere Organisations- 
grundsätze folgendes: 

Tätigkeit der Zentrale (Verwaltungsstelle). 

Die Verwaltungsstelle wird von der städtischen Verwaltung 
eingerichtet und unterhalten. Sie will, unterstützt von einem Kura¬ 
torium, die Zentrale für alle Bestrebungen zur Bekämpfung der 
Lungentuberkulose sein. Insbesondere wird sie der armen Bevöl¬ 
kerung, welche am meisten unter dieser Krankheit zu leiden hat, 
mit Rat und Tat im Kampf gegen die Tuberkulose beistehen. 

Ihre Aufgabe ist es: 

Gemeinsam mit den Ärzten und den Organen der Armen¬ 
pflege, auf deren Mitarbeit auch in Zukunft gerechnet wird, die 
hilfsbedürftigen Tuberkulösen ausfindig zu machen und die Für- 
sorgemassregeln auszuführen, dabei sich der Mitwirkung aller der¬ 
jenigen Stellen zu versichern, die im Einzelfall ein Interesse oder 
eine Verpflichtung zur Unterstützung der Fürsorget&tigkeit haben 
(Krankenkasse, Invaliden-Versicherungsanstalt, Armen Verwaltung, 
sonstige Behörden usw.). 

Die Kosten der Fürsorgetätigkeit sind nicht aus Armenmitteln, 
sondern aus besonderen städtischen Fonds, die durch Stiftungsmittel 
und andere freiwillige Spenden zu erweitern wären, zu entnehmen. 


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UNIVERSUM OF IOWA 



330 


Eine Beeinträchtigung der politischen Rechte wird sich darum ans 
der Inanspruchnahme der Fürsorgestelle nicht ergeben. 

Tätigkeit der ärztlichen Fürsorge. 

Die Entwicklung der Fürsorgestelle wird nur eine allmähliche 
sein können, da es unmöglich erscheint, auf einmal die Fürsorge 
für die zahlreichen Tuberkulösen einer Grossstadt zu übernehmen. 
Es muss ferner auch zuerst an einem kleineren Teil von Kranken 
die Kosten- und Organisationsfrage geprüft werden. Jedenfalls ist 
es besser, weniger Familien gründlich, als viele Familien ober¬ 
flächlich zu versorgen. Es ist darum unsere Absicht, schrittweise 
vorzugehen und für die Fürsorge zunächst alle armen Lungen¬ 
kranke in Aussicht zu nehmen. 

Da ferner prinzipiell die ärztliche Tätigkeit der Fürsorge den 
behandelnden Ärzten überlassen werden soll, so wird die Lungen¬ 
krankenfürsorge für Arme den Armenärzten übertragen, in dem 
Sinne, dass sie im Aufträge der Zentralstelle die Pflichten von Für¬ 
sorgeärzten in den der Fürsorge überwiesenen Familien über¬ 
nehmen. 

Der Fürsorgearzt hat sein Augenmerk insbesondere auf fol¬ 
gende Punkte zu richten: 

1. Er hat die überwiesenen Kranken häutiger, mindestens ein¬ 
mal monatlich zu besuchen. 

2. Die hygienischen Verhältnisse der Wohnung zu beurteilen. 

3. Die Familienmitglieder zu untersuchen. 

4. Auf Grund dieser Prüfungen gerade diejenigen Anord¬ 
nungen zu treffen oder bei der Zentralstelle anzuregen, die 
mit Rücksicht auf die besonderen Umstände des Falles ge¬ 
eignet sind, dem Kranken zu helfen und seine Familie vor 
Ansteckung zu schützen. 

5. Bei seinen Besuchen zu kontrollieren, ob und inwieweit die 
getroffenen Anordnungen befolgt sind, und der Fürsorge- 
sebwester je nach der Eigenart des Falles Rat und An¬ 
weisung zu gebeu. Über die wichtigeren Punkte seiner 
Ermittelungen hat er nach Bedarf, mindestens alle drei Mo¬ 
nate, zu berichten. 

Der ärztliche Untersuchungsbefund würde etwa nach dem 
Schema des Fragebogens — Anlage I — aufgenommen werden. 

Auf Grund des Befundes und der festgestellten Lebensverhält¬ 
nisse würden dann die einzelnen Fürsorgemassnahmen, die ebenfalls 
in Anlage I erwähnt sind, vom behandelnden Arzt vorgeschlagen 
werden. Diese Vorschläge werden sodann von der Verwaltungs- 
(„Zentral“-)Stelle geprüft werden und nach Möglichkeit zur Aus- 


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331 


führung kommen. Das Veranlasste wird dem Armen-(Fürsorge-)Arzt 
zur Kenntnis gegeben. 

Falls der Armenarzt, dem die Hilfe des bakteriologischen In¬ 
stituts bei der Untersuchung des Answurfs kostenlos zur Verfügung 
steht, nicht in der Lage ist, auf Grund seiner Untersuchung die 
Diagnose festzustellen, werden die Kranken dem Krankenhaus über¬ 
wiesen, welches nach Bedarf die Aufnahme für einige Tage ver¬ 
fügt. Bei dieser Überweisung wird nach Möglichkeit auf den ge- 
äusserten Wunsch Rücksicht genommen werden, dass der Kranke 
nicht in eine Abteilung hineinkommt, in der ausschliesslich Tuber¬ 
kulöse verpflegt werden. 

Falls von dem Fürsorge-(behandelnden)Arzt die Überweisung 
in eine Heilstätte für notwendig erklärt wird, wird bei den erheb¬ 
lichen finanziellen Kosten, welche dadurch entstehen, und bei der 
scharfen Prüfung, welche die Heilstättenärzte bei den überwiesenen 
Kranken vornehmen, eine weitere Untersuchung durch das Kranken¬ 
haus nicht zu umgehen sein, die aber auf Wunsch in Gemeinschaft 
mit dem behandelnden Arzt erfolgen soll. 

Es ist anzunehmen, dass eine Fürsorgestelle schon ausreichend 
beschäftigt ist, wenn sie die Fürsorgetätigkeit für die armenrechtlich 
hilfsbedürftige Bevölkerung im vorerwähnten Sinne übernehmen wird. 
Es steht aber nichts im Wege, dass nach Massgabe der vorhan¬ 
denen Kräfte und Mittel die Fürsorge auch auf die übrigen Kreise 
der Bevölkerung ausgedehnt wird, und zwar: 

a) Auf den von den Krankenkassen versorgten Teil der Be¬ 
völkerung. Die am 29. Oktober 1906 versammelt gewesenen 
Ärzte sind der Ansicht, dass es nicht richtig sei, wenn die 
Krankenkassen eine besondere Fürsorgestelle für ihre Mit¬ 
glieder errichteten, dass vielmehr ihre Mitglieder auch an 
die Zentralfürsorgestelle der Stadt zu verweisen seien. Es 
steht nichts im Wege, dass der Kassenarzt als Fürsorge¬ 
arzt der Familie der Kassenmitglieder mit der städtischen 
Fürsorgestelle ebenso in Verbindung tritt, wie der Armen- 
(Fürsorge)Arzt. Die Kassenärzte würden auch die nach 
der Anlage I erforderlichen Befunde und Vorschläge mit¬ 
zuteilen haben. Die Kassenärzte werden erneut darauf hin¬ 
gewiesen, dass für die Untersuchung von Sputum bei Kassen¬ 
mitgliedern der ermässigte Satz von 2 Mark mit der städti¬ 
schen Verwaltung vereinbart ist. 

b) Das gleiche gilt auch für diejenigen Ärzte, welche bei der 
minderbemittelten Bevölkerung, soweit sie nicht auf armen- 
oder kassenärztliche Hilfe Anspruch haben, eine fürsorge¬ 
ärztliche Tätigkeit übernehmen wollen. 

Zu der minderbemittelten Bevölkerung werden diejenigen Leute 


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— 332 — 

gerechnet, welche nach der Feststellung der Verwaltung ohne Be¬ 
einträchtigung des für die Familie notwendigen Unterhalts die 
Kosten der Fürsorgeinassnahmen (hierzu rechnet auch die fürsorge- 
ärztliche Tätigkeit) nicht zu tragen vermögen. 

Jeder Arzt wird gebeten, minderbemittelte tuberkulöse Kranke 
der Zentralfürsorgestelle mitzuteilen, damit ihnen die Wohltaten 
dieser Wohlfahrtseinrichtung zugute kommen können. Zu dem 
Kranken wird die Fürsorgeschwester geschickt. Der Bericht der¬ 
selben geht dem Arzte zu mit dem Ersuchen um Abgabe eines 
kurzen Gutachtens und einer Erklärung darüber, ob er bereit ist, 
die Fürsorgetätigkeit zu übernehmen. Hierauf würde der Arzt er¬ 
sucht werden, nach Bedarf, mindestens alle drei Monate, einen 
kurzen Bericht einzusenden. 

Die Bezahlung wird nach einer mit dem ärztlichen Verein 
vereinbarten Taxe erfolgen. 

ln welchem Umfange unsere Fttrsorgestelle in letzter Zeit in 
Cöln gewirkt hat, ergibt sich aus folgenden kurzen Mitteilungen: 

Fürsorgetätigkeit bis 15. Dezember 1908. 

Zahl 

1. Zahl der in Fürsorge stehendeu Familien am 15. Dez. 1908 500 

Darunter erwachsene Personen . 1256 

„ Kinder unter 14 Jahren 1219 

zusammen 2475 Köpfe. 

2. In Abgang gekommene Familien vom 1. April 1907 bis 


15. Dezember 1908, und zwar: 

a) infolge Wegzuges. 14 

b) r Todes..93 

c) „ Heilung. 2 

d) „ Nichtbefolgung der Fürsorgeniassnahmen . 13 

ei weil keine Tuberkulose.19 

f) aus sonstigen Gründen.45 


zusammen 186 
In Fürsorge standen also zusammen 686 

3. Familien, welche laufende Mietbeihilfen (5—12 M. monat¬ 
lich) beziehen. 283’ 

4. Zahl der gelieferten Betten.358 

Rechnungsjahr 1908. 

5. Von der Fürsorgestelle in Heilstätten und Landaufenthalt 

entsandte Personen (22 Frauen, 14 Männer).36 

6. In sechswöchigen Landaufenthalt entsandte Kinder . . 131 

7. In das Seehospiz Müritz entsandte Kinder. 3 


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8. Durch Mitwirkung der Fürsorgestelle von den Kranken¬ 

kassen bzw. der Landesversicherungsaustalt Rheinprovinz 
bewilligte Heilstätten- und Landkuren.70 

9. Bei der Landesversieherungsanstalt Rheinprovinz erwirkte 

Kuren, ohne dass Anwartschaft bestand. 4 

10. Vornotierte Familien, welche erst in nächster Zeit be¬ 
rücksichtigt werden können.288 

11. Tätige Ärzte (darunter 24 Armenärzte).102 

12. In Invalidenheime untergebracht. 3 


Nicht ohne Interesse dürften die folgenden statistischen Fest¬ 
stellungen über unsere Lungenkranken sein: 

Statistik über Lungenkranke. 

1. In 500 lungenkranken Familien mit zusammen 2390 Personen 
sind: 

über 14 Jahre unter 14 Jahren 
an Tuberkulose erkrankt 488 Personen = 20,4% 38 Personen = 1,6 °/ 0 
tuberkuloseverdächtig 111 „ - 4,6 °/ 0 219 „ = 9,2 °/ 0 

gesund. 638 * =26,7°/ 0 896 „ =37,5°/ 0 

im ganzen 

an Tuberkulose erkrankt 526 Personen — 22 °/ 0 
tuberkuloseverdächtig 330 „ — 13,8 °/ 0 

gesund. 1534 „ = 64,2 °/ 0 

2. Von 500 lungenkranken Familien wohnen: 


3 

Familien 

in Souterrain 

44 

n 

Parterre 

87 

77 

I. Etage 

152 

n 

II- * 

93 

n 

III. „ 

124 

n 

auf Mansarden (Dachwohnungen 


7 alleinstehende Leute befinden sich in Hospitälern. 

3. Von 500 Familien haben im Jahre 1908 ihre Wohnung ge¬ 
wechselt: 204, und zwar: 

150 Familien einmal 
43 „ zweimal 

10 „ dreimal 

1 „ viermal. 

4. Von 234 über 22 Jahre alten tuberkulösen Männern haben 
77 als Soldat gedient = 32,9 °/ 0 . 

5. Im Kalenderjahre 1908 sind verstorben: 

408 Tuberkulöse in Hospitälern . . = 52,37 °/ 0 
371 „ in ihren Wohnungen = 47,63°/ 0 . 


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334 


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6. Die in 500 langenkranken Familien vorhandenen 526 Tuber¬ 
kulösen haben folgende Berufe: 


Männliche: 


Fabrikarbeiter 

64 

| Handelsleute 

3 

i Gärtner 

1 

Handlanger 

22 

1 Steinhauer 

3 

| Steindrucker 

1 

Schlosser 

21 

Reisende 

3 

Vergolder 

1 

Maurer 

18 

Küfer 

2 

Schäftezuschneider 

1 

Hausknechte 

12 

! Stellmacher 

2 

i Gerber 

1 

Schreiner 

10 

Friseure 

2 

Bäcker 

1 

Fuhrleute 

9 

| Buchbinder 

2 

Lackierer 

1 

Grundarbeiter 

9 

Schriftsetzer 

2 

Weber 

1 

Klempner 

6 

: Krankenpfleger 

2 

i Drechsler 

1 

Schuster 

6 

Boten 

2 

Hutmacher 

1 

Kellner 

6 

i Formstecher 

2 

Kohlenlader 

1 

Anstreicher 

5 

Gelegenheitsarbeiter 2 

Zapfer 

1 

Kaufleute 

4 

Fensterputzer 

1 

Laternenanzünder 

1 

Kommis 

4 

Heizer 

1 

Packer 

1 

Lagerarbeiter 

4 

Techniker 

1 

Posamentierer 

1 

Tapezierer 

4 

Agenten 

1 

Schlosserlehrling 

1 

Dreher 

4 

Musiker 

1 

Laufjungen 

2 

Schneider 

5 

Flaschenbierhändler 1 

Schülerüber 14Jahre 3 

Maschinisten 

3 

Nachtwächter 

1 

Summa 271 


Weibliche: 

Stundenarbeitcrinnen und Wäscherinnen 29 


Näherinnen.20 

Fabrikarbeiterinnen.12 

Dienstmädchen. 8 

Büglerinnen. 5 

Lagerarbeiterinnen. 2 

Verkäuferinnen. 4 

Modistinnen. 2 

Kaffeeleserinnen. 2 

Krankenpflegerinnen. 2 

Ehefrauen.109 

Witwen ohne Beruf.18 

Kindergärtnerinnen. 1 

Haustöchter. 3 


zusammen 217 

Kinder: 

Kinder unter 14 Jahren.38 


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335 


Der Etat der Fürsorgestelle 

für das Jahr 1909/10 beläuft sich auf 61000 Mark, die sich io 
folgender Weise auf die einzelnen Massnahmen verteilen: 


Fürsorgern assnah uien z. Bekämpfung 


der Lungentuberkulose: 


a) Arzthonorar. . . . 

M. 3000 

b) 4 Fürsorgesch Western 


einschliesslich Ver- 


sicherungsbeiträge . 

» 4486 

c) Strassenbahnkarten 


für 4 Fürsorgeschwe- 


stem. 

. 432 

d) Beihülfen z. Beschaf- 


fung ausreichender 


Wohnungen usw. 


(1908 M. 15000). . . 

„ 24000 

e) Betten, Einrichtung, 


Spuckflaschen, Des¬ 


infektion usw. . . . 

„ 5000 

f) Stärkungsmittel usw. 


(1908 M. 5000) . . . 

„ 11000 

g) Heilstättenkuren . . 

„ 4000 

h) Landaufenthalt (1908 


M. 8000). 

„ 9000 

i) Verschiedenes . . . 

. 82 

Krankenkassenbeiträge für 


4 Schwestern. 

v " 

Invaliden Versicherungsbei¬ 


träge für 4 Schwestern . 

» 


Bei der grossen Zahl der 
Fürsorgefälle reichen 
die bisher festgesetzten 
Summen zur Durchfüh¬ 
rung der notwendig¬ 
sten Fürsorgemassnah¬ 
men nicht aus. Der 
voraussichtliche Bedarf 
ist eingestellt. 

Istausgabe 1907 M. 37989. 


Die Beiträge —1908 M. 101 
bzw. M. 65 — sind jetzt 
unter b mitenthalten. 


M. 61000 | 


Diese Summe erschöpft aber durchaus nicht alles, was die 
Fürsorgestelle leistet; denn in vielen Fällen übernimmt auf Antrag 
der Lungenfürsorgestelle die Armenverwaltung die Kosten der Hett- 
stättenbehandlung und der Stärkungsmittel. Ferner wird durch In¬ 
anspruchnahme der Landesversicherungsanstalt, von Behörden und 
Privaten mit Erfolg versucht, weitere Geldmittel für die Zwecke 
der Lungenfürsorge flüssig zu machen. 

Grosse Städte werden ähnlich wie die Stadt Cöln ihre Für¬ 


sorgestellen einrichten. Meiner Erfahrung nach kann eine im Haupt¬ 
amte eingestellte Fürsorgeschwester etwa 100 bis höchstens 150 
Familien besorgen. Es erscheint mir deshalb fraglich, ob eine be¬ 
ruflich tätige Fürsorgedame in Städten unter 50000 Einwohnern 
mit der Lungenfürsorge genügend Beschäftigung findet. Es wird 
sich darum in kleineren Städten empfehlen, entweder dieser Dame 
noch andere Aufgaben, wie z. B. die Zichkinderfürsorge, zu über- 

Centralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXVIII. Jahrg. -3 


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336 


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weisen, oder aber auf ehrenamtliche Frauenhilfe zurückzugreifen. 
Da mag allerdings nochmals daran erinnert werden, dass das Amt 
ein schweres ist und an die Zeit und Opferliebe der Damen sehr 
hohe Ansprüche stellt. Auf dem Lande, wo die Lungenkrank¬ 
heiten durchaus nicht so selten und die Wohnungsverhältnisse oft 
recht schlecht sind, ist die Fürsorge in anderer Form, die den be¬ 
sonderen Verhältnissen des Landes angepasst ist, einzurichten. Hier 
sind die Krankenpflegerinnen und Helferinnen, wie sie von dem 
katholischen Charitas-Verbände und dem Verein der Rheinischen 
Frauenhilfe unter Unterstützung der Landesversicherungsanstalt aus¬ 
gebildet und zum Teil unterstützt werden, an erster Stelle berufen, 
nach Anleitung der Ärzte im Nebenamte die Aufgaben der Für¬ 
sorgeschwestern mitzuübernehmen. 

Graf Posadowsky hat einmal gesagt: „Wenn man die Tuber¬ 
kulose in ihrem vollen Umfange, in der ganzen Front bekämpfen 
wollte, so müsste man eigentlich den Kampf gegen das menschliche 
Elend überhaupt aufnehmen.“ Diese Worte treffen leider zu, dürfen 
aber keinen lähmenden Pessimismus aufkommen lassen. Gewiss 
werden wir bei dem Kampfe nicht auf der ganzen Linie siegen 
können, aber Schritt für Schritt werden wir doch der feindlichen 
Seuche Terrain abgewinnen können und für unsere Mühen den 
schönsten Lohn darin finden, dass wir manches kostbare Menschen¬ 
leben erhalten. Der Hauptanteil an dieser Arbeit, aber auch an 
dem köstlichen Erfolge wird der Frauenhilfe der Fürsorgeschwestern 
zufallen. 


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Einiges über die Reinigung der Grossstädte. 

Von 

Dr. Aug. Busch, 

Direktor des Statistischen Amtes der Stadt Frankfurt a. M. 


Welche Mengen von Schmutz tagtäglich aus einer Grossstadt 
zu entfernen sind, welche Kosten hierbei aufgewendet werden 
müssen, ist im allgemeinen wenig bekannt. 

Für Frankfurt a. M. ist einmal berechnet worden *), dass pro Jahr 
etwa 6*/» M. auf einen Einwohner an Kosten zu rechnen sind für 
die gesamte Reinigung der Stadt: Kanalisation, Strassenreinigung, 
Müllabfnhr usw.; davon gehen zur Berechnung des städtischen Zu¬ 
schusses die Einnahmen in Form von Gebühren usw. ab. 

Mit Rücksicht auf die individuellen und besonderen örtlichen 
Bedürfnisse kann jedoch eine solche Zahl nicht ohne weiteres auf 
andere Gemeinwesen übertragen werden. Betrachten wir einige 
verschiedene Reinigungsarbeiten und benutzen dabei die Zahlen¬ 
angaben des Statistischen Jahrbuchs deutscher Städte; gehen wir 
von der Behausung aus. 

Was zunächst die Feuerung angeht, so weiden täglich grosse 
Mengen von Kohlen und sonstigen Brennmaterialien verbraucht, die 
zum Teil vergast werden, zum Teil in Rauch, zum Teil in festen 
Resten abgehen. Rechnet man 4—5 Personen auf einen Haushalt, 
also auf eine Stadt von 100000 Einwohnern 20000—25000 Haus¬ 
halte und setzt nun je nach der Wohlhabenheit eine mehr oder 
weniger grosse Zahl von Feuerstellen oder Zentralheizungen ein, 
so findet man ohne weiteres, welche ausserordentlichen Mengen an 
Brennstoffen allein in den Haushalten zur Verwendung kommen. 
Ein Teil der Verbrennungsprodukte setzt sich in den Kaminen als 
Russ ab, wird vom Kaminkehrer losgelöst und fällt hinab in 
Sammelbehälter, wobei ausser der Reinigung wegen des besseren 
Zugs auch die Beseitigung der Feuersgefahr infolge von Selbst¬ 
entzündung in Betracht kommt. Oer Russ wie auch die Schlacken- 


1) Berechnung des Magistratsbaurats Uhl fei der. 


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— 338 — 

reste der Feuerung können mit dem IiausmUlI abgefahren werden, 
gegen die Verunreinigung der Luft durch die Abgase und den 
Rauch, der beim Herabsinken auch einen Teil des Strassenschmutzes 
ergibt, sind bis jetzt durchgreifende Abhilfen noch nicht geschaffen. 
Kommen dazu noch Fabrikschornsteine in grösserer Zahl oder gar 
Hochöfen und Essen, so sinkt täglich eine dicke Staubschicht auf die 
Stadt und ihre Strassen herab. Die Strassenreinigung hat hier ganz 
andere Aufgaben als unter normalen Verhältnissen, und man wird 
es verständlich finden, wenn der Gedanke, dass der alte Zustand 
doch bald wieder vorhanden ist, auf die Aufwendung von Geld¬ 
mitteln für solche Zwecke einwirkt. Über den Umfang der hierbei 
in Betracht kommenden Massen lassen sich Angaben nicht gewinnen, 
bezüglich der Reinigung der Hauskamine können wir aber die be¬ 
kanntlich recht erheblichen Einkünfte der Bezirksschornsteinfeger¬ 
meister als Mass für den Umfang der Arbeiten ansehen. 

Nach den Brennstoffen sei das Wasser genannt, es verdunstet 
zum Teil, zum Teil versickert es, und zum Teil muss es als Ab¬ 
wasser wieder aus der Stadt entfernt werden. Es hat technische 
Verwendung gefunden, ist zu Reinigungszwecken benutzt worden, 
oder hat auf dem Weg der verschiedensten Stoffwechselprozesse 
sich mit anderen Stoffen vereinigt, von denen es sich bald auf dem 
Wegtransport wieder trennt. Dazu kommt das Regenwasser, welches 
je nach der Befestigungsart der Strassen und je nach dem Gefälle 
in dem Gelände der Stadt mehr oder weniger versickert oder ver¬ 
dunstet oder durch die Einläufe der Kanalisation abfiiesst. Unter 
den Städten mit mehr als 50000 Einwohnern hat Berlin den grössten. 
Wasserverbrauch; nach Notierungen aus den letzten Jahren handelt 
es sich hier um zwischen 60 und 70 Millionen cbm, die kleinsten Zahlen 
haben mit zirka 1 1 / Ä Millionen cbm die Städte Potsdam, Spandau 
und Plauen i. S. Auf Berlin folgt Hamburg mit zirka 50 Millionen, 
dann München mit 40—45 Millionen, sodann eine Anzahl Städte, 
die in ihrem Verbrauche zwischen 10 und 20 Millionen cbm liegen 
wie Bochum, Breslau, Cöln a. Rh., Dresden, Düsseldorf, Essen, 
Frankfurt a. M., Hannover, Leipzig. Aus den kleineren Städten 
berechnet sich, soweit nicht besondere Industrien mitwirken, wie 
beispielsweise Textilbetriebe in Crefeld und Elberfeld, für Städte 
mit 100—150000 Einwohnern ein Wasserverbrauch zwischen 4 und 
5 Millionen cbm. Der Verbrauch an Wasser lässt auch auf die 
Menge der abzufübrenden Schmutzwässer schliessen, die entweder 
getrennt oder mit den Fäkalien durch die Kanalisation abgeführt 
werden müssen. Dazu kommt das Regenwasser, dessen Menge sieb 
nach den Gebäudeverbältnissen des Niederschlagsgebiets richtet. 
Bekannt sind z. B. die ausserordentlich grossen Niederschlagsmengen 
im Wuppertal, in der Gegend der Städte Elberfeld und Barmen. 


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339 


Mit der fortschreitenden Bebauung der Höhenzüge und der Be¬ 
festigung der Strassen wurden die Niederschläge, die früher auf 
weiehem Wiesengrund versickerten, mit grosser Geschwindigkeit 
dem Tale zugeführt und verursachten noch bis vor nicht langer 
Zeit heftige Überschwemmungen in tieferen Stadtteilen. 

Grosse Schlammengen wurden dabei vom Wasser mitgeführt 
und mussten später beseitigt werden. Mit der Einführung einer, 
den Gebäudeverhältnissen entsprechend schwierig zu erbauenden, 
Kanalisation, die jedoch technisch um so interessanter ist, wurde 
das Regenwasser schneller von den Strassen entfernt. 

Über die abzufilhrenden Mengen liegen genaue zum Vergleich 
geeignete Zahlen aus den verschiedenen Städten nicht vor, von 
Interesse ist aber der Unterschied in den Flächengrössen der zu 
entwässernden Gebiete. Nach Notierungen aus dem Jahre 1904 
steht Berlin mit 5600 ha an der Spitze, dann folgt Hamburg mit 
4600 ha, Dresden mit 3900 ha, Bremen, Charlottenburg, Cöln, 
Dortmund, München und Stuttgart mit je rund 2000 ha, und mit 
rund 1500—1700 ha folgen Chemnitz, Frankfurt a. M., Magdeburg, 
über 1000 ha zeigen dann nur noch Aachen, Cassel, Düsseldorf, 
Hannover, Nürnberg, Spandau, Stettin. 

Die Kosten des Kanalisationsbetriebs werden sehr verschieden 
gedeckt, zum Teil nach dem Nutzungswert oder dem sogenannten 
gemeinen Wert der angeschlossenen Grundstücke, ferner nach dem 
Mietwert der Wohnungen, oder aber es findet eine jährliche Be¬ 
rechnung nach den Unkosten des Betriebs statt. 

Damit ergeben sich in manchen Städten sehr erhebliche Ein- 
nahmeüberschüsse, in anderen muss das Fehlende durch die städtischen 
Steuern mitaufgebracht werden. 

Was die Abfuhr der Fäkalien angeüt, in Städten, in denen 
die Einleitung derselben in die Kanäle nicht oder noch nicht statt¬ 
finden kann, oder wo Haussinkkä6ten zur Klärung der Abwässer 
dienen, so können wir von einigen Städten die Unkosten feststellen, 
nämlich da wo die Abfuhr städtischerseits erfolgt. Die Kosten be¬ 
trugen im Jahre 1905 z. B. in Görlitz (63800 Ew.) rund 77000 M., 
in Kiel (164000 Ew.) 348000 M., in Mainz (91200 Ew.) 143000 M., 
in Posen (136800 Ew.) 112500 M., in Strassburg (167 700 Ew.) 
195000 M. 

Sind die Abwässer aus der Stadt hinausgeleitet, so entsteht wieder 
die Frage nach der Vernichtung der groben Stoffe in denselben bzw. des 
Schlammes. Wo nicht Rieselfelder zur Anwendung kommen, oder 
grosse Flüsse mit starker Strömung das Einleiten der Abwässer 
gestatten, muss eine Klärung stattfinden, zumal wenn die unterhalb 
einer Grossstadt an einem kleinen Fluss liegenden Gemeinden Ein¬ 
sprach erheben. Der bei der Klärung zurückbleibende Schlamm 


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340 


bringt aber die neue Aufgabe seiner Beseitigung. Nicht überall 
lässt sich derselbe landwirtschaftlich verwerten. Die Fettstoffe 
verseifen zum Teil in der Erde, und die eigentlichen Dungstoffe 
werden nicht genügend aufgenommen; kaum zum Wegfahren des 
Schlammes sind die Bauen) der Umgebung einer Kläranlage zu be¬ 
wegen. Die neuesten Versuche in Frankfurt a. M. haben nun einen 
guten Heizwert des anfallenden Schlammes ergeben, aus dem sogar 
ein leichtbrennbares Gas zu gewinnen ist. So hat man sich ent¬ 
schlossen, den getrockneten Schlamm mittelst Zentrifuge noch weiter 
zu entwässern und in einer Müllverbrennungsanlage zusammen mit 
dem Hausmüll zu vernichten. Der Heizwert der Verbrennungsstoffe 
genügt an sich, um die Anlage in Betrieb zu erhalten, und man 
hofft in absehbarer Zeit einen genügenden Kraftüberschuss zu er¬ 
halten, um ein elektrisch betriebenes Pumpwerk im Stadtwald zu 
speisen. 

Verwaltnngstecbnisch sind sodann drei Arbeiten meist mit¬ 
einander verbunden, die Strassenbesprengung, die Strassenreinigung 
und die Müllabfuhr. 

Was zunächst die Besprengung angeht, so hat man zu unter¬ 
scheiden zwischen derjenigen, die lediglich zum Zweck der Staub¬ 
bindung oder der Kühlung stattfindet, und derjenigen die der 
Strassenreinigung voraufgeht. 

Die erstere lässt sich in kleineren Städten nach den Witterungs¬ 
verhältnissen regeln, sie muss besonderen Anforderungen Rechnung 
tragen in Badeorten und Stadtteilen mit besonders starkem Ver¬ 
kehr; in grossen Städten tritt jedoch meist ein Arbeitsplan ein, und 
es ist schwierig, kurzfristige Änderungen in diesem vorzunehmen, 
so dass es wohl Vorkommen mag, dass man bei beginnendem 
Regenwetter dennoch die Giesswagen ihre Sprengarbeit verrichten 
sieht. Die Kosten der Strassenbesprengung werden nicht unwesent¬ 
lich beeinflusst durch die Art des verwendeten Wassers, Quellwasser, 
Grundwasser, filtriertes und unfiltriertes Flusswasser. Dem Statistischen 
Jahrbuch deutscher Städte, in welchem für das Jahr 1905 die letz¬ 
ten Zahlen vorliegen, seien die Daten für einige Grossstädte ent¬ 
nommen (8. S. 341). 

Man sieht, wie verschiedenartig sich die Besprengung sowohl 
nach Umfang als auch nach den absoluten und relativen Kosten 
gestaltet, und es ist nicht möglich, etwa mittlere Zahlen zu kon¬ 
struieren. 

Was sodann die Reinigungsarbeiten und die Müllabfuhr an¬ 
geht, so sind diese beiden Leistungen in vielen Städten Ursache 
zu mancherlei Prozessen und langwierigen Verhandlungen geworden, 
ln früheren Zeiten bestand wohl in den meisten Städten die Ge¬ 
pflogenheit, dass die Strassenanlieger die Strasse bis zur Mitte zu 


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341 


Städte 

i 

i 

Häufig¬ 
keit der 
täglichen 
Bespren- 
gung 

Zahl 

der 

Spreng¬ 

wagen 

Grösse 

der 

besprengten 
Fläche 
j in 1000 qm 

! 

Menge 
des ver- 
j brauchten 
Wassers 

cbm | 

Höhe 

d. Kosten 

OL 

Aachen ...... 

1—2 

10 

740 

21407 , 

11613 

Berlin. 

4 

362 

6382 

1284131 1 

621188 

Breslau . 

2-4 ! 

1 44 ! 

2292 

192245 ; 

49748 

Cöln. 

2-4 ! 

! 27 ! 

1 1771 

144156 1 

60975 

Dortmund. 

2 

19 I 

1077 

94016 

1 21271 

Düsseldorf. 

2-4 

' 32 | 

1533 

205755 

21071 

Elberfeld. 

1-2 

17 

645 

51625 

21198 

Frankfurt a. M. 

2-4 

73 

2245 

440000 

112387 

Hannover . 

o 

i 24 

1381 

72713 

17097 

Karlsruhe. 

2 I 

22 

871 

70197 

23816 

Wiesbaden .... 

2-3 

i 

22 

692 

106032 

31389 


reinigen hatten. Später Übernahmen manche Städteverwaltnngen 
diese Arbeit aof den städtischen Haushalt, teils unter Erhebung 
von Gebühren. Die Einführung von Fusssteigen bot jedoch sofort 
Gelegenheft zu Streitigkeiten. 

Noch heute sind nicht in allen Städten die Verhältnisse voll¬ 
ständig geklärt. Die Gesetzgebung über die Haftpflicht veranlasst 
die Strassenanlieger, alles daran zu setzen, von ihren Verpflichtungen 
entbunden zu werden. Unter dem Einfluss dieser Verhältnisse 
haben sich Vereine gebildet, welche ihrerseits die Haftung über¬ 
nehmen und die Reinigung der Fusssteige besorgen. Ganz be¬ 
sonders kommt hierbei die Schneebeseitigung in Betracht und bei 
dieser, gerade in die Zeit grösserer Arbeitsverminderung fallenden 
Arbeit, greifen in manchen Städten die Armenverwaltungen unter 
Bildung besonderer Gesellschaften zur Beschäftigung Arbeitsloser 
bei der Fusssteigreinigung ein. 

Ans der von dem Frankfurter Armenverein begründeten Trottoir- 
reinignngsgesellschaft liegen über die letzten Jahre einige Angaben 
vor. Danach werden durchschnittlich im Jahr etwa 150 Personen 
ständig beschäftigt, je nach der geschäftlichen Konjunktur kommen 
dazu noch einige hundert vorübergehend arbeitslose Personen nnd 
5000—6000 Wanderer. Die Ausgabe an Löhnen beläuft sich anf 
40000—50000 M., denen die Einnahmen ans Abonnements der 
Strassenanlieger gegenüberstehen. 

Dass bei der Güte der Reinigung der Fnsssteige auch die 
technische Ausführung derselben und die Art der Belegung einea 
bedeutenden Einfluss ausüben, bedarf keiner weiteren Ausführung, 


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342 


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allerdings stehen mit der oft geübten Sparsamkeit die Ansprüche 
nicht immer im Einklang. 

Betrachten wir wieder die Angaben im Statistischen Jabrbncb 
deutscher Städte, so finden wir eine Reihe systematischer Unter¬ 
schiede in dem Umfang der Strassenreinigung. Die Reinigung wird 
z. B. verschieden gehandhabt in den Haupt- und Nebenstrassen. 
Nach den vorliegenden Angaben findet iu einer grossen Zahl von 
Städten die Reinigung der Nebenstrassen nur 1—2 mal wöchentlich 
statt, am häufigsten kommt die Zahl 3—4 mal wöchentlich vor, am 
intensivsten scheint die Reinigung auch der Nebenstrassen in 
Schöneberg zu sein, woselbst manche Strassen 7—13 mal wöchent¬ 
lich gereinigt werden. 

Was die Kosten der Reinigung angeht, so sollte man nicht 
die in den Statistiken gegebenen Zahlen zu streng miteinander in 
Vergleich setzen, hier seien einige gegeben, um zu zeigen, um 
welche Zahlengrössen es sich handelt. 

An der Spitze der Städte steht Berlin, welches für seine 
Strassenreinigungsverwaltung etwa 4*/* Millionen ansgibt. In den 
meisten anderen Grossstädten handelt es sich sodann um einige 
hunderttausend Mark, nur wenige bleiben mit ihren Summen unter 
100000 M. 

Man siebt aus dem allem, dass die Unkosten der Strassen¬ 
reinigung von den verschiedensten äusseren Einflüssen bestimmt 
werden, die dem ausserhalb der Verwaltung Stehenden nur zum 
Teil bekannt sein können. Aber auch iu der Organisation ist 
gerade die Strassenreinigung eine derjenigen Arbeiten, welche in 
ihren Kosten von der geschickten Disposition am meisten abhängen. 

Die Stadt ist meist in Reinigungsbezirke eingeteilt, welche 
von einzelnen Kolonnen begangen werden, man unterscheidet die 
Nachtreinigung, welche in den meisten Städten die Hauptreinigung 
ist und die Tagesreinigung, welche die Nachreinigung bedeutet. 
Zwischendurch laufen dann noch die Reinigung und Leerung der 
Strassensinkkästen und sonstige kleinere Arbeiten. 

Es ist nun leicht erfindlich, dass beim Hinzukommen neuaus- 
gebauter Strassenzüge die Einführung neuer Kehrkolonnen erst 
dann rentiert, wenn diese auch vollständig beschäftigt sind. Es 
wird also notwendig sein, bis zum Eintritt dieses Falles die alten 
Kolonnen in ihrer Arbeitseinteilung so auseinander zu ziehen, ferner 
die Häufigkeit der Reinigung einzelner Strassenzüge so lange ein¬ 
zuschränken, bis wieder die neu hinzugekommene Fläche die Ver- 
grösserung des Personals rechtfertigt. In manchen Btädten kann 
man sich dabei mit der Innenstadt helfen. Da die neuen Strasseu- 
zflge meist in der Aussenstadt liegen, so wirkt die Innenstadt als 
Ausgleich, indem sie mehr oder weniger intensiv gereinigt wird. 


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343 


Über die Menge des zu beseitigenden Strassenkebricbts und 
die bei der Strassenreinignng zn bewältigende Arbeit liegen nach 
den Verwaltnngsberichten der Stadt Frankfurt a. M. einige Angaben 
vor. Dort ist, wie schon allgemein erwähnt, die Strassenreiniguug 
nachts durchznfüüren. Gegen Mitternacht rücken die Vorspreng- 
wagen ans, ihnen folgen die Kehrmaschinen and hinter diesen die 
Kehrer. Die Arbeit vollzieht sich nun in der Weise, dass eine 
Kehrmaschine in einer Nacht 50000 Quadratmeter Strassenfläche 
reinigt, ein Mann häufelt in der Nacht den zusammengekebrten 
Schmatz der Maschinen von 7000 Quadratmetern, zut ßedienung 
einer Kehrmaschine sind sonach sieben Mann erforderlich. Die 
Zahl der s. Zt. in Betrieb genommenen Abfuhrwagen ist 31. Diese 
machen pro Nacht 2—3 Fuhren zu den Scbuttabladestellen. Eine 
Fuhre befördert l 1 /* cbm Strassenkehricht, somit werden in einer 
Nacht llö 1 /« cbm Kehricht abgefahren, das sind im Jahr rund 
35700 cbm. 

Im Anschluss hieran sei die Arbeit der Hauskehrichtabfubr 
gekennzeichnet, für welche aus der gleichen Stadt folgende Zahlen 
vorliegen. Es werden z. Zt. 16000 Gespanntagewerke geleistet, 
86000 cbm fiauskebriebt im Gewicht von insgesamt 52000000 kg 
Gewicht abgefahren, das sind rund 600 kg auf einen cbm Haus¬ 
kehricht und 150 kg auf den Kopf der Bevölkerung. Die Gesamt¬ 
ausgaben für die Abfuhr in diesem Umfang sind 180000 M., das 
sind gegen 2 M. pro cbm, oder 53 Pf. auf den Kopf der Be¬ 
völkerung. 

Einige besonders interessante Mitteilungen macht auch ein im 
Jahre 1906 erschienener Verwaltungsbericht der Stadt Elberfeld. 
Dort ist in der zugrunde liegenden Beobachtungszeit (in den Jahren 
1893* bis 1902) die Menge des abzufahrenden Strassenkehrichts und 
Hausmülls von 34100 auf 50400 cbm gestiegen. Nach den 
jeweiligen Bevölkernngszahlen war die Kopfquote von. 0,25 auf 
0,32 cbm, also um 26,8 °/o gestiegen, wofür die Ursache noch nicht 
aufgeklärt werden konnte Beeinflusst werden hier die Kosten 
dieser Arbeiten durch die bereits oben berührten Geländeverhält¬ 
nisse, die Vergebung der Abfuhr an Unternehmer, es kommen noch 
hinzu die Kosten für die Beseitigung des Schlammes aus den Sink" 
kästen der Kanalisation, aus denen ein cbm Schlamin jähr¬ 
lich 4—5 M. abzufahren kostet. Bei der langgestreckten Form der 
Stadt interessiert auch, welche Wege für die Abfuhrwagen zurttck- 
zulegeu sind. Eine Berechnung aus dem Jahre 1902 zeigt folgendes. 
Die Gesamtlänge der zurückzulegenden Wege war 271800 km. Die 
dabei auszufübrende Arbeitsleistung einschliesslich der Leerfahrten 
der Fahrzeuge betrug 574530 cbm. Da die Gesamtkosten für die 
Müll- und Strassenkebricbtabfubr im Jahre 1902 eine Summe von 


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164239 M. erforderten, so entfällt auf einen cbm der Be¬ 
trag von 28,5 Pfennigen. Bei der jährlichen Gesamtmenge an 
Kehricht und Müll von 50400 cbm entfällt auf jedes einzelne 
cbm eine durchschnittliche Weglänge von 11,39 km einschliess¬ 
lich der Leerfahrten. 

Wie für die Strassenreinigung überhaupt verschiedene Gesichts¬ 
punkte bezüglich des Umfangs und der mehr oder weniger grossen 
Sorgfalt massgebend sind, so kommt dies noch ganz besonders in 
Frage für den im Winter sehr wesentlichen Teil derselben, die 
Schneebeseitigung. Die Ausgaben, welche für diese Arbeiten in 
den verschiedensten Städten gemacht werden, lassen in ihrer Zu¬ 
sammenstellung ein System überhaupt nicht erkennen. Eine ganze 
Reibe von Städten kommen in ihren Ausgaben dicht an diejenigen 
der Stadt Berlin heran, ausserdem bemerkt man, dass die Ausgaben 
entweder sehr gross oder sehr klein sind, ferner schwanken die 
Ziffern um ein Beträchtliches in den verschiedenen Jahren. In 
Wirklichkeit hat man es zum grossen Teil in der Hand, die Höhe 
der Kosten- zu bestimmen; es ist nur nötig, mit dem Beginn der 
Reinigungsarbeiten etwas zu warten, um bei geeigneter Witterung 
einen Teil des Schnees ohne Nachhilfe verschwinden zu sehen. 
Da aber die Schneebeseitigung oft eine sehr willkommene Not¬ 
standsarbeit für Arbeitslose im Winter bietet, so werden eben die 
Kosten aus diesem Grund mitaufgewendet. Einige Zahlen aus 
Städten, welche die Arbeit städtischerseits ausführen lassen, seien 
nach dem Jahrbuch für das Jahr 1905 entnommen. Danach ver¬ 
ausgabte Berlin 62000 M., Cöln 22000 M., Dannstadt 5000 M., 
Dortmund 160000 M., Dresden 52000 M., Frankfurt a. M. 20000 M., 
Hamburg 135000 M., Mannheim 2000 M., Schöneberg 1200 M., 
Stuttgart 5400 M.; letztere Stadt hatte z. B. im vorhergehenden 
Jahr nur 430 M. aufgewendet. 

Zum Schluss der vorliegenden Betrachtung würde es noch 
erforderlich sein, auf die Beseitigung von Tierlcichen und die Be¬ 
stattungsfrage einzugeben. Die Beseitigung der Kadaver liegt 
meist in den Händen von Unternehmern, und es sind Angaben über 
die Unkosten dieser Arbeiten nur aus sehr wenigen Städteu zu 
haben, die Frage der Bestattung würde bei näherer Betrachtung 
eine vollständige Aufrollung der Systemfräge erfordern, was nicht 
beabsichtigt ist. 

Mögen nun die vorstehenden Ausführungen etwas ausserhalb des 
Rahmens derjenigen Arbeiten liegen, welche für gewöhnlich in dieser 
Zeitschrift veröffentlicht werden, so darf doch darauf hingewiesen 
werden, dass mit der immer grösser werdenden Bedeutung des 
Hygienikers in den Verwaltungen grosser Städte auch die verr 
waltungstechnische Seite und vor allem die Kostenfrage einmal be- 


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bandelt werden darf. Insbesondere die letztere darf bei den oft 
recht umfangreichen Forderungen, welche im Interesse der Gesund¬ 
heit der Bevölkerung gestellt werden, nicht ausser acht bleiben, 
und es ist sicher, dass in vielen Fällen auch mit weniger grossen 
Mitteln ausgekommen werden kann. Jedenfalls aber wird der Ver¬ 
waltungshygieniker gerade auf dem behandelten Gebiet in der Lage 
sein, der Technik manche Anregung zur Erzielung hoher Nutzeffekte 
unter Aufwendung möglichst geringer Mittel zu geben. 


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(Aus dem weil. Säuglings- und Mütterheim in Haan.) 

(Leitender Arzt: Dr. Selter, Solingen.) 

Über die Ausbreitung einer Influenzaendemie 
auf einer Station der Säuglingsabteilung. 

Von 

Dr. med. R. Eller, ebemal. Assistenten. 

(Mit einer Textfigur.) 

In dem Jahresbericht 1904 des Versorgungshauses für Mütter 
und Säuglinge zu Solingen-Haan macht Nebel über die Ausbreitung 
und Eindämmung einer Keuchbustenepidemie Mitteilung. Er hat 
im Eingänge seiner Ausführungen die sanitären Einrichtungen und 
Anordnungen, wie sie s. Z. in der Anstalt bestanden, geschildert. 
Dieselben sind im allgemeinen die gleichen geblieben. Doch ist 
die Quarantänezeit von zwei auf drei Wochen erhöht worden zur 
Vermeidung einer nochmaligen Einschleppung von Keuchhusten. 
Ausserdem wurde die Quarantänestation in ein anderes Haus (Vor¬ 
derhaus) verlegt, um damit eine möglichst vollständige Trennung 
derselben von der Säuglingsabteilung zu erzielen. Entsprechend 
war natürlich auch die Einteilung des Pflegepersonals. 

Die von mir beobachtete Influenzaendemie fiel in die Monate 
Februar bis März 1908. Es handelte sich um leichte Anfälle von 
Influenza. Die Kinder erkrankten plötzlich mit hohem Fieber. Es 
stellte sich gleichzeitig, oder auch einige Tage früher oder später, 
Husten und Schnupfen ein. Objektiv war meist eine geringe An¬ 
gina und leichte Bronchitis nachweisbar. Die Krankheitserschei¬ 
nungen dauerten meist nur wenige Tage. 

In vereinzelten Fällen traten nach kürzerem oder längerem 
Wohlbefinden nochmals für kurze Zeit Rezidive mit den gleichen 
Erscheinungen auf. 

Die Endemie beschränkte sich auf eine einzige Station, welche 
die mit gesunden und kranken Säuglingen belegten Zimmer der 
zweiten Etage umfasste. Zur genaueren Orientierung diene bei¬ 
gefügter Lageplan (S. 348). 

Der Beginn und Verlauf der ganzen Endemie war folgender: 
Am 8. bis 9. Februar erkrankte die Pflegeschwester von Zimmer 16 
an einer Angina, ohne dieses zu melden. Sie vertauschte am 15. Fe¬ 
bruar noch ihren Pflegedienst mit dem auf Zimmer 22, trotzdem 
ihre Krankheit sich verschlimmert und die Beschwerden zugenommen 
hatten. Am 19. Februar wurde sie dann bettlägerig und machte 
an diesem Tage erst von ihrer „schon längst bestebenden a Unpäss¬ 
lichkeit Mitteilung. 


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Nach ihr erkrankte zuerst Kind lauf Zimmer 16, das vom 11. II. 
an hastete, seit dem 12. II. Schnupfen und am 17. II. eine Tem¬ 
peratursteigerung von 38,3° hatte. 

Ihm folgte am 18. II. Kind II mit denselben Krankheits¬ 
erscheinungen. 

Beide Kinder wurden sofort isoliert in Zimmer 17. Diese 
Isolierung wurde, als in der Folge mehrere Kinder des betreffen¬ 
den Saales erkrankten, wieder aufgehoben. 

Die Infektion beschränkte sich aber nicht auf dieses eine 
Zimmer, sie verbreitete sich noch auf drei weitere Säle. 

Zuerst erkrankte ein Kind auf Zimmer 18, zwei Tage später, 
am 23. II., ein weiteres auf Zimmer 22. Am 24. II., 27. II. und 
28. II. erkrankten dann noch vier Kinder von Zimmer 19. 

Alle übrigen Kinder dieser Säle blieben verschont, ausge¬ 
nommen ein Fall auf Zimmer 22, der erst 14 Tage später auftrat. 

Ein Rezidiv stellte sich am 1. III. bzw. 2. III. ein bei einem 
Kinde des Saales 16 und dem auf dem Tuberkulosezimmer er¬ 
krankten Kinde. 

Zimmer 20 mit einer Belegschaft von 10 Betten blieb ganz 
lieh unberührt von der Infektion. 

Die folgende Tabelle sowie der umstehende Lageplan geben 
einen genauen Überblick über die Schwere und Dauer der einzelnen 
Fälle sowie über die Art der Ausbreitung der Endemie. 


Nr. 1 

Name 

Saal-Nr. 

Husten 

am 

Schnupfen 

am 

Temperatur¬ 

steigerung 

am 

Höchste Tem¬ 
peratur und 
an welchem ( 
Krankheits¬ 
tage 

Wie¬ 

der 

ge¬ 

nesen 

am 

I. 

Andrä 

16 

ii. ii. 

12. II. 

17. II. 

39,6 am 8. Tage 

28. II. 

II. 

Peters 

16 

17. II. 

17. II. 

18.11. 

40,1 

V 

2. 

» 

22. II. 

III. 

Erkens 

16 

17. II. 

19. II. 

19. II. 

40,0 

T) 

4. 


23. II. 

IV. 

Pries 

16 

15. II. 

— 

20. II. 

39,3 

V 

6. 

» 

22. II. 

V. 

Holverscheid 

16 

20. II. 

19. II. 

20. II. 

39,3 

9 

2. 

n 

26. II. 

VI. 

Hanebutt 

18 

— 

— 

21. II. 

38,2 

» 

i. 

n 

23. II. 


V 

» 

3. III. 

— 

2. III. 

39,7 

JJ 

2. 

» 


VII. 

Krechel 

22 

— 

— 

22. II. 

38,6 

» 

2. 

9 

26. II. 

VIII. 

Patent 

16 

22.11. 

20. II. 

24. II. 

39,0 

n 

5. 

V 

29. II. 

IX. 

Kling. 

19 

6. II. 

4 

24. II. 

39,3 

n 

19. 

9 

4. III. 

X. 

Setzermann 

16 

26.11. 

, — 

26. II. 

39,5 

» 

2. 

n 

29. II. 



n 


l. III 

2.III. 

37,6 

n 

2. 

V 

3. III. 

XI. 

Wulff 

19 

28. 11. 

28. II. 

27. II. 

39,1 

n 

1. 

n 

29. II. 

XII. 

Krupp 

19 

28. II. 

29. II. 

27. II. 

38,5 

9 

1. 

» 

3.III. 

XIII. 

Aubel 

19 

— 

— 

27. II. 

38,5 

» 

2. 

V 

29. II. 

XIV. 

Hövelmann 

22 

9. III. 

15. III. 

6. III. 

39,0 


5. 

y» 

17. III. 


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Die Verteilung des Pflegepersonals auf der Station war folgende: 


Zimmer 

Nr. 

Belegzahl 
der Kinder 

Anzahl der Schwestern 
(Wärterinnen) 

16 

7 

i 

19 

7 

(1) Hausschwangere 

18+20 

3+10 

1 (1) 

22 

8 

1 


Dazu 1 Oberschwester. 


ui. m. n.n. 

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JX. S. Xtt. 

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Die Wärterin (Hausschwangere) in Zimmer 19 verlangte be¬ 
sondere Aufsicht. Die Stationsschwester kam dadurch mit den hier 
gelegenen Säuglingen häufig in engere Berührung. Aach beschäf¬ 
tigte sie sich viel mit dem in dem Tuberkulosezimmer erkrankten 


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Kinde. Alsdann musste sie selbst wegen Mangels an Pflegepersonal 
vom 19. II. an die Pflege in Zimmer 22 übernehmen. 

Ausserdienstlieh stand die Stationsschwester in engerem Ver¬ 
kehr mit der erkrankten Schwester. Auch sie will vorübergehend 
einige Tage gelinde Halsschmerzen verspürt haben. Bei einer später 
erst vorgenommenen Untersuchung war objektiv nichts mehr nach¬ 
zuweisen. 

Dass es sich um eine Infektion durch Berührung handeln 
musste, erhellt aus verschiedenen Momenten: 

Es erkrankten nur diejenigen Kinder, welche mit der er¬ 
krankten Schwester resp. mit der Stationsschwester in engere Be¬ 
rührung gekommen waren (Zimmer 16, 18 [ein Kind]), 19, 22), die 
Kinder der übrigen Säle blieben verschont (Zimmer 20, 18 [zwei 
Kinder]). 

Es wurden nicht alle, sondern nur einzelne Kinder der be¬ 
treffenden Säle (ausgenommen Stube 16) von der Krankheit befallen. 
Die Erkrankung erfolgte unabhängig von der Stellung der Bettchen. 

In Zimmer 16, dem Zimmer, in welchem die älteren, 1—2 Jahre 
alten entlassungsfäbigen Kinder untergebracht waren, erkrankte zu¬ 
erst das Kind, welches wegen seiner grossen Lebhaftigkeit das all¬ 
gemeine Interesse und die meiste Zeit für sich in Anspruch nahm. 
Dieses Kind infizierte wiederum eine dritte Schwester, welche sich 
in ihren Freistunden viel mit demselben beschäftigte und täglich 
ihm die Nahrung (Brei) reichte. 

Alle Kinder wurden jeden Morgen in der gemeinsamen Bade¬ 
stube gebadet. Eine Infektion in der Badestube ist aber aus¬ 
geschlossen; denn zuerst und am heftigsten erkrankten die Kinder 
von Stube 16, welche täglich erst an vorletzter Stelle gebadet wur¬ 
den, und von den Tuberkulösen, welche unmittelbar nach diesen an 
die Reihe kamen, blieben zwei verschont und gerade diejenigen, 
welche nachweisbare Lungenerscheinungen hatten. 

Der Hergang der Infektion war demnach folgender: Die zu¬ 
erst erkrankte Schwester übertrug die Krankheitskeime zunächst 
in Zimmer 16, dann in Stube 22. Von ihr wurde ferner die Sta¬ 
tionsschwester angesteckt, welche wiederum die übrigen Kinder 
infizierte. 

So unschuldig der Verlauf der Infektion auch war, so wichtig 
erscheint es, derselben Erwähnung zu tun, besonders wo die Art 
der Ausbreitung vom Ursprung an verfolgt werden konnte. Der¬ 
artige Endemien kommen leicht in jedem Krankenhause vor. Am 
meisten gefährdet sind aber die Kinderstationen, auf denen die 
kranken Kinder besonders häufig mit ihren Pflegerinnen in engste 
Berührung kommen. 


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Das Moselkrankenhaus in Bernkaatel-Cues. 

Von 

Theodor Ross, 

Architekt B.D.A. in Cöln. 


Mit Tafel IV-VIII. 


Unmittelbar am Ufer der Mosel in dem durch seinen Wein 
bekannten schönen und herrlich gelegenen Städtchen Bernkastel- 
Cues erhebt sieb, auf der Cueser Seite gelegen, das neue Mosel¬ 
krankenhaus, welches zum grössten Teil aus Mitteln des Kreises 
Bernkastel erbaut wurde. Der Ort Bernkastel-Cues bildet den Mittel¬ 
punkt des Kreises Bernkastel und ist der Sitz des Landratsamtes. 
Das Krankenhaus ist erbaut auf dem Areal des St. Nicolaus¬ 
hospitals zu Cues. Die Lage des Ortes Bernkastel-Cues ist gegen 
Norden und Osten geschützt durch die hohen Berge des rechten 
Moselufers. Der Ort erfreut sich eines recht milden Klimas und 
ist in weitem Kreise umgeben von umfangreichen Rebengeländen, 
deren Erträgnisse weit über das Heimatland und über die Grenze 
Deutschlands bekannt sind. Die Erbauung eines solchen Kranken¬ 
hauses war nachgerade ein Bedürfnis geworden; denn das jetzt be¬ 
stehende in Bernkastel, also auf dem rechten Moselufer gelegene Kran¬ 
kenhaus, welches von den Schwestern des Ordens der „Dienstmägde 
Christi“ geleitet wurde, war bei weitem zu klein, um den Anforde¬ 
rungen, die an dasselbe gestellt wurden, Rechnung zu tragen. Auch 
entspricht das Gebäude sowohl wie seine inneren Einrichtungen den 
neuzeitlichen Erfahrungen, die einem modernen Krankenbause zu¬ 
grunde gelegt werden müssen, nicht im entferntesten. Auf Tafel IV 
bis VIII siud die Grundrisse des Haupt- und Nebengebäudes und 
der Gebäudeansicht nach der Mosel zu abgebildet. 

In dem Hauptgebäude sind 30 Betten untergebracht, im Erd¬ 
geschoss befindet sich eine Station für Männer und im Obergeschoss 
eine Station für Frauen und Kinder. 

Das Krankenhaus ist nach dem Korridorsystem erbaut und 
gehört der Anzahl seiner Betten nach in die Klasse der kleinen 
Krankenhäuser. 


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Neben dem Hanpteingange, welcher durch den weiträumigen 
Hof des St. Nicolaushospitals Cues zu erreichen ist, befinden sich 
im Erdgeschoss ein Ansprach- und Pförtnerzimmer, ein Aufnahme¬ 
zimmer und ein Zimmer für den leitenden Arzt und ein Aufnahme¬ 
bad. Dieser Teil des Krankenhauses ist durch einen Glasabschluss 
von den Räumlichkeiten, die die Männerabteilung bilden, getrennt. 

Die Männerabteilung enthält drei Einzelkrankenzimmer, zwei 
Krankensäle mit je vier Betten und ein Krankenzimmer mit zwei 
Betten und die entsprechende Anzahl Aborte nebst Wasch- und 
Besenraum. An der Südseite ist eine Liegehalle vorgebaut. Die 
Fenster dieser Krankenzimmer liegen alle nach der Mosel zu, und 
hat man von dort aus eine geradezu entzückende Aussicht auf den 
Fluss und die denselben umrahmenden Berge. 

Anstossend an die am Haupteingange befindlichen Räume ist 
die geräumige Haupttreppe projektiert, welche einen elektrischen 
Personenaufzug umschliesst. Der drei Meter breite Flur der Männer¬ 
abteilung bildet in seiner ganzen Länge den Tagesaufenthalt für 
die nichtbettlägerigen Kranken. 

Nach der Nordseite hin ist dieser als Tageraum dienende Flur 
wiederum durch einen Glasabschluss von den weiter im Erdgeschoss 
befindlichen Räumen abgeschlossen. In diesem Teile des Gebäudes 
sind die Wirtschaftsräume untergebracht, bestehend in der geräu¬ 
migen Küche, einer Spülkücbe nebst Anrichteraum, einem Refekto¬ 
rium für die wartenden Schwestern nebst Arbeitszimmer für die¬ 
selben. Auch ist eine bequeme Nebentreppe, welche durch sämt¬ 
liche Geschosse des Gebäudes durchgeht, an dieser Stelle eingebaut. 
Das ganze Kellergeschoss, welches wiederum mit der Küche durch 
eine besondere Treppe verbunden ist, steht für Lagerung und Auf¬ 
bewahrung von Brennmaterial, Vorräten usw. zur Verfügung. 

Im Obergeschoss des Hauptgebäudes, und zwar Uber den im 
Erdgeschoss am Haupteingange befindlichen Räumen sind ein Arzt¬ 
zimmer für den Assistenzarzt und die Orthopädie nebst Ankleide- 
raum untergebracht. 

Dieser Teil des Obergeschosses ist gleichfalls durch Glas¬ 
abschluss analog den Anordnungen im Erdgeschoss getrennt. Die 
Frauenabteilung besitzt wiederum drei Einzelkrankenzimmer und 
zwei Säle mit je vier Betten. Der gleichfalls drei Meter breite Flur 
soll als Tageraum dienen. Im Süden des Gebäudes ist im Erd¬ 
geschoss eine Liegehalle angeordnet. Auch nach der Nordseite hin 
ist der Tageraum durch Glasabschluss von den dort befindlichen 
Räumen und dem Nebentreppenhause abgetrennt. 

Auch die Abteilung für Frauen besitzt genau wie im Erd¬ 
geschoss ein Badezimmer, die entsprechende Anzahl Klosetts mit 
Wasch- und Besenraum. 

Centralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXVIII. Jahrg. 24 


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Die übrigen an der Nordseite liegenden Räume sollen als Lein¬ 
wandkammer, Teekücbe und Spind Verwendung finden. Die Tee- 
kücbe ist durch einen Speiseaufzug mit der darunterliegenden Küche 
verbunden. 

Das Dachgeschoss des Hauses ist vollkommen ansgebaut und 
auch vermittelst des bei der Haupttreppe liegenden elektrischen 
Personenaufzuges zu erreichen. Gleich gegenüber dem Austritt der 
Haupttreppe sowie der Tür des Personenaufzuges liegen die beiden 
Operationssäle, der Hauptoperationssaal umgeben von einem Ver¬ 
bandraum, von dem Vorbereitungsraum und einem besonderen Bade¬ 
zimmer. 

Neben dem Hanptoperationssaale liegt der kleinere septische 
Operationsraum. 

Beide Säle liegen mit ihrer Front nach Norden zu und er¬ 
halten durch Vertikal- und Oberlichtfeuster ausschliesslich von Nor¬ 
den her ihre Beleuchtung. 

Zum eigentlichen Krankenhause gehörend sind in diesem Ge¬ 
bäudegeschoss noch ein Zimmer für Krätzekranke nebst einem be¬ 
sonderen Badezimmer, ein Isolierzimmer für Unruhige, ein Röntgen¬ 
zimmer nebst Dunkelkammer und verschiedene Aborte untergebracht. 

Durch einen Flurglasabschluss ist der übrige Teil des Dach¬ 
geschosses von den vorgenannten Räumen wiederum getrennt. 

In diesem abgetrennten Teile befindet sich die Klausur der 
Schwestern, bestehend in Schlafzimmer der Schwestern, einem be¬ 
sonderen Schlafraum für die Oberin und einem Fremdenschlafzimmer 
nebst einem Badezimmer und Abort. 

Ein dortselbst liegender übriger Raum ist als Schlafraum für 
die Dienstboten vorgesehen. 

Unmittelbar an der Nebentreppe ist die Betkapelle für die 
Schwestern eingebaut. 

Das Nebengebäude des Krankenhauses ist in direktem An¬ 
schluss an das Hauptgebäude projektiert, jedoch nur im Erdgeschoss, 
beziehungsweise im Kellergeschoss mit demselben verbunden. 

Im Erdgeschoss des Nebengebäudes hat eine geräumige Wasch¬ 
küche Platz gefunden, welche durch einen Verbindungsgang von der 
Küche aus direkt zu erreichen ist. 

Weiterhin sind in diesem Geschosse des Nebengebäudes ein 
Desinfektionsraum, ein Obduktionsraum und ein Leichenraum unter¬ 
gebracht, welche jedoch in keiner direkten Verbindung mit dem 
Hauptgebäude stehen. Der Desinfektionsraum ist nur von dem Hof¬ 
raum des Krankenhauses zu erreichen, während der Leichenraum 
nur ausschliesslich, möglichst verdeckt, an der hinteren Seite zu¬ 
gängig ist. 

Der übrige Teil dieses Gebäudes nimmt im Untergeschoss die 


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353 


Zentral-Niederdruck-Dampfheizungsanlage, welche die ganze Ge¬ 
bäudegruppe beheizt, nebst dem Warmwasserbereiter auf. Dann 
hat im Erdgeschoss eine elektrische Licht- und Kraftanlage nebst 
Akkumulatoren-Batterie Aufstellung gefunden. 

Das Obergeschoss des Nebengebäudes wird lediglich ausgefüllt 
von der Infektionsabteilung mit getrennten Eingängen und Treppen 
für Männer und Frauen. Jede der beiden Abteilungen besteht aus 
zwei Krankenzimmern mit je drei Betten, einem Baderaum, einer 
Teekttche, einem Abort. 

Nach Süden zu ist vor diesen Krankenzimmern eine grosse 
Liegehalle der ganzen Front des Gebäudes entlang vorgelagert. 

Auf einer direkt an das Gebäude anstossenden grossen Baum¬ 
wiese, welche dem St. Nicolaushospitale zugehörig ist, soll noch 
eine Baracke für Tuberkulosekranke errichtet werden, welche voll¬ 
kommen getrennt und mit einem besonderen Gehege umgeben wer¬ 
den soll, für 12 Betten nebst den erforderlichen Nebenräumen. 

Es sei nun noch einiges über die Art der Bauausführung und 
die Einrichtung und die Anlagen im allgemeinen gesagt. 

Das Gebäude ist in Backsteinen erbaut mit geputzten Aussen- 
flächen und ist durchaus solide, und bietet das Äussere bei aller 
Einfachheit doch geschmackvolle Formen. 

Das Innere des Krankenhauses ist einfach, jedoch durchaus 
solide ausgestattet und entspricht allen Anforderungen, die an ein 
modernes Krankenhaus mittleren und kleineren Umfanges gestellt 
werden können. 

Beheizt ist das Gebäude, wie schon erwähnt, durch eine Zen- 
tral-Niederdruck-Dampfheizung, welche ausschliesslich in sämtliche 
Räume hineingeleitet ist. 

Eine besondere elektrische Licht- und Kraftanlage versorgt 
das Gebäude mit Licht und dient zum Antriebe des Personeuauf- 
zuges, der Waschmaschinen usw. Desgleichen wird der Röntgen¬ 
apparat von hier aus bedient. 

Die Bereitung der Elektrizität geschieht durch einen Gleich¬ 
strommotor, welcher durch einen 14 P. S. Gasmotor der Gasmotoren¬ 
fabrik Deutz augetrieben wird. Zur Unterstützung des Motors und 
zur Reserve ist eine Akkumulatorenbatterie mit einer Kapazität 
von 216 Amperestunden der Aktiengesellschaft Berlin-Hagen auf¬ 
gestellt. 

Besonderer Wert ist auf die Ausführung der Kalt- und Warm- 
wasseranlage gelegt. 

In jedem Krankenraume, in den beiden Operationssälen, in 
den sämtlichen Aborten, in den Küchen, in den Wirtschaftsräuraen 
usw. sind zur Entnahme von warmem und kaltem Wasser Zapfstellen 
nebst Ausguss beziehungsweise Waschbecken vorgesehen. 


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Die Böden der Flure, Bäder, Küchen, Aborte und Operations¬ 
säle sind mit Steinfliesen belegt. 

Die sämtlichen Wände der Operationssäle, der Bäder, der Klo¬ 
setts, der Küchen sind in l 1 /* Meter Höhe mit weissen glasierten 
Fliesen ausgeschlagen. 

Die Bereitung des warmen Wassers wird von einer Zentral¬ 
stelle aus durch eine Boileranlage in geschlossenem System bewirkt. 

Als Notbeleuchtung ist in sämtlichen Fluren und in den Ope¬ 
rationssälen ausser der elektrischen Beleuchtung noch Gasbeleuchtung 
vorgesehen. 

Die sämtlichen Treppen sind in granulierten Kunststeinen er¬ 
stellt und äusserst bequem passierbar. 

Zur Klärung der Ab- und Schmutzwässer, welche in die Mosel 
bineingeleitet werden, ist vor dem Einfluss in dieselbe eine umfang¬ 
reiche Kläranlage nach biologischem Verfahren errichtet. 


Die Herstellung von kleineren Krankenhäusern für eine ge¬ 
ringe Zahl von Betten gehört zu den schwierigen Aufgaben dea 
Architekten, wenn er die Anforderungen erfüllen will, welche Ärzte. 
Hygieniker und auch die Baupolizei stellen. Trennung der Ge¬ 
schlechter, Kinderabteilungen, Absonderung ansteckender Krankheits¬ 
fälle, Tuberkulose Abteilung — die vielfachen Nebenräume, Opera¬ 
tionszimmer mit Nebenräumen, Badezimmer, Einrichtung für hydro- 
pathische Behandlung, Dunkelzimmer, Röntgenzimmer —, Unter¬ 
bringung des Pflege- und Dienstpersonals, Küche, Waschküche, 
Räume zum Aufbewahren von Nahrungsmitteln, von Wäsche, Ver¬ 
bandmaterial usw. Ferner müssen Einrichtungen für Desinfektion 
der Abwässer getroffen werden. Es ist daher von hohem Inter¬ 
esse, der Einrichtung solcher kleineren Krankenanstalten ein be¬ 
sonderes Augenmerk zuzuwenden, namentlich da Hygiene und 
Krankenpflege auf dem Lande dringend den Bau von Kranken¬ 
häusern für ländliche Bezirke verlangen. Die grossen Fortschritte 
der Chirurgie auch zur Behebung innerer Krankheiten begründen 
das Verlangen nach Krankenhäusern, da viele Operationen in den 
Wohnungen der Landbevölkerung mit sicherer Aussicht auf Er¬ 
folg kaum ausgeführt werden können. Die Ausrottung und Ein¬ 
schränkung von ansteckenden Krankheiten verlangen Krankenhäuser 
zur Absonderung dieser Kranken von den übrigen Insassen der 
Wohnung. Die Bekämpfung des Typhus auf dem Lande ist ohne 
Krankenhäuser und gute Wasserleitung nicht möglich. Somit ist es 
von grossem Interesse, die Beschreibung solcher und ähnlicher 
in ländlichen Gegenden erbauter Krankenhäuser bekannt zu machen. 
Diesem Wunsche entspricht die Beschreibung des von Herrn Archi¬ 
tekt Theodor Ross in Cöln erbauten Krankenhauses in Bernkastel- 
Cues. Die Redaktion. 


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Kleine Mitteilungen. 


Die 10. Jahresversammlung des Deutschen Vereins für Schul¬ 
gesundheitspflege am 1 . und 2 . Juni 1900 in Dessau. 

Ober das Thema: „Schutz der Augen in Schule und 
H a u 8“ sprach als medizinischer Referent Prof. Dr. B e s t - Dresden. Da 
das Wachstum des kindlichen Auges noch nicht abgeschlossen ist, 
vertrfigt das Auge während dieser Zeit nicht dieselbe Belastung 
wie das Auge des Erwachsenen. Die Reaktion des kindlichen 
Auges auf Überb(irdung ist in vielen Fällen Entwickelung einer 
Kurzsichtigkeit; und zwar ist die Kurzsichtigkeit die einzige Art 
krankhafter Veränderung, die während des Wachstums des Auges als 
Folge zu intensiver Augenarbeit zu fürchten ist; Schutz des wachsen¬ 
den Auges gegen Überbürdung ist also identisch mit Bekämpfung 
der Kurzsichtigkeit. Kurzsichtigkeit entsteht aber nicht ausnahms¬ 
los bei jedem, sondern je nach Disposition schon durch geringe 
oder erst durch intensive Naharbeit, oder selbst trotz letzterer 
nicht. Vollständig kann das Vorkommen der Kurzsichtigkeit auch 
durch Einschränkung der Nabarbeit nie beseitigt werden, da ein 
kleiner Teil der Kinder auf Grund ererbter Wachstumstendenz des 
Auges ohne Naharbeit schon in frühester Kindheit kurzsichtig 
wird. Der Kampf gegen die Kurzsichtigkeit muss also einsetzten 
gegen Naharbeit unter ungünstigen und unzweckmässigen Be¬ 
dingungen. Aber dies genügt nicht allein, es muss auch die 
Dauer der Naharbeit eingeschränkt werden. Dies kann geschehen 
ohne Verminderung des Lernstoffes durch entsprechend gestaltete 
Lernmethode und Beschränkung der Hauslektüre. Weiter ist eine 
gewisse Verminderung des Stoffes augenärztlich unbedingt zu for¬ 
dern. Ohne Schaden für die Bildung kann die Erlernung von vier 
Alphabeten fortfallen; Lateindruck und Schrift ist allein zweck¬ 
mässig. Die Anstellung besonderer Schulaugenärzte, soweit solche 
ansässig sind, ist zu erstreben. Der pädagogische Referent, Lehrer 
Hermann Graupner-Dresden, verlangte, dass die Fenster bis zur 
Decke geführt, die oberen Scheiben freigehalten und wöchentlich 
gereinigt werden, um auch für die innersten Schülerplätze genügend 
Tagesbeleuchtung zu sichern. Der Himmel soll auf jedem Platze 
mindestens 40 cm durch die obersten Scheiben sichtbar sein. Da 
das Schreiben am Anfang hohe Fixierarbeit erfordert, ist es aus 
der Elementarklasse nach und nach zu verschieben. Alles, was da- 


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bei die Augenarbeit erschwert, ist zu beseitigen, wie Schiefertafel, 
Doppellinie, Linienblatt, Netzlinien usw. Lateinisches und deutsches 
Alphabet sind beide aus denselben einfachsten Grundformen aut- 
zubauen, und durch Übernahme derselben Schriftzeichen in beiden 
immer mehr zu verschmelzen. Das elementare Lesen kann hygie¬ 
nischer gestaltet werden durch einen gründlichen phonetischen 
Vorkursus, bei dem zugleich durch Lautanalysen und Svntheseu 
das Lautbewusstsein im Kinde geweckt wird, und durch richtig 
abgemessene Lesemaschinen- und Fibelbuchstaben. Wenn man 
das Lesen mit Luteindruck beginnen würde, brauchten die Schüler 
statt 78 Zeichen nur 37 auf der Unterstufe zu merken. Bei der 
Erlernung der deutschen und fremder Sprachen ist durch ausge" 
dehnte mündliche Übung die schriftliche cinzuengcn. Die Be¬ 
schäftigung der Kinder mit Handarbeiten, Nadelarbeiten, Nahspielen,. 
Fröbelarbeiten usw. bedürfen sehr notwendig noch einer gründlichen 
hygienischen Durcharbeitung. Nach den Ausführungen des militä¬ 
rischen Referenten, Hauptmanns a.D.v. Ziegle r- Boxhagen-Rummels- 
bürg, entgehen dem Deutschen Reich jährlich lediglich wegen 
Augenfehler ca. 9000 Vaterlandsverteidiger. Der Referent betont, 
dass der Kurzsichtigkeit, die durch anhaltende Naharbeit erworben 
wird, durch methodische Fernblicksübungen vorgebeugt werden 
kann. Mit Rücksicht hierauf müsste in der Schule Gymnastik des 
Auges betrieben werden, und zwar auf dem Schulhof durch Fern- 
bJicksübungen, im Anschluss an die Jugend spiele, auf Spaziergängen 
Und Turnmärschen. 

2. „Die Verhütung und Bekämpfung der Lehrer¬ 
krankheiten“ mit besonderer Be rück sichtigungder Volks¬ 
schulen. Der medizinische Referent, San.-Rat Dr. Thiersch- 
Liipzig, fordert, da der Lehrberuf bei vorhandener Anlage Er¬ 
krankungen des Nervensystems und der Atmungsorgane begünstigt, 
zur Verhütung dieser Erkrankungen verschiedene Massnahmen, sa 
strenge ärztliche Auswahl beim Eintritt in die Vorbereitungsanstalten, 
methodische körperliche Abhärtung in jungen Jahren, sportliche 
Kräftigung des Körpers während der Ferienzeit, peinliche Sauber- 
lialtung der Unterrichtsräume, insbesondere Fernhaltung von Staub 
und verdorbener Luft, Einführung des ungeteilten Vormittags¬ 
unterrichtes. Die Lehrerinnen sind, wie es scheint, den genannten 
Schädlichkeiten in weit höherem Grade ausgeSetzt wie die Lehrer. 
Sie scheinen auch im übrigen infolge ihrer schwächeren Konsti¬ 
tution dem Lehrberuf weniger gewachsen. Die-bisher vorliegende 
Statistik stellt bei ihnen sowohl häufigere Erkrankungen wie auch 
längere Krankheitsdauer fest. Der erste pädagogische Referent, 
Rektor Endris-Rüdesheim, ermahnt die Lehrer selbst, sowohl in 
der Schule wie im Privatleben für die Pflege und den Schutz ihrer 


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Gesundheit besorgt zu sein. Zu dem Zweck solle er vernünftige 
Schulhygiene auch in seinem eigenen Interesse üben, haushälterisch mit 
den Mitteln der Stimme und Sprachorgane sein, und einen Ausgleich 
gegen die Schulluft und Schularbeit durch häufigen Aufenthalt im 
Freien suchen. An der Haltung eines gesunden Lehrstandes haben 
Schulbehörde und Schulunterhaltungspfliclitige ein grosses Interesse, 
damit die Lehrer und Lehrerinnen. um so länger und mit desto 
grösserem Erfolg zu wirken vermögen. 

Vom Standpunkte der Lehrerinnen behandelt Fräulein A. Dör- 
ries-Hannover das Thema. Nach ihr beruht die nicht zu bestrei¬ 
tende Tatsache, dass die Krankheitsziffer bei den Lehrerinnen im 
allgemeinen höher ist als bei den Lehrern, zum grössten Teil auf 
Ursachen, deren Abstellung möglich und notwendig ist. Vor allem 
muss der körperlichen Ausbildung der Mädchen während der Schul¬ 
end Seminarzeit grössere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Die 
Überbürdung der Seminaristinnen mit Arbeit, insbesondere mit 
Memorierstoff, muss aufhören. 

Im Anschluss an diesen Vortrag wurde folgende von Dr. Thie rsch 
aufgestelltc Resolution angenommen: Zur weiteren Klärung der 
Frage der Erkrankungen im Lehrberuf ist eine Statistik für die 
höheren und Volksschulen nach einheitlichen Grundsätzen aufzu¬ 
stellen, welche Lehrer und Lehrerinnen umfasst und folgende Punkte 
zu berücksichtigen hat: 

a) Anzahl der Erkrankungen, einschliesslich der 1—3 Tage 
dauernden, 

b) Zahl der Krankheitstage, 

c) Alter der erkrankten Lehrpersonen, 

d) Benennung der Krankheit womöglich nach ärztlichem 
Zeugnis. 

Mit der Jahresversammlung war die Sitzung der Vereinigung 
deutscher Schulärzte verbunden. Für diese war das Thema: 
„Einheitliche Organisation des schulärztlichen Dienstes' 1 
aufgestellt. Von den Referenten hierzu berücksichtigte der erste, 
San.-Rat. Dr. Fr. Cuntz-Wiesbaden, mehr die Einheitlichkeit der 
Dienstanweisung und legte die Grundsätze einer solchen dar. 
Referent verlangt: erstens eine genaue Feststellung der beim Ein¬ 
tritt in die Schule bereits vorhandenen Krankheiten (Aufnahmeunter¬ 
suchung — Erstuntersuchung), zweitens eine Überwachung des Ver¬ 
laufes dieser Krankheiten und drittens eine Feststellung und Über¬ 
wachung der im Laufe der Schulzeit neu auftretenden Krankheiten. 
Die Nachuntersuchungen ganzer Schulklassen sind in bestimmten Zeit¬ 
räumen in gleicher Weise vorzunehmen wie die Aufnahmeuntersuchung, 
und zwar empfiehlt sich eine derartige Nachuntersuchung sämtlicher 
Kinder am Ende des zweiten, spätestens im dritten und jedenfalls im 


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achten, letzten Schuljahr. Für alle Untersuchungen (Aufnahme- und 
Nachuntersuchung) ist ein Urteil über die allgemeine körperliche Ent¬ 
wickelung nach den Zensuren: gut, mittel und schlecht zu fordern. 
„Mittel“ sind alle Kinder, deren körperliche Gesamtentwickelung 
d. h. Grösse und Gewicht, Knochengerüst und Muskulatur, Fett¬ 
polster, Blutmenge, dem Alter des Kindes und dem Durchschnitts¬ 
niveau der betr. Schule, bzw. Bevölkerungsklasse entspricht, von 
denen anzunebmen ist, dass sie den Anforderungen der Schule 
körperlich gewachsen sind. Mit „gut“ sind zu bezeichnen alle 
Kinder, welche eine über diesen Durchschnitt hinaus gehende kräftige 
Gesamtentwiekelung zeigen, mit „schlecht“ alle Kinder, welche 
weit unter der Durchschnittsentwickelung zurückgeblieben sind, 
oder welche bei äusserlich scheinbar „mittlerer“ oder „guter“ Ge- 
samtentwickelung derartige Erkrankungen zeigen, dass sie entweder 
dauernder ärztlicher Überwachung oder aussergewöhnlicber Rück¬ 
sichtnahme bedürfen. Anschliessend an diesen Vortrag, wurde von 
der Versammlung folgende Resolution angenommen: 

Die Versammlung erklärt ihr Einverständnis mit den von 
Dr. Cuntz aufgestellten Grundsätzen; sie hält dieselben für geeignet, 
die Forderungen der Schulhygiene sowie der Schülerhygiene zu 
erfüllen, und empfiehlt im Interesse einer einheitlichen gleichmässigen 
Weiterarbeitung deren unveränderte Annahme und allgemeine Durch¬ 
führung. 

Der zweite Referent, Stadtarzt Dr. Oebbecke-Breslau, behan¬ 
delte die Einheitlichkeit der Dienstformulare und legte die in Betracht 
kommenden und bereits von einer Kommission durchberatenen 
Formulare vor. Er fordert, dass der gleichmässige Verkehr zwischen 
den bei der Schulhygiene beteiligten Faktoren (Schularzt, Eltern, 
bezw. behandelnder Arzt) durch möglichst bestimmt vereinbarte 
Verkehrsformulare geregelt werde, welche eine leichte statistische 
Zusammenfassung der Vorgänge ermöglichen. Zu dem Zweck 
müssen die gesundheitlichen Personalscheine der Schüler, die Klassen¬ 
listen, die Jahresberichte, Tabellen nach einheitlichen Grundsätzen 
hergestellt sein, um sie nach gemeinsamen, der Schulhygiene an¬ 
gepassten statistischen Grundsätzen bearbeiten zu können; hierbei 
sind zu trennen notwendige und wünschenswerte Formulare. Zu 
den ersteren gehören der „gesundheitliche Personalschein“ (Gesund¬ 
heitsschein) und die „Mitteilung an die Eltern“ mit Antwortabschnitt 
für den behandelnden Arzt. Wünschenswert sind die Klassenlisten 
für die Überwachungsschüler und Scbulinvaliden und eine Wägungs¬ 
und Messungsliste für die Klasse. Von den Tabellen des Jahres¬ 
berichtes sind die Tabellen über die Lernanfängcr, eine besondere 
pathologische Tabelle sämtlicher Überwachungsschüler und Schul- 
invaliden inkl. Lernanfänger und die Gewichts- und Messungstabeile 


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für notwendig zu bezeichnen. Erforderlich ist eine vereinbarte 
Klassifikation der Schülerkrankheiten (Krankheitseinheiten). 

Die Versammlung stimmte einer Resolution zu, dass bei der 
Klassifikation der Schülerkrankheiten zählbare Krankheitseinheiten 
zur Verwendung kommen sollen. Auf eine Festlegung einer Klassi¬ 
fikation wurde vorläufig noch verzichtet. 

Die Mitgliederversammlung des Deutschen Vereins für Schul¬ 
gesundheitspflege beschloss, für die Zukunft nur jedes zweite Jahr eine 
Versammlung abzuhalten. Die nächste soll 1911 in Dresden bei 
Gelegenheit der Internationalen Hygieneausstellung stattfinden. 

Selter (Bonn). 


Über den Alkoholgenuss der Schulkinder enthält der un¬ 
längst erschienene Medizinalbericht von Württemberg für 1907 
eine lehrreiche Erhebung, welche der Oberamtsarzt in Rottenburg 
im Einverständnis mit den Bezirksschulinspektoren beider Kon¬ 
fessionen in seinem Oberamt angestellt hat. Sie erstreckte sich 
auf 68 Schulklassen mit 4240 Schulkindern. Von diesen hatten 
4178 oder 98 °/ 0 schon Alkoholika genossen. „Most“ haben haupt¬ 
sächlich getrunken 85°/ 0 , Bier 15 °/ 0 . Täglich trinken ein geistiges 
Getränk nicht weniger als 3010 oder nahezu 8 / 4 der Kinder, und 
zwar trinken täglich */* Liter oder mehr 549 Kinder oder 12,9°/ 0 . 
Schon morgens vor Schulbeginn bekommen solche Getränke 
44 Kinder. Von 10 Schülern wurde 1 Liter und von einem sogar 
’l 1 /* Liter täglich getrunken (!j. Was den Branntweingenuss be¬ 
trifft, nach dem der umfiragende Arzt gar nicht fragte, im Glauben, 
ein derartiger Missbrauch wäre etwas Unerhörtes, schrieb ein Lehrer, 
von seinen 71 Schülern im Alter von 7—9 Jahren hätten 21 schon 
Schnaps getrunken; ein anderer: „Auf Befragen, wer schon Brannt¬ 
wein getrunken, streckten alle die Finger in die Höhe“; ein 
dritter: „In S. gibt es kein Kind zwischen 7 und 14 Jahren, das 
nicht schon längstens etwas Schnaps verkostet hätte“. Häufig tritt 
auch an Stelle des warmen Mittagessens kalte Kost mit Bier oder 
„Most“. Medizinalrat Scheef schliesst seinen Bericht mit fol¬ 
genden beherzigenswerten Ausführungen: „So haben die angestellten 
Nachforschungen, wenn sie auch keinen Anspruch auf Vollständig¬ 
keit und absolute Zuverlässigkeit machen können, uns manche 
unerwartete und unerfreuliche Aufklärung gebracht und grelle 
Streiflichter auf die verkehrten Sitten und die Gedankenlosigkeit 
unseres Volkes geworfen. In der Tat ist es vor allem Unerfahren¬ 
heit und Mangel an Denken bei den Eltern, was an dem un¬ 
sinnigen, fast allgemein verbreiteten Alkoholgenuss der Schulkinder 


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Schuld trägt. Die meisten Eltern sind blind gegen die Erkennung 
der grossen Gefahren und Schäden und taub gegen die von den 
Ärzten und Lehrern kommenden Warnungen.“ 


Literaturbericht. 


Delitsch, Inwieweit iBt Rachitis der Kinder durch Trunksucht ihrer 
Eltern begründet? (Zeitschr. f. Kinderforsehung, März 1908.) 

Delitsch hat au den Schülern der Plauener Hilfsschulen 
Untersuchungen über die von Fiebig angeregte Frage angestellt, 
ob und inwieweit die Rachitis eine Folge des elterlichen Alko¬ 
holismus sei. Bekanntlich hat Fiebig in seiner Schrift: „Rachitis 
als eine auf Alkoholisation und Produktionserschöpfung beruhende 
Entwicklungsanomalie der Bindesubstanzen“ einen ursächlichen Zu¬ 
sammenhang festgestellt. Delitsch konnte an seinem Material 
keine Bestätigung der Fiebig’schen Anschauungen nachweisen. 
Unter 550 Kindern hatten 233 zweifellos Rachitis überstanden. 
Von diesen stammten 25 von trunksüchtigen Vätern, 1 von einer 
trunksüchtigen Mutter, von 233 also nur 26, d. i. 11 °/ 0 - Von 317 
nicht rachitisch gewesenen Kindern hatten 17 einen Alkoholisten 
zum Vater, 2 eine trunksüchtige Mutter, 1 trunksüchtige Eltern, 
20 unter 317, also ungefähr 6°/ 0 . Unter diesen Umständen er¬ 
scheint dem Verfasser ein direkter ursächlicher Zusammenhang aus¬ 
geschlossen; die Differenz von 4°/ 0 erklärt sich leicht daraus, dass 
den Kindern trunksüchtiger Eltern gewöhnlich schlechtere Pflege, 
Ernährung usw. zuteil wird. Delitsch kommt daher zu dem Er¬ 
gebnisse, dass die Alkoholisation der Keime durch die Erzeuger 
bei der Entstehung der Rachitis höchstens eine sehr untergeordnete 
Rolle spielen kann. 

Bluhm, Familiärer Alkoholismus und Stillunfähigkeit. (Mcdiz. Reform 
1909, Nr. 1, p. 1-3.) 

Bekanntlich hat v. Bunge die Lehre aufgestellt, dass Alkoho¬ 
lismus der Eltern die Ursache der zunehmenden Stillunfähigkeit ist. 
Verf. hat diese Angaben an der Hand eines Materials von 39 Trinkern, 
zumeist Säufertöchtern, nachgeprüft, mit dem Ergebnis, dass 25 von 
diesen voll stillfähig im v. Bungeschen Sinne waren, d. h. ihre 
sämtlichen Kinder volle neun Monate und darüber ohne Bei¬ 
nahrung nähren konnten, 14 stillunfähig im Bungeschen Sinne 


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waren, d. h. entweder gar nicht oder weniger als volle nenn Monate 
nährten oder aber die ersten Kinder volle neun Monate, die späteren 
aber nicht mehr ganz so lange. Verf. hat ferner eine Reihe von 
Tierexperimenten angestellt, deren Ausfall gegen die v. Bunge- 
sche Theorie zu sprechen scheinen. Boas (Berlin). 

Hanauer, M&dchenschulreform und Frauengesundheit. (Beil. klin. 

Woch. 1909, Nr. 6.) 

Die veröffentlichten Grundzüge der Reform der preussischen 
Mädchenschulen haben die kühnsten Erwartungen der deutschen 
Frauenbewegung übertroffen. Viele unparteiische Beurteiler sind 
der Ansicht, dass die Reform noch nicht spruchreif, dass sie über¬ 
hastet ist, und zweifeln daran, ob die neuen Einrichtungen und 
Lehrpläne mit den Anforderungen der Hygiene im Einklang stehen. 
Es ist durch mehrere statistische Arbeiten erwiesen, dass üherall, 
in Stadt und Land, im In- und Ausland, in den niederen wie in 
den höheren Schulen die Schulmädchen gegenüber den Schulknaben 
eine höhere Sterblichkeit und eine höhere Kränklichkeit aufweisen 
und dass sie, wie sie an Grösse und Längenwachstum den Knaben 
nachstehen, also körperlich schwächMcher sind, so auch eine geringere 
Widerstandskraft gegen Krankheiten, namentlich auch gegenüber 
der Tuberkulose aufweisen. Darum ist es nicht angängig, von den 
Mädchen dieselben Leistungen zu verlangen wie von den Knaben. 
Dass dies aber in den neu zu bildenden Mädchengymnasien und 
-realgymnasien doch geschieht, abgesehen von der Einschränkung, 
dass die Mädchen erst mit dem 19. Lebensjahr die Abiturienten¬ 
prüfung ablegen dürfen, das ist das Bedenkliche an der Reform. 
Bisher wurde das Studium in den höheren Schulen nur von einer 
Auslese ergriffen; künttighin ist es aber für die grosse Masse leicht 
und bequem, dies zu tun. Und eben darin liegt die Gefahr, dass 
Schädigungen der Gesundheit eintreten. 

Es sollte darum ärztlicherseits verlangt werden, dass möglichst 
alle Kauteleu gegeben seien, um die Gesundheitsschädigung der 
weiblichen Jugend auf ein möglichst geringes Mass zurückzudämmen, 
damit nicht die Mädchen und Frauen auf der einen Seite an Gesund¬ 
heit einbüssen, was sie an Kenntnissen und geistiger Durchbildung 
gewinnen. 

Als Forderungen nach dieser Richtung stellt Verf. auf: 

1. Nachdrücklichstes Entgegentreten der Auffassung, dass der 
Besuch der Gymnasien und Studienanstalten für unsre Mädchen zur 
Modesache werde, seitens der Ärzte, Pädagogen und auch der 
besonnenen Frauen. 

2. Ärztliche Untersuchung der in die Studienanstalten ein¬ 
tretenden Mädchen auf körperliche Tauglichkeit. 


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3. Die Anstellung von Schulärzten zur dauernden Kontrolle des 
Gesundheitszustandes der Schülerinnen. 

4. Eine möglichst durchgreifende Hygiene des Unterrichts: 
Freibleiben des Nachmittagsunterrichts, Abschaffung des Abiturienten- 
examens, Unterricht in der Gesundheitspflege. 

5. Ausreichende Sorge für körperliche Übungen: tägliche 

Turnstunden und obligatorische Spielnachmittage, Schwimmunterricht 
und Spaziergänge. Mühlschlegel (Stuttgart). 

Mayer, Zum Frühaufstehen der Wöchnerinnen. (Münch, ined. Woch. 

1909, Nr. 6.) 

Verf. berichtet über die Erfahrungen, die von 300 Wöchne¬ 
rinnen in der Marburger Universitäts-Frauenklinik mit dem Früh¬ 
aufstehen, d. h. mit dem Aufstehen etwa vom 4. Tag ab, gemacht 
wurden. 

Das Abweichen von der üblichen 10 tägigen Bettruhe kann 
wohl augenblickliche Gefahren mit sich führen: es kann durch 
starke Abknickung des Uterus nach vorne eine Stauung des Lochial¬ 
abflusses entstehen; ferner können durch frühzeitige Körper¬ 
bewegungen Keime in noch nicht vollständig verklebte Risswunden 
eindringen und so Störungen des Allgemeinbefindens hervorrufen. 
Diese Gefahren scheinen aber nicht derartige zu sein, dass in ihnen 
eine Kontraindikation gegen das Frühaufstehen erblickt werden 
kann; denn sie sind auch bei lOtägiger Bettruhe nicht mit Sicher¬ 
heit auszuschliessen. Indessen hat das Frühaufstehen bestimmte 
Vorteile: das Allgemeinbefinden der Frauen, ihre Atmung, der Kreis¬ 
lauf, die Verdauung und vor allem die Ausübung des Stillgeschäftes 
waren sehr gut, jedenfalls besser als sonst. Die Erkrankungen der 
Wöchnerinnen betrugen nicht mehr 19,6 Proz., sondern nur noch 
4,4 Proz.; Thrombosen und Embolien fehlten ganz. 

In der Privatpraxis kann wohlhabenderen Frauen, falls sie es 
wollen, vom 3. Tag an aufzustehen gestattet werden. Der Frauen 
der arbeitenden Stände warten nach dem Aufstehen gleich so viele 
Pflichten, dassdie Gefahr einer Überanstrengung der durch Schwanger¬ 
schaft und Geburt gedehnten Weichteile ziemlich sicher ist. Wenn 
solche Frauen die bisher geübte Bettruhe einhalten, so leisten sie 
ihrer Familie sicher einen besseren Dienst, indem sie keinen dauern¬ 
den Schaden sieh zuziehen, als wenn sie einige Tage früher wie 
sonst ihre Hausarbeiten übernehmen. 

Jedenfalls sollte die Forderung einer mindestens mehrtägigen 
Bettruhe, statt der nur eintägigen, wie cs an manchen Orten der 
Fall ist, aus Rücksichten der Humanität beibehalten werden. 

Mühlschlegel (Stuttgart). 


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Grosskopf, Einfluss der Schwangerschaft, der Geburt und des 
Wochenbetts auf die oberen Luftwege. (Arch. f. Laryngol. 1909, 
Bd. 21, Heft 3.) 

Verf. bat an 50 Frauen 1. während der Schwangerschaft in 
bestimmten Zeiträumen, 2. gleich nach der Geburt und 3. während 
des Wochenbetts Nase, Rachen und Kehlkopf untersucht. Aus der 
Zusammenstellung der Befunde ergibt sich, dass diese drei Perioden 
ohne Zweifel einen Einfluss auf die oberen Luftwege haben; im 
besonderen, dass Veränderungen in den oberen Luftwegen während 
der Schwangerschaft einsetzen, im weiteren Verlauf derselben sich 
steigern, um im Wochenbette wieder zu verschwinden; auffallend 
erscheint auch die Tatsache, dass starke Blutungen in der Geburt 
sich durch anämische Zustände, schwere und langdauernde Geburten 
durch Blutaustritte in die Schleimhäute der oberen Luftwege 
bemerkbar machen. Ihrer Natur nach sind die Veränderungen 
jedenfalls entzündlich. 

Wenn wir nun berücksichtigen, dass die infolge der Schwanger¬ 
schaft entzündlich veränderte Schleimhaut des Kehlkopfes ihres 
eigenen natürlichen Schutzes gegen das Eindringen von Krankheits¬ 
erregern und somit auch von Tuberkelbazillen beraubt ist, so 
können wir uns wohl erklären, warum gerade die Schwangerschaft für 
Kehlkopftuberkulose prädisponiert. „Haben aber einmal Tuberkel¬ 
bazillen den günstigen Nährboden für ihre Ansiedelung gefunden, 
so darf es uns nicht wundemehmen, wenn sie sich in so schneller 
und bösartiger Weise weiterentwickeln bei der durch die Schwanger¬ 
schaft im allgemeinen hervorgerufenen völligen Alteration des Ge- 
samtorganisnms.“ Mühlschicgel (Stuttgart). 

Gedanken über die Sanierung der Breslauer Grundwassergewin¬ 
nungsanlagen. 

Direktor Dr. Lührig behandelt im Gesundheitsingenieur 1908, 
Seite 629 sowie 645 u. f. eingehend die bis jetzt gemachten Vor¬ 
schläge zur Wiederbenutzung des am 29. März 1906 infolge Auf¬ 
tretens von grossen Manganmengen zum grössten Teil ausser Be¬ 
trieb gesetzten Grundwasserwerkes der Stadt Breslau. 

Aus bis heute noch nicht völlig einwandfrei geklärten Grün¬ 
den vermehrte sich bekanntlich überraschend zunächst der bisher 
vorhandene, mittlere Eisengehalt auf das 8—10 fache und zeigte 
sich dieser gleichzeitig nicht wie gewöhnlich als Eisenoxydul, 
sondern als Eisensulfat; gleichzeitig traten bis zu 80 1mg Mangan- 
sulfat auf. Die Entfernung der Eisenverbindungen gelang auf dem 
gewöhnlichen Wege der Belüftung und Filterung, dagegen trotzte 
das Mangan allen diesbezüglichen Versuchen. 

Der qualitativen Veränderung des Wassers ging ein quanti- 


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tatives Versagen der Anlage voraus, da anscheinend die von ihrem, 
Schöpfer, Baurat Thiem, angenommene Bildung von Grundwasser 
aus natürlich filtriertem Oder- und Ohlewasser zu hoch an¬ 
genommen wurde. Um diesen Mangel zu beheben, sind die verschie¬ 
densten Vorschläge zu einer Anreicherung des vorhandenen Grund- 
wasserträgers gemacht worden. Als der am meisten Erfolg ver¬ 
sprechende ist wohl die Verlegung der Gewinnungsanlagen in die 
Nähe der Oder und Ohle anzusehen. 

Zur Entfernung des Mangans ist zunächst versucht worden, 
das verschlechterte Wasser energisch abzupumpen unter gleich¬ 
zeitiger Berieselung der Umgebung, um auf diesem Wege eine 
völlige Auslaugung der Manganverbindungen zu erzielen. Ein 
diesbezüglicher Erfolg liess sich jedoch nicht erzielen. 

Auch sind mehrfach gemachte Vorschläge, die auf eine Ent¬ 
fernung der Mangansalze im Boden selbst hinzielen, nach aller 
Erfahrung kaum ernst zu nehmen. 

Es kann vielmehr nur die Entmanganung des bereits ge¬ 
förderten Wassers in Erwägung gezogen werden. 

Die diesbezüglich vorgeschlagenen Verfahren sind: 

1. Abscheidung durch Elektrolyse oder ozonisierte Luft. 

2. Fällung durch organische Stoffe. 

3. Ausfällung mittels Permanganaten. 

4. Abscheidung des Mangans durch Bindung mit Sauerstoff in 
Form von hydratischen Oxydniederschlägen. 

5. Überführung des Mangans in unlösliche Silikatverbin¬ 
dungen. 

6. Verbindung der Verfahren unter 4 und 5. 

Zu 1. Von Versuchen, an deren Erfolg kaum zu zweifeln ist. 
wurde wegen ihrer Kostspieligkeit abgesehen. 

Zu 2. Das diesbezügliche Verfahren wird in Posen praktisch 
ausgeführt, indem stark eisenhaltiges Grundwasser oberer Schichten 
mit einem Huminstoffe führenden, braungefärbten Tiefenwasser 
einfach gemischt und dadurch ein klares, brauchbares Trinkwasser 
erzielt wird. 

Da derartiges Tiefenwasser in Breslau fehlt, ist diese zweite 
Lösung hinfällig. 

Zu 3. Bringt man Manganoxydulsalze mit Permanganatlösungen 
des Kaliums oder besser Calciums zusammen, so scheidet sich nach 
nachstehenden chemischen Gleichungen sämtliches Mangan als 
Superoxyd bzw. Superoxydhydrat ab: 

a) 2KMn0 4 +3MnS0 4 +2H 2 0 = K 2 S0 4 +2H 2 S0 4 +5Mn0 2 . 

b) Ca(Mn0 4 ) 2 +3MnS0 4 +2H s O = CaS0 4 +2H*S0 4 -f-5Mn0 2 . 

Das unlösliche MnO t lässt sich durch Filterung über Sand 

und Kies entfernen, der sich bildende Gips (CaS0 4 ) erhöht die 


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bleibende Härte des Wassers, die entstehende freie Schwefelsäure 
ist durch zugeführten kohlensaueren Kalk zu binden. 

Die bei letzterer Reaktion frei werdende Kohlensäure wird 
ihrerseits wieder Kalk binden und dadurch auch die temporäre 
Härte erhöhen. 

Diese Nachteile in Verbindung mit der Schwierigkeit einer 
richtigen Dosierung des Permanganats, der entstehende fade Ge¬ 
schmack des Wassers sowie die leicht eintretende Nebenreaktion 
einer Überführung des etwa vorhandenen Ferrosulfates in schwer 
zersetzliches, in das Leitungswasser übergehendes Ferrisulfat lassen 
die praktische Brauchbarkeit dieses Verfahrens bezweifeln. 

Zu 4. Die Fällung des Mangansulfates gelingt leicht durch 
Zusatz von Hydroxyden der Alkalien und Erdalkalien; beschleunigt 
wird der Prozess durch Einblasen von Luft. Als billigstes und 
bestes Fällungsmittel erweist sich der Ätzkalk in Form von sog. 
Kalkmilch oder gesättigtem Kalkwasser; letzteres ist vorzuziehen. 

Unerfreulich sind auch hier die auftretenden Nebenreaktionen, 
im besonderen die Bindung der den guten Geschmack des Wassers 
beeinflussenden freien Kohlensäure und der kaum zu vermeidende 
Überfluss an Ätzkalk. Letzteren kann man beseitigen einerseits 
durch Eiuleiten von freier Kohlensäure behufs direkter Bindung, 
andererseits durch Zusatz von Aluminiumsulfat oder Eisenchlorid. 
Als notwendig erweist sich hierbei, vor die Filter Sedimentier- 
becken zu schalten, um die Gebrauchsdauer der ersteren zu ver¬ 
längern. 

Zu5. Die mehrfach seitens einzelner Fabrikanten vorgeschlagenen 
Verfahren gründen sich auf die Eigenschaft künstlich hergestellter 
oder in der Natur vorkommender Ca 1 ciu raalum in ium Silikate — 
sog. Zeolithe —, die in ihnen enthaltenen Basen alkalischer Erden 
und solche von Alkalien gegen das im Wasser gelöste Mangansulfat 
auszutauschen, und erfolgen durch einfache Filterung des Wassers 
durch solches Material. 

Die diesbezüglichen praktischen Versuche sind noch nicht ab¬ 
geschlossen; jedoch steht fest, dass sich ein von Mangan freies und 
geschmacklich einwandfreies Filtrat auf diesem Wege gewinnen lässt. 

Zu 6. Die Hintereinanderschaltung der Verfahren 4 und 5 
erfolgt derart, dass zunächst das Mangansulfat durch einen ge¬ 
ringen Überschuss von Kalkwasser bei Luftzutritt zur Abscheidung 
und in einem Klärbecken zur Sedimentation gebracht wird; das 
erzielte, noch schwach alkalische Wasser wird alsdann durch eine 
ca. 75 cm starke Schicht von natürlichem zeolithischen Gestein 
('Porphyrtuff) filtriert. 

Zusammenfassend ist zu bemerken, dass berechtigte Hoffnung 
besteht, dem bis jetzt einzig dastehenden Breslauer Naturereignis mit 


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unseren neuzeitlichen Hilfsmitteln der wissenschaftlichen Erkenntnis 
mit Erfolg und wirtschaftlich zulässigen Mitteln zu begegnen. 

W ahl. 

Reinigung des Trinkwassers von Mangan durch Aluminatsilikate. 

Das am 29. März 1906 bei der einige Jahre vorher neu er¬ 
bauten Breslauer Grundwasserversorgungsanlage ganz unerwartet er¬ 
folgte Auftreten von grossen Mengen Mangan, über dessen Ursache 
Hydrologen, Geologen, Chemiker und Hygieniker z. Z. noch nicht 
zu einem übereinstimmenden Urteil gekommen sind, hat mehrfach 
zu Vorschlägen für die Entfernung des Mangans aus dem dortigen 
Leitungswasser geführt; meines Wissens sind dieselben jedoch 
noch nicht auf Grund der Laboratoriumsversuche in den praktischen 
Grossbetrieb übertragen worden. — Diesem zu erstrebenden End¬ 
ziele mit anscheinend grosser Wahrscheinlichkeit wesentlich näher 
gekommen sind die in dem Hygienischen Institute zu Hamburg 
eingehend geprüften (s. Gesundh.-Ing. Nr. 34, 1908) Vorschläge 
der Firma J. D. Riedel-Berlin, die unter dem Namen „Permutit“ 
ein künstliches Aluminatsilikat (die Analyse einer Durchschnitts¬ 
probe ergab im 1: 89,5 mg Glühverlust, 496 mg SiO„ 215 mg A1 8 0 8 , 
97,5 mg CaO, 5 mg Fe 8 O s und 0,9 mg Mn 8 0 4 ) als Filtermaterial zur 
Entmanganung anwendet. 

Die oben angeführten Hamburger Versuche ergaben, dass ein 
Filter von 15 cm Stärke und 100 qm Oberfläche in 24 Stunden 
960 cbm von Mangan praktisch freies Filtrat liefert; die Gebrauchs¬ 
fähigkeit eines Filters für vorstehende Tagesmenge von 960 cbm 
beträgt bei einem Gehalt von 1 1mg Mn 8 0 4 rd. 14 Tage. Die 
Kosten der Filterung von 1 cbm Wasser stellen sich unter diesen 
Annahmen bei einem Preise von 2 M. für das kg Permutit auf 
0,17 Pf. ohne Amortisations- und Regenerationskosten der Masse. 

Die Regeneration des Permutit ist durch mehr oder weniger 
häufiges Auswaschen mit tunlichst konzentrierten Kochsalzlösungen 
bei möglichst schneller Filtration leicht zu bewirken. 

In jedem beabsichtigten Falle der Anwendung des neuen Ent- 
raanganungverfahrens empfiehlt es sich jedoch, erst einen Versuch 
durchzuführen, da wie bei der Enteisenung ohne diesen leicht 
Misserfolge eintreten können. Wahl. 

Über Schwankungen der Grundwasserstäjade und der Quellen¬ 
ausflüsse 

bringt in Nr. 32 und 33 des Gesundheits-Ingenieur 1908 der 
Hydrologe Mezger in Metz eine durch zahlreiches Beobachtungs- 
Material gestützte Abhandlung, in der er in Übereinstimmung mit 
Volger, Haeder u. a. den Nachweis zu führen sucht, dass das 


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Grundwasser nicht ausschliesslich von den atmosphäri¬ 
schen Niederschlägen herrühren kann, sondern auch 
teils auf die Kondensation von in den Boden einströmen¬ 
dem Wasserdampf, teils auf die Überführung von 
latenter Bodenfeuchtigkeit in wirkliche Bodenfeuchtig¬ 
keit zurückzuführen ist. 

Das Beweismaterial stützt sich einerseits auf längere Be¬ 
obachtungen der aus dem Kalk-Hochplateau des Schlachtfeldes von 
Gravelotte-St. Privat gespeisten Quellen des Mouveauxtales, die 
Wasserhaltungsergebnisse einer im gleichen Niederschlagsgebieie 
gelegenen Eisenerzgrube und das alluviale Grundwassergebiet des 
Moseltales bei Metz; andererseits ist das aus den meteorologisch 
interessanten Jahren 1879/80/81 gewonnene umfangreiche Material 
der Münchener meteorologischen und hygienischen Institute zur 
Beweisführung herangezogen. 

Das auf Grund der letzteren festgestellte wesentliche Miss¬ 
verhältnis zwischen Steigen der Grundwasserspiegel und Regen¬ 
höhe in bestimmten, vergleichbaren Zeitabschnitten veranlasst den 
Verfasser zu dem Schluss, dass ein erheblicher Bruchteil der Grund¬ 
wasserzunahme auf Rechnung der latenten Bodenfeuchtigkeit zu 
setzen ist; dies trifft jedoch nur unter der Bedingung zu, dass die der 
diesbezüglichen Rechnung zugrunde gelegten Grundwasserstände im 
Hofe des von der Isar ca. 1,5 km entfernten hygienischen Institutes 
nicht durch das bekanntlich hohe und rasche Anschwellen der 
letzteren beeinflusst sind. 

Die relativ geringe Entfernung zwischen Fluss undBeobachtungs- 
punkt sowie die aus anderen Ausführungen des Artikels abzu¬ 
leitende grosse Durchlassfähigkeit des Münchener Untergrundes 
lassen an dieser angenommenen gegenseitigen Unabhängigkeit mit 
Recht zweifeln, und die sonst klare Berechnung des durch Luft¬ 
feuchtigkeit entstandenen Grundwasseranteils ist unter dieser Vor¬ 
bedingung nicht völlig einwandfrei. 

Vorstehende Beobachtungen, diejenigen der Metzer Umgebung 
sowie solche in anderen Orten seitens anderer Forscher lassen jedoch 
erkennen, dass den angezogenen Hypothesen eine gewisse Be¬ 
rechtigung zukommt. Im besondern erscheint es einleuchtend, dass 
bei Übergang von feuchtwarmer Luft in kalten Boden — ein Zu¬ 
stand wie er bei Tauwetter und südöstlich bis südwestlicher Wind¬ 
richtung vielfach eintritt — eine lebhafte Kondensation der dem 
Taupunkt nahen Luftfeuchtigkeit und damit die Bildung von Grund¬ 
wasser auch ohne ausgesprochene Niederschläge erfolgt. 

Wahl. 


Centralblatt f. allg. Gesundheit»prieme. XXVIII. Jahrg. 25 


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Selter, Zur Hygiene der Hallenschwimmbäder. (Hvg. Rundschau 
XVIII (1908) Nr. 23, S. 1381—1388.) 

Ein Arzt hatte einen von ihm bei mehreren Mitgliedern eines 
Schwimmvereins konstatierten Hautausschlag auf Benutzung des 
Schwimmbassins zuriickführen zu müssen geglaubt. Ein auf Grund 
dieser Bemerkung von seiten der Stadt Bonn vom Hygienischen 
Universitätsinstitut Bonn eingefordertes Gutachten gab Priv.-Doz. 
Dr. Selter den Anlass, zu untersuchen, „ob man durch systematisch 
durchgeführte Keimzählungen des Schwimmbassinwassers Grund¬ 
sätze für einen hygienisch einwandfreien Betrieb eines Schwimm¬ 
bassins gewinnen könnte.“ 

Bezüglich der Ansteckungsgefahr betont Selter mit Recht, 
dass dieselbe in einem gutgeleiteten Schwimmbade nicht grösser 
ist wie überall da, wo viele Menschen Zusammenkommen, und 
hält es für ein Unrecht, „dem Publikum Furcht vor den Schwimm¬ 
bädern mit Rücksicht auf ansteckende Krankheiten einzuflössen.“ 
Er selbst werde sich den Genuss eines solchen nicht durch theo¬ 
retische Erwägungen rauben lassen. 

Für die Übertragungsmöglichkeit kämen in Betracht zumeist 
die nicht fieberhaften Hautausschläge, weiter Gonorrhöe und 
Darmkrankheiten, Cholera, Dysenterie und Typhus. Bei letzterem 
6ei vor allem den gesunden Bazillenträgern, vor allem solchen, die 
die Bazillen mit dem Urin ausscheiden, eine gewisse Bedeutung bei¬ 
zumessen. Gerade aus Rücksicht hierauf unterstützt er die Las¬ 
sarsche Forderung, die Badenden darauf aufmerksam zu machen, 
dass sie vor Betreten des Schwimmbassins ihren physiologischen 
Bedürfnissen genügen, weil durch ein warmes Bad die Nieren¬ 
sekretion gesteigert wird. 

Das zu den Versuchen benutzte Herrenschwimmbassin des 
Bonner Viktoriabades hat bei 21,15 m Länge und 10,78 m Breite 
420 cbm Wasserinhalt. Das Bassin hat eine freilich mehr der 
Wärmeregulierung und ästhetischen Zwecken dienende Umwälze- 
vorrichtung und wurde zur Zeit der Versuche mit Leitungswasser, 
jetzt aus eigenem Brunnen, gespeist. Die Füllung erfolgt nachts 
nach gründlicher Reinigung. 

Im ganzen berichtet Selter über sechs Versuche unter 
Belegung mit Protokollen, deren Resultate übersichtlich in einer 
Kurventafel wiedergegeben sind. Danach zeigte sich am 1. Tage 
eine bedeutende Vermehrung der Bakterien, mit der Zahl der 
Badenden (allerdings nicht prozentual) zunehmend. Am 1. Tage 
und während längerer Ruhepausen (nachts und Sonntag nachmit¬ 
tag) steigt die Keimzahl stark an, bleibt aber während der Bade¬ 
zeit in den folgenden Tagen ungefähr auf gleicher Höhe, ja nimmt 
noch oft ab. Im Volksbad steigt sie allerdings auch hier noch an, 


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wohl weil hier in kurzer Zeit sehr viele Personen baden. Die Zu¬ 
nahme der Keime am 1. Tage führt Verf. auf Keimabgabe von 
der Haut der Badenden zurück, das spätere Ausbleiben einer 
weiteren Vermehrung am 2. und 3. Tage auf partielle Vernichtung 
der Keime durch Umwälzung und Lüftung des Badewassers. Bei 
Versuchen von künstlicher Lüftung des Badewassers durch Ein¬ 
pumpen von Luft erhielt Selter jedoch widersprechende Resultate. 

Durch Anreicherung konnte Selter feststellen, dass auch Koli- 
bazillen (also Darmbakterien) von den Badenden in das Wasser 
gelangen, dort sich über Nacht lebensfähig halten und sich sogar 
anscheinend vermehren. 

In einem Wannenbad fand er vor Benutzung 24 (kein Koli), 
nach Benutzung durch einen Heizer, welcher sich vorher drei Minuten 
ohne Seife abgeduscht hatte, 1900 Keime (40 Koli) in 1 ccm. Die 
Haut gibt also grosse Keimmengen auch nach Duschen an das 
Wasser ab. Das würde nach gehörigem Abseifen in viel geringerem 
Masse der Fall sein. Leider habe er immer wieder konstatieren 
können, dass die Mehrzahl der Badegäste nur abgeduscht, nicht 
abgeseift ins Bassin geht. Abhilfe wäre nur durch freie Benutzung 
von Seife im Duscheraum oder freie Lieferung mit dem Billett 
gegeben. 

Bei chemischen Untersuchungen fand Selter nach starker 
Benutzung Ansteigen der organischen Substanz, zuweilen auch des 
Chlorgehalts. Die chemische Untersuchung ergab aber im all¬ 
gemeinen keinen Aufschluss über die Verunreinigung des Bade¬ 
wassers. Für das Auge wurde das Wasser bereits am Abend des 
1. Tages leicht trüb, die Trübung nahm am 2. und 3. Tage immer 
mehr zu, so dass am Abend des 3. Tages der Grund des Bassins 
in der Mitte nicht mehr sichtbar war. 

Mit Recht fordert Selter eine möglichst häufige Füllung des 
Schwimmbassins mit möglichst keimarmem Wasser aus ästhetischen 
wie hygienischen Gründen, zumal erfahrungsgemäss mit der Häufig¬ 
keit des Wasserersatzes die Badefrequenz steigen soll. Tägliches 
Ablassen und tägliche Neufüllung unter ständigem Zulauf frischen 
Wassers ist natürlich am idealsten, aber nur bei grossen Bade¬ 
anstalten mit starker Frequenz möglich. Für kleinere Städte hält 
Selter eine solche Forderung für zu weitgehend. 

Für die Stadt Bonn hat das Hygienische Institut folgende 
Regelung vorgeschlagen: 

Im allgemeinen soll das Wasser nicht über zwei Tage im 
Bassin stehen bleiben. Bei einer Frequenz von über 400 ist das 
Wasser täglich abzulassen und das Bassin neu zu füllen. Auch ohne 
diese Frequenz sind im Sommer vier Füllungen vorzunehmen in 
den Nächten Samstag-Sonntag, Montag-Dienstag, Mittwoch-Donners- 


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tag und Freitag-Samstag (Mittwoeh und Samstag 6 1 /*—8’/* Uhr ist 
Volksbad), während im Winter bei geringer Frequenz drei Fül¬ 
lungen genügen würden. 

Nach diesen Grundsätzen wird jetzt in Bonn verfahren. Klagen 
sind nicht laut geworden. Selter empfiehlt daher auch für andere 
Schwimmbäder eine ähnliche Regelung. Die Grenzzahl der Frequenz 
für den Wasserwechsel (400) müsste entsprechend dem Kubikinhalt 
des Schwimmbassins geändert werden. Czaplewski (Cöln). 

Normalien für den Bau und die Einrichtung von Absonderungs- 
häusern und Desinfektionsanstalten. (Herausgegeben vom Eid¬ 
genössischen Departement des Innern.) 

Die Schweizerische Eidgenossenschaft gibt gemäss bundes¬ 
gesetzlichen Bestimmungen namhafte Beiträge an den Bau, die Ein¬ 
richtung und den Betrieb von Absonderungshäusern und Des¬ 
infektionsanstalten, knüpft diese Leistungen aber an bestimmte, 
sichernde Bedingungen, die in den obengenannten Normalien ent¬ 
halten sind. 

Folgende Betrachtung ist grundlegend: 

Jede Epidemie ist im Anfang klein, oft für Tage, oft für 
Wochen. Die plötzlichen grossen Ausbrüche entstehen in der Regel 
aus kleinen verheimlichten Anfängen. Diese Anfänge kann man 
bekämpfen, in den meisten Fällen besiegen. Hat m^in das ver¬ 
säumt, und hat die Epidemie einen grösseren Umfang angenommen, 
so handelt es sich nur um Erleichterung und Unterstützung der 
Not; jetzt leisten die verzweifeltsten Anstrengungen viel wertiger, 
als im Anfang eine kleine wohlfeile, aber planmässige Arbeit ge¬ 
leistet hätte. 

Es kommt deshalb darauf an, möglichst viele gutbestellte, 
wenn auch kleine Absonderungshäuser zu haben. Ihre Grösse soll 
im richtigen Verhältnis zur Bevölkerung stehen. Städtische Ge¬ 
meinden müssen entsprechend mehr Betten bereithalten als länd¬ 
liche. Sie sollen vorsorglich mit Müsse und Umsicht gebaut und 
eingerichtet werden, damit sie in Bedarfsfällen sofort verfüg